Rihm, Eötvös, Lachenmann

18. Februar 2014 um 22:01 Uhr von ur

Soeben live auf Bayern 4 Konzert der musica viva vom 8. Februar 2014 im Herkulessaal der Münchner Residenz, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung Peter Eötvös mit Patricia Kopatchinskaja, Violine und Helmut Lachenmann, Sprecher.

Wolfgang Rihm: „In-Schrift 2“ (2013). – Man starrt mit den Ohren, gepackt. Ein spätes Werk, das wie kein frühes viel Varèse enthält, möglicherweise noch mehr Ruggles.

Peter Eötvös: Violionkonzert Nr. 2 – „DoReMi“ (2011-2013). – Ein richtiges Konzertstück mit drei widerstreitenden Teilen. Neben den verschiedenen Gehalten der Teile beeindrucken die Virtuosität und die dezent, souverän eingesetzte Mikrotonalität.

Helmut Lachenmann: „…Zwei Gefühle…“, Musik mit Leonardo (1992). – Da Vinci steht vor einer Höhle, zum ersten Mal, und bemerkt sowohl ein Verlangen, sie zu entdecken und zu erforschen als auch eine tiefe Furcht vor ihr. Die komponierte Musik ist zwar interessant, steht aber in keinem spontan nachvollziehbaren Bezug zum Gehalt des Textes. Entgegen der Intention stellt sich ein irritierendes Pathos ein.

Peter Eötvös: „Seven“ – Memorial for the Columbia Astronauts (1. Violinkonzert, 2003). – Eine sehr starke und faszinierende Musik, in der das persönliche Pathos des Komponisten leicht befremdet. Es gibt keine allgemeine Trauer über technische Missgeschicke. Hört man das Konzert nicht als Trauermusik, ist es ein packendes Stück, über dessen Fülle an Impulsen man sich freut. Machmal müssen vom Publikum die Werke den Künstlern enteignet werden.

Zusatz: Am 20. 3. 2014 noch einmal auf Saarland 2 gehört – das Verhältnis der Musik zum Text dünkt mich in Lachenmanns Zwei Gefühle jetzt kein Problem mehr.

Mundry, Thomalla, Platz, Maintz, Lachenmann

17. Februar 2014 um 21:39 Uhr von ur

Soeben direkt live auf France Musique vom Festival Présences 2014 in Paris:

1) L’Ensemble Alternance: Jean-Luc Menet, flûte, Etienne Lamaison, clarinette, Jeanne-Marie Conquer, violon, Jacques Ghestem, violon, Claire Merlet, alto, Frédéric Baldassare, violoncelle, Dimitri Vassilakis, piano.

Isabel Mundry, Liaison, création française. – Hans Thomalla, Bebungen, création française. – Robert HP Platz, Wunderblock, création française. – Philipp Maintz, Trawl.

2) L’Alternance Académie Ensemble: Alice Fagard, voix, Shao-Wei Chou, flûte, Aya Kono, Malika Yessetova, violons, Jérémie Billet, Michelle Pierre, violoncelles.

Helmut Lachenmann, Toccatina, pour violon. – Philipp Maintz, Nacht, pour violon et violoncelle. – Helmut Lachenmann, temA (Ausschnitt), pour flûte, voix et violoncelle.

Mit Ausnahme der Stücke von Lachenmann ziemlich langweilige Musik, ohne grossen Kunstanspruch.

Strauss, Frau ohne Schatten

15. Februar 2014 um 22:51 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Richard Strauss, Frau ohne Schatten, Opéra enregistré au Metropolitan Opera de New York le 7 novembre 2013. Anne Schwanewilms, L’Impératrice, Torsten Kerl, L’Empereur, Ildikó Komlósi, la nourrice, Johan Reuter, Barak, le teinturier, Christine Goerke, l’épouse du teinturier, Choeur et Orchestre du Metropolitan Opera, Vladimir Jurowski, direction.

