Levinas, Aperghis, Birtwistle, Lachenmann

30. Januar 2012 um 21:23 Uhr von ur

Soeben auf France Musique Concert enregistré le 29 novembre à la Cité de la Musique, dans le cadre du cycle “Rituels, la vie, la mort”.

Ensemble Intercontemporain, Susanna Mälkki, direction.

Michaël Levinas (né en 1949), Appels pour ensemble de 11 instrumentistes.

Georges Aperghis (né en 1945), Pièce pour douze.

Harrison Birtwistle (né en 1934), Cortege, a ceremony for 14 musicians, in memory of Michael Vyner.

Helmut Lachenmann (né en 1935), Concertini.

Umwerfend schönes Konzert, vom ersten bis zum letzten Stück! Seltsam, wie leicht man eine Einheit wahrzunehmen vermeint, in den vier Stücken aus vier entgegengesetzten Winkeln Europas, das erste vierzig Jahre alt, das letzte kaum mehr als vier.

Sturmstall

24. Januar 2012 um 0:08 Uhr von ur

Tosender Sturm in den Bergen, ich sitze auf einer Art Ladebühne eines Alpintaxis, in dem mich einer trotz der Witterungsgefahren gegen ihn in die Höhe fährt, wo ich eine Hütte fotografieren muss, weit ab von der angefahrenen Haltestelle. Die ganze Szenerie ähnelt einer Schlittenfahrt in Transsilvanien. Ich frage mich, ob der Fahrer tatsächlich warten wird, bis ich zurückkomme, oder ob er sofort umkehrt und dann, kaum unten angekommen, nochmals wendet und mich oben wieder abholen wird. Grosse Verwirrtheit in meinen Gedanken, bei diesem Höllenlärm, eine ebensolche beim Aufwachen.

Zusatz 27.1.2012, 15 Uhr: Vor zwei Wochen entdeckte ich im Internet das Bild einer Hütte, die ich nicht kenne. Ich sagte dem Fotografen, ich sei daran, die Stelle ausfindig zu machen – er solle mir aber nicht sagen, wo sie zu finden sei. In seiner eigenen Beschreibung beim veröffentlichten Bild nennt er die Höhe von 2500m und dass weder ein Weg zu ihr hinführe noch dass sie auf einer Karte eingezeichnet sei. Ich nannte ihm diverse Plätze, wo ich sie dank wenigen Indizien vermuten würde, umfassend das ganze Unterwallis von den Diablerets und dem Grand Combin bis zum Mont Dolent und den Dents Blanches (Plural), nur das Val d’Anniviers und das Val d’Hérens schienen mir ausser Frage. Er antwortete, die Hütte sei in diesem Gebiet, ich möge sie aber bitte nicht bekannt machen. Da es sich um keinen Stall handelt, kann ich dem Wunsch leicht entsprechen – mich interessierte die Herausforderung, aus minimalen Geländeangaben einen Walliser Ort im Gebirge ausfindig machen zu können, mit allen gegebenen Hilfsmitteln. Seither suchte ich jeden Tag mindestens sechs Stunden lang, fast unaufhörlich mit Google Earth wie in einem Helikopter durch die Täler manövrierend. Vor einer Stunde notierte ich mir drei Stellen, die ich dem Autoren vielleicht in einem Moment allerhöchster Verzweiflung präsentieren würde. Ein anderer Suchweg neben Google Earth war Google Bilder, wo ich alle möglichen Flurnamen auf den 25′000er Karten abfragte, mal mit, mal ohne Cabane, Abri, Chalet oder Refuge. Da er der Hütte den Namen gibt, der in ihrem Inneren wohl notiert steht, habe ich denselben auf diverse Arten abgewandelt, vor einer halben Stunden so fahrlässig schlecht, dass die Suchabfrage gelingen musste: die Hütte hatte auch ein anderer fotografiert, als Fremdsprachiger ihr Name aber unkorrekt im Gedächtnis behalten und via Panoramio auf Google Earth veröffentlicht. Auf Google Earth?! Nun ja, ich hatte eben komplett vergessen, dass Google Earth Bilder auf dem Gelände anbietet und dieselben dummerweise immer ausgeschaltet gelassen… Neodoofer ich: wären die Bilder während meiner Reisen auf Google Earth eingeschaltet gewesen, hätte ich die Hütte am ersten Tag gefunden gehabt und nicht nach zwei Wochen, und der Sturmstalltraum wäre der Welt erspart geblieben. – Was man auf dem Bild sieht? Eine kleine Trockensteinhütte mit zwei Fenstern liegt an einem Hang zuoberst am Grat, der eine Passmulde bildet. Fotografiert wurde von der rechten Steigung des Passes, also von oben gegenüber der Hütte, von unten gegenüber dem Grat, an dem die Hütte liegt. Die Gesamtrichtung ist also die Steigung des Grates selbst. Er verschwindet in einem riesigen Geröllhang, der seinerseits oben links in einer halb gefalteteten Moränenkante schliesst. Weit im Hintergund dieses Abschlusses sieht man einen plattigen, nur wenig durchsetzten senkrechten Turm, ohne Schnee, links von ihm eine weitere Bergspitze, deren Oberflächenbeschaffenheit sich wegen des Schattens nicht deuten lässt. Das Sonnenlicht kommt von links quasi zur Hütte herauf, ohne dass daraus die Himmelsrichtung des Bildes sich fixieren liesse. Es mussten also alle Grate im Unterwallis abgeflogen und auf den Karten nach weglosen Passmulden abgesucht werden. Schade, schade, schade, dass das Rätsel gelöst werden konnte: es war keine schlechte Zeit, Google Earth virtuos beherrschen zu lernen!


