Theorie und Praxis

16. November 2010 um 20:27 Uhr von ur

Mit den Symptomen eines unlustigen Körpers naht die Zeit, da man sich Klarheit verschaffen und sogar stückweise Rechenschaft darüber geben muss, wie sich gewisse Entscheidungen und Fährtenwahlen ausgewirkt haben, in welchem Verhältnis zu anderen sie stehen und ob sie möglicherweise nach so langer Zeit heute noch einmal zu ändern wären. Das berufliche Scheitern wird mit dem körperlichen Horror zusammen nur angesprochen, um beide desto eindeutiger auszuklammern, nicht weil sie einer drohenden Selbststilisierung im Wege stünden, sondern zu jeder objektiven Aussage wie auch zu subjektiven über Objektives Zusätze erzwingen würden, die sie zur Unkenntlichkeit verzerrten. Da der Stärke der Interessen für Theorie und Musik früher wie später die Fähigkeiten nicht gleichermassen entsprachen, wurden einstens nur Ziele anvisiert, die etwas vermitteln, ein Gegebenes immer schon voraussetzen und das Schaffen von eigenen Gebilden niemals erfordern würden. Wer sich mit Theorie und den Künsten auseinandersetzt, muss nicht notwendigerweise ein ernstzunehmender Theoretiker oder Künstler sein, auch dann nicht, wenn die Bahn kaum den Bereich der Pädagogik streift. Ein Verhältnis zur Theorie ist aber gegeben, und es muss gehütet werden, wenn das Leben im ganzen nicht als zum Organisieren von Hobbies verkommen gedeutet werden soll.

Sowohl in biederer und seriöser wie auch in tendenziell ausgeflippter und revolutionärer Ausgestaltung leistet der engagierte Intellektuelle einen Verzicht aufs erschöpfende diskursive Darstellen der Theorie, um seinen Einsatz auf die Praxis zu konzentrieren. Auch wenn einem die Welt in einem desolaten Zustand erscheint, sind die Arbeiten dieser Philosophen, Soziologinnen, Schriftstellerinnen und Journalisten in den Medien doch präsent und erscheinen wenigstens aus diesem Grund erfolgreich. Sie stehen mit beiden Beinen in der Welt, und was sie tun, lohnt sich – nur die Lektüre ihrer Werke nicht. Ihre begrifflichen Argumentationen enden in Behauptungen, und ihr Aktivismus missachtet Sartre’s Einsicht in die Schwierigkeit aktivistischer Gruppen, in autoritäre, irrationale umzukippen. Weniger fasslich erscheinen die pragmatischen Intellektuellen, die mehr als die engagierten fast nur an den Universitäten und in den konservativen Büros der Machtinstitutionen wirken. In ihren Arbeiten wäre das eigentlich Falsche und Verschlafene der letzten zwanzig Jahre aufzuspüren, zum Kotzen diejenigen nahe der Fachökonomie mit der Betriebswirtschaft für die Schnösel aus den Villenvierteln und der Volkswirtschaft in ihren täglich wechselnden Theoriekursen, wo jeder Satz für eine Lüge steht: sie verzichten auf die Perspektive der Kritik und darauf, die Theorie als Platz der Auseinandersetzung noch ernsthaft in Erwägung zu ziehen; weder wollen sie die Theorie im ganzen weiterhin darstellen noch implizit auf eine phantasierte Bezug nehmen. Der Status solcher Theorie ist nicht einfach vorläufig, sondern unverbindlich. Um so drastischer wird in diesen Texten das andere der eigenen Position ausgeblendet – es fällt weg, und zwar, kurioserweise, als falsche Theorie, auf die man nicht mehr zurückzukommen hätte. Nicht der dümmste der Alten, Leibniz, behauptete, in nicht klar und eindeutig zu bestimmender Weise hätte jede Position in der Philosophie ihr Recht und stünde nicht ausserhalb der Wahrheit. Das findet kein Gehör, als ob auch hier die heutige Welt, die globalisierte Destruktivität, der Vernunft ins Gesicht schlagen wollte, die eine gewisse Zeit braucht, sich zu entfalten, und nicht beliebig beschleunigt werden kann.

Das Vertrauen in ein begriffliches, an der Gesellschaftstheorie orientiertes Darstellen von Einzelgebilden hat keine Bahn beschrieben, die sich nachzeichnen liesse und zeigt sich als bedauerlichen Fall ins Nichts. Man denkt an ein treibendes Floss im windstillen Ozean als Negativ eines Treutse Bo, eines Bocks in der einsamen Steinwüste – dessen Segelfetzen nur dann vom flauen Wind noch Nutzen ziehen können, wenn dort, wo nichts mehr ist, noch mehr Ballast abgeworfen und der Blick auf noch Kargeres gerichtet wird, immer noch weiter abstrahierend von dem, was das gesellschaftliche Leben und der gesellschaftliche Zusammenhang einem als schlechte Notwendigkeit aufdrängen. Ein solches Terrain wurde im Wallis weit ausserhalb der Dorfränder gefunden, fast schon in der Zone dessen, was peu à peu daran ist, nicht mehr Gletscher genannt werden zu können. Auch diese obersten Flecken sind noch Bestandteil der Gesellschaft, weil ohne sie das Überwintern der Familienkuh, singuläres Kapital der Gesellschaftsteile, unmöglich gewesen wäre. Als materieller Teil der Gesellschaft sind sie Moment der Theorie und zeigen sich in dem, was für die wanderlose Winterzeit zum Thema der Gletschersoziologie wird; sie stehen herum als nichts weniger denn ihr Schlüssel: Ställe.

