Viper im Oktober
6. Oktober 2007 um 16:08 Uhr von urNenein, ich selbst habe noch nie eine Viper so spät im Jahr gesehen. Aber auf der Braendji-Site von Volkher Teuffel gibt es eine, erst gestern fotografiert: Viper bei Getwing.
Nenein, ich selbst habe noch nie eine Viper so spät im Jahr gesehen. Aber auf der Braendji-Site von Volkher Teuffel gibt es eine, erst gestern fotografiert: Viper bei Getwing.
Ein Panorama ist nur selten eine 360° Ansicht; schon zwei zusammengefügte Fotos setzen aber ein kompliziertes Verfahren voraus, das auch jenes erst ermöglicht. Und was sind denn bloss zwei oder drei zusammengefügte Einzelfotos anderes als ein Bild im Weitwinkelformat? Eine gute Panoramatechnik ist demnach auch ein billiger Objektiversatz. Da Autostitch in vielen Fällen auch mit der Kombination von waagrechten und senkrechten Serien zurande kommt, erlaubt es selbst die Herstellung von Bildausschnitten, die vorher nur Grossformatkameras zustande brachten.
A) Programminstallation
Autostitch hier oder sonstwo downloaden, entpacken, den Ordner auf ein Laufwerk kopieren, wo er mit dem Explorer leicht zu erreichen ist, den Unterordner mit allen Beispieldateien löschen. Im Ordner Autostitch sind nur noch drei Dateien. – Autostitch ist winzig klein, geht bei der Installation, die mit dem Entpacken schon fertig ist, nicht zu den grossen Programmen und macht keine Registry-Einträge.
B) Voraussetzungen
1. Beim Fotografieren darauf achten, dass alle Bilder mit derselben Blenden- und Verschlusszeitenkombination und demselben Weissabgleich gemacht werden. Man holt die Belichtung bei der hellsten Zone, die noch Zeichnungen enthalten soll (meine Panoramen werden oft unterbelichtet, aber das ist weniger schlimm als ein Himmel mit weissen Flecken anstelle von Wolken). Meistens mache ich mit der Olympus sp-550 Weitwinkel-Senkrechtaufnahmen. Ein Stativ ist überflüssig: Wenn man zügig fotografiert, bleibt man gut auf der Horizontalen, und dass jeweils ein Drittel der Bilder sich überlappen sollen, ergibt sich mit der Übung von alleine. Am heikelsten ist, in steilem Gelände beim blinden Drehen des Körpers nicht abzustürzen.
2. Alle Panorama-Dateien in den Autostitch-Ordner kopieren (sRGB, eventuell etwas verkleinert – ich verkleinere 7M-Pixel Bilder auf 75%). Pro Fototag habe ich zwischen 20 und 30 Panoramen, also sind dann bis über 100 Dateien darin (ich mache auch kleine, denn zwei Bilder mit Zoom zusammengesetzt ergeben ein schärferes Gesamtbild als eines im Weitwinkelformat). Die Arbeit mit Autostitch dauert dann über eine Stunde – und nachher müssen die Bilder noch im Grafik- oder Bildverarbeitungsprogramm geschnitten und für die Internetpräsentation oder den Ausdruck weiter angepasst werden. – Zuweilen produziert Autostitch einen Fehler, der darin besteht, bei Kanten wie längeren Graten eine Art Schatten zu zeichnen; er lässt sich aber leicht wegkopieren, weil es zwischen ihm und der Kante selbst eine Lücke gibt.
C) Panorama herstellen
1. Mit Explorer im Ordner Autostitch das Programm autostitch.exe starten.
2. Edit/options
a) Output Size Scale auf 100%
b) Matching Options auf Scale (unverändert 25%)
c) Unten rechts Other Options System Memory 0.5 und JPEG Quality 100% (Nach jedem neuen Programmstart müssen diese Optionen neu gesetzt werden.)
3. File Open und Dateien wählen.
4. Warten. Bei 10 Dateien kann es auch mit einem schnellen Computer zehn Minuten dauern. 360° Panoramen funktionieren nicht richtig, weil das Programm den Mittelpunkt selbst bestimmt. In diesem Fall eine Datei weglassen – oder schon beim Fotografieren daran denken und das erste Bild entsprechend positionieren (es wird dann zum Mittelpunkt).
5. Es erscheint das fertige Bild in der Windows-Bildanzeige. Hier unten aufs Speichern-Symbol, TIFF-Format wählen und dem Panorama einen eigenen Namen geben.
6. File Open und die weiteren Dateien wählen, falls mehrere Panoramen gemacht werden sollen.
Wenn mehr als 5 Panoramen gemacht werden, empfiehlt es sich, vorher mit der Unterstützung eines Bildarchivierungsprogramms wie ThumbsPlus, ACDC oder der XP-Bildanzeige etc. von Hand auf einem Papierzettel eine Liste zu machen: 3-5; 15-22; 45-51; 112-123, etc., alles untereinander. Läuft ein Stitch-Prozess, macht man hinter die betreffende Dateiengruppe ein Lehrerhäckchen. Wenn nur eines oder nur sehr wenige Panoramen gemacht werden sollen, wäre das Unsinn, bei vielen ist es aber sehr sehr wichtig und entlastet einen mächtig.
Zusatz: Seit Juli 2011 benutze ich Hugin, ein schwierigeres Programm mit Eingriffsmöglichkeiten, das die Panoramen schärfer und deutlich weniger verzerrt darstellt.
