James Joyce: Ulysses

17. Juni 2012 um 5:04 Uhr von ur

Soeben auf SWR2 Ulysses in Hörspielfassung, Regie Klaus Buhlert, gestern Bloomsday von 8 Uhr durchgehend bis heute 6 Uhr, unterbrochen meinerseits nur von 21.30 bis 1.30 Uhr, zwecks Neuladung der eigenen Akkus und derjenigen des Funkkopfhörers, und für einige Passagen gestern Nachmittag.

Merci für die Gedächtnisauffrischung der ersten Lektüre vor 35 Jahren und des Sauflebens damals.

Ensemble Graindelavoix

14. Juni 2012 um 19:22 Uhr von ur

Soeben auf Bayern 4 Aufnahme vom 27. Mai 2012 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg im Rahmen der Reihe Musica Antiqua: Konzert mit dem Ensemble Graindelavoix, Leitung: Björn Schmelzer.

Wer mit Musik um 1500 etwas anfangen kann, sollte sich unbedingt mit dieser Band vertraut machen, in der Stimmen tätig sind, die nicht auf vokale Homogenität ausgerichtet wurden, sondern ihrer eigensinnigen Qualität folgen. Das musikalische Resultat ist umwerfend, die alte Musik lebendig wie selten.

Philippe Manoury, Yann Robin

13. Juni 2012 um 21:36 Uhr von ur

Soeben direkt live auf France Musique de la Cité de la musique, Paris: Hae-Sun Kang, Violon, Orchestre Philharmonique de Radio France, Jean Deroyer, Direction.

Philippe Manoury, Passacaille pour Tokyo. – Eine Musik wie alte Telefonkritzeleien in Serie gesetzt, insgesamt ein bisschen schläfrig und mit Répons händchenhaltend. Nach knapp 15 Minuten geschieht ein akustischer Wechsel, der einen glauben macht, vorher hätte es einen Aufnahme- oder Übertragungsfehler gegeben. Schade für das zwanzigminütige Stück.

Philippe Manoury, Synapses, concerto pour violon et orchestre, Création Française. – Auch in diesem Stück will die Musik nicht recht wach werden, sie geht nur gehemmt vorwärts, als ob sie in Kinderstiefelchen stecken würde und ständig nach Pfützen Ausschau hielte, Partien aus Répons auch hier, die das Stück wiederzubeleben vermöchten. Obzwar wenig anstrengend, ist das Zuhören dennoch genüsslich. Sehr gut hat mir die Coda gefallen, wie ein Troupeau junger Staren, der vom Fenstersims auffliegt, wo alle zusammen sich eine Woche lang vollfüttern liessen, mit kostbaren Pinienkernen und teuren Tiroler Kirschen, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

Yann Robin, Inferno, pour grand orchestre et électronique basé sur la Divine Comédie de Dante, Création mondiale. – Der Komponist behauptet noch wenige Minuten vor der Uraufführung, der Titel sei nur metaphorisch gemeint, man steigt aber mit der Musik nicht ungefährliche steile Schritte in Echtzeit hinab in eine Hölle, wo einem zum ersten Mal im Leben, und wohl auch zum letzten Mal, musikalisch das Fürchten gelehrt wird. Ein fast sechzigminütiger Hochgenuss wie einstens das Sonntagsschuleschwänzen im Regenmäntelchen.

Nordine Mimaroglu Gudnadottir Carson Bosetti

11. Juni 2012 um 20:26 Uhr von ur

Soeben auf France Musique ein Konzert mit unpräzisen Angaben, kürzlich in Paris präsentierte elektronische Stücke.

Arne Nordine, Warszawa (1970). – Musik wie von Staren gemacht, gut passend zu meinen jetzigen Bildern.

Ilhan Mimaroglu, Préludes N°12,9,1,10 (1966-1996). – Elektronische Musik tonal gedacht und für Filme. Pfui Deibel. Das, was der Spiesser zu recht befürchtet, wenn von elektronischer Musik gesprochen wird (wurde wäre heute wohl besser…). Reiner Antistockhausen. To delete those sounds.

Hildur Gudnadottir, Haloes, Création. – Man träumt vom Val d’Anniviers und von Laurence Revey. Das Stück entfaltet im Verlauf eine enorme Schönheit, und so ich hab’s im Herzen gespeichert.

Philippe Carson, Turmac (1961). – Als Teen war ich intensiv auf der Suche nach solchen Stücken – es wäre eines der besseren gewesen, trotzdem heute nur schwerlich als interessant zu bezeichnen – es ist historisch frühreif.

