Swisscom Rekord!

15. April 2012 um 18:28 Uhr von ur

47 Minuten dauerte „soeben“ die Einwahlzeit des Routers Centro Grande ins Swisscom-Bluewin-Internet. Wir lieben diese Bande, die einem den Zaster förmlich und also ohne Möglichkeit der Gegenwehr aus der Nase reisst – und über das Ganze doch nur sagt, man solle es nicht zu ernst nehmen, es sei wie alles für uns ein lustiges Spiel.

Der Centro Grande (Pirelli) muss bei jedem Gang ins Internet neu gestartet werden und lässt sich nicht tagelang in Betrieb halten, weil er wie ein Gerät aus den Anfangszeiten der Elektronik gebaut ist und via die unvermeidbare Staubansammlung eine giftige Strahlung absondert, als würde Kim Jong-un persönlich mit einer Franz-Carl-Weber-Pistole vor einem aufgestellt stehen, feierlich zielend mit einer Neutronenknarre. Zum DRS2 Hören! (Ich verzieh mich auf Ö1, und siehe da, zwar nicht meine ästhetischen Ideale, aber noch nie in solcher Qualität gehört: George Enescu: Symphonie de chambre, op. 33, Sergej Rachmaninow, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll, op. 18, Zugaben des Solisten: S. Rachmaninow: Prélude gis-Moll, op. 32/12 und Edvard Grieg: Ases Tod aus „Peer Gynt“, dann Nikolaj Rimskij-Korsakow: Scheherazade, Symphonische Suite, op. 35, Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Dirigent: Antonio Pappano; Denis Matsuev, Klavier, live vom 22. September 2011 in Bukarest.)

Die Abstrahlung des Centro Grande betrifft nicht das, was unter Elektrosmog diskutiert wird, denn auf diese Phänomene reagiere ich nicht. Wenn er peinlich genau gesäubert ist, verspüre ich auch bei diesem Gerät nichts. Nach einer gewissen Zeit, die nur wenige Minuten zu verstreichen braucht aber auch schon mal Tage vergehen kann, beginnt meistens im Kopf eine Art Grillade der Haut und Äderchen, die bald übergeht in ein Stechen wie von einem Haufen langer, dünner Nadeln wie sie Dali nicht besser an Kolosse hätte anheften können. Meistens betrifft der Schmerz Knochenpartien wie Stirne, Wangenknochen, Gebiss, Schultern, Ellenbogen und Arme. Unerträglich wird er an Stellen mit Weichteilen, am Hals und in der mittleren Bauchgegend. Seit über zehn Jahren hatte ich kein Gerät im Haushalt mehr, das auf diese schmerzhafte Weise zu spüren war; die letzten waren immer Teile von Computern, also Bildschirme oder Festplatten. Am schlimmsten im öffentlichen Raum ist der sogenannte Lötschberger, eine Zugskomposition der BLS, deren Bildschirme anfänglich wie eine riesige Strahlendusche wirkten, heute eher nur noch dann, wenn ich direkt unter einem einzelnen Apparat zu sitzen komme. Dass diese Geräte im Zug immer noch zu wenig geerdet wären, dünkt mich eine Möglichkeit der Ursache zu sein – der Centro Grande hingegen weist einen normalen und also erdenden Dreipolstromstecker auf

Fladiraasch 90

15. April 2012 um 14:32 Uhr von ur

Vor zehn Jahren aufgenommen, morgen 90 Jahre alt – und immer noch in den Elementen: Vladi Raz. Die frisch geknippsten Bilder der alten Plätze sind ausgedruckt und als Geschenkli eingepackt, und der Dôle steht parat für den Transport und den gemeinsamen Genuss.

http://www.ueliraz.ch/vladiraz/index.htm

http://www.youtube.com/user/vladiraz (nächstens feiern wir den 4-millionensten Videoaufruf…!!!)

Zusatz: Einige Helden auf YouTube scheinen immer noch nicht begreifen zu wollen, wozu der Platz für die Kommentare gut sein soll. Herausgelöst aus dem Kontext der Videos, nicht aber abgelöst von den Namen der UrheberInnen, präsentieren die teils biederen, teils giftigen Voten in einem neuen diskursiven Gesamtzusammenhang ein veritables Sittenbild der deutschschweizerischen Internetkultur am Anfang des 21. Jahrhunderts. Nachträgliches Löschen oder Editieren macht im übrigen die Sache nicht besser, weil die e-Mails der Einzelnen, die YouTube jedesmal zustellt, längstens im geduldigen Archiv ruhen.

Zusatz 16. April 2012 abends: Nicht ohne Stolz zeigte mir der Vater, wie auch einer meiner alten Schulkollegen ihm gratulierte, der Präsident der Gemeinde, mit einem oder zwei Kommafehlern, und auch seine einstigen Mithaudegen an der Luzerner Fasnacht haben ihn nicht vergessen, die Rätzpläuschler, von denen ich wegen des Namens vor fünfzig Jahren immer meinte, sie seien eine Art Organisationskomitee für pläuschlerische Wochenende – insebesondere an einem verregneten bei Sarnen ass ich grillierte Poulets so gut und in einer so immensen Menge wie das ganze folgende Leben nicht mehr.

Down Town!

9. April 2012 um 19:08 Uhr von ur

Soeben live direkt auf France Musique Petula Clark in einem Gespräch.

Petula Clark nimmt im Werk von Arno Schmidt dieselbe Stellung ein wie Franz Liszt bei James Joyce. Was für eine Überraschung, sie einfach so heute sprechen zu hören, und ein neuer Hit wurde auch gespielt – nicht aber Down Town …

Liszt’s rhapsodies. Hissss.

5. April 2012 um 6:20 Uhr von ur

Gestern Abend live direkt auf France Musique de l’Auditorium du Louvre : Au fil de Liszt, Giovanni Bellucci, Piano.

Franz Liszt, Rapsodies hongroises, 3, 8, 12, 5, 15, 13, 1, 16, 17, 18, 19, 2.

