Zorn, Manoury, López

13. Dezember 2013 um 21:39 Uhr von ur

Soeben live direkt auf Bayern 4 Konzert der musica viva, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Brad Lubman, Solisten: Andreas Grau und Götz Schumacher, Klavier

John Zorn: Orchestra variations (Deutsche Erstaufführung). – Ein farbiger Musikgenuss. Wenn man die Widmung ignoriert, eine beeindruckende Ästhetik. Die elektrische Gitarre, die ich bei Zorns Musikern einstens lernte, fehlt.

Philippe Manoury: „Zones de turbulences“ (Uraufführung). – Selbst der zweite, nur knapp 15 Sekunden dauernde Satz ist tonal gedacht. Der vierte ist Boulez, zurückbuchstabiert in die Tonalität. Der fünfte beginnt spannend und bleibt dann auch halbwegs gut. Nicht immer zu vereinfachen wäre besser, und Tanzmusik machen wollen ist definitiv doof. (Merde, dieser unverdiente unendlich andauernde Applaus…) Zorn le Turbulent findet’s missraten.

Jorge E. López: Symphonie Nr. 3 (Uraufführung). – In der Erscheinung vielleicht elegant, im Gehalt aber wohltuend kratzbürstig. Auf der Oberfläche handelt es sich um eine Auseinandersetzung mit Beethoven und Scrjabin, im Innern meldet sich zuweilen Varèse. Nicht selten sind Streckenabschnitte allerdings zum Erschrecken banal. Möglicherweise ist López konservativer als er sich geben will.

Autotelekommunikation

4. Dezember 2013 um 15:55 Uhr von ur

Gestern war ich unterwegs, das Handy abgeschaltet in der Jackentasche. Ein halbe Stunde von zuhause entfernt spüre ich durchs Vibrieren in der Jacke die Anzeige eines SMS-Eingangs. Ich wundere mich, sehe, dass das Handy eingeschaltet ist, wenn auch ohne neu dazugekommenes SMS. Ich schalte es wieder aus, ohne weiteres Nachsinnen, da ich es gewohnt bin, dass sich das Gerät während den Aufenthalten in den Bergen zuweilen selbst einschaltet.

Abends in Bümpliz sehe ich, dass mich jemand aufs Festnetz angerufen hat, eine unbekannte Handynummer. Das kümmert mich nicht gross. Später kontrolliere ich die Combox, und siehe da, es gibt eine neue Meldung durch die unbekannte Nummer. Es spricht kein Mensch auf der Comboxmeldung, die so lange dauert, bis die Combox voll ist. Man hört nur verwischte Geräusche wie auf einer Zugfahrt. Okay, jemand hat angerufen und vergessen, den Ruf durch den erforderlichen Tastendruck wieder zu beenden. Fast am Ende dann eine bekannte Zugsdurchsage: „Werte Fahrgäste, wir treffen in Bern ein. Endstation. Die BLS wünscht Ihnen…“ Ich kontrolliere die Zeit des Anrufes, komme ins Staunen und vergleiche endlich die Nummer mit derjenigen meines Handys: klar, es ist dieselbe.

Mein Handy hat sich für einmal nicht nur selbst eingeschaltet, sondern sofort auch seinen alten Kumpel zuhause, den Festnetzapparat, angerufen. Lassen wir den beiden ihre Freude. Was aber, wenn ein Handy eine Nummer wählt aus dem Innersten des Feindeskreises? Vielleicht sollte ich wie die Anderen, Schlaueren, in der Öffentlichkeit das Handy an die Hand nehmen und keinen Moment lang mehr aus den Augen lassen. Ganz ungleich meiner Meinung scheint es eine allgemeine Unsitte der mobilen Geräte zu sein, selbsttätig hinter dem Rücken Faxen zu machen, indem sie zusammenspannen.

Hugues Dufourt, Lucia Ronchetti

2. Dezember 2013 um 21:17 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 8 novembre 2013, Cité de la Musique, Ensemble intercontemporain, Matthias Pintscher, direction, Hidéki Nagano, piano, Grégoire Simon, alto.

Hugues Dufourt, L’Asie d’après Tiepolo. – Eine rituelle, aber bewegte Musik, die sich an exotischen Figuren entlangangelt, ein buntes Exerzitium, das zu verfolgen nicht nur gefällt, sondern auch anrührt. Ein Exotismus der glaubwürdigen Art.

