„Brockes-Passion“ von Stölzel

21. März 2008 um 6:05 Uhr von ur

Gestern Abend auf Radio DRS2 die „Brockes-Passion“ von Gottfried Heinrich Stölzel für den Karfreitag 1725 gehört, und noch morgens um Vier ist das Werk frisch im Kopf. Erstaunlich, dass Musik aus der Bachzeit so tiefe Spuren zu hinterlassen vermag, üblicherweise geschieht es eher mit solcher weit vor oder weit nach Bach – oder dann aus geographisch und kulturell entlegenen Räumen. Dass diese Musik so aktuell und modern klingt, zuweilen, jedenfalls gegen den Schluss hin, wie in einem Konzert der Mothers, deren Dirigent bekanntlich auch einen Namensvetter aus Stölzels Nachfolgezeiten hatte, Francesco Zappa, ist auch der Interpretation durch die Schola Cantorum Basiliensis mit Jörg-Andreas Bötticher geschuldet, deren Virtuosität und quasi experimentelle Stilsicherheit dem Zuhören ein Biotop gewähren, in dem es sich unabgelenkt auf die Fülle neuer Einzelereignisse und unvorhergesehener Wendungen einlassen durfte, ohne dass das Ganze, wie bei ähnlicher Musik noch vor dreissig Jahren, wie ein verstaubtes Möbelstück hätte dastehen müssen. Man kann jede Singstimme und jedes Instrument eigens hervorheben, und man könnte an vielen Stellen zeigen, durch was in der Komposition und durch welche subjektive Leistung in der Interpretation dieses musikalische Werk zu zünden vermag. Mischt sich auch, wie im alten Akt des Komponierens intendiert, Ergriffenheit durch die textliche Vorlage des Dichters Barthold Heinrich Brockes hinzu? Wenn das Ziel der Menschheit darin bestehen soll, das Opfer abzuschaffen, ist das grösste Opfer in dieser einen Religionskultur wohl immer noch verstandes- und gefühlsmässig bewegend, im grösseren Zusammenhang aber nur eine Erzählung, die ein Weitergehen blockiert. Was unmittelbar bewegt, ist der Ernst, mit welchem diese Geschichte in ein Werk gefasst werden und wie es eine Gesellschaft geben konnte, die sich davon ernsthaft bewegen liess. Gelingt die Transformation des Opfers in die Kunst, kann darauf gehofft werden, dass die Opferungen im Alltag, die nur die Kehrseite und das innere Band der menschlichen Niedertracht darstellen, als gewöhnliche gesellschaftliche Arbeit erscheinen dürfen und die Hilfsprogramme gegen die Niederlagen in der Weltgeschichte als normale Arbeit hin zu vernünftigen Gesellschaftsverhältnissen, wo keiner den Niederträchtigen abgeben kann, weil mit keinem mehr als Opfer gerechnet werden muss. Trotz der Anhäufung allerhöchster bewundernswürdiger Kunstwerke nach der Zeit von Stölzel kann in einer Epoche der kulturindustriellen Produktion, die auf diejenige der religiösen Erzählungen folgte, von einer Verwandlung des Opfers in die Kunst nur mit äusserster Mühe die Rede sein.

Blasmusik mit Teesolo

12. März 2008 um 5:32 Uhr von ur

Um vier Uhr zeigte sich durch die Augenlider ein grosser Wechsel Richtung Frühling, als die Nachtschwärze einen Ruck ins Grau vollführte. Ich klammerte mich noch eine kurze Bedenkzeit an die Decke und stand dann auf. Ah, was für eine Luft von Draussen, tobend und endlich wieder spürbar uneisig, fast gefährlich warm. Die Türen der zwei Zimmer konnten zwar nicht offen gelassen werden, aber auch durch die Schlüssellöcher pfiff der Wind von den geöffneten Fenstern her durch die ganze Wohnung. Und am einzelnen Fenster gegen Westen gestanden war es eine Wonne, dem Sturmbrausen zuzuhören, auch ohne in der Nachtschwärze, die keine wirkliche Dämmerung versprach wie die Halbschlafwahrnehmung unter der Decke, Astbewegungen in den Bäumen sehen zu können. In der Küche dann langes Pfeifen in allen Lagen, Orkanstösse durch die Fenster, Huschen über und unter den Vorhängen, flaches Zischen durch die Bücherregale, bedenkliches Dröhnen in den Schlüssellöchern und Klopfen in den Türspälten – und Klappern hinter dem Rücken durch den Dampfabzug. Dann aber, ohne dass ich einen wirklichen Windzug um die Nase hätte verspüren können: Pfeifen direkt vor mir aus dem Teekrug, als ob der Wind persönlich mit den Lippen am Ausguss wie mit einem Flaschenhals Frühlingsmusik machen wollte. Ich klatschte mit den Fensterflügeln, auf dass nicht das ganze Haus schon aufwachen müsste.

