Archiv für den 'Musik'-Themenbereich

Lanza, Monteverdi, Traversa, D’Angiolini, Bulfon

Montag, 7. Mai 2012

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 5 avril au Quartz de Brest, Ensemble Sillages.

Mauro Lanza (né en 1975), La Bataille de Caresme et de Charnage (2012, création). – Lieber nicht noch einmal hören müssen. Wer nie ausserhalb der Stadt war, schätzt vielleicht die erste Begegnung mit Geräuschen des Holzsägens. Berlusconimusic.

Claudio Monteverdi (1567-1643), Se i languidi miei sguardi (Lettera amorosa), extrait du VIIe Livre de Madrigaux). – 56 Minuten Monteverdi, und das Konzert wäre gerettet gewesen.

Martino Traversa (né en 1960), Manhattan Bridge – 4:30 am (2008). – Das Stück hat mir von der ersten Sekunde an bis zur letzten sehr gut gefallen, aber die Musik erscheint mir alt und mutlos.

Giuliano D’Angiolini (né en 1960), Ho visto un incidente (1991) pour voix seule. – So phantasiere ich, wenn der Weg über eine mehr oder weniger steile Geröllhalde führt. Alles hübsch, aber ohne Zugang zum Allgemeinen.

Stefano Bulfon (né en 1975), Die Art des Meinens (2012, création, commande de l’Etat pour l’ensemble Sillages). – Man sollte aufhören, Walter Benjamin zum Gespenst zu machen. Er war ein gewöhnlicher Bürger der Philosophie, und man kann zu seinen Statements sowohl positiv wie negativ klar Stellung nehmen.

Ligeti, Murail, Messiaen, Benjamin

Freitag, 4. Mai 2012

Soeben direkt live auf Bayern 4 Veranstaltung der musica viva, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung: George Benjamin, Solist: Pierre-Laurent Aimard, Klavier.

György Ligeti: „Lontano“

Tristan Murail: „Le désenchantement du monde“ (Uraufführung). – Das Werk zeigt sich wie ein musikalischer Offset-Druck der Musiksoziologie von Max Weber, „Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik“, einer kurzen Schrift, die als Zusatz ganz anders als die ökonomischen Studien dasteht. Grandios in Murails Musikstück ist die Entfaltung des fragwürdigen, irritierenden Anfangs zum beeindruckenden langen Ende. Murail hat den Bann gebrochen, unter dem die Lektüre jenes Werkes Webers zu einer Apologie der Papiermusik von Richard Strauss führen musste.

Olivier Messiaen: „Réveil des oiseaux“

George Benjamin: „Palimpsests“. – Obwohl diese Stück nichts mit Max Weber oder dem eben gehörten Werk von Murail zu tun hat, darf in diesem Zusammenhang gesagt werden, dass die Lektüre der wenigen Seiten von Webers Musiksoziologie einem Entziffern eines Palimpsests nicht wenig ähnelt, weil in ihnen die Werke der Musik statt als lebendiger Ausgangspunkt der Analyse nur wie längst begrabene erscheinen.

Ein Luxuskonzert, gar wunderschön: Es sollte jede Woche an einem Ort in Europa oder anderswo ein so exquisites Programm gespielt werden, das direkt live oder zeitlich versetzt auf allen Kabelnetzen abgehört werden könnte.

Donatoni, Borowski, Boulez, Schönberg

Montag, 30. April 2012

Soeben live auf France Musique concert donné le 22 mars 2012. Coproduction Cité de la musique, Ensemble intercontemporain, George Benjamin, Direction.

Franco Donatoni, Tema pour 12 instruments (1982)

Johannes-Boris Borowski, Second, Création française

Pierre Boulez, Éclat/Multiples pour 25 musiciens (1965)

Arnold Schönberg, Suite op.29 pour 7 instruments (1925,1926)

Die Stücke von Boulez und Schönberg sind faszinierend wie eh und je, die anfänglichen Reststücke des Abends: miserere mihi! Die gute Musik treibt im Einzelstück sich selbst über sich hinaus und stellt dabei immer die Frage: bin ich das Neueste oder wäre an Neueres zu denken in diesem Moment hier und jetzt?

Zusatz: Kann man bei diesem speziellen Stück von Schönberg im Ernst sagen, dass es in dem Sinne progressiv sein will, dass es über sich selbst hinaus weist und von der Möglichkeit und Unmöglichkeit einer noch besseren Musik träumen lässt? Man hat in der Programmierung mit Schönbergs Suite eher an Donatoni und Borowski gedacht als an Boulez… (Boulez hätte der Dirigent sein sollen, scheint mit einem Auge aber am gerechten Blinzeln verhindert gewesen zu sein.) Adorno indes hörte das Stück 1928 ziemlich progressiv: „Die Neigung zu den bestehenden Spielformen, zum rondohaften Wesen vor allem, wirkt weiter; jedoch die Leichtigkeit des Spiels ist wieder die des Pierrot geworden. Zugleich aber und entscheidend erfolgt der Durchbruch in eine völlig fremde konstruktive Phantasieregion.“ (AGS 18, 359) Ein Jahr später betrachtet er es leicht weniger euphorisch, weil die „Spielcharaktere“, also die quasi frei phantasierten Formen, noch an eine Symmetrie gebunden erscheinen.(368) Bis am Schluss des Lebens gilt es ihm als Ausgangspunkt Schönbergs dafür, „das ganze musikalische Material umzupflügen“. (445: 1955/1967)