Auch für Antistraussians eine umwerfende Aufnahme – man bekommt Verständnis für seine Fans, lebendig Begrabene im eigenen Leib. Allerdings: Varèse war bei der Uraufführung déjà en Amérique, fante also für Schwächeres…

Varèse, Amériques

15. Februar 2014 um 15:34 Uhr von ur

Wer das Hohelied des Bauchdenkens trällert, nötigt seine Gäste wie sein Publikum, jede intellektuelle Anstrengung, Reflexion und geziemende Vorbereitung auf einen Anlass hin aufzugeben. Um dieser Falle zu entgehen, habe ich meine Notizen zur Diskothek im Zwei auf SRF 2 über Amériques von Edgard Varèse nicht sofort nach der Erstausstrahlung am 10. Februar 2014 festgehalten, sondern die Wiederholung der Radiosendung eben erst abgewartet. Varèse, geboren 1883, war schon 38 Jahre alt, als er die Urfassung von Amériques, sozusagen sein op. 1, endlich fertiggestellt hatte. Es dauerte nicht weniger als fünf Jahre bis zur Uraufführung, ein Zeitraum, in dem er das parallele Werk oder Zusatzstück zu Amériques, Arcana, konzipierte und in einer vorläufigen Fassung durchkomponierte. Die Uraufführung von Amériques 1927 hatte ihn derart massiv umgehauen, dass er sich endlich zusammennahm und in einem nach wie vor imponierenden Prozess der Umgestaltung im selben Jahr das Werk in seine endgültige Form brachte. Wen die Kunst von Edgard Varèse gepackt hat, ist davon fasziniert, was sich 1927 in Varèse selbst bei der Umarbeitung von Amériques realisierte, und in diesem Fall darf man statt von einer Umarbeitung ruhig von einer Dekonstruktion sprechen. Es muss eine ungeheure Auseinandersetzung gewesen sein, in der er mit den Gespenstern der Vergangenheit gestanden und denen er so lange aufgesessen und auf den Leim gegangen war. Normalerweise wittert man da, wo eine Urfassung und eine spätere Neufassung vorliegen, Zensur, Abschwächung und Trivialisierung. Im Werk Amériques liegen die Verhältnisse gänzlich anders, denn die Urfassung zeigt sich als Fälschung und als böse Tat gegen die zweite Fassung von 1927. Mit der angetönten Ausnahme von Arcana und den Skizzenstücken Offrandes, Hyperprisme, Octandre und Intégrales ist alles, was zuvor geschrieben wurde, Machwerk eines Gescheiterten, der nur dumpf ahnte, was für eine Musik in seinen tiefen Schichten brodelte. Schon früh wollte er neue Kunst schaffen, mitnichten Kunsthandwerkeleien zur Verfügung stellen. Aber er war scheinbar hoffnungslos, jedenfalls ohne jedes Mass an Selbstkritik, der musikalischen Sprache der Zeit ausgeliefert, insbesondere derjenigen von Richard Strauss. Erst beim Anhören des eigenen Werks wurde er gewahr, wie die Effekte dieses Vokabulars doch nicht mehr auszuhalten wären. Er musste in alle verborgenen Winkel der Riesenpartitur hineinleuchten, um die süsslich-schmierigen Straussismen und sonstigen Spuren der Tonalität aus der musikalischen Konstruktion herauszukratzen. Obwohl einen seine Verehrung gegenüber Strauss nervt, sollte man nicht der Falschmeldung aufsitzen, wonach er auch sein Schüler gewesen wäre. Die Beziehungsverhältnisse sind glücklicherweise interessanter. Varèse war in Berlin Schüler von Busoni, dem er nichts zu schulden hatte ausser der Übernahme eines Kompositionsschülers, der dem Meister zu wenig fortgeschritten schien. Das war Ernst Schoen, aus dem kein Komponist geworden war, der aber als alter Schulfreund von Walter Benjamin dem viel jüngeren Wiesengrund-Adorno vorgestellt wurde. Nicht mehr in Berlin, sondern in Frankfurt verschaffte der umtriebige Adorno dem Schüler von Varèse einen Posten beim Frankfurter Radio (gemäss diesem Dokument von Peter Reuter könnte es auch mehr oder weniger umgekehrt gewesen sein). Man dürfte also statt der positiven Betonung von Strauss eher von einer engen Linie von Varèse zu Adorno sprechen, wenn auch in dessen Bemerkungen zu Varèse davon prima vista und also ohne Kenntnisse des Hintergrundes nichts zu spüren ist.