Alessendro Bosetti, MaskMirror 2.0, Création. – Ich war noch in der weiten Welt herumgereist, um Schallplatten von Demetrio Stratos aufzutreiben. Ah, das waren noch Zeiten einer geliebten Musik!

Pigor und Eichhorn

8. Juni 2012 um 11:35 Uhr von ur

Soeben auf DRS 2 das Dreiminutenstück „Sportliche Grossereignisse“ von Pigor und Eichhorn gehört: seit langem wieder einmal etwas aus der Unterhaltungsmusik, das sowohl textlich wie musikalisch überzeugt.

http://www.pigor.de/

Kletterlust

6. Juni 2012 um 5:26 Uhr von ur

Ziemlich umwerfend, das Bildli. Unten rechts dann auf „Siehe in Originalgrösse“ klicken:

http://www.hikr.org/gallery/photo796690.html?post_id=50794#1

Ligeti, Manoury, Mahler

4. Juni 2012 um 20:48 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 1er juin Salle Pleyel à Paris, pour l’ouverture du festival ManiFeste, Orchestre de Paris, Ingo Metzmacher, direction.

György Ligeti (1923-2006), Atmosphères (1961). – Trotz eigenwilliger Knebelung von Metzmacher, die durch Auftrennung des Stoffes einen Romantizismus durchscheinen lassen will, enthält das Stück immer noch alle Impulse der sechziger Jahre, die einen ins Träumen über das Vorwärtsstreben der Musik hin zu neuen Welten bringen.

Philippe Manoury (né en 1952), Echo-Daimonon, Concerto pour piano, orchestre et électronique en temps réel, création mondiale, Jean-Frédéric Neuburger, piano, Thomas Goepfer, réalisation informatique musicale Ircam, Julien Aléonard, ingénieur du son Ircam. – Man muss das luxuriöse Stück zu hören suchen gehen. Als eine unterhaltende Festmusik erscheint es mir wie Händel sie schrieb zu Ehren des englischen Königshauses. Ihr Fliessen ist ein Genuss – aber es treibt gleichwenig irgendwohin in ein Neues wie Händels Dümpeln von London West nach London Ost. Ich liebe diese Musik, weil sie gut ist, aber ich misstraue ihr, weil sie es nicht wagt, etwas zu versprechen zu haben. Sie ist positivistisch und zwingt einen, bei ihr zu sein, und sie gibt einem nichts, das man auf seinen weiteren Weg mitnehmen könnte. Im Innersten denkt der Komponist, den man vielleicht gar genial nennen darf, verstaubt tonal.

— Comblement de programme (entracte)

Philippe Manoury (né en 1952), En écho pour soprano et système électronique en temps réel, I. La rivière, Donatienne Michel-Dansac, soprano, Enr. 1998. – Vordersatz und Nachsatz, wie es den für einen winzigen Moment unaufmerksamen Adorno in dunklen Tagen nicht mehr und weiter hätte freuen können: eine Musik, die schwierig in unsere Zeit hereinzudenken ist. Aber schön und gar sehr schön allemal.

Philippe Manoury (né en 1952), Inharmonies, Accentus, Laurence Equilbey, direction, Enr. 2009, Naïve V 5217. – Inharmonies war vor langer Zeit der Titel eines Buchgeschenkes, das mir ein Fribourger Freund übergab und das ich nie recht verdanken konnte, weil ich die Texte wegen des komplizierten Französisch und ihrer eigenwilligen theoretischen Richtung nicht verstand. Das Stück von Manoury verstehe und schätze ich aber auf Anhieb. Es gibt Bücher, vor denen man sich schämt, Inhamonies dünkt mich ein solches. —

György Ligeti (1923-2006), Lontano. – Metzmacher zieht dem guten Stück einen wollenen Pullover über. Wie kann ein Dirigent, der Nono so grossartig zu inszenieren wusste, andere Trouvaillen des zwanzigsten Jahrhunderts nur so in die Knie zwingen wollen? (Beim Notieren bekomme ich Zweifel: die Interpretation hat bessere Seiten als ich sie allgemein benennen kann, der Mittelteil erscheint mir tadellos. Er hat kein Vertrauen darauf, dass im Schmelzklang Energien auf unterschiedliche Richtungen abzielen können. Er sollte diese Dirigentenangst therapieren lassen und endlich an die revolutionäre Idee glauben wollen.)

Gustav Mahler (1860-1911), Adagio de la Symphonie n° 10. – Metzmacher dirigiert Mahler wie Strauss: das ist Verrat. Aber einen so leichten Mahler habe ich selten so gerne genossen. Metzmacher versteht es, sich durchzusetzen. Man nimmt ihm ab, was er tut – und ist in der gleichen atmosphärischen Idylle gerne dagegen.