Sebalds Werk beschreibt eine Flugbahn, deren Ausgangspunkt eindeutig dasteht, deren Zielgebiet in der Lektüre zuweilen nur unklar seine Konturen zeigt. Die Kurve zwischen den beiden Polen bildet eine Spannung, die sowohl die Lektüre der Einzelstücke als ganze wie in den Einzelpassagen bestimmt. Obzwar nur selten, reisst die Spannung einige Male, und man fragt sich, ob der Text nicht schon, vielleicht, in den Kitsch abgeleitet ist. Da der Spannungsbogen aber nie vollends bricht, bleibt es bei der stillen Frage, und man folgt nach einer Krise den Spuren in den Stücken weiterhin vertrauensvoll.
Geboren im allgäuischen Wertach 1944, grenznah zu Österreich, mit Umzug nach acht Jahren nicht weit nach Sonthofen, macht Wilfried Georg Sebald ein Studium der Germanistik und der Allgemeinen Literaturwissenschaft zuerst im deutschen Freiburg, dann im schweizerischen Fribourg. Mit kurzem Unterbruch als Gymnasiallehrer in St. Gallen ist er ab 1966 in Manchester, ab 1970, ebenfalls mit kurzem Unterbruch, im englischen Norvich. Schon die Magisterarbeit von 1968 erregt Aufsehen, und die Kontroverse über sie hilft ihm nicht wenig, sich über seine Befunde mehr Klarheit zu verschaffen als es die Ausführung der Hausarbeit alleine vermocht hätte. Zwei Punkte bleiben entscheidend, dass erstens nur schwächere literarische Werke tel quel sich soziologisch deuten lassen, um sie, wie er 1968 in einer spontanen Anfrage an Adorno hervorhebt, aus ihrer Trostlosigkeit herauszulösen und dass zweitens Störungen in der Sprache weniger als Fortschritt im Umgang der Sprache als künstlerischem Material denn als Anzeichen eines psychischen Defektes zu begreifen wären.
Es ist klar, eine Auseinandersetzung mit James Joyce und Arno Schmidt würde diese Voraussetzungen nicht lange als gültige bestehen lassen, und sie findet sich bei ihm auch nirgends. Man denkt an die Musik und an die Eigenwilligkeit von KomponistInnen, die eine Abwehr gegen die serielle Musik entwickelt haben und von einem Fortschreiten der Kunst nur augenzwinkernd reden. Die Magisterarbeit zerpflückt Carl Sternheim, die Dissertation analysiert Döblin und die Habilschrift widmet sich kleinen Passagen von Kafka, Canetti, Bernhard, Handke und wenigen anderen, die derart eine Psychoanalyse-nahe Lektüre anvisieren, als ob die künstlerische Produktion immer schon die Grenze zum Wahn, zum Tod und, wie man ergänzen müsste, zum Tier auszuloten hätte.
Bis zum Tod 2001 durch einen Autounfall erscheinen vier überaus erfolgreiche, und zwar in verschiedenen Sprachregionen sehr schnell gefeierte Prosawerke: Schwindel. Gefühle (1990), Die Ausgewanderten (1992), Die Ringe des Saturn – Eine englische Wallfahrt (1995) und Austerlitz (2001). Der Übergang zu ihnen von den akademisch-essayistischen Texten geschieht kaum merklich, so dass dem Genuss der literarischen Werke ohne Trübung ein solcher der ersten Arbeiten folgen kann. Als Zusätze erscheinen der Autor selbst – zuweilen ein ganzes Knäuel von Erzählenden – und die Lüge. In allen Stücken gibt es einen Icherzähler, der zu einem realen Zeitpunkt, meistens nach 1980, entweder sich an einem realen Ort aufhält, den er beschreibt, oder sich in einem Raum bewegt als Reisender, als Verreisender, als Wanderer, als Auswanderer, als Rückkehrer, als Heimatloser. Sebald gibt seiner gewöhnlichen biographischen Herkunft aus einem bayrischen Voralpenkaff eine Bedeutung, von der er nicht lassen will: Auch diese abgelegenen Flecken der Welt waren Nester des Faschismus, auch ihre verstreute Bevölkerung von Armen stellte zuhauf Akteure der Schuld des Faschismus (nach 1970 unterdrückte er seine deutschtümelnden Vornamen und liess sich Max rufen). Orte und einzelne Menschen, Räume und erinnerte Lebensgeschichten – das sind keine komplexen Beziehungs- und Gedankengebilde, die ein gesellschaftliches Gefüge besser verstehen lassen würden. Anstoss zum Erzählen bilden Einzelheiten, die in einen Verlauf gestellt werden. Und so sind Sebalds Stücke idealtypische Verlaufsgeschichten, zuweilen linear und kurz, dann gebrochen, aufgeschichtet oder mit Einschüben versehen, die selbst auch vielfältig auswachsen und komplex dastehen dürfen, zumal alle Prosatexte mit Fotos des Autors durchsetzt sind, entweder die äussere Wirklichkeit abbildend oder bloss Dokumente, die im Text zur Sprache kommen, also auch Fotos beziehungsweise Bilder und Zeichnungen aus Dokumenten. Meine erste Lektüre waren Die Ringe des Saturn, die unmittelbar daran anschliessende Austerlitz. Erst in der zweiten Hälfte des zweiten Buches entstand eine gewisse Mulmigkeit: Je verzweifelter und abgründiger sich die Lebensgeschichte und der Terror gegen sie entfalteten, desto mehr machte sich ein Misstrauen breit. Die Bestätigung dann im Internet, dass Sebald in allen Prosatexten die Fakten mit Phantasien erweitert, brachte wieder Ruhe in den Lesefluss, so dass ganz der objektiven Erfordernis der Stücke gefolgt werden konnte, die Darstellung von Stimmungslagen genau ins Auge zu fassen und nicht die Einzelfakten auf ihre Verlässlichkeit hin zu überprüfen. Man akzeptiert, dass in einem Text konstruiert wird, um einen komplexen Zusammenhang wie den Lebensverlauf (recte: Sterbensverlauf) im Holocaust als Gesamtbild darzustellen, dessen Grauen nicht durch die Summe empirischer Gegebenheiten als verständliches Gebilde füglich gezeichnet werden könnte; denn das Grauen selbst ist nicht mehr verständlich und zuinnerst also die Lüge selbst.