Von Zappa her

Sonntag, 22. April 2012

Gestern Abend abruptes Reissausmehmen von France Musique und der Oper des Henri SAUGUET : La Chartreuse de Parme, Concert enregistré le 10 février 2012 à l’Opéra de Marseille, opéra en 4 actes, livret d’Armand Lunel, d’après l’œuvre de Stendhal, Uraufführung à Paris, Palais Garnier, le 20 mars 1939. Beginn nach einer halbstündigen Einführung mit der Direktorin der Neuinszenierung Renée Auphan um 19.30 Uhr.

Nach der Spätabendfütterung der Wildhühner auf beiden Fenstersimsen im Sturmregen mürrisches Einsteigen auf Espace 2 auf das gleichermassen unbekannte Werk „Le Poète“ von Levko KOLODUB, opéra en 2 actes du compositeur ukrainien enregistré le 27 janvier 2011à l’Opéra de Kharkov sous la direction de Vitalyi Kutsenko. Da die Einführung durch den Ansager verpasst und die Oper russisch gesungen wurde, musste das Werk des unbekannten Komponisten, über den das Internet noch keine Auskunft gibt ausser derjenigen, dass er noch lebt, rein musikalisch verfolgt werden. Wenn man dem ästhetischen Drängen nicht nachgibt, die Musik historisch einzuschätzen und sie folglich als Unterhaltungsmusik akzeptiert, dünkt sie mich ausserordentlich gut gemacht, trotz der Ortungslosigkeit und der Ignoranz gegenüber den Materialständen des 20. Jahrhunderts keineswegs ohne Faszination: ich höre sehr gerne zu und habe während der zwei Stunden für keinen Moment Gefühle der Abneigung oder Eindrücke des Lächerlichen. Der russische Folklorismus ist sehr stark zurückgehalten zugunsten von Momenten, die mir eindeutig bei Frank Zappa gehört erscheinen, nicht Melodien, sondern kompositorische Wendungen mit den eigentümlichen rhythmischen und harmonischen zappaesken Besonderheiten. Von Zappa her kommt diese Musik, passagenweise, indes bleibt sie in allen Winkeln sowohl frei vom Rock und, wichtiger, völlig frei von Gershwin und Bernstein.

Im Zuge der Globalisierung muss man sich darauf gefasst machen, dass musikalische Werke teils unnötigerweise in heldinnenhafter Ausgrabung neu aufgetischt werden und nur Parfumdüfte der Bigotterie verströmen, teils aus Gegenden einen Weg zu unseren Ohren finden, die noch keine Chancen hatten, in den Lehrinstanzen, von denen es bekanntlich ganz unterschiedliche gibt, die grossen europäischen KomponistInnen des 20. Jahrhunderts zu vermitteln. Die Stellung dieser Werke zur Kunst einerseits, zur Kulturindustrie andererseits, bestimmt das Mass des Interesses, das sie auszulösen vermögen. Ich bin nicht gespannt auf das Gesamtwerk von Levko Kolodub, aber einige seltsam schöne und mit Interesse zu hörende Stücke dürfen sicher noch erwartet werden.

Down Town!

Montag, 9. April 2012

Soeben live direkt auf France Musique Petula Clark in einem Gespräch.

Petula Clark nimmt im Werk von Arno Schmidt dieselbe Stellung ein wie Franz Liszt bei James Joyce. Was für eine Überraschung, sie einfach so heute sprechen zu hören, und ein neuer Hit wurde auch gespielt – nicht aber Down Town …

Liszt’s rhapsodies. Hissss.

Donnerstag, 5. April 2012

Gestern Abend live direkt auf France Musique de l’Auditorium du Louvre : Au fil de Liszt, Giovanni Bellucci, Piano.

Franz Liszt, Rapsodies hongroises, 3, 8, 12, 5, 15, 13, 1, 16, 17, 18, 19, 2.

Ich versuchte, der Musik mit den Ohren des James Joyces zu folgen. Wenn man den Kopf richtig dreht keine schlechte Sache, ja eine Musik, die einem viel Freude bereitet, auch wenn es mal Fehler hageln sollte.

Trotzdem dachte ich die ganze Zeit an Joyce selbst und an die Sirenenpassage, wie sie von Cathy Berberian auf einer meiner ersten Platte gesungen wurde (von Lucanio Berio dirigiert etc.), so eben, wie es immer nur auf ersten Platten getan wird, dass man sie das ganze Leben im Ohr hat. Und tönt die Stelle nicht so, dass sie wie ein Lehrstück auch für Captain Beefheart gehalten werden kann, als ob aus ihrem Rhythmus nicht viele Stücke von ihm selbst abgeleitet werden könnten? Die Worte sind in mir nie verloren gegangen:

BRONZE by gold heard the hoofirons, steelyringing Imperthnthn thnthnthn.
Chips, picking chips off rocky thumbnail, chips.
Horrid! And gold flushed more.
A husky fifenote blew.
Blew. Blue bloom is on the
Gold pinnacled hair.
A jumping rose on satiny breasts of satin, rose of Castille.
Trilling, trilling: Idolores.
Peep! Who’s in the … peepofgold?
Tink cried to bronze in pity.
And a call, pure, long and throbbing. Longindying call.
Decoy. Soft word. But look! The bright stars fade. O rose! Notes chirruping answer. Castille. The morn is breaking.
Jingle jingle jaunted jingling.
Coin rang. Clock clacked.
Avowal. Sonnez. I could. Rebound of garter. Not leave thee. Smack. La cloche! Thigh smack. Avowal. Warm. Sweetheart, goodbye!
Jingle. Bloo.
Boomed crashing chords. When love absorbs. War! War! The tympanum.
A sail! A veil awave upon the waves.
Lost. Throstle fluted. All is lost now.
Horn. Hawhorn.
When first he saw. Alas!
Full tup. Full throb.
Warbling. Ah, lure! Alluring.
Martha! Come!
Clapclop. Clipclap. Clappyclap.
Goodgod henev erheard inall.
Deaf bald Pat brought pad knife took up.
A moonlight nightcall: far: far.
I feel so sad. P. S. So lonely blooming.
Listen!
The spiked and winding cold seahorn. Have you the? Each and for other plash and silent roar.
Pearls: when she. Liszt’s rhapsodies. Hissss.

(Ulysses 254 f, dt. 355)

Jérôme Combier, Terre et cendres

Dienstag, 3. April 2012

Gestern Abend live auf France Musique concert enregistré le 10 mars au Théâtre de la Croix-Rousse à Lyon: Jérôme Combier (né en 1971), Terre et cendres, opéra sur un livret d’Atiq Rahimi. Julian Négulesco (rôle parlé), le conteur/Mirza Qadir, Hamid Javdan (rôle parlé), Dastaguir, Adrien Chavy, soprano (enfant de la Maîtrise de l’Opéra), Yassin. Ensemble choral et instrumental de l’Opéra de Lyon Philippe Forget, direction, Yoshi Oida, mise en scène.

Eine dünn gehaltene Illustrationsmusik ohne weitere Interventionen zu einem gesprochenen Kammerstück, das selbst eine Beispielsillustration zu den Kriegen in Afghanistan darstellt. Die intellektuelle und emotionale Berührung hält sich in engen Grenzen.

Davor eine Stunde lang auf Bayern 4 Wolfgang Rihm: „Deus Passus“, Passions-Stücke nach Lukas. Ich hörte weniger die Auseinandersetzung mit Bach als eine überflüssige Neuinszenierung christlicher Feierlichkeiten. Eine Musik, die mich so wenig angetrieben hat wie die nachfolgende von Combier. Nimmt man die zwei Stücke als Symptom, liesse sich vom Abgleiten der Aufklärung in ihre eigene Bebilderung sprechen, die ungerechtfertigerweise frei ist von der Notwendigkeit und der Intention, die Dinge vorwärts zu treiben.

Combier, Jarell, Staud, Dutilleux

Montag, 26. März 2012

Soeben auf France Musique concert enregistré le 1er mars à l’Auditorium de Lyon, dans le cadre de la Biennale Musiques en scène, Orchestre National de Lyon, Pascal Rophé, direction.

Jérôme Combier (né en 1971), Ruins, pour orchestre (2011, commande de l’Orchestre National de Lyon, création mondiale). – Frisch polierte Legosteine als Ruinen eines Spielzeughauses, das vom jähzornigen Kind kurz vor dem Essen einen Tritt versetzt bekommen hat. Die Apokalypse gestern Abend scheint mir heute zeitgemässer.

Michael Jarrell (né en 1958), Emergences – Nachlese VI, pour violoncelle et orchestre (2012, création française, co-commande de Utah Symphony, l’Orchestre de la Suisse Romande, l’Orchestre Philharmonique du Luxembourg et l’Orchestre National de Lyon, avec le soutien du Swiss Arts Council Pro Helvetia), Jean-Guihen Queyras, violoncelle. – Ein grosser Wurf: endlich steht das Verhältnis Soloinstrument zum Orchester in neuem, noch ungewohntem Licht. In der grossen Form noch unvollendet, als ob noch weitere Geschwisterkonzerte mit anderen Soloinstrumenten folgen müssten. Ein Genuss (,) auch die Hoffnung!

Johannes Maria Staud (né en 1974), Über trügerische Stadtpläne und die Versuchungen der Winternächte (Dichotomie II) pour quatuor à cordes et orchestre (2008-2009, commande de l’orchestre de Cleveland), Quatuor Arditti. – Ich habe nicht begriffen, was das Stück zusammenhält, eine Abschnittskomposition, deren einzelne Teile zwar sehr schön sind, aber unmotiviert zusammengeklebt erscheinen. Die Unmotiviertheit gibt mit der Zeit der Langeweile freies Spiel.

Henri Dutilleux (né en 1916), Métaboles (1964), pour orchestre (commande de l’Orchestre de Cleveland). – Hübsche, nichtssagende Abendmusik, gemixt aus Stravinsky, Gershwin und Bernstein. Zum DRS 2 Hören.

