Der nicht lustige Pöstler

18. Dezember 2010 um 21:30 Uhr von ur

Vor dreissig Jahren begann ich mich für die Lebenshaltung des Postmans zu interessieren, weil sie es mir erlaubte, aktiv im Finnegans Wake mitzuphantasieren, ohne der verantwortlichen Figur des Penmans und ihren Ansprüchen in die Quere zu kommen. Die Idee des Postmans hat sich dann so weit intensiviert und entwickelt, dass er den Blick auf jede Theorie und jedes Theoretisieren wesentlich zu bestimmen begann, indem keine mehr sich denken liess, die nicht ein von anderen Geschaffenes mit anderen in Verbindung zu bringen hätte. Solche Theorie muss nicht selbst schaffen, sondern geschaffenes einzelnes mit anderem einzelnen und mit vielen anderen einzelnen in Verbindung bringen.

Es ist klar, dass ich einer Oper mit dem Titel Il Postino nicht einfach so aus dem Weg gehen kann. Also Kopfhörer auf, Ö1 eingestellt, Ohren auf: Il Postino (2010) vom Komponisten Daniel Catán, mit Plácido Domingo, Cristina Gallardo-Domas, … Arnold Schoenberg Chor, Wiener Symphoniker, Dirigent: Jesús López-Cobos, vom 9. Dezember 2010 aus dem Theater an der Wien. Uff! Uff! Wenn ich mich nicht irre, habe ich die Wiener Symphoniker erst gerade aus Paris erlebt und nicht wenig bewundert. Was ich hier an diesem schrecklichen Opernsamstagabend erlebe, ist nicht nur schlechte Musik, sondern ein dummer Schwank, der jedem Musiker und jeder Musikerin die Ohren rot werden lassen soll, die dagegen keine zotigen Einwände zu erheben wagten. Am schlimmsten dünkt mich die Vorstellung, dass der Unsinn über den politischen chilenischen Dichter Pablo Neruda Joyce selbst gefallen hätte. Ich würde nicht so bös & offen abgestossen schreiben, wenn der mexikanische Opernkünstler, Absolvent eines Philosophiestudiums in England zuerst, dann mit einem musikwissenschaftlichen Ph. D. der U$-amerikanischen Princeton University dekoriert, mit diesen deponierten biografischen Angaben zeigt, dass das, was er tut, nicht auf dem Misthaufen von anderen Komponisten sondern auf einem eigenständigen langen Reflexionsprozess gewachsen ist. Noch eine halbe Stunde würde der Plunder nerven wollen, ich werde gleich beim Hinausgehen die Tore des Opernhauses zuknallen lassen!

Die Neunte & The Survivor

17. Dezember 2010 um 21:41 Uhr von ur

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Sylvain Cambreling direkt aus Friedrichshafen mit Beethovens Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125 und ohne Pause oder Applausmöglichkeit daran angeschlossen Schönbergs Ein Überlebender aus Warschau op. 46 mit unvermittelter Hinzufügung der wiederholten Reprise der Neunten. Wie eindrücklich und wahr das Ganze! Beethoven wurde traditioneller und also leicht pathetischer gespielt als in Paris, wodurch umgekehrt das Schönbergstück, das äusserst präzise gesungen und gespielt wurde, musikalisch um so stärker wachrüttelte – und beide Stücke objektiv, auch aussermusikalisch, wahr wurden. So muss man Beethoven spielen, und so muss man Schönberg verstehen.

Beethovens Achte & Neunte aus Paris

15. Dezember 2010 um 22:11 Uhr von ur

Théâtre des Champs-Elysées vom 28. November 2010, Wiener Symphoniker mit Christian Thielemann, Choeur de Radio France, die achte und die neunte Symphonie von Beethoven auf France Musique. Schon eine Stunde vor Sendebeginn schaue ich, ob „alles in Ordnung“ ist. Keine Ahnung, wann es das letzte Mal war, dass ich so gespannt ein Konzert älterer Musik erwartete. Die vorangegangenen Aufführungen der sieben Symphonien im Pariser November 2010 waren grösstenteils einfach zu gut, als dass die Nummern 8 und 9 verpasst werden dürften.