Doch wie weit darf ein Autor im literarischen Erfinden der Lüge Raum geben? Wenn erst einmal deutlich geworden ist, dass die Lüge als Fiktion ihren Platz im Textgefüge innehat, wo immer sie hineinpasst, wird die Lektüre strapaziert, weil es meistens nicht möglich ist, sie zu durchschauen oder dann, wenn man eine vermutet, ihren Sinn klar zu erkennen. Da die Fotos keine Quellenangaben enthalten, betrachtet man sie des öfteren mit Verärgerung, insbesondere in den zwei Büchern Austerlitz und Die Ausgewanderten, da sie Authentizität suggerieren sollen, zuweilen aber, ist man erst dem Trick auf die Schliche gekommen, in aller Offensichtlichkeit vom Autor fingiert worden sind, manchmal launisch und ohne rechte Intention, manchmal den Gang der Geschichte erst konstituierend. Dieses schuldhafte, lügenhafte Phantasieren kippt in Phantasterei um, wenn Ereignissen und Gegebenheiten Koinzidenzen und Beziehungen unterschoben werden, wo es peu à peu doch allen LeserInnen dämmert, dass weder die eine noch die andere Seite solcher Beziehungen der Realität entnommen ist. Nur der Autor scheint unverfroren an seine Texte zu glauben, in denen er sich hütet, aus einer zwar warmen und angenehmen, nichtsdestotrotz wabernden Sprache der Romantik auszubrechenden und in ihr selbst anzudeuten, wie denn dem Geschilderten begegnet werden müsste. Alles geht in den Texten seinen normalen, realen Gang, der das Reale selbst darstellen soll. So wundert es denn mit der Zeit nur wenig, dass das Unglück der gejagten Juden nicht mehr aus den Handlungen bestimmter gesellschaftlicher Akteure abgeleitet wird, sondern als Unglück an sich in der Existenz überhaupt gesehen wird (dem historischen Existentialismus hatte der junge Sebald noch widersprochen), ganz aus dem romantischen Abhub herausgefischt in der unendlichen und abgründigen Natur des Menschen. Es gibt aber das Recht nicht, die Dialektik von Natur und Geschichte ausser Kraft zu setzen. Man muss benennen: es sind die brüllenden Führer, die die Parolen ausgeben, es sind die Medien, die sie wie Mist übers Volk verzetteln, und es sind im Staatsapparat die WissenschafterInnen, TechnikerInnen, Ärztinnen und Dienstpersonen, die die immer faschistischer werdenden Regeln in den Alltag überführen. Man darf sich nicht dazu verleiten lassen, alles als schlecht zu qualifizieren, wenn das gesellschaftliche Schlechte zur Sprache kommen soll. Bei Sebald, der das Unglück von Anfang an zum Thema hatte, dünkt es einen in zunehmendem Masse vernebelt.

Vorgestern Abend bei der Bärenfalle in Saas Fee dieses Schild gesehen und reflexartig mir gesagt, jetzt übertreiben sie wieder, die Deutschen oder Österreicher, und wandern nur noch glücklich, wenn sie hinter einem Wanderführer nachwandern dürfen, mit eigenen Karten und eigens für sie geschaffenen Wanderwegen. Mal schauen im Internet, wer das ist, der Herr Carl Rückmayer. Google ist schlauer und fragt mich unverzüglich, ob der Mensch nicht vielleicht Carl Zuckmayer heissen soll? Uff, und momentan lese ich doch gerade einen prominenten Literaturwissenschaftler…
Gestern Nacht trotz der üblichen Abwehrstrategie von Schweizer Radio DRS2, alles daran zu setzen, dass ernste Musik nur im zeitlichen Abseits und ohne jede Ankündigung in einem Programm als üble Pflicht gesendet wird – am liebsten würden sie’s tonlos machen – endlich Sur Incises von Pierre Boulez gehört, aufgenommen in den letzten Wochen in Luzern. Dass es solche Musik noch gibt, spannend von der ersten bis zur letzten Sekunde, gut über eine halbe Stunde lang! Man könnte neu geboren werden wollen.
