In preparation: die Ahnen helfen

5. Dezember 2012 um 9:09 Uhr von ur

Ein Handwerksutensil wird für eine anstehende Zweckentfremdung bearbeitete. Den Schraubstock erbte ich vom Basler Grossvater, wohl gut hundertjährig, den Stuhl als Werkbank vom Walliser Grossvater, nur wenig jünger, mit der Säge fällte ich schon fast ganze Tannen für die Vogelfotografie, brüllend, klar..

Ilija Trojanow: Eistau

2. Dezember 2012 um 23:01 Uhr von ur

Heute gelesen Ilija Trojanow, Eistau, München 2011 (natürlich geschenkt bekommen, weiss schon lange nicht mehr, wie eine Buchhandlung innen ausschaut).

Der Anfang ist sehr beeindruckend, und auch im weiteren Verlauf staunte ich nicht wenig über die sprachliche Potenz, die in kompositorischer Feinabstimmung unterschiedliche Situationen einander gegenüberstellt, um peu à peu eine grosse Spannung entstehen zu lassen. In der Pointe des Schlusses verpufft der Kunstanspruch des Werkes ein wenig – er zeigt sich so, als ob der Autor von Schönberg nichts mitgenommen hätte. Aber eine Stelle dünkt mich erwähnenswert, wo der Begriff der Hölle auf eine Weise definiert wird, wie ich ihn noch nicht angetroffen habe. Die Hölle ist das, was der Mensch in seinem Leben versäumt hat zu tun. Ah, das tut einem gut, der die Hölle zu erwarten hat. Ich zittere ob ihrer gruseligen Gänge nicht im geringsten.

Schönberg: Moses und Aron

2. Dezember 2012 um 22:21 Uhr von ur

Soeben live auf SWR2 Arnold Schönberg, „Moses und Aron“, Oper in 3 Akten (Fragment), Konzertante Aufführung, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Leitung: Sylvain Cambreling, (Aufführungen vom September 2012 in Berlin, Luzern, Freiburg und Strassbourg).

Schönberg ist der letzte Künstler der Epoche der Metaphysik, der in ihr zugleich die Frage nach der verbindlichen Form der Wahrheit so weit vorwärts getrieben hat, dass sie das Falsche der kommenden Epoche, derjenigen der Kulturindustrie, entschieden zu benennen vermochte. Der Gehalt der wahren Kunst darf sich nicht ans Äusserliche verraten, sondern muss unerbittlich mit den Materialien korrespondieren, die sowohl innerhalb wie ausserhalb der Kunst sich in der Zeit entwickelt haben. In dieser Oper selbst erscheint diese Haltung als Prinzip in der Gestalt von Moses, ihre Gefärdung sowie Schönbergs Vorahnung der Kulturindustrie in der von Aron. Die Pointe der Fragment gebliebenen Oper für uns in der neuen Epoche ist, dass keines der ästhetischen Prinzipien obsiegt.

Eine umwerfende Aufnahme! Endlich!

Hugin total

30. November 2012 um 17:27 Uhr von ur

Heute bin ich mit der Schwerarbeit fertig geworden, alle Panoramen mit Hugin neuzustitchen. Das sind viele hundert Bilder im Format huge aus tausenden von Einzelfotos, immer morgens um drei aus dem Bett und nach dem Kaffee zu den digital Lisminadeln. Autostitch war gestern, Hugin aber – for evermore! (Eine Anleitung gibt es bei den Fotos selbst am 3. Juli 2012)

Devise Dantes

30. November 2012 um 15:53 Uhr von ur

Der Biopsiebericht ist eingetroffen, wenn auch nach drei Wochen immer noch nicht ganz definitiv: Grad 1.

Hatte ich nicht vor dem grossen Tor des Jahres ein Dantebild übersehen, weil ich die Kraft seiner Allgemeinheit unterschätzte und die Seele als Floss-Segel partout nicht als gültig auch in der Gletscherlyrik begreifen wollte? Merda!

Bei diesem Abkratzen dünkt mich einiges schief gehen zu wollen, und doch freut mich gerade dieses: jede Möglichkeit des Scheiterns ist als Hoffnungszeichen zu nehmen.

