Boris Godunow in New York

13. März 2011 um 4:54 Uhr von ur

Gestern via Bayern 4 in New York: Boris Godunow von Modest Mussorgsky, Chor und Orchester der Metropolitan Opera, Leitung: Valery Gergiev (wurde ersetzt). Ich wusste nicht, trotz früherer Einsichtnahmen in diverse Aufführungen auf CD und DVD, dass man dieses Meisterwerk der Macht so auf den Hund bringen kann, ohne Schärfe und Kanten. Bezeichnend das Pauseninterview mit René Pape als Boris Godunow, der in seinem Spiel die humane Seite des Machtmenschen nicht beiseitegeschoben wissen möchte – als ob einer heute von der Fürsorglichkeit Ghaddafis seinen lieben Kindern gegenüber sprechen möchte. Trotzdem dünkt es mich verwunderlich, wie diese eigenwillige und leicht debile Haltung auf die Interpretation der Oper insgesamt abzufärben vermag. Mussorgskys Kunst gibt Einblicke in die Düsternis der Welt als Herrschaftsgebilde – der Boris Godunow in New York tönt arg danach, als hätte im Hintergrund der Pate die Finger spielen lassen mit dem Namen John Adams.

Alban Berg

11. März 2011 um 21:31 Uhr von ur

Soeben auf France Musique direkt live aus der Salle Pleyel gehört die Altenberglieder von Alban Berg, mit Christiane Oelze, Sopran und dem Orchestre Philharmonique de Radio France unter Pablo Heras-Casado. Berg komponierte wie ein Walliser immer schon, sie musizierten hier lyrisch wie Waliser.

Zusatz: Ich wollte eigentlich nichts über die nachfolgenden 3 Stücke Op.6 schreiben, aber sie haben mich so aus den Socken geworfen, dass ich die Begeisterung über diese Interpretation nicht unerwähnt lassen möchte. Man muss diese Musik genau auf diese Weise spielen, als wäre es schon Messiaen – der Nichtkitschige.

Deserts

11. März 2011 um 20:48 Uhr von ur

Soeben Deserts von Edgard Varèse gehört, auf SWR 2, mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung von Sylvain Cambreling, live vom 7. 11. 2010. Alle bisher gehörten Interpretationen waren scharf, vielleicht auch einmal zu scharf – diese aber dünkt mich eindeutig allzusehr abgemildert, als sollte man kitschigen Messiaen serviert bekommen. Schön aber allemal, den Alten im Ohr auf den Walliser Hängen wieder einmal von aussen zu hören, aktuell gespielt. (Ohne die Tonbänder einzuspielen, was leider vom Komponisten als legitime Aufführungsweise deklariert worden war: ich liebe ihre Dürftigkeit und Holprigkeit über alles.)

Die echolose Wüste Wallis

11. März 2011 um 19:38 Uhr von ur

Es gibt nicht viele Gründe dagegen, im Wallis wohnen zu wollen, aber einen entscheidenden habe ich gestern entdeckt, die Dürre der abrufbaren Radiostationen im Kabelnetz. In Bümpliz près Berne fühle ich mich nicht höllisch schlecht bedient mit DRS 2, Espace 2, SWR 2, Bayern 4, Ö 1, und natürlich am besten mit France Musique – kaum ein Abend, an dem ich zwar zuhause bin, den ich nichtsdestotrotz in einem Konzert verbringe, weil die genannten Stationen mit solchen Übertragungen nicht geizen. Im Oberwallis sitzt man förmlich auf dem Trockenen – oder suhlt in der Pisse der Unterhaltung. Zu hören bekommt man dort am Kabel zurzeit nur DRS 2, Bayern 4 und Ö 1. Das wäre mir zu wenig, wenn nächtens die Partitur der Berge nicht mehr zu lesen ist. Und das wäre ein Ding zu ändern noch. Dort.