Ich versuchte, der Musik mit den Ohren des James Joyces zu folgen. Wenn man den Kopf richtig dreht keine schlechte Sache, ja eine Musik, die einem viel Freude bereitet, auch wenn es mal Fehler hageln sollte.

Trotzdem dachte ich die ganze Zeit an Joyce selbst und an die Sirenenpassage, wie sie von Cathy Berberian auf einer meiner ersten Platte gesungen wurde (von Lucanio Berio dirigiert etc.), so eben, wie es immer nur auf ersten Platten getan wird, dass man sie das ganze Leben im Ohr hat. Und tönt die Stelle nicht so, dass sie wie ein Lehrstück auch für Captain Beefheart gehalten werden kann, als ob aus ihrem Rhythmus nicht viele Stücke von ihm selbst abgeleitet werden könnten? Die Worte sind in mir nie verloren gegangen:

BRONZE by gold heard the hoofirons, steelyringing Imperthnthn thnthnthn.
Chips, picking chips off rocky thumbnail, chips.
Horrid! And gold flushed more.
A husky fifenote blew.
Blew. Blue bloom is on the
Gold pinnacled hair.
A jumping rose on satiny breasts of satin, rose of Castille.
Trilling, trilling: Idolores.
Peep! Who’s in the … peepofgold?
Tink cried to bronze in pity.
And a call, pure, long and throbbing. Longindying call.
Decoy. Soft word. But look! The bright stars fade. O rose! Notes chirruping answer. Castille. The morn is breaking.
Jingle jingle jaunted jingling.
Coin rang. Clock clacked.
Avowal. Sonnez. I could. Rebound of garter. Not leave thee. Smack. La cloche! Thigh smack. Avowal. Warm. Sweetheart, goodbye!
Jingle. Bloo.
Boomed crashing chords. When love absorbs. War! War! The tympanum.
A sail! A veil awave upon the waves.
Lost. Throstle fluted. All is lost now.
Horn. Hawhorn.
When first he saw. Alas!
Full tup. Full throb.
Warbling. Ah, lure! Alluring.
Martha! Come!
Clapclop. Clipclap. Clappyclap.
Goodgod henev erheard inall.
Deaf bald Pat brought pad knife took up.
A moonlight nightcall: far: far.
I feel so sad. P. S. So lonely blooming.
Listen!
The spiked and winding cold seahorn. Have you the? Each and for other plash and silent roar.
Pearls: when she. Liszt’s rhapsodies. Hissss.

(Ulysses 254 f, dt. 355)

PDFCreator 1.3.2 und PDFArchitect 0.5.2.450

4. April 2012 um 9:59 Uhr von ur

Acrobat 6 lässt sich bekanntlich auf Win7 nicht installieren (ausser man getraut sich, den Computer mit dem zusätzlichen XP Mode zu belasten). Als OpenSource-Alternative bietet sich der PDFCreator an, der sich bis in die letzten Winkel des Komprimierens optimal konfigurieren lässt.

Zum Creator gehört der Architect, der bereits bestehende PDF-Dateien zusammenführen soll. Hier gibt es allerdings zwei kleinere, voneinander unabhängige Probleme. Werden PDF-Dateien zusammengeführt, die früher einmal vom Acrobat hergestellt worden waren, entsteht eine Datei in doppelter Grösse als erwartet, auch dann, wenn der PDF-Creator als Standard-Drucker eingestellt worden ist. Erstellt man die alten PDF-Dateien einzeln neu mit dem PDFCreator und fügt dieselben nun mit dem PDFArchitect zusammen, bleibt zwar die Dateigrösse im Rahmen des Gewünschten – doch sind in dieser neuen PDF-Datei alle Bilder, die ursprünglich im GIF-Format standen, in falsche Farben transformiert worden, obwohl sie in der Word-Datei eingebettet waren und in der Einzelabspeicherung als PDF unbeschadet blieben. Dieser Architect-Fehler scheint mir ziemlich kurios.

Das gute Resultat wird erst dann erreicht, wenn die quasiursprünglichen Word-Dateien, die noch ursprünglicher einmal blosse txt-Notizen waren, zu einer einzigen, bei mir fast 400-seitigen Word-Datei zusammengefasst werden und dann diese mit dem Creator in ein PDF umgewandelt wird.

Jérôme Combier, Terre et cendres

3. April 2012 um 4:19 Uhr von ur

Gestern Abend live auf France Musique concert enregistré le 10 mars au Théâtre de la Croix-Rousse à Lyon: Jérôme Combier (né en 1971), Terre et cendres, opéra sur un livret d’Atiq Rahimi. Julian Négulesco (rôle parlé), le conteur/Mirza Qadir, Hamid Javdan (rôle parlé), Dastaguir, Adrien Chavy, soprano (enfant de la Maîtrise de l’Opéra), Yassin. Ensemble choral et instrumental de l’Opéra de Lyon Philippe Forget, direction, Yoshi Oida, mise en scène.

Eine dünn gehaltene Illustrationsmusik ohne weitere Interventionen zu einem gesprochenen Kammerstück, das selbst eine Beispielsillustration zu den Kriegen in Afghanistan darstellt. Die intellektuelle und emotionale Berührung hält sich in engen Grenzen.

Davor eine Stunde lang auf Bayern 4 Wolfgang Rihm: „Deus Passus“, Passions-Stücke nach Lukas. Ich hörte weniger die Auseinandersetzung mit Bach als eine überflüssige Neuinszenierung christlicher Feierlichkeiten. Eine Musik, die mich so wenig angetrieben hat wie die nachfolgende von Combier. Nimmt man die zwei Stücke als Symptom, liesse sich vom Abgleiten der Aufklärung in ihre eigene Bebilderung sprechen, die ungerechtfertigerweise frei ist von der Notwendigkeit und der Intention, die Dinge vorwärts zu treiben.