(1/1250 s, F 7.1, zwei externe Blitze FFP)

Le Fil de la Vie: Henry the 85th

26. November 2012 um 21:11 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 29 septembre à la Cité de la Musique:

Pierre Henry (né en 1927), Le Fil de la Vie (création mondiale, commande de la Cité de la Musique), Pierre Henry, direction sonore.

Ich höre diese Musik des Fünfundachtzigjährigen so gerne wie die Stücke, die ich mir vor 35 Jahren auf Platten ziemlich oft zu Gemüte führte, La Porte, die Rocksongs und das Tibetanische Totenbuch, das ich einmal direkt nach dem Bergräbnis des Grossvaters im Wallis, dessen Urenkel alle meine Platten tutti quanti hütet, zusammen mit dem Bruder schon in ziemlich weinseligem Zustande genossen hatte. Pierer Henry ist wie Zappa, aber von anderen Impulsen genährt, einer Spur gefolgt, der die Warenzeit weit hintennachhinken musste – und immer noch selbständig dasteht. Wahrscheinlich nur bei ihm habe ich Vertrauen in die Idee, dass Kunstmusik und Unterhaltungsmusik es zusammen wagen dürfen, als ob er dafür eine eigene Kunstgattung geschaffen hätte.

Ursula Krechel

4. November 2012 um 12:11 Uhr von ur

Soeben auf DRS 2 Gespräch zwischen Hans Ulrich Probst und Ursula Krechel über ihren neuen, preisgekrönten Roman Landgericht.

Vor zwei Katzenleben hatte ich die grosse Ehre, ihren Schwarzen Panther fast einen Monat lang zu hüten, in der grossen Wohnung einer WG überlebter Exemplare der Frankfurter Schule, die während dieser Zeit abwesend waren – in einer Strasse mit demselben Namen, der am Anfang des Buches von Bedeutung ist. Ich hatte unvorhergesehene Schwierigkeiten mit dem alten Untier, und allmählich war ein gewisser Gestank in den weiten Räumen durch Lüften nicht mehr wegzubringen, weil die Fisch- und Fleischstücke, die ich unter den Möbeln verlockend, wie ich meinte, plazierte, peu à peu in Verwesung übergingen. Es verhalf kein Trick, die Katze zum Fressen zu bringen. Als die Besitzerin zurückkehrte, meinte sie gegenüber meinen nervösen Bedenken über den Gesundheitszustand der anvertrauten Kreatur, dass sie es mir schon hätte voraussagen können, dass das Tier bei mir nichts fressen würde.

Pintscher, Cummings & Montalvo

30. Oktober 2012 um 20:54 Uhr von ur

Soeben live auf SWR2 Konzert vom 27. Juli in Schloss Montabaur, RheinVokal 2012

Marisol Montalvo (Sopran), Erik Nielsen (Klavier)

Mathias Pintscher: Lieder und Schneebilder für Sopran und Klavier nach Texten von E.E. Cummings. – Eine präzise Poesie steckt in dieser Musik, nicht nur weil Cummings der Dichter ist.

Filidei, Mitterer, Cendo

29. Oktober 2012 um 21:14 Uhr von ur

Soeben auf France Musique Concert enregistré le 22 septembre à Strasbourg, Cité de la Danse et de la Musique, dans le cadre du festival Musica, Ictus (Orchestre), Georges-Elie Octors, direction.

Francesco Filidei (né en 1973), Ballata n° 2 (2012, création française). – Tonalitätsabhub, durchwegs tonal gedacht.

Wolfgang Mitterer (né en 1958), Little Smile (2011, création française), Wolfgang Mitterer, électronique en direct. – Eitle Fernsehmusik.

Raphaël Cendo (né en 1975), Carbone pour trompette, flûte et guitare (2012, création mondiale, commande d’État). – Bäumig beeindruckt bin ich wie aus einer Totenstarre wiederwerwacht. Unbedingt hinreisen, wenn das Stück an einem erreichbaren Ort wieder aufgeführt werden sollte! Musik wie ein Krimi, dessen Innerstes man bei einer Lobpreisung gefälligst zu verschweigen hat.