Des Schweizers News als Lyrische Suite

11. März 2011 um 5:07 Uhr von ur

Das Echo der Zeit sind die grossen Abendnachrichten des Schweizer Radios, über neun Jahre älter als ich selbst und also seit meiner Empfänglichkeit fürs Geschehen in der Nähe und noch mehr in der Ferne die ausschlaggebende Informationsquelle, zu der die Zeitungsberichte nur die Zusätze bilden, ausser sie wären umfänglicher, detaillierter und begrifflich ausgefeilter. Da die Sendung für die meisten DeutschschweizerInnen diesen Status innehat, darf sie füglich als Institution bezeichnet werden, als Relais der Meinungsbildung meistens gegen die drohende Ideologie, selten gewiss auch in ihrem Namen – ein Gebilde ohne Fallstricke aber, das die Ideologie transparent werden lässt, indem es ihre Momente zur Sprache bringt. Um so erstaunlicher, wenn diese Instanz, die über fünfzig Jahre lang nie infrage gestellt werden musste, von sich aus, seit ungefähr zwei Jahren, alles daran setzt, die gute Rhetorik, die die Transparenz verantwortet, weil ihr sich konzentriert folgen lässt, weiter zu verbessern. Man tut dies, indem man einem Regelwerk folgt, das selbst, soweit ich weiss, in den Nachrichten nie veröffentlicht worden ist. Die Korrespondentenberichte, Kern der Sendung und angeliefert aus dem nahen Berner Bundeshaus oder aus den Ländern der ganzen Welt, bleiben wie die Nachrichten selbst, denen sie als Zusatz abends hinzugefügt werden, unangetastet, ihre unmittelbare An- und Abmoderation ebenso. Da es von ihnen jeden Abend zwischen fünf und zehn grössere oder kleinere anzuordnen gibt, werden Highlights aus ihnen schon vor den Nachrichten „ausgerufen“, ihr thematischer Gehalt Stück für Stück dann nach denselben klargemacht, ganz so, wie man ein Inhaltsverzeichnis als Übersicht versteht, das der Konzentration aufs unmittelbar Kommende dienlich sein soll. Die Verrätselung der Highlights in den Spots vor den Nachrichten samt ihrer Geheimnistuerei sind schon mehr als zehn Jahre Usus; obwohl fester Bestandteil der radikalen Lyrisierung der News, gehören diese Manieren noch nicht zur Anstrengung, die jetzt im Gange ist. Denn heute werden nicht nur einzelne Themen und einzelne Beiträge als Sugus, Dessert oder frühes Nachtmümpfeli präsentiert und dem Gwunder ausgesetzt, sondern die ganze Serie der aufeinander folgenden Korrespondentenberichte selbst. Jeden Abend lauscht man mit den Ohren dem Tagwerk der Moderatorin oder des Moderators, das folgsam den Regeln einer instruierten Poetik gehorcht, die wie jede den Sinn hat, vereinzelte Sinnmomente durch Wortkonstellationen in Bilder zu transformieren, wo der begriffliche Gehalt eine Ersetzung durch farbliche Kontraste und konturierte Schärfe- und Unschärfebereiche erfährt, nicht zuletzt mit der Absicht, dem Rezipienten eine Erfahrung zu ermöglichen, die in den Worten allein und für sich selbst nicht ausdrückbar wäre. Teufel, ist das manchmal schön und sind es die Kaskaden von Wortwiederholungen und Wortvariationen ganz wundersamer Art – und in der Tat sind die Einzelworte in einem Gedankenfluss am Schwimmen, wo sie alles tun, um keine vorschnellen Urteile als quasi Vorurteile vor den Korrespondentenberichten aufkommen zu lassen. Das Bewusstsein soll frisch aufnehmen, was als Neuigkeit aus der Welt nach Bümpliz kommt. Nur meines benimmt sich eigensinnig, ist wie nach einem Tippkick auf Lyrik eingestellt und träumt den schönen Worten nach, die Konstellationen eingehen von neuester Weise, wo Sinn und Unsinn ineinander übergehen, als ob es gälte, einem musikalischen Geschehen zu folgen, dessen Logik zerbrechlicher nicht sein könnte. Oft bin ich so verstört und lyrisch verzaubert, dass mich der Bericht wie eine Ohrfeige trifft, von der ich nicht weiss, was sie soll. Klar, dass mein Eigensinn sich wehrt, zu oft und immer immer wieder an den erwähnten Stellen, endlich auch hier gegen das Ganze, sei es gegen die Intendanz der Sendung, sei es gegen das infantile Zurechtstutzen der Fähigkeiten der einzelnen ModeratorInnen. – Dieser Blogeintrag wird ungerechtfertigterweise wohl im Zusammenhang mit Alban Berg gefunden werden, richtiger wären die Namen von Selg, Fatzer, Fillinger, Huber, Jacobi, Oettli, Scholkmann, Ineichen etc., mit der Ausnahme einer Moderatorin, die sich tapfer gegen den Unsinn wehrt und da, wo man spürt, dass der Druck im Nacken zu gross wird, sich verhält wie eine Katze, die einem Pudel die Pfote gibt. Der Ruhm kann ihr leider nur dadurch zugetragen werden, indem ihr Name nicht genannt wird.

