Arditti: Manoury, Verunelli, Ferneyhough

3. September 2012 um 20:12 Uhr von ur

Soeben auf France Musique Concert enregistré le 10 juin à la Cité de la Musique de Paris, dans le cadre du festival ManiFeste, Arditti Quartet, Irvine Arditti, violon, Ashot Sarkissjan, violon, Ralf Ehlers, alto, Lucas Fels, violoncelle.

Philippe Manoury (né en 1952), Stringendo, premier quatuor à cordes. – Eine hübsche Petitesse, etwas simpel und eher tonal als zeitgenössisch gedacht, ein Stück zum Apéritif, das niemandem den Magen schwer macht. Die Idee der Schleifen und später gleichwie der gespitzten Pizzicati wirken wie eine leichte geistige Schlagseite, zu der man aber lieber zustimmend lächelt als dass man sich zum Abwenden entschliessen wollte. Diese Formelemente stossen nichts an und scheinen mit nichts anderem in Beziehung zu stehen – eben weil sie aus einem tonalen Denken entsprungen sind wie gelangweilte Museumsstücke.

Francesca Verunelli (née en 1979), Unfolding pour quatuor à cordes et dispositif électronique, Olivier Pasquet, réalisateur informatique musicale Ircam. – Schade drum: zu sittsam zeitgenössisch, zwar vorwärtstreibend, aber so, als ob man alle flatterhaften Bewegungen schon zu oft vernommen und also z’grechtem verinnerlicht hätte.

Brian Ferneyhough (né en 1943), Quatuor à cordes n° 6. – Warum ist dieses Stück gut? Uff, schwierige Frage, aber gut ist es. Es enthält viele kleine Formelemente, die gegeneinander gespielt werden, so dass man sie mit Spannung verfolgt, in der Annahme, es würde sich aus dem Spiel ein grösseres Ganzes ergeben. Das könnte man auch zu den Streichquartetten Mozarts sagen, aber durch die Nutzung der zeitgenössischen Standards, und dies in künstlerischer Vollendung…, ist der Fortlauf des Stückes jederzeit nach jeder räumlichen Richtung hin offen und eine Spannung von Anfang bis übers Ende hinaus, das einen übers gesuchte Ganze ins Bild setzen würde, garantiert.

Wittener Tage für neue Kammermusik

30. August 2012 um 21:17 Uhr von ur

Soeben live auf SWR2 Konzerte der Wittener Tage für neue Kammermusik vom 27. – 29. April 2012 im Saalbau in der Rudolf Steiner Schule und im Märkischen Museum Witten.

Marko Nikodijevic: gesualdo dub/raum mit gelöschter figur (2012), Musik für Klavier und Ensemble, Pauline Post (Klavier), ASKO-Schönberg-Ensemble, Leitung: Reinbert de Leeuw

Mauro Lanza: Der Kampf zwischen Karneval und Fasten (2012) für 2 Streichquartette, Arditti String Quartet, JACK Quartet

James Clarke: 2012-S (2012) for two string quartets, Arditti String Quartet, JACK Quartet

Stefan Wirth: Enallagai (2012) für Ensemble, Collegium Novum Zürich, Leitung: Titus Engel

Giacinto Scelsi: 4 Incantesimi (um 1973) für Stimmen, Bläser, Schlagzeug, Klavier und Ferninstrumente, WDR Rundfunkchor Köln, WDR Sinfonieorchester Köln, Experimentalstudio des SWR, Leitung: Rupert Huber

Klaus Ospald: Sopra un basso rilievo antico sepolcrale (2008-09/2011) für Chor, Basstuba, Schlagzeug und Live-Elektronik, WDR Rundfunkchor Köln, Hans Nickel (Tuba), Schlagquartett Köln, Experimentalstudio des SWR, Leitung: Rupert Huber

Brave neue Musikstücke ohne Ambition, etwas in den Dingen weiterzutreiben. Am besten angekommen zwischen meinen Ohren ist gesualdo dub von Nikodijevic, am schlechtesten die Moderstücke Scelsis.