Raphaël Cendo, Ténèbres

Montag, 26. März 2012

Gestern Abend live auf Espace 2 vom Festival Archipel 2011 in der Fabrikhalle Schaublin von Mallerey Bevillard „L’introduction aux ténèbres“ de Raphaël Cendo pour baryton, contrebasse, ensemble instrumental et électronique, d’après l’Apocalypse de Jean interprété par l’ensemble orchestral contemporain sous la direction de Daniel Kawka, avec le baryton Romain Bishoff et le contrebassiste Michael Chanu. Un concert enregistré le 27 mars 2011 à la maison communale de Plain-Palais.

45 Minuten lang ein Sound- und Klanggebilde, das einem das Gefühl verschaffte, einem Heavy Metal-Konzert beizuwohnen, in einer Qualität und Eindringlichkeit, von der die effektiven Metaller nur lernen könnten. Trotz der Härte scheint nicht nur sporadisch, sondern in jedem Moment eine ausserordentlich grosse Musikalität auf, die einen förmlich durch das ruppige Klanginferno hindurchzieht. Allerdings vermag die grossartige Ästhetik im musikalischen Kleinen die äusserste Problematik in der Ästhetik des musikalischen Ganzen nicht vom Tisch zu wischen. In einem kommentierenden Text zum Konzert versichert Cendo, von religiösen Attituden frei zu sein und die semantischen Gehalte aus dem ursprünglichen Kontext befreit zu haben, das Apokalyptische also nur für uns zu lesen. 45 Minuten sind indes lang, und ich hörte die ganze Zeit lang im Untergrund der Musik reine Bibelphrasen und nichts in den „Lyrics“, das sich auf unsere Zeit beziehen liesse. Die Haltung widerstrebt mir und stösst mir auf, von unserer Zeit in einer Art zu sprechen, die das Zentrum ihrer Probleme ummäntelt. Wenn man schon ein so schwergewichtiges Wort wie die Apokalypse ins Spiel bringen will, müsste man künstlerisch auf die strukturell wesentlichen Probleme anzuspielen vermögen, ein System der Ökonomie, das sich radikal auf die militärische Antiproduktion abstützt und eine Politik in allen Gesellschaften, die dem radikal Bösen und diskursenthobenen Ideologiefreien der politischen Rechten Raum gibt, die Gesellschaft als Meute jeden Tag neu aufzuhetzen. Das Vokabular des Johannes vor zweitausend Jahren scheint mir im ästhetischen Erlebnis das Werk von Boeing, Blocher und Murdoch eindeutig mehr zu verklären denn als das wahrzunehmen, was es ist und uns zu bedrohen weiss.

Matalon, Smolka, Adamek

Montag, 5. März 2012

Soeben auf France Musique, Concert enregistré le 12 janvier, à l’Auditorium Marcel-Landowski à Paris, Ensemble 2e2m, Pierre Roullier, direction.

Martin Matalon (né en 1958), Trame X, pour accordéon, flûte, clarinette, basson, cor, trompette, harpe, 2 percussions, violon et violoncelle (création mondiale, commande de l’Etat), Max Bonnay, accordéon. – Abwechslungsreich, farbig und witzig.

Martin Smolka (né en 1959), Die Seele auf dem Esel, septuor en six parties pour piccolo, clarinette en mi bémol, piano, percussion, violon, alto et violoncelle (création française, extraits), IV., II., I. Rubato. – Aus dem Kinderzimmer heraus und wieder ins Kinderzimmer hinein. Aus dem Hühnerhaus heraus und wieder ins Hühnerhaus hinein. Aus dem Schweinestall heraus und wieder ins Kinderzimmer hinein.

Ondrej Adamek (né en 1979), Rapid Eye Movements, pour 2 violons, alto, violoncelle et dispositif électronique. – Ziemlich hübsch, mit Rafinesse.

Ondrej Adamek (né en 1979), B-low Up, pour 17 instruments (flûte, hautbois, 2 clarinettes, cor, trompette, trombone, piano, harpe, accordéon, 2 percussions, 2 violons, alto, violoncelle et contrebasse). – Magere Luft von hinter dem Mond. Bin leider eingeschlafen.

Franziska Baumann, Fictions

Sonntag, 4. März 2012

Soeben auf Espace 2 Konzert vom 1. 2. 2012 im Centre Dürrenmatt Neuchâtel: Fiction, Audiovisuelle Konzertinszenierung, CRÉATION frei nach Jorge Luis Borges, Franziska Baumann, Konzept, Komposition und Stimme, Claudia Brieske, Konzept, Videoschnitt und Live-Projektion, Angela Bürger, dramaturgische und szenische Begleitung, Solisten des Nouvelle Ensemble Contemporain NEC: Marie Schwab, Viola, Jean-François Lehmann, Bassklarinette, Lucas Gonseth, Perkussion.

Löst das Schöne der Natur im demonstrativen Widerstand gegen allen Metabolismus ein Staunen aus, das über den Tod hinauszuschauen vermeint und in der begriffslosen Bewunderung endet, von der es keinen Weg zurück zum Verstehen geben kann, ruft das Schöne in den Künsten eine begriffliche Auseinandersetzung hervor, die es selbst oder das Werk, in dem es erscheint, mit der Geschichte oder der Gesellschaft in Beziehung bringt, zu der es gehört, und zu allen anderen, von denen es sich als besonderes Schönes absetzen will.