50′000er Karte


Es ist sehr schwierig, Google Earth an dieser Stelle so zu positionieren, dass der originale Bildausschnitt dargestellt wird (ausgerechnet die helikoptertypische senkrechte Auf- und Abwärtsbewegung ist nicht möglich). Die Hütte wäre ganz unten, links hinauf alles Geröll, darüber und dahinter ein oder zwei Türme. Die oben erwähnten drei Plätze sehen genauso aus, sind aber bedeutend leichter anzusteuern. Hier hat der Google Earth Pilot äusserst grosse Schwierigkeiten, in die Passlücke als Parklücke hineinzukurven, weswegen diese Stelle am Schluss nicht mehr in die enge Wahl geraten wäre.


Original: nur die Topologie interessierte mich und wo sie im Ganzen zu finden wäre, nicht die Hütte selbst, deren Zugänglichkeit derjenigen der Solvay- und Mittellegihütte ähnelt.

Oscar Strasnoy (2)

23. Januar 2012 um 21:50 Uhr von ur

Soeben nicht gehört auf France Musique concert enregistré le dimanche 22 janvier au Théâtre du Châtelet à Paris, dans le cadre du festival Présences.

Orchestre Philharmonique de Radio France, Oscar Strasnoy, direction

Igor Stravinsky (1882-1971), Ragtime.

Oscar Strasnoy (né en 1970), Usages du monde (création mondiale, commande de Radio France).

Igor Stravinsky (1882-1971), Suite n° 1 et n° 2 pour petit orchestre

Oscar Strasnoy (né en 1970), L’Instant.

Nach dem Schmarren letzten Montag habe ich auf dieses zweite Konzert von Strasnoy ohne Skupel verzichtet. Ich bereue es nicht, die Zeit dafür genutzt zu haben, endlich wieder einmal der schönen Stimme Franziska Webers auf DRS 2 gelauscht zu haben, in der Diskothek im Zwei über Steve Reichs Streichquartett Different Trains von 1988.