Grüsse von oben mittags

27. Oktober 2012 um 14:03 Uhr von ur

Ich spaziere und münde, wie auf dem Schulweg gehend, in die Wohnstrasse der ersten acht Lebensjahre ein, nachmittags bei grossem Sonnenschein, als ich in den Himmel schaue und ein Flügelstück eines Flugzeugs sehe, wie es schnurstracks auf mich runtersaust und mich haargenau getroffen hätte, wenn ich eine kurze Pause vorhin nicht früher abgebrochen hätte. Ich nehme es als gutes Zeichen und dafür, dass man manchmal auch mit einer Schramme davonzukommen vermag.

Lumpenschläfer

16. Oktober 2012 um 3:41 Uhr von ur

Aufgestanden, nachdem ich merkte, Opfer einer musikalischen Täuschung geworden zu sein: ich lauschte im Halbschlaf dem unmusikalischen Donnern eines Discostücks aus der Ferne irgendwo im Gebäude, wunderte mich ob der Aktivitätsfreude der Leute um diese Frühmorgenszeit und kapierte endlich, dass ich mich über den eigenen Herzschlag zu ärgern begann.

Seit Wochen gibt es keine durchgeschlafenen Nächte mehr, sondern wie um 2002 nur noch den Bewältigungsversuch einer unendlich langen Serie von Schlaffetzen, mitunter bloss zweiminütigen Schlafstücken, gefüllt mit Träumen, heute ausnahmsweise ohne Alpdrucke. Viele Träume sind so kurz wie die Schlaffragmente selbst und nicht der Rede wert, andere in längeren Schlafpartien wie Einblicke in ein ganzes Parallelleben, Mitte Nacht einer mit Frau und Tochter in einem schlossähnlichen Wohnhaus mit hohen Wänden, sehr verliebt die ganze Traumstrecke, in der die Tochter, kaum zwanzigjährig, die Züge von Di annahm, die den grossen Tigersprung der Karriere schaffte und mir kürzlich, noch schöner als je, ausserordentlich glücklich erschien, geradewegs so, wie sie es auch mit festem Willen und Entschluss geplant hatte. Andere sind debil wie der übliche Traumsatz und stellen Rätsel, die einen nur weiter in die Bedrängnis stossen. Soeben gewann ich den ersten Preis in einem Rennen, das ich offenbar seit Jahren mitzumachen pflege. Ohne gelernt zu haben, zwischen Gas- und Bremspedal zu unterscheiden, bin ich der Fahrer eines der schwersten Lastwagens der Welt, mit mehreren grossen Anhängern hintereinandergekuppelt. Es ist die Aufgabe in diesem Rennen, die höchste Brücke ausfindig zu machen und mit dem schwerstmöglichen und längsten Lastwagen zu überfahren. Als Kenner der Berge war mir das Aufstöbern der Brücke eine leichte Sache, doch wie ich zum Manoeuvrieren eines Fahrzeugs komme, ist mir schleierhaft. Nichtsdestotrotz kurvte ich virtuos das Gebirge hinauf und überquerte sicher die Brücke, jedenfalls mit der Nase des Lasters. Auf der anderen Seite blieb ich dann stecken, weil ich zu viele Anhänger hatte, die alle miteinander die Kurven nicht zu bewältigen vermochten. Trotzdem wurde mir der erste Preis zugesprochen, den ich indes nicht lange behielt, kaum länger als ein paar Sekunden. Vor der Brücke ist, auch jetzt der Allgemeinheit noch einsehbar, eine Fahrverbotstafel aufgestellt. Merde!

Alberto Posadas, Sombras

15. Oktober 2012 um 20:42 Uhr von ur

Soeben auf France Musique live Concert enregistré le 16 septembre à l’Abbaye de Royaumont avec Le Quatuor Diotima: Yun Peng Zhao, violon, Guillaume Latour, violon, Franck Chevalier, alto, Pierre Morlet, violoncelle .

Alberto Posadas (né en 1967), Elogio de la Sombra, pour quatuor à cordes (2012).

Alberto Posadas, La Tentacion de las Sombras, pour soprano et quatuor à cordes sur le texte Ispita Umbrelor, extrait de l’ouvrage Le livre des leurres d’Emil Cioran (2011), Caroline Stein, soprano.