Combier, Jarell, Staud, Dutilleux

26. März 2012 um 20:25 Uhr von ur

Soeben auf France Musique concert enregistré le 1er mars à l’Auditorium de Lyon, dans le cadre de la Biennale Musiques en scène, Orchestre National de Lyon, Pascal Rophé, direction.

Jérôme Combier (né en 1971), Ruins, pour orchestre (2011, commande de l’Orchestre National de Lyon, création mondiale). – Frisch polierte Legosteine als Ruinen eines Spielzeughauses, das vom jähzornigen Kind kurz vor dem Essen einen Tritt versetzt bekommen hat. Die Apokalypse gestern Abend scheint mir heute zeitgemässer.

Michael Jarrell (né en 1958), Emergences – Nachlese VI, pour violoncelle et orchestre (2012, création française, co-commande de Utah Symphony, l’Orchestre de la Suisse Romande, l’Orchestre Philharmonique du Luxembourg et l’Orchestre National de Lyon, avec le soutien du Swiss Arts Council Pro Helvetia), Jean-Guihen Queyras, violoncelle. – Ein grosser Wurf: endlich steht das Verhältnis Soloinstrument zum Orchester in neuem, noch ungewohntem Licht. In der grossen Form noch unvollendet, als ob noch weitere Geschwisterkonzerte mit anderen Soloinstrumenten folgen müssten. Ein Genuss (,) auch die Hoffnung!

Johannes Maria Staud (né en 1974), Über trügerische Stadtpläne und die Versuchungen der Winternächte (Dichotomie II) pour quatuor à cordes et orchestre (2008-2009, commande de l’orchestre de Cleveland), Quatuor Arditti. – Ich habe nicht begriffen, was das Stück zusammenhält, eine Abschnittskomposition, deren einzelne Teile zwar sehr schön sind, aber unmotiviert zusammengeklebt erscheinen. Die Unmotiviertheit gibt mit der Zeit der Langeweile freies Spiel.

Henri Dutilleux (né en 1916), Métaboles (1964), pour orchestre (commande de l’Orchestre de Cleveland). – Hübsche, nichtssagende Abendmusik, gemixt aus Stravinsky, Gershwin und Bernstein. Zum DRS 2 Hören.

Raphaël Cendo, Ténèbres

26. März 2012 um 4:34 Uhr von ur

Gestern Abend live auf Espace 2 vom Festival Archipel 2011 in der Fabrikhalle Schaublin von Mallerey Bevillard „L’introduction aux ténèbres“ de Raphaël Cendo pour baryton, contrebasse, ensemble instrumental et électronique, d’après l’Apocalypse de Jean interprété par l’ensemble orchestral contemporain sous la direction de Daniel Kawka, avec le baryton Romain Bishoff et le contrebassiste Michael Chanu. Un concert enregistré le 27 mars 2011 à la maison communale de Plain-Palais.

45 Minuten lang ein Sound- und Klanggebilde, das einem das Gefühl verschaffte, einem Heavy Metal-Konzert beizuwohnen, in einer Qualität und Eindringlichkeit, von der die effektiven Metaller nur lernen könnten. Trotz der Härte scheint nicht nur sporadisch, sondern in jedem Moment eine ausserordentlich grosse Musikalität auf, die einen förmlich durch das ruppige Klanginferno hindurchzieht. Allerdings vermag die grossartige Ästhetik im musikalischen Kleinen die äusserste Problematik in der Ästhetik des musikalischen Ganzen nicht vom Tisch zu wischen. In einem kommentierenden Text zum Konzert versichert Cendo, von religiösen Attituden frei zu sein und die semantischen Gehalte aus dem ursprünglichen Kontext befreit zu haben, das Apokalyptische also nur für uns zu lesen. 45 Minuten sind indes lang, und ich hörte die ganze Zeit lang im Untergrund der Musik reine Bibelphrasen und nichts in den „Lyrics“, das sich auf unsere Zeit beziehen liesse. Die Haltung widerstrebt mir und stösst mir auf, von unserer Zeit in einer Art zu sprechen, die das Zentrum ihrer Probleme ummäntelt. Wenn man schon ein so schwergewichtiges Wort wie die Apokalypse ins Spiel bringen will, müsste man künstlerisch auf die strukturell wesentlichen Probleme anzuspielen vermögen, ein System der Ökonomie, das sich radikal auf die militärische Antiproduktion abstützt und eine Politik in allen Gesellschaften, die dem radikal Bösen und diskursenthobenen Ideologiefreien der politischen Rechten Raum gibt, die Gesellschaft als Meute jeden Tag neu aufzuhetzen. Das Vokabular des Johannes vor zweitausend Jahren scheint mir im ästhetischen Erlebnis das Werk von Boeing, Blocher und Murdoch eindeutig mehr zu verklären denn als das wahrzunehmen, was es ist und uns zu bedrohen weiss.

Computerwechsel von XP zu Win7

21. März 2012 um 10:03 Uhr von ur

Vorgeschichte: Der siebenjährige XP-Computer war innerhalb einer Woche mausetot. Bei den ersten Abstürzen waren Maus und Tastatur ohne Funktion, am Schluss erfolgte nicht einmal mehr ein Zugriff aufs BIOS, geschweige auf die Harddisk. Da das Auswechseln des Stromgeräts äusserst kompliziert erscheint und es auch nicht eindeutig ist, ob nicht auch die CPU oder das Motherboard als Fehlerquelle in Frage kommen, wird ein neuer Computer bestellt, mit 999 Franken inklusive Bildschirm und Win7 Pro halb so teuer wie der alte. Wegen des Vorauszahlens am Postschalter dauert die Lieferfrist nicht nur einen Tag, wie von Steg angekündigt, sondern sieben Tage. Das Paket wird eingeschrieben geliefert und ist riesig – der Pöstler trägt es für 10 Franken bis zum Wohnungseingang (er selbst hat ruhmenswürdig abgewehrt und nichts verlangt). Der Bildschirm ist leichter als der alte und schnell aufgestellt, der Computer bekommt ein paar Beinhiebe und lässt sich mit Tricks und Finten ebenso brav plazieren.