Vier Wohnungsträume aufs Mal

19. Januar 2012 um 3:41 Uhr von ur

Vier Wohnungsträume in fünf Stunden. 1. Ich bin im normalen Schlafzimmer, mit exakt demselben Mobiliar in seinen realen Grössen und Positionen. Es entstehen Zweifel, ob das die gelebte Wirklichkeit sei, und so schlage ich mich mit einer Hand, dann zwicke ich ein paar Körperstellen. Ich bin sicher, in einem Traum zu sein, man glaubt es nicht, aber in denselben Kleidern, die ich tags zuvor trug und jetzt beim Schreiben wieder trage. Nun drehen und verdrehen sich die Perspektiven, ziemlich langsam, sich kaum merklich beschleunigend. Ich sage mir, das Büchergestell will mir doch wohl nicht auf den Kopf fallen?! Die Perspektiven drehen sich in derselben langsamen Beschleunigung weiter, als ob ein Wind sie in Schwung versetzen würde. Ich schreie, um endlich aufwachen zu dürfen und Klarheit zu bekommen, fixiert auf den Begriff der Parallelwelt. Es geschieht, und ich merke, in der üblichen Position mit der phantasierten S. in den Armen zu liegen wie beim Einschlafen. Nochmals Glück gehabt! 2. Auch im nächsten Traum bin ich in der echten Wohnung, ohne aber über Traum und Wirklichkeit zu zweifeln. 3. Im dritten Traum wird die Wohnung geträumt, ohne dass sie der echten ähneln würde. Diese Art Wohnungstraum begleitet mich wie alle Menschen seit jeher. 4. Der letzte Traum der Nacht beginnt in der Wohnung; ob es meine ist oder eine von Fremden, bleibt vergessen. Ich wache auf, als ich in einem Wald barfuss über einen Moosboden zu laufen hätte, in dem sich viele jüngste Vipern zu erkennen geben. – Nach dem Aufstehen Kaffee mit Memorieren, erst dann das Aufschreiben. (Nur nach dem ersten Traum stellte ich mir die Frage, ob er aufzuschreiben sei, deshalb sind seine Inhalte noch bekannt und die der folgenden nur rudimentär.)

Militaria

17. Januar 2012 um 12:56 Uhr von ur

Soeben hatte ich in einem Antwortmail den Satz zu schreiben: “Es dürfen keine Bilder der ueliraz.ch-Site für militärische Zwecke verwendet oder sonstwie in einem erweiterten militärischen Zusammenhang eingesetzt werden.”

Im Anfragemail hiess es: “Für einen Flyer des VBS würden wir gerne das Bild niesen-11 http://www.ueliraz.ch/2005/niesen.htm verwenden. Könnten Sie uns die entsprechenden Bildrechte überlassen.” (Punkt, nicht Fragezeichen.)

Das macht mulmig und verunsichert. Hatte ich jemals eine Sekunde lang in der Überzeugung nachgelassen, dass alles, was zu tun ist, die Gestalt haben muss, dass sie immer auch gegen das Militärische gerichtet erscheint? Gibt es einen Satz von mir, der diese Haltung bezweifeln liesse? Ich halte nichts von den Werbeleuten in unseren Gesellschaften, und ich erwarte von ihnen keine intellektuellen Höhenflüge. Aber diese Art von Ignoranz dünkte mich doch erwähnenswert. Ist das eine kämpferische Finte, über die ich früher oder später stolpern werde?

Oscar Strasnoy

16. Januar 2012 um 21:04 Uhr von ur

Soeben auf France Musique concert enregistré le samedi 14 janvier au Théâtre du Châtelet à Paris, dans le cadre du festival Présences.

Orchestre Philharmonique de Radio France, Dima Slobodeniouk, direction .

Oscar Strasnoy (né en 1970), Incipit (Sum n° 1).

Oscar Strasnoy (né en 1970) / Niccolo Paganini (1782-1840), Trois Caprices de Paganini, pour violon et orchestre, Latica Honda-Rosenberg, violon.

Oscar Strasnoy (né en 1970), Scherzo (Sum n° 3), Hélène Collerette, violon solo.

Igor Stravinsky (1882-1971), Le Chant du Rossignol.

Üble Sache das, Arnaud Merlin!

Messiaen, Pagh-Paan, Carter

14. Januar 2012 um 22:12 Uhr von ur

Soeben direkt live auf Bayern 4 Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung: Emilio Pomárico, Roger Muraro, Klavier, Melise Mellinger, Violine, Barbara Maurer, Viola.