Alberto Posadas, Del Reflejo de la Sombra, pour clarinette basse et quatuor à cordes (2010), Alain Billard, clarinette basse.

Dann von CD: Alberto Posadas, Oscuro abismo de llanto y de ternura (2005) pour ensemble, Ensemble Intercontemporain, François-Xavier Roth, direction, Enr. 2009, Kairos 0013112KAI.

Merde! Nicht nur das Wetter zeigt sich solidarisch mit dem Siechenden, sondern auch die wenige gute Musik, die es dieses Jahr zu hören gibt. Die Stücke von Posadas haben keine äussere Form, der man folgen und die ein Ganzes umfassen würde, sondern befinden sich in einem Terrain ähnlich einem nuklearmedizinischen oder computertomographischen Staging, das einen Durchgag durchs Körperinnere erlaubt, in dem den Vulkanen sowohl als Nester, wenn sie ruhig sind, oder als kleinere oder grössere Feuerwerke, wenn sie aktiv sind, begegnet werden kann. Sie enthalten eine Spannung, die in keiner Sekunde unterbrochen scheint. Grossartige, düstere Werke!

Tutuguri

13. Oktober 2012 um 21:48 Uhr von ur

Soeben direkt live auf Bayern 4 Konzert der musica viva, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Dirigent Kent Nagano:

Wolfgang Rihm: „Tutuguri“ (1981-82).

Musik für mich. (Rihm im Pausengespräch: „Eine Asymmetrie im Stück, als würde aus einem Körper ein Skelettteil herausragen. … Das ist ein Wesen, dem man nicht ungestraft begegnet.“)

Mittagsschläfchen

12. Oktober 2012 um 12:33 Uhr von ur

Powernap vor der zweiten Tagesrunde des Neustitchens der Panoramen mit Hugin (Beginn war 03 Uhr). Ich träume, auf dem Sofa zu liegen. Su und Mo sind da, und beide geraten sich in die Haare. Su legt sich schutzsuchend zu mir, die jüngere Mo streckt ihr die Zunge raus. Was gibt es Besseres als ein Mädchen zu trösten wegen eines anderen. Ich erwache und liege wie im Traum auf dem Sofa. Aber die Mädchen sind nirgendwo.

Vipern

10. Oktober 2012 um 4:12 Uhr von ur

Gestern Nachmittag mit dem Inselarzt am Computer Szintigrafie- und CT-Bilder von 2002, 2006 und von diesen Tagen angeschaut und darüber gestaunt, wie viele Nester von Chondromen es gibt. Eines steht fest, dass von allen diesen nur das eine im linken Acromion wächst und dass die Verwachsung vom Schulterblatt nicht getrennt ist (im gesunden Zustand ist das Acromion zwar mit dem Schlüsselbein verbunden, pseudogelenksmässig, nicht aber mit dem Schulterblatt). Ob das Wachstum ungebremst weiter geht und ob das Gebilde bereits mutiert ist oder früher oder später mutiert, wird erst noch untersucht. Wie auch immer der Zustand in dieser Nachäffung von Tschernobyl und Fukushima zu deuten ist – die vergangene Nacht hatte ich ununterbrochen von Vipern geträumt, auf eine so bösartige Weise, wie man sie sich nicht zu träumen wagt. Beim letzten Aufwachen schien mir endlich klar, dass ich die ganzen Jahre die Vipern nicht aus dem Grunde der Herausforderung eines kleinen Abenteuers fotografierte, sondern aus verborgenen Gründen der reinen Mimesis des eigenen Körpers selbst, in alter Sprache des Leibes. Im Moment des Aufwachens tat mir dieser Missbrauch der Tiere leid.