Kreuz & Kruzifix

14. November 2010 um 7:09 Uhr von ur

Ich brauchte 99% meiner Lebenszeit, um vom Unterschied zwischen dem Kreuz und dem Kruzifix Kenntnis zu nehmen. Das Kruzifix kenne ich bewussterweise nur von Achternbusch, ohne den Film, der offenbar einen gut funktionierenden Wecker enthält, selbst gesehen zu haben. Erst in den letzten Tagen dämmerte mir, dass es sich um zwei verschiedene und eindeutig definierte Formen handelt, von denen eine nur einer einzigen Konfession zukommt, die andere aber mehreren, in unbestimmter, von mir noch nicht durchschauter Weise auch wieder der ersten. Den Kreuzen begegne ich seit jeher auf Hügeln und Bergen, deutlich mehr im Wallis, aber nicht unmöglicherweise auch in reformierten Gebieten wie dem Berner Oberland und der Waadt. Ich hatte sie nie als etwas empfunden, zu dem ich mich negativ verhalten sollte, ausser bei Neubauten, die mit einer Volksparty verbunden waren und so die Ruhe infrage stellten, die von ihnen beim Wahrnehmen ausgeht, besonders stark und leicht berührend eben, wenn sie Spuren des Alterns aufweisen. Ein einziges Mal empfand ich körperliche Widerstände, weil ich die Installation als Zumutung verspürte und es sich entgegen der Tradition, so wie ich sie damals im Gedächtnis hatte, nicht um ein Kreuz, sondern um ein ungetümes Kruzifix handelt, auf dem Kleinen Matterhorn. Der Gegenstand dort oben ist in mehrfacher Hinsicht falsch, weil er an aufdringlicher Stelle plaziert wurde, viel zu gross ist und man gar nicht auf dem Berg steht, sondern selbst schon auf einer Installation, seit dem Austritt aus der Bergstation. Das Kruzifix dort oben erwartet nicht BersteigerInnen, um ihnen Ruhe zu verschaffen, sondern die finanzkräftigen Massen des globalisierten Tourismus, um den einzelnen klar zu verstehen zu geben, auf welchem Hintergrund hier Ordnung herrscht. Mehr Bauchweh machen neuerdings Meldungen, nach welchen es im Wallis gesegnetes Recht von Sitten sein soll, dass die Dorfpotentaten diejenigen, die ihre Kinder bilden und ausbilden, damit sie fähig werden, sich mit den Wunderbarkeiten & Wundersamkeiten der Welt auseinanderzusetzen, in die Gletscherwüste schicken und symbolisch ans Kreuz nageln, um, nicht symbolisch, weiterhin damit auf ihre Kinder einschlagen zu können. Was geschieht und mit welchen Tatsächlichkeiten, weiss ich nicht. Aber ich weiss jetzt, dass es solche gibt, die mit Kruzifixen erzogen wurden, und dass sie möglicherweise mehr daran zu tragen haben, als ich bis anhin hätte vermuten können.

Dusapin, nicht Mozart

11. November 2010 um 21:34 Uhr von ur

Gerade im Théâtre des Champs-Elysées (Aufnahme vom 8. Oktober), auf France Musique, mit Pascal Dusapins Passion (2008), einer Oper mit reflektierendem Bezug zu Monteverdi, leicht und sehr feingliedrig, ohne alles Fett der Massenoper. So hätte sich die Musik nach Monteverdis Tod entwickeln sollen, nicht hin zu Mozart. Hoffentlich gibt es das Stück bald noch einmal zu hören, wegen des Orchesters und einigen SängerInnen, Ensemble Modern und Vocalconsort Berlin, vielleicht auf einem deutschen Sender. Und hoffentlich gibt es auch die anderen Werke dieses erst heute entdeckten Komponisten zu verfolgen. Weil diese Musik so leicht erscheint, dünkt es mich, ich verfolge sie in ihren Vielheiten eher als dass ich Komplexe zu entziffern hätte.

Warensammlung heute

11. November 2010 um 14:45 Uhr von ur

1989 bis 1991 hatte ich ein richtiges Einkommen, das die Investition in eine Stereoanlage erlaubte. Der Verkäufer schätzte die Lebensdauer der ausgewählten Geräte, Technics AA, auf mindestens acht bis höchstens zwölf Jahre ein. Vor zehn Jahren musste der CD-Player ausgewechselt werden, vor vier Jahren begannen Kontaktstörungen am Volumenregler, und vor zwei Jahren verabschiedete sich eine interne Batterie des Tuners mit der Folge, dass das Display nur noch äusserst schwach ablesbar war und der Senderspeicher alles löschte, wenn die Stromzufuhr länger als eine Stunde wegfiel (das neu Abspeichern der benutzten elf Sender dauerte jeweils gut eine halbe Stunde). Die Lautsprecher werden seit zehn Jahren nicht mehr eingesetzt, da das Haus im Innern keine Isolation hat und folglich teuflisch ringhörig ist. Der Funkkopfhörer Sennheiser HDR 140 seinerseits verlangt eine eigentümlich präzise Einstellung der Lautstärke – genau diese konnte der Volumenregler einfach nicht mehr finden: immer war das Signal für den Kopfhörer zu laut oder zu leise, so dass ein Scherbentonhaufen entstand, in dem nichts Musikalisches mehr herauszuhören war.