Arnulf Herrmann: Wasser

29. August 2012 um 15:37 Uhr von ur

Gestern auf Bayern 4: Arnulf Herrmann, Wasser, Musiktheater in 13 Szenen, Libretto von Nico Bleutge, mit Sarah Maria Sun, Boris Grappe, Sebastian Hübner, Jörg Deutschewitz, Georg Gädker, Tobias Schierf, Schola Heidelberg, Ensemble Modern, Leitung Hartmut Keil, Aufnahme vom Juni 2012 an der Münchner Biennale.

Die Designeroper Wasser zeigt schnell schon ihre problematischen Seiten im thematischen Gehalt und in der musikalischen Sprache. Eine eigentümliche Schönheit verzaubert, indem gruppierte Signaltöne nicht nur als gehörte Zeichen auf eine Deutung pochen, sondern durch mikrotonale Minimalabweichungen als aufgespaltene, nichtsdestotrotz einheitliche Formgebilde wirken, die ihre Plätze sowohl im hohen wie im mittleren und sehr tiefen Tonbereich einnehmen. Neben ihnen existiert nur noch ein einziges weiteres Formgebilde, simple Tonreihen, die wie Luftblasen im Wasser nur aufwärts zum Zuge kommen. Der kompositorische Reduktionismus ist deswegen fragwürdig, weil durch ihn das Hören einfach zu schnell auf eine Metaebene abgleitet, wo es sich in zunehmendem Masse missmutig fragt, was solche exceptionelle Schönheit soll, reine aufsteigende Tonleitern, die zwischen reine Kleingruppen von Tönen gestellt sind. An die Diversität von Rückgriffen auf die Tonalität hat man sich längst gewöhnt und befürwortet tapfer die Meinung, nicht alle gerieten ins Fahrwasser des Neoklassizismus. Das Problem ist anders. Es ist nicht die Schönheit in den einzelnen Klängen, die nervt, weil sie nur durch den Bezug zur Tonalität ermöglicht wird, sondern die Weigerung, in dieser aus dem Archiv reaktivierten Tonsprache Bewegungen und Alterationen zuzulassen. Wie der restringierte Code eines Ungeistes nur immer sagen kann und vom Anderen gesagt hören will, dass etwas gut sei oder schlecht, vermeidet Herrmanns Kompositionstechnik jedes Modulieren oder Abdriften in unvorhergesehene Gebiete, um ja nicht den Anschein zu erwecken, es könnte ein Teil des Werkes oder gar mehrere Momente anders sein als schön. Erst nach dem Verklingen dieses neuesten Stückes aus der Sparte Musiktheater hat man das Gefühl, eine Stunde lang frommen MusikantInnen zugehört zu haben, die erst gerade gelernt haben, diejenigen Noten auf ihren wunderschönen Instrumenten zu spielen, die ausser einem kleinen, mikrotonalen Pfeil nach oben oder unten noch keine Vorzeichen nötig haben. Gleich wie in der Musik fühlt man sich auch beim Erzählgeschehen wie an der Nase herumgeführt, und auch hier missfällt ein eigentümlicher Ästhetizismus. Wegen der genannten zwei Formgebilde sah ich mich ständig verführt, an Selbstmordphantasien zu denken, gegen die ich insbesondere in den Träumen zu kämpfen habe – gerade wie dann auch wieder in der Nacht nach dem Konzert. Doch nichts im Vokabular, dem man lauscht, gibt einem Hinweise, in welche Richtung zu denken wäre, denn es ist von Anfang bis zum Schluss, der nicht musikalisch, sondern mit dem auf der Bühne gesprochenen Wort „ausgezeichnet“ beschlossene Sache ist, eines aus der Welt der Dekoration und der willkürlichen Werbung. Statt das kritische Bewusstsein in Schwung zu setzen und das Nachdenken über existentielle Fragen anzuheizen, schläfert diese Oper ein. Das Leben immer schon nur als vergangenes, seine Geschichten Sedimente in einem Tümpel.