Hugues Dufourt, L’Origine du monde. – Noch einmal viel Farbigkeit, und noch einmal das Ganze in einer angehaltenen Zeit: rhythmisch akzentuierte Musik tempolos.

Lucia Ronchetti, Le Palais du silence – Drammaturgia d’après Claude Debussy, commande de la Cité de la musique, du Festival d’Automne à Paris et de l’Ensemble intercontemporain, création mondiale. – Ein Überfall des Postzuges, dann Schleppen des Zasters durch die Wüste, dann Verprassen desselben im Saloon. Der Sheriff trifft auf Schnapsleichen.

Hugues Dufourt, Les Chardons d’après Van Gogh – pour alto et ensemble. – Ein bedrängter Solist behauptet sich virtuos. Über die Selbstbehauptung geht nichts hinaus. Trotz des inszenierten Chaos das traditionellste Stück des Konzerts.

Abrahamsen, Saunders, Andre

25. November 2013 um 21:23 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 22 octobre à l’amphithéâtre Bastille, Paris.

Hans Abrahamsen, Three Little Nocturnes, pour quatuor et accordéon, Frode Haltli, accordéon, Quatuor Arditti. – Unlustige Parodiemusik eines lebenslänglichen Ligetischülers.

Rebecca Saunders, Fletch, pour quatuor à cordes, Quatuor Arditti. – Musik wie ein Formel-1-Rennen am Koffer-TV vor vierzig Jahren. Und dann gibt es noch einen Pneuwechsel an den Boxen, ohne Boxengirl. Möglicherweise eine gut gemachte, indes substanzlose Fabrikation.

Rebecca Saunders, Choler, pour deux pianos, Yukiko Sugawara, piano, Tomoko Hemmi, piano. – Eine energiegeladene Musik der Absicht nach, die bei aller Wechselhaftigkeit etwas leicht und unverbindlich dasteht, weil sie jede Motivierung durch Impulse der Harmonie ignoriert.

Hans Abrahamsen, Air, pour accordéon solo, Frode Haltli, accordéon. – Merde 2.

Mark Andre, S1, pour deux pianos, Yukiko Sugarawa, piano, Tomoko Hemmi, piano. – Was bei Saunders kritisiert wird, ist hier gut gelöst, Veränderung auch durch Impulse im harmonischen Gefüge. Das einzige Stück des Konzerts, dem ich mit Spannung zuhöre, bis übers Wolfsgeheul am Schluss hinaus, das Erinnerungen an eine formidable Mantra-Aufführung in Bern wachruft.

Pascal Dusapin, Morton Feldman

18. November 2013 um 21:12 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 20 octobre à la Cité de la Musique, Hae-Sun Kang, violon, Ensemble intercontemporain, Peter Rundel, direction.

Pascal Dusapin, Quad, concerto pour violon et petit ensemble. – Zwei Töne des Anfangs, und man weiss wieder, was gute Musik ist. Was für ein Reichtum, und explodierend!

Morton Feldman, For Samuel Beckett, pour orchestre de chambre. – Gut, dass Feldman wieder öfters zu hören ist. Wie Heimatklänge, wenn man noch einen Berg zu fotografieren hat und der Winter sich dazwischendrängt.

Adámek, Barry, Feldman

15. November 2013 um 22:33 Uhr von ur

Soeben live direkt auf Bayern 4 Konzert der musica viva, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Dirigent Peter Rundel, SWR Vokalensemble Stuttgart, Solist: Nicolas Hodges, Klavier.

Ondrej Adámek: Kameny („Steine“: Gedicht des isländischen Poeten Sjón) für 24 Stimmen und 16 Instrumente. – Eine leichte, tonal gedachte Revue über einen schweren Gegenstand, die Steinigung einer jungen Frau durch die kulturelle Meute eines kurdischen Dorfes. Fernsehtauglich.

Gerald Barry: Neues Werk für Klavier und Orchester (Uraufführung). – Bilder einer Wanderung durch die Landschaft vergangener, auch verwester Musik, zuweilen verwackelt.

Morton Feldman: „Flute and orchestra“. – Endlich wieder einmal eine Musik, die vorwärts gehen will. Jeder abgelauschte Ton ein Genuss!