Der Tennisarm des Lahmen

3. Juni 2012 um 4:58 Uhr von ur

Das Fotografieren im Winter ist deswegen unmöglich, weil die Schulterpartien keine Balance auf Eispartien erlauben, wo unverhoffte Rutscher auch ohne Stürze die Konstruktion im linken Oberarm aus den Fugen zu bringen drohen, wenigstens vom Körpergefühl her, und weil der Rucksack über den zusätzlichen Kleidungsstücken der leichten und dünnen Jacke und des fadenscheinigen Schals einen Zug aufs Gewebe ausübt, dessen Folgeschmerzen auch nicht über kurze Zeiträume hinweg auszuhalten sind. Diese saisonbedingten Umstände liessen über die Jahre die Vogelfotografie an den zwei Fenstern desto stärker, für Unbedarfte wohl bereits überstark ausbauen, sowohl materiell durch sporadisches Changieren und Ergänzen der Aststücke wie praktisch durch Intensivierung der Fotozeiten und Erprobung neuer Auslöseverfahren, die die Zeiten des Lauerns erst verlängern liessen; in keinem Moment muss eine Hand oder ein Arm eine Kraft ausüben, und niemals wird auf sie eine solche ausgeübt.

Im zehn Jahre alten Arm waren Schmerzen, die durch Fehlverhalten entstanden waren, jeweils so intensiv und urplötzlich, wie sie sich auch schnell wieder verzogen. Erst dieses Jahr nach dem Besuch des Säntis am 10. März zeigten sie sich anders, indem sie erst nach einer Woche zu verschwinden begannen. Obwohl nicht extrem belastend, blieb seitdem dieses Neue, dass einmal eingesetzte Schmerzen mehrere Tage brauchten, um wieder abzuklingen. Vor zwei Wochen schien es eindeutig und klar, dass in der Konstruktion eine Veränderung stattgefunden hat, sei es in den fast parallelen, vergabelten Knochenteilen selbst oder an einer Verankerung der Titanteile. Indes dünkte es mich ausgeschlossen, dass irgendeinmal irgendwo, auch nicht im Schlaf, ein Schlag auf den Arm geschehen wäre. Aber ebenso eindeutig schien es, dass der Schmerz aus dem Knochen käme. Um so grösser das Staunen, dass er alsbald nicht nur in der Schulter, sondern auch im Unterarm und in den mittleren Rückenpartien sich zu melden begann. Also hörte ich mit dem Fotografieren auf und beobachtete bei der letzten Fotobearbeitung vor einer Woche am Computer, wie sowohl das Sitzen einen Druck auf die Schulter und einige Schmerzpunkte ausübt wie auch der Einsatz der linken Hand Drehungen im Unterarm auslöst, die wiederum Wirkungen auf die angehäuften Schmerzpunkte ausüben (aber das Schreiben der linken Hand auf der Tastatur war auch vorher nur immer vorübergehend möglich).

Eine Armschlinge in der Wohnung zu tragen ist kein Problem, und sie hilft, nicht zuletzt beim Schreiben, weil sie den linken Arm dann gänzlich von jeder Aktivität abhält. Doch beim Liegen hilft sie nicht, und in dieser Körperhaltung sind die Schmerzen gleich stark wie beim Sitzen, Gehen und sonstigen Hantieren in der Wohnung. Es findet sich eine Tennisarmbandage, die vor zehn bis zwölf Jahren im Einsatz war: siehe da, mit Mühe dem Unterarm verpasst, löst sie sofort eine wohlige Linderung aus, im ganzen Arm und in der ganzen weiteren Schulterumgebung. Das macht stutzig, so dass alle Seiten des Internets nach dem Phänomen des Tennisarms abgegrast werden, auch wenn niemals vergleichbare Bewegungen wie bei einer sportlichen Aktivität im Spiele waren. Immerhin, scheinbare Knochenschmerzen können auch aus dem Gewebe stammen, durch Degenerierung der Muskeln und altersbedingte Verkürzung der Sehnen, nur in Extremfällen ergänzt durch lokale Entzündungen. Da man therapeutische Empfehlungen bekanntlich auf die eigenen Verhältnisse anpassen kann, suche ich nach Möglichkeiten, die grossen Sehnen zu dehnen und die Muskulatur aus einer Verkrampfung zu lösen. Ich nehme eine leere Dose zur Vogelfutterausschüttung, 12 cm hoch mit 9 cm Durchmesser, drücke so fest wie möglich, hebe leicht durch Beugung des Ellenbogens den ganzen Unterarm – und habe die therapeutische Lösung sofort gefunden! Diese Praktik lässt sich nicht nur sitzend, sondern auch stehend, gehend und im Liegen durchführen, ohne Hektik und trotzdem mit ständig spürbarer Wirkung. Nach einem halben Tag zeigt sich die Wirkung nachhaltig, also beständig über den Zeitraum der eigentlichen Übung hinaus. Ob sie nun nach jedem Fotografieren oder Schreiben an der Tastatur angereizt werden muss, wird sich zeigen. Stressige medizinische Untersuchungen scheinen jedenfalls wieder einmal glücklich umgangen worden zu sein.