Zimmermann: Die Soldaten

25. August 2012 um 20:39 Uhr von ur

Soeben live auf Ö1 Bernd Alois Zimmermann, Die Soldaten, Oper in 4 Akten, Ensemble Scala Mailand (?), Wiener Philharmoniker, Dirigent Ingo Metzmacher, aufgenommen am 20. August 2012 in der Felsenreitschule im Rahmen der Salzburger Festspiele.

Wenn andere Leute neuerdings der Meinung sind, dieses Werk sei das beste musiktheatralische Stück, die beste Oper des 20. Jahrhunderts, schliesse ich mich ihr nach dieser unüberbietbaren Interpretation in einer perfekten, unter Kopfhörern und ohne Bild bis ins letzte Detail duchhörbaren Aufnahmetechnik bedingungslos an. Kein Moment, wo man nicht mit höchster Aufmerksamkeit der Musik und den erzählerischen Ereignissen nachspüren wollte.

Das Problem dieses Meisterwerks ist allein der Titel, der eine falsche Fährte legt und einem mit der Welt der bösen Militärsoziologie und des regressiven Kriegsfilms droht. Mit dem Titel Marie, den der Internationale Musikrat IMC rechtskräftig zu beschliessen hätte, wäre die alte und innere Nähe zum Wozzeck wiederhergestellt und sowohl das Missverständnis wie der Missmut in der Erwartungshaltung des allgemeinen, noch nicht informierten Publikums endlich aus dem Weg geräumt.

Postüberfälle

22. August 2012 um 23:49 Uhr von ur

Ich wache auf, weil es sich nicht mehr weiter verheimlichen lässt, dass ich an mindestens einem schweren Postüberfall mit Gewalt mitbeteiligt war, in einer Szene nicht ohne surrealistischen Beigeschmack, wo ich in weiter Ferne einen Vogel ausmache, der sich an einer Hausmauer tarnt und der mir gehört.

Dummes, knechtisches Unbewusstes, das nicht wahrhaben will, dass man einen brennenden Arm haben kann auch ohne Schuldursache!

Schamanismus

21. August 2012 um 11:38 Uhr von ur

Es kann vorkommen, dass sich einem ein eigener Körperteil verändert und es einem lange Zeit verborgen bleibt, in was für eine Zielgerade der eigenmächtige Prozess schon eingespurt ist. Und es kann vorkommen, dass einem dabei Titanstäbe zu erscheinen beginnen wie Brennstäbe in Tschernobyl oder Fukushima, nicht mehr als Materialien, die für einen geschaffen wurden und da zur eigenen Energieumsetzung sein sollten, sondern als eigentliche Momente einer Logik des Zerfalls. Gestern betrat ich spontan eine Apotheke und kaufte mir anstelle einer flüssigen Droge aus dem Wallis eine Tube Crème, nach einer guten Beratung Hemeran von Novartis. Schnell nach Hause, der Arm wie seit langem ein Mal mit dem Handgriff am Hosengurt arretiert, ein anderes aufs Einbeinstativ gelegt, das durch die Riemenhalterung gestossen ein Tragen des Rucksacks ohne jede Schulterauflage erlaubt. Nicht nur klappt der Aufstrich auf das monströse, verfärbte Gebilde, das kein uneingeweihter Arzt ohne Schock zu beäugen vermöchte – nein, nach zwei Sekunden ist der Vulkanausstoss ausgebremst. Das Mittel wirkt, und zwar wie ein unverhofftes Zaubermittel, an dessen Existenz keiner je gedacht hätte, ein scheinbar vernünftiges Ich wie meines seit Beginn des Verfallganzen auf dem Säntis vor einem halben Jahr jedenfalls nie. Doch wo liegt der Zauber verborgen? In einer Substanz, in einem exzentrischen, schamanistisch überbegabten Menschen der Forschung oder in der Logik der Forschung insgesamt, die man nur lange genug ihrem Treiben überlassen muss, um alle Erfindungen und Entdeckungen geniessen zu können, die die Menschheit sich wünscht? Der Name Novartis, den man wegen der schieren Grösse dahinter nur in kritischem Sinne auszusprechen gewillt ist, bekommt in einer solchen Situation des Glücks eine eigentümliche Färbung, die auch auf die Gesellschaft im ganzen von ihrem Glanz verschenkt: dem gewöhnlichen Bürger ist es nicht durchschaubar, wie die Finanztransaktionen der grossen Wirtschaftskomplexe funktionieren, aber nur sie schaffen sporadisch und als Zusätze Bedingungen, in denen neue medizinische Materialien aufgespürt werden können, auf die heute viele mit trüber Sehnsucht nur zu schielen wagen.