Scharfer Goldfaden

19. September 2012 um 0:31 Uhr von ur

Zurzeit nur Alpträume. Soeben ein besonders grausiger: Ich bin in Paris auf der Flucht, durch viele Gassen und Häuser, zusammen mit einem unbekannten Anderen. Am Schluss Angriffsvorbereitung durch einen einzelnen Verfolger in einer Küche, wo er eine Art goldenes Riesensägeblatt in den langen Armen hält und damit auf mich zu kommt. Filmschnitt, nun nicht mehr aus meiner Sicht sondern aus derjenigen des Dritten. Er schleicht sich in die Küche, hat einen goldenen Faden, aus dem das Sägeblatt gemacht war, lässt den Angreifer kommen und zieht ihm den Faden horizontal gespannt frontal durch den Kopf. Der Angreifer merkt es nicht korrekt, will seinerseits die Säge hochziehen, als im Moment des Aufwachens sein Kopf auseinanderfällt.

Forschungs- und Produktionskosten kleiner als der Werbeetat

18. September 2012 um 14:49 Uhr von ur

Heute Morgen auf DRS 2 in Reflexe Diskussion zwischen Michael Sennhauser und Christophe Germann über Joost Smiers & Marieke van Schijndel, Imagine there is no copyright and no cultural conglomorates too, Amsterdam 2009, anlässlich der deutschen Ausgabe.

http://networkcultures.org/_uploads/tod/TOD4_nocopyright.pdf

Darin die These, dass in der Pharmaindustrie die Gelder gleich investiert würden wie in der Kulturindustrie, zu zwei Dritteln nämlich in die Werbung und nur zu einem Drittel in die Produktion respektive Forschung. Das muss man sich auf der Zunge vergehen lassen. Wenn das stimmt, müssen die Überlegungen zu beiden Kapitalbezirken neu geschliffen werden und neu an Schärfe zulegen.

Mahlers Sechste

14. September 2012 um 20:57 Uhr von ur

Soeben live auf Bayern 4 Aufnahme vom 7. September 2012 in Leipzig: Nikolaj Znaider, Violine, Gewandhausorchester Leipzig, Dirigent Riccardo Chailly.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert e-Moll, op. 64. – Mendelssohn: besänftigend wie immer, wenn auch hier besser gespielt als auch schon gehört.

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 6 a-Moll – „Tragische“. – Eine exquisite und superbe Aufführung: Mahlers Musik wirkt aktueller und intellektuell erträglicher, wenn die folkloristischen und dunklen Elemente zwar aufscheinen, aber doch nicht klotzig im Vordergrund herumstehen. So gespielt, ist sie nicht mehr der Boulezschen weiter feindlich. Es gehört zum Luxus unserer Zeit, dass entscheidende Strukturmerkmale eines musikalischen Gebildes zuweilen nicht nur in der Analyse tel quel, sondern triftiger in der Interpretation aufzustöbern sind, von der man eine Zeitlang munkelte, das wahre Musikverständnis müsse sich permanent gegen den Zugriff der Kulturindustrie wehren, könne sich auf die Lektüre des kompositorischen Schriftstückes beschränken und auf die gesellschaftlich-akustische Umsetzung, Darstellung und subjektivistisch getrübte Repräsentation verzichten. Historisch bildet Mahler den Übergang von der Musik als Kunst des Übergangs zur absoluten Meisterung des Übergangs – in der Leipziger Interpretation von Chailly 2012 erscheint ihre Brüchigkeit so klar und in ihren zerfallenen Zusammenhängen so deutlich erkennbar, dass man in ihr die Idee der Modulation schon fast bestreiten und von festen Schichten und verzogenen Decken sprechen möchte, die zueinander allesamt wie in einer Landschaft in einer untergründigen Beziehung stehen.

Boulez, Grisey, Manoury

10. September 2012 um 20:10 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 21 juillet à Briançon, Eglise des Cordeliers, dans le cadre du festival Messiaen au pays de la Meije.

Pierre Boulez (né en 1925), Anthèmes II pour violon et électronique, Malika Yessetova, Constance Ronzatti, Da-Min Kim, violons, Andrew Gerszo, réalisation informatique musicale Ircam.

Gérard Grisey (1946-1998), Prologue pour alto solo, Noémie Bialobroda, alto.

Philippe Manoury (né en 1952), Partita II pour violon et électronique (création mondiale), Hae-Sun Kang, violon, Serge Lemouton, réalisation informatique musicale Ircam.