Olivier Messiaen: “Couleur de la Cité Céleste”. – Etwas schleppend einsetzende Bläser, vom genialen Klavier aber optimal zusammengehalten.

Younghi Pagh-Paan: “Hohes und tiefes Licht” (Uraufführung). – Auch diese Komponistin hat nun, wie das Interview zeigte, bei den Übergeschnappten Zuflucht genommen. Das neue Stück ist glücklicherweise ohne Spuren davon und enthält bemerkenswerte Winkel. Vor 25 Jahren hatte ich der Komponistin indes unvoreingenommener vertraut.

Elliott Carter: “Symphonia: sum fluxae pretium spei”. – Mit Carter hatte ich immer wieder Mühe, weil ich ihm den frühen Besuch bei Boulanger nicht verzeihen wollte. Beim Hören jedes neuen Stückes begegnete ich mir als Ignoranten, der sich selbst einen Ruck geben muss. Klar, auch dieses Stück von Carter verblüfft, wie fast alle, die ich je hören konnte. Und doch: die Sätze, nacheinander in den neunziger Jahren entstanden, sind zwar jeder für sich gut – einen Zusammenhang zwischen ihnen habe ich aber nicht gehört, den Oberflächenmagel andererseits ebensowenig bedauert. (Die Aufführung war tadellos, aber einer muss es ja einmal sagen: der Dirigent singt schlecht und sollte fern aller Mikrophone plaziert werden.)

Mala Punica

14. Januar 2012 um 7:14 Uhr von ur

Gestern auf Espace 2 concert enregistré le 30 août 2011 dans le cadre du Festival de musique ancienne d’Utrecht.

Mala Punica

L’ensemble Mala Punica a été fondé en 1987 par le flûtiste et spécialiste de l’Ars Nova, Pedro Memelsdorf. La formation complète de l’ensemble peut aller jusqu’à douze voix et huit instruments, dont des cloches, orgues, organetti, harpes, vielles, flûtes et luth.

Mala Punica signifie Les Grenades, fruits défendus, symboles de fertilité et en même temps pommes de discorde.

L’ensemble se consacre essentiellement à la musique du Trecento (XIVème siècle) et à l’Ars Subtilior, proposant une lecture tout à fait novatrice d’un répertoire presque complètement négligé.

Ich hatte einige Wendungen gehört, die mir als hinzuerfunden erschienen. Trotzdem dünkte mich das Konzert eine Wucht, der Troupeau ein Muss, wenn er durch die Gegend streifen sollte.

Zeit und Stein

10. Januar 2012 um 17:35 Uhr von ur

Bekanntlich scheiterte Heidegger im frühen Hauptwerk Sein und Zeit nach dem ersten Teil, weil die epistemologischen und ideologischen Voraussetzungen ihm den Blick auf die Zeit, der dem auf das Sein hätte zu entsprechen vermögen, verstellten. Zumindest epistemologisch leben wir in einer gänzlich anderen Welt, von der ein schweres Buch ein formidables Zeugnis abliefert:

Kurt Stüwe und Ruedi Homberger, Die Geologie der Alpen aus der Luft, Weishaupt Verlag Gnas, Zweite Auflage 2011.