8.1: Unruhige Tempi, fast bis zum Auseinanderfallen, als würde eine temporale Dekonstruktion erprobt.

8.2: Auseinanderliegendes wird kammermusikalisch gruppiert und sukzessive als neuer Beethoven zusammengesetzt. Beeindruckend.

8.3: Schwere, fast hinkende Metren. Kein Echo auf Haydn, sondern auf Beethoven selbst, die Pastorale. Ländlerhaft, wie eine Vorlage für Mahler.

8.4: Die Flöten schlafen noch, ansonsten superb! Noch nie so wenig laut gehört: das Bestimmte wird in den gedämpften Passagen herausgehoben.

9.1: Die Bläser sind wach, die Streicher homogen wie in den früheren Aufführungen. So kennt man diese Band in Paris 2010. Keine Lecks in der Partitur, dichte gute Musik. Die Erwatungshaltung fürs Kommende ist angereizt, die Spannung da, ganz ohne Pathosfurcht.

9.2: Nicht auf die Spitzen und auf den Drive gezielt, und wieder mit Schwankungen, allerdings ziemlich interessanter, als ob ein Fohlen zum ersten Mal dressiert würde – alle Spannung ist in die leisen Passagen abgelegt. Das ist keine alte bekannte Musik mehr, sondern eine, die zu entstehen versucht. Kein Pathos ist zu befürchten, gerade umgekehrt entfaltet sich Intelligenz.

9.3: Beethoven übte sich in Filmmusik mit einer Landschaftstotale. Hätte man keine angewöhnten Ohren, würde man nicht spontan eifrig zuhören wollen. Das Orchester wird aber nicht kitschig, und der Angefixte bleibt gerne dran. Der Komponist verbrachte eine Zeit mit Varèse in der Gobi Desert. Klar, einmal kippt das Ganze. Doch wer kommt und scheint auf im Bild, die Revolution, das Pathos? Eine Kleinfamilie aus Mexico, durstig – uff, und meine Flasche ist vor lauter Zuhören noch halbvoll. Hat Beethoven den dritten Satz der neunten Symphonie selbst geschrieben?

9.4: Endlich eine Klapperschlange, quasi ohne Pause dem letzten Satz hinzugefügt. Die Ohren sind spitz! Doch wie halten sich die Wiener wieder zurück! Die Melodie, zunächst im Bass, entwickelt sich wie am Anfang des Konzerts kammermusikalisch. Man ist gespannt, weiss aber nicht, worauf die Spannung gerichtet werden soll – sie umgibt einen. Das ist neu. Mit der Stimme wird es … zum erstenmal tänzerisch, leicht, und dann noch leichter. Dies erscheint in der Tat als eine Interpretation, die Stück für Stück Neueres offenbart, der man immer mehr vertraut und in der man sich diesem Neuen immer lieber anvertraut. Jetzt erst wird das Verhältnis von den leisen zu den lauten Stellen klar und wie es aus der Partitur herauszulesen ist, befreit von den staubigen Klischees. Das Folgende bis zum Ende wird so leicht wie Bizet, wunschgesehen von Nietzsche: auf der Oberfläche leicht, innen aufgeschlüsselt um so ernster.

Eroica, Walküre

14. Dezember 2010 um 21:53 Uhr von ur

Es läuft gerade der zweite Satz der dritten Symphonie von Beethoven, Eroica, aus dem Théâtre des Champs-Elysées vom 27. November 2010, Wiener Symphoniker mit Christian Thielemann: erstaunlich, wie schamlos Wagner diese Musik für die Walküre hat ausbeuten können, reinstes Copy’n’Paste.