In der Sendung wurden unter den fünf Aufnahmen zwei mit der Urfassung zum Diskutieren ins Spiel gebracht, aber man wusste mit den Fundstücken nichts anzufangen. Hätte man sich nicht etwas ernsthafter über die grotesken Clownerien in Aufnahme Zwei wundern sollen, derjenigen von Christopher Lyndon-Gee mit dem Polnischen Radio-Sinfonieorchester (erschienen 2008)? Eine übel erscheinende Musik, nichtsdestotrotz sehr korrekt in der Wiedergabe des unfähigen, bloss futuristisch-dadaistischen Varèse, gänzlich entgegengesetzt dem erst spät erwachsen gewordenen 1927. (Die andere Aufnahme mit der Urfassung als rekonstruierter Spielpartitur war die fünfte von Riccardo Chailly mit dem Royal Concertgebouw Orchestra; sie machte 1998 das Problem Varèse erst verständlich, mit einer Interpretation, die wie die zweite nur an ausgewiesene Varèsespezialisten zu Forschungszwecken ausgehändigt werden dürfte.)

Man muss beim Bauchdenken unter einer Magenverstimmung leiden, wenn man Zappas Vater als Schallplattenverkäufer vorführt, der den Sohn während der Jugendzeit mit den neuesten Hits versorgte, unter denen dann der Fünfzehnjährige den von Varèse erhalten hätte.Wie alle Musikneugierigen der Zeit hatte Zappa eine Varèse-Platte per Zufall entdeckt und sich wegen ihrer Wundersamkeit in diese Musik verknallt, alles hier in Zappas Worten nachzulesen, auch der Vorlauf der Plattenentdeckung (Amériques war noch nicht auf jenem Sampler und wurde erst zehn Jahre später aufgenommen). Ebenso wenig stimmt, dass der Rocker den alten Varèse noch leibhaftig hat besuchen können: nach den zwei Telefongesprächen zuerst mit Louise und dann mit Edgar selbst, die der Fünfzehnjährige 1957 aus dem Geld des Geburtstagsgeschenks finanzierte, starb Varèse am anderen Ende des amerikanischen Kontinents, nach Phasen eigener Abwesenheit und solchen von Undisponiertheiten Zappas, ohne Besuch des aufrichtigsten Fans. (Das Bild im Internet mit Zappa und Varèse ist eine Montage, nicht so das unten stehende mit Louise Varèse.)

Man diskutiert eines der zündendsten Stücke der Musikgeschichte und experimentiert mit Spontandeutungen? Also wirklich: wäre ich ein fünfzehnjähriger Zuhörer, ich hielte nach dieser Sendung Amériques für ein ergotherapeutisches Übungsstück in einem Seniorenheim, nicht im geringsten für den welthistorischen Ausbruch des einzigen musikalischen Vulkans, für den Amériques in Wirklichkeit steht.

Fundstück in der Partitur: Amériques für Rockband 1975 (Fragment ur), unten der lustige Rocker mit der Witwe des Discostars.