Zusatz nach vier Tagen: Die Wirkung der Salbe besteht weniger im Dämpfen der Schmerzen als im Erzeugen eines wüsten Ausschlages.

Zusatz vier Wochen später

1. August Gurten

2. August 2012 um 9:16 Uhr von ur

Als ich in der Spätdämmerung gestern zum Fenster hinausschaute, sah ich just über dem Gurten den Vollmond. Gibt es dieses Jahr ein Feuerwerk? Teufel, direkt unter dem Vollmond? Ich machte trotz launigen Widerständen die Kamera bereit, auf dem Einbein, das sich auf den Sims stellen lässt, weil der Gurten nur wenig rechts am Ende des Indermühlewegs steht und also nicht fotografisch aus dem Fenster heraus erreichbar wäre. Viertel vor zehn, zehn Uhr, nichts, ausser dass sich eine fette Wolkenschicht vor dem Mond plaziert. Je nun, gibt es halt ohne Mond als Fingerübung ein paar Feuerwerksbilder. Doch nein, es geschieht nichts, und in den letzten Jahren hatte es auch nicht jedesmal eines gegeben. Als das Fribourger Gewitter Bern erreichte, nicht ohne Windböen, dachte ich, dass bei sochen Verhältnisse sowieso aus keiner Kanone gefeuert würde. Es war zwanzig nach zehn Uhr, und ich erwachte erst um vier Uhr wieder. Dann las ich in der Zeitung, dass ein halbstündiges Feuerwerk zehn Minuten nach meinem Abbruch stattgefunden hätte, ohne mich und ohne Vollmond.

Hier ein Probebild für die manuelle Belichtung und Fokussierung, der Mond ein wenig grösser als das Gurtenlicht unten Mitte und die am linken Rand schon stark abgeschwächten privaten Raketenlichter.

