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Orlando furioso d’Antonio Vivaldi

Samstag, 7. Mai 2011

Soeben auf France Musique aus dem Théâtre des Champs-Elysées en coproduction avec l’Opéra de Nancy & l’Opéra de Nice vom 12. März 2011 Orlando furioso Rv.728 (1727) d’Antonio Vivaldi, Chœur de l’Opéra de Nice, Ensemble Matheus, Jean-Christophe Spinosi, Direction. – Marie-Nicole Lemieux, Jennifer Larmore, Verónica Cangemi, Philippe Jaroussky, Christian Senn, Kristina Hammarström, Daniela Pini.

Gerade das Richtige nach einem Tag in der Wüste Wallis auf der vergeblichen Suche nach übriggebliebenem Lebendigem: nur was auch in der Sahra zu finden wäre, lässt sich heute noch fotografisch dokumentieren, nichts Höheres über den Insekten. Was Frühling sein sollte, zeigt sich als alter Herbst – Düsternis auf allen dürren Böden und hinter allen dürren Büschen.

In diesen Vivaldiabend bin ich unvorbereitet hineingestolpert, fünf Minuten nach Beginn und ohne Vorwissen über den Gehalt der Oper. Ich hörte sie also quasi abstrakt – ohne dass sie in der Weise aber hätte Schaden leiden müssen und langweilig geworden wäre. Ganz im Gegenteil war ich ständig gepackt von der Intensität, die passierte: als ob ein Rudel Hunde, und ich meine das alles andere als negativ, durch eine schwer gängige Landschaft sputete, um ein letztes Wild, das Letzte der Lebendigkeit, aufzuspüren. Vom Italienischen habe ich im Konkreten nicht viel verstanden, nur spät einmal in einer Keilerei unter Frauen, als eine erbost ausschrie: „Quoi, vous don’t crier?“

Auf der Oberfläche störten keine Feldtrompeten und keine Bürotschinellen, als ob Vivaldi mit dem reinen Saitensound schon schwer gitarrenlastigen Heavy Metal halluziniert hätte. Ein Genuss, den man nimmt wie einen Regenzauber. Dass die abstossenden Händeltrompeten dann doch erschienen, nach über einer Stunde, indes für kaum länger als ein paar Sekunden, ist Eingeständnis der Wirkungslosigkeit des verstaubten Opernzaubers, und dass sie in einer halbminütigen Coda nochmals pfiffen, ist nichts anderes als eine Konzession und gehört nicht zum grossartigen Werk selbst, dass ganz gegen sie geschrieben worden war.

Bruno Mantovani: Akhmatova

Mittwoch, 27. April 2011

Soeben auf France Musique Livemitschnitt der Uraufführung der Oper Achmatova von Buno Mantovani aus der Opéra Bastille vom 28. März 2011 (Text Christophe Ghristie).

Janina Baechle, Mezzo-soprano, Anna Akhmatova – Atilla B-Kiss, Ténor, Lev Goumilev – Lionel Peintre, Baryton, Pounine – Varduhi Abrahamyan, Mezzo-soprano, Lydia Tchoukovskaïa – Valérie Condoluci, Soprano, Faina Ranevskaïa – Christophe Dumaux, haute-contre, Le Représentant de L’Union des écrivains – Fabrice Dalis, Un Sculpteur, Un Universitaire anglais – Orchestre et Chœur de l’Opéra national de Paris – Patrick Marie Aubert, Chef du Choeur – Pascal Rophé, Direction.

Grosses Staunen und Bewunderung über die kompositorischen Kräfte und ihre Virtuosität. Ich finde keine Anhaltsstelle, über die sich etwas Kritisches anfügen liesse. Der Komponist müsste nun die Oper verlassen und eine neue Gattung kreieren mit einer Musik so klar, trocken und fettlos, dass sie selbst erst das Bedürfnis erweckt, aus ihr etwas zusätzliches Visuelles zu schaffen.

http://youtu.be/wG4Egj000rk

http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Andrejewna_Achmatowa

Nonoostern

Sonntag, 24. April 2011

Wieder einmal wie neu geboren. Von 4 bis 6.20 Uhr in die Morgendämmerung hinein ab CD-Kopien gehört: Luigi Nono, Prometeo – Tragedia dell’ascolto, Aufnahme 1993 mit Ingo Metzmacher. Obwohl ihm Gott als Schwiegervater Tag und Nacht auf die Finger schaute, tot indes immer schon seit 1951, war Nono, Varèse, nach einer Pubertät als Straussfreak beiseite, einer der ersten, der der Idee des Systems mit der Praxis der Impulse begegnete, die nicht auf isolierbare Schichten zu reduzieren wären. Nonos Musik liebt man – dieweil man in Stockhausens Licht nur kurz die Melodiefähigkeit des Komponisten bewundert, um sofort den ganzen Hokuspokus dem Vergessen anheim zu geben. Mit Nono im Rucksack macht man sich auf zu neuen Wegen.