1. Da der alte Computer sich zu schnell verabschiedete, konnte keine Datensicherung vorgenommen werden. Mit Icy Box für 50 Franken hat man ein Gehäuse, in das sich die ehemals interne Harddisk einfügen und als externe bedienen lässt. Der physische Platz ist extrem eng berechnet, und man muss sich überwinden, das Buskabel so heftig zu kneten, bis alles zusammenpasst. Ich benötigte mehrere Stunden, bis die Festplatte am neuen Computer ihren Dienst korrekt ausführte. Die alte Jumpereinstellung wäre die richtige gewesen, da ich aber mangels Kraft das breite Buskabel am Anfang an einem Ende zuwenig fest angeschlossen hatte, musste ich viele Male pröbeln, bis ich wieder die Anfangseinstellung ausprobierte, dieses Mal dann die Kabelenden genügend fest zusammengesteckt.

2. Steg findet es schick, die zahlende Kundschaft mit Werbung zu beglücken. Sowohl der Anmeldebildschirm wie der Hintergrund beim Herunterfahren des Computers zeigen eine Grafik mit exquisitem Brechreiz, das gleissende Gelb des Zivilschutzes über dem stumpfen Blau der Uniform desselben Vereins. Bei beiden Vorgängen gedachte ich ständig still des ehemaligen Vorsitzenden Rinderknecht. Will man bei einem neuen Computer gleich als erstes in die Registry eingreifen? Nein. Die Lösung besteht in demselben Programm, das der Hersteller zur Verunzierung des Computers benutzte, ohne es dem Kunden seinerseits zur Verfügung zu stellen. Es heisst Win7LogonBackgroundChanger, und man löst das Problem schnell, indem man einen der mitinstallierten Hintergrunde wählt oder selbst einen anfertigt, in derselben Grösse und kleiner als 250KB abgespeichert wie die Datei Windows/System32/oobe/info/backgrounds/backgroundDefault.jpg. Man speichert dieses Bild in einen neuerstellten Ordner und wählt dasselbe mit dem Changer aus.

3. Zur Einrichtung des e-Mail-Programms ging ich aufs Bluewin- bzw. Swisscomkonto, fand dort allerdings keine Angaben, wie das früher der Fall gewesen war. Also suchte ich nach Outlook Express. Nach einem Klick auf irgendetwas, das einen ins Unbestimmte weiterführen soll, wird der Computer nach einem Mailprogramm abgesucht; gefunden wird Live Mail. Man wird zum Warten aufgefordert, und siehe da, die zwei Mailadressen, die ich bei Bluewin betreibe, werden ohne weitere zusätzliche Angaben eingerichtet. Also Live Mail starten und erst einmal den Kopf zerbrechen, denn das Layout sieht ziemlich beängstigend aus, genau so, dass man nichts von dem im Kopf behält, was man in den eingehenden Mails liest. Jetzt verstehe ich, wieso einige Leute seltsam nichtssagende, kommunikationsabwürgende Mails schreiben. Man muss ein bisschen in den Einstellungen herumturnen – lässt man nicht zu früh locker, kann man dieses Programm haargenau gleich einstellen wie Outlook Express, also sehr lesefreundlich, ohne Spamordner, ohne zu viele Infos in störenden Bildschirmbereichen. – Die alten Mails kopiert man als ganzen Ordner irgendwohin und importierte sie ins Live Mail, wo sie als Zusätze plaziert werden, die je nach Wunsch in die neuen Kontos verschoben werden können, es aber nicht müssen.

4. Der Bildschirm Asus vh238t ist gleich hoch wie der alte, aber doppelt so breit. Die Bilder sind scharf, die Helligkeit nicht hundertprozentig gleich verteilt, am oberen Rand ist die Darstellung eine Spur dunkler als unten. Es gibt verschiedene Darstellungsmodi, von denen sRGB perfekt sein müsste – er ist gut und brauchbar, wenigstens bis dann, wenn ausgedruckte Bilder Abweichungen zeigen würden. Die Verlässlichkeit des alten von Samsung war 100%. – Die neue Breite zeigt die eigene Website ungewohnt, allerdings nur die Homepage als erste Seite und einige wenige andere Sonderseiten. Die Lösung war schnell gefunden, und wie sie genau ausschaut, sieht man im Code der Homepage. Zum Style-Abschnitt im head gehören unbedingt die zwei ersten Zeilen als Voraussetzung fürs Funktionieren. Gleich nach dem body-Tag schreibt man vor dem alten Text

<div id="inhalt">

und schliesst diesen mit einem End-

</div>

. Hilfe findet man hier http://www.stichpunkt.de/css/bereiche.html und da http://www.css4you.de/posproperty.html, das mit den zwei ersten Zeilen im Header stammt von anderswo.

5. Das Programm Hugin zur Panoramaherstellung kam schon schnell in Einsatz, bockte allerdings wie ein junges Pferdchen. Die Panoramen auf dem Säntis sahen in der ersten Fassung übel aus, wo ich noch wie vorher nach dem Ausrichten benutzerdefiniert optimierte (mit den Feldern rechts unten zur Vermeidung des Versatzes, also der Durchbrechung und Verschiebung von Linien), dann im Reiter Zusammenfügen Bildwinkel berechnen, Optimale Grösse berechnen, Beschnitt den Bildern anpassen durchführte, bevor das Panorama im Vorschaufenster geprüfte wurde, worauf endlich die zuletzt genannten Werte neu bestimmt wurden. Dann fand ich die Lösung: siehe da, das OpenGL-Vorschaufenster lässt Hugin nicht mehr wie auf dem XP-Computer abstürzen, sondern funktioniert optimal (eventuell ist diese Funktion nicht vom Betriebssystem, sondern von der Grafikkarte und dem Speicher abghängig). Hier müssen keine Werte gesetzt werden; man sieht das unförmige Panorama und zieht an den nötigen Punkten, bis es korrekt ausgerichtet ist. Auch den Beschnitt macht man hier durch Verschieben der Grenzen, nicht durchs Setzen von Zahlwerten.