Zusatz: Es ist der Diskussionsrunde hoch anzurechnen, dass sie keine der beiden Aufnahmen mit der Urfassung favorisierte und ebenso wenig die beste, Michael Tilson Thomas mit dem San Francisco Symphony von 2013 den restlichen von Boulez mit dem Chicago Symphony Orchestra von 2001 und der ersten überhaupt von Maurice Abravanel mit dem Utah Symphony Orchestra 1968 als unvergleichlich beste charakterisierte. Die beste Aufnahme dünkt mich nach wie vor diejenige von Marius Constant mit dem Orchestre Philharmonique de l’ORTF von 1973, die es leider immer noch nicht als CD gibt. Boulez hatte aus demselben Grund wie Adorno ein schwieriges Verhältnis zu Varèse, weil er Gebilden ohne prägnante Vermittlungsmomente misstraute: denn was in sich selbst nicht vermittelt ist, ist es auch gegen aussen nicht und steht letztlich ausserhalb jeder Bestimmung des Geschichtsprozesses – es lässt sich nicht recht dingfest machen. Man kennt von Schubert weite Passagen, die auch von Beethoven hätten geschrieben sein können, doch ansonsten dünkt es uns heutzutage eher so, dass die Komponistinnen und Komponisten singulär in der Geschichte stehen müssen, wenn sie denn überhaupt Werke der Kunst zustande bringen sollen. In den 1950er Jahren gehörten die fortschrittlichsten Werke zur seriellen Musik. Heute hören wir dieselben Stücke nur noch als Werke von Boulez, Stockhausen, Nono etc. – und eben auf gleiche Weise aufmerksam auch diejenigen von Varèse, Schule geschwänzt hin oder her.

Pesson, Manoury

4. Februar 2014 um 21:29 Uhr von ur

Soeben live auf Bayern 4 vom 8. November 2013 in München Konzert der musica viva mit dem Quatuor Diotima.

Gérard Pesson, „Bitume“ (2008). – Leicht und behäbig zugleich, etwas simplizistisch.

Gérard Pesson, „Farrago“ (2013, UA). – Etwas Simples wird ausgehölt und aufgesplittert, bleibt aber im Oberflächenzusammenhang simpel. Sehr weit über die Beatles ist diese Musik nicht hinausgekommen.

Philippe Manoury, „Tensio“ (2010) für Streichquartett und Elektronik. – Ein gutes und spannendes Stück Musik im dreissigjährigen luxuriösen alten Stil von Répons. Ein Genuss!

Turm Frankfurt

2. Februar 2014 um 10:20 Uhr von ur

Soeben direkt live auf Hessen TV Sprengung des Turmes für Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften in Frankfurt am Main:

Pascal Dusapin, Aufgang (Violinkonzert)

30. Januar 2014 um 20:49 Uhr von ur

Soeben live auf SRF2 Konzert vom 10. Januar 2014 in der Victoria Hall Genf, Pascal Dusapin: Aufgang. Konzert für Violine und Orchester, Orchestre de la Suisse Romande, Leitung: Osmo Vänskä, Solist: Renaud Capuçon, Violine.

Ein Katzensprung noch, und Dusapin frömmelt musikalisch wie Pärt. Wir vergreisen früh in dieser Zeit. Aufgang heisst das Stück? Ein Schwanengesang ist es.

Eine Stunde vorher sendete SRF2 eine Frauenband aus Finnland, die weit mehr vom musikalischen Aufblühen träumen lässt: http://www.sudenaika.com/

Béla: Crumb, Stroppa, Ligeti, Mozart

27. Januar 2014 um 21:23 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 18 janvier 2014 dans l’amphithéâtre de la Cité de la Musique avec le Quatuor Béla: Frédéric Aurier, violon, Julien Dieudegard, violon, Julian Boutin, alto, Luc Dedreuil, violoncelle.

George Crumb (né en 1929), Black Angels. – Das dünkt mich heute ein verkanntes Zwillingsstück zu Star Spangled Banner von Jimi Hendrix. (Wenn ihr für den Unterricht euch für ein einziges der beiden entscheiden müsst, nehmt Jimi. Denn wenn es nur um euch selbst geht und ihr noch ein paar Tassen im Schrank habt, nehmt ihr sowieso Crumb.)