Strauss, Capriccio Op.85

Sonntag, 24. April 2011

Gestern auf France Musique live direkt aus der MET in New York Richard Strauss, Capriccio Op.85, Metropolitan Opera Orchestra , Andrew Davis, Direction.

Ich hatte mir vorgenommen, das 1942 fertiggestellte und in München zur selben Zeit uraufgeführte zweieinhalb- bis dreistündige Werk auf die Frage hin abzuhören, wie einer der höchstbegabten Künstler des 20. Jahrhunderts im Faschismus in einem grösseren konkreten Zusammenhang gedacht hat. Nach eineinhalb Stunden vorauseilenden Rapports über den Biedersinn der Berner Musikwissenschaft in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre – ich hörte ihn die ganze Zeit, den dümmsten der Professoren der Universität, wie der Philosophielehrer zu sagen pflegte – liess ich den inneren Hausmeister die grossen Lichter im Saal wieder angehen und machte dem Experiment ein Ende: Strauss kommt mir nicht mehr ins Haus, auch wenn ich auf die gestellte Frage keine Antwort geben kann ausser der, dass dem Künstler der Äusserlichkeit die Verfasstheit der Wirklichkeit von Anfang bis Ende des Lebens wohl einfach Wurst gewesen war.

Schostakowitschs Achte

Freitag, 22. April 2011

Soeben gehört auf Bayern 4: Aufnahme vom 14. Oktober 2010 in der Berliner Philharmonie, Leitung: Andris Nelsons, Solistin: Baiba Skride, Violine.

Alban Berg: Violinkonzert – „Dem Andenken eines Engels“. Dass das eines der besten Stücke Bergs ist, hat man heute wieder hören können.

Dmitrij Schostakowitsch: Symphonie Nr. 8 c-moll. Dass das eines der besten Werke von Schostakowitsch sein könnte, hat mich die ganze Zeit des Anhörens gedünkt. Kaum je war ich bei einer Musik dieses Komponisten von Anfang bis zum langen Schluss so positiv gespannt.

(Am Morgen auf demselben Sender bereits die Achte von Bruckner, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Herbert Blomstedt – war das ein Gemurkse, nicht die Interpretation, sondern das Werk selbst, völlig ohne künstlerische Impulse: schlechte Notenmusik ohne Leben.)

Édith Canat de Chizy

Donnerstag, 21. April 2011

Soeben auf France Musique: Édith Canat de Chizy, Pierre d’éclair (Création mondiale, Commande de l’ONL ), Orchestre National de Lyon, Ilan Volkov, Direction. Concert donné le 31 mars 2011.

Wieder einmal eine Komponistin, deren Name ich zum ersten Mal höre, geboren 1950. Ein warmes Konzertstück, das nach mehr verlangt. Einige Varèse-Anspielungen, ja auch echte Zitate. Leider ist ihre Website gerade nicht zugänglich.

Micrologus

Freitag, 15. April 2011

Gerade so gebannt zugehört wie vorhin dem Schostakowitsch, auf Espace 2, einem Konzert vom 13. Juli 2010 aus Fribourg mit der Gruppe Micrologus: Cantigas de Santa Maria de Nostra Donna (13. Jahrhundert). http://www.micrologus.it/

http://de.wikipedia.org/wiki/Cantigas_de_Santa_Maria

Schostakowitsch, Zweites Violinkonzert

Freitag, 15. April 2011

Soeben auf Bayern 4 Dmitrij Schostakowitsch, Violinkonzert Nr. 2 cis-moll, London Symphony Orchestra, Leitung: Valery Gergiev, Solist Sergey Khachatryan, Violine. Aufnahme vom 23. Januar 2011 in der Barbican Hall, London.

Wäre Schostakowitsch nur dieser Fährte auch späterhin gefolgt – es hätte aus ihm ein veritabler Komponist werden können. Selten, dass ich Schostakowitsch so gespannt zuhöre wie in diesem Stück, wenigstens die ersten zwei und das letzte Viertel lang.

Dusapin: Quartette I-V und 7 Solos für Orchester

Freitag, 8. April 2011

Auf je zwei CDs sind die Streichquartette I-V (plus ein Trio) mit dem Arditti Quartett und die 7 Solos für Orchester unter Pascal Rophé von Pascal Duspin heute eingetroffen – der erste CD-Kauf seit einer Ewigkeit. Die Musik wird chronologisch durchgehört und da im Internet eingeordnet, wo schon einige andere musikalische Werke des 20. und des 21. Jahrhunderts zusammengestellt worden sind: http://www.ueliraz.ch/neuemusik/werkkritik-1.htm.