Gestern Nacht in einem Traum das beste je gehörte Stück gespielt, ich selbst Solo an der Flöte mit wenig Elektronik, auf einer Bühne mitten im Publikum, aber so, dass man mich nicht sehen konnte. Ich war so baff über die wundersame Musik, dass ich nach dem Aufwachen noch eine halbe Stunde über sie nachgesonnen hatte. Leider bin ich so dumm, dass ich sie jetzt wieder vergessen habe und sie auch nie hätte aufschreiben können, geschweige denn jemals, auch früher nicht, sie selbst spielen. Wegen des Traumerlebnisses kamen mir die Stücke heute Abend alle drei gleichwie ungelenk vor, ihre supplementäre Elektronik trotz der schönen Stellen wie ein unbewältigter Klumpfuss. Bei Anthème II dünkte es mich, technisch wäre etwas schief gegangen, Grisey langweilte mehr als jeder Jodler, und Manourys Stück tönte wie das Warten an einem Sonntagmorgen in einem Bergdorf unterm ewig dauernden Kirchengeläut, auf das hin einem der Braten schliesslich doch noch vorenthalten wird.

Laktose, Fruktose, Gluten

5. September 2012 um 14:36 Uhr von ur

Vor einer Woche passierte eine zwölfstündige Bauchattacke mit dem bösen Gefühl, als wäre ein Tumor in der Bauchspeicheldrüse oder sonstwo freistehend in der Magengegend – heute geniesse ich ein Lebensgefühl mit einer Verdauung, die nicht besser sein könnte.

Dass ich Laktose, also Milchzucker nicht vertrage, habe ich spätestens im März 2009 kapiert, und dass mein Magen-Darm-System gleichwie den Fruchtzucker nicht zu verarbeiten vermag im Herbst desselben Jahres (vgl. Blogeintrag 28. 7. 2010). Seither ist es nur in Ausnahmefällen zu Bauchattacken gekommen, sei es durch Unvorsichtigkeit, sei es durch eine oder mehrere Substanzen, deren Schädlichkeit für mich noch nicht bekannt wären. Spätestens seit drei Wochen ist es aber mehrmals zu kolikartigen Ereignissen im Oberbauch gekommen, in deren Verlauf heftige Kotzanfälle geschahen, ohne dass dazu sich das typische Unwohlsein eingefunden hätte. Vor einer Woche waren die Bauchschmerzen so gross und so lange andauernd, von abends sechs bis morgens sechs Uhr, dass alles noch so wohlwollende Deuten auf eine geschundene Bauchspeicheldrüse hinauslief. Einen letzten Strohhalm fand ich unter den vielen nützlichen Internetdiagnosehilfen, dass die Glutenunverträglichkeit zumindest sehr ähnliche Symptome wie eine geschädigte Pankreasdrüse zeigen würde. Sofort also wird der Entschluss gefasst, alle glutenhaltigen Esswaren auszukundschaften, um sie künftig möglichst ausnahmslos beim Essen links liegen zu lassen. Nach zwei Tagen hatte ich das Gefühl, dem Übel auf der Spur zu sein und den richtigen Entschluss gefasst zu haben. Offenbar sind Allergiker (ich habe seit Kindheit eine gegen Früchte und Gemüse, die sehr viel Vitamin C enthalten) stark dem Risiko ausgesetzt, im Verlauf des Lebens nicht nur eine Intoleranz gegenüber Laktose oder Fruktose zu entwickeln, sondern sowohl gegen den einen wie den anderen Zucker und zusätzlich gegen Gluten, eine Substanz, die sämtliche Kornarten enthalten und folglich in allen Bäckerei- und Teigwarenprodukten ihre Wirkung entfalten können, als harmloser Effekt Durchfall, in akkumulierten Mengenverhältnissen Bauchschmerzen, Koliken und kolikartige Krämpfe.

Was wäre zu tun?

– Die Gesundheitspolitik muss den Gesundheitsdiskurs so steuern, dass nicht nur von der Güte der Milch-, Früchte-, Gemüse- und Getreideprodukte geredet wird, sondern auch von den Ausnahmeereignissen, die sie auslösen können, eine zeitlich längere oder kurz befristete Intoleranz ihnen gegenüber, der sich die betroffenen Menschen zu stellen haben. Das wäre keine grosse Sache, wenn die Ausweich- oder Ersatzprodukte leicht zu finden wären. Wer aber glutenfreie Back- und Teigwaren sucht, wird das Gefühl nicht los, solche Produkte könnten sträflicherweise nur in den Schmuddelecken der dunklen Seitengassen aufgestöbert werden.