Hat man sich entschieden, dass ein Verstärker und ein Tuner neu angeschafft werden müssen, traut man sich der Wahrnehmung der Warenwelt nicht mehr. Vor dreissig Jahren ist man in irgendein Musikgeschäft oder – billiger – in ein Warenhaus für Unterhaltungselektronik spaziert, hat fast Hunderte von Anlagen entweder direkt ausprobiert oder wenigstens beäugt, diverse Kataloge durchgeblättert und Geräte aussortiert, die in Qualität und Preis kontinuierlich einen Bereich ausfüllten, der von sehr billig und schlecht bis weit ausserhalb des Rahmens der Bezahlbarkeit verlief. Heute kommt mir die Schweiz wie die einstige DDR vor, nur von wenigen Geschäften beglückt, die man besuchen kann, und nicht ein einziges bietet das an, was man sucht, je als Einzelstück einen Verstärker und einen Tuner für eine sogenannte Stereoanlage, nicht für ein – grosse Kotze! – Heimkino. Die Discounter führen nur noch kleine Gesamtanlagen, in kleinem Format und schlechter Qualität (ob sie wirklich schlecht ist, weiss ich nicht: als alter Sack fühlt man sich wie ein Meister der eigenen Erfahrungen (aufs Risiko hin, als Bock seiner Vorurteile dazustehen)). Wird man auf das einzige in Bern auffindbare Geschäft mit Musikanlagen fürs Zuhause hingewiesen und folgt dieser Fährte, wird man von der Einsicht erschlagen, dass der billigste Tuner dort mehr als das Dreifache dessen kostet, was man ausgeben kann. Die Lage ist ernst, der Weg ins Netz der alleinig offenstehende. Siehe da, zwei Geräte finde ich, die meinen Wünschen und dem Kinderportemonnaie zu entsprechen scheinen: X4-Tech TU-1000 (erinnert an den alten Computer im Ircam, 4X) und Pioneer A-109. Wie kommen die Möbel, eines drei und eines vier bis fünf Kilo schwer und sehr gross verpackt beide, ins Haus und in die Wohnung nach oben? Eine Lieferung also per Post, und angekreuzt wird bei der Bestellung für Erstkunden per Nachnahme. Da ich vor fünf Jahren die Erfahrung machte, dass bei einer ähnlichen Bestellung für ein Computerteil die Lieferung bereits am anderen Tag eintraf, blieb ich – das war die letzte Periode mit den leuchtenden Schönwettertagen – zu Hause und passte den Pöstler ab, da er sonst die Ware bei der nächstliegenden Poststelle, zehn Minuten Fussweg entfernt, abholbereit deponieren würde, und das käme aufs Gleiche hinaus wie der Kauf der Geräte direkt in einer Filiale der webzentrierten Vertriebsfirma. Alle die schönen Tage wurden verspielt und am letzten mit einem Brief im Kasten gekrönt, der sich für die Bestellung mit einem Einzahlungsschein bedankte, dessen Bearbeitung meinerseits als Vorauszahlung unverzüglich dann den Versand auslösen werde. No Panik, aus der Fassung bringt uns das nicht. Eine Woche später sind die Pakete im Parterre, ohne Schnur, ohne Haltegriffe. Ich weiss nicht, wie Titanen fuhrwerken, aber ich brachte die unhandlichen Kästen nach oben, sämtliche alten Teile aus dem über zwanzigjährigen, mit Rädchen unterlegten Turm auf den Tisch (nachmittags je einzeln zur nahgelegenen Sonderabfuhr) und die zwei neuen mit dem CD-Player zuunterst flugs wieder dahinein. (Einarmig geht immer flott, wenn man die Arbeitsstelle so zurechtrückt – in diesem Fall auf den Rädchen eben – dass die Zielposition mit einem Knie erreichbar ist und die zweite Hand ohne Armbewegung Unterstützung leisten kann.) Siehe da, was morgens um Neun eintraf, funktionierte wie erwünscht kaum später schon als am Mittag. Der Klang in den Hörern erschien mir gewöhnungsbedürftig, aber nicht skandalös. Doch am selben Abend wurde klar, dass ein Fehler vorliegen muss, weil ich eine Sendung wegen Störgeräuschen nicht zu Ende hören konnte. Anderntags gingen die Tests weiter. Wenn nach einer gewissen Pause die Akkus des Hörers wieder geladen waren, tönte alles gut. Nach einer halben Stunde kamen auf France Music die ersten Knitterstösse, auf Bayern 4 Rauschen. Nach zwei Stunden war auf keinem Sender mehr ein Zuhören möglich, mittags etwas weniger entschieden als abends. Als ich dann einmal nicht mehr weiter radiohören konnte, probierte ich zum ersten Mal eine CD aus: wunderbar der Klang! Kaum zu übertreffen, deutlich und schön in allen Höhen. Ich machte für den schlechten Radioempfang drei Fehlerquellen aus: Störungen aus Nachbarwohnungen mit eigenen Funkkopfhörern, schlechte technische Standards im Kabelnetz, eine schwache Verdrahtung im Tuner – Hypothesen, die weniger kühn sind als verzweifelt. Am Internet suchte ich alle drei Geräte wie Kopfhörer, Verstärker und Tuner ab, fand aber nirgends eine Kritik an einem der Teile, die mich hätte weiter bringen können. Dann merkte ich, dass der Ton wieder besser wird, wenn ich die Antenne bei der Buchse ein wenig herausziehe und drehe. Ich las alles Deutschsprachige über FM-Antennen und fand bei einem Hersteller eine seltsame Angabe, das Schirmungsmass in Dezibel (entspricht möglicherweise dem Leitungswellenwiderstand und der Impedanz in Ohm), mit einem langen deutschen S, das klarstellt, wo ein Produkt herkommt, das in der Schweiz hergestellt sein möchte. Alle FM-Kabel der besuchten Firmenwebsite haben den Wert >75 db oder besser, nur ein Kabel hat den geringen von >50 db. Endlich begann die Hypothesendämmerung: Meine Geräte sind zwar neu, das FM-Antennenkabel aber uralt, über zwanzig Jahre alt. Ein neues behauptet, aus der Schweiz zu kommen, hat aber das verräterische S, mit einem Wert von >90. Wer hätte das gedacht: alle Sender sind nun gut zu hören (France Musique abends zu 90%), die Tonqualität nicht wie die Tage zuvor mit dem alten Kabel sondern fast wie direkt ab CD. – Gestern noch der letzte Kauf in dieser Sache, neue Ohrpolster des Kopfhörers, zu tätigen erst nach einer kleinen Reise durch die Schweiz (an einen Ort mit Blick auf Vrenelis Gärtli (wo Fenek erst gerade runtunterfiel)), da kein einziges anderes Geschäft im Land diese Kleinigkeit noch anbieten würde. (Auf der Rückreise im vollen Zug herabgestürzt wie ein Meteorit aus weit entfernten Zeiträumen kurz vor Abfahrt die allerschönste Frau, noch nie von einem Menschenmann gesehen, direkt vis-à-vis de la bête auf den letzten freien Platz, direkt am Fenster in einem sechsplätzigen Abteil: ja, sie kann es, das Katastrophische all der Monster & Minister aufwiegen, die den freien globalen Markt diktieren, nur um ihn zu zerstören, indem sie alles Geld aus seinen Bahnen abziehen – zur Hälfte allein schon durch ihre lebenslustige, in Neugier weich rundgewölbte Zungenspitze, hellrosa-weiss & leuchtend unter einer Aura in abgedämpftem Gelb-Rot, mit dem sie, ihrer Wirkung gewiss, die Lidschatten noch im Aussergalaktischen tönte.) Uff, geglückt – und ab nun zum Überwintern in die weltweiten Konzertsäle zuhause, nahe immerzu beim Sitzplatz fünfte Reihe Mitte!