Wieder atypischer Alptraum. Ich scheine ein Konzertbillet gewonnen zu haben, aber das Konzert findet in Australien statt. Nach Diskussionen und Erwägungen entscheide ich mich zu gehen, morgen um 6 Uhr, und nach 24 Stunden ist der Rückflug wieder hier. Vor dem Abflug kommt ein Alter Alki, macht irgendetwas, Klavierstimmen oder Klavierspielen oder so, erzählt Erlebnisse aus dem Falken und dem Pyri und fragt dann, wann ich mein Konzert hätte mit Susanne. Ich kann mich nicht recht erinnern, phantasiere mir eine Partitur zusammen, und es dünkt mich, ja, ja, wir werden demnächst spielen. Dann kommt sie auch schon hereingetreten, schön und blond und etwas grösser als in Wirklichkeit, nachdem ich noch auf einer Art Weltzeituhr an der Wand, die aber momentan ausser Betrieb zu sein scheint, gesehen oder geahnt hatte, dass das Flugzeug schon abgeflogen sein muss. Wir stehen seitlich zusammen, Arme um die Schultern, und merken, dass es gefährlich still ist im fast ganz dunkeln Haus, wie in einem Krimi. Man hört, wie sich etwas verschiebt. Sie sagt: Achtung, das ist eine Louson-Türe! Eine was? Nicht eine Looser-Türe, sondern eine gefährliche Louson-Türe (fast wie Lausanne). Jetzt sehe ich, was es ist. Eine Schiebetafel, 40x40cm, wird in der Tapete nach aussen gehoben und seitlich weggelegt, auf eine Kommode. Aus diesem Loch in der Wand erfolgen nun die gellendsten Schüsse. Der ganze Körper fühlt sich an wie seit einem halben Jahr nur das linke Becken, wie unter Strom. – Klar, dass da hässliche, aufgenötigte Sitzungsstunden verarbeitet werden. Wie kann ein Mensch nicht merken, dass ich nicht lügen kann, und nutzt solches frei von aller Scham bis ins Letzte aus?
Seit dem ersten Treffen für die Gutachten im Auftrag der Invalidenversicherung haben die Alpträume wieder eingesetzt, nicht in der Anhäufung und in der brutalen Suitenform der Jahre 1979-1986, aber doch das Ende einer gut zwanzigjährigen Ruhephase deutlich markierend. Ich warte auf das Postauto, das mich mit viel Gepäck, so umfangreich wie eine ganze Wohnungseinrichtung ohne Bücher, Bilder und Musikalien, nach Zürich bringen soll. Ein mittelgrosser Lieferwagen fährt heran, und erst als er schon vorbeigefahren ist, merke ich am grossen Hinterfenster, dass dieses das Postauto gewesen sein muss. Ich stehe mitten auf die Strasse und winke es zurück – es wendet tatsächlich, und alles geschieht, was geschehen sollte, das Mobiliar wird eingeladen. Dann aber ist der Bus voll, und man sagt, das Mobiliar würde vorerst allein transportiert, ich selbst würde später abgeholt. Ich schaue zu, wie das Auto, grau in grau, abfährt, aber schon bald von der Landstrasse in einen Feldweg abbiegt, nach rechts auf ein grösseres Haus zu auf einem Hügel. Ich werde nicht recht schlau und sehe alsbald das richtige Postauto heranfahren, gleiche Grösse wie das andere, knapp 20-plätzig, aber in gelber Postautofarbe. Am Steuer ist eine sehr schöne Chauffeurin, die einverstanden ist, den Kurs über den Feldweg zu fahren. Kaum eingespurt, sehen wir die Barrikaden, immer eine von rechts bis über die Mitte der Spur, dann zwei Meter weiter eine von links – eine weite Strecke, die kein Auto durchzufahren vermag, die sich aber zu Fuss hinter sich bringen lässt. Ich weiss nicht, ob ich die Frau gebeten hatte, mitzukommen, jedenfalls steigen wir beide aus und machen uns auf den Weg. Sofort beginnt eine brutale Schlacht, geführt von den Leuten, die mein Mobiliar vor kurzem abtransportiert hatten. Ich wehre mich mit einem Zackenrädchen, wie ich es als Kleinkind bei der Nähmaschine liegen sah und das dazu diente, Strickmustern nachzufahren, mit einem Durchmesser von 2cm, montiert an ein Stäbchen von 10cm Länge. Wozu es wirklich benutzt wurde, konnte ich nie beobachten, aber jetzt drücke ich es einem Angreifer in die Ferse, da ich wohl in der Gemengelage und zwischen den Barrikaden schon bald zu Boden ging. Es fliesst Blut überall. – Was immer im Traum steckt, er ist auch eine Warnung dagegen, heute das Pensionskassengeld aufzulösen. Solange ich mit einer 100% Invalidenrente lebe, kann ich es auflösen, nach dem Entscheid in einem Monat wird das nicht mehr möglich sein. Nur so lässt sich vermeiden, von der Invalidenrente zur Fürsorge abgetrieben und aus der Wohnung, die dann 50 Franken zu teuer wäre, herausgetrieben zu werden. Das Geld wird für ein Jahr lang reichen. Vielleicht findet sich in dieser Zeit ein Einkommen, vielleicht wird die Krankheit, die unaufhörlich an die Türe klopft, dann die Biographie zu Ende schreiben.
Über eine Kunst zu schweigen, nur weil sie zuviel Problematisches enthält, wäre feige. Jede muss ihr Material, der Gesellschaft entliehen, in sich selbst entwickeln, und dass es über die Gesellschaft und die wahre Wirklichkeit hinausgeht, trennt sie wesentlich von der Theorie. Wie der Bogen gespannt ist, macht die Qualität des Rätselhaften in ihrer Entzifferung aus – und führt zur Ablehnung, wenn er überspannt wird.
Die frühen Kurzgeschichten von Thomas Pynchon in Spätzünder (1958-1964, dt. 1985) zeigen einen früh gereiften Autor, dem man wohl auch ausserhalb einer historischen, organisierten Lektüre, die nicht der Entstehungsgeschichte folgt, sofort vertraut hätte, sowohl sprachlich wie im Aufzug und der Anlage der Sprachgebilde. Das Unwahrscheinliche tritt einzig als Moment auf, das die Geschichten erzählwürdig macht, als das Besondere im Allgemeinen einer historischen Wirklichkeit, bloss hervorgehoben und leicht stilisiert, nicht verfälschend. Ganz am Rand winkt der Name eines Arztes, bei dem sich die deutschsprachige Zunge verknoten will und der in einem späteren Werk zentral erscheint, dem in Wirklichkeit aber kein gelebter Eigenname entspricht: Slothrop – heute treibt er als heissgeliebter Übername im Popuniversum sein Unwesen, allein von Google im Ralen notdürftig zusammengehalten.