Zusatz gleichenabends nach dem Trio, den ersten zwei Quartetten und den ersten vier Soli für Orchester: Ich hatte mich nicht geirrt – das ist die Musik, nach der ich über dreissig Jahre lang suchte.

Anderson, Carter, Saariaho

Montag, 4. April 2011

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 11 février 2011 à la Cité de la Musique in Paris, Ensemble Intercontemporain, Ludovic Morlot, direction.

Julian Anderson, The Comedy of Change (création française). Andersons Afterligetismus schlingert um die schwarzen Löcher der Tonalität wie der gefürchtete Walliser Pensionär mit Strohhut, Hosenträgern und einem dicken Stumpen im Maul um die Schlaglöcher die Passstrasse herab, in einem rapidähnlichen Gefährt, sonntags nach vier Ballons Weissem für den Apéro, einem Halben Roten zum Gsottnu und zwei doppelten Marc zum Café.

Elliott Carter, On Conversing with Paradise, pour baryton et ensemble (création française), Leigh Melrose, baryton. Der Hundertzweijährige komponiert nun gänzlich befreit vom Zugriff der Statthalterin Strawinskys, eine frische Musik, in deren Libretto einer unter der Federführung Ezra Pounds ein Ereignis für einen Hundertachtjährigen deliriert, wenn ich die Passage richtig gehört habe. Nicht nur Witz hat er immer noch, auch gute Musik schreibt er, ohne pubertärers Zwinkern hinüber in die Tonalität … so dass man frei von jeder Scham auf noch weitere hofft!

Kaija Saariaho, Graal Théâtre, pour violon et ensemble, version pour orchestre de chambre, Jeanne-Marie Conquer, violon. Es dünkt mich die ganze Zeit, das Stück schon mal gehört zu haben – und finde es auch in den bereits bewerteten Stücken der Komponistin. So avanciert wie vor ein paar Jahren erscheint es mir nicht mehr, indes um nichts weniger schön, in einer Ruhe, die mir jetzt sehr zupass kommt und gefällt. Carter imponierte mir heute Abend nichtsdestotrotz ein unverschämtes kleines bisschen mehr…

Zusatz: Nach dem Konzert wurden noch zwei unterschiedliche Stücke von Julian Anderson ab CD gespielt. Diptych I. Parades, II. Pavillons en l’air, BBC Symphony Orchestra, Oliver Knussen, direction bestätigt die ersten schwachen Eindrücke, die Alhambra Fantasy, London Sinfonietta, Oliver Knussen, direction erschien mir wie von einem anderen Komponisten erdacht, frei von den missverständlichen Ligetismen, ein Werk, das ich gerne nochmals hören würde. Man muss aufpassen, dass man da, wo man einen Komponisten zum ersten Mal aufführt, die gute Intention nicht mit einem schwachen Stück vermasselt. Offenbar komponiert Anderson nicht immer auf demselben erforderlichen Reflexionsniveau.

Strawinsky in Genf

Donnerstag, 31. März 2011

Soeben auf DRS2 gehört die Direktübertragung live aus der Victoria Hall Genf: Paul Groves, Oedipus; Petra Lang, Jokaste; Robert Gierlach, Creon & Bote; David Wilson Johnson, Tiresias; Fabio Trümpy, Schäfer; Alain Carré, Erzähler; Schweizer Kammerchor, Orchestre de la Suisse Romande, Leitung: Charles Dutoit.

Igor Strawinsky: Apollon Musagète (Fassung von 1947)

Igor Strawinsky: Oedipus Rex. Oratorium in 2 Akten

Ich habe es mir angehört und die Qualen durchgestanden. Man hätte weniger Schaden angerichtet, wenn man sich den grossen Aufwand geschenkt hätte. In diesen zwei Stücken ist kein Funken von dem Strawinsky, der sich lohnt, in den Himmel gelobt zu werden. Strawinsky ist ein problematischer Künstler. Sein Bild wird nicht dadurch verbessert, dass man die schlechten Seiten durch eine Aufführung ins gute Licht rückt; was ihn liebenswert macht, ist das Problematische ungeschönt. Dazu gehören die Aversion gegen seine schlechten Stücke gleichwie ein gewolltes Vergessen ihnen gegenüber. Das unvermeidliche schlechte Gewissen provoziert immerhin ein Nachdenken darüber, mehr als die Tatsache auszumachen vermag, das Unterschlagene wieder lebendig gemacht zu haben.