Spass muss sein

11. November 2010 um 9:39 Uhr von ur

Gar lustig ist das Mauswandern, von einer Cam zur anderen, noch lustiger, wenn man’s mit der Kunst der Musik bereichert. Aus einem alten Schlager zu Bern tönte es einst:

„Spass muess sii
stellet d’Schneekanone ii.“

Das Frutigland ist diese Saison ganz hurtig und auf der Metsch am Donnern noch vor Mitte November:

(Für die FreundInnen mit beschränkter Einsicht ins Volkssprachige:

„Spass muss sein.
Winterknechte der Aktionäre
im Tourismussektor:
Rohr frei!
(Rausaussengespuckt die weisse Gülle!)“

(So hat Arno Schmidt enddli wieder einen Auftritt haben dürfen.))

Wie zu betrachten

9. November 2010 um 6:46 Uhr von ur

Das Zentrum der Musik ist ihr Schöpfer, der komponierende Mensch. Er entäussert seine Werke, damit auch andere in sie Einsicht nehmen können. Macht er es schriftlich, nimmt diese Form der Entäusserung selbst auch Einfluss auf die Musik. Liegt sie erst einmal stumm vor, kann sie von einzelnen gelesen werden; realisiert wird sie erst im Spiel durch weitere, andere. Und doch kann sie in der Aufführung, die ihr notwendig scheint, Schaden nehmen. Eines ihrer Ideale ist die reine Notation, ein anderes die Interpretation, die als ideale bewundert wird (durch kritisches Beschreiben und möglicherweise durch physikalische Archivierung), ein drittes der hörende Mensch, der das Werk im Verlauf des Zuhörens quasi neu nachkomponiert. Und alle diese Ideale sind gewöhnlicher Bestandteil eines historischen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs, in dem sie geschehen. Es macht nicht die geringste Mühe, sich mit der Musik auseinanderzusetzen, ohne dass man wüsste, wann man in einem Werk oder in einem Konzert mit improvisierten Anteilen die Musik wahrhaft begriffen hätte. Entscheidend ist nur, dass man sich bemüht, ihr mit Wahrhaftigkeit die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie zu verdienen scheint. Viel Wagnis ist nie dabei.

Mit den Bildern ist es nicht viel anders, auch dann nicht, wenn man sich in der allgemeinen Bilderflut einer besonderen ausgesetzt sieht. Auch wenn es einen objektiven Inhalt gibt, einen Menschen hinter jedem erstellten Fotobild und sowohl einen engen wie einen erweiterten Zusammenhang, in dem das Bild steht, ist die Frage, wo und auf welche Weise das Wesentliche des einzelnen Bildes aufzustöbern sei, unecht, aufgesetzt, überflüssig. Die Spontaneität in der Betrachtung ist schon Kraft und Garantie genug, dass der sehende Mensch nicht irregeführt wird. Der Betrachter ist frei ausser in dem, dass er sich betrachten muss. Ist sein Aufmerksamkeitspotential klein, so sieht er sich als schwacher, der von jedem Inhalt absieht und sich aufs Technische bescheidet; hat er Lust auf Unterhaltung, gibt er sich dem Spiel der Kontraste, Formen und Farben hin, solange sie ihn reizen; er kann auf denjenigen Ebenen vergleichen, wie es ihn gut dünkt, derjenigen des Fotografierens oder der selbst erlebten beziehungsweise noch zu erlebenden Bildinhalte – und er kann, sofern die Zeit ihm gegeben ist, die weiteren und engeren Kontexte in seiner Aufmerksamkeit berücksichtigen, die immer schon objektiv von den Inhalten und subjektiv durch die Form der Präsentation gegeben sind. Wie in der Musik ist es unsinnig, ein Ideal herauszulösen und die anderen Arten und Weisen des Betrachtens dadurch aggressiv in Frage zu stellen.

Fiktionale Destruktivität real

3. November 2010 um 1:07 Uhr von ur

Ich gehe nicht ins Kino und schaue nicht Fernseher, kann keine Sympathien für diese Medien aufbringen. Im Traum lese ich den Buchrücken eines bekanntermassen brutalen Romans mit rotem Buchumschlag. Ein paar Zeilen geht es gut, dann dämmert mir, dass ich in eine Realität hineingezogen werde, aus der es kein Entrinnen geben wird. Ich halte einen Arm vor die Augen und überfliege den Text, der eine Seite nicht überschreitet. Es entsteht eine ungeheure Spannung, die sich entäussert und ausserhalb meiner Existenz zuerst wie ein Wetterleuchten, dann in unmittelbarer Umgebung eine laute Welt der passierenden Zerstörung Wirklichkeit werden lässt. Es geht jetzt ums Entscheidende: was geschieht, wenn ich den nächsten Satz lese? Nochmals, es ist nicht das Buch selbst, in dem ich am Lesen bin, nur seinen Umschlagstext will ich zur Kenntnis nehmen. Ich bin überzeugt, getötet zu werden, wenn ich den nächsten Satz lese, der nicht der letzte des Buchumschlags ist, sondern einer aus der Mitte dieses grauenhaften Werbetextes. Es scheint jemand in der Nähe zu sein, mit dem ich das Problem besprechen will. Es herrscht ein ungeheurer Lärm in einem riesengrossen Bombenhagel. Soll ich lesen? Was für eine Gefahr! Aufwachen ist besser. An mir ist etwas blöd.