Der stürmische Applaus in den Volks- und Gefolgsrezensionen provoziert nicht wenig dazu, Negatives der Publikation zunächst einmal nicht im Verborgenen zu halten; das Werk ist genügend stark, diese Punkte im Verlaufe des Umgangs mit ihm als Bagatellen erscheinen zu lassen. Der Pilot Homberger fotografierte, “hauptsächlich”, mit einer Canon Mark II und deren Kitobjektiv 24-105 mm. Einige Bilder sind wegen der Objektivschwäche nicht optimal und enthalten in Randbereichen eine Unschärfe, die bei einem so gross angelegten – und grossartig durchgeführten – Projekt unverzeihlich scheint, wenn sie teilweise auch Druckproblemen zugeschrieben werden muss (völlig abgestürzt Seite 49, als wäre der Briançonnais-Mittelkontinent noch in voller Fahrt). Zu bemängeln sind weitere Fehler, die möglicherweise vom Druck herrühren, etwa eine Unschärfe in der Bildmitte, also am Druckseitenrand und unabhängig vom Objektiv, auf der Doppelseite 178f mit einem irritierenden Farbstich auf der linken Gesamtseite (dieses Bild der Zugspitze ist im übrigen eines derjenigen, das einen im Ungewissen hält, ob es sich um ein Panorama handelt oder um einen Bildausschnitt, dem es schlussendlich an Auflösung mangelt), dann auf einigen Seiten am oberen Bildrand viele weisse Dreckpunkte wie früher Staub auf Dias oder Negativfilmen. Die Panoramen sind selbstredend einzigartig (mein Favorit, den ich schon bei der Übergabe des Buchs vor vier Tagen entdeckte, zeigt den Arsch des Wallis, Seiten 56f), kämpfen aber mit gewissen Tücken des Zusammensetzens: der Walensee Seite 254 hat eine westliche und eine östliche Farbhälfte, dasselbe Panorama am rechten unteren Rand zwei Löcher wegen eines unkontrollierten Bildschnitts. Der Geologe Stüwe benutzt ein paar Bergnamen, die mich befremden und die in einer zweiten Auflage hätten korrigiert werden müssen. Ein paar Male schreibt er der Dent de Morcles in Einzahl und männlich, ebenso der Dent du Midi, auch der Gummfluh (234), ebenso als Flüchtigkeitsfehler sind vielleicht erwähnenswert Zwischenbergen statt Zwischbergen, Anzeind statt Anzeinde, Salier statt Sallière und, täppisch, Schigebiet statt Skigebiet. Natürlich bin ich jedem Gutfreund, der mit dem Französischen kämpft – aber wenn einer an Universitäten die Ausbildung mitbestimmt, sollte er sich klarmachen, dass die eigene Verwirrtheit auch die zukünftige sprachlich-begriffliche in der allgemeinen Gesellschaft weiter begünstigt statt aufzuklären. In Verhältnissen, wo jeder Erstsemestrige einer Bergwissenschaft selbstgemachte Bilder ins Netz stellt und aufs Geratewohl, also falsch kommentiert, dünkt mich das nicht mehr verantwortbar.

Der Laie stolpert über viele Begriffe und Namen für die Zeitalter, die Prozesse, die Schichten, die Gesteine mitsamt ihren chemischen Komponenten. Doch schon nach wenigen Seiten fühlt man sich wohl und geborgen, da ihre Korrespondenz mit den Bildern eine vertrauensbildende Sicherheit auslöst nicht ungleich in der Musik, in der die Einzelereignisse auch nicht im Detail bewusst registriert sein müssen, um ihrem Verhältnis zu den Strukturgebilden im eigentlichen musikalischen Verlauf folgen zu können. Wo sich bezüglich der geologischen Begriffe und Namen ein Interesse konkreter ausbildet, gibt das Internet die nötige weiterführende Auskunft. Es dünkt mich ein grosser Vorzug dieses Werks, dass es dem allgemeinen Hang zur Didaktisierung nur im Projektziel überhaupt nachgegeben hat, nicht aber im beschreibenden Begriffszusammenhang. Auch wenn sich einer mit gewissen geografischen Gebieten noch nie abgegeben hat, kann er den brüchigen Traktat in einem Zug und vollständig vom Anfang her bis zum Schluss durchlesen, weil die Buchereignisse nicht konkretistisch am Einzelnen kleben, sondern dem Neugierigen peu à peu Einblick und ein Recht auf Einsicht in theoretische Zusammenhänge gewähren, die sonst nicht nur abstrakt, sondern bis auf ein Weiteres gänzlich leer und unbeachtet geblieben wären. Mir scheint, das Buch würde alle Plätze der Alpen, die ich kenne, fotografisch und analytisch zuvorkommend präsentieren – ausser einem, dessen Fehlen mir aufstösst: auf dem Gandhorn im Binntal hat man ein Panorama um sich herum, dessen geologische Partien vielfältiger nicht sein könnten. Leider fehlen mir auch nach der Kenntnisnahme dieses umfassenden Geologiebrockens die nötigen begrifflichen Materialien, die mir diese wundersame Gegend, wenigstens gegen Westen hin, verständlich machen würden.

