Alarm Will Sound

6. April 2014 um 20:22 Uhr von ur

Soeben live auf hr2 vom 23. November 2013 aus dem LAB in Frankfurt CRESC Biennale für Moderne Musik 2013: New York Times mit Alarm Will Sound, Leitung Alan Pierson.

Conlon Nancarrow: Study 2A, ca. 1950, arr. Gavin Chuck.

Bernd Alois Zimmermann: Suite – aus „Das Gelb und das Grün“, Musik zu einem Puppentheater, 1952

Payton MacDonald: Cowboy Tabla/Cowboy Raga – for Percussion and Chamber Orchestra, 2006.

John Adams: Scratchband, 1997.

Sian Friar: „In the Blue“, 2013, UA.

Conlon Nancarrow: Study 3A, ca. 1948/49, arr. Derek Bermel.

Wenn diese Band nach Bern kommt, werfe ich faule Tomaten.

Marie NDiaye, Hèctor Parra

31. März 2014 um 20:25 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Te craindre en ton absence de Marie NDiaye et Hèctor Parra, Opéra-monodrame enregistré le 4 mars au Théâtre des Bouffes du Nord (Paris). Astrid Bas, récitante, Ensemble intercontemporain, Julien Leroy, direction, Thomas Goepfer, réalisation informatique musicale Ircam.

Das Lamento einer Flüchtlingsfrau in der brandenburgischen Gegend von Berlin – mit einem rechtschaffenen arbeitsamen deutschen Gatten – über den Tod der Mutter, der ausserhalb des Zusammenhangs der Heimat und der Natur mit den Tieren jeden Sinn verloren hat, den sie sich aber zurück phantasiert, indem sie der Mutter die tote Schwester im Schneewittchensarg nach Hause schickt. Die Musik bettet die gesprochene Rede in ein dichtes Untergehölz, das selbst keine Richtung einnimmt. Gewisse elektronische Einsätze, insbesondere die Tiere, wirken altbacken, wie vom Estrich des IRCAM heruntergeholt (er wäre die Pflasterstrasse, klar). Das Ganze ist ziemlich eindrücklich, aber mein Französisch muss zu vieles zurechtbiegen: vielleicht auch liegt die Pointe woanders. Ich hatte ständig Bach erwartet, aber keinen gehört.

Marc Andre, wunderzaichen

30. März 2014 um 21:53 Uhr von ur

Soeben live auf SWR 2 Mark Andre, wunderzaichen, mit dem unnötigen Vorspiel Hij 2.

„Hij 2“ für 24 Stimmen und Live-Elektronik, SWR Vokalensemble Stuttgart, Experimentalstudio des SWR, Leitung: Marcus Creed, Aufführung November 2012. – Ich habe keinen Draht für diesen Edelmissionsmist. Auch musikalisch ist’s zuviel des Zuckers. Die Nummer kommt nochmals am selben Abend, eingebettet in den Schluss von wunderzaichen.

„wunderzaichen“, Oper in 4 Situationen (2008 – 2014), Live-Elektronik, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart, Leitung: Sylvain Cambreling, Uraufführung vom 2. März 2014 in der Oper Stuttgart. – Das Stück ist musikalisch dürftig, im ganzen unterkomplex und geht ins Kindische. Die reaktionäre gegenaufklärerische Gestik nervt.

Zusatz 1. Juni 2014, 22 Uhr: Soeben auf WDR 3 die Uraufführung von wunderzaichen zum zweiten Mal gehört. Die Oper ist nicht besser geworden.

Strauss, Frau ohne Schatten 2

29. März 2014 um 23:17 Uhr von ur

Soeben direkt live auf BBC 3 Richard Strauss’s opera Die Frau ohne Schatten live from London’s Royal Opera House, conducted by Semyon Bychkov in a new production by Claus Guth, starring Johan Botha, Emily Magee, Michaela Schuster, Johan Reuter and Elena Pankratova.

Ich habe das Stück doch eben erst gehört… Man könnte sich aussöhnen mit Strauss damit.

Cattaneo, Furrer

25. März 2014 um 21:24 Uhr von ur

Soeben live auf Bayern 4 Konzert vom 7. Februar 2014 in der Muffathalle, München, Tora Augestad, Mezzosopran, Sophie Schafleitner, Violine, Klangforum Wien.

Aureliano Cattaneo,“Sabbia“.

Aureliano Cattaneo, Violinkonzert (Uraufführung).

Beat Furrer, „Canti della tenebra“ (Uraufführung).

Ist Cattaneos Musik ziemlich ästhetizistisch und gehaltlos, beeindruckt Furrers dramatischer Schwung, in dem eine spannende Auseinandersetzung mit den Gehalten der Dichtung geschieht.

Ravel Boulez Jolivet Varèse Aperghis

24. März 2014 um 21:09 Uhr von ur

Soeben live auf Bayern 4 vom 10. Oktober 2013 im Münchner Prinzregententheater Konzert des Münchener Kammerorchesters, Dirigent Alexander Liebreich, Petra Hoffmann, Sopran, Emmanuel Pahud, Flöte.

Maurice Ravel: „Pavane pour une infante défunte“

Pierre Boulez: „Memoriale“

André Jolivet: Concerto

Edgard Varèse: „Offrandes“

Georges Aperghis: „Monomanies“

Maurice Ravel: „Ma mère l’oye“

Eine neue Art der Konzertprogrammierung, die bei mir optimal zündete. Sogar Jolivet kommt in diesem Umfeld gut an – wenn auch Syrinx als blosse Zugabe ihn in der Spannung wieder überragte und schnell vergessen liess.