Marco Stroppa (né en 1959), Spirali, Serge Lemouton, réalisation informatique musicale Ircam. – Das Stück enthält ein paar Passagen zuviel, in denen es schwach oder geradezu kindisch klingt. Zuweilen tönt es wie falsch instrumentiert oder instrumentatorisch, also gattungsmässig falsch konzipiert: die Musik verlangte unerhört nach einem Orchesterausbruch.

György Ligeti (1923-2006), Quatuor n°1 „Métamorphoses nocturnes“. – Eine Musik, deren Beginn aus einer bruchlos-stetigen Steigerung besteht, zeugt von viel Selbstvertrauen, und die Komposition aus den Nachfluchtjahren in Österreich beweist uneingeschränkt im ganzen Zug dieselbe; beim Hören zeigt sie sich als ungebrochenes naives Vergnügen. … Ein Mensch nach der Flucht und so gut drauf: Depressive, hört die ligetischen Signale! (Und überhaupt, in meinem Alter klingt das wie Zappa.)

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Adagio pour glassharmonica K.356. – Bravo, hübscher Zirkuswitz!

Adorno in der Kioskauslage

27. Januar 2014 um 5:05 Uhr von ur

Letzte Woche erhielt ich den neuesten Germanistenadorno zugespielt: Martin Mittelmeier, Adorno in Neapel – Wie sich eine Sehnsuchtslandschaft in Philosophie verwandelt, Diss. 2012, München 2013. Unter Umgehung aller Anstrengung der Theorie und in Verschwiegenheit, trotz des Untertitels, gegenüber dem geschichtlichen Ort der Philosophie wird einem Schriftsteller der deutschen Hochkultur in die Heimarbeit hineingeleuchtet, wie es das deutsche Volksblatt Stern jede Woche auf gleiche Weise neu nicht besser oder schlechter macht (in der letzten Ausgabe blätterte ich vor vierzig Jahren). Fintenreich werden von Anfang bis zum Schluss mögliche Einwände gegen die Kryptohypothese ironisiert, Ferienreisen könnten auch in einem so komplexen Werk wie dem Adornos eine entscheidende Bedeutung haben, sodass man sie gar als den Kern ihres Aufbaus verstehen müsste. Dabei wird der Begriff der Konstellation aus den Feldern seines gewöhnlichen und vielfältigen Gebrauchs herausgenommen und in die neapolitanische Ferienlandschaft der 1920er Jahre eingelassen, als hätte der Seilbahnfahrer Wiesengrund-Adorno ihn sich auf der untersten Decke des Vesuv-Kraters höchstpersönlich angeeignet.

Wird den Gehalten der Theorie Adornos durch paradigmatische Privatgeschichten ausgewichen, folgt der Aufriss der akademischen Dissertation einem Verfahren, das erst seit kurzem technisch möglich ist und dem Ausweichen einen zusätzlichen Schub verpasst: Mittelmeier verzichtet darauf, die wenigen ausgewählten Werke Adornos an isolierten, einheitlichen Stellen zu explizieren, zu diskutieren und zu deuten. Vielmehr folgt er dem seitengemässen Output, den ihm der Algorithmus der digitalen gesammelten Werke Adornos aufs gewählte Suchwort der Konstellation hin anbietet und verknüpft die Stellen mit den Erlebnissen, bis erst nach der umständlichen Reihung der Bruchstücke, die als vereinzelte Adornos Intentionen nur noch schwach erahnen lassen, ein Ganzes dasteht, das Mittelmeiers These rechtfertigt. Von einer Notwendigkeit, die die Theorie mit der geschichtlichen Wirklichkeit verbindet, kann dann nicht mehr die Rede sein, und Adorno wird peu à peu zu einem jener gehobenen und vornehmen Gesellschaftsautoren, aus deren Leben die Kioskliteratur parallel zur astrologischen einmal diese Facette beleuchtet wie ein anderes Mal eine andere.