Das nächste Werk, von 1965, liest man als erweiterte Shortstory (deutsch 1973 als Die Versteigerung von Nr. 49) und enthält doch schon die Materialien der folgenden grossen: viel Alkohol, Drogen, Sex als Abfolge de Sadescher Cabaretnummern, Arien (in der Lektüre zu singende Songs mit präzisen Angaben), Verschwörungsgebilde in einem immens verzweigten Geäst, Bezugnahme auf Komponisten wie Stockhausen. Die Geschichte ist ordentlich spannend … und floppt wie ein Krimi, in dem der Mörder schlussendlich doch nicht auszumachen ist. Das Grossartige liegt weniger im Plott als dass 1965 schon etwas zur Darstellung gelangt, was sich erst in den darauf folgenden Jahren breit entwickelt; deshalb darf man Pynchon nicht nur als Zeitzeugen der Popkultur verstehen, sondern geradewegs als einen ihrer Akteure selbst, und keineswegs als ihr schmächtigster.
1973 wird Gravity’s Rainbow veröffentlicht, deutsch dann 1981 von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz als Die Enden der Parabel in einem Umfang von 1194 Seiten. Einige Sexszenen sind zwar kaum zu ertragen, lassen sich aber, da auf wenige Seiten beschränkt, überlesen; sie sind nicht wirklich problematisch. Schwieriger ist es, abzuschätzen, was die Geschichte überhaupt will. Sie ereignet sich während der letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges und wird aus dem Blickwinkel nicht weniger Agenten, Gegen- und Doppelagenten gezeigt, darunter hauptsächlich eben auch aus demjenigen des Amerikaners Tyron Slothrop; sie will, wie es scheint, nichts weniger als die Antriebskräfte des Krieges sichtbar machen. Solche konzentrieren sich um die Entwicklung der Technik, die abhängig ist vom Stand des technischen Wissens und dessen kapitalistischer Verwertung wie von der Triebstruktur derjenigen, die dieses Wissen produzieren, zunächst rein theoretisch, schnell aber im Zusammenhang der Produktion handfester Technologien. Den Zusammenhang von Triebstruktur – vorzüglich in der Form des Sadomasochismus – und Technik ins Zentrum zu setzen und das Ideologische oder Politisch-Gesellschaftliche der einzelnen Staaten aussen vor zu lassen, ist sicher nicht falsch und hilft, den Hintergrund auch gegenwärtiger Kriege transparenter zu machen, als abhängig von Interessen Einzelner; ja, es ist dies eine Kleinklasse heute, mit Vasella, Gates und nur wenigen anderen in der Compagnie (die wirklichen und reinen Waffenproduzenten und Kriegstreiber kenne ich nicht). Und doch kippt die Einschätzung des Romans ins Gegenteil, das nun dasteht als eine Ansammlung pubertärer Lügengeschichten, die dem Grauen Hohn sprechen, ganz einfach dadurch, dass sie es verschweigen. Unerträglich wird das Vorgetragene, wenn es auf dem Niveau der James Bond-Filme Slapsticks aneinanderreiht, die einem mit jeder Pointe nur lauter ins Gedächtnis und ins Gewissen rufen, dass das Ganze doch über der Hölle des Holocausts geschieht. Man muss wohl vollgedröhnt sein oder der Paranoia der Süchtigen aus freiem Willen alle Vorzüge gewähren, wenn man während der langen Lektüre das Buch von seinem unterlegten Sinn entbinden und den Antisemitismus nicht als tieferliegende Voraussetzung zu den im Text angesprochenen wahrnehmen will.
Vineland von 1993 und deutsch 1995 erweitert das Szenario des popkulturellen Frühwerks der Versteigerung von Nr. 49, indem die Geschichte auf gemässigten 480 Seiten zeigt, was aus den Hippies der sechziger Jahre geworden ist. Die unbedarfte Lektüre macht einzig klar, dass diese Gruppe marginal geworden ist und in ihr selbst sich nur sehr weniges verdichtet, das mit der Gesellschaft im allgemeinen am Geschehen ist. Die ersten dreissig Seiten mögen noch so virtuos und spannend dastehen – der Erzählfluss stirbt nachher ab, und das Kunstwerk vermag es nicht, einen Einblick in das Rätselhafte gesellschaftlicher Wirklichkeiten zu vermitteln. Hier ist es weniger der Irrealismus, der so wenig Erkenntnis freisetzt, als das gewählte Objekt selbst, die paranoische Drogenszene; ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist einfach zu gering, als dass man nicht sagen möchte: sollen sie doch denken was sie wollen (das Buch macht nicht die geringste Anspielung darauf, dass Süchte ein medizinisches und umgekehrt die Medizinisierung und Psychiatrisierung ein politisches Problem darstellen).