Photorevisionen

10. März 2008 um 13:32 Uhr von ur

Nachdem von Ende Oktober 2007 bis Anfang März 2008 jeden Tag mindestens zehn Stunden lang, nie ohne Tagwacht vor fünf Uhr morgens, fast 100% der Bilder von 2003 bis 2006 neu bearbeitet, in besserer Komprimierungsqualität als bisher abgespeichert und korrigiert oder ergänzt neu beschriftet worden waren (Picasso lehrte, die Arbeit nicht vollständig zu machen oder dann auch mal einen Fehler hinzuzufügen), ist gestern eine Anfrage eingetroffen, die unter anderem zum Ausdruck bringt, die Berge seien – leider – nicht immer auf Anhieb eindeutig zu identifizieren, insbesondere auf den Panoramen. Mich dünkt, eine solche Aussage sei Folge davon, dass man sich dem allgemeinen Zeitdruck nicht entziehen will und die Dinge beurteilt, bevor man sich im Klaren ist, ob sie denn nicht eine gewisse Zeit benötigen, um auch dann, wenn sie auf den ersten Blick schon alles von sich preiszugeben scheinen, vernünftig beurteilt zu werden. Die Wahrnehmungsbereitschaft scheint im Internet nicht grösser zu sein als wie sie in den militärischen Kräften, die von den Fachkundigen auch heute noch allenthalben beschrieben werden, nicht sich entwickeln lassen dürfen: alles geschieht auf der nackten Ebene der Befehlsreaktionen und reinen Informationen, die einen sofortigen Reflex auslösen sollen. Mich selbst freut es ernsthaft, dass man in der Bilderflut vergessen und in der Landschaft wieder herumstehen kann, ohne meinen zu müssen, alles Sichtbare bestünde aus Dingen, deren Reiz sich darin erschöpft, auf schönen Bildlis identifiziert zu werden. Mir scheint es gerade begrüssenswert, wenn die Formen im Gesamtbild wieder untergehen können wie musikalische Einzelphrasen, die ein Stück als Teil konstituieren, das im Ganzen aber von einer anderen Struktur getragen wird, in der die Phrase als Melodie gänzlich unbedeutend sein mag. Es hat keine Bedeutung, in jedem Moment Le Pleureur und La Sâle erkennen oder La Luette und La Serpentine eindeutig auseinanderhalten zu können, aber eine grosse, den Platz dessen, was zu sehen ist, im dreidimensionalen Gesamtgefüge spontan richtig auszumachen. Man wird feststellen, dass es immer schwieriger wird, eindeutig zu bestimmen, ob einem das Wallis körperlich als grosses oder als überschaubar kleines Gebilde erscheint. Einen Drang danach, fremde, weitläufigere Berglandschaften anders als nur durch Bildbetrachtungen im Internet kennen zu lernen, verspüre ich jedenfalls immer noch nicht. – Gestern gelesen: La Greina und Flusslandschaften im Wallis, Fotografien von Herbert Mäder, 3. Auflage Chur, Sion, Zürich 2003 und 2004, mit einem Vorwort von Klaus Huber, Regierungspräsident des Kantons Graubünden. Was die Walliser von den Bündnern vielleicht lernen könnten wäre, die Scheu abzulegen und nicht mehr nur den Ausbeutern, sondern auch schon mal den Touris (mich ausgenommen) einen Tritt in den Arsch zu versetzen, statt sie devot mit neuen Pisten und Seilbahnen in noch grösseren Massen an jeden abgelegenen Flecken transportieren zu wollen. Die aktuelle Regierung bemüht sich weniger darum, die existierenden Meinungen der Bevölkerung im politischen Diskurs vernünftig zu artikulieren, als darauf schnell und unterwürfig zu reagieren, was die Tourismusindustrie an Wünschen anmeldet, auch wenn die Gewinne des Tourismussektors immer weniger den Lebensunterhalt der Walliser Bevölkerung zu finanzieren sondern andere, berglandwirtschaftsferne Taschen zu füllen scheinen.