Levinas & Kafka zum Lachen

Mittwoch, 30. März 2011

Soeben via France Musique aus der Opéra de Lille, Concert donné le 7 mars 2011, Ensemble Ictus, Georges-Elie Octors, Direction:

Valère Novarina et Michaël Levinas, Je, tu, il, Prologue à la Métamorphose. Theatralischer Hors d’Oeuvre, musikalisch erst Appetit anregend, un peu mit Leichtigkeit drohend. Für sich selbst nicht sehr interessant, aber ich habe vom Text nichts verstanden, mich dummerweise am Nachmittag mit demselben nicht beschäftigt und den Namen Novarina gar noch nie gehört.

Emmanuel Moses et Michaël Levinas, La Métamorphose (Adaptation du texte de La Métamorphose de Franz Kafka (1915)). Man kann diese Oper gut Dusapins Passion gegenüberstellen und hat dann zwei verschiedene Richtungen der zeitgenössischen französischen Oper, die stringent ganz verschiedene Wege gehen. Levinas bläst die Gehalte wie Luftaballone auf, die ganz anderes zeigen, je grösser sie werden. Er tut dies, indem er die Einzelstimmen gruppiert und ihre Einzelverläufe ständig in einem Gruppenganzen sich ins Leere verziehen lässt, die allsbald in äusserst bunten Klängen aufgehen. Durch die Virtuosität im Umgang mit elektronischen und kompositorischen Techniken und Technologien gibt es ständig etwas Neues, das man bewundern kann. Ohne es abwertend zu meinen, kann das Werk ohne weiteres auch am Fernsehen gesendet werden. – An eines musste ich aber ständig denken: der Vater hätte beim Anören nie gelacht. Je mehr Levinas bei Kafka die Frage nach dem Vater beiseite schiebt, desto grimmiger taucht sein eigener hinter der Fassade auf.

Rachmaninow & Walton

Mittwoch, 23. März 2011

Soeben zurück aus London via Paris, auf France Musique live direkt aus The Barbican, mit Viktoria Yastrebova, Soprano, Frank Lopardo, Ténor, Vladimir Veneev, Baryton, Choeur symphonique de la BBC, Orchestre symphonique de la BBC, Semyon Bychkov, Direction:

Serge Rachmaninov & Edgar Allan Poe, Auteur: Les Cloches Op.35 (1913). The Bells – auf Russisch…

William Walton (1902-1983): Symphonie N°1 en Si bémol mineur (1931,1935). Ein Emerson, Lake & Palmer-Heuler: därrrrrätättäätäää…!

Ein Krimi von Edgar Wallace und einer von Agatha Christie, das ist es genau, was ich heute Abend gebraucht habe, Entspannung durch unbelastete Gruselspannung. Zappa: „Lord have mercy on the people in England of the terrible music these people must listen to!“

Arditti Quartett 3 (Bergsee)