Die beste Geschichte in den letzten drei Wochen dünkt mich Masen & Dixon von 1997, deutsch 1999, mit 1023 Seiten ein Werk, das wieder entschiedene Hingabe verlangt, also kaum ohne weiteres bei KonsumentInnen der Popkultur vorausgesetzt werden kann. Der eine (theoretischer) Astronom, der andere (handwerklicher) Geometer, werden Mason und Dixon von der englischen Royal Society nach Südafrika geschickte, um dort 1761 den Durchgang der Venus vor der Sonne mit theoretischem Gewinn wissenschaftlich zu beobachten. Jahre später müssen sie im Namen derselben Gesellschaft nach Amerika, um eine heikle Grenzberechnung durchzuführen, der eine geometrisch läppische schnurgerade Grenzziehung nach Westen folgt, die nur Durchsetzungskraft (und also Gewalt) erfordert und deren messtechnicher Hintergrund – die Ausnahmslosigkeit in der Ziehung der Grenzgeraden – ungeklärt bleibt. Auch später, zurück in England, sind sie nicht definitiv getrennt, und es fehlt nicht viel, dass zwei Kinder von ihnen sich verheiraten würden. Alles Gute im Buch erscheint, als ob die grossen späten Typoskripte von Arno Schmidt eine Fortsetzung gefunden hätten: Phatanstereien und Lügengeschichten zuhauf, doch in ihrer Anhäufung wohl dosiert und immer transparent auf einem erzählerischen Boden, der die reale historische Wirklichkeit nicht korrumpiert – man traut dem gewährten Recht auf Einsicht in die realen Abgründe der Zeiten der Aufklärung. Neben den einzelnen Geschichten, die von jedem Protagonisten des Buches vorgetragen werden können – es gibt unzählige, und die Mason-Dixon-Geschichte ist selbst schon eine solche – gibt es die phantasierten Biografien und die Legenden über andere Lebewesen, haarsträubende Deutungen theoretischer Vorgänge und solcher in der Natur unter erschwerten Beobachtungsverhältnissen, schliesslich am lustigsten die allmähliche Verwandlung realer Szenen wie bei Schmidt in gespenstische oder sonstwie phantastische. Im Gegensatz zu den Enden der Parabel, und darin zerstört sich letztere als Kunstwerk ausserhalb der bloss ironisch-witzigen der Popszene, benutzt hier Pynchon die Lüge nicht dazu, den Gang der Geschichte vorwärts zu treiben. Indes haben auch andere RezensentInnen festgestellt, dass die einzelnen Phantasiegeschichten im vierten Fünftel des Buches eine eigentümliche Eigenschaft aufweisen, nämlich in sich zwar nicht ganz schlecht geformt zu sein, aber doch gegenüber dem Ganzen unmotiviert und etwas langweilig dazustehen – als hätte einer sich trotz diverser Warnsignale durchgerungen, verstaubte Reststücke aus Übungszeiten weiter zu verwerten. Als Kind schaute ich oft zu, wie die Spaghettisauce vor sich hin köcherlte – welch Graus, wenn die Mutter kurz vor dem Essen den Kühlschrank öffnete und die schwarzgebratenen Zuccettiresten, mindestens eine Woche alt schon, unter die duftende Sauce rührte. Das war heftigster Pynchon avant la lettre. Die theoretische Aufgabe gegenüber dieser grossen Kunst wäre es, herauszufinden, welche Notwendigkeit es erforderte, theoretisch so weit – und spannend – abgestützte Geschichten mit Unsinn zu überfrachten, der im Lektüremoment vielleicht lustig ist, das Gute im Text aber bis ins Innerste verfälscht. Kann das Falsche im Gebilde die Menschen auf dem Weg fit machen, dem Falschen in der Gesellschaft entgegen zu treten? – Im Namen der Spaghettisauce ohne spitze Tomatenhäutchen und schwarzgrüne Zuccettiresten: Nein.
Wo man den Thömu nicht überall zu sehen bekommt…


Daubensee
Das begriffliche Phantasieren übers Leben hinaus führt immer wieder zur Gewissheit, dass die obersten Kategorien der Metaphysik, das Sein und das Nichts, sowohl falsch sind – verdächtig waren sie immer schon – als auch leicht durch die Begriffe der Ausdehnung und der Schrumpfung ersetzt werden können. Das Ewige, das nie geheuer schien, kann vergehen, weil es nie zweifellos sein wird, dass ein noch Beständigeres beschrieben werden könnte, so wie die Ewigkeit der Erde als der Menschen Welt nur als Kinderglaube überlebt – und vor der grösseren Beständigkeit aller weiteren Galaxien neben der Milchstrasse als Nichtigkeit vergeht. In der Frage, was denn nun sei und was die Wirklichkeit ausmache, überformen die Kategorien der Zeit die des Seins, so dass die Hierarchien aller Ordnungen des Seins als obsolete stürzen: entscheidend ist allein der Zeitpunkt des Erscheinens der Dinge, genaugleich wie der ihres Verschwindens; der scheinbar objektive Funktionszusammenhang ist einer nur für uns. Wenn die Vorstellung anderer Geisteswesen nicht zwangsläufig Regressionen nachsichzieht, wären solche einer weit gedehnteren Zeitordnung angehörig. Würden sie alle hundert Jahre ein müdes Auge auf die Erdenwesen werfen, schlössen sie dasselbe auch heute wieder abgestossen, weil auch jetzt nichts darauf hinzuweisen vermöchte, dass die Menschen aufzuhören willens wären, einander in schlechter Abhängigkeit zu halten und sich so in den Abgrund hinabzuziehen.
Soeben auf DRS2 grossartiges Hörspiel gehört von Hanspeter Gschwend aus dem Jahr 1994: «Code-Execute»
Am Cembalo spielte Helene Ringgenberg,
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Enkelin eines grossen Brückenbauers.
Schon lange ist es her, dass mich ein Hörspiel so heftig aus den Socken gehauen hat! Es streift die Idee, dass sich die prästabilisierte Harmonie der Welt heute von aussen zwar als prästabilisierte Disharmonie beschreiben und kennzeichnen lässt (die Cembalsitin spielt Hauer, nicht Telemann), dass sie sich aber wie bei Leibniz wegen der Fensterlosigkeit der Monaden und der Abgeschlossen- und Abgeschiedenheit der einzelnen politischen Katastrophenwelten aus ihnen selbst her nicht wirklich aufbrechen lässt, weil der Schuldzusammenhang der Einzelereignisse zu grosse Komplexe umfasst, dessen Dichte wiederum das Mass der Trennung abzugeben scheint.