Dusapin: Reverso

10. Dezember 2010 um 20:28 Uhr von ur

Grosse Faszination wie bei Passion am 11. November, Pascal Dusapin mit Reverso (2006) jetzt live aus dem Salle Pleyel, ein sogenanntes Solo für Orchester. Während des grösseren Teils eine Musik, die sich entschieden von den Prinzipien der Klangschichtung verabschiedet und so etwas produziert wie Klangsäulen oder Klangstelzen, die sich in kleinen, unbedeutenden Schritten fortbewegen. Im langsamen, unvirtuosen Fortschreiten verändert sich die Zusammensetzung der teils komplexen, teils durchsichtigen Säulen, indem die immer klar zu unterscheidenden Etagen in unterschiedlichen Momenten mutieren. Kleinere Teile des Werks sind nicht besonders unkonventionell, alte geschichtete Klänge mit quasi jazzigen Eruptionen.

Der Bund und seine witzigen Freunde

10. Dezember 2010 um 10:23 Uhr von ur

Der Bund ist eine lustige Zeitung und deponiert seine Spässchen wie Ostereier: heute zeigt er, wie leicht das geht, sich selbst als eigenem Freund einen Dienst zu leisten.

Walküre in der Scala, 3. Akt

7. Dezember 2010 um 22:23 Uhr von ur

Nach so viel Wein den Rhein runter kann man wenigstens zur Aussage gelangen, dass die grossen Werke Wagners nur gewinnen, wenn sie mehrmals in einem Leben gehört werden. Sie sind etwas vom Wichtigsten, ohne dass einer mit einer solchen Wertschätzung zum Wagnerianer werden müsste. Sie sind gewöhnliche feste Teile der Welt, mit der jeder Mensch sich auseinandersetzt.

Hoffen wir mit diesem Wust genialen Wagners in den Geweiden, dass der Scheiss, in den Julian Assange mit der Verhaftung heute Morgen im Grossen Britannien geraten ist – wie das an die Schweiz und ihre Erfahrung mit Regisseuren erinnert… – eine gute Kurve findet. Die Welt und die Frauen haben besseres verdient als die zwei schwedischen Narzisstinnen. Mögen sie trotz ihres Unsinns vom CIA mit Befragungen verschont werden wie Fricka umgekehrt Wotan im Spiel eben erst zur Rede stellte. Sollen sie ihrer Wege ziehen – aber der Fliegende Australier den seinigen entlang nicht weniger und, wichtiger, unaufhörlicher. Für sie wird keiner bei Bewusstsein den Speer nicht fürchten.

Im übrigen ist der Applaus in Paris viel ergreifender als in Mailand. Schwache Säcke im Publikum dort.

Walküre in der Scala, 2. Akt

7. Dezember 2010 um 20:31 Uhr von ur

Zum ersten Mal so erlebt, dass Spannung auch durch eine lange, quasi langweilige Dehnung der Zeit entstehen kann: der zweite Akt erfährt durch Frickas Giftrede eine ziemlich irritierende Abdrift, aber gerade diese Ablenkung macht die erste und letzte, sehr stille Begegnung zwischen Siegmund und Brünnhilde zum knitternden Spannungsereignis, auch ohne Bühne, nur unter Kopfhörern via France Musique. Weiter gut so! Und keine zu lange Pause jetzt in Mailand, wenn’s geht!

Wagner und Hegel

7. Dezember 2010 um 19:10 Uhr von ur

Man kann manchmal Wagners Ring inhaltlich deswegen nicht folgen, weil man meint, ein verlorenes Erinnerungsstück müsse in der Struktur des Ganzen gesucht werden. Das lange Stück ist aber insofern hegelisch komponiert, als die Teile auch in der Zeit situiert sind, nicht nur in einer allgemeinen Struktur. Brünnhilde macht nicht einfach so einen Fehler, aus eigenen Motiven, aus einer individuellen „Menschlichkeit“ oder ähnlichem. Wotan wünscht zunächst, sie hülfe Siegmund – doch dann kommt unverhofft Fricka zugegen und lehrt ihren Mann Göttermores: Siegmund soll nicht durch Tricks und Ränke geholfen werden. Erst jetzt bekommt Brünnhilde, für sie in einem Doublebind, vom Vater die Anweisung, Bruder Siegmund nicht zu helfen.