Fictions gehört mit Video, drei Soloinstrumenten und der Solostimme der Komponistin, die das Stück mal in Einzahl, mal im Plural ankündigt, zu den Installationskünsten und enthält trotz eines präzisen Zeitflusses einen grossen Anteil an improvisierten Partien. In der Fülle der Ereignisse ist der Genuss des Stückes gross, das Aufstöbern von Momenten, die sich auf solche ausserhalb des Stückes, seien es die der Musikgeschichte oder der Gesellschaft heute, beziehen liessen, unbegreiflich schwer. Man ist auf den reinen Genuss zurückgeworfen. Er bezieht sich auf ein Schönes, das im Verlauf der Vocal Perfomance zerfällt, als ob er es selbst aufgegessen hätte. Wie das Schöne sich weigert, Zeichen dafür abzugeben, dass es zur Geschichte gehört, weigert sich die Natur, es als zu ihr gehörig anzuerkennen, damit es so bewundert werden könnte.

Fictions, dessen Titel sich auf Borges bezieht und das belletristische Experiment, in einer Sprache ohne Dingwörter zu schreiben, die den Fluss der Zeit irritieren, erscheint mehr als Veranstaltung für ein grosses unterhaltungsgewohntes Publikum denn als eine Herausforderung zum Nachdenken über die Künste und das Schöne. Es gibt keinen Grund, für einen solchen Anlass nicht Leute einzuladen, die gewöhnlicherweise zu DJ Bobo aufschauen, meinetwegen auch zu Blausack Huber, Hofer, Oberhofer, Flückiger, Schmidhauser, Kraut & Raeber, Pfeutzi & Launer und die mit dem See (nur Wittlin hatte ein erlesenes Publikum, mich) – ein schnell getätigter Adressatenwechsel, das Wankdorfstadion angemietet mit einer Berner Tanzband im Vorprogramm, Lischka schreibt im Bärner Bär den informierenden Werbetext und sowohl würden die Kassen endlich klingeln wie auch die Anerkennungswünsche endlich befriedigt werden. Ist das Phantasieren über die musikalischen Desiderate erst einmal in Schwung gesetzt, wird es ebenso leicht denkbar, dass aus der Verschmelzung des Wissens über die Publikumsverführung der Vorgruppe und der Erfahrung über die Manipulation technischer Effektgeräte des Hauptgigs die Popmusik eine Renaissance erführe. Die Installationsrockerinnen und Popinstallateure wären zu einer Musik befähigt, die einen wieder ohne Abwehr in Neugierde versetzen könnte. Nächste Aufführung im alten Stil 13.04.2012, 21h Dampfzentrale, Bern.

http://www.franziskabaumann.ch/de/vocal_performance/fictions.php

Zemlinsky, Puccini: 2 Opern

Samstag, 3. März 2012

Soeben auf France Musique Concert donné le 29 janvier 2012, Opéra de Lyon : Festival Puccini plus.

Alexander von Zemlinsky, Une tragédie florentine (Eine florentinische Tragödie), Opéra en un acte, 1917. Livret du compositeur d’après la pièce d’Oscar Wilde, A Florentine Tragedy. En allemand. Orchestre de l’Opéra de Lyon, direction musicale : Bernhard Kontarsky.

Giacomo Puccini, Gianni Schicchi, Opéra en un acte, 1918. Livret de Giovacchino Forzano. En italien. Nouvelle Production, Orchestre et Maîtrise de l’Opéra de Lyon, Direction : Gaetano d’Espinosa.

Das Festival Puccini plus gab dem Publikum die luxuriöse Möglichkeit, Il trittico an einem einzigen Abend als dreiaktiges heterogenes Opernwerk oder auf drei Abende aufgeteilt mit je einer Kurzoper Schönbergs, Hindemiths oder Zemlinskys ergänzt zu Gemüte zu führen. Am heutigen letzten Abend wurde neben Gianni Schicchi Zemlinskys Eine florentinische Tragödie gespielt, eine Komödie Oscar Wildes, in der ein Alter seinen jungen Nebenbuhler killt, worauf er, unverhofft, von seiner sehr jungen Frau wieder geliebt wird. Die Musik ist deswegen von Interesse, weil seit einiger Zeit eine Art Revival Zemlinskys in der Reproduktion seiner Werke angekündigt wird und man also gut beraten ist, die Gelegenheit zum Hören schwierig aufzuführender Werke nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Am letzten der drei Pucciniabende widersprechen sich die zwei gegenübergestellten Werke am wenigsten. Beide Stoffe sind unterbelichtet – gleichwie beide Musiken mehr oder weniger leicht verstaubt. Zur Zeit der Uraufführung war Eine florentinische Tragödie indes ein grosser Erfolg – ich höre zuviel Strauss, immerhin neben einem Walzer auch Straussens gute dramatische Seiten.