Helmut Lachenmann, Das Mädchen

26. Januar 2014 um 22:39 Uhr von ur

Soeben live auf SWR2 vom September 2013 bei der Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle Bochum Helmut Lachenmann / Robert Wilson: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, Musik mit Bildern nach Texten von Hans Christian Andersen, Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci. Angela Winkler (Performance), Hulkar Sabirova, Yuko Kakuta (Sopran), Yukiko Sugawara, Tomoko Hemmi (Piano), Mayumi Miyata (Sho), Noemi Peters, Paula Stelte, Marlen Tyburzy (Kind), ChorWerk Ruhr, hr-Sinfonieorchester, Musikalische Leitung: Emilio Pomarico, Klangregie: Norbert Ommer.

Endlich habe ich dieses Meisterwerk zu hören bekommen – und endlich wieder einmal eine Musik, deren Gehalte sich als wahrhafte auf die gegenwärtige Gesellschaft beziehen lassen. Bewundernswert der Spannungsbogen im Grossen der zwei Stunden und der klare, die Fasslichkeit stützende Farb- und Dynamikwechsel in den kleinen Momenten. Nichts von Angestrengtheit in keinen Teilen, nur grosses, grossartiges und spannendes Spiel sowohl bei den Stimmen wie den Instrumenten.

Berlioz, Requiem, Notre Dame de Paris

22. Januar 2014 um 22:46 Uhr von ur

Soeben direkt live auf France Musique de Notre-Dame de Paris, l’Orchestre Philharmonique de Radio France, l’Orchestre Simon Bolivar, le Choeur de Radio France et la Maîtrise Notre-Dame de Paris sous la direction de Gustavo Dudamel interprètent le Requiem (Grande Messe des Morts) d’Hector Berlioz.

Die geologisch fachkundige Panoramaphotographie der Notre Dame in Paris innen wie aussen ist bekanntlich spannend zu verfolgen, die musikalische Nutzung der ehrwürdigen Gesteine indes ist auch eine gute Sache, der Zauber tönt bis nach Bern in all seinen wundersamen Weisen.

Nono, Abbado (gest. heute), Pollini

20. Januar 2014 um 21:01 Uhr von ur

Soeben live (?) auf Bayern 4 Luigi Nono, „Como una ola de fuerza y luz“ (Slavka Taskova-Paoletti, Sopran; Maurizio Pollini, Klavier; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Dirigent Claudio Abbado), München 1972 (?). (Vielleicht war es auch nur die Schallplattenaufnahme, die Absage hat’s verschwiegen.)

Wie kräftig nur & frisch auferstanden die Musik dieser Alten heute wirkt, als ob zum ersten Mal…

Prokofiev 2. Violinkonzert

14. Januar 2014 um 21:19 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Concert donné au Théâtre des Champs-Élysées le 20 décembre 2013 avec Patricia Kopatchinskaja, Violon, Orchestre Philharmonique de Londres, Vladimir Jurowski, Direction.

Serge Prokofiev, Concerto N°2 en so mineur Op.63 (1935).

Serge Prokofiev gehört wegen seiner sterilen, reaktionären Ästhetik und seiner primitiven Kompositionsweise nicht zur ersten Klasse der Musik des 20. Jahrhunderts, trotzdem verfolge ich häufig die Liveübertragungen im Radio und besitze auch einige CDs von ihm (sie stammen allerdings aus der frühesten Zeit der CD-Käufe, als das Angebot generell noch bescheiden war). Die eben gehörte Aufführung des zweiten Violinkonzerts sticht auf bemerkenswerte Weise hervor, weil ihm Patricia Kopatchinskaja das einhauchte, was Prokofievs Musik gewöhnlicherweise abgeht: heisses Leben anstelle debiler Maschinizität.