6. Kaputt am neuen Computer ist nach einer Woche erst der Kartenleser. Ich denke an Bud Spencer und eine seiner Lebensweisheiten.

Matalon, Smolka, Adamek

5. März 2012 um 21:04 Uhr von ur

Soeben auf France Musique, Concert enregistré le 12 janvier, à l’Auditorium Marcel-Landowski à Paris, Ensemble 2e2m, Pierre Roullier, direction.

Martin Matalon (né en 1958), Trame X, pour accordéon, flûte, clarinette, basson, cor, trompette, harpe, 2 percussions, violon et violoncelle (création mondiale, commande de l’Etat), Max Bonnay, accordéon. – Abwechslungsreich, farbig und witzig.

Martin Smolka (né en 1959), Die Seele auf dem Esel, septuor en six parties pour piccolo, clarinette en mi bémol, piano, percussion, violon, alto et violoncelle (création française, extraits), IV., II., I. Rubato. – Aus dem Kinderzimmer heraus und wieder ins Kinderzimmer hinein. Aus dem Hühnerhaus heraus und wieder ins Hühnerhaus hinein. Aus dem Schweinestall heraus und wieder ins Kinderzimmer hinein.

Ondrej Adamek (né en 1979), Rapid Eye Movements, pour 2 violons, alto, violoncelle et dispositif électronique. – Ziemlich hübsch, mit Rafinesse.

Ondrej Adamek (né en 1979), B-low Up, pour 17 instruments (flûte, hautbois, 2 clarinettes, cor, trompette, trombone, piano, harpe, accordéon, 2 percussions, 2 violons, alto, violoncelle et contrebasse). – Magere Luft von hinter dem Mond. Bin leider eingeschlafen.

Franziska Baumann, Fictions

4. März 2012 um 21:39 Uhr von ur

Soeben auf Espace 2 Konzert vom 1. 2. 2012 im Centre Dürrenmatt Neuchâtel: Fiction, Audiovisuelle Konzertinszenierung, CRÉATION frei nach Jorge Luis Borges, Franziska Baumann, Konzept, Komposition und Stimme, Claudia Brieske, Konzept, Videoschnitt und Live-Projektion, Angela Bürger, dramaturgische und szenische Begleitung, Solisten des Nouvelle Ensemble Contemporain NEC: Marie Schwab, Viola, Jean-François Lehmann, Bassklarinette, Lucas Gonseth, Perkussion.

Löst das Schöne der Natur im demonstrativen Widerstand gegen allen Metabolismus ein Staunen aus, das über den Tod hinauszuschauen vermeint und in der begriffslosen Bewunderung endet, von der es keinen Weg zurück zum Verstehen geben kann, ruft das Schöne in den Künsten eine begriffliche Auseinandersetzung hervor, die es selbst oder das Werk, in dem es erscheint, mit der Geschichte oder der Gesellschaft in Beziehung bringt, zu der es gehört, und zu allen anderen, von denen es sich als besonderes Schönes absetzen will.

Fictions gehört mit Video, drei Soloinstrumenten und der Solostimme der Komponistin, die das Stück mal in Einzahl, mal im Plural ankündigt, zu den Installationskünsten und enthält trotz eines präzisen Zeitflusses einen grossen Anteil an improvisierten Partien. In der Fülle der Ereignisse ist der Genuss des Stückes gross, das Aufstöbern von Momenten, die sich auf solche ausserhalb des Stückes, seien es die der Musikgeschichte oder der Gesellschaft heute, beziehen liessen, unbegreiflich schwer. Man ist auf den reinen Genuss zurückgeworfen. Er bezieht sich auf ein Schönes, das im Verlauf der Vocal Perfomance zerfällt, als ob er es selbst aufgegessen hätte. Wie das Schöne sich weigert, Zeichen dafür abzugeben, dass es zur Geschichte gehört, weigert sich die Natur, es als zu ihr gehörig anzuerkennen, damit es so bewundert werden könnte.

Fictions, dessen Titel sich auf Borges bezieht und das belletristische Experiment, in einer Sprache ohne Dingwörter zu schreiben, die den Fluss der Zeit irritieren, erscheint mehr als Veranstaltung für ein grosses unterhaltungsgewohntes Publikum denn als eine Herausforderung zum Nachdenken über die Künste und das Schöne. Es gibt keinen Grund, für einen solchen Anlass nicht Leute einzuladen, die gewöhnlicherweise zu DJ Bobo aufschauen, meinetwegen auch zu Blausack Huber, Hofer, Oberhofer, Flückiger, Schmidhauser, Kraut & Raeber, Pfeutzi & Launer und die mit dem See (nur Wittlin hatte ein erlesenes Publikum, mich) – ein schnell getätigter Adressatenwechsel, das Wankdorfstadion angemietet mit einer Berner Tanzband im Vorprogramm, Lischka schreibt im Bärner Bär den informierenden Werbetext und sowohl würden die Kassen endlich klingeln wie auch die Anerkennungswünsche endlich befriedigt werden. Ist das Phantasieren über die musikalischen Desiderate erst einmal in Schwung gesetzt, wird es ebenso leicht denkbar, dass aus der Verschmelzung des Wissens über die Publikumsverführung der Vorgruppe und der Erfahrung über die Manipulation technischer Effektgeräte des Hauptgigs die Popmusik eine Renaissance erführe. Die Installationsrockerinnen und Popinstallateure wären zu einer Musik befähigt, die einen wieder ohne Abwehr in Neugierde versetzen könnte. Nächste Aufführung im alten Stil 13.04.2012, 21h Dampfzentrale, Bern.

http://www.franziskabaumann.ch/de/vocal_performance/fictions.php

Zemlinsky, Puccini: 2 Opern

3. März 2012 um 21:30 Uhr von ur

Soeben auf France Musique Concert donné le 29 janvier 2012, Opéra de Lyon : Festival Puccini plus.