Klar, das ganze Konzert habe ich nur wegen des Lehrers von Jolivet hören wollen. Was haben sie ihn gekostet, diese Opferungen, die heute erscheinen wie musikalische geschichtsphilosophische Halluzinationen ohne Drogen. Sie sind noch nicht seine kompositorische Wirklichkeit, obwohl ihre Elemente vieles aus der Zukunft herbeizitieren. Eine schöne Aufführung der Offrandes!

Stockhausen, Momente

22. März 2014 um 22:34 Uhr von ur

Soeben direkt live auf WDR3 Übertragung aus der Kölner Philharmonie.

Karlheinz Stockhausen, Momente

Europa-Version für Solosopran, 4 Chorgruppen und 13 Instrumentalisten. Julia Bauer, Sopran; Elektroakustisches Studio des IRCAM; WDR Rundfunkchor Köln; Ensemble intercontemporain Paris; Klangprojektion: Thierry Coduys; Leitung: Peter Eötvös.

Schon in der Mitte der 1970er Jahre ein heiss geliebtes Stück, insbesondere wegen der einen Passage, die Zappa für 200 Motels klaute. Ich hatte allerdings nur die kleine Fassung, die auf einer einzigen Platte aufgenommen war. Grosse Freude, endlich das ganze mehr als zweistündige Stück zu hören. Zappas Klau war in der amerikanischen Fassung deutlicher, hier wäre er ab dem Beginn der letzten 20 Minuten zu behaupten.

Koch, Lachenmann, Zapf, Mainka

17. März 2014 um 21:09 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 23 février au studio 106 de la Maison de la Radio, dans le cadre de la 24ème édition du festival de création musicale de Radio France, Festival Présences 2014, par le Sonar Quartett: Susanne Zapf, violon, Wojciech Garbowski, violon, Nikolaus Schlierf, alto, Cosima Gerhardt, violoncelle.

Sven Ingo Koch (né en 1974), Quatuor à cordes – création française. – Vom ersten Ton an interessant, von der ersten gewählten Spur an. Dann immer das Auge darauf: wohin führt die Spur mit vier Stimmen…? Die Resultate sind zunehmend erstaunlich brav & bieder.

Helmut Lachenmann (né en 1935), Gran Torso. – Hinter diese unsere Klassik sollte nicht mehr gegangen werden. Was sie freisetzte, eine unendliche Verfügbarkeit, muss in jedem Werk von neuem ins Auge gefasst werden. Ist das Stück mit einer solchen Seligsprechung auch gut? Nur weil es sich im Spontanen und Gefühlsmässigen qualifiziert, kann es überhaupt als etwas Klassisches, Normverleihendes bestimmt werden.

Helmut Zapf (né en 1956), Verschwommene Ränder – Bagatellen 1, 4, 6 et 9 – création française. – Solide Stücke, die ihren Weg durch die Festivals finden sollen. Mich dünkt, sie kommen öfters eher schwergewichtig denn als Bagatellen daher.

Jörg Mainka (né en 1962), Quatuor à cordes n°1 – création française. – Musikalisch eine Denkweise, die schon vor 100 Jahren verstaubt anmutete. Vielleicht bei Wencke Myhre oder Büne Huber anheuern?

Nono, Prometeo

15. März 2014 um 6:55 Uhr von ur

Soeben von 5-7 Uhr morgens in die Dämmerung hinein ab CD mit dem Kopfhörer RS180 und dem ebenso neuen Verstärker Luigi Nono, Prometeo, Tragedia Dell’Ascolto, recorded live 11.-12.VIII.1993, Kollegienkirche, Salzburg (Austria) during Zeitfluss-Festival ’93/Salzburger Festspiele 1993, Dirigent Ingo Metzmacher.

Das ist keine Musik zur abendlichen Erholung und Entspannung, sondern eine, die ein ausgeruhtes Publikum voraussetzt, und frühmorgens scheint mir ein solches Hören immer noch am besten zu gelingen. Es geht in ihr um nichts anderes als um die Aufmerksamkeit tel quel, nicht aber so, wie man meinen möchte, dass sie dieselbe von einem grimmig abverlangte, sondern unerwartet umgekehrt offeriert und als Geschenk darbietet. Sie zeigt, was Aufmerksamkeit ist, die Fähigkeit am äussersten Rande der kulturellen Fertigkeiten, da, wo die Natur die Freiheit in Schranken setzt wie die Gletscher die Alpwirtschaften. Das künstlerische Gebilde versetzt einen in einen Zustand, in dem man meint, der Notwendigkeit auf die Spur zu kommen. Sie ist die Einsicht darein, dass der Mensch nicht nur leben darf sondern es auch muss und die Menschheit überleben. Trotz der Allgemeinheit des Kunstwerkes halluzinierte es mich konkretistisch in die Gegend der Oujets de Mille, wo man über den einen Pass hinweggeschaut zu dem des Grand St-Bernard hinübersieht, für welche wilde Wintergegend bekanntlich bereits Dufay einstens komponierte. Ob Pauline wieder so schlechte Trinkwasserverhältnisse vorfindet wie auf Servay? Einen schönen Stall jedenfalls hat ihr Grossvater hinterlassen, und das Feuerholz wird sie schnell mit dem Maultier nach oben bringen können.