Kyburz: A travers, Touché

1. Juni 2012 um 3:59 Uhr von ur

Gestern Abend live auf France Musique Concert donné le 5 mai 2012 avec Cornelia Horak, Soprano, Daniel Kirch, Ténor, Alain Damiens, Clarinette, Jean-Guihen Queyras, Violoncelle, Orchestre Philharmonique de Radio France, Lothar Zagrosek, Direction.

Robert Schumann, Manfred Op.115, Ouverture (1848,1849).

Hanspeter Kyburz, A travers (1999).

Robert Schumann, Concerto en la mineur Op.129 (1850).

Hans-Peter Kyburz, Touché (2006).

Die zwei Stücke von Hanspeter Kyburz wirkten selbstgenügsam und ganz ohne Drang, in neue musikalische Welten vorzudringen. Die Musik erscheint wie für ein nobles Publikum der herkömmlichen Oper herausgeputzt und geglättet, ohne je ein Stadium durchlaufen zu haben, in dem es etwas zu glätten gegeben hätte.

Haddad, Leroux, Adamek

28. Mai 2012 um 20:22 Uhr von ur

Soeben auf France Musique Concert donné le 15 Mai 2012 au Conservatoire à rayonnement régional (CRR) de Paris – Auditorium Marcel Landowski. Production de l’Ensemble 2e2m.

Saed Haddad, The sublime, Pour piccolo, 2 clarinettes, cor, trompette, trombone, piano, clavecin, célesta, 2 percussions, violon, alto, violoncelle, contrebasse. – Ein spannendes kleines Stück, enthaltend zwei überzeugende Passagen mit Kuhglocken. Nicht auf Neues vorwärtsdrängend, das Gefundene um so besser in abwechslungsreiches Licht rückend. Die Musik erscheint dramatisch, aber die Kompositionsweise ist es in diesem Stück noch nicht: ein Kammerorchester spielt gute Musik für grosses Orchester.

Philippe Leroux, Ailes, Pour baryton, flûte, hautbois, 2 clarinettes, basson, cor, trompette, trombone, piano, percussion, 2 violons, alto, violoncelle, contrebasse. – Viel Können ist im Hintergrund spürbar, aber der Bariton wirkt aufdringlich und penetrant, wenn nicht gar ekelhaft geschwätzig. Da mir die Musik selbst nicht schlecht gefällt, träume ich von einer Konzeption mit einem Glarner Hirtenmädchen. Ich war einmal mit einer solchen eine schwangere Kurdin herüberführen, das war schön.

Ondrej Adámek, Dîner, Pour peintre, flûte, clarinette, cor, trompette, harpe, percussion, sampler/piano, 2 violons, alto, violoncelle, contrebasse. – Gesendet wurde das dreissigminütige Stück auf 17 Minuten gekürzt, weil es zu viele rein akustisch nicht zu verstehende szenische Elemente enthält. Die solcherart entschlackte Musik wirkt wie ein Reportagesound über ein Ergotherapieseminar. Ich musste mal in Montana auf einem Kinderstühlchen sitzend die nackten Zehen nach links drehen, zwanzig Zentimeter über dem Boden, dann nach rechts. Ich nahm sofort Reissaus bis ins Weite zu den Eichhörnchen, vollbepackt im Körbchengips.

Marco Stroppa: Re Orso

22. Mai 2012 um 5:20 Uhr von ur

Gestern Abend direkt live auf France Musique aus der Opéra Comique, Paris, Re Orso von Marco Stroppa.

Grandios komponiertes Singspiel, von dessen Inhalt ich keine Ahnung habe, ausser dass das Libretto aus dem 19. Jahrhundert stammt und aus einer Phantasie übers Altertum bestehen soll. Beeindruckend, wie an einzelnen Stellen die Expressivität der theatralen, traditionell opernhaften Singstimmen von der Elektronik aufgenommen und über die Spitze des Möglichen hinausgetrieben wird.