Alexander von Zemlinsky, Une tragédie florentine (Eine florentinische Tragödie), Opéra en un acte, 1917. Livret du compositeur d’après la pièce d’Oscar Wilde, A Florentine Tragedy. En allemand. Orchestre de l’Opéra de Lyon, direction musicale : Bernhard Kontarsky.

Giacomo Puccini, Gianni Schicchi, Opéra en un acte, 1918. Livret de Giovacchino Forzano. En italien. Nouvelle Production, Orchestre et Maîtrise de l’Opéra de Lyon, Direction : Gaetano d’Espinosa.

Das Festival Puccini plus gab dem Publikum die luxuriöse Möglichkeit, Il trittico an einem einzigen Abend als dreiaktiges heterogenes Opernwerk oder auf drei Abende aufgeteilt mit je einer Kurzoper Schönbergs, Hindemiths oder Zemlinskys ergänzt zu Gemüte zu führen. Am heutigen letzten Abend wurde neben Gianni Schicchi Zemlinskys Eine florentinische Tragödie gespielt, eine Komödie Oscar Wildes, in der ein Alter seinen jungen Nebenbuhler killt, worauf er, unverhofft, von seiner sehr jungen Frau wieder geliebt wird. Die Musik ist deswegen von Interesse, weil seit einiger Zeit eine Art Revival Zemlinskys in der Reproduktion seiner Werke angekündigt wird und man also gut beraten ist, die Gelegenheit zum Hören schwierig aufzuführender Werke nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Am letzten der drei Pucciniabende widersprechen sich die zwei gegenübergestellten Werke am wenigsten. Beide Stoffe sind unterbelichtet – gleichwie beide Musiken mehr oder weniger leicht verstaubt. Zur Zeit der Uraufführung war Eine florentinische Tragödie indes ein grosser Erfolg – ich höre zuviel Strauss, immerhin neben einem Walzer auch Straussens gute dramatische Seiten.

Gianni Schicchi ist der Abschluss von Puccinis Il trittico, der Inhalt eine Episode aus Dantes Divina Commedia, eine nur wenig berührende Erbschleichergeschichte, in der sich die Nebenfigur einer Erbengemeinschaft ins Totenbett legt und dem Notar ein neues Testament diktiert, in dem aber, entgegen den Abmachungen, fast alle Erbstücke diesem Akteur zugesprochen werden durch ihn selbst, geschützt durch die angedrohten Gesetze, die geständigen Erbschleichern schwereren Schaden zukommen liessen als einen leeren Beutesack. Die lustige Musik Puccinis erscheint mir wie ein entgangenes Erbe, als erwarteter Leerlauf aller herkömmlichen Oper.

Hindemith, Puccini: 2 Opern

3. März 2012 um 5:08 Uhr von ur

Gestern Abend auf France Musique Concert donné le 28 janvier 2012, Opéra de Lyon : Festival Puccini plus.

Paul Hindemith & August Albert Bernhard Stramm, Auteur, Sancta Susanna (1922), Opéra en un acte. Orchestre de l’Opéra de Lyon, Chœurs de l’Opéra de Lyon, Maîtrise de l’Opéra de Lyon, Bernhard Kontarsky, Direction musicale.

Giacomo Puccini & Giovacchino Forzano, Librettiste, Suor Angelica (1918), Opéra en un acte. Orchestre de l’Opéra de Lyon, Chœurs de l’Opéra de Lyon, Maîtrise de l’Opéra de Lyon, Gaetano d’Espinosa, Direction musicale.

Erst jetzt durchschaue ich die Vorgänge der drei aufeinanderfolgenden Opernabende. Puccini komponierte während des ersten Weltkrieges drei stark kontrastierende Kurzopern mit Stoffen aus weit entlegenen Zeitaltern, die schon in der Uraufführung zu einem Tryptichon zusammengefasst präsentiert wurden, als drei Akte einer Einheit, auch vom Komponisten genannt Il trittico. Was in Lyon 2012 geschieht, ist aber nicht unüblich, die Präsentierung der einzelnen Teile je an einem Abend zusammen mit einer Kurzoper des zwanzigsten Jahrhunderts eines anderen Komponisten.

Sancta Susanna ist eines von Hindemiths besten Stücken, selbst in der Trilogie, zu der es mit Mörder-Hoffnung der Frauen und Das Nusch-Nuschi gehört. Die expressionistische Explosion ist ungeglättet, die Form ebenso offen und im Kleinen vorwärtstreibend wie das Dargestellte fast hundert Jahre später gewissermassen zeitgemäss: eine junge Nonne wird wegen ihrer weltabgewandten Glaubenszeremonien von den Mitschwestern bewundert, nach zwanzig Minuten zum Teufel gejagt, als ihr Anbetungsdelirium in einem Orgasmus mit dem Kruzifix kulminiert. (Die Handlung ist in Wahrheit brüchiger und gleichzeitig dynamischer, indem eine Nonne der Sancta Susanna erzählt, wie sie solches eben Erwähnte einmal gesehen hätte, worauf die geistige Anbetung bei Susanne erst sich in eine in der Weise bezeichnete satanische verwandelt; durch die Erzählung im Geschehen wird die ganze Mädchengruppe im Kloster sexuell aufgeladen.)

Das Puccinistück Suor Angelica fällt weit ab und wirkt wie aus dem Zentrum dessen, was das Opernleben so überflüssig und hassenswert macht. Eine junge unverheiratete Frau wird in ein Kloster weggesperrt, da sie ein Kind geboren hat. Nach sieben Jahren erhält sie Besuch, der ihr mitteilt, ihr Sohn sei soeben gestorben, worauf sie sich umbringt. So wenig einen der Stoff in seiner historischen Abstraktheit zu berühren vermag, so wenig hatte schon der Komponist einen musikalischen Weg zu ihm gefunden – die Musik hängt mit nichts verbunden wie als Vorwegnahme von Unterhaltungsmusik aus dem Radio in der Luft.