Schönberg, Gurre-Lieder

14. März 2014 um 22:16 Uhr von ur

Soeben direkt live auf France Musique aus der Salle Pleyel: Arnold Schoenberg, Gurre-Lieder.

Katarina Dalayman, Soprano, Tove, Michelle DeYoung, Mezzo-soprano, Waldtaube, Robert Dean Smith, Ténor, Waldemar, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Ténor, Klaus-Narr, Gabor Bretz, Basse, Le paysan, Barbara Sukowa, Récitante , Chœur de la radio de Leipzig, Choeur de Radio France, Orchestre philharmonique de Radio France, Esa-Pekka Salonen, Direction.

Manchmal zündet das grosse Werk trotz der Konventionalität immer noch, heute nur halb, obwohl die Aufführung nicht zu kritisieren wäre. Die Geschichte verstopft einem offenbar die Ohren.

Sitar Konzert

11. März 2014 um 19:54 Uhr von ur

Soeben auf Concertzender Orientexpress (NL) ein ungeheuer gutes Sitarkonzert (live oder Studio), mit einem Alap von über einer halben Stunde und einer Interpretation, die nicht auf Virtuosität aus ist, trotzdem eine immense Spannung von Anfang bis Ende aufrechterhalten kann – und so ganz unvirtuos war es am Schluss beim Gat dann doch nicht…

Leider habe ich keine Einsicht ins Programm des Internetsenders finden können. Einzige Angabe auf dem TV-Bildschirm: vr. 10. Dec. 21:30. Aber die Absage habe ich gerade noch erwischt: Rag Bihag, Sitarspieler Pervez. (Auf CD gibt es zwei Versionen, mit langem und mit kürzerem Alap.)

Zusatz: Ein Sender mit ausschliesslich klassischer indischer Musik ist http://www.sunaadaradio.com/, der die Ragas benennt sowie in der südindischen Musik die Titel der Stücke. Momentan mein Lieblingssender:

Das Programm von Sunaada. Vielleicht sind die Zeiten nicht eindeutig und verlässlich zu nehmen; aber man versteht, in welcher Weise der Sender nur klassische indische Musik sendet, in Blöcken aufgeteilt nordindische oder südindische.

Iranianradio traditional ist ein Teil von Iranian Radio wie Orientexpress einer von Concertzender und zeigt wie dieser kein Programm, aber gute Musik aus dem Iran, aus Afghanistan, aus Indien und von anderswo. Gesendet wird aus Dubai.

Thierry Pécou, Moritz Eggert

10. März 2014 um 21:37 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Festival Présences 2014: concert enregistré le 22 février au studio 106 de la Maison de la Radio, dans le cadre de la 24ème édition du festival de création musicale de Radio France par l’Ensemble Resonanz et l’Ensemble Variances, Thierry Pécou et Moritz Eggert, pianos, Jonathan Stockhammer, direction.

Thierry Pécou, Lady’s Cowe. – Hübsche Kleinigkeit zwischen den Stilen: das beste Stück des Abends.

Thierry Pécou, Sextuor pour piano et quintette à vent. – Der alte Neoklassizismus wirkt nervig. Immerhin ein Buhrufer im Publikum.

Moritz Eggert, one two, three, Création. – Der alte adamsische US-Minimalismus wirkt nervig. Der Buhrufer ist leider schon nach Hause gegangen.

Moritz Eggert, Croatoan II pour quatuor à cordes et percussion. – Ist okay, die wollen nichts anderes.

Thierry Pécou, Les Liaisons magnétiques, création française. – Hindemithische Harmonielehreübungen wie 4.

Moritz Eggert, Aboriginal. – Wurde nicht gesendet.

(Die Übertragungsqualität des Senders France Musique auf der Swisscom TV-Box ist so gut wie die Musik soeben und erinnert einen ans Kindertelefon mit zwei verbundenen Joghurtbechern. Bitte endlich das Knöpfchen drücken, das den Filter einschaltet.)

Netradionuss geknackt

7. März 2014 um 17:37 Uhr von ur

Weil der alte Verstärker rechts lahmte und nur durch unwillkürliches Betätigen aller Schalter in Folge einen symmetrischen Klang produzierte, musste ein neuer her. Vor zwei Tagen kam der Pioneer VSX-528, mit Absicht ein allerneuestes digitales Modell, mit einer Schnur um die Schachtel einarmig nach oben geschleppt und aufs Sofa gehievt, aus der Schachtel geschält und innerhalb einer halben Stunde ins bereitgestellte Hifirack geschoben. Eigentlich wäre der Receiver für Heimkino mit 5.1 Surround gedacht, ich benutze nur einen Kopfhörer Sennheiser RS 180 und bin, obwohl man den Klang nicht selbst beeinflussen kann, bestens zufrieden. Der Ton aus der Swisscom TV-Box kommt via optisches Kabel, ein Brummen ist nicht mehr festzustellen – in den radiophon gesendeten Orchesterklängen sind die Instrumente enorm natürlich zu verfolgen.