Warum ich so klug bin und Gottschalk dumm

9. März 2011 um 19:03 Uhr von ur

Soeben im Echo der Zeit auf Schweizer Radio vernommen, dass die Sendung mit der Maus heute 40 Jahre alt wird. Das hätte mich nicht weiter gekümmert, wenn nicht ein prominenter Akteur der Kulturindustrie, Gottschalk, den ich nur aus Zeitungsmeldungen und von Internetbildern her kenne, zuletzt im Zusammenhang eines Spiels, in dem einer zum Patienten von Nottwil gemacht wurde, in einer absonderlichen Witzigkeit behauptet, er sei so klug (oder was auch immer), weil er so oft wie möglich diese Sendung „angekuckt“ hätte. Ich habe sie im Verlauf der letzten vierzig Jahre kein einziges Mal gesehen, und diese gezeichnete Maus kenne ich nicht einmal von Bildern aus dem Internet. Was aber denkt sich wohl der Spielekandidat, wenn er heute Abend Gottschalks Statement zu hören bekommt? – In der Kulturindustrie bleibt auch der ein Grösster, der in der wirklichen Welt für sein Tun, andere zu Schafen zu machen und in Misslichkeiten zu hetzen, geächtet würde. Im Wallis riefe man ihn den Wolf mit einem Schafskopf, und er würde die dumme Klappe halten.

Fins de l’homme

9. März 2011 um 15:46 Uhr von ur

Im Anzeiger Region Bern von heute wurde diese letzte Wahrheit publiziert. Weiterhin Soziologie zu betreiben wäre kindisch.

Bergnamen

9. März 2011 um 4:02 Uhr von ur

Vor zwei Tagen den Link auf die Website von Ulrich Deuschle erhalten (Merci N. D.!), die in Zweifelsfällen hilft, den Namen eines Berges festzulegen:

http://www.udeuschle.de

Die Seite ist eher für Fortgeschrittene gedacht, die schon einige Berge kennen, da die Panoramen severseitig jedesmal neu erzeugt werden und es demzufolge lange dauern würde, um ein Rundumpanorama anzuzeigen wie es der spieleverwöhnte Mensch gerne hätte. Man legt sich also von Anfang an auf einen bestimmten Ausschnitt fest, in dem man Schwierigkeiten hat, gewisse einzelne Gipfel voneinander zu unterscheiden. Es werden auch kleinere Erhebungen angezeigt als im teuren Programm „Atlas der Schweiz“.

Als Beispiel eine eher schwierige Partie vom Pic d’Artsinol Richtung Dent Blanche, wo auch der Raz d’Arbey angezeigt wird, der auf gewissen neueren Karten fehlt und den ich öfters als Mel de la Niva positioniere, weil dieser Felsvorsprung etwas markanter dreinschaut:

Man stelle sich ein Septemberwochenende unter einem Azorenhoch vor, das Volk der Wanderarbeiter ist von den Aussenposten längst zurück und hat mit Autostitch insgesamt Hunderte von Panoramen hergestellt, die nun alle korrekt beschriftet auf den jeweiligen Websites plaziert werden sollen: werden von allen zur selben Zeit auf Deuschles Server alle Einzelnamen in einem Panoramaabbild naiv erfragt, wird er vor Mitternacht den Geist aufgeben. Sucht man mit eingeschränktem Blickwinkel nur nach wirklich Unbekanntem oder Zweifelhaftem, wird das Tool auf lange Zeit hin gute Dienste leisten können.

Esa-Pekka Salonen 3

7. März 2011 um 21:21 Uhr von ur

Concert enregistré le 6 février 2011 au Théâtre du Châtelet, L’Itinéraire, Jean Derroyer, direction, oeuvres d’Esa-Pekka Salonen:

Prologue (1979). In ein frühes Skizzenbuch hineingeschaut, das der Komponist ruhig nochmals im Ernst studieren dürfte.

Floof (Songs of a Homeostatic Homer) pour soprano colorature et cinq instrumentistes (1982). An Stanislas Lem angelehnt.

Hornmusic 1 pour cor et piano (1976). Erste Komposition überhaupt, ziemlich eindrücklich. Man hat dem Komponisten daraufhin wohl öfters Platz machen müssen.

Catch and Release pour ensemble, I. Tema, II. Aria, III. Games (2006). Gefährlich nah an der Kindertrompete des Histoire du Soldat. Spätestens hier macht sich der Eindruck breit, Salonens Ästhetik verhielte sich kleptomanisch, zuerst dekonstruktiv, jetzt auf den regressiven Strawinsky schielend.