Walküre in der Scala, 1. Akt

7. Dezember 2010 um 18:24 Uhr von ur

Zum ersten Mal, dass ich den ersten Akt der Walküre als spannende Musik höre, soeben in der Scala Milano, unter Barenboim – und nicht als Vorspiel der interessanteren Stücke in den folgenden Teilen. In zehn oder zwanzig Minuten geht es weiter. Gut gut!

UFO

2. Dezember 2010 um 3:01 Uhr von ur

Langer Traum, schliesslich an einem Meeresstrand in einem Strandbad, schaut aus wie am Moossee oder Gerzensee, wie in Eich am Sempachersee, wo ich bis etwa 15 ab und zu war, hier im Traum aber eine kleine Badi eindeutig in Brasilien, wo ich nie war, da niemals ausserhalb Europas. Kein Wort zu verstehen, aber der Sound des Portugiesischen. Viele Leute auf engem Platz, ein Teil am Baden im Wasser, schöne Frauen, eine kommt, quasi von ausserhalb der Badi, eindeutig meine brasilianische Nachbarin vor 15 Jahren, geht ans Wasser, wirft einen Sack mit Getränkeflaschen ins Uferwasser, schwimmt, sieht, wie eine andere knapp bei ihrem Sack darüber hinwegtaucht, ruft ihr drohend oder mahnend etwas zu, dann eine Stimme im Gemenge im Trockenen, nichts Einheimisches, sondern Österreichisch. Die Stimme erzählt etwas, nicht rufend, unaufgeregt, aber deutlich. Was sie erzählt, ist unbedeutend, aber eben auffällig, und nur deswegen verzieht es mir die Lachmuskeln. Ich habe das Gefühl, der einzige zu sein, der das Erzählte versteht. Da es mir peinlich ist, dass ich lächeln muss und mich nicht als Ausländer zu erkennen geben will, der einen Ausländer versteht, drehe ich mich ab, gegen den Himmel, und sehe dort, weit oben, von einer eher kleinen Wolke zur Hälfte verdeckt, ein Gebilde wie eine Spielzeugspinne aus Keramik mit nur kurzen Beinen. Eindeutig ein Flugobjekt, allerdings ruhend. Ich bin nur schwach beunruhigt, weise jemanden, der mir bekannt sein muss, mit dem Finger daraufhin nach oben, wache auf, bevor Unruhe oder Angst sich hätten bemerkbar machen können. Gleich beim Aufwachen dünkt es mich, den Strand am Vortag im Internet gesehen zu haben, es kommt mir aber nichts in den Sinn. (Traum nach Aufwachen notiert, Bildcollage eine halbe Stunde später hinzugefügt.)

Zusatz: Die Spinne könnte ich selbst sein, da ich am Tag mit Schattenbildern experimentierte.

Ställe

29. November 2010 um 11:44 Uhr von ur

Soeben fertig geworden die erste Theorie, die auch ein Auge aufs Alpentörtchen wirft, den alpinen Kuhfladen:

PDF: http://www.ueliraz.ch/analyse-2010/alpen/staelle.pdf

HTML: http://www.ueliraz.ch/analyse-2010/alpen/staelle.htm

Jetzt müssen nur noch die Hunderte von Alpen, die 2010 fotografiert wurden, der Reihe nach an die richtigen Stellen kopiert werden. Das dauert ein paar fleissige Wochen.

Bergkatzen

28. November 2010 um 10:13 Uhr von ur

Tomba war ein berühmter Kater, im Sommer zuhause im Schwarenbach, von wo er öfters frühmorgens mit einer der ersten Gruppen aufs Rinderhorn und sogar aufs Balmhorn mitzog. Mit Google findet man einige Berichte und Fotos.