Neben der Swisscom Box habe ich noch einen CD-Player, der auch hier und jetzt noch gut funktioniert und im Gerät selbst einen Tuner, der für eine gewisse Zeit noch am Cablecom-Antennenanschluss läuft – wie schon mehrfach von anderen beschrieben mit viel Rauschen, das man mit einem „regelbaren Dämpfungsglied“ abmildern könnte. Aber ich habe jetzt das Internetradio entdeckt, sodass der Tuner sich selbst überlassen bleibt. Doch dieses Netradio leistet unverhofften Widerstand! Zwei Tage habe ich benötigt, um das wilde Pferdchen in die Knie zu zwingen. Es zeigen sich zwei Probleme bezüglich dem Internetradio: neben dem unbeweglichen Display am Receiver produziert der Router Centro Grande, an dem der Pioneer verkabelt ist, Netzwerkfehlermeldungen.

Ich habe keine Ahnung, ob das eine gute Lösung ist, aber sie funktioniert, herausgelesen aus vielen Forenbeiträgen. Das Internetradio des VSX-528 funktioniert dann via Centro Grande, wenn in demselben unter Sicherheit der Anschluss oder Port 8102 als Ausnahme gesetzt wird. Wenn ich folgende Seite im Browser habe und eine dieser gebastelten Expertenausnahmen deaktiviere, verschwindet der Sound aus den Kopfhörern, worauf der Pioneer, jetzt wieder mit aktiviertem Eintrag, neu gestartet werden muss:

Der Tuner erlaubt die Senderwahl am Display und die Swisscom Box ihre über die eigene Swisscom-Fernbedienung via TV oder, falls man bereits Training hat, auch ohne Bildschirm. Und wie wird das Internetradio des Pioneers angesteuert? Weder das Display noch die Pioneer-Fernbedienung machen einen Wank. Zum Glück habe ich einen ausgeliehenen iPad hier, eigentlich für etwas anderes bestimmt. Nachdem in der Router-Firewall die Ausnahmen gesetzt waren, verbindet sich die eine der zwei gratis vom Apple-Shop heruntergeladenen Pioneer-Apps mit dem Receiver, die kleinere für den iPod. Jetzt sind sie alle ansteuerbar, die 25000 Sender aus der ganzen Welt. Schnell stöberte ich das Zapparadio auf, und siehe da, obwohl ich alle opera Zappae auch rückwärts kenne, werden drei Aufnahmen aus frühen Konzerten gesendet, die ich noch nie gehört habe. Auf auf und hopp jetzt ins Internetradiozeitalter, alle Winkel der globalisierten Welt sind neu zu entdecken! (Swisscom hat nur 5000 Sender in der Auswahl, vom selben Anbieter wie Pioneer, vTuner.)

Zusatz zwei Tage später: Eleganter ist es in dieser Gerätekombination, von der Swisscom TV-Box mit HDMI in den Receiver zu verkabeln (vornehmlich an den SAT/CBL-Anschluss) und von dort erst via HDMI-Out zum Fernsehgerät. Je nachdem, was man am Receiver anwählt, sei es Netradio oder den Anschluss mit der Swisscom Box, zeigt der Fernsehbildschirm den Inhalt aus der Box oder eben das gesuchte Verzeichnis der Internetradiostationen, das dann mit der Receiver Fernbedienung gesteuert wird. Das Prinzip der Senderwahl der Internetradiostationen beim Receiver ist dasselbe wie bei der Swisscom TV-Box: mit der Fernbedienung über den Fernsehbildschirm, vielleicht deswegen nicht über das Festgerätedisplay, weil es zuviel auszuwählen gibt. Ein 5m Kabel HDMI gibt die Verbindung zum TV, das frei gewordene optische Kabel ist nun an den CD-Player angeschlossen. So läuft alles optimal, ausser dass die Fernbedienung für die Internetradiosender äusserst träge reagiert, noch langsamer als diejenige der Swisscom TV-Box. Favoriten auswählen aus den 25000 Sendern und insbesondere das Löschen von nachträglich entlarvten Nieten geht allerings besser über die Pioneer-App am iPad.

Fernbedienung: Da die iPod- und iPad-App von Pioneer nicht verlässlich funktioniert, muss man mit der Fernbedienung ordentlich trainieren. Zwei Tasten sind versteckt und befinden sich auf der untersten Reihe: eine Taste mit blauer Beschriftung fügt einzelne Sender zu den Favorites, links davon die Taste clr löscht einzelne dieser Sender wieder aus den Favorites. Dies macht man mit dem Fernseher, der offenbar unerlässlich ist (entscheidend ist der HDMI-Eingang). Doch hat man sich endlich auf die Bewegungsmuster der Fernbedienung eingestellt, kann man durchaus Internetradio hören und verschiedene Sender anwählen, ohne den Fernseher eingeschaltet zu haben. Die „Favorites“ bestehen aus einer selbst hergestellten Serie von Sendern, in denen sich mit etwas Übung leicht blind navigieren lässt, und via pioneer.vtuner.com hat man bei „Netradio“ ähnliche selbst hergestellte Serien, innerhalb einzelner die blinde Navigation auch gut funktioniert.

Bauckholt, Schollhorn, Cavanna, Dohmen

3. März 2014 um 20:54 Uhr von ur

Soeben Live auf France Musique concert enregistré le 22 février au studio 106 de la Maison de la Radio, dans le cadre de la 24ème édition du festival de création musicale de Radio France par l’ensemble 2e2m, Pierre Roullier, direction.