Der Distel Rache

10. November 2013 um 18:40 Uhr von ur

Hier die billige Empfehlung auf einen dieser seltenen Artikel, die einen wie frisch geduscht in die Welt blicken lassen, indem endlich wieder einmal klar gemacht wird, dass man die Bretter der Religion tel quel aus dem Weg räumen muss, wenn man die effektiven Probleme der Gewalt begrifflich zugänglich machen will:

http://www.journal21.ch/terror-aus-zerschlagenen-staemmen

Arnold Hottinger bespricht im jungen, aber jetzt schon ehrwürdigen Journal 21 unter dem Titel „Terror aus zerschlagenen Stämmen“ extensiv, ja leidenschaftlich das neue Buch von Akbar Ahmed «The Thistle and the Drone. How America’s War on Terror became a Global War on Tribal Islam» (Brookings Institution Press, Washington D.C., 2013). Man bereut es nicht, sich zur Lektüre des Artikels etwas Zeit reserviert zu haben.

Francesco Filidei, Fausto Romitelli

4. November 2013 um 21:14 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 4 octobre 2013 à l’auditorium de France 3 Alsace (Strasbourg). Par l‘ Ensemble Linea, Jean-Philippe Wurtz, direction, Sébastien Naves, assistant musical, Julien Rigaud, ingénieur du son, Wilhem Latchoumia, piano (Ballata n.3), Allison Bell, soprano (Lost).

Francesco Filidei, Toccata – 1995. – Vorteil des Zuhausegebliebenen: indem man nicht sieht, wie die rhythmisch stark akzentuierten Klänge hergestellt werden, entsteht eine wundersame Szenerie im Kopf. Das Stück ist allerdings entschieden zu kurz.

Francesco Filidei, Ballata n.3 – création mondiale, 2013. – Ich weiss immer noch nicht, wie die Ästhetik Filideis zu beschreiben wäre, aber von grossem Interesse ist sie immer noch, die Knacknuss des Neuen nach wie vor ungeöffnet.

Fausto Romitelli, Amok Koma – 2001. – Ziemlich simple Zwittermüsic.

Fausto Romitelli, Lost (poèmes de Jim Morrison) –1997. – Einschläfernd.

Filidei, Ammann, Aperghis, Harvey

28. Oktober 2013 um 21:21 Uhr von ur

Soeben auf France Musique Concert enregistré le 5 octobre 2013 au Palais de la Musique et des Congrès de Strasbourg, l’Orchestre symphonique de la Radio de Cologne, dirigé par Emilio Pomárico.

Francesco Filidei (né en 1973), Fiori di fiori – 2012. – Ziemlich interessantes, jedenfalls ungewöhnliches Stück, Appetit nach mehr auslösend.

Dieter Ammann (né en 1962), Unbalanced instability – 2012-13, Carolin Widmann, violon. – Der Titel ein Witz, ist es eine Musik ohne Brüche, tonal gedacht, stabil tonal, und das flache Feld der Big Band-Ästhetik nie verlassend. Heute noch nicht ganz hier angekommen. Die Geige passte besser in ein Kurorchester in einem finsteren Krachen, hier schläft sie unter der Feldmusik.

Georges Aperghis (né en 1945), Quatre Etudes – 2012. – Besseres als von ihm bekannt. Aperghis sollte nicht mehr für Stimmen schreiben.

Jonathan Harvey (1939-2012), Body Mandala – 2006. – Kulturimperialistischer Edelkitsch eines Klostertouristen. Man lasse die Religionen endlich ruhen.

Sebastian Rivas, Aliados

21. Oktober 2013 um 20:17 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique vom 4 octobre 2013 au théâtre de Hautepierre de Strasbourg:

Sebastian Rivas, Aliados (Alliés), un opéra du temps réel.

Esteban Buch, livret, Robin Meier, réalisation informatique musicale Ircam, Julien Aléonard, ingénieur du son Ircam, Ensemble Multilatérale, Léo Warynski, direction, Nora Petrocenko, Lady Margaret Thatcher, mezzo-soprano, Lionel Peintre, Général Augusto Pinochet, baryton, Mélanie Boisvert, l’infirmière, soprano
Thill Mantero, l’aide de camp, baryton, Richard Dubelski, le conscrit, acteur-musicien.

Eine kleine Erzähloper über eine Militärgroteske im 20. Jahrhundert, den Falklandkrieg 1982, und eine Begegnung zwischen dem chilenischen Faschisten Pinochet und der damaligen britischen Premierministerin Thatcher etwas später. Die Musik begleitet anekdotisch unterschiedliche Arten von Statements, die beim blossen Zuhören nicht nachvollzogen werden können; sie wirkt so leer und rein unterhaltend. Schon möglich, dass auf diese Weise bei Leuten, die den Bereich der Unterhaltung nie verlassen, Momente der Geschichte bewusst gemacht werden können.