Auf dem Picasa-Album von gestern gibt es nicht nur die verlinkten Bilder aus der Eigernordwand, sondern weitere Sehenwürdigkeiten, darunter Eisklettern nicht nur an, sondern auch hinter den mächtigen Eiszapfen und eben Bilder mit einer Katze aus der Baltschiederklause, die mit Zweibeinern bis aufs Bietschhorn kletterte – einige Passagen lang im Rucksack. In einem Artikel über die Hüttenwarte ist zu lesen, eine ihrer drei Katzen hätten sie einmal in der Bietschhornhütte wieder abholen müssen. Ob es nach der Tour mit diesen Bildern war, weiss ich nicht. FotografInnen in den Bergen sind zuweilen arg wortkarg.

http://picasaweb.google.com/dres76/
20080825TourenwocheBaltschieder#

Porte du Soleil

28. November 2010 um 8:27 Uhr von ur

Man ist vielleicht kein Fan des grossflächigen Skizirkus, aber auf der Porte du Soleil haben sie eine Panorama-Webcam installiert, die es in sich hat:

http://portesdusoleil.livecam360.com/

Ich hatte am 26. Juni auf der Pointe des Mossettes fotografiert:

http://www.ueliraz.ch/2010/morgins.htm

Eiger Nordwand

27. November 2010 um 18:56 Uhr von ur

Heute wieder mal in der Eigernordwand gewesen:


http://picasaweb.google.com/dres76/EigernordMitMartinKeller#

Gurrelieder

26. November 2010 um 7:42 Uhr von ur

Gestern auf Radio DRS 2 die Gurre-Lieder (1900-1911) von Arnold Schönberg aus dem KKL Luzern vom 14. September 2010, mit Christine Brewer, Petra Lang,Stephen Gould, Andreas Conrad, Stephen Powell, Wolfgang Schöne, Tonhalle-Orchester Zürich, Orchestre de la Suisse Romande, NRD Chor, Damen des Choeur du Théâtre de Genève, Staatlicher Akademischer Chor „Latvija, Leitung: David Zinman.

Ich höre Musik mit offenen Augen und träume dabei nichts Gegenständliches. Bei den Gurre-Liedern gerate ich seit jeher in Schwierigkeiten, der Struktur zu folgen, insbesondere im ersten Teil. Gestern dissoziierte ich mich die ganze Zeit in die Gegend des Pic Tenneverge, zuerst sehr lange auf der französischen Seite in die wilden Pâturages de Prazon, in die Passage de la Rigole, durch die Gures und ins Vallon de Tenneverge (einer der vielen Bäche, leicht südlich, heisst Cascade des Gurrets), im kurzen zweiten Teil auf den Col de Tenneverge und in die Nähe der Pointe de Finive, im dritten Teil wie ein Echo der ganzen Gegend zu den Sauriern und zu den Seen von Emosson. Vor allem die französische Seite mit einer abstrus deponierten Hütte ist eine Zone, die ich jahrelang auf der Karte begaffte, wo ich mich aber schon früher nicht hätte herumtreiben können.

http://www.hikr.org/tour/post3813.html

http://www.flickr.com/photos/8237558@N07/
sets/72157600205110656/detail/

Boulez benutzte den Spruch von Klee, An der Grenze des Fruchtlandes, unter Streichung des ersten Wortes „Monument“; Schönberg komponierte den ganzen vor ihrer eigenen Zeit, der Schönbergs und Klees, in dieses Werk.

Schade, dass der Applaus zugunsten der aufdringlichen Radionachrichten abgewürgt wurde – die Spannung war auch unter Kopfhörern so immens, dass man ihn als Teil der grossartigen Aufführung hätte miterleben wollen. Die Sprecher trampen in den Medien herum so elegant wie Saurierprotze.