Mahler, Strauss & Straw

31. Oktober 2010 um 18:46 Uhr von ur

In der Philosophie gehören die widerständigen Autoren und Autorinnen deswegen zu ihrer Geschichte, weil sie das Diskursive des Begriffs erst ermöglichen; dadurch sind sie notwendig und wecken das Interesse für eine subversive Lektüre der Philosophie überhaupt. Eigenständige, durchgestaltete, wenn auch unabgeschlossene Philosophien bilden sie erst nach dem Ende der Philosophie als System. Nach Hegels Tod wird jede Philosophie verdächtig, die ein System intendiert, einen Standpunkt fixiert oder eine Lehre beabsichtigt. Keine Philosophie repräsentiert diese noch einmal insgesamt; jede ernst zu nehmende widerspricht ihr – oder macht ihre eigene Begrenztheit zum Thema.

Die musikalische Geschichte enthält zwar auch widersprüchliche Tendenzen, immer aber innerhalb eines begrenzten Zeitraums. Einem Zeitstil widersprechende Musik ging jeweils rasch wieder verloren, weil es in der Kunst Lust machte, Neues zu schaffen, sobald technische oder ästhetisch-legitimatorische Schranken fielen. Erst seit wenigen Jahrzehnten werden KomponistInnen, die nicht gemäss den herrschenden Standards Werke schufen, als historische Trouvaillen verdienstvoll zu Bewusstsein gebracht. Nach Wagner (mit Debussy und Ravel) aber vermochte sich neu eine Musik gegen die neue, wahre und zeitgemässe, gegen Schönberg zu etablieren, die sich nicht nur bruchlos halten konnte, sondern nach wie vor die ernste Kunstmusik künstlerisch wesentlich konkurrenziert. Obwohl der geschichtsphilosophische Wahrheitsbegriff auf dem Feld der Musik nicht mit dem der gesellschaftlichen Theorie zu vergleichen wäre, ist das Verhältnis der musikalischen Kunst von Mahler, Strauss und Strawinsky zu derjenigen von Schönberg, Nono und Boulez, zur Geschichte der Musik als Kunst überhaupt, doch erstaunlich – als ob eben etwas unverleugbar Unwahres über eine scheinbar unabschliessbare Zeit hin mit dem Wahren einen Konkurrenzkampf zu bestreiten vermöchte. Gustav Mahler hatte keinen leichten Start, wurde aber nach dem Zweiten Weltkrieg immer offensichtlicher zu einer künstlerischen Grösse, die mit dem Älterwerden unablässig künstlerische Schätze freisetzt, auch solchen, die ihm anfänglich nicht recht trauen wollten. Strauss hatte einen fulminanten Start, beeindruckte alle von Anfang an (unverzeihlich, wie Varèse ihm huldigte) und genoss den Ruhm durch alle Reiche hindurch. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine kurze Schweigezeit – heute wird seine Musik nicht nur den ganzen Tag lang auf deutschen Sendern gespielt, sondern im musikalischen Diskurs peu à peu auch gegen die von Mahler aufgewertet. Das stärkt den Unangenehmen auf unangenehme Weise, denn auch geschätzte Künstler wie Rihm und Lachenmann sitzen diesem Trend auf. Strawinsky steht anders da, weil er in einer offenen Auseinandersetzung mit der Kunst seines Gegenparts spielte. Leider unterstützte seine künstlerische und menschliche Souveränität die frühe Tendenz in ihm, die neu zu schaffende Musik nicht mit der aktuellen Gesellschaft verschwistert sehen zu wollen und das Neue generell nicht als wesentliche Kategorie zu anerkennen. Diese forcierte Apathie drückte mir gestern Abend wieder auf den Magen, als France Music ein Konzert brachte, auf das ich mich tagsüber freute, mit frühen Stücken, vor 1920, am Schluss noch den Rossignol, eine Kurzoper, die ich musikalisch eigentlich ganz gut mag, wenn auch den Kitsch in ihrer Geschichte entschieden nicht. Obwohl L’Histoire du Soldat gar nicht gespielt wurde, war mir dieses missratene Stück ständig in den Ohren, und ich bezog alles Geschehen und alle Wendungen in diesem Konzert, die mir ansonsten eher gut gefallen, mit Widerwillen auf es. Es gibt kein glückliches Zuhören im Unwahren, zuweilen nicht einmal ein interessiertes.

„Experimentelles“ Traumdispositiv

31. Oktober 2010 um 4:20 Uhr von ur

Vorbemerkung: Diese Notiz geschieht allein wegen der Art des unterbrochenen Träumens, wo wache Phasen mit träumenden über einen längeren, ausgedehnten Zeitraum alternieren, ohne dass ein bestimmtes Thema verlassen würde – nicht wegen den Trauminhalten selbst.