Posadas, Mantovani, Manoury

20. Oktober 2013 um 18:32 Uhr von ur

Soeben direkt live auf SWR2 Donaueschinger Musiktage – LIVE, Abschlusskonzert, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Bläsertrio recherche, Ensemble Modern, SWR Vokalensemble Stuttgart, Leitung: François-Xavier Roth.

Alberto Posadas: „Kerguelen“, Tripelkonzert für ein Trio verstärkter Holzblasinstrumente und Orchester (2013) (UA). – Das erste Stück des Festivals, dem ich gebannt und ohne Widerspruch zuhöre. Es dürfte ruhig doppelt so lange sein.

Bruno Mantovani: Kantate Nr. 3 für Chor und Orchester (2012/2013) (UA). – Auf einem Carl Palmer nahestehenden Schlagzeugboden, der den Spieltrieb des Publikums, wenigstens meinen eigenen, unmittelbar anspricht, bewegt sich eine bis in die Einzelheiten solide Chor- und Orchestermusik. Ein Meisterwerk, das nie etwas Neues verspricht, von dem aber viele lernen könnten, wie sie bessere Musik grossformatig zu komponieren hätten. Mantovanis Stück bezieht sich musikalisch nachvollziehbarer auf Beethoven als Langs The Saucy Maid auf Bruckner. Es kann nur gut sein, wenn man sich angeregt fühlt, auf längere Zeit hin beide miteinander zu vergleichen. (Das beste Stück des Festivals, und so viele Buhrufe – ich verstehe das deutsche Fernseh- und Jazzpublikum wohl nimmermehr…)

Philippe Manoury: „IN SITU“ für Orchester und Ensemble (2013) (UA). – Die Treicheln, also sehr grossen geschmiedeten Blech- und Kupferkuhglocken erinnern schnell an Rituel von Boulez, ebenso gewisse eruptive Tuttipassagen. Immerhin ist die Grundbewegung doch eine ganz andere, eine, die das Ziel nicht vorwegnimmt. Musik zum Geniessen.

Georges Aperghis

20. Oktober 2013 um 11:09 Uhr von ur

Soeben direkt live auf SWR2 Donaueschinger Musiktage – LIVE, Ensemblekonzert II, Klangforum Wien, Leitung: Emilio Pomàrico.

Georges Aperghis: „Situations“, Soirée musicale für 24 Musiker (2013) (UA). – Ich habe musikalisch nichts verstanden und es hat mir an dem Leerlauf nichts gefallen

Enno Poppe

19. Oktober 2013 um 17:21 Uhr von ur

Soeben direkt live auf SWR2 Donaueschinger Musiktage – LIVE, Ensemblekonzert I, Klangforum Wien, Leitung: Enno Poppe.

Enno Poppe: Speicher I-VI (2008-2013) (UA). – Die letzten zwanzig Minuten beeindrucken und sind interessant, doch der lange Weg dorthin ist so verwüstet wie einer nach Eggerbergs Gorbji.

Hèctor Parra, Raphaël Cendo

19. Oktober 2013 um 15:17 Uhr von ur

Soeben live auf SWR2 zeitversetzt vom Mittag Donaueschinger Musiktage Chor-Ensemblekonzert.

Hèctor Parra: „I have come like a butterfly into the hall of human life“ (2009), 5 elektroakustische Szenen nach Khlebnikov, Produziert am Ircam-Centre Pompidou, Musikinformatik: Thomas Goepfer, (UA 2. Oktober 2009 in Londres – Kings Place). – Ohne die fernsehpublikumsgerechten und also infantilen Slapstickeinlagen fünf Minuten nach Beginn und ganz am Schluss ein gemütliches Stück elektronischer Musik.

Raphaël Cendo: „Registre des lumières“ für Chor, Ensemble und Live-Elektronik (2013) (UA). SWR Vokalensemble Stuttgart, Ensemble musikFabrik, Musikinformatik: Grégory Beller, Klangregie: Maxime Le Saux, Leitung: Marcus Creed. – Eine schöne Musik, gut geeignet, um daneben – Musik zu machen. Allerdings erstunlich viel des technischen und organisatorischen Aufwandes, um ein Musical von warmer Luft zu produzieren. Die Nerven werden kribbelig, wenn sie einer während so langer Zeit anspricht und doch nur dreist unterfordert.