Mittwoch, 23. März 2011

Über ein Konzert des Arditti Quartetts zu schreiben ist wie das Fotografieren eines Bergsees: als Kind kommt man hin und versucht sofort, einen flachen Stein übers Wasser zu jagen, mit möglichst vielen Aufsetzern, und als Erwachsener schaut man lange & reglos, bis die Idylle von alleine etwas vom Sinn abwirft – in der Tat verlor ich auf Tsanfleuron für eine Sekunde einmal fast die Contenance, als ein lärmiger Dreikäsehoch in Militäruniform knapp vor dem Abdrücken einen Stein in einen der stillsten zu werfen wagte. Im Wallis bleiben mir noch etwas mehr unbekannte Seen abzubilden als Ställe auf den Alpen, von denen 95% dokumentiert sind. Das Arditti Quartett gibt so viele Konzerte, nota bene mit verschiedenen Programmen, dass einem vor dem Fleiss schwindlig wird, und in einer Qualität, dass man sich schämt, ein eigenes Wort dazu noch hinzuzufügen. Als ich in einer Gratiszeitung im Wochenprogramm für Bern sah, dass das Quartett hierher kommt, kam mir sofort die Aufführung der (Betsy) Freeman Etudes solo von Irvine Arditti 1992 in Frankfurt in den Sinn und dass sie das letzte Konzert war, das ich in den vergangenen zwanzig Jahren überhaupt gehört hätte – erst in der konkreten Erinnerungsarbeit merkte ich, dass es doch noch ein paar zusätzliche gegeben hatte. Ich wunderte mich darüber, dass nicht ein grösserer Werbeaufwand getätigt wurde, denn immerhin konnte ich am Neujahrstag 2003 an der Hauswand einer Bümplizer Metzgerei ein Riesenplakat für ein Varèse-Konzert in Vevey fotografieren. Ich sah im Internet, wie das Konzert eine Woche später schon beinahe ausverkauft war: aha, alle wissen es über andere Kanäle, nur ich eben nicht. Im Internet für ein Berner Konzert ein Ticket zu reservieren oder zu kaufen geht nicht, wenn man keine Kreditkarte hat. Geht das Ganze nun den Bergbach ab? Gute Köpfe haben gute Ideen, und abends kam ein Telefon, es sei der Kauf für ein Billet getätigt worden. Uff! So lange kein Konzert mehr besucht, und dann kommt es förmlich in den Mund geflogen. Sogar eine Kamera wird verfügbar, die kein Klicken von sich gibt und deren Blitz und Fokushilfslicht sich ausschalten lassen (den bedrohlichen kleingedruckten Billettext mit Fotoverbot sollte man sich in Bern endlich schenken, wenn man überhaupt noch Interesse an einem jüngeren Publikum hat – das Fotografieren mit den Kleingeräten heute hat einen ganz anderen Status als noch vor fünf bis zehn Jahren, es ist wie der Besuch eines Ereignisses selbst, und wer es als fehlbesetzter Manager unterdrückt, verhindert das kommerzielle Erlebnis selbst). Ich staunte nicht schlecht, als ich im Publikum nur ältere Personen zu sehen bekam: Hat die Hochschule für Musik bankrott gemacht oder machen sie gerade eine Dixilandparty, die alle in Bann schlägt? Das kann mir wurst sein, denn im Moment des Konzertbeginns gerät man in andere Sinne: man hört nicht Arditti oder das Arditti Quartett, sondern genau diese Musik, die das Programm einem schon seit einer Woche verspricht, als wäre man im Stande, in diesem Moment jetzt die Partitur zu entziffern, so wie man zu Zeiten eben mit der Kamera vor einem der kostbaren Bergseen steht. Obwohl der Kopf ununterbrochen mit Worten und Sätzen zum Gehörten spielt, ist eine ungeheure Scheu da, sie festzulegen und in ihrer Dürftigkeit dokumentarisch auszusprechen, wie es denn gewesen wäre. Der einzelne bleibt so irritiert wie vor der Frage, ob man heute noch anlässlich eines Bergsees von einer Idylle sprechen dürfe oder ob es sich einfach um qualitativ besondere Güter handelt, die ansonsten zu unserem gewohnten Überfluss zu zählen sind wie gute andere, aus denen man auch nicht in jeder Begegnung eine Geschichte macht. Manchmal ist eine Dokumentation nur eine für einen selbst und wäre als Moment der Kommunikation archaisches Überbleibsel.

Arditti Quartett 2 (Genève)

Dienstag, 22. März 2011

Soeben auf Espace 2 live aus Genf dieselbe Band wie gestern in Bern, ebenfalls auf der Bühne des Konservatoriums, aber mit einem anderen Programm.

Quatuor Arditti: Irvine Arditti, violon – Ashot Sarkissjan, violon – Ralf Ehlers, alto – Lucas Fels, violoncelle.

Ludwig van Beethoven, Grande fugue pour quatuor à cordes, en si bémol majeur. Vom Auftakt an eine scharfe Präsenz im Ganzen, in den hohen Lagen im ersten Drittel ganz selten ein Zögern. Wie gestern vergehen auch heute ein paar Minuten, bis das Quartett in Hochform spielt – dann aber ohne Makel und in einem einzigen seidigen Zug.

Béla Bartok, Quatuor à cordes, no 3, en ut dièse mineur. Anfänglich keine folkloristische Interpretation wie gestern im ersten Quartett von Janacek, sondern das Avancierte betonend; im zweiten Satz wird die Landmusik aber trotzdem nicht überspielt. Schöne Ruppigkeit und bewundernswürdiger Verzicht auf zu reine Glätte: Bartok, nicht Arditti. Im letzten Drittel wieder der Zauber der unbedingten Präzision.

(Das Genfer Publikum ist spürbar weniger diszipliniert als dasjenige in Bern, es kracht und hustet bis ans Ende von Ravel.)

György Kurtág, Officium breve in memoriam Andreae Szervánszky, pour quatuor à cordes. 1. Largo – 2. Più andante – 3. Sostenuto, quasi giusto 4. Grave, molto sostenuto – 5. Open Music (Presto) – 6. Canon à 4 (Molto agitato) – 7. Canon à 2 (sehr fliessend) – 8. Lento – 9. Largo – 10. Canon à 4 (fliessend) – 11. Sostenuto – 12. Sostenuto, quasi giusto – 13. Sostenuto, con slancio – 14. Disperato, vivo – 15. Arioso interrotto, Larghetto. Eine Musik voller Anspielungen, wie Fenster, durch die man hinein in disparate Räume sieht. Nicht allgemeine unterschiedliche Charakteren, sondern gelebte und aus der Geschichte herübergeholte, auch aus dem 15. Jahrhundert oder gar früher. Trotzdem alles andere als eine historisierende Musik, nur innehaltende, zweimal mit Mahler. Der 14. Satz Disperato – vivo gefällt mir am besten, weil er die Musik dreht wie es der taumelnde Mond tut in der ihm eigenen Libration.