Ich fahre nach einer Tour im Postauto zurück, wahrscheinlich vom Grimsel, zuhinterst im Bus. Noch weit oben, nach weniger als zwanzig Minuten, schaue ich in einer Kurve zurück und sehe, wie man an dieser Stelle, in der Kurve, einen Grat zu sehen bekommt wie unmöglicherweise in solcher Eindrücklichkeit an einem anderen Ort – sowohl die Perspektive wie die Distanz und die Blickhöhe könnten besser nicht sein. Da es nicht in Frage kommt, den Bus anzuhalten, einmal wenden zu lassen, zurückzufahren, dann wieder wenden und an der besagten Stellen stoppen zu lassen, damit ich mehrere Bilder machen könnte, knapp vor, genau an und knapp nach der optimalen Stelle, fahre ich im Bus nach Hause. Das ist nicht Bern, sondern wie in vielen noch gar nicht so viel früheren Träumen der alte Busbahnhof von Luzern. Ich überlege, was zu tun ist, mache mich parat zum Duschen, weiss aber nicht recht, wo ich den Rucksack mit den Kleidern, in denen auch noch fünfzig Franken drinstecken, deponieren soll, ohne dass er geklaut wird. Nun wache ich zum ersten von nicht wenigen Malen auf, sage mir, dass zu duschen gar nicht nötig sei, und suche, nun wieder träumend, einen Platz zum Telefonieren – ob mit einem Handy oder in einer Telefonkabine, ist nicht klar (ich habe am Tag via Zeitung auf Youtube die Sequenz in einem Charly Chaplinfilm gesehen, in der eine Frau mit einem Handy am Ohr eindeutig telefonierend durchs Originalbild aus den Zwanzigerjahren läuft). Ich überlege Verschiedenes und telefoniere mit Verschiedenen, nicht wenige Mal mich auch fragend, ob ich aufstehen solle, ich würde ja doch nicht mehr träumen sondern nur willkürlich traumphantasieren. Durchführbar ist die Idee, dass U.R.d.Ä., der allerdings wie ich selbst kein Fahrpatent hat (was im Traum nicht thematisiert wird), mit einem Lastwagen aufkreuzt. Wir fahren vom Inseli los und sind sehr schnell auf der Grimselpassstrasse in der Kurve, wo die Bildaufnahme auf dem Dach des Lastwagens mit einem Dreibeinstativ, woher es auch kommen mag, tadellos gelingt – es ist nach diesem langen, unterbrochenen Träumen derselbe unwirkliche lange und messerscharfe Grat geblieben, den man unmöglicherweise an einer anderen Stelle auf so beeindruckende Weise hätte fotografieren können.

Das „Experimentelle“ im Titel bezieht sich auf den Traumvorgang und steht in Anführungszeichen, weil es fürs Träumen keine Planung gibt. Fürs Fotografieren der Animation wurde ein grosses Messer auf ein Badtuch geklebt, das über einem Stativ liegt. Im Büchergestell blitzt der externe Flash in der genauen Position der Sonne im Traum. Das Ganze geschieht vor der weissen Stubentür, dem einzigen Fleck in der Wohnung ohne Bild oder sonstige störende Struktur. – Die ersten Bilder wurden äusserst kompliziert sitzend am Tisch mit kleinen Messern durchgeführt; was im Traum besonders erschien, das Bild direkt in der Gratlinie, war dort noch weniger sichtbar als mit dem grossen Messer stehend fingiert.

Zwei tschechische Opern

25. Oktober 2010 um 9:56 Uhr von ur

Vorgestern auf Bayern 4 direkt aus München Dvoráks Rusalka (1901) unter Tomás Hanus. Das Werk erscheint mir in den guten Partien wie ein Rinnsal des Rheingolds, nur selten zeigen sich Materialien aus Dvoráks starken Partituren wie beispielsweise der 9. Symphonie „Aus der neuen Welt“. Als Opernkomponist dünkt mich Dvorák nun fade und weit hinter seine Zeit und sein eigenes Vermögen zurückgefallen. Von der skandalträchtigen Inszenierung, in der dem Märchenhaften der verführerischen Mädchenfrauen oder Mädchenseejungfrauen die grauslige Realität der in den letzten Jahren berühmt gewordenen Fälle von Pädophilie entgegengestellt wird, ist im Radio ausser den ihr zuzuordnenden, indes spärlichen Buhrufen nichts zu vernehmen. Da ich beim Hören spontan eine Mädchenidylle halluzinierte und an der musikalischen Interpretation nichts auszusetzen hatte, verstand ich dieselben nicht und überhörte sie.

Gestern auf SWR 2 Janáceks Katja Kabanova (1919-1921) als Live-Aufnahme vom Mai aus Stuttgart unter Michael Schønwandt. Ah, welche Kraft und permanente Inspiration! Kaum ein Moment, wo nicht Materialien aus den besten Instrumentalstücken des Komponisten dem Geschehen Zunder gaben, so dass auch einem Opernhasser der Kiefer nicht selten offen stehen musste. Nicht nur hat das Werk einen Drive, der unaufhaltsam vorwärts in die Katastrophe treibt, sondern die ästhetische Idee des Komponisten ist so durchdacht und einzigartig, dass man sie als ihrer Zeit vorauseilend empfindet, als eine, die heute gerade rechtzeitig angekommen ist.

Harrison Birtwistle

22. Oktober 2010 um 19:36 Uhr von ur

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg mit Jonathan Nott spielt auf Radio SWR 2 Harrison Birtwistle, The Shadow of Night vom 4. Juli 2010: Umwerfend & tiefsitzend poetisch. So müsste man denken, und man würde über den Tod sprechen können