(Zusatz 28. 11. 2010: Drei Tage später die Gurre-Lieder nochmals gehört, die alte Aufnahme mit Boulez von 1974, die ich einmal kaufte, weil ich die von Ozawa nicht ausstehen konnte. Sie ist immer noch sehr frisch und zeigt die Soundscapes der überladenen Orchestrierung in klaren Schichten. Die Struktur des ersten Teils ist nicht wirklich kompliziert, aber die Motivmomente schieben sich zuweilen arg in- und übereinander. Mit ein wenig Distanz und trainierten Ohren nach mehrmaligem Hören in kurzer Folge wird es eine leichtfüssige Musik.)

Extrempositionen

22. November 2010 um 20:04 Uhr von ur

Ich habe heute den herumgeisternden Text Der kommende Aufstand gelesen: er ist irrational und gegenaufklärerisch, enthält keinen Gehalt darüber, wie die Gesellschaft gesehen werden soll und erträumt sich als Ziele eines guten Lebens Kindereien mit Schrebergarten, die ins 19. Jahrhundert gehören. Dazu kommt, dass er in einem Priesterton gehalten ist (mehr als fünf Leute haben in diesem Kollektiv sicher nicht mitgeschrieben, und einer davon ist ein Faschist, really, trust me!), der Einfältige dazu verführt, Dinge zu tun, die im mindesten ihr eigenes Leben zerstören. Ich sehe nur Destruktion. Allerdings ist er aus einer Situation heraus geschrieben, deren Wirklichkeit ernst zu nehmen ist: die Notwendigkeit, die Welt und die Gesellschaft radikaler zu beschreiben als es in den Parteiprogrammen geschieht, scheint mir gegeben. Ich wüsste keine Partei, deren Gefolgsmann ich aus freien Stücken sein möchte, obwohl ich immer nach bestem Gewissen wählen und stimmen gehe. Wenn man sich etwas von ihm gelöst hat, nüchtern oder nicht mehr ganz, zeigt der Text auch einen Nutzen, nämlich den, dass auch eine radikale Position sich zeigen muss. Das ist nicht leicht: wegen der existentiellen Redlichkeit muss man zu seiner radikalen Position stehen – aus Vernunftgründen aber auch dazu, dass sie nicht tel quel ins Gesellschaftliche hinausgeschrie(be)n werden kann, sondern in Taten und Gebilden vermittelt ihre teils fetten, teils homöopathischen Spuren deponieren muss.

Hausballet

19. November 2010 um 18:40 Uhr von ur

Ich schaffe es inzwischen, zwanzig Minuten lang auf den Zehenspitzen durch die Wohnung zu kurven, ohne ein einziges Mal mit den Fersen den Boden zu berühren – im Gegenteil wird zeitweilig angestrebt, sie nur bis knapp über ihn zu senken, um noch mehr Kraft oder Geschicklichkeit an den Tag legen zu können. Bei diesem Laufen gehe ich oft halbwegs in die Knie und schwanke auf groteske Weise, nicht selten in verlangsamten Drehungen eines Derwischs, seitwärts, vor- und rückwärts. Die Absicht ist, auch in wanderunfreundlichen Zeiten wie winters bei unerwünschten Magensymptomen einen Beweis leisten zu können, dass Bewegungsmangel als Ursache nicht in Frage kommt. (Die beschleunigten Attackenfolgen vor zwei Wochen wurden mit einer Diät ohne Fett und Zucker abgefangen, wenigstens diese zwei Wochen lang mit Erfolg.)