Maurice Ravel, Quatuor à cordes en fa majeur. Nur ein paar halbe Takte Aufwärmphase, dann wie gewohnt eine vertrauenerweckende Interpretation, auch wenn Arditti und Ravel auf Anhieb nicht zusammen zu passen scheinen.

Arditti Quartett 1 (Bern)

Dienstag, 22. März 2011

Fehlten die Streifzüge durch die Walliser Landschaft als Partitur, wären meine letzten 20 Jahre, was Konzertbesuche betrifft, eine einzige Wüste. Die wenigen Oasen sind schnell aufgezählt: einige Sitarkonzerte in Bern und Basel, eines von Sujay Bobade mit Bansuri in Uettligen, Varèse am 12. Januar 2003 in Vevey

und vorher am 27. Januar 2001 schon in Luzern, das Poème Electronique und ein gutes Stück von Charlotte Hug, vor demselben auf Einladung des Organisationskomitees eines am 1. September 2000 von Franziska Baumann, das ich in der Gletscherzone nicht gefunden hatte, nach ihm, ebenfalls auf Einladung, eines des greisen Ian Anderson mit Altherrenwitzen in Zürich, versunken im selben Silbersee, wie er aus der Oper raportiert wird, und zweimal Negi in Bern:

Am lebendigsten im Bewusstsein geblieben ist mir aber ein Konzert am 18. September 1992 in Frankfurt, zuvorderst in der Mitte schon am Rand der Bühne – mit Irvine Arditti Solo, in einer unüberbietbaren Aufführung von John Cages Freeman Etudes (ein Tag nach Zappa zum letzten Mal, The Yellow Shark). Nicht ganz unmöglich, dass er den Ort, den Negi einst so gross zu ehren vermocht hatte, einmal selbst bespielen wollte.

Auf altbekannten Wegen früher: zum Pyri nach links, in den Falken nach rechts

Gestern Abend jedenfalls hörte ich ihn an diesem Ort wieder, im Ensemble des Arditti Quartetts, mit:

Leos Janácek: Streichquartett Nr. 1, „Kreutzersonate“. Mich dünkte, die Band käme erst mit der Zeit in Schwung und würde anfänglich mit den Einsätzen spielerisch pröbeln, wie auf einem Folkfestival, wo man das Pulver nicht aufs Gratewohl verschiessen will. Ich hatte die Unstimmigkeiten positiv als Musikalität wahrgenommen. Bald aber, und speziell im letzten Satz, die bekannte Schärfe des Quartetts mit eisglatten Klängen und gespitzten Konturen. Erstaunlich, wie in einer Janácekinterpretation es einen dünkt, das Arditti Quartett würde das Folkloristische hervorheben wollen.

Nach dem Janácek-Quartett

Pascal Dusapin: Streichquartett Nr. 5. Die Programmierung, vor dieses Quartett Janáceks erstes zu setzen, dünkt mich gelungen, da es wie eine Variante auf einem gewissen Abstraktionsniveau erscheint. Ich kenne leider nur ganz wenig von Dusapin, trotzdem schlingerte ich am Anfang, bis ich merkte, die Musik tönt wie solche von früher, die aus dem Jazz stammte und über deren Noten, die wir zuhause hatten, „March“ stand. Wie bei Janácek Elemente aus der ländlichen Musik des Volkes und seiner Sprache in extrem subjektive Ausdrucksmusik verwandelt wird, transformiert Dusapin schleppende Elemente eines delirierenden Jazzbasses in etwas Neues, in dem das konkrete Einzelne der Unterhaltung nichts mehr zu sagen hat. Ich habe noch Weihnachtsgutscheine für Bücher und werde dieselben in die CD mit allen Quartetten verwandeln – zum Glück aber habe ich dieses Konzert hören können (Merci Fränzi!), da es eine lange äusserst stille Passage enthält, in der die Funkkopfhörer bestimmt abschalten werden.*