Ich bin keineswegs darüber erstaunt, dass die geologische Präsentation der Walliser Alpen aus der Luft zur ästhetischen Analyse ihrer Bergformen nichts beiträgt. Das einzige bislang übersehene Gruppenpaar, das sich neu für mich wechselseitig gewissermassen spiegelt, sind der Monte Rosa und die Mischabel auf Seiten 70f. Ihre Gesteinsformationen gehören aber zwei verschiedenen Komplexen an, die Mischabel ist Teil des schon erwähnten Briançonnais-Mittelkontinents, der Monte Rosa ein Haufen subpenninischer Gneise.

Zu lernen wäre, wie die feurige Mutter Erde immer schon nur ein dünnes Mäntelchen umgezogen hatte, die Asthenosphäre, auf der ihr äusseres steiniges Kleid aufliegt, als Lithosphäre im Gesamten, in sich aufgeteilt in diverse kontinentale und ozeanische Bereiche: die kontinentalen eher weich, die ozeanischen eher hart. Durch diese einfache Differenz stehen sie zueinander in einem prozessualen Verhältnis, das weiter dadurch angetrieben wird, dass ihr Untergrund gleichermassen Spannungen in ihnen selbst erzeugen kann, wie sie simpel die Vulkane auch heute noch zeigen. So kommt es, dass die Einheiten in verschiedenen Zeitaltern verschieden gross und an verschiedenen Orten der Erde positioniert sein können. Kontinente wie Ozeane können sich dehnen und zusammenziehen, senken oder heben, in der Tat so, als ob sie den Prozess selbst auslösen würden. Die Folgen solcher innerer Prozesse sind die Bildung von Meeren und ihr Verschwinden. Da sie allesamt auf der asthenosphärischen Unterlage nicht ein für allemal verankert sind, können sie aufeinander zutreiben, direkt oder seitlich, unter dem einen abtauchen, einen anderen unter sich herabstossen. Aufgetürmte Gesteinsformationen zerfallen in Erosionsgesteine, die in ein tiefes oder in ein flaches Meer abgelagert werden. Alle Gesteine, abgelagerte oder kontinentale, können in Verhältnisse geraten, die aus grossen oder kleinen Drucken mit grosser oder kleiner Hitze bestehen: sie erfahren eine Metamorphose und in derselben chemische Zusätze, Varianten und Defizite – sie werden metamorph. Bestimmt man die solcherart entstandenen Schichten als Decken mit unterschiedlicher Mächtigkeit, versteht man leicht, wie solche Einheiten kompakt über grosse Distanzen verschoben, gefaltet, aufgetürmt, zusammengestaucht, hinuntergestossen, aufgetrennt und zerstückelt werden können, so dass Gesteine, die zeitlich aus gleichförmigen Verhältnissen stammen, geografisch weit entfernt voneinander, auf verschiedenen Höhen und über oder unter widersprüchlichen “Decken” gefunden werden können.