Herchet, Kupsch, Sannicandro, Romitelli

4. März 2011 um 22:06 Uhr von ur

Direkt live auf Bayern 4: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Experimentalstudio des SWR, Leitung: Arturo Tamayo.

Jörg Herchet: „sich aufhebend“. Am Rosenkranz angereihte dreissigsekündige Bilder, zunächst austauschbar, dann ein einfältiges Schlagzeug mit Fetzen der bekannten Bilder, dann zeitlich ineinandergeschobene Schichten sowohl der Bilder wie der grundierenden Perlenschnur. Insgesamt unbeholfene Komposition, zu leichtfüssig hingeschrieben. Riesiger Applaus.

Thomas Kupsch: „Elenchus“. Schreckliche Evozierung von Alten wie Debussy, ohne solches in die Gegenwart herüberziehen zu können, Filmmusik, auch hier wieder ein dummes Schlagzeug, zunehmend schmierige Streicherflächen.

Erhellendes Gespräch in der Pause mit dem Dirigenten, das vor dem Hören der ersten Stücke dieselben besser hätte erscheinen lassen.

Valerio Sannicandro: „Forces Motrices“. Das Pausengespräch hat mich sehr gewundrig gemacht. Die ersten Klänge erscheinen aber zahm, nur wenig musikalisch treibend, altbacken. Von der Raumelektronik ist unter den Kopfhörern nur wenig zu erleben. Endlich merke ich, dass das Geschehen in den Klängen selbst geschieht, im Innern, allerdings nur sporadisch. Die Streicher spielen Schlagzeug, dann an- und abschwellender Bocksgesang: wach auf, Komponist! Feine Klänge ziehen dann durch den Raum … mehr davon! Doch das Orchester spielt asthmatisch & mühevoll. Ein Chaos, als ob man es im Kinderzimmer angeordnet hätte. Endlich reizvolle Sonderklänge, die mit dem Orchester kombiniert werden, über eine lange & gute Strecke. Raumeffekte, die man zur Kenntnis nimmt, unter den Kopfhörern aber nicht wirken: man möchte im Raum der Aufführung sein, ein Bedürfnis, das ich nur äusserst selten verspüre. Zusehr eine Mischung von guten und schwachen Eindrücken.

Fausto Romitelli: „Dead City Radio. Audiodrome“. Das beste Stück des Abends, mit einem Ausgangspunk, den es aufsplittert, zwar nicht eindeutig vorwärtstreibend, aber so, dass diese Unbestimmtheit gefangen nimmt. Beim Schluss Unwohlsein, als ob ein technisches Missgeschik geschehen wäre. Es müsste ein zweiter Satz folgen.

Zusammenkünfte

4. März 2011 um 4:33 Uhr von ur

Gewisse Gruppierungen organisieren für sich ab und zu Zusammenkünfte, wie die Fasnachtszünfte. Soeben ein paar altbekannte Gesichter nächtens in der stillen und verschneiten Stadt getroffen, im Verband, wir hätten ein Treffen. Okay dann, schnell ein paar Esswaren organisiert, Restbestände und Endstücke von italienischen Schinkensorten, um die hervorzuholen die Ladenbesitzerin viel Zeit vertrödelte, so dass es nicht verwunderte, dass auf dem Weg nach oben eine, die mich gar nicht dünkte, zu diesem Troupeau zu gehören, maulend fand, das sei es wohl gewesen und sie mache sich auf den Heimweg, dann aber doch mitkam. Oben plazierten sich alle in irgendwelche Ecken, und ich zog es vor, vor dem Essen aufzuwachen. Wenn auch die anderen das Date im Traum erledigen, wird es gut geklappt haben.

Esa-Pekka Salonen 2

3. März 2011 um 21:17 Uhr von ur

France Musique, live du Théâtre du Châtelet Paris, Festival Présences 2011, Portrait d’Esa-Pekka Salonen. Concert donné le 12 février 2011. Orchestre Philharmonique de Radio France, Esa-Pekka Salonen, Direction

Esa-Pekka Salonen, Gambit (1998, Rev.1999). Magnus Lindberg gewidmet, und so im Ton: gosszügig im Bläsersatz soundend, zuweilen schnaufend. Kaum irgendwo ein Ansatz zur Polyphonie, stattdessen solche zur Minimalmusic.