Gianni Schicchi ist der Abschluss von Puccinis Il trittico, der Inhalt eine Episode aus Dantes Divina Commedia, eine nur wenig berührende Erbschleichergeschichte, in der sich die Nebenfigur einer Erbengemeinschaft ins Totenbett legt und dem Notar ein neues Testament diktiert, in dem aber, entgegen den Abmachungen, fast alle Erbstücke diesem Akteur zugesprochen werden durch ihn selbst, geschützt durch die angedrohten Gesetze, die geständigen Erbschleichern schwereren Schaden zukommen liessen als einen leeren Beutesack. Die lustige Musik Puccinis erscheint mir wie ein entgangenes Erbe, als erwarteter Leerlauf aller herkömmlichen Oper.

Hindemith, Puccini: 2 Opern

Samstag, 3. März 2012

Gestern Abend auf France Musique Concert donné le 28 janvier 2012, Opéra de Lyon : Festival Puccini plus.

Paul Hindemith & August Albert Bernhard Stramm, Auteur, Sancta Susanna (1922), Opéra en un acte. Orchestre de l’Opéra de Lyon, Chœurs de l’Opéra de Lyon, Maîtrise de l’Opéra de Lyon, Bernhard Kontarsky, Direction musicale.

Giacomo Puccini & Giovacchino Forzano, Librettiste, Suor Angelica (1918), Opéra en un acte. Orchestre de l’Opéra de Lyon, Chœurs de l’Opéra de Lyon, Maîtrise de l’Opéra de Lyon, Gaetano d’Espinosa, Direction musicale.

Erst jetzt durchschaue ich die Vorgänge der drei aufeinanderfolgenden Opernabende. Puccini komponierte während des ersten Weltkrieges drei stark kontrastierende Kurzopern mit Stoffen aus weit entlegenen Zeitaltern, die schon in der Uraufführung zu einem Tryptichon zusammengefasst präsentiert wurden, als drei Akte einer Einheit, auch vom Komponisten genannt Il trittico. Was in Lyon 2012 geschieht, ist aber nicht unüblich, die Präsentierung der einzelnen Teile je an einem Abend zusammen mit einer Kurzoper des zwanzigsten Jahrhunderts eines anderen Komponisten.

Sancta Susanna ist eines von Hindemiths besten Stücken, selbst in der Trilogie, zu der es mit Mörder-Hoffnung der Frauen und Das Nusch-Nuschi gehört. Die expressionistische Explosion ist ungeglättet, die Form ebenso offen und im Kleinen vorwärtstreibend wie das Dargestellte fast hundert Jahre später gewissermassen zeitgemäss: eine junge Nonne wird wegen ihrer weltabgewandten Glaubenszeremonien von den Mitschwestern bewundert, nach zwanzig Minuten zum Teufel gejagt, als ihr Anbetungsdelirium in einem Orgasmus mit dem Kruzifix kulminiert. (Die Handlung ist in Wahrheit brüchiger und gleichzeitig dynamischer, indem eine Nonne der Sancta Susanna erzählt, wie sie solches eben Erwähnte einmal gesehen hätte, worauf die geistige Anbetung bei Susanne erst sich in eine in der Weise bezeichnete satanische verwandelt; durch die Erzählung im Geschehen wird die ganze Mädchengruppe im Kloster sexuell aufgeladen.)

Das Puccinistück Suor Angelica fällt weit ab und wirkt wie aus dem Zentrum dessen, was das Opernleben so überflüssig und hassenswert macht. Eine junge unverheiratete Frau wird in ein Kloster weggesperrt, da sie ein Kind geboren hat. Nach sieben Jahren erhält sie Besuch, der ihr mitteilt, ihr Sohn sei soeben gestorben, worauf sie sich umbringt. So wenig einen der Stoff in seiner historischen Abstraktheit zu berühren vermag, so wenig hatte schon der Komponist einen musikalischen Weg zu ihm gefunden – die Musik hängt mit nichts verbunden wie als Vorwegnahme von Unterhaltungsmusik aus dem Radio in der Luft.

Schönberg, Puccini: 2 Opern

Donnerstag, 1. März 2012

Soeben auf France Musique Concert donné le 27 janvier 2012, Opéra de Lyon : Festival Puccini plus.

Arnold Schoenberg & Max Blonda, pseudonyme de Gertrud Schoenberg, Librettiste, Von heute auf morgen (1930), Opéra en un acte, Maîtrise de Radio France, Orchestre et Maîtrise de l’Opéra de Lyon, Bernhard Kontarsky, Direction.

Giacomo Puccini & Giuseppe Adami, Librettiste, Il Tabarro (1918), Opéra en un acte d’après une pièce de Didier Gold, Orchestre et Chœurs de l’Opéra de Lyon Gaetano d’Espinosa, Direction.

Die zwölftönige Fünfzigminutenoper Von heute auf morgen, die so gerne operettenhaft leicht und modern wäre, ist eine bittere Pille, auf die Il Tabarro von Puccini wie neubelebender Balsam wirkte: jede Sekunde ist musikalisch aufgeladen und vorwärtstreibend. Das arme zahlende Opernpublikum in situ bekam die zwei Stücke in umgekehrter Reihenfolge serviert. Buona notte – oder ich verstehe die, die Reissaus genommen hätten.