Es erstaunt, dass GeologInnen so wenig Interesse an der Musik von Pierre Boulez zeigen, die so viel mit dem Konzept der geologischen Decken gemein hat. Wagner definierte seine eigene Ästhetik als Kunst des Übergangs, Adorno diejenige Bergs als Kunst des kleinsten Übergangs. Die Musik besteht aus Komplexen, und es gibt die Übergänge von einem zum anderen. Diese Komplexe sind bei Boulez einem inneren Prozess ausgesetzt, der dem der geologischen Geschichte verblüffend stark ähnelt. Für die nötige Erweiterung des epistemologischen Horizonts heute wären gerade diejenigen Werke zu empfehlen, die schon im Titel eine Affinität zur Geologie vermuten lassen, Le Marteau sans Maître und, insbesondere in der neuesten Fassung, wie sie 2011 mehrmals zu hören war, Pli selon Pli. Auch ohne die Strukturblöcke aus der Partitur eines Werks herauszulesen oder gar ihren Zusammenhang analysiert zu haben, hört man, und das macht sowohl die Kunst der Werke von Boulez aus wie sie sie von Wagner und Berg abhebt, wie die Einzelmomente von einem Ort herkommen, der weit im Vergangenen liegen kann, auf Komplexe verweisen, die alsogleich aufscheinen und in denen sie verschwinden, um in einer ganz anderen Gestalt und in einer anderen zeitlichen Ordnung wieder auf sich aufmerksam zu machen. Die geologische Begrifflichkeit, die Einzelkomplexe – Gebirge – und die Alpen insgesamt analytisch zugänglich macht, kann auch beim Hören der Musik innerlich aktiviert werden. Trotz der gegenteiligen Versicherungen von Lévi-Strauss hatte der ethnologische Strukturalismus eine Tendenz zur Philosophie, in der eine Urstruktur die Momente aller Strukturen dirigiert, statt die Möglichkeit offen zu halten, dass einzelne Strukturen sich eigensinnig verhalten und kommunikativ nicht weiter integrier- und reduzierbar sind. Gerade solches wird mit dem geologischen Begriff der Decke, der metaphorisch den der Schicht ablöst, verständlich: dass ein äusserst komplexes Gebilde, wie die Alpen eines sind und die Stücke von Pierre Boulez immer wieder, seine Momente nicht auf eine einzelne Struktur – einen Kontinenten – reduzieren können muss, um lesbar und verständlich bleiben zu können, sondern von verschiedenen und unterschiedlichen, ja widersprüchlichen, zehren kann. Man gerät dann von der analytischen Rekonstruktion von Strukturen zu einer von Zeiten. Mich dünkt, bei Boulez lernt man das immer schon während des Hörgenusses und in den Alpen beim Spazieren: beim variablen Lesen der Formgebilde aller sichtbaren Berge.

Zusatz: Die Umstellung im Titel, der Sein und Zeit nachäfft, ist bedeutungslos. Ich machte sie, um nicht mit einem Buchtitel zu kollidieren, dessen Inhalt ich nicht kenne. Auch auf Heideggers späte kleine Schrift Zeit und Sein wird nicht angespielt, da ich sie nicht mehr präsent habe.

Stockhausen: Tierkreis revisited, Kontakte

9. Januar 2012 um 21:25 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le vendredi 25 novembre à l’Odéon de Tremblay-en-France, dans le cadre du Cabaret contemporain.

Karlheinz Stockhausen (1928-2007)

Tierkreis, Giani Caseretto, guitare électrique et direction musicale, Paul Lay, piano électrique Fender Rhodes, Julien Loutelier, synthétiseur, batterie, Augustin Viard, ondes Martenot. – Von den Tierkreis Musikdosen habe ich den Steinbock, und ich spiele sie ganz gerne ab und zu. Stockhausen hat die Melodie bei meinem Grossvater geklaut, dem Stallbauer. Abends hörte man ihn oftmals singen: “Alli mini Beineli tdüenn mer weh, Muetter mach mer e guete Tee, (und non es bezzeli meh Schnaps drii).” Diese Rockversion ist die beste: ich wähnte mich abwechslungsweise in einem Konzert der Mothers, der Magic Band und der Toni Williams Lifetime mit McLaughlin.

Kontakte, Laurent Durupt, piano et percussions, Rémi Durupt, percussions. – Die Interpretation in diesem Konzert dünkt mich sehr gut, trotzdem kommt es mir vor, als würde man auf dem Dachstock in grossen Truhen nach Fasnachtskleidern suchen. Diese Musik ist früh vergreist und tönt stellenweise verwüsteter als die ersten Stücke der mittelalterlichen Polyphonie. Beiden hat man gleichwie mit Respekt zu begegnen.