Unrächbar, das Leben im Tod

10. März 2008 um 13:31 Uhr von ur

Die Erfahrung des Lebens nötigt zur Einsicht, dass der Niederträchtige auf Erden nach dem Tod sich seiner dreissig Mädchen erfreuen und der brave, wenig korrupte Mensch in der Hölle schmoren wird. Kaum eine Möglichkeit, dass die lebendige Vernunft ein solches Ansinnen rechtfertigen würde, doch der gegenwärtige Zwang des Realen scheint allmählich seinen Tribut einfordern und die Wundersamkeit zum Ausdruck bringen zu wollen.

Der Niederträchtige ist nicht der Kriminelle, dessen Untaten, als einzelne oder in Serie, im praktischen Rechtszusammenhang gesühnt werden; er wirkt aus einer Position der Stärke, die sich des Rechtswesens bedient, weil sie zuvor schon gesellschaftlich sanktioniert worden ist. Bis vor kurzer Zeit noch gehörte eine solche zum Gefüge der politischen Macht, fast ohne Ausnahme auf Seiten der militärischen Kräfte. Die Position ist aber auf eine Sanktionierung durch den politischen Machtzusammenhang nicht mit Notwendigkeit angewiesen, weil dieselbe Legitimation, nie ohne Ansehen und Anerkennung, auch im isolierten, für sich stehenden Wirtschaftskomplex geschehen kann, sofern ihn die Gesamtgesellschaft, wie seit 25 Jahren quasi offiziell, in dieser Freiheit auch haben will. In solcher Praxis schaut dann die Macht, demokratisch gewählt, bloss noch zu, wie die Welt sich gestaltet ganz ohne sie, und der einzelne im Leben, wie es gegen ihn sich wendet. Wo einer etwas Böses an einem Anderen tut, ist er leicht zur Rede zu stellen; indem der Niederträchtige alles daran setzt, jeden Anderen zu ignorieren wie die Banker und Broker die Bevölkerung auf der ganzen Welt und auf niedrigstem Niveau der Fernseh- und Radiokonsument die Nachbarschaft, bildet sich keine Gruppe, in der die Vernunft an die Regeln appellieren könnte, gegen die der Niederträchtige verstösst. Sei es im Grossen oder im Kleinen: er war immer schon die Figur des Herrschers und des Anmassenden, dessen Handeln, das in gewissen Konstellationen gesellschaftlich grosse Folgen nach sich zieht, nicht vermittelt ist, weil es so tut, als ob es keine Regeln zu kennen und zu berücksichtigen gäbe und weil die Erfahrung des Alltagsmenschen in der Tat nicht imstande ist, ihm zu sagen, wie er an Stelle des Korrupten handeln würde.

Dass dem Niederträchtigen harmlos der nur wenig korrumpierte Mensch gegenübersteht, scheint der religiösen Vorstellung vom Guten und vom Bösen zu folgen. Doch der reine Begriff der Korruption enthält mehr an realistischem Gehalt, als der kritische Verstand ahnen lassen will. Wenn auch der grösste Teil der Bevölkerung ihr nicht eindeutig zuzuordnen wäre, ist von einem Teil indes ebenso gewiss, dass er korrupt ist und Schlechtes bewirkt wie von einem anderen, grösseren, dass er deswegen frei ist von Korruptheit, weil er wie allgemein in Asien, Afrika und Lateinamerika als Opfer des ersten leidet. Zudem verfolgt jedermensch nur zu leicht, wie die Niedertracht als Gift in den Gesellschaftsschichten sedimentiert, und ein Grund dafür, dass sie so schwer wahrzunehmen ist, kann nicht weniger leicht darin gesehen werden, dass sie ebenso die Alltagshandlungen prägt wie seit langem schon das äussere Gebaren der Fernsehstars das ihrer ZuschauerInnen. Nur weil sie auch in der Breite wirkt, ist es der isolierten Vernunft schier unmöglich, die Niedertracht im konkreten Einzelnen festzumachen.