Zusatz: Adorno verfasste 1930 zur Uraufführung der Schönbergoper in Frankfurt einen Aufsatz in zwei Varianten, die nicht in der Tagespresse, sondern in den Zeitschriften Anbruch und Die Musik erschienen, einmal die Progressivität des Publikums hervorhebend, das der avancierten Musik durchaus zu folgen vermochte und mit Applaus nicht zauderte, dann mehr das Vermögen des Komponisten akzentuierend, in einem einheitlichen Werk den historischen Stand der Musik vorangetrieben zu haben und in ihm in einzigartiger Souveränität mit einer Vielfalt von Ausdrucksnuancen spielen zu können. Heute erscheint es schwierig, diese gleichmässige Nuancierung ernst zu nehmen, weil sie keine Konturen, Blöcke und Abschnitte zu gestalten ermöglicht und sich, an keiner Stelle vorwärtstreibend, in ein Grau in Grau verflüchtigt wie das Libretto, das Frau Schönberg geschrieben hatte mit einer Gattin, die ihren Mann erfolgreich verführt, als er von einer anderen träumend fantasiert, die selbst in dem Moment über die zwei sich selbst Verführenden sich verwundert, da sie bei ihnen zu Besuch erscheint. Das Kind der beiden, das fragt, was Mode sei, die wechsle von heute auf morgen und modern, erhält als Antwort die moderne Musik.

Sibelius, Violinkonzert

Donnerstag, 1. März 2012

Soeben auf Bayern 4 Jean Sibelius: Violinkonzert d-Moll, op. 47 (Yuval Yaron, Violine; Klaus Tennstedt – Aufnahme 1974).

Kaum ein Komponist könnte von Schönberg weiter entfernt sein, nicht nur wegen der anderen Richtung, der seine ästhetische Spur gefolgt ist, sondern auch wegen offensichtlicher kompositorischer Defizite in den meisten Werken. Trotzdem dachte ich während des ganzen Stückes mit Genuss an Schönbergs Geigenkonzert und dass auch dasjenige von Sibelius viel zu bieten hat – und jedenfalls zu den grossen und gelungenen Werken des Finnen zu zählen ist.

Shepherd, Kim, Chin, Jarell

Montag, 27. Februar 2012

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 10 janvier, à Paris, Cité de la Musique, Ensemble intercontemporain, Susanna Mälkki, direction.

Sean Shepherd (né en 1979), Blur (création mondiale). – Einer sucht und sucht und findet nichts im selbst gelegten Gestrüpp der Stile, Kompositionsansätze und Ästhetiken. Das Stück verdient dem Tag zu Ehren – einen Oscar.

Texu Kim (né en 1980), Toccata inquieta pour clavecin et ensemble (2011, création mondiale), Dimitri Vassilakis, clavecin amplifié. – Schon wieder eine Gammeltonalität mit längst abgelaufenen Formimpulsen. Ist die vorangegangene Musik Gebrauchsmusik für den Film, wo das Vernünftige ausgeräumt bleibt, ist diese eine fürs Theater.

Unsuk Chin (née en 1961), Gougalon, scène de théâtre de rue, pour ensemble (version définitive), I. „Prolog – Dramatisches Aufgehen des Vorhangs“ II. „Lamento der kahlen Sängerin“ III. „Der grinsende Wahrsager mit dem falschen Gebiss“ IV. „Episode zwischen Flaschen und Dosen“ V. „Circulus vitiosus – Tanz vor den Baracken“ VI. „Die Jagt nach dem Zopf des Quacksalbers“. – Durch eine schöne dichte Schreibweise ist das Stück, das in den Untertiteln explizit darauf hinweist, Theatermusik zu sein, vor allen bösen Worten geschützt. Die Komponistin zeigt auch in diesem Werk eine so grosse Stärke, dass die zeitweilige Lehrerschaft Ligetis ihr offenbar nichts hat antun können. (Nach dem Konzert wurden noch Stücke aus Akrostichon-Wortspiel von 2004 ab CD gespielt, auch dies eine Musik, die die Eigenständigkeit und Qualität von Unsuk Chin deutlich macht: III. „Die Spielregel“, IV. „Vier Jahreszeiten“, V. „Domifare S.“, VI. „Das Beliebigkeitspiel“, VII. „Aus der alten Zeit“)

Michael Jarrell (né en 1958), La Chambre aux échos (commande de l’Ensemble intercontemporain, Lucerne Festival, Fondation Artephila, création française de la version définitive). – Die gleichbeste Musik von heute wie die von Chin. Ein starkes, aber auch etwas leichtes Stück. Man dürfte Répons nicht kennen, um es beim Anhören kontinuierlich, ohne sporadische Seitengedanken an das ältere Werk, adäquat einschätzen zu können.

Dusapin, Debussy, Bartók

Freitag, 24. Februar 2012

Soeben live auf France Musique Concert donné le 25 janvier 2012 im Auditorium de Lyon, Festival French Kiss, Orchestre Philharmonique de Radio France, Myung-Whun Chung, Direction.