Jazzleichen, jugendliche

7. Oktober 2010 um 10:26 Uhr von ur

Wer sich heute nicht nur neugierig aus der Distanz, sondern wohlgebettet auf einer lebenslangen und umfassenden Erfahrung und in einer affirmativer Haltung mit der improvisierten Musik auseinandersetzen will, aus einem Impuls heraus, den ein besonders gelungenes Konzert improvisierter Musik freisetzte und der die Frage heraufdämmern liess, wie heute über sie verbindlich zu sprechen sei, sticht in ein Wespennest, deren Individuen sich zu geben scheinen teils wie Nachtigallen, teils wie kaum flügge gewordene Adler oder wolfshungrige Walliser Lämmergeier. Die Vergesslichkeit zerrüttet nicht nur ihre ontologische Identität, mit einer solchen sich auch in einem geglückten Leben spielen liesse, sondern zersetzt in alzheimerschen Masse ihre Kunstproduktion von Grund auf: sie scheint nur möglich, weil die MusikerInnen sofort vergessen, was sie soeben gespielt haben, dasselbe nämlich, was sie jetzt spielen und alsbald wieder spielen werden. Wann immer man etwas von ihnen hört, heute, erscheinen zu viele von ihnen wie Schnapsleichen, ausserstande, in der Aufführung einem aufmerksamen Ohr klar zu machen, was Neues sie dem interessierten Publikum schmackhaft machen wollen. Auch in der geschriebenen Musik gibt es viele schlechte Schöpfer und Schöpferinnen. Einige von ihnen schaffen aber über alle Massen fesselnde Werke – weil diese einem neu erscheinen, als Gegenteil von immergleich. Das berührt die gesellschaftliche Anerkennung der schlechteren KomponistInnen nicht. Mit Recht wurde noch nie infrage gestellt, dass auch die weniger innovativen schreibenden MusikerInnen von allen möglichen Instanzen Gelder zugesprochen erhalten müssen, weil die Entwicklungsbahn der Einzelnen nicht vorausgesagt werden darf.

Der Artikel von Thomas Meyer und die Wurfgeschosse der bösen Jugend sind hier ausgestellt: http://reactionsmeyer.blogspot.com/

Gliese 581g

2. Oktober 2010 um 17:34 Uhr von ur

Gliese 581g wurde vor kurzer Zeit als einer der Planeten ausserhalb des Sonnensystems bekannt gemacht, der aus einer solchen Masse besteht und in einem solchermassen bestimmten Abstand seinen Sonnenstern umkreist, dass er möglicherweise Wasser enthält und unter einer Atmosphärenhülle steht. Er ist Teil eines Prozesses der Erkenntnisgewinnung, die unmöglich scheint und doch in beschleunigten Abständen Ergebnisse zeitigt, die nicht gänzlich mathematisch formal und substanzlos sind. Das Denken über die Welt in ontologischen Kategorien erfährt mit solchen Erkenntniseinbrüchen einen Impuls, der die Einschränkung des Redens über das, was ist, auf die Perspektive der Erdenwelt aus der Fassung bringt. Den ErdenbürgerInnen wird es allmählich und ohne regressive Ausbrüche auf die Phantasien der Science Fiction, die ein Feld des Nichtwissens auspinseln, um nichts weniger unaufhaltsam geläufig, das Geschehen auf der Welt auch von aussen zu betrachten. Was ist, braucht dann nicht mehr von einem Guten oder einem Bösen geschaffen zu sein, um im Ganzen sinnhaft begriffen werden zu können (der gewöhnliche, beschränkte und philosophisch aktive Mensch benötigt keinen Sinn der Welt im Ganzen, um mit Notwendigkeit gegen das herrschenden Leid praktisch vorzugehen oder wenigstens gegen es Stellung zu beziehen); die Anstiftung zum Sein kann völlig beiläufig geschehen sein, als Spiel nicht unmöglich, das aufgegeben wurde, ohne dass seine Anordnung schon weggeräumt worden wäre. Käme der Spieler zurück und würfe einen Blick auf das, was zwischenzeitlich ohne ihn und seine möglichen MitspielerInnen geschehen war, würde er sich die Augen reiben, in welcher Weise ein Seiendes dieser Welt, das mit einer besonderen Begabung ausgestattet worden war – mit ihrem Einsatz nämlich das Allgemeine und für Alle Gute überhaupt kenntlich machen und sehen zu können – die Zerstörung allgemein macht. Er grübelt darüber nach, was besser wäre, dem Spiel eine andere Richtung zu geben, es abrupt zu beenden oder es seinem Lauf zu überlassen, sich qualvoll selbst zu beenden. Mehr denn je wird es zur heiligen Pflicht des gewöhnlichen Menschen, sich mit denen nicht zu verbünden, die Macht und „Verantwortung“ für sich in Anspruch nehmen. So zu leben, war aber noch nie mit einer göttlichen Gabe verrechnet worden, sondern gehört zum Spiel der Zeit immer schon, in dem nicht einmal das mindeste vorgesehen wäre, dass die Mächtigen in ihren Ansprüchen vergessen gehen.

Die Zukunft ausmalen

1. Oktober 2010 um 15:48 Uhr von ur

Ein zentrales Moment der gesamtgesellschaftlichen Veränderung, die die Globalisierung beinhaltet, führt zu einer Umwertung in der geschichtsphilosophischen Deutung und der utopischen Wertsetzung: das überlieferte Bilderverbot, das eine linke Perspektive mit gleichzeitiger Abwehr alles Stalinistischen und sonstwie Autoritären erlaubte, erfährt dadurch eine objektive Abwertung, dass eine progressive Politik heutzutage fahrlässig erschiene, die nicht in ökonomischen und versicherungsmathematischen Termini zu beschreiben vermöchte, welche lokalen, regionalen und globalen Auswirkungen ihre neuen Eingriffe haben werden. Das weiss jedes Kind und macht jeden Erwachsenen unsicher. Die geschichtsphilosophische Deutung von Einzeldingen ist frei von diesem Problem, weil der Anteil des Utopischen und Ausgepinselten nicht zu ihrer Arbeit gehört, sondern den Gebilden selbst intentionslos immer schon zukommt. In der politischen Deutung der Gesamtgesellschaft muss dieses Problem erst noch eingeübt werden. Man muss sich in der Politik getrauen zu sagen, dass die Eingriffe Veränderungen zur Folge haben – und man muss die Kenntnisse an den Tag legen, in welcher Weise sie sich im Verlauf der Zeit einstellen werden. Man sieht sich heutzutage gezwungen, mit dem vernünftig zu argumentieren, was noch nicht ist.