Carola Bauckholt, Streicheln. – Johannes Schollhorn, Ralentir travaux. – Andreas Dohmen, Tmesis/Protokoll – création mondiale. – Bernard Cavanna, Karl Koop Konzert – création de la nouvelle version.

Vier brave Stücke mit einer gewissen Nähe zum Geräusch, sodass man sich nur wenig verführt sieht, sie in der Kompositionsweise voneinander zu unterscheiden. Sie unterlaufen das Konzept der Kunst, als einzelnes Werk auch ein bestes zu sein, zugunsten des Spielerischen und der guten Laune.

Die globalisierte Oper

1. März 2014 um 20:06 Uhr von ur

Die Radiosender, von denen ich jeden Abend das Programm studiere, um ein gutes Konzert herauszupicken, spielen heute das hier Aufgelistete. Es ist zu berücksichtigen, dass der Samstag qua operisierter Globus allgemein musikalisch sowieso ins Pfefferland zu wünschen ist.

Cablecom Kabelantenne:

Bayern 4 Kultur (D): Alexander Borodin, „Fürst Igor“
Espace 2 (CH): „Le Prince Igor“ de Borodine, en direct de New York
Ö 1 (A): Alexander Borodin, „Fürst Igor“
France Musique (F): Le Comte Ory de Gioachino Rossini
SWR 2 Kultur (D): Tanejew, Eggert, Strawinsky (Suite aus dem Soldaten), Schubert
SRF 2 Kultur (CH): 52 beste Bücher, Remarque

Swisscom TV-Box Radio:

WDR 3 (D): Fürst Igor, Oper in 4 Akten mit einem Prolog von Alexander Borodin
Rete 2 (CH): Georg Philipp Telemann: Miriways
Radio Rai 3 (I): IL PRINCIPE IGOR, METROPOLITAN OPERA HOUSE

Swisscom TV-Box Internetradio:

BBC Radio 3 (GB): Borodin’s Prince Igor, Live from the Met
Hr 2 Kultur (D): LIVE – Die hr-Bigband im hr-Sendesaal

Von elf valablen Sendern präsentieren sechs ein und denselben Gig. Mussorgsky würde ich hören wie immer, aber Borodin? Und was die Minderheit bietet: Ppphphffffffffffffffffffff….. Wir werden verwöhnt, klar, aber doch auf tiefem Niveau.

Zusatz: Auch mit einer Swisscom TV-Box auf Glasfaserinfrastruktur benötigt man zurzeit fürs allabendliche Konzerthören die Cablecomantenne, weil France Musique in schlechter Qualität eingespiesen wird, wenigstens in Bümpliz (laute Stellen klirren, und nach jeweils 70 bis 80 Sekunden gibt’s einen akustischen Versatz, also ein Knackgeräusch) und SWR 2 sowie Ö 1 nur via Internetradio, akustisch schlecht und mit stunden- bis tagelangen Unterbrüchen zu empfangen wären. Ob neben France Musique noch andere Sender nicht optimal übertragen werden, habe ich seit der Installation vor zwei Wochen noch nicht testen können – aber solange dieser speziell gute Sender nicht funktioniert, funktioniert die ganze Swisscom TV-Box für ernsthaften musikalischen Radioempfang generell nicht. – Ich musste übrigens einen Fernseher kaufen, um die displaylose Box ansteuern zu können, einen für 220 Franken bei Interdiscount, nur drei Kilo schwer und wegen seiner Fernsehunähnlichkeit auch für mich gut zu ertragen und gegebenenfalls gut zu verstauen. Wenn einer wissen sollte, wie man ohne Fernseher von den Swisscom Kabel-Radiosendern zu den Internetradiosendern wechseln kann, verdiente er einen Ehrenpreis. Man kann zwar ein Abonnement reduziert aufs Radio und ohne Fernseher bestellen, und es wird einem auch zugesichert, dass eine solche Installation funktioniert, es wird einem nichtsdestotrotz die gewöhnliche TV-Box ohne Display zugestellt. Wie man auch so die Sender anwählen kann, hätte man noch schnell via Internet herausgefunden – doch die Senderanwahl funktioniert in der Weise träge, also very very l a n g s a m und v e r z ö g e r t, dass man das Hinundher zwischen Senderwahl und Okaytaste niemals ohne allererste visuelle Unterstützung durch ein Fernsehgerät kapiert, und wie gesagt, der Wechsel zu den Internetradiostationen, deren ästhetische Normen sich nota bene auf Wenke Myhre und Büne Venuss Huber beschränken und so anstrebenswert neben der Ausnahme von BBC 3 nun also auch wieder nicht sind, ist ohne Bildschirm oder eleganter: Display in der Box absolut nicht zu meistern. Hat man die Trägheit von ca. zwei Sekunden beim Fernbedienungs-Tastendruck zur Kenntnis genommen, kann man durchaus ohne Aktivierung des Fernsehgeräts die Radiostationen wechseln – nie jemals aber die Serie der Radiostationen mit derjenigen der Internetradiostationen. Merde habe ich Mühe, den Mist verständlich zu machen und ah, wie tut mir das leid bei all den schönen Möglichkeiten zum Genuss so vieler schöner Musiken! Das Swisscom-Zeugs ist nicht schlecht, nur so schweizerisch engstirnig konzipiert, dass wir alle heute Abend nur noch dem Fürsten Putin zujubeln könnten, wenn wir den Mut nicht fänden, ihm für einmal wenigstens einen veritablen Kinnhaken zu verpassen. – (Der letzte Satz ist auch für Valeria in Kiew und Wladimir in Moskau: let their nose alone please!)