Als wäre 10 = 1

2. August 2012 um 4:17 Uhr von ur

Ich wache in der Meinung und im Gefühl auf, im Traum auf der Flucht gewesen zu sein und mich immerzu versteckt gehabt zu haben oder auf der Suche nach einem Versteck gewesen zu sein, habe aber als letztes Bild einen Kühlschrank, aus dem soeben eine junge Gemse genommen wurde, die in einer Papiertüte steckt, so klein und beschaffen wie sie die Bäckereien für die kleinen Backwaren benutzen. Sogleich aber kommt mir die tatsächliche Flucht in den Sinn und wie ich mich in der eigenen oder in einer fremden Wohnung vor Verfolgern, die mir offenbar bekannt sind, verstecke. Stück für Stück zeigen sich aber die anderen Traumsequenzen, keineswegs in der abgelaufenen Reihenfolge wie sie jetzt hier dargestellt werden. Auf der Flucht muss ich aus der Wohnung, befinde mich auf der Strasse, wo ich auf anderen Strassenstücken mindestens eine böswillige Person aus dem wirklichen Leben sehe, wie sie mich aufsuchen will, wo ich aber alsbald einer Gruppe religiös Gläubiger aus einem anderen Erdteil den nackten Arsch zeige – was ich nicht zuletzt wegen des Schamfluchs, der auf der Beschaffenheit meines Körpers haftet, niemals tun würde, ganz abgesehen von den moralischen Impulsen, die mich nicht zu einer solchen Handlung anzutreiben vermöchten. Die Gruppe von Leuten, knapp zehn Personen beiderlei Geschlechts und Alters, schütteln den Kopf über mein Gebaren, vielleicht sagt jemand unter ihnen, man sollte mich schlagen, das ist aber ungewiss, und ich befinde mich in einem anderen dörflichen Quartier, wo man auf der Strasse fast wie auf dem Markt einkaufen kann. Ich wähle unter verschiedenen Fleischkäsesorten, zum Bezahlen ist niemand da, und doch bin ich plötzlich an einer Kasse, reklamiere, weil andere vor mir bezahlen können, nehme aber sofort meinen Protest zurück, „klar, ich habe mich geirrt“ – „kein Problem, Sie!“, will nun essen gehen und gerate in ein Waldstück, sehr steil, gerade an der oberen Waldgrenze, wo es Gemsen zu fotografieren gibt. Ich gehe in Position, da kommt ein Fuchs, gleich gross wie die jungen Gemsen, packt eine, und es gibt einen wilden Kampf, in dem beide durch die Luft wirbeln. Der Fuchs verbeisst sich ins junge Tier, und sowohl die Kämpfenden wie ich selbst rutschen den Hang runter, als ob in ihn ein Schnitt gezogen worden wäre und der Hang selbst ins Rutschen geraten wäre. Nun sind die Tiere auf meiner Höhe, benommen oder bewusstlos, und ich packe beide in kleine Tüten aus der Bäckerei, öffne einen Kühlschrank und schliesse sie dort ein.

Wenn nicht der Traummechanismus überhaupt itiotisch ist, ist das der Traummechanismus eines Vollidioten, nichts, das man fürderhin in Rücksicht behalten sollte. Man denkt beim Aufwachen und fühlt es intensiv, soeben einem Alptraum entronnen zu sein, doch zwischen dem Alptraum und dem Aufwachen geschehen beliebig viele Episoden, die willkürlich, also dumm, aneinandergereiht sind.

Letzte Fahrt fürs Postauto

30. Juli 2012 um 2:07 Uhr von ur

Lange Passfahrt in einem Postauto, die Strasse ist sehr breit, wie eine Autobahn, ohne Haarnadelkurven. Es ereignen sich viele Beinaheunfälle, in denen nur mit Glück nichts und niemand zu Schaden kommt. Nun eine Konstellation in Schnellfahrt, in der das Unglück geschehen muss, und ich verfolge es vom Sitz hinten links durch die Scheibe. Im letzten Moment das Ganze im Zeitlupentempo: man sieht den Entgegenkommenden, in den frontal geknallt werden muss, wie er im letzten Moment rückwärts (!) hinter den Wagen zurückspurt, den er am Überholen ist. Es ist ein SOS-Auto des Touring-Clubs, mit einem Meister des Fahrens also. Nun scheint sich unser Postautochauffeur zu verwandeln, ohne angehalten zu haben. Beim nächsten, bereits geschehenen Unfall auf der Gegenfahrbahn fährt er zu, als ob er halten möchte, gibt aber dem Auto einen letzten Ruck, so dass es über die Leitplanken hinweg oder hindurch hinter dem Wagen, der zertrümmert im Bord liegt, mit Achsbrüchen und sonstigen Schrammen zu stehen kommt. – Ich sehe mich ausserhalb des Postautos auf der Fahrbahn bei den anderen Unfallwagen, die vor unserem simulierten, gewissermassen selbstmörderischen Unfall ineinandergeputscht zum Stehen kamen, schaue über die zertrümmerte Leitplanke hinab zum Postauto im Hang mit Felsblöcken und Gestrüpp, betrachte den desertierten Chauffeur in halbweiter Distanz: er erscheint als Held, der trotzdem mit Fug auf seine Verhaftung wartet.