So gute Himbeeren hatte ich schon lange nicht mehr, aber teilen tät ich doch lieber mit einer Anderen.


Auf den über 700 Videos des Vaters bei YouTube ein „wunderschönes“ Lob entdeckt. Folgt man dem Link des Users, wird man mit massenhaften Lobhudeleien auf die SVP und die rechtsradikale Szene der Scheisz konfrontiert. Das Lob, das sich nur auf die Schönheit eines seiner Wolkenvideos bezieht, ihm nicht melden – oder es ihm melden und ihn glauben machen lassen, dass die AnhängerInnen der SVP so abscheulich doch nicht sind?

Fieben??? Die stecken so arg in der grauen Nebelsuppe, dass ihnen schon die einfachsten Buchstaben davonzuschwimmen drohen. Nicht mal der Google hat’s im Verbarium.
Und hat jemand schon von Schiermonnikogg gehört? Weiss doch jeder Walliser, dass es Schiermonnikoog heissen sollte, schliesslich haben wir den Holländern einstens unser eigenes weites flaches Land anvertraut, damit sie mit ihren Holzzoggoli nicht ständig von den Hängen des Bietsch-, Weiss- und Matterhorns runtunterrutschen müssen, auch nicht mehr von der Dent Blanche und vom Grand Combin. (Ihre Berge überliessen sie bekanntlich im Gegenzug uns selbst, in der Meinung, es wäre dann praktischer, an die Anfangsstationen der Skilifte zu gelangen. Lassen wir ihnen den Glauben, eine gute Tat gemacht zu haben. Immerhin gibt es indes noch mindestens einen Ort, die Engstligenalp, wo das Urwallisertum ohne Sauce Hollandaise über den langen Winter hinaus mit gemütlichem Fieben gepflegt werden kann.)
Treffe auf einem Campingplatz in den Bergen, vielleicht im Leukerbad, Ursula Streckeisen, die zusammen mit ein paar Leuten den Abend geniesst, sage ihr, dass ich in den letzten drei Tagen ihr grosses zweiteiliges thanatosoziologisches Werk studiert hätte, was auch ausserhalb des Traumes der Wahrheit entspricht, wenn man die Wander- und Bearbeitungstage ausklammert, und lobe insbesondere die Beschreibungen in den Sezierräumen, da sie mich bald des näheren betreffen würden – auch das Lob dieser Passage korrespondiert mit der Welt ausserhalb des Traumes, vom anderen wollen wir mit Hoffen noch etwas zuwarten. Täusch ich mich oder geniesst sie es, als ich ihr erzähle, mehr mit dem Spital selbst beschäftigt zu sein als mit Texten? – Im zweiten Teil des Traumes suche ich mein Zelt auf, das aber schon von drei Frauen bewohnt wird, einer verlebten Greisin, einer knapp fünfjährigen aber nicht weniger Hässlichen und einer ganz Schönen, von der aber nicht viel zu sehen ist. Ich hätte wohl falsch bestellt, das sei immer schon ihr reservierter Platz mit ihrem Zelt gewesen. Kein rechter Traumausgang, schon gar kein rechter Ärger, weil ich nur die Dritte im Auge habe – aber hat jetzt wenigstens diese aktuelle Nachtkolik ihr Ende gefunden? – Immerhin. … Uff nein, nach drei Schreibminuten schon wieder eine kleinere Attacke.
Die Führer Blocher-Maurer haben einmal mehr in Stärke gesiegt, indem das Schweizer Volk ihrem Ruf folgte wie nicht anders zu erwarten war. Die Invalidenversicherung ist ab heute so revidiert, dass jeder von uns rechtens zu jedem Zeitpunkt infrage gestellt werden kann. Auch auf diesem Gebiet herrscht nun diejenige Vernunft allein, die von allem nicht Pekuniären gereinigt ist. Wo die gequälte Existenz aufatmet, weil sie das Leben wieder halbwegs selbständig zu einem sinnvollen Gebilde fügen kann, sieht der Staat der reinen Finanzgewalt ab jetzt sofort wieder eine Quelle des Reichtums, die er für sich sicherstellt. Wer sein Leben zu Tode säuft oder vor dem brüllenden Fernseher z’gerechtem vernebelt, hat weiterhin nichts zu befürchten. Die 100%-Rente, die hier infrage gestellt wird, beträgt monatlich 1220.- Franken. Da ist kein Beruf, den man jederzeit zu 25% oder 50% ausüben könnte, keine Fähigkeit, die sich an irgendeiner Stelle lohntragend einsetzen liesse – aber da sind schon wieder Hunderte von Elektroschnörrlis mit einer Bildung knapp über der Primarschule in den Startlöchern, Schmiermittel der Stupidokratie immer schon, die einem dienstbeflissen sagen werden, was zu tun sei, entgegen dem, was man tut, das sie aber nicht verstehen wollen.
Vor 16 Jahren nötigte meine Personal-Hexe im fensterlosen Kopierer-Raum mir das Versprechen ab, niemals mich im Bereich der nichtregressiven Soziologie ernsthaft beruflich interessiert zu zeigen. Heute Spuren nachgegangen, die zutagefördern, dass sie mittlerweile unter dem Unstern einer gemeinsamen Bedrohlichkeit um 100 Tage überlebt worden ist. – Erstaunlich die Beobachtung, dass trotz massivem Feindschaftsdienst der Nachhauseweg durch die Stadt mit gesenktem Blick erfolgte, nicht befreit und ausserhalb des Katastrophischen, nicht ohne Trauer. Es scheint nichts vorbeigehen zu wollen auf dieser Welt, sondern wäre es immer nur.