Beim Dusapin-Quartett

Bernhard Lang: „Monadologie IX – the Anatomy of Disaster“. Das Stück dauert knapp eine Stunde und besteht entgegen den beiden vorangehenden nicht aus einem Bogen von Anfang bis zum Ende, in dem sich etwas verwandeln würde, trotzdem habe ich auch hier mit der Zeit lieber zugehört, weil mir die innere Spannung, die man von Anfang an erkennt, familiärer wurde. Mich dünkt es immer schon problematisch, neue Musik in eine Spannung zur tonalen zu bringen; hier geschieht sie mit konkreten Elementen aus Haydns Quartetten, nicht selten aber auch mit solchen aus der heutigen Unterhaltungsmusik, einmal aus dem Hardrock, einmal mit Django Reinhardtpassagen. Solches wirkt unterkomplex. Hat man aber das Bauprinzip erst einmal akzeptiert und ist mit dem Stück im Reinen, lässt man sich die Spannung in der Struktur selbst zwischen tonalem Alten und organisatorisch unbestimmtem Neuen durchaus wohlgefallen. Auch dem älteren Publikum hat es gefallen – und jüngeres scheint es in Bern für Musik gar nicht mehr zu geben. Wie man indes alles von Janácek zweihundertmal im Leben gehört haben darf, sollte man Dusapin schleunigst in toto zur Kenntnis nehmen, und Lang ist die Herausforderung allemal wert – seit 4 fotografisch auf den Beinen, hatte ich auch in den letzten Passagen gegen 22 Uhr noch keine Müdigkeitssymptome.

Beim Lang-Quartett

(Kamera von der Mäzenin ausgeliehen, Fujifilm Finepix)

*Zusatz 9. April 2011: Die Kopfhörer funken das ganze Stück ohne Unterbruch. Morgens um 5 gehört eine Wonne – wie Campieren am Meisibach unten den Chilesteinen.

Star Star

Freitag, 18. März 2011

Auf Goats Head Soup, der gelben Platte mit Angie und der Zunge als Zusatz – eine Art Yellow Shark der Stones – gab es ein Stück mit dem Titel Star Star, das aber eigentlich Starfucker hätte heissen müssen und also einem manifesten Eingriff der Zensur unterlag, der die Gespräche auf dem Pausenplatz mit der nötigen Würze versetzte. Noch bessere Musik erlebe ich seit drei Tagen beim Fotografieren meines Fenstersims, wo sich eine Starenkleinfamilie unter die Erlenzeisige, Kohl- und Blaumeisen, Amseln und Kleiber mischt. Zu dritt positionieren sie sich vor ihrem Auftritt über, neben oder unters Fenster, immer auf dem Dach, sei es auf dem First, dem Vordach des Zimmers oder der Auffangstange über dem Kännel. Ich stehe knapp zwei Meter im Innern des Zimmers, hinter einer schwarzen Schranke quer durchs Zimmer als simpelstem Tarnzelt und dem Stativ mit dem montierten Fotoapparat. Solche Sounds sind mir von Messiaen nicht bekannt (alle Klavier-CDs gerade weggeliehen), sehr wohl aber von Pink Floyds Meddle, vereinfacht, und verstreut von Stockhausen, denaturalisiert, in Einzelpassagen auch aus den Soloplatten von McLaughlin, wo er Ende der siebziger Jahre als erster mit den kommerziellen Varianten der Modulatoren spielt. Man macht sich keine Vorstellung, was aus den Kehlen von drei so kleinen Lebewesen entstehen kann: diese Vielfalt, dieses permanente Überschreiten der Grenze zwischen Chaos und Urlaut hin zum durchgestalteten, nicht unkomplexen Gebilde – und dieser Drang, insbesondere des Babys, aus dem Gefängnis des plumpen Körpers ausbrechen zu können! Noch nie habe ich das so stark erlebt, dass nicht der Wille zur Macht die Vitalität ausmacht, sondern der Wille, wie ihn nur die körperlich Beschädigten erfahren, die Unflexibilität des Körperlichen durchbrechen zu können. Und noch nie habe ich den Wunsch wie jetzt verspürt, die Kamera mit einem Tonaufnahmegerät ergänzen zu können, weil die Sounds, die die Tiere von sich geben, ihre eindrückliche Gestalt, die an die Figuren aus dem alten Ägypten erinnert, noch übertreffen. Hoffentlich kommt die Supergroup aus früheren Zeiten auch dann noch einmal vorbei, wenn die Sonne morgens für weniger als eine Stunde ihre kostbaren Strahlen aufs Fenstersims schickt. Die Pinien tät ich ihnen gerne servieren, auch einmal rein und ohne billigere Haselnusszusätze.

Esa-Pekka Salonen 5

Mittwoch, 16. März 2011

Soeben auf France Musique aus dem Théâtre du Châtelet : Festival Présences 2011. Concert donné le 19 février 2011. Kari Kriikku, Clarinette, Orchestre Philharmonique de Radio France, Esa-Pekka Salonen, Direction.