Moser, Ravel, Kurtag

27. Februar 2014 um 21:52 Uhr von ur

Soeben live auf SRF2 Konzert vom 7. Dezember 2013 im Stadtcasino Basel, basel sinfonietta mit Mario Venzago, Leitung.

Roland Moser: Wal für schweres Orchester mit fünf Saxophonen. – Erstaunlich, wie diese Musik einen in die Tiefsee hinabzuziehen vermag und wie man in diesen für Binnenländer unzugänglichen Gefilden zum teilnehmenden Beobachter kleinerer und grösserer Geschehnisse wird. Eine blau eingefärbte Märchenlandschaft, die wegen ihrer plastischen Räumlichkeit Kindern möglicherweise das Fürchten lehren könnte. Ich aber bin erwachsen und habe alles Wundersame genossen.

Roland Moser: Première étude pour les disparitions für Orchester (Uraufführung, Auftragswerk der basel sinfonietta). – Wenn das Stück die erste Etude für eine neue kompositorische Herangehensweise an Musik ist, hoffe ich gerne auf ein paar weitere. Das ist zwar keine Tanzmusik, nichtsdestotrotz eine packende Striptease im Tanzschuppen.

Maurice Ravel: La valse. – Ziemlich brut & träf und eher nicht modern & elegant interpretiert, als ob Wale diesen letzten Walzer tanzen wollten.

György Kurtag: Stele op. 33. – Ein Stück, das einen die Musik mit grossen gebannten Augen verfolgen lässt und das von aussen nach innen komponiert erscheint, von der vielfältigen, wenn auch nahezu unbunten Instrumentierung her. Denn in der Struktur ist es verblüffend simpel, von Anfang bis Schluss in Gruppen aufgeteilt, die aus klaren, quasi einfältigen Sequenzen gebaut sind. Wie unterschiedlich diese Klötzchen oder Decken mit den Mitteln des grossen Orchesters feinfühlig instrumentiert auftreten, macht die Wirkung aus, die füglich glauben macht, in ein unbekanntes Inneres sehen zu können.

Stahnke, Bianchi, André, Matalon, Barden, Cendo, Combier

26. Februar 2014 um 22:29 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique deux mauvais concerts donnés à la Maison de la Radio dans le cadre de la 24e édition du festival de création musicale de Radio France, les 16 et 23 février 2014.

Ensemble Modern, Franck Ollu, Direction:

Manfred Stahnke, Such(t) Maschine, Création française. – Eine Musik, aus der eine Unmenge an Musikalischem ausgelöscht erscheint. Ziemlich ungemütlich, diese Resten.

Oscar Bianchi, Permeability, Music for 19 instruments and electronics, Création Française. – Staccatostunde im Hühnerhof. Die Band veranschaulicht eine Therapie via Youtube.

Mark André, Üg, Création française. – Der Titel meint Übergang, die Musik ein abstraktes Hörbild von Istanbul, dazu werden religiöse Textpassagen aufdringlich ins Ohr geflüstert. Die Musik alleine wäre ziemlich faszinierend, das Geflüster aber eben nervtötend.

Martin Matalon, De polvo y piedra, Création française. – Elektrodixiländler.

Ensemble Cairn und Kammerensemble Neue Musik Berlin, Guillaume Bourgogne, Direction:

Mark Barden, five monoliths für Ensemble und Elektronik, Uraufführung. – Stromstossballet.

Raphaël Cendo, Charge (2009). – Einer macht immer Grrrrrrrrrrrr, Grrrrrrrrr, einer trommelt. Der Gruselästhetik geht schnell der Schnauf aus. Merde ist das lahm!

Jérôme Combier, Stèles d’air, Création Mondiale. – Das Gegenteil von phantasievoll und phantastisch. Die mikrotonalen Sololinien wirken aufgesetzt, aufgeklebt. Ganz anders als bei Nicolas Mondons Ce que l’arbre tait de lui-même.

Widmann, Borowski, Boulez

25. Februar 2014 um 21:48 Uhr von ur

Soeben direkt live auf France Musique Festival Présences 2014 Paris-Berlin de la Cité de la musique, l’harmoniciste Christa Schönfeldinger, la soprano Laura Aikin, la contralto Hilary Summers, le Choeur de Femmes de Radio France et l’Orchestre Philharmonique de Radio France placés sous la direction de Pascal Rophé.

Jörg Widmann, Armonica, Création française. – Eine feine, feingliedrige und feinfühlige Musik. Nichtsdestotrotz keine, die Sehnsucht erweckt, denn eine Art Ästhetizismus hält sie kühl, steif und starr. Zuweilen gibt es Löcher, die in sie hineinblicken lassen. Dann ist sie schön. Der Schluss ist zum Glück auch so ein Loch.

Johannes Boris Borowski, Change, Création française. – So erklingt mir die Welt in den Ohren, wenn ich im Wallis über 2500 m bin und wieder hinabspringe. So viel guter Varèse! Das ist ein braver Komponist von Change, wenigstens in der ersten Hälfte.