Nach einer halben Stunde zitathafte Anspielungen, auch in biederer Tonalität mit vorüberziehender Langeweile: an Brecht/Weill konnte man denken, inklusive gestopfter Trompete (wie ich diesen Sound hasse…), aber mehrmals in kleinen Passagen oder blossen Wendungen auch an Zappa.

Nach 40 bis 45 Minuten im Anfang des zweiten Aktes fast zehn Minuten lang zappalachische Musik, dann ein Bruch mit anschliessender elektronischer Tonleiter, die einen zur Besinnung bringen soll, glockenschlagerisch. Incipit Papa von Rom et al.: „Ego te absolvo.“ Irgendetwas Tragisches musste vorgefallen sein, das jetzt seine Verklärung erfährt. Warum ich als Zuhörer davon in Kenntnis gesetzt werden soll, weiss ich nicht – und brauche es auch nicht zu wissen. Die Stimmen singen quasi metaopernhaft, und endlich geschieht der Übergang in eine elektronische Stimmung, in der die Idee der alten Oper nur noch wie Meeressedimente aufscheint. Das Stück endet in einem Gang durch ein paläontologisches Museum, im Einerlei irgendwelcher Fundstücke, in einer Luft, als ob mein Vorfahre Rütimeyer zu Basel immer noch Darwin anzumahnen vermöchte, dem Antichrist nicht voreilig zu viel Platz freizuschaffen.

Darauf folgte eine Coda mit Solostimme, Akkordeon und dezenter Hintergrundelektronik, die die Oper sinnvoll und schön abrundete, auch ohne dass ich von ihrer inhaltlichen Notwendigkeit etwas mitbekommen hätte. Im Studiogespräch eine Viertelstunde später sagte der Komponist, das Akkordeon stünde für die Stimme oder die Stimmung des Volkes; man spielte zwei Stücke ab Platte, ein interessantes mit Orchester und ein Klavierstück, das einem Hang zur Tonalität offenbar nicht zu widerstehen vermag.

Vincent Carinola

14. Mai 2012 um 20:14 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le jeudi 10 mai à l’Auditorium Antonin-Artaud d’Ivry-sur-Seine, dans le cadre du festival Extension, OEuvres de Vincent Carinola (né en 1965).

Appel (bande seule, 2011)

Klothein, pour harpe (2006), Nathalie Cornevin, harpe

Un artiste du trapèze, pour violon et clarinette (2011), Anne Mercier, violon, Eric Porche, clarinette

Toucher, pour thereminvox, ordinateur et dispositif de diffusion 6 canaux (2009), Claudio Bettinelli, thereminvox

Le Contorsionniste, pour violon, clarinette, harpe, percussion et électronique (2011), Anne Mercier, violon, Eric Porche, clarinette, Nathalie Cornevin, harpe, Claudio Bettinelli, percussion

Devant la loi, pour violon et dispositif électroacoustique (2005), Anne Mercier, violon

Un équilibriste, pour harpe et vibraphone (2011), Nathalie Cornevin, harpe, Claudio Bettinelli, vibraphone

Tourmaline, pour clarinette (2009), Eric Porche, clarinette

Parade, pour violon, clarinette, harpe et percussion (2011), Anne Mercier, violon, Eric Porche, clarinette, Nathalie Cornevin, harpe, Claudio Bettinelli, percussion

Enno Poppe gestern hatte pas mal von Erinnerungsstücken aus der Fernsehkinderwelt gezehrt – hier aber bei Vincent Carinola erlebte man das Kindische hautnah und beinahe unaufhörlich, immerhin dann unterbrochen, wenn keine Elektronik im Spiel war. „Mein armer Kopf!“ Soll man Bud Spencer zitieren oder geradewegs DRS2 erwähnen?

Zusatz: Devant la loi hat mir nicht schlecht gefallen, als hätte ein anderes Wesen eine schützende Hand übers Schreiben gehalten.

Enno Poppes IQ

14. Mai 2012 um 5:18 Uhr von ur

Gestern auf SWR2 Schwetzinger Festspiele 2012:

Enno Poppe: „IQ“, Testbattarie in 8 Akten, Libretto von Marcel Beyer.

Klangforum Wien, Musikalische Leitung: Enno Poppe, (Uraufführung vom 27. April).

Ein kindgerechtes Fernsehcabaret der 1970er Jahre. So nervig, dass ich nicht einmal eingeschlafen war.