Schönberg, Puccini: 2 Opern

1. März 2012 um 22:09 Uhr von ur

Soeben auf France Musique Concert donné le 27 janvier 2012, Opéra de Lyon : Festival Puccini plus.

Arnold Schoenberg & Max Blonda, pseudonyme de Gertrud Schoenberg, Librettiste, Von heute auf morgen (1930), Opéra en un acte, Maîtrise de Radio France, Orchestre et Maîtrise de l’Opéra de Lyon, Bernhard Kontarsky, Direction.

Giacomo Puccini & Giuseppe Adami, Librettiste, Il Tabarro (1918), Opéra en un acte d’après une pièce de Didier Gold, Orchestre et Chœurs de l’Opéra de Lyon Gaetano d’Espinosa, Direction.

Die zwölftönige Fünfzigminutenoper Von heute auf morgen, die so gerne operettenhaft leicht und modern wäre, ist eine bittere Pille, auf die Il Tabarro von Puccini wie neubelebender Balsam wirkte: jede Sekunde ist musikalisch aufgeladen und vorwärtstreibend. Das arme zahlende Opernpublikum in situ bekam die zwei Stücke in umgekehrter Reihenfolge serviert. Buona notte – oder ich verstehe die, die Reissaus genommen hätten.

Zusatz: Adorno verfasste 1930 zur Uraufführung der Schönbergoper in Frankfurt einen Aufsatz in zwei Varianten, die nicht in der Tagespresse, sondern in den Zeitschriften Anbruch und Die Musik erschienen, einmal die Progressivität des Publikums hervorhebend, das der avancierten Musik durchaus zu folgen vermochte und mit Applaus nicht zauderte, dann mehr das Vermögen des Komponisten akzentuierend, in einem einheitlichen Werk den historischen Stand der Musik vorangetrieben zu haben und in ihm in einzigartiger Souveränität mit einer Vielfalt von Ausdrucksnuancen spielen zu können. Heute erscheint es schwierig, diese gleichmässige Nuancierung ernst zu nehmen, weil sie keine Konturen, Blöcke und Abschnitte zu gestalten ermöglicht und sich, an keiner Stelle vorwärtstreibend, in ein Grau in Grau verflüchtigt wie das Libretto, das Frau Schönberg geschrieben hatte mit einer Gattin, die ihren Mann erfolgreich verführt, als er von einer anderen träumend fantasiert, die selbst in dem Moment über die zwei sich selbst Verführenden sich verwundert, da sie bei ihnen zu Besuch erscheint. Das Kind der beiden, das fragt, was Mode sei, die wechsle von heute auf morgen und modern, erhält als Antwort die moderne Musik.

Sibelius, Violinkonzert

1. März 2012 um 11:23 Uhr von ur

Soeben auf Bayern 4 Jean Sibelius: Violinkonzert d-Moll, op. 47 (Yuval Yaron, Violine; Klaus Tennstedt – Aufnahme 1974).

Kaum ein Komponist könnte von Schönberg weiter entfernt sein, nicht nur wegen der anderen Richtung, der seine ästhetische Spur gefolgt ist, sondern auch wegen offensichtlicher kompositorischer Defizite in den meisten Werken. Trotzdem dachte ich während des ganzen Stückes mit Genuss an Schönbergs Geigenkonzert und dass auch dasjenige von Sibelius viel zu bieten hat – und jedenfalls zu den grossen und gelungenen Werken des Finnen zu zählen ist.

Shepherd, Kim, Chin, Jarell

27. Februar 2012 um 21:26 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 10 janvier, à Paris, Cité de la Musique, Ensemble intercontemporain, Susanna Mälkki, direction.

Sean Shepherd (né en 1979), Blur (création mondiale). – Einer sucht und sucht und findet nichts im selbst gelegten Gestrüpp der Stile, Kompositionsansätze und Ästhetiken. Das Stück verdient dem Tag zu Ehren – einen Oscar.

Texu Kim (né en 1980), Toccata inquieta pour clavecin et ensemble (2011, création mondiale), Dimitri Vassilakis, clavecin amplifié. – Schon wieder eine Gammeltonalität mit längst abgelaufenen Formimpulsen. Ist die vorangegangene Musik Gebrauchsmusik für den Film, wo das Vernünftige ausgeräumt bleibt, ist diese eine fürs Theater.

Unsuk Chin (née en 1961), Gougalon, scène de théâtre de rue, pour ensemble (version définitive), I. „Prolog – Dramatisches Aufgehen des Vorhangs“ II. „Lamento der kahlen Sängerin“ III. „Der grinsende Wahrsager mit dem falschen Gebiss“ IV. „Episode zwischen Flaschen und Dosen“ V. „Circulus vitiosus – Tanz vor den Baracken“ VI. „Die Jagt nach dem Zopf des Quacksalbers“. – Durch eine schöne dichte Schreibweise ist das Stück, das in den Untertiteln explizit darauf hinweist, Theatermusik zu sein, vor allen bösen Worten geschützt. Die Komponistin zeigt auch in diesem Werk eine so grosse Stärke, dass die zeitweilige Lehrerschaft Ligetis ihr offenbar nichts hat antun können. (Nach dem Konzert wurden noch Stücke aus Akrostichon-Wortspiel von 2004 ab CD gespielt, auch dies eine Musik, die die Eigenständigkeit und Qualität von Unsuk Chin deutlich macht: III. „Die Spielregel“, IV. „Vier Jahreszeiten“, V. „Domifare S.“, VI. „Das Beliebigkeitspiel“, VII. „Aus der alten Zeit“)

Michael Jarrell (né en 1958), La Chambre aux échos (commande de l’Ensemble intercontemporain, Lucerne Festival, Fondation Artephila, création française de la version définitive). – Die gleichbeste Musik von heute wie die von Chin. Ein starkes, aber auch etwas leichtes Stück. Man dürfte Répons nicht kennen, um es beim Anhören kontinuierlich, ohne sporadische Seitengedanken an das ältere Werk, adäquat einschätzen zu können.