Pascal Dusapin, Uncut, Solo pour orchestre N° 7, Créé le 27 mars 2009 à la Cité de la Musique (Paris). – Das Stück ist, zusammen mit allen vorangehenden Solos für Orchester, auf einer der ganz wenigen CDs, die ich mir seit zwanzig Jahren wieder leistete. Erst heute fällt mir aber eine Art Polyrhythmik auf, die den Einsatz von zwei Händen verlangt, wenn der metrische Prozess verfolgt werden soll. In der Tiefe kompliziert, erscheint es auf der Oberfläche ziemlich einfach, mit der Seltsamkeit, als ob es Debussy und Varèse in der Weise weiterentwickeln würde, dass der Zweite als Vorläufer des Ersten betrachtet werden müsste.

Claude Debussy, La Mer L 190, Trois esquisses symphoniques (1903,1905). – La Mer jünger als Amériques? Wenn man an die Präzision denkt, die eine Vagheit im musikalischen und aussermusikalischen Empfinden auslösen soll, nicht ganz und gar abwegig. (In Dusapins Stück figuriert die Präzision klar auf der Oberfläche und wird dann greifbar, wenn sich die Blöcke in Solostimmen isolieren lassen, gerade so, wie es der Titel der sieben Orchesterstücke nahelegt.)

Béla Bartók, Concerto pour orchestre (1943). – Versimpelter Debussy, aufgemöbelter Gershwin: Bartók hatte viele gute Stücke geschrieben, dieses gehört nicht mehr zu ihnen. Es schaut so frisch aus wie eine Meise, die nur noch auf ihren Sperber wartet.

Zusatz: Verfolgt man die Frage über Kunst und Kommerz, dürfen diese letzten Orchesterstücke Bartóks nicht fehlen. Sie zeigen, dass der Verfall an die gesellschaftliche Notwendigkeit nicht aus Liederlichkeit wie bei SchülerInnen Ligetis oder Berios geschieht, sondern aus der gesellschaftlichen Not und dass diese gleichzeitig aus solchen Werken nicht herauszulesen wäre. Schlimm ist nicht, dass einer um des Überlebens Willen zu den guten Werken kommerziell erfolgreiche hinzufügt, sondern dass aus diesen eine verdeckte Kunst niemals mehr hervorschimmert. Die auf Erfolg abgezielten Stücke sind so schlecht wie die Gesellschaft, der sie gefallen sollen.

Oscar Strasnoy, El regreso

Donnerstag, 23. Februar 2012

Soeben auf France Musique Concerts donnés le 21 janvier 2012 au Théâtre du Châtelet:

Oscar Strasnoy (*1970), El regreso, Opéra chambre. Musicatreize, Brigitte Clair, Chef de chant, Roland Hayrabedian, Direction.

Nach zwanzig Minuten hat man die Soundkopie von Berio akzeptiert, und das fünfzigminütige Stück zeigt sich als flüssige Unterhaltungs- und Beruhigungsmusik.

Schostakowitschs Siebte, Leningrader Symphonie

Samstag, 18. Februar 2012

Gestern nach dem erotischen Violinkonzert von Schönberg aus Wien ebenso direkt live auf France Musique de la Salle Pleyel, Paris, l‘ Académie de l’Orchestre Philharmonique de Radio France et du Conservatoire de Paris, Vassily Sinaisky, Direction:

Dmitri Chostakovitch, Symphonie N°7 en ut majeur Op.60, Leningrad (1941).

Eine zweitklassige Musik wie alle von Schostakowitsch, sofern sie nicht drittklassig herum- und einem im Wege steht. Man müsste schon nach den ersten Takten oder Minuten entfliehen. Doch im letzten Satz entfesseln sich Kräfte, die einen gar wunderlich dünken und gegen die das historisch-musikalische Ohr sich nicht mehr wehrt. Man erlebt ein Dokument der Weltgeschichte, das Aktualität beansprucht und das man nicht verpasst haben oder missen möchte. Die Musik zeugt als Kunst vom Willen, gegen die Gewalt anzugehen. Am Schluss staunt man auch allein offenen Mundes – und bewundert.

Schönberg: Violinkonzert

Freitag, 17. Februar 2012

Soeben live direkt auf Ö1 das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Peter Eötvös mit der Solistin Hilary Hahn, Violine, aus dem Großen Musikvereinssaal in Wien:

Arnold Schönberg, Konzert für Violine und Orchester op. 36 (1934-1936).

Ich kenne das Stück seit über dreissig Jahren und habe es zeitlebens sehr oft gehört, meistens von meiner Platte. Auch heute wieder totale Faszination, eine Fixierung allermöglichen äusserer und innerer Sinne auf die wenigen kostbaren Saiten der Violine, die Geheimnisse freisetzen, als ob sie dem riesigen Orchester, das der Violinistin gegenübersteht, entrissen werden müssten. Es ist einer der Stücke, die nie aufhören dürften.

Zusatz: Vor dem Violinkonzert wurden Arnold Schönbergs Fünf Orchesterstücke in der Originalfassung für großes Orchester, op. 16 (1909, revidiert 1922) gespielt, in keineswegs geringerer Qualität und Intensität. Aber das Geigenkonzert dünkt mich jedesmal etwas so Besonderes, dass es keiner anderen Musik gegenübergestellt werden sollte, auch wenn diese Aussage auf die Orchesterstücke ebenso zuzutreffen vermag.