Walter Zimmermann, Bernhard Lang

18. Oktober 2013 um 21:27 Uhr von ur

Soeben live direkt auf SWR2 Donaueschinger Musiktage – LIVE, Eröffnungskonzert, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Leitung: Pascal Rophé / Wolfgang Lischke / Christopher Sprenger

Walter Zimmermann: „Suave Mari Magno“ „Clinamen I-VI“ für 6 Orchestergruppen (1996-1998/2010-2013) (Uraufführung der Neufassung). – Rituelle Wiederholungen mal so, mal anders. Tatatta(taa) tüüütürüü als Werkzelle für eine Stunde lang Musik? Merde, am schlimmsten ist mir der Gestank von Myrthe & Weihrauch. Anhaltender Applaus der Premieregemeinde.

Bernhard Lang: Monadologie XIII „The Saucy Maid“ für 2 Orchestergruppen im Vierteltonabstand nach Anton Bruckners Linzer Sinfonie „Das kecke Beserl“ (2013) (UA). – Das könnte Musik sein nach meinem Gusto, als würde ein Panorama zu einem Planetenpanorama zusammengefaltet. Der Hörgenuss dünkt mich ziemlich gross und Bruckner als Vorwurf gut geeignet. Möglicherweise tut sich hier etwas Neues auf, das sich in die Breite entfalten kann. Habe ich gut zugehört oder hat umgekehrt meine Aufmerksamkeit nachgelassen, wenn ich peu à peu die beiden Orchester unter den Kopfhörern als gleichgestimmte wahrgenommen habe?

Harvey, Zimmermann, Pintscher

14. Oktober 2013 um 20:25 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 27 septembre à la Cité de la Musique, Paris.

Jonathan Harvey, Two Interludes and a Scene for an Opera – 2005. Claire Booth, soprano (Prakriti), Gordon Gietz, ténor (Ananda), Ensemble Intercontemporain, Matthias Pintscher, direction, Gilbert Nouno et Carl Faia, réalisation, informatique musicale Ircam, Franck Rossi, ingénieur du son Ircam. – Klammert man die semantischen Bezüge aus, hört man ein gutes Stück nicht wenig farbiger Musik. Die männliche Gesangspartie macht allerdings keinen grossen Appetit auf die ganze Oper. Wie peinlich nur zuweilen die englische Sprache in der Musik erscheint, als wäre sie der Inbegriff der Ware tel quel.

Bernd Alois Zimmermann, Sonate pour violoncelle seul – … et suis spatiis transeunt universa sub caelo (L’Ecclésiaste III, 1) – Rappresentazione, Fase, Tropi, Spazi, Versetto – 1960, Pierre Strauch, violoncelle. – In der Tat ein Werk, das erst heute redlich, also unaufgeregt, gewürdigt werden kann. SolocellistInnen müssten es jederzeit zum Betsen geben können. Es erscheint wie ein Funkenhaufen, der vom Monolithen Bach abspringt.

Matthias Pintscher, Bereshit – 2011-2013, Ensemble Intercontemporain, Matthias Pintscher, direction. – Schönes Beginnen, und man möchte, es würde sich nicht weiterentwickeln und nur immer so weiter beginnen. Wider Erwarten erscheint Schöneres, Interessanteres, Dialektisches: eine spannende Musik!