Fehler in WordPress

28. Juli 2012 um 4:43 Uhr von ur

Wer einen Blog betreibt, bereitet zuweilen einen Eintrag vor oder, was eher zum Regelfall gehört, schreibt einen neuen Eintrag, der mehr oder weniger deutlich auf einen anderen Bezug nimmt, der erst vor kurzem geschrieben worden war. Haben solche Einträge ein gewisses Alter erreicht und stehen nicht mehr auf der Eingangsseite des Blogs, werden sie von den Suchmaschinen als Vereinzelte angezeigt. Stehen in ihnen keine Hinweise auf den oder die angespielten anderen, gehen das Beziehungsverhältnis und der hintergründige Zusammenhang gänzlich verloren, die den isolierten Schreibpassagen den Sinn, also ihren mehrfachen oder doppelten Sinn, erst ermöglichen – das Lesen bleibt notgedrungen oberflächlich und ahnungslos.

Es müsste also in der Präsentation eines Einzeleintrags oder Blogs, wie sie auf die Googlesuche folgt, ein Link dastehen, dessen Betätigung den Eintrag nochmals zeigt, nun aber in der Mitte plaziert zwischen den fünf bis zehn Einträgen zeitlich zuvor und zeitlich danach veröffentlichten, von denen eben vielleicht einer oder zwei konzeptuell als gleichwichtig zum gesuchten zu verstehen wären.

Dritter Gewalttraum

27. Juli 2012 um 1:26 Uhr von ur

Nach zwei Stunden endlich Einschlafen (die Stäbe geben keine Ruhe, als ob sie sich wie Brennstäbe nicht mehr kühlen liessen, trotz Rucksack- und Computerabstinenz). Man wird aus dem Haus gelockt und merkt erst später, dass man keines mehr betreten darf. Alle werden zusammengetrieben, bekommen die unterschiedlichsten Uniformen. Zeugnisse sind Makulatur und werden als solche gedeutet, dann zerrissen. Die in den schönsten Uniformen sind die Entschiedensten, „Entschlossensten“. Man wird gewahr, dass man es zu spät gemerkt hat. Es ist kein Unglück geschehen: es sind nur die einen, die die anderen treiben.

Zweimal Gewalt

26. Juli 2012 um 22:45 Uhr von ur

Ich bin mit jemandem, jung oder alt, Mann oder Frau unbekannt, in einer Hütte; wir müssen raus aus der Bretterbude, die ich genau so verschliesse wie hier unten mein Kellerabteil, mit einem Klämmerli (damit keine Katze die Türe aufstossen und im Innern scheissen gehen kann), wo wir sofort von der Polizei verfolgt werden. Aufwachen, bevor das Glück entschieden ist.

Sofort wieder eingeschlafen. Ich bin, ungewissen Alters, mit einem Mädchen in einem Spitalzimmer, uns gegenüber eine Frau, nicht unschön, leicht älter, knapp über 25. Sie droht uns, sagt, es geschähe etwas, wenn sie zurückkommt, sie kille U. Also verlässt sie das Zimmer. Wir bewaffnen uns mit Haselstecken, ziemlich dünnen und kaum nützlichen. Trotzdem bekämpfen wir sie unerbittlich, nachdem sie beim Wiederintreten sofort auf U. mit leuchtender Munition einschiesst, und ich versuche, mit dem dünnen Stecken ins Auge zu treffen. Sie ist wendig und spottet im Kampf. Ich ziehe wie beim Fussball oder Kungfu auf und kicke ihr, ob aus dem Bett oder im Zimmer stehend ist ungewiss, mit voller Kraft filmreif in die Kinnlade. Da es heiss ist, liege ich nicht unter der Decke und knalle meinen wirklichen rechten Fuss voll in die Wand linker Seite. Es macht einen grossen Bumm, von dem das ganze Haus erwacht, ich höre Türen im Treppenhaus – für sie ist allerdings kaum schon Schlafensnacht.