Esa-Pekka Salonen: Nyx (2010-2011). – Wagner-Straussische Festmusik mit gehobenen Marschrhythmen unter einfachen Klarinettenmelodien. Wo das Stück dramatisch wird, tönt es wie ein Feldmusikcorps an einem Platzkonzert. Klar, auch ein solches kann gefallen.

Kaija Saariaho: D’OM LE VRAI SENS (2010). 1.L’ouïe, 2.La vue, 3.L’odorat, 4.Le toucher, 5.Le goût, 6.A mon seul désir. – Dass der Dirigent es nicht merkt, wie diese Musik besser getränkt ist als seine eigene? Es reizt pausenlos, den geforderten Anstrengungen nachzugeben und den eingeschlagenen Richtungen, den Spuren und Modulationen nachzufolgen. Noch ausgeprägter ein Klarinettenkonzert, aber nicht im geringsten uniformmässig.

Esa-Pekka Salonen: L.A. Variations (1996). Das Herzstück der seriellen Musik, die Variation, soll helfen, von ihr wegzukommen. Salonen will selbständig werden und folgt doch nur den Ratschlägen von John Adams – besser wäre er bei Zappas lustiger Witwe vorbeigegangen.

Edgard Varese: Amériques, Grande version de 1922. Salonen wählt die mildere Urfassung. Man respektiert den Entscheid und seinen Drang in die Nähe zu Strauss. Varèse beginnt erst 1925 zu komponieren. Wann Salonen?

Zusatz: Das beste Stück des Abends dann im Anschluss ans Konzert immer noch auf France Musique von Kaija Saariaho, auch hier dirigiert von Salonen, Du Cryital … à la Fumée – jeder Ton ein Stern im Universum der Poesie. Uneingeschränkte Begeisterung: die Finninnen bringen’s!

Esa-Pekka Salonen 4

Montag, 14. März 2011

Soeben auf France Musique: Concert enregistré le 6 février 2011 au Théâtre du Châtelet, dans le festival Présences, Orchestre Philharmonique de Radio France, Esa-Pekka Salonen, direction. OEuvres d’Esa-Pekka Salonen.

Helix (2005). Klangverschiebungen auf rhythmisch irrationalen Werten, ziemlich interessant, man vergisst, wie zu atmen wäre – darüber unverständlicherweise tonale Melodien. Und wieder einmal hat John Adams die Finger im Spiel.

Concerto pour violon (2009): I. Mirage, II. Pulsation I., III. Pulsation II, IV. Adieu. Leila Josefowicz, violon. Hübsch zu hören, leicht effekthascherisch, wie man vor dreissig Jahren gesagt hätte. Einen Teil habe ich leider verschlafen. Salonen schreibt zuviele Passagen, in denen es einen dünkt, er hätte eine Idee und schaue nun aufs Geratwohl, wie das wohl tönen würde, eine Art Dilettantismus auch in grösster Könnerschaft und kompositorischer Professionalität. So geht es einem mit Disziplinmangelerscheinungen, mit Mangel an ernsthaftem Konstruktionswillen. Er verleugnet sträflich die Erkenntnisse aus der Jugend und denkt alterschwach tonal, das Ganze nun so leichtfüssig gehandhabt wie ästhetisch unglaubwürdig.

Wing on Wing (2004), Anu et Piia Komsi, sopranos. So schön waren sie immer schon, die kurvenden Möwen in Kalifornien, wenn sie John Adams eigens füttert. Im Strandpavillon singen Emerson, Lake and Palmer Love Beach, bevor der Supergroup Maggie Thatcher einen Blumenstrauss aus Plastik zuwirft, den ihr Reagan einstens stiftete.

Boris Godunow in New York

Sonntag, 13. März 2011

Gestern via Bayern 4 in New York: Boris Godunow von Modest Mussorgsky, Chor und Orchester der Metropolitan Opera, Leitung: Valery Gergiev (wurde ersetzt). Ich wusste nicht, trotz früherer Einsichtnahmen in diverse Aufführungen auf CD und DVD, dass man dieses Meisterwerk der Macht so auf den Hund bringen kann, ohne Schärfe und Kanten. Bezeichnend das Pauseninterview mit René Pape als Boris Godunow, der in seinem Spiel die humane Seite des Machtmenschen nicht beiseitegeschoben wissen möchte – als ob einer heute von der Fürsorglichkeit Ghaddafis seinen lieben Kindern gegenüber sprechen möchte. Trotzdem dünkt es mich verwunderlich, wie diese eigenwillige und leicht debile Haltung auf die Interpretation der Oper insgesamt abzufärben vermag. Mussorgskys Kunst gibt Einblicke in die Düsternis der Welt als Herrschaftsgebilde – der Boris Godunow in New York tönt arg danach, als hätte im Hintergrund der Pate die Finger spielen lassen mit dem Namen John Adams.