Phänomenologie des Berggängerblicks

10. Oktober 2013 um 7:52 Uhr von ur

Das Gärsthorn ist eine nackte Flanke, an deren rechtem Rand man aufsteigt. Gestern ging ich den Weg nach vierzehn Jahren zum zweiten Mal, jetzt den ganzen Tag im dicken Nebel, früher bei klarem Wetter. Die Aussicht auf dem Gipfel ist umwerfend, da man quasi auf Augenhöhe dem Bietschhorn gegenübersteht. Auch wenn die Gipfelrundsicht und also der explizite Sinn der anstrengenden Wanderung gestern sabotiert worden war, erscheint das Erlebnis im ganzen doch eindrücklich. Denn auch wenn man bis zuoberst immer einer bequemen Wegspur folgen darf, gibt es drei Partien, die bei Lichte besehen nicht ganz ohne sind: man muss steile Felsplatten auf dünnen, unterbrochenen, parallel weiter zu verfolgenden Rinnen, die mit rutschigen Kieselsteinen gefüllt sind, überqueren (Bildpunkte 1 und 4, in abgeschwächtem Masse auch 5 (2 zeigt den Platz des Kreuzes auf 2400 m, 3 die falsche Einzeichnung desselben auf der Karte)). Auch wenn die Platten nur zehn Meter breit sind, liegen sie in einem steilen Hang, und sie lassen sich weder oberhalb noch unterhalb umgehen. Bei schönem Wetter erscheinen nicht nur diese Partien steil, sondern der ganze Blick sitzt in einem einzigen, fast randlosen Feld der Steilheit. Je höher gelegen die Passage einen knurrend erwartet, desto riesiger wirkt das Feld der Steilheit, und auch ein Schwindelfreier wird sich gewahr, wie seine übergrosse Vorsicht den Boden der Angst unverhofft schon am Betreten ist. Bleibt einem dieses Feld aber in der dicken Nebelsuppe verborgen, spaziert man über die Platten wie das Kind auf einem gemalten Strich, den es sich als Seil in der Zirkuskuppel vorstellt und wo es sich beim ganzen Vorgang damit brüstet, dank seiner heroischen Selbstsicherheit niemals abstürzen zu müssen. Geschieht dieses Spiel einen Tag lang in einem Gelände, das einem veritabel in die Knie fährt, geht einem auf, wie beschaffen das Sehvermögen derjenigen BerggängerInnen sein muss, die festen Schrittes steilere Passagen mit winzigeren und brüchigeren Rinnen ohne Wimpernzucken tagelang durchsteigen. Das ist nur möglich, weil sie das äussere Blickfeld, die visuelle Protention, je nach Notwendigkeit bis über das eigentliche, fokussierbare Blickfeld hinauszuverschieben vermögen. Sobald sie in einen Steilhang geraten, fahren sie ihre virtuellen Scheuklappen hoch und können es sich nicht verkneifen, dem Weitsichtigen das Zögern als Schwäche vorzuhalten. Sie triumphieren aber nur über ihre eigene Schwäche, das objektive Sehfeld nicht im ganzen nutzen zu können.

Claudio Monteverdi: Marienvesper

8. Oktober 2013 um 20:43 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert donné en l’Abbatiale d’Ambronay dans le cadre du Festival d’Ambronay, les 13 et 14 septembre 2013, Cappella Mediterranea, Choeur de Chambre de Namur, Leonardo Garcia Alarcon, Direction.

Claudio Monteverdi, Vêpres à la Vierge (1610). – Vierhundert Jahre alt und, in dieser Aufführung, so jung und frisch, als wäre sie vor ein paar Jahren erst geschaffen worden.

Ivo Malec

7. Oktober 2013 um 20:04 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré au Centquatre (Paris) en décembre 2012 dans le cadre d’un week-end consacré à la Croatie. Françoise Kubler, soprano, Frédérique Garnier, harpe, Ying-Yu Chang, percussions, Christian Eloy, direction du son.

Ivo Malec, Week-end, 1. Cloches proches et lointaines, 2. A Wagner (1984). – Rave aus einer Zeit, als es noch etwas zu versprechen gab: Elektrosounds in schönen Gewändern.

Ivo Malec, Cantate pour elle (1966). – Eine Kunstattacke auf Berio & Berberian, die man beide um alle Ecken hört.

Ivo Malec, Attacca – concerto pour percussion solo et partie électroacoustique, (1985-1986). – Hübsche Tafelmusik, nicht sehr schwierig, aber mit Passagen, die aufhorchen lassen.

Zusatz: Begleitet mit Kommentaren der Musikwissenschaftlerin Michèle Tosi wurde nach dem Konzert Musik von Ivo Malec ab CD gespielt, die zugleich eindrücklicher, eigenwilliger und verbindlicher wirkte. Es scheint, als ob das Konzert „dans le cadre d’un week-end consacré à la Croatie“ unter low budget Bedingungen hätte organisiert werden müssen und deswegen nicht wirklich als Portraitkonzert, das einen Einblick ins Gesamt der Ästhetik des Komponisten gewähren soll, verstanden werden kann.

Kaija Saariaho: Cloud Trio

4. Oktober 2013 um 19:47 Uhr von ur

Soeben live direkt auf Oe1 das Trio Zebra aus Graz (Ernst Kovacic, Steven Dann und Anssi Karttunen).

Kaija Saariaho, Cloud Trio. – Eines ihrer eingängigsten Werke, einheitlich, impulsiv und tief packend wie ein Tag auf dem Glishorn im September 2013.

Vorher: Friedrich Cerha, Zebra und Miroslav Srnka, The Tree of Heaven (mit Webern dazwischen).