George Benjamin: Written on Skin

22. Juli 2012 um 20:42 Uhr von ur

Soeben auf France Musique concert donné le 5 juillet au Grand Théâtre de Provence: George Benjamin, Written on Skin (Création mondiale). Orchestre Mahler Chamber Orchestra, George Benjamin, Direction.

Aufgewärmter Strauss-Mist, nie über eine Musik hinausgehend, die sich zu einer überlebten nachäffend verhält. Die schlecht komponierten Gefühle und Empfindungen stehen wie abgesägt da, wie als Gegenteil der Musik von Marco Stroppa, in der stellenweise die Expressivität dank der Elektronik grandios über das Menschenmögliche hinausgezogen wird – das wäre es, was man in der Kunst erwarten möchte, kein Verfahren, das auch im Kinderzimmer Erfolg haben dürfte.

Glanert : Huelgas Ensemble

19. Juli 2012 um 4:35 Uhr von ur

Gestern direkt live auf Ö1 Detlev Glanert, „Solaris“, Prager Philharmonischer Chor, Wiener Symphoniker, Dirigent Markus Stenz, Uraufführung an den Bregenzer Festspielen. – Zum Windeln Wechseln.

Nach einer halben Stunde, ohne einen Ton des Kommenden verpasst zu haben, Wechsel auf Bayern 4, live vom 30. Juni 2012 am Festival de Granada: Huelgas Ensemble, Leitung: Paul van Nevel, Spanische und franko-flämische Werke des 16. Jahrhunderts. – Grandios die Auswahl der Stücke, grandios die Interpretation. Hier spürt man den Druck der Zeit, wie er in guter Musik wütet, als das Versprechen auf eine Zukunft immer schon, wenn denn musikalisch in der Kompostion überhaupt etwas gedacht worden ist.

Zusatz 26. Juli, 21.30 Uhr: Soeben auf Südwest 2 dasselbe Konzert, im Gegensatz zu der Sendung auf Bayern 4, wo das Konzert ohne Unterbruch gebracht wurde, hier vor fast jedem Stück eine endlos ausführliche Ansage, so dass der Reiz der kompositorischen Rekonstruktion und also das hörende Aufeinanderprallen der unterschiedlchen Ästhetiken und Techniken in dem einen Konzertguss nicht mehr geschehen konnte.in der Kompostion überhaupt etwas gedacht worden ist.

Ur II, 10

17. Juli 2012 um 2:45 Uhr von ur

Ur I gratuliert ur II zum runden Zehnten.

– Gibt es ein schönes Geschenkli?

– Es gibt eine Taxifahrt weit hinein in die wilde Zone der Westgrenze, nahe der Krächen der Zähne des Südens, ganz knapp unter den weissen. Am Schluss geht es im Tigersprung über den Mauvais Pas tief runtunter, wie man es schlimmer nie fürchten musste.

Heinz Holliger

15. Juli 2012 um 21:00 Uhr von ur

Soeben live auf Espace 2 concert de l’ensemble Contrechamps dédié au compositeur suisse Heinz Holliger donné le 17 janvier 2012 de la saison 2011/2012 au studio Ansermet de Genève.

Heinz Holliger, Ma’mounia pour percussion et quintette instrumental (2002).

Heinz Holliger, Partita (1999).

Elliott Carter, Figment VI [Invention VI] pour hautbois solo (to Heinz 1.12.2011).

Heinz Holliger, Puneigä, dix lieder d’Anna Maria Bacher avec intermèdes, pour soprano et ensemble (2000-2002). (Vgl Blognotiz 31. 12. 2011)

Grossartiges Konzert mit Stücken, die einen dazu aufforden, ernsthaft mehr & ausführlicher über sie zu diskutieren als durch eine blosse Meinungsabgabe zu erledigen wäre.

José M. Sánchez-Verdú

12. Juli 2012 um 2:50 Uhr von ur

Gestern auf DRS 2 eine Sendung von Thomas Meyer über den Komponisten José M. Sánchez-Verdú: ein Name, den man sich merken sollte.