Dusapin, Debussy, Bartók

24. Februar 2012 um 21:24 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert donné le 25 janvier 2012 im Auditorium de Lyon, Festival French Kiss, Orchestre Philharmonique de Radio France, Myung-Whun Chung, Direction.

Pascal Dusapin, Uncut, Solo pour orchestre N° 7, Créé le 27 mars 2009 à la Cité de la Musique (Paris). – Das Stück ist, zusammen mit allen vorangehenden Solos für Orchester, auf einer der ganz wenigen CDs, die ich mir seit zwanzig Jahren wieder leistete. Erst heute fällt mir aber eine Art Polyrhythmik auf, die den Einsatz von zwei Händen verlangt, wenn der metrische Prozess verfolgt werden soll. In der Tiefe kompliziert, erscheint es auf der Oberfläche ziemlich einfach, mit der Seltsamkeit, als ob es Debussy und Varèse in der Weise weiterentwickeln würde, dass der Zweite als Vorläufer des Ersten betrachtet werden müsste.

Claude Debussy, La Mer L 190, Trois esquisses symphoniques (1903,1905). – La Mer jünger als Amériques? Wenn man an die Präzision denkt, die eine Vagheit im musikalischen und aussermusikalischen Empfinden auslösen soll, nicht ganz und gar abwegig. (In Dusapins Stück figuriert die Präzision klar auf der Oberfläche und wird dann greifbar, wenn sich die Blöcke in Solostimmen isolieren lassen, gerade so, wie es der Titel der sieben Orchesterstücke nahelegt.)

Béla Bartók, Concerto pour orchestre (1943). – Versimpelter Debussy, aufgemöbelter Gershwin: Bartók hatte viele gute Stücke geschrieben, dieses gehört nicht mehr zu ihnen. Es schaut so frisch aus wie eine Meise, die nur noch auf ihren Sperber wartet.

Zusatz: Verfolgt man die Frage über Kunst und Kommerz, dürfen diese letzten Orchesterstücke Bartóks nicht fehlen. Sie zeigen, dass der Verfall an die gesellschaftliche Notwendigkeit nicht aus Liederlichkeit wie bei SchülerInnen Ligetis oder Berios geschieht, sondern aus der gesellschaftlichen Not und dass diese gleichzeitig aus solchen Werken nicht herauszulesen wäre. Schlimm ist nicht, dass einer um des Überlebens Willen zu den guten Werken kommerziell erfolgreiche hinzufügt, sondern dass aus diesen eine verdeckte Kunst niemals mehr hervorschimmert. Die auf Erfolg abgezielten Stücke sind so schlecht wie die Gesellschaft, der sie gefallen sollen.

Oscar Strasnoy, El regreso

23. Februar 2012 um 21:55 Uhr von ur

Soeben auf France Musique Concerts donnés le 21 janvier 2012 au Théâtre du Châtelet:

Oscar Strasnoy (*1970), El regreso, Opéra chambre. Musicatreize, Brigitte Clair, Chef de chant, Roland Hayrabedian, Direction.

Nach zwanzig Minuten hat man die Soundkopie von Berio akzeptiert, und das fünfzigminütige Stück zeigt sich als flüssige Unterhaltungs- und Beruhigungsmusik.

Schostakowitschs Siebte, Leningrader Symphonie

18. Februar 2012 um 4:42 Uhr von ur

Gestern nach dem erotischen Violinkonzert von Schönberg aus Wien ebenso direkt live auf France Musique de la Salle Pleyel, Paris, l‘ Académie de l’Orchestre Philharmonique de Radio France et du Conservatoire de Paris, Vassily Sinaisky, Direction:

Dmitri Chostakovitch, Symphonie N°7 en ut majeur Op.60, Leningrad (1941).

Eine zweitklassige Musik wie alle von Schostakowitsch, sofern sie nicht drittklassig herum- und einem im Wege steht. Man müsste schon nach den ersten Takten oder Minuten entfliehen. Doch im letzten Satz entfesseln sich Kräfte, die einen gar wunderlich dünken und gegen die das historisch-musikalische Ohr sich nicht mehr wehrt. Man erlebt ein Dokument der Weltgeschichte, das Aktualität beansprucht und das man nicht verpasst haben oder missen möchte. Die Musik zeugt als Kunst vom Willen, gegen die Gewalt anzugehen. Am Schluss staunt man auch allein offenen Mundes – und bewundert.

Schönberg: Violinkonzert

17. Februar 2012 um 20:38 Uhr von ur

Soeben live direkt auf Ö1 das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Peter Eötvös mit der Solistin Hilary Hahn, Violine, aus dem Großen Musikvereinssaal in Wien:

Arnold Schönberg, Konzert für Violine und Orchester op. 36 (1934-1936).

Ich kenne das Stück seit über dreissig Jahren und habe es zeitlebens sehr oft gehört, meistens von meiner Platte. Auch heute wieder totale Faszination, eine Fixierung allermöglichen äusserer und innerer Sinne auf die wenigen kostbaren Saiten der Violine, die Geheimnisse freisetzen, als ob sie dem riesigen Orchester, das der Violinistin gegenübersteht, entrissen werden müssten. Es ist einer der Stücke, die nie aufhören dürften.

Zusatz: Vor dem Violinkonzert wurden Arnold Schönbergs Fünf Orchesterstücke in der Originalfassung für großes Orchester, op. 16 (1909, revidiert 1922) gespielt, in keineswegs geringerer Qualität und Intensität. Aber das Geigenkonzert dünkt mich jedesmal etwas so Besonderes, dass es keiner anderen Musik gegenübergestellt werden sollte, auch wenn diese Aussage auf die Orchesterstücke ebenso zuzutreffen vermag.