Sofern die Vernunft nicht ganz verabschiedet werden soll, ist die Frage über die imaginierten Wirklichkeiten nach dem Tode allerdings nicht, ob sie die Ungerechtigkeit rechtfertigen oder nicht, ob also, um in der herrschenden Sprache verständlich zu sprechen, der Lohn letztlich den Ungerechten zukommt. Denn so wie der Niederträchtige die Grenzen der Moral überschreitet und da tätig ist, wo es nichts zu rechtfertigen gibt, werden hier die Grenzen der Erkenntnis überschritten. Zur Frage ist nun geworden, ob nicht gerade derjenige ungerecht und auf irdischem, vernünftigem Boden verdammenswürdig erscheint, der die Behauptung äussert, Gerechtigkeit sei nirgends und in langen Zeiträumen nie, weil dieselbe Behauptung nur aus Ressentiment und Bitternis, also ihrerseits durch Anmassung und ohne Vertrauen in das Gute, das praktische Regeln kenntlich macht, schliesslich zu denken wäre. Wer die Stimme erhebt, scheint heute zu einem verlorenen Spiel ansetzen zu wollen. Im Zustand des Communication Breakdowns heisst Sprechen offenbar, es ernsthaft wieder neu zu lernen. Monströs an ihm wäre, dass es im Wahren nicht zugleich das Gute zu sehen vermeinte.

„The Mediterranean“: Wiedergutmachung

18. Februar 2008 um 21:44 Uhr von ur

Discothek im Zwei auf Radio DRS 2 mit Joaquin Rodrigos Concierto de Aranjuez (1939) nach einer Stunde abgebrochen und John McLaughlins Concerto for Guitar & Orchestra „The Mediterrannean“ (1984) unter denselben guten Kopfhörerbedingungen gehört. Bis jetzt hatte ich dieses Stück immer abgelehnt, aber wenn es unvermittelt auf Rodrigos Ästhetik bezogen wird, glänzt es plötzlich in guten Farben. Man muss bei diesem Werk eine Epoché erzwingen und weder an die Geschichte der Musik noch an die des Gitarristen denken, und schon lebt es aus allen Fugen. Ein verlorenes Werk ist es mir nun nicht mehr. (Mit dem Stück selbst ist der Neoklassizismus im ganzen allerdings mitnichten rehabilitiert. Seinen Gewinn zieht es einzig im Vergleich mit Rodrigo, den es offenbar beabsichtigt hatte.)

Warenästhetik in situ

8. Februar 2008 um 4:45 Uhr von ur

Ich bin unterwegs am Fotografieren, wie üblich. Es kommt ein heikle Passage, zwar im Wald, dennoch auf einer dünnen Krete, mit Haltestangen halb aus Ästen, halb künstlich. Es geht weiter, und es folgt eine ähnliche Stelle, nur viel extremer: Nichts mehr mit Bäumen, alles künstlich, aber alles sehr viel schwieriger: in einem Haus, über einen tiefen Graben, und, oh Graus, nur Haltestangen und blosses Nichts, wo Füsse hätten gehen können. Oder jedenfalls fast blosses Nichts, denn ich gelange darüber und mache mich sofort daran, die Stelle zu fotografieren. Es kommt jemand, von der Seite, wo ich jetzt stehe, und schaut mir zu, es kommen viele. Als ich zum Fotografieren ansetze, sind Dutzende da, Turnen an den Stangen herum – und laufen freihändig daneben her und herum, wie wenn da nie ein Graben gewesen wäre, wie in der Badanstalt das zehn Zentimeter tiefe Becken bei den Eingangsduschen im Vergleich zum Schwimmbecken. Andere schauen interessiert über die Schulter: ah, 16 Sekunden lang muss hier belichtet werden, wenn es etwas werden soll, interessant! Ich reiss mich aus dem Traum.