Tan Dun, Claude Debussy

11. Mai 2012 um 3:32 Uhr von ur

Gestern Abend auf France Musique live direct du Théâtre du Châtelet: Fabrice Moretti, Saxophone alto*, Anssi Karttunen, Violoncelle**, Patrick Messina, Clarinette***, Orchestre National de France, Tan Dun, Direction.

Claude Debussy, Rhapsodie N°2 en mi bémol majeur L 104 (1901, 1908)*. – Das schlechteste Werk von Debussy.

Tan Dun, Intercourse of Fire and Water (1994)**

Claude Debussy, Rapsodie N°1 en si bémol majeur L 116 (1909,1910)***.

Tan Dun, Death and Fire, Dialogue de Paul Klee (1992), 1- Portrait, Insert 1- Animals at full moon, Insert 2- Senecio, Insert 3- ad Parnassum, 2- Self portrait, Insert 4- Twittering Machine, Insert 5- Earth Witches, Insert 6- Intoxication, Insert 7- J.S Bach, 3- Death and Fire.

Tan Dun schreibt eine Musik, die als eine Herausforderung wirkt, der man sich ohne weiteres Murren stellen sollte. Beide Stücke irritierten mich stellenweise, weil es mich dünkte, die Musik würde fast hundert Jahre zu spät geschrieben worden sein, und Ignoranz gegenüber dem, was musikalisch an der Zeit ist, scheint mir der gesellschaftlichen Ignoranz überhaupt gleichzukommen. Die kompositorische Kraft zeigt sich indes in allen Partien, so dass der Kick in eine noch ungehörte musikalische Welt ungetrübt genossen werden kann.a

Lanza, Monteverdi, Traversa, D’Angiolini, Bulfon

7. Mai 2012 um 20:04 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 5 avril au Quartz de Brest, Ensemble Sillages.

Mauro Lanza (né en 1975), La Bataille de Caresme et de Charnage (2012, création). – Lieber nicht noch einmal hören müssen. Wer nie ausserhalb der Stadt war, schätzt vielleicht die erste Begegnung mit Geräuschen des Holzsägens. Berlusconimusic.

Claudio Monteverdi (1567-1643), Se i languidi miei sguardi (Lettera amorosa), extrait du VIIe Livre de Madrigaux). – 56 Minuten Monteverdi, und das Konzert wäre gerettet gewesen.

Martino Traversa (né en 1960), Manhattan Bridge – 4:30 am (2008). – Das Stück hat mir von der ersten Sekunde an bis zur letzten sehr gut gefallen, aber die Musik erscheint mir alt und mutlos.

Giuliano D’Angiolini (né en 1960), Ho visto un incidente (1991) pour voix seule. – So phantasiere ich, wenn der Weg über eine mehr oder weniger steile Geröllhalde führt. Alles hübsch, aber ohne Zugang zum Allgemeinen.

Stefano Bulfon (né en 1975), Die Art des Meinens (2012, création, commande de l’Etat pour l’ensemble Sillages). – Man sollte aufhören, Walter Benjamin zum Gespenst zu machen. Er war ein gewöhnlicher Bürger der Philosophie, und man kann zu seinen Statements sowohl positiv wie negativ klar Stellung nehmen.

Ligeti, Murail, Messiaen, Benjamin

4. Mai 2012 um 21:19 Uhr von ur

Soeben direkt live auf Bayern 4 Veranstaltung der musica viva, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung: George Benjamin, Solist: Pierre-Laurent Aimard, Klavier.

György Ligeti: „Lontano“

Tristan Murail: „Le désenchantement du monde“ (Uraufführung). – Das Werk zeigt sich wie ein musikalischer Offset-Druck der Musiksoziologie von Max Weber, „Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik“, einer kurzen Schrift, die als Zusatz ganz anders als die ökonomischen Studien dasteht. Grandios in Murails Musikstück ist die Entfaltung des fragwürdigen, irritierenden Anfangs zum beeindruckenden langen Ende. Murail hat den Bann gebrochen, unter dem die Lektüre jenes Werkes Webers zu einer Apologie der Papiermusik von Richard Strauss führen musste.

Olivier Messiaen: „Réveil des oiseaux“

George Benjamin: „Palimpsests“. – Obwohl diese Stück nichts mit Max Weber oder dem eben gehörten Werk von Murail zu tun hat, darf in diesem Zusammenhang gesagt werden, dass die Lektüre der wenigen Seiten von Webers Musiksoziologie einem Entziffern eines Palimpsests nicht wenig ähnelt, weil in ihnen die Werke der Musik statt als lebendiger Ausgangspunkt der Analyse nur wie längst begrabene erscheinen.