Pierre Boulez, Le visage nuptial (version définitive, 1985-89). – Jetzt hat mir das Stück zum ersten Mal ernsthaft gefallen (ich habe es allerdings schon als CD in der aktuellsten Version, unter Boulez selbst, von 1990, und da hat es beim Hören nie richtig gezündet). Vielleicht ist es keine schlechte Idee, wenn man einem Komponisten auch ein missratenes, unrettbares Stück gönnt. Es tönt heute noch so verschimmelt wie aus einem Übungsschuppen der 1950er Jahre (1975 waren solche auch noch nicht besser).

Mondon, Pesson, Combier, Haas

24. Februar 2014 um 21:54 Uhr von ur

Soeben direkt live auf France Musique Rencontre entre l’ensemble Cairn et le KNM (Kammerensemble Neue Musik Berlin) au Goethe Institut, Paris.

Première partie par l’ensemble Cairn (in der Schweiz wären das Steinmannli als Weg- und Gipfelzeichen): Christelle Séry, guitare, Sylvain Lemêtre, zarb, Caroline Cren, piano préparé, Frédéric Baldassare, violoncelle:

Nicolas Mondon, Ce que l’arbre tait de lui-même – création, commande d’Etat. – Eine stille Postgamelanmusik mit einer Vielfalt von spannenden Einwürfen. Passagenweise in einer Stimmung fast wie bei Harry Parch. Es gibt heute einige KomponistInnen, die es verstehen, mit den nicht temperierten Welten kompositorisch stimmig und innovativ umzugehen; Mondon ist einer von ihnen.

Gérard Pesson, Neige bagatelle. – In gemildeter Form fast dasselbe.

Jérôme Combier, Dog eat dog. – Viele Glissandi, leicht simpel. Pfadfindermusik? (Im Titel fehlt ein S.)

Gérard Pesson, Ne pas oublier coq rouge dans jour craquelé. – Lagerfeuertänzeleien, in den meisten Teilen ohne Kunstanspruch.

Deuxième partie par le KNM Berlin: Theodor Flindel, Emily Yabe, violons, Kirstin Maria Pientka, alto, Ringela Riemke, violoncelle:

Georg Friedrich Haas, In iij noct. – Lange Liegetöne, zuweilen kratzend, oft im Glissando. Verschiedene Typen von Glissandi, phasenverschoben sirenenhafte. Ein langes Stück Musik meistens ohne rhythmische und harmonische Strukturmomente. Es gibt, wenn nicht erwartet, spannende Teile, der Schluss und noch mehr die Passage davor sind schön. Bei der Aufführung muss das Raumlicht gelöscht werden: das Lagerfeuer ist jetzt ausgegangen.

Balys Sruoga, Der Wald der Götter

22. Februar 2014 um 5:59 Uhr von ur

In einer Zeit, da die Stimmvölker allenthalben faschistoiden Spiessgesellen applaudieren und es so den Machtinstanzen der Ökonomie, des Militärs, der sozialen Reproduktion und der Kulturindustrie leicht machen, Direktiven gegen das Lebendige als langfristige Gesetze auszugeben, rücken einem die Dokumente der Nazizeit im 20. Jahrhundert immer näher, und es erscheint einem jene Zeit als immer weniger lange her. Deshalb ist die Notwendigkeit des Buches von

Balys Sruoga, Der Wald der Götter, dt. aus dem Litauischen von Markus Roduner, BaltArt Verlag Langenthal 2007

nach wie vor eine doppelte: einerseits für den litauischen Autor, der autobiographisch seine Zeit als KZ-Häftling im Lager Stutthof (48 km östlich von Danzig) von 1943 bis 1945 beschreibt, andererseits für uns, weil die Einsicht in die gefährliche Gewöhnlichkeit der gesellschaftlichen Gewalt wieder ins Recht gesetzt werden muss.

Da einem vielleicht die Gegend der polnischen Danziger Bucht und des Baltikums sowie deren Geschichte wenig geläufig sind, kommt es heute gelegen, dass ein Buch nicht allein aus sich selbst verstanden werden muss, sondern von diversen Medien Begleitschutz erhält, seien es textliche oder fotographische Erläuterungen nach Suchwörtern im Internet oder gar durch einen Spielfilm, wie er in diesem Fall 2005 zuende gedreht worden ist und hier auf Youtube einzusehen wäre. Der Film von Algimantas Puipa trägt den Originaltitel des Buches Dievu miškas und lässt sich mit englischen Untertiteln als Forest of the Gods anschauen. Er illustriert nicht alle, aber viele Episoden des Buches, und er zieht eine Rahmenhandlung in den Film hinein, schon bald nach der Mitte, indem er sich auf das Publikationsdesaster bezieht. Denn Sruoga, der 1943 durch die Anklage ins KZ kam, er würde zusammen mit anderen Intellektuellen Litauens die Jugend vom Eintritt in die SS abhalten, schrieb das Buch zwar innerhalb kurzer Zeit nach der allgemeinen Befreiung durch die Sowjets, die seinerseits ihn aber offenbar nicht unähnlich den Nazis dann zu einer konspirativen Mitarbeit zwingen wollten. Da er sich weigerte, konnte das Buch unter dem Vorwand nicht erscheinen, es zeige zu wenig eindeutig das Negative der Nazis und gleichzeitig zu wenig positiv die Grösse der Befreiungstat der Roten Armee. Das Schwierige für uns ist, dass die Kritik der Sowjets nicht an den Haaren herbeigezogen ist und man deswegen einerseits zwar froh ist, durch den Film und durch die weiteren Kanäle im Internet über das Grauen an den Plätzen tel quel ins Bild gesetzt zu werden, andererseits aber auf Anhieb nicht schlau wird, wie der Film selbst zu deuten wäre, da durch den Miteinbezug des historisch Supplementären zum Buch ein Ressentiment zur Darstellung gelangt, das wohl zum Selbstbild der baltischen Gesellschaften gehört, für uns Aussenstehende aber den Blick auf den Gehalt des Buches möglicherweise verstellt. (Youtube-Filme können bekanntlich auf der Zeitschiene in kleinen Stills abgesucht werden, so dass man frei ist, sie in selbst gewählten Ausschnitten zu betrachten. Bei diesem zweistündigen Film kommt einem das gut zupass.)