Nichts passiert

18. Januar 2008 um 17:23 Uhr von ur

Es scheint kein schlechter Weg zu sein, um über sich selbst und seine Entwicklung Klarheit zu bekommen, die bevorzugten Gebilde gleich welcher Art und Gattung in der verflossenen Biographie miteinander zu vergleichen. Ein altes aus der Pubertät, das ohne wirklichen Unterbruch ständig im Kopf vorhanden war, auch wenn es sich seit langem nicht mehr als dasselbe zu erkennen gab, ist seit zwei Wochen wieder materiell greifbar. Wie vor 35 Jahren kann ich auch jetzt wieder nicht genug davon bekommen und höre es entweder oder denke hörend daran, manifester und klarer als in der vergesslichen Lebenszeit dazwischen: Devotion (1970) mit John McLaughlin, Larry Young, Buddy Miles und Billy Rich. Die leicht verschmierte Kassettenaufnahme dieser Platte bildete den präparierten Boden, in den ein Jahr später Amériques und Arcana, dirigiert von Marius Constant, einschlagen konnten (im Plattenladen, klar, wo auch andere von Zappa bis Rihm Varèse zum ersten Mal begegneten). Man muss nur die Patina des Titels ein wenig wegputzen, um das Entscheidende in dieser Musik freizulegen: Devotion ist hier noch nicht zu verstehen wie beim nachfolgenden McLaughlin als religiöser Kniefall, sondern als künstlerische Hingabe an das Objekt, das doch erst durchs Subjekt geschaffen werden soll. Das Objektive ist die sorgfältige Konstruktion in den Stücken, die sowohl der Symmetrie und der Dialektik wie einer Hierarchisierung von Melodie und Begleitung ausweicht. Wegen der Konstruktion durch Themenpartikel, die wie beim späteren McLaughlin erstaunlich einfach, wenn auch eher modal als tonal fixiert dastehen, sind diese Werke vom improvisierenden Jazz beziehungsweise jammenden Rock gleich weit entfernt wie von einer ausbalancierten Polyphonie, die durch Buddy Miles‘ eigentümliche Trommelschläge am Verwehen gehindert wird. In alle Richtungen des dreidimensionalen Raums explodieren die Partikel, ohne je in ihrer konstruktiven Schärfe abzustumpfen oder in ihrer Eindeutigkeit abzunehmen. Denn unausgesetzt ihnen gehört die Devotion in der künstlerischen Produktion, die einen ein Leben lang in Schwung versetzen, weil sie einem nichts aufschwatzen, sondern Impulse für eigenes Phantasieren freisetzen. Dass nichts passiert sei zwischen einst und jetzt ist mitnichten Zeichen von Leere, sondern dass das richtige Gebilde zur rechten Zeit sich eingefunden hatte, um die Sinne auf Neues und Künftiges einzustimmen. Devotion war das erste Gebilde einer unabgeschlossenen Serie von Werken der Musik, die neue Erfahrungen zugänglich machen.

Elektronenromantik

15. Januar 2008 um 20:55 Uhr von ur

Gerade Rainbow Bridge von Jimi Hendrix erhalten, nicht den peinlichen Film, sondern die Musik von der Platte mit der bläulichen Hülle und gelbem Schriftzug, die offenbar nie auf CD erscheinen durfte. Hier angekommen ist sie natürlich auf CD, und man hört genau, wie das Ganze einstens gemeint gewesen war. Denn diese Aufnahme scheint jede störende technologische Vermittlung umgangen zu haben. Da hat einer sein Handy in die unmittelbare Nähe eines Lenco-Plattenspielers hingehalten und so den Ton, der bekanntlich an dieser Stelle so erklingt, dass nur Engel ihn entziffern können, direkt an ein anderes Handy gesendet, das schnurstraks das gute Werk auf die Tracks der Diskette, doublesided, eines ATARI-Computers schrieb. Ah, wie ist man da plötzlich im Universum der reinen Elektronen auf Reise! Unfassbar! Und unglaublich. Ein Zusätzliches aber darf noch hervorgehoben werden: die Plattenkratzer erklingen als wären sie von den schwarz lauschenden Engeln im Chor dazugesungen worden. – Keine Frage, ich habe sie gleich zweimal hintereinander durchgehört.