Isis und Osiris de Jacques Lenot

13. Januar 2014 um 21:12 Uhr von ur

Soeben direkt live auf France Musique aus dem IRCAM Jacques Lenot (né en 1945), Isis & Osiris – 2013, création mondiale, Installation sonore pour septuor à vent et environnement électronique, d’après un poème de Robert Musil. Ensemble Multilatérale, Serge Lemouton, réalisation informatique musicale Ircam.

Man hätte besser die Übung nach drei Minuten abgebrochen und den verantwortlichen Elektrotechniker in die Wüste des Pariser Nachtlebens geschickt: während einer Stunde war zu erleiden, wie die Tonübernahme der einzelnen Instrumente sporadisch, aber mindestens zweimal in der Minute kurz wie zerrissen erschien, mit einem Knacken aus vorsintflutlichen elektromusikalischen Zeiten zerfetzt, wie ein akustischer Versatz. Ob mit anderem technischem Personal die Komposition besser klänge?

ur I und ur II gratulieren ur III

11. Januar 2014 um 6:32 Uhr von ur

Viel Glück zum ersten Geburtstag, mit den besten Dankeswünschen an die Teams von Matthias Zumstein und Charles Dumont am Inselspital Bern 2013! Gut gemacht!

„If Grief Could Wait“

9. Januar 2014 um 20:21 Uhr von ur

Soeben auf Bayern 4 Aufnahme vom 15. November 2013 im KulturForum Fürth: Werke von Henry Purcell, Leonard Cohen, Nick Drake und Susanna Wallumrød mit Susanne Wallumrød, Gesang, Jane Achtman, Viola da gamba, Giovanna Pessi, Harfe, Marco Ambrosini, Nyckelharpa.

Je länger das – allerdings winzige – Konzert dauerte, desto mehr machte sich das Gefühl breit, dass es nie mehr enden dürfte, als wäre es eine Lebensform, in der man heimisch werden könnte.

Gut gerutscht ins 2014?

1. Januar 2014 um 9:51 Uhr von ur

Kurz vor 9 Uhr gab es am Indermühleweg eine schöne Neujahrsstimmung, mit Sonnenstrahlen quasi von schräg unten durchs Tännchen auf dem westlichen Fenstersims unter einer riesigen grauen Wolkendecke, aus der es unaufhaltsam regnete, aus der unaufhaltsam kristallklare Tropfen herabprasselten. Der Blick über die Vogelinstallation hinab aufs Dach bestätigte die Vermutung, dass ich hier im Trockenen einen Eisregen geniessen konnte, wie es sie in letzter Zeit des öfteren gab, mit bedenklichen Folgen schon knapp ausserhalb des Wohnhauses.

Meteoschweiz hat dieses Ereignis verschlafen und zeigt für diesen Zeitraum völlige Trockenheit an. Der Metradar seinerseits zeigt präzise im Raum Bern, dass man hier in der Spätrutschzeit des Jahresanfangs mit nicht zu unterschätzender Eisglätte rechnen muss.

Konkurrenzkapitalismus

24. Dezember 2013 um 11:23 Uhr von ur

Mit Architektur hatte ich mein Leben lang nichts zu tun, ausser wie auf der Biographieseite dokumentiert 1968 beim Bau eines Ître auf der Elsigenalp und neuerdings beim fotografischen Dokumentieren der Walliser Alpenställe (wo es nicht um die Bauten selbst sondern um ihr veritables Umfeld als Grenzland zwischen Natur und Kultur geht) sowie sporadisch, falls das Fisheye-Objektiv mitgeschleppt wurde, der Innenräume von Kirchenbauten – keineswegs, weil sie mich materiell oder intellektuell interessieren würden, sondern weil sie als gewichtige Möbel der Landschaft tel quel aufgezeichnet werden wollen.

