„Brockes-Passion“ von Stölzel
21. März 2008 um 6:05 Uhr von urGestern Abend auf Radio DRS2 die „Brockes-Passion“ von Gottfried Heinrich Stölzel für den Karfreitag 1725 gehört, und noch morgens um Vier ist das Werk frisch im Kopf. Erstaunlich, dass Musik aus der Bachzeit so tiefe Spuren zu hinterlassen vermag, üblicherweise geschieht es eher mit solcher weit vor oder weit nach Bach – oder dann aus geographisch und kulturell entlegenen Räumen. Dass diese Musik so aktuell und modern klingt, zuweilen, jedenfalls gegen den Schluss hin, wie in einem Konzert der Mothers, deren Dirigent bekanntlich auch einen Namensvetter aus Stölzels Nachfolgezeiten hatte, Francesco Zappa, ist auch der Interpretation durch die Schola Cantorum Basiliensis mit Jörg-Andreas Bötticher geschuldet, deren Virtuosität und quasi experimentelle Stilsicherheit dem Zuhören ein Biotop gewähren, in dem es sich unabgelenkt auf die Fülle neuer Einzelereignisse und unvorhergesehener Wendungen einlassen durfte, ohne dass das Ganze, wie bei ähnlicher Musik noch vor dreissig Jahren, wie ein verstaubtes Möbelstück hätte dastehen müssen. Man kann jede Singstimme und jedes Instrument eigens hervorheben, und man könnte an vielen Stellen zeigen, durch was in der Komposition und durch welche subjektive Leistung in der Interpretation dieses musikalische Werk zu zünden vermag. Mischt sich auch, wie im alten Akt des Komponierens intendiert, Ergriffenheit durch die textliche Vorlage des Dichters Barthold Heinrich Brockes hinzu? Wenn das Ziel der Menschheit darin bestehen soll, das Opfer abzuschaffen, ist das grösste Opfer in dieser einen Religionskultur wohl immer noch verstandes- und gefühlsmässig bewegend, im grösseren Zusammenhang aber nur eine Erzählung, die ein Weitergehen blockiert. Was unmittelbar bewegt, ist der Ernst, mit welchem diese Geschichte in ein Werk gefasst werden und wie es eine Gesellschaft geben konnte, die sich davon ernsthaft bewegen liess. Gelingt die Transformation des Opfers in die Kunst, kann darauf gehofft werden, dass die Opferungen im Alltag, die nur die Kehrseite und das innere Band der menschlichen Niedertracht darstellen, als gewöhnliche gesellschaftliche Arbeit erscheinen dürfen und die Hilfsprogramme gegen die Niederlagen in der Weltgeschichte als normale Arbeit hin zu vernünftigen Gesellschaftsverhältnissen, wo keiner den Niederträchtigen abgeben kann, weil mit keinem mehr als Opfer gerechnet werden muss. Trotz der Anhäufung allerhöchster bewundernswürdiger Kunstwerke nach der Zeit von Stölzel kann in einer Epoche der kulturindustriellen Produktion, die auf diejenige der religiösen Erzählungen folgte, von einer Verwandlung des Opfers in die Kunst nur mit äusserster Mühe die Rede sein.