Ein Luxuskonzert, gar wunderschön: Es sollte jede Woche an einem Ort in Europa oder anderswo ein so exquisites Programm gespielt werden, das direkt live oder zeitlich versetzt auf allen Kabelnetzen abgehört werden könnte.

Donatoni, Borowski, Boulez, Schönberg

30. April 2012 um 20:37 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert donné le 22 mars 2012. Coproduction Cité de la musique, Ensemble intercontemporain, George Benjamin, Direction.

Franco Donatoni, Tema pour 12 instruments (1982)

Johannes-Boris Borowski, Second, Création française

Pierre Boulez, Éclat/Multiples pour 25 musiciens (1965)

Arnold Schönberg, Suite op.29 pour 7 instruments (1925,1926)

Die Stücke von Boulez und Schönberg sind faszinierend wie eh und je, die anfänglichen Reststücke des Abends: miserere mihi! Die gute Musik treibt im Einzelstück sich selbst über sich hinaus und stellt dabei immer die Frage: bin ich das Neueste oder wäre an Neueres zu denken in diesem Moment hier und jetzt?

Zusatz: Kann man bei diesem speziellen Stück von Schönberg im Ernst sagen, dass es in dem Sinne progressiv sein will, dass es über sich selbst hinaus weist und von der Möglichkeit und Unmöglichkeit einer noch besseren Musik träumen lässt? Man hat in der Programmierung mit Schönbergs Suite eher an Donatoni und Borowski gedacht als an Boulez… (Boulez hätte der Dirigent sein sollen, scheint mit einem Auge aber am gerechten Blinzeln verhindert gewesen zu sein.) Adorno indes hörte das Stück 1928 ziemlich progressiv: „Die Neigung zu den bestehenden Spielformen, zum rondohaften Wesen vor allem, wirkt weiter; jedoch die Leichtigkeit des Spiels ist wieder die des Pierrot geworden. Zugleich aber und entscheidend erfolgt der Durchbruch in eine völlig fremde konstruktive Phantasieregion.“ (AGS 18, 359) Ein Jahr später betrachtet er es leicht weniger euphorisch, weil die „Spielcharaktere“, also die quasi frei phantasierten Formen, noch an eine Symmetrie gebunden erscheinen.(368) Bis am Schluss des Lebens gilt es ihm als Ausgangspunkt Schönbergs dafür, „das ganze musikalische Material umzupflügen“. (445: 1955/1967)

Habermaswettbewerb

25. April 2012 um 2:13 Uhr von ur

Ich sitze auf dem Dorfplatz in Frankfurt mit Kopfsteinpflaster, also Gegend des Römers, einer von vielen in einer offenen Beiz, jeder an einem eigenen Tisch mit vielen Papieren, um die runden Tischchen herum Beratertroupeaus. Wir sind Kandidaten und Kandidatinnen eines Wettbewerbes, und jeder hat eine eigene Aufgabe, gestellt von einer Zeitung zusammen mit einer öffentlichen Persönlichkeit. Bei mir wurde, aus Zufall eher als durch Adressierung, die Frage von Habermas formuliert, quasi gesponsert durch Die Zeit. Ich habe Mühe, im Haufen der Papiere einen unbeschriebenen Schreibblock zu finden, jemand hilft, und die Arbeit beginnt. Der Text von Habermas hat es in sich, aber ich bin gut gelaunt, mache Notizen. Daraus wird eine Liste, von der mir schnell klar wird, dass sie mich zu Fall bringt, weil durch diese Hilfsarbeit zu viel Zeit vergeudet wird. Es entsteht ein Towoobahoo, und bald bin ich zwanzig Meter über dem Boden, von einer langhaarigen Blonden wie das Raubopfer eines Adlers in den Klauen festgehalten, sie selbst an der Leine eines Helikopters festgemacht. Ziemlich viel materieller Aufwand, für eine studentische Aktion, kommt es mir in den Sinn, den Wettbewerb haben sie jetzt schon verunmöglicht … und meine Schulter? Der Traum bleibt in dieser Frage schwankend, ob das Ganze im Heute geschieht oder 1992. Eindeutig ist nur, dass die Brille irgendwo auf dem Boden liegt und wohl jetzt schon zertreten ist.

Gestern ein Bild in der Zeitung angestarrt, der junge Axel Springer, und dabei gedacht, man muss doch ziemlich ein Schweinehund sein, wenn man das Leben meistern will.