Reaktion und moralischer Verfall

15. Januar 2008 um 16:01 Uhr von ur

Einer widmet seine Lebenszeit der fotografischen Aufzeichnung exquisiter Landschaften, um die Fährten vom überbordenden Äussern zum kargen Innern freizuhalten, einer vergewaltigt dieselben Gebilde, um sie seiner niederträchtigen Militärphantasie als Schmuck aufzusetzen. Die ersten 13 Bilder dieser Internetseite sind gestohlen:
http://picasaweb.google.com/froorider/LTschental

Ihre Plätze wären hier:
http://www.ueliraz.ch/2005/niwen.htm
http://ueliraz.ch/2006/bietschhornhuette.htm
http://www.ueliraz.ch/2006/fafleralp.htm

Musikfilme

28. Dezember 2007 um 5:53 Uhr von ur

YouTube ist erwachsen geworden, und viele Filme zur guten Musik sind jetzt zu sehen und zu hören, auch technisch in guter Qualität: Schoenberg, Cathy Berberian, Luigi Nono, Varèse, John Cage, Boulez, Wagner, Glenn Gould etc. Während dem Schreiben schaue ich gerade einen 45minütigen Film von und über Luciano Berio und Cathy Berberian, 1972.

Alle Jahre Jimi wieder

25. Dezember 2007 um 20:19 Uhr von ur

Letztes Jahr begleitete mich die Stucky ständig, heuer ist In From The Storm (1995) eingetroffen und hat eingeschlagen. Auf Sting könnte ich verzichten, und Santana spielt immer noch wie auf einem Jekami-Talentschuppen. Aber es sind die Stücke selbst, die Stuckystücke, die wie Mozarts nicht totzuspielen sind (er hätte den Vergleich mit Haendel vorgezogen, klar, in London knapp daneben). Und einige Freunde hat’s, die man wieder trifft: Tony Williams, McLaughlin, Buddy Miles, Steve Vai etc. Zappa fehlt. Zeigt er dem Onkel seine neue musikalische Infrastruktur auf Sirius? – Gesungen hatte der Sempacher Troupeau übrigens eine halbe Stunde lang, von Lennon, Morgenstern usw., aber mit Hendrix getrauen sie sich immer noch nicht live.

Eiger Nordwand

21. Dezember 2007 um 19:54 Uhr von ur

Soeben bedenkenswerten Abendspaziergang gemacht:

http://picasaweb.google.com/marc.stoffel/
HeckmaierRouteInDerEigernordwand

(Handschuhe nicht vergessen.)

Späte Beachtung

20. Dezember 2007 um 17:15 Uhr von ur

Der Moléson hatte kaum je eine weitere Beachtung gefunden als dass man ihn eben wie gedankenlos hingewürfelt aus dem Zug Fribourg-Lausanne zu sehen bekam. Seit einiger Zeit sind zwei Webcams auf ihn gerichtet, die einen zuweilen bizarre Landschaften betrachten lassen. Am heutigen Spätnachmittag gleitet das schnee-eisige Winterkleid der Gipfelzone bruchlos ins Nebelmeer des Genfersees hinüber; das Grelle der untergehenden Sonne, blosses Weiss ohne Verlauf, wurde künstlich abgemildert.

Neueste Fotoserien mit altem Werkcharakter

17. Dezember 2007 um 7:01 Uhr von ur

Gestern Abend Google Picasa entdeckt und eine Zeitlang durchstöbert. Schnell wird klar, dass die Bilder hier technisch eine bessere Qualität aufweisen als bei anderen Diensten für Fotoalben oder auf kleineren Homepages, und das Auffinden der Sujets hat die Leichtigkeit der bewährten Google Suchmaschinen. Zwei Fotoalben haben mich glatt umgeworfen, so dass das Gesehene nicht einfach ad acta gelegt werden kann, Kletterübungen am Wiwannihorn (http://picasaweb.google.com/lapinrose82/KletternAmWiwannihorn)und eine hurtige Besteigung des Bietschhorn Westgrates (http://picasaweb.google.com/BurgenerNorbert/Bietschhorn16072006. Davon träumte mir schon immer: Bilder nicht nur von den Bergen und von ihren Gipfeln herunter, sondern vom Geschehen unterwegs auf der ganzen langen Tour. Im einzelnen gibt es solche Bilder schon seit den ersten Tagen der Fotografie. In den genannten Serien passiert aber etwas Neues, indem eine solche Präzision und Stimmung zusammenkommen, dass eine uralte Qualität der Kunst, ihr Ursprung sozusagen, neu zu entstehen vermag. Das Staunen ist so immens, dass man sich nicht weiter vorstellen kann, andere Bilder könnten neben diesen zugleich bestehen. Auf den Tod des anderen zu gehen und nichts neben sich gleichwertig bestehen zu lassen, dieses luxuriöse Ideal wird hier erreicht, das nach wie vor und um so mehr die Kunst definiert, wenn denn im Stürzen der Kategorien des Kampfes in der Gesellschaft endlich ein Fortschritt erbracht werden soll.