Die Landschaft um Stutthof hatte den Namen „Wald der Götter“ und enthält mehrere Flurnamen baltischer, also nichtgermanischer Gottheiten, die auf Landkarten noch heute zu finden sein müssten: Perkunas, Juratè, Laumè, Patrimpas. Nach einer Beschreibung von Stutthof zu Zeiten vor der Errichtung des Konzentrationslagers, dessen quasi ursprünglicher Zweck wie der aller dazugehörigen sogenannten Aussenlager es war, die widerspenstigen Polen gefangen zu halten (die berühmteren KZs der Judenvernichtung befanden sich ausserhalb des Grossraumes der Danziger Bucht), schreibt Sruoga die erste leicht irritierende Stelle auf Seite 11, seine Begegnung mit dem Platz 1943: „Kaum betrat man den Wald der Götter, beschlich einem das Gefühl, als seien die alten Götter spurlos von hier verschwunden, als habe sich hier die Hölle selbst breit gemacht, besetzt von SS-Schergen – die alten Teufel haben sie in den Kerker geworfen und selbst deren Platz eingenommen. Echte Teufelskerle!“

Echte Teufelskerle – das ist ein Gemisch von Ironie und Sarkasmus, und erscheinen diese Mittel der Rhetorik gehäuft und womöglich angereichert mit Zynismus und mehrdeutigem Humor, geht man auf Distanz, weil der Verdacht besteht, einer ist gar nicht mehr imstande, in intellektueller Wahrhaftigkeit eine Situation korrekt einzuschätzen, richtig darzustellen und über sie ein gültiges Urteil abzugeben. In weiten Passagen beherrschen die genannten Mittel den Text auf eine Weise, dass man ihn als der Sache unangemessene Groteske wegschieben möchte. Das Groteske war immer schon Bestandteil der Künste und der Literatur. Aber die Groteske als Gattung hat nie in den Ästhetiken ernsthafte Anerkennung erreichen können, weil sie immer schon nur an den billigen Schwank gekettet zu erscheinen vermag, der gar nicht vorgibt, etwas Wahres und gesellschaftlich Relevantes treffen zu wollen. (Es gibt auf Youtube Theaterstücke von Sruoga, die gefährlich wie Schwänke dastehen…) Man muss sich also zwingen, in der Lektüre zwar die Schilderungen von Groteskem aufzusaugen, ihre Anhäufungen indes nicht als verfehlte Gattung misszuverstehen. Und in der Tat passt man sich nach einer gewissen Zeit ohne Schwierigkeiten dem Ton an, der offenbar dem Autor als Schutzschild diente, und man liest peu à peu das Buch wie in einer „neutralen“ Schilderung ohne falsche Witzigkeit. Und man merkt, dass man sich mit einer Sache auseinandersetzt, von der man zu früh dachte, sie sei endlich Vergangenheit, und von der man jetzt spürt, dass man ihr aufmerksam gegenüberstehen muss. Nicht nur, weil jede Zensur falsch ist, hatten die Sowjets auf dem Gebiet Litauens 1945 gegenüber Sruoga unrecht, sondern auch, weil die Pseudogroteske auf einem doppelten Boden steht, deren zweiter die ernsthaften Gehalte vertrauenswürdig trägt und die Motive der neuen, für lange Zeit Platz nehmenden Befehlsträger fadenscheinig erscheinen lässt.

Zusatz 31. August 2014: Friedrich Dürrenmatts Der Verdacht (1951-52) las ich erstmals 1976, in der Luzerner Klinik St. Anna während dem Nachmittag und der Nacht vor einer Operation. Nun wurde das Werk während mehreren Wochen auf Radio SRF 2 in kleinen Häppchen als Hörspiel gesendet, worauf ich es heute in Passagen wiederlas. Unter Verdacht gerät ein Schweizer Arzt, der als Student im Kiental, wohl im Gamchi, eine Notoperation an der Kehle eines Mitstudenten ohne Narkose durchführte, mit falschem Namen in Stutthof unzählige experimentelle Operationen ohne Narkose praktiziert zu haben. Dürrenmatt kennzeichnet Stutthof nicht als sogenanntes Aussenlager, sondern als zentrales Vernichtungslager, in dem die Patienten sich freiwillig zur Verfügung stellten, da bei einem Überleben das Versprechen galt, in ein anderes Lager versetzt zu werden, in dem die Vernichtung nicht schon im Vorhinein feststünde – genannt wird Buchenwald.