Am Abend auf Bayern 4 Debussys Pelléas et Mélisande mit dem Orchestre de Paris, Leitung: Louis Langrée, Aufnahme vom 15. April 2011 im Théâtre des Champs-Élysées, Paris. Ich sehe keine Spuren dieses Werks im Traum, auch wenn ich während des Schreibens jetzt, seit dem Aufwachen, mit Genuss wieder mitten in dieser Musik stecke. Zum ersten Mal hat mir der letzte Akt eingeleuchtet: er wird in einer szenischen Darstellung leicht zum Problem, weil er zu viel an Äusserlichkeit enthält, die den Gehalt, der nur auf Inneres zielt, förmlich wegdrückt. Hört man nur die Musik, sind auch die Stimmen mit den Worten folgerichtig und nichts Aufgesetztes.

Endlich wieder klassisch

23. April 2012 um 14:53 Uhr von ur

Soeben von Sursee mit der SBB Bern an 15.00 Uhr, auf der Brücke die Ansage endlich wieder in der klassischen Form, also mit der Erwähnung des Anschlusszuges Bern ab 15.08 Uhr Richtung Bümpliz Nord und Neuchâtel auf Gleis 12 A. Man musste lange warten bis zur Wiederholung der Zugeinfahrt in Bern mit Wärme im Herzen, exakt 14 Monate mit 56 regulären kalten Montagseinfahrten. Wie das wohl gekommen ist, dass da ein Bähnler Erbarmen aufzubringen vermochte? Das Klassische hat es schwer, heutzutage – aber es wird bemerkt, geschätzt und gewürdigt. (Blogzeit hier nicht Sommerzeit.)

Von Zappa her

22. April 2012 um 4:40 Uhr von ur

Gestern Abend abruptes Reissausmehmen von France Musique und der Oper des Henri SAUGUET : La Chartreuse de Parme, Concert enregistré le 10 février 2012 à l’Opéra de Marseille, opéra en 4 actes, livret d’Armand Lunel, d’après l’œuvre de Stendhal, Uraufführung à Paris, Palais Garnier, le 20 mars 1939. Beginn nach einer halbstündigen Einführung mit der Direktorin der Neuinszenierung Renée Auphan um 19.30 Uhr.

Nach der Spätabendfütterung der Wildhühner auf beiden Fenstersimsen im Sturmregen mürrisches Einsteigen auf Espace 2 auf das gleichermassen unbekannte Werk „Le Poète“ von Levko KOLODUB, opéra en 2 actes du compositeur ukrainien enregistré le 27 janvier 2011à l’Opéra de Kharkov sous la direction de Vitalyi Kutsenko. Da die Einführung durch den Ansager verpasst und die Oper russisch gesungen wurde, musste das Werk des unbekannten Komponisten, über den das Internet noch keine Auskunft gibt ausser derjenigen, dass er noch lebt, rein musikalisch verfolgt werden. Wenn man dem ästhetischen Drängen nicht nachgibt, die Musik historisch einzuschätzen und sie folglich als Unterhaltungsmusik akzeptiert, dünkt sie mich ausserordentlich gut gemacht, trotz der Ortungslosigkeit und der Ignoranz gegenüber den Materialständen des 20. Jahrhunderts keineswegs ohne Faszination: ich höre sehr gerne zu und habe während der zwei Stunden für keinen Moment Gefühle der Abneigung oder Eindrücke des Lächerlichen. Der russische Folklorismus ist sehr stark zurückgehalten zugunsten von Momenten, die mir eindeutig bei Frank Zappa gehört erscheinen, nicht Melodien, sondern kompositorische Wendungen mit den eigentümlichen rhythmischen und harmonischen zappaesken Besonderheiten. Von Zappa her kommt diese Musik, passagenweise, indes bleibt sie in allen Winkeln sowohl frei vom Rock und, wichtiger, völlig frei von Gershwin und Bernstein.

Im Zuge der Globalisierung muss man sich darauf gefasst machen, dass musikalische Werke teils unnötigerweise in heldinnenhafter Ausgrabung neu aufgetischt werden und nur Parfumdüfte der Bigotterie verströmen, teils aus Gegenden einen Weg zu unseren Ohren finden, die noch keine Chancen hatten, in den Lehrinstanzen, von denen es bekanntlich ganz unterschiedliche gibt, die grossen europäischen KomponistInnen des 20. Jahrhunderts zu vermitteln. Die Stellung dieser Werke zur Kunst einerseits, zur Kulturindustrie andererseits, bestimmt das Mass des Interesses, das sie auszulösen vermögen. Ich bin nicht gespannt auf das Gesamtwerk von Levko Kolodub, aber einige seltsam schöne und mit Interesse zu hörende Stücke dürfen sicher noch erwartet werden.