Bilderflut in der Diskurswüste

15. Dezember 2007 um 10:33 Uhr von ur

Das eigene Fotografieren passierte zwischen 1965 und 1990 nur sporadisch, nicht einmal hobbymässig. Die Technologie war insgesamt zu teuer als dass eine Prätention hätte heraufdämmern können. Alles war ein Geschehen auf dem Feld der allgemeinen Neugier wie es andere sich auf gleiche Weise durchs Warenangebot hatten angedeihen lassen. Ab 1995 wurde eine Kamera mit zusätzlichem Zoomobjektiv auf die regelmässigen Wanderungen mitgeschleppt, um dieselben nicht in depressives Umherirren abgleiten, dagegen umgekehrt die Absicht am Leben erhalten zu lassen, Bildmaterial für einen theoretischen Text übers Wallis herzustellen. Die Hauptarbeit war der Text mit den vielen Gängen auf die Landesbibliothek, das Fotografieren nur belebender Zusatz. Den Gegebenheiten entsprechend fand der Text 1999 seine Endfassung wie das Fotografieren auf Wanderungen in eine neue Form geriet, die die Mengenbeschränkungen überwand: die Apparatur wurde so leicht, dass permanent spontan fotografiert werden konnte, und die Herstellungskosten entfielen ganz, war die digitale Infrastruktur nur einmal installiert (einen digitalen Bildschirm, der eine optimale Farbanzeige garantiert und also nicht kalibriert werden muss, habe ich erst seit 2005). Trotzdem galt für lange Zeit die ernste Idee aus dem Analysekapitel, dass das Formenspiel der Alpen nicht dargestellt sondern bloss illustriert werden könnte und das Erleben desselben in situ geschehen müsste. In situ – weit ausserhalb der eigenen vier Wände und nie ohne Sack und Pack. Mit der Zeit scheint sich die ontologische Beschaffenheit dieses Platzes auf eigentümliche Weise transformiert zu haben. Nicht dass sich seine Notwendigkeit und Zwanghaftigkeit aufgelöst hätte, keineswegs. Eine Darstellung, die sich rezipieren und im Gedächtnis einheitlich repräsentieren liesse, ist immer noch verwehrt und das Einzelbewusstsein weiterhin darauf angewiesen, die Analyse selbst zu machen. Aber der Platz ist der nun einer Website, wo die simplen Bilder nah beieinander versammelt sind. Aus dem Mangel ist ein Überfluss geworden, der sich nicht nur der gängigen Überflussproduktion unverhoffter Weise anbiedert, sondern es wie ursprünglich auf den äusseren Plätzen den Rezipierenden verunmöglicht, das Dargestellte in einem Zug zu überfliegen. Die schiere Zahl gibt Gewähr dafür, dass auch dann, wenn prinzipiell jedem Menschen Recht auf Einsicht ins Gebilde der Walliser Gesellschaft gegeben wird, keiner vorschnell behaupten darf, die Analyse selbst damit auch schon vollzogen zu haben. Das Anstössige des Scheiterns in der Anschauung begründet nur um so leichter eine Hoffnung in die Einsicht der Unabgeschlossenheit des einzelnen begrifflichen und allgemeinen diskursiven Nachvollzugs.

Gott und Ospel

11. Dezember 2007 um 5:57 Uhr von ur

Einer zieht 13 + 5 Milliarden Franken aus den gesellschaftlichen Arbeitsverhältnissen. Er gibt eine Pressekonferenz, die das Ereignis kommuniziert, und geht schlafen. Der epistemologische Bruch besiegelt das Geschehen, dass aus den Lebenserfahrungen des Nichtbankers es unmöglich ist, die Notwendigkeiten und Folgen des Geschehens zu verstehen. Bin Ladens Weltbild ist nicht anders, und viele andere dürfen folgen. Der Niederträchtige war nie einzigartig.