Macht

1. Oktober 2010 um 7:56 Uhr von ur

Die politische Macht heute, vor wenigen Augenblicken: der Herr mit der Kravatte unter der Gasmaske, auf dem fahrenden Tron. Man denke an die freundlich dreinblickenden Gesichter aus dem Management von UBS, Credit Suisse etc.

Bilderklau Der Bund

28. September 2010 um 5:01 Uhr von ur

Während sich die Stadt Bern nicht scheut, von einem IV-Rentner mit Ergänzungsleistungen vorzeitig umgewandeltes Pensionskassengeld, das vom zeitlichen Lebenshorizont her gar nie erreicht werden kann, als Schuldentilgungsmaterial einzufordern, sind sich die grossen kommerziellen Medien weiterhin nicht zu fein, von der Website desselben Abgestraften Bilder zu klauen. Das Graffenried-Imperium muss auf tönernen Füssen stehen, wenn seine Kollborateure gezwungen sind, bei denjenigen Anleihen zu machen, die am meisten von der Gesellschaft bestohlen worden sind. Das untere Bild gegenüber St-Martin des Berner Bunds von gestern stammt von hier: http://www.ueliraz.ch/Wallis/Dichtkunst.htm

Intelligenz und Widernatur in der Kulturindustrie

26. September 2010 um 16:05 Uhr von ur

Dem verblödeten Menschen mangelt es nicht am Vermögen, intelligent zu denken und zu handeln; was er verabscheut, ist das, was dem Spiel entgegenzustehen droht, die Ernsthaftigkeit. Die Unterhaltungsprodukte dürfen in allen ihren Momenten die Grenzen der Komplexität ausreizen, solange sie als Ganze nicht in Ernsthaftigkeit umkippen. Erst wo der Verdacht im Raume steht, ein Gebilde wäre insgeheim nicht als Spiel gedacht, sondern ernst, bricht es aus dem verdummten Menschen heraus und er denunziert das Komplexe – die schwierige Musik – als widernatürlich. Das Naturverständnis opfert sich in der Kulturindustrie gänzlich an die Künstlichkeit; die Berufung aufs Natürliche – „Menschliche“ – ist losgelöst von jeder Natur.

Urbanner, Sora, Stroppa, Baltakas

25. September 2010 um 5:20 Uhr von ur

Ich habe zwar seit fast zwanzig Jahren einen Kabelantennenanschluss für den Radioempfang, aber die Firma Cablecom schafft es erst seit einem halben Jahr, die immer schon versprochenen Sender Bayern 4, SWR 2, Espace 2 und France Music auch in der Hauptstadt der Schweiz in technisch akzeptabler Weise auszustrahlen. Was für eine Befreiung endlich aus der Verantwortungslosigkeit von DRS 2! Auch ich habe nun Einblick in das, was im Bereich der ernsthaften Kunstmusik aktuell komponiert und aufgeführt wird. Gestern ein umwerfendes Konzert auf Bayern 4 direkt aus München, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Lucas Vis mit vier grandiosen Stücken: Erich Urbanner „Begegnungen“, Tom Sora „Triaden“, Marco Stroppa „Ritratti senza volto“, Vykintas Baltakas „Scoria“. Drei Werke waren Uraufführungen, Stroppas „Ritratti senza volto“ eine deutsche Erstaufführung. Ich kenne jeden versteinerten Kuhfladen in den Walliser Krächen – aber die Namen der offenbar längst arrivierten Komponisten von so grossartiger Musik sind mir gestern alle zum ersten Mal begegnet. Ich lebe in einem vornehmen Land, wo der gesellschaftliche Status der KomponistInnen dem ontologischen der Alpentörtchen gleichkommt.

Tafelmusik zum Tischrücken

24. September 2010 um 4:20 Uhr von ur

Gestern auf DRS 2 das Konzert unter Boulez mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra in Luzern vom 1. September 2010: Strawinskys unproblematische Bläsersymphonie, sein leicht verkitschter Chant du Rossignol (die Oper, immer schon kitschanfällig, auf DVD gesehen, dünkte mich interessanter), am Schluss Schönbergs Pierrot lunaire, enorm energiegeladen sowohl durch die Präzision der Gesamtaufführung wie durch die Vitalität, Geschmeidigkeit und, nicht zuletzt, die Schönheit der Stimme von Olivia Stahn. Dazwischen vom hundertzweijährigen Carter die Lieder What Are Years (2010 an drei Festivals von verschiedenen Bands ur- und zweitaufgeführt, in Aldeburgh, Tanglewood und eben Luzern). Ich folgte dem zwölfminütigen Werk äusserst berührt, wie halbwegs aus einer anderen Welt, als ob einige Parameter im Leerlauf mitliefen, weil gewisse Schaltzentralen der musikalischen Produktion ihre Aktivität nun doch schon eingestellt hätten – geringfügige, aber vom Alter desto entschiedener nicht pardonnisierbare. Man müsste in einem Verein für Tischrücken Einsitz nehmen, um die Signale aus der anderen Welt empfangen und deuten zu können.

Hemdriss

23. September 2010 um 16:15 Uhr von ur

Vor kurzem, an Hendrix‘ Todestag, ein altes Hemd weggeworfen. Ich traute meinen Augen nicht, gegenüber dem Badzimmerspiegel, wie der überstehende Wadenbeinknochen zur Schulter herausschaute, weil just an dieser Stelle drei bis vier Zentimeter im Durchmesser der Stoff gerissen war, immer schon in Spannung durchs Rucksacktragen auf dem unbeschädigten Schlüsselbeinknochen. Wie wäre ich in einem leeren Zugwagen gereist, bei übervollen Zügen, wenn das unterwegs passiert gewesen wäre, in der Hitze der letzten Zeit, wo nichts überm Hemd zu tragen war und ich nie die Gelegenheit gehabt hätte, in einem Spiegel das Malheur zu erkennen?! – Kein Wanderer braucht es mir übelzunehmen, wenn ich mich ausser Grussweite wegbewege.