– Es muss ein Diagnosegerät entwickelt werden, das wie ein Fiebermesser jederzeit im Haushalt eingesetzt werden kann. Das Instrument müsste imstande sein, innerhalb von Minuten Auskunft zu geben über den momentanen Toleranzgrat gegenüber Laktose, Fruktose und Gluten. Es wäre für jeden dann eine Leichtigkeit, selbst zu entscheiden, ob gegenüber einer spezifischen Substanz nun die Diät eingehalten werden müsse oder in welchem Umfang sie genossen werden könne.

In meinem Fall würde die Aufzeichnung der Toleranzwerte gegenüber Laktose, Fruktose und Gluten von 2008 bis heute ungefähr so aussehen. (Würde man mehrere Aufzeichnungen an einem einzigen Tag machen, gäbe es auch Toleranzverlustwerte, die nahe bei Null wären, wenn auch keineswegs an jedem Tag.)

(Zur Verlässlichkeit der Grafik: Die Daten der Koliken hatte ich in früheren Blogeinträgen festgehalten; die erste war 2003. Für die Grafik wurde eine Excel-Tabelle gemacht, eine Datenreihe für jede Intoleranz beziehungsweise Unverträglichkeit. Beginnend am 1. Januar 2008 gibt es für jeden Monat einen Wert, manchmal den Spitzenwert, sonst eine Art Durchschnittswert. Die Spitzenwerte sind genau, entweder auf der 100%-Linie der Unverträglichkeit und des Toleranzverlustes oder in den Zeiten kurz davor sehr nahe bei 100%. Da man nichts spürt, wenn die Intoleranz nicht gross ist, sind die anderen Werte gänzlich fiktiv und nur deshalb in unterschiedlichen Höhen festgehalten, damit sich der Eindruck festsetzt, dass die Intoleranzen im Verlauf der Zeit schwanken. Nur bei denjenigen Personen schwanken sie nicht, deren Intoleranzen genetisch bedingt und von Geburt an wirksam sind – ihr Wert würde in dieser Grafik wie eine horizontale Linie für jede Intoleranz bei 100% liegen.)

Zusatz 25. Mai 2014: Es war immer klar, dass die glutenfreie Ernährung nur vorübergehend und befristet dauern soll. Nach gut eineinhalb Jahren habe ich vor zwei Wochen wieder auf Normalkost umgestellt, weil ich endlich einen Artikel zu lesen gefunden habe, der die Unterscheidung zwischen angeborener Zöliakie und vorübergehender Glutenunverträglichkeit ohne Verschwommenheit darstellt – nota bene auf der Webseite eines Herstellers glutenfreier Produkte, Schär. Sowohl die Magenregion wie der Darm funktionieren mit der neu eroberten normalen Ernährung optimal, als ob es nie Kolik-Probleme gegeben hätte (die zwei Ganzkörper-CTs vom Dezember 2012 und vom Mai 2014 bezeugen in Nebendiagnosen Gallensteine und Sigmadivertikulose, von denen nur die zweite im Zusammenhang der Schmerzen von Februar bis Juni 2013 eine Rolle gespielt haben dürfte – eine vom Assistenzarzt in der Insel am 8.4.2013 unbemerkte Aktennotiz (nicht vollständig auszuschliessen ist immerhin, dass der Anlass zum obigen Text einem singulären Aufmucken der Gallesteine geschuldet ist, nicht dem Zuviel an Gluten…)). Laktose konsumiere ich nur in der Form von Glacé, Fruktose im leicht zurückhaltenden Genuss auch von stark fruktosehaltigen Früchten und Gemüsen, in etwa auf normale Weise, und Gluten wieder süchtig wie früher in allen Formaten. Brot und Teigwaren setzen Duft- und Geschmacksstoffe frei, auf die man nicht ohne Not verzichten sollte.