Disposition zur Lüge

26. November 2007 um 4:56 Uhr von ur

Im Traum Schlangen fotografiert. Anzahl und Positionen alles andere als beklagenswert, und fototechnisch hat auch alles gut geklappt. Trotzdem haben sich die Tiere wie üblich verkrochen. Nicht das Traumbewusstsein, sondern das wache in der Retention, das schon weiss, im Aufwachen zu sein, jammert, schon wieder falsche Bewegungen gemacht und die Viecher verschreckt gehabt zu haben.

Essensausgabe

18. November 2007 um 6:26 Uhr von ur

Ich wohne in einer unüberschaubar grossen Wohngemeinschaft und werde mir gewahr, dass ich Hunger habe, dass es vier Uhr morgens ist (was der ungefähren Traumzeit entspricht aber auch der Fluchtzeit in einem Artikel Herta Müllers in der NZZ – nur dass dort auffälligerweise „nachts“ steht), dass ich am Schluss einer langen Warteschlange stehe und dass ich dann als der Letzte der WG das Abendessen ausgeschöpft bekomme, ein angebissenes Stück Brot, das jemand auf einem Teller liegen gelassen hat. Keine Entrüstung, keine Diskussionen mit den übrigen späten EsserInnen – die eingeübte pragmatische Spiesserhaltung. Sie erlaubt es immerhin, das Ereignis als Tagebuchnotiz festzuhalten (den skandalösen Hunger auf der Welt berichtet in den Nachrichten registrieren wir nicht anders als die skandalöse widerliche Werbung tagtäglich, die den Überfluss über die Meute auskippen will). Ich suche mein Schreibpapier in der WG, genau gleich wie ich es nach dem Traum suche, schreibe dann aber doch nichts, weil der Traum mit dem Eintreffen von anderen Leuten, die indes nicht auf Essen aus sind, eine andere Wendung nimmt, die sich in die Länge zieht (und wegen der Unangenehmheit der Personen auch nicht erzählenswert erscheint). Ich hole hier nur nach, was ich im Traum hatte tun wollen, der als Traumgeschichte sein Ende nicht im Aufwachen gefunden hat. – Ein Gesprächsfetzen im fortgesetzten Traum war, dass man deswegen sich Unsterblichkeit wünschen sollte, damit man Euch, den erwähnten Erschienenen, nicht wiederbegegnen müsste.

Wieder ein Mittel wider Pink Floyd

12. November 2007 um 22:24 Uhr von ur

Den Ganzen Tag Bilder von 2003 neu bearbeitet, am Morgen die fetten Steinböcke vom Gemmenalphorn, dann die leuchtenden Lärchen von Zeneggen bis Raron. Nicht nur heillose Müdigkeit, sondern auch Erstaugustfeuer in der rechten Schulter, dann um 21 Uhr endlich Abbruch, die Kopfhörer aufgesetzt mit den ersten beiden Platten von Pink Floyd. Gute Erholung immerhin, aber nach vierzig Minuten nur Schwachstrom in den Ohren. Wechsel zur CD Jimi Hendrix von Doran-Stucky-Studer-Clarke, die lange schon auf dem Regal zuoberst gelegen war: ahhhh, was für eine Wonne! Den Bauch nun voller Schmetterlinge. Musik – und sonst nichts. Darfst die ganze weite Nacht lang dauern, gute feine ernste Musik! (Kein Bild heute von Betten leider, aber nur als Ausnahme. Immerhin von weitem erahnbar, einmal, auch ein zweites Mal.)

Innere Ausserschweiz

21. Oktober 2007 um 10:00 Uhr von ur

Soeben den Beweis gefunden, dass die Luzerner nicht als Ausserschweizer betrachtet werden dürfen, sondern als Walliser aus dem tiefsten Inneren der Landschaft. Bekanntlich gibt sich jedermensch als von Luzern gebürtig zu erkennen, sobald im Gespräch eine Sache mit besonders ausgeprägter Eigenschaft beschrieben werden muss: statt sehr ausgeprägt ist sie dann rüdig, in grammatisch männlicher Gelegenheit rüdè. Genauso sprechen auch die Leute von Ardon, die pecca-dzotte (Krautstielfresser): „Cé pan è rudo bon = ce pain est très bon.“ (Louis Delaloye, Lexique du patois d’Ardon, Sion 1964)