Faule Herrschaft

19. November 2010 um 9:54 Uhr von ur

Haben sich die einzelnen der Scham entledigt und die Peinlichkeiten der Wahlen erfolgreich durchlaufen, installieren sich die PolitikerInnen in ihren demokratischen Behörden auf gleichförmige Weise, in welchem Erdteil und auf welcher administrativen Organisationsstufe auch immer. Vielmals ermöglicht das Internet der Wählerschaft, das Treiben der Gewählten zu verfolgen, wenn nicht auf eigenen Websites, so doch auf denjenigen ihrer Partei. Beide Typen geben ein jämmerliches Bild ab, das von Gefangenen der Werbebranche. Nur schon der Anblick stösst einem auf, rechts zum Kotzen, als wäre man im Schlachthaus, links zum Einschlafen, als surfe man per Zufall auf der Website einer Homöopathin, in der Mitte gleichwie im Webshop eines Elektrikers. So zeigt sich die globalisierte Kultur, und so zeigen sich die Standards ihrer Werbetechniker, die unsere Briefkästen überfluten. Stossend aber im eigentlichen Sinn ist, dass nirgendwo, weder auf den Seiten der Parteien noch der PolitikerInnen, lebenslänglich an der Nase der Selbstüberschätzung herumgeführt, Texte zu finden wären, die übers Tagesgeschäftliche hinausgingen. Auf ihrer geilen Karriere ist ihnen entgangen, in einer Gesellschaft mit Geschichte zu leben, deren Ablagerungen sich als textliche, bildliche und musikalische Werke zeigen, mit denen ein Mensch, der sich kraft seines Verstandes der Kulturindustrie zu wehren weiss, täglich Umgang pflegt – nicht zur Unterhaltung, sondern weil sie das Material sind, das einem erlaubt, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Ausser beim Sozialdemokraten Leuenberger und einer ehemaligen Parteipräsidentin dem Willen nach, die von den Unterhosenjournalisten abgeschossen wurde, gewinnt man nie den Eindruck, es wären Bürgerinnen und Bürger als Spezialisten und besonders Kundige ihrer Gesellschaft gewählt worden, sondern Ruinen, denen man von Klein auf nur Werbesuppe zu löffeln gönnte. Sie haben die Macht auf ihrer Seite, wenigstens da, wo Militär und Banken sie ihnen gewähren, und dürfen sich folglich damit entschuldigen, dass es so alle täten, weltweit. In der Tat gibt es neben den für die Schweiz zu erwähnenden nur wenige Ausnahmen, und sie erlebten alle das Gefängnis von innen – weil sie solches produziert hatten, was die globalisierte Standardausgabe des Politikers ignoriert.

Globalisierung frisst Langeweile und macht tierisch

18. November 2010 um 19:32 Uhr von ur

Die Globalisierung hat viel Negatives. Eines unter vielen ist die Überflutung des einzelnen durch Informationen, ganz und gar nicht allein deshalb, weil die Medienherrscher dem Unterhosenjournalismus aus kommerziellen Gründen freie Hand lassen, sondern weil dann, wenn jedes Ereignis ohne zeitliche Verzögerung an jedem beliebigen Ort der Welt zur Kenntnis genommen wird, das Mass der Aufnahmefähigkeit wie das der Aufmerksamkeit strapaziert werden. Auch wer sich der Unterhaltung entzieht, mit und ohne Grimmigkeit, sieht sich urplötzlich als Teil eines Ganzen, das ihm über den Kopf wächst, weil er für es nicht geschaffen scheint. Auf einem grossen Ackerfeld vor der Stadt fand heute eine Versammlung von Krähen statt, in der die dicht gedrängt sitzenden Individuen wirkten, als ob sie nächstens die Orientierung verlören, weil sie nur noch zu wissen schienen, dass sie hierher gerufen wurden, nicht aber, was sie alle zusammen zu tun hätten und wie sich in solchem Tun die einzelne Krähe zu verhalten hätte. Ihr Vermögen, sich stressfrei den eigenen Impulsen zu überlassen, schien spürbar überreizt. Man kennt es vom dunklen Wald: die Masse der Ereignisse verhindert, den Sinn der Struktur zu sehen. Die Interesselosigkeit der Menschen ist Symptom von Stress und Überreizung, weil ihnen die notwendige Langeweile genommen wurde.