Schmerzgebilde in Gelenken zu beschreiben, deren Malignität noch nicht bestimmt ist und die also auch aus bloss frühalterndem Chondrom-Material bestehen können, führt einen tief hinein ins prekäre Vokabularium und die unabschliessbaren Vorstellungswelten der neuen Musik. Über einen langen Zeitraum, in einem Gebilde jetzt schon seit vier Monaten, in einem anderen seit drei Jahren, verändern sich die Schmerzempfindungen permanent, ohne je schon unerträglich geworden zu sein, ohne je sich abgeschwächt zu haben, ohne Wiederholung in ihren Erscheinungsweisen – jeden Tag. Was für eine neue Erlebniswelt von Nuancen! Das linke Sakralgelenk begann – nach einem wilden Jahr 2006 mit blinden Schüssen in die Umgebung – vor vier Monaten als kleiner schrumpliger Holzapfel und zuckt schon mal in den Oberschenkel wie ein Frühsommergewitter, die rechte Schulter begann 2003 als sanft wärmendes Kerzenlicht, das heute zuweilen kracht wie ein mit der Axt nicht zur Gänze durchgehauener Brennholzklotz. Ist das zu erfahrene Körperspiel Maurice Ravels’s Bolero, mit der Aufführung noch im ersten Zehntel, oder Morton Feldman’s Crippled Symmetry, oder Luigi Nono’s Prometeo? Mit John Cage liess ich mich noch so gerne ein – dennoch ist es eines bestimmt nicht, sein vor vier Jahren in Halberstadt angesetztes und doch eben erst begonnenes Stück Organ2 – As Slow As Possible … ich wäre auf dem Weg, ein über 600jähriger Bozu zu werden.
Jemand: „Lieber zwei Stunden nachsitzen als zwei Stunden Philo!“
Der Sebo kritisiert den Philo-Unterricht.
Philosophielehrerin: „ Dann argumentier doch!“
Sebo: „Nei, mag gat nit!“
Philosophielehrerin: „Wenn man natürlich beim Verstand (der Walliser MaturandInnen) nicht auf Selbstbeobachtung zurückgreifen kann…“
Philo vor den Ferien.
Sebo: „Mächä wär Spillstund?“
Philosophielehrerin: „Willst du mir definitiv beweisen, dass ihr nicht im Erwachsenenlager seid?“
Philosophie: Philo= Liebe Sophia= Weisheit
Christian: „Wettigi Ironie!“
Philosophielehrerin: „Ich kenne übrigens Adressen von guten Kindergärtnerinnen.“
Philosophielehrerin zu einem Text: „Jetzt haben wir den doch leergelutscht.“
Sebo: „Philosophie ist Gedenksport.“
Auch wenn es keine Theorie des Todes geben kann, wegen der Weichheit unserer Birnen, versteht doch jeder Vernünftige die Tatsache als absolute Ungerechtigkeit, dass im Tod alle gleich sein sollen, gleich wie alle Schweinehunde, denen wir im Leben und in der Geschichte begegnet waren und auf weiteres begegnen müssen.
Man wäre dann dem Tod auf der Spur, wenn man von sich selbst sagen könnte, ich als Toter werde nicht mit denjenigen Toten vergleichbar sein, die so viel Unglück auf der Welt deponiert hatten. Aus der Pseudo-Ontologie des Todes als zerfallendes Anorganisches würde eine Geschichte, ohne dem Selbst und der Seele Ewigkeit zuschreiben zu müssen. Ohne ein Moment der Natur oder bereits eines der Gesellschaft zu sein, wäre er doch mehr als das blosse Nichts und die dunkle Sinnlosigkeit, die im Schmerz so viel Angst auszulösen vermag. So radikal unverständlich das Fürsichsein des Todes und damit sein Sein überhaupt, so unbestritten ist die Bedeutsamkeit seiner Zeit als dem Zeitpunkt seines Auftretens (med. „seines Eintretens“). So wie die Töne durch die Arten und den Zeitpunkt ihres Erklingens dem Musikstück Sinn geben, wird der Tod dann zum Thema, wenn man über die Zeit seines „Erscheinens“ spricht.
Nicht unwahrscheinlich, dass die grösseren und umfassenderen Theorien der Zeit deswegen so schwerfällig und gescheitert daherkommen, weil ihr Gegenstand vom Tod beherrscht wird, den sie sich vernünftigerweise nicht zum Thema machen können.
(Das Wunschdenken vermag fast ohne Zweifel, den eigenen Tod von dem der Schweinehunde der Geschichte fernzuhalten. Einer freien Gesellschaft, die das Tabu De Mortibus Nil Nisi Bene ausser Kraft zu setzen vermöchte, bleibt es aber vorbehalten, den Tod ihrer Bürger und Bürgerinnen von der Nähe desjenigen der zeitgenössischen Schweinehunde unberührt zu lassen; es gäbe dieselben nicht so himmelschreiend dreist wie in unseren, wo der Skandal so allgemein herrscht wie der Tod gleichgültig betrachtet wird. – Liesse es sich denken, wie ein Anhänger der Schweizerischen Volkspartei SVP oder ihr Führer von sich selbst sagte, er als Toter würde nicht mit denjenigen Toten vergleichbar sein, die all das bekannte Unglück in die Welt gebracht hätten?)