Vor nicht ganz zwei Wochen wurde mir die japanische Originalausgabe der Architekturzeitschrift „approach“, Winter 2013, zugesandt, mit dem Abdruck eines meiner Bilder von Evolène in einem Artikel von Yoshiaki Amino. Die ganze Zeitschrift widmet sich Fragen des Bauens mit Holz, sowohl in Asien wie in Europa. Vor ein paar Tagen wurde auch die englische Ausgabe zugänglich gemacht, online unter dieser Adresse, die auch mein Bild von Evolène enthält (der Artikel „The Promise of Wood – Sustainability in Austria“ befasst sich mit dem österreichischen Vorarlberg, die zwei erläuternden Bilder stammen aus Deutschland und aus der Schweiz).

http://www.takenaka.co.jp/takenaka_e/about/pr_magazine/
2013win/book/#page=17

Nun ist heute eine Post eingetroffen, von der ich nicht weiss, wie ich ihr Adressat habe werden können, über deren Motivierung ich also spekulieren muss. Es ist ein handfestes, 110-seitiges grünes Buch mit dem auf drei Seiten verteilten Titel „Ansichten und Einsichten: B / NEUE PERSPEKTIVEN ZUR ARBEIT MIT BETON / ARCHITEKTUR + BETON = NACHHALTIGKEIT“. Ob man bei Betonsuisse die japanische Druckfassung oder die jüngere englische online der letzten Nummer von „approach“ gelesen hat, wo nota bene die Nachhaltigkeit einen prominenten Platz einnimmt – so oder so scheint man ungeheuer schnell bemerkt zu haben, dass meine Interessen, die mit Architektur nun wirklich nie etwas am Hut gehabt hatten, Gefahr laufen, sich ganz auf eine solche mit Holz zu fixieren. Mich dünkt indessen, genügend ausführlich von Stallbauten aus dem 19. Jahrhundert berichtet zu haben, die kein einziges Holzstück in ihrer Konstruktion nötig haben; dass sie mit Beton in Berührung gekommen wären, kann man dagegen ebenso wenig als Argument ins Feld des kuriosen Streites um meine eigentümliche Kuriosität führen.

Arnold Schönberg, Violinkonzert op. 36

20. Dezember 2013 um 20:50 Uhr von ur

Soeben live direkt auf SWR2 SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Michael Barenboim (Violine), Leitung: Michael Gielen.

Arnold Schönberg: Violinkonzert op. 36.

Merci! Eines meiner Lieblingsstücke von Schönberg. Eine Musik, die einen von Beginn bis Schluss denken lässt, durchaus passagenweise, in winzigen Winkeln, auch gegen sie – natürlich nur versuchsweise. Ich habe sogar unter den Kopfhörern geklatscht…

Jérôme Combier, Terres et cendres

16. Dezember 2013 um 21:27 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 20 novembre 2013 à la Scène Nationale d’Orléans: Dialogue persan par Jérôme Combier.

Dialogue persan – fragments de Terres et cendres de Jérôme Combier, sur un texte de l’écrivain afghan Atiq Rahimi – 2012 I. Guerre : Récit, Les Lits déserts, Moquam-e Shur, Dialogue de guerre. II. Exil : Dar Dâman-e Sabra, Terre natale, Beshanau az Nay, Récit, Du côté des montagnes. III. Amour : Récit, Gar Shekayat, Berceuse, Saqi ba khoda, Naghma-e Kaboli.

Ensemble Cairn: Sarah Breton, mezzo-soprano, Cédric Jullion, flûte, Ayumi Mori, clarinette, Fanny Vicens, accordéon, Sylvain Lemêtre, percussion, zarb, Alexandra Greffin, violon, Frédéric Baldassare, violoncelle.

Ensemble Khaled Arman: Khaled Arman, rubâb, dilrubab, Mashal Arman, voix, Siar Hachimi, zeirbagali, tablas, Aroussiak Guevorguian, qanun.

Endlich eine intelligente musikalische Verwebung zeitgenössisch-europäischer Musik mit afghanischer, der man auch noch länger folgen möchte.