Warum nur schafft es der selbstgerühmte Kultursender der Schweiz nicht, Kunstmusik über die Grösse des Müsterlis hinaus zu senden? Dieser Geiz hier und diese Abwehr, um sich nicht um das Bisschen Geld zu kümmern, das man braucht, damit Konzerte oder wenigstens einzelne ganze Stücke gesendet werden können. Aber wir warten und lesen täglich die Programme der Radiosender der umliegenden Länder, um parat zu sein, wenn Musik dieses Komponisten zu hören sein wird.

Peter Eötvös, Konzert und Levitation

22. Juni 2012 um 20:40 Uhr von ur

Soeben direkt live auf SWR2 Direktübertragung aus der Stuttgarter Liederhalle Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Dirk Altmann und Sebastian Manz (Klarinette), GrauSchumacher Piano Duo, Leitung: Peter Eötvös.

Peter Eötvös: Konzert für 2 Klaviere und Orchester. – Das altertümliche Stück verbreitet schlechte Laune. Da ist nichts drin, was einen aufwecken würde, als ob ein billiges Computerprogramm den Mist zusammengeschrieben hätte. Ein Abschiffer.

Peter Eötvös: „Levitation“ für 2 Klarinetten, Streicher und Akkordeon. – Quiquelebendig und farbig, zu erwarten von Eötvös immerzu. Eine wunderschöne frische Musik wie ein Bergsee zum Hineintauchen frühmorgens.

Alter Post

18. Juni 2012 um 15:50 Uhr von ur

Montags um 12.30 Uhr bin ich bei den Eltern, um ihnen bei einer Tätigkeit zu helfen, die sie nur noch weniger gut vollbringen können als ich. Heute läuft der TV, dessen Vorgänger sie sich als ersten viele Jahre nach der Pensionierung leisteten: „Komm schau, der Pöstler managet die Sprengung des Felsabsturzes bei Gurtnellen. Kennst ihn noch?“ Unter dem Helm mit den Bändern ums Kinn schaut er aus wie unter einen Pfadfinderhut geklemmt. Schnell schon gibt er das Signal, und die Steine purzeln wie geplant in kleinen Stücken zu Tal, ohne unberechenbare Grossbrocken, ohne zusätzliche Störung des Restfelsens. – Nun denn, was war spannender, die Sprengung (Vater) oder der Fernsehauftritt des Pöstlers (Mutter)? Ich lasse mir erzählen, wie er vor sechzig Jahren seinen ersten Auftritt hatte, mit seiner Mutter im selben Zimmer, da meine eigene zum ersten Mal niederkam. Sie behauptet, ihn nicht wiedererkannt zu haben, wenn ihr nicht gemeldet worden wäre, dass er bei diesem Ereignis mitzuspielen hätte. Ha ha! Wir trinken mit Kaffee auf die zwei Sechzigjährigen der zweiten Juniwoche an.

Zusatz: Von ihm hatte ich von der dritten bis zur siebten und letzten Gymnasialklasse den teuren Stowasser ausgeliehen gehabt, unbedingt nach Gebrauch wieder zurück, wie mir Frau Müller in jenen dunklen Lateinzeiten zu verstehen gab.

Giorgio Battistelli: Richard III

17. Juni 2012 um 21:25 Uhr von ur

Soeben live auf Espace 2 Giorgio Battistelli, Richard III, Dramma per musica en 2 actes, enregistré le 30 janvier 2012 au Grand Théâtre de Genève.

Zu ertragen war eine einfältige Polizeicorpsmusik mit Schauerromantikzusätzen, in ewig gleichbleibender Instrumentierung und in kaum je akzentuierten Lautstärkegraden. Es möge das Denken tunlichst ausschalten, wer dem musikalischen Verlauf mit Verstand folgen will, denn es gibt in diesem Breisound nichts musikalisch Komponiertes zu entdecken, auch nie je etwas Kontrapunktisches im Kleinen: man hat nur mehr als zwei Stunden lang das Ende abzuwarten.