Witold Lutoslawski, Symphonie N°4 (1992). Dem heutigen Dirigenten vor knapp zwanzig Jahren quasi in die Hand gedrückt. Weniger eine Form, die aufgeschlüsselt werden will, als ein existentielles Sprechen ins Ableben hinein, melancholisch aber ohne Verrätselung. Ist das Leben auch nicht von Ewigkeit, kann das Ableben lange dauern und genossen werden. Der Fluss der Zeit erscheint wunderschön und ohne Bedauern.

Esa-Pekka Salonen, Giro (1981, Rev.1997). Keine uninteressante Musik, dennoch denke ich ab und zu daran, dass aus der ersten Fassung vielleicht zu viel ausgejätet worden ist. Zuweilen, mindestens anfänglich, wie eine potenzierte Ambientemusik.

Esa-Pekka Salonen, Body Language, Language, Dance, Ext. des Foreign Bodies (2001). Der Anfang ziemlich erschreckend, wie Adams. Also doch ein Zug zur Minimalmusic? Uff, der war nicht nur am Anfang des Stücks schlecht gelaunt, sondern im Verlauf gänzlich übergeschnappt: Sounds of Aerobics! Die spinnen, die Finnen: so viel Genialität und Blödsinn auf engstem Raum an so vielen Orten im Land…

Intentio obliqua ad Islamismum

3. März 2011 um 16:07 Uhr von ur

Philosophische Begriffe sind Übertreibungen, und hat man einmal ein Wortmonster für sich geklärt, stellt sich nicht selten eine Verwunderung darüber ein, wie Leute ein Leben lang über solche Einfachheiten sich haben die Köpfe einschlagen können. Meistens ist der Begriff bedeutsam nur als Erinnerung, als Mahnung an etwas, das dem Ungezogenen doch eigentlich selbstverständlich und klar sein sollte. Derjenige der Intentio ist äusserst kompliziert, und man tut gut daran, ihn nicht klarstellen zu wollen, wenn man nicht ein halbes Leben dafür zu investieren Lust hat. Der Begriff der Intentio obliqua ist dagegen trivial. Er ist dem der Intentio recta entgegengesetzt, der das meint, was geschieht, wenn wir etwas wörtlich oder im übertragenen Sinn ins Auge fassen. Würde man auf direkte Weise den Gegenstand weiter erforschen wollen, käme man nicht weit – er gäbe nichts von sich preis, jedenfalls nichts Wesentliches. Erkenntnis verlangt, dass man Umwege macht, Hilfsmittel herbeizieht oder im mindesten den Gegenstand etwas schräg, etwas vermittelt weiter untersucht, in einer intentio obliqua. (Möglicherweise ist die Titelkonstruktion falsch, und es müsste ein Dativ oder ein Ablativ folgen, mit „in“ oder ohne, beziehungsweise und momentan am wahrscheinlichsten ein „in“ mit Akkusativ – das dürre Latein war mir immer schon wurst.)

Vor kurzem überliess ich mich einem längeren Gedankenspiel, in dem die Intentio obliqua eine entscheidende Rolle spielte, einer Phantasie darüber, wie es wäre, wenn in einem geistesgeschichtlichen oder sozialwissenschaftlichen Proseminar, in einer ziemlich offenen Veranstaltung also, in der im Prinzip jeder jede Frage zur Diskussion stellen darf, einer mit dem Hintergrund eines rigiden Überzeugungssystems Fragen zu stellen beginnt, in denen der Leiter der Sitzung gefordert wird, weil die MitstudentInnen längst schon aufgehört haben, solche offtopic Fragen ernst zu nehmen und nunmehr darauf verzichten, eine eigene Meinung zu formulieren. Fragen auf einem bigotten Hintergrund und in einer konkretistischen Form zielen immer darauf ab, ein Urteil über eine gesellschaftliche Praxis herauszufordern, das strikt entweder nur gut oder nur schlecht sein kann, das ein vernünftiger Mensch aber niemals freiwillig zu sprechen gewillt ist, weil es die tiefverankerte Haltung der Liberalität auszuhebeln beginnt. Weil sie eine schamlose Herausforderung der Liberalität direkt darstellt, wird die seriöse Antwort darin enden, ihr Grund offenzulegen. Es macht keine Probleme, das, was ist, so zu beschreiben, dass die eigene Meinung die Beschreibung unberührt lässt, und von dem, was ist, zu dem, was es hat entstehen lassen, ist es ein Katzensprung, jedenfalls nichts, das ausserhalb des Gesellschaftszusammenhangs aufgesucht werden müsste. Das, was der herausfordernde Mensch der Diskussion in Frage stellen will, zeigt sich als blosses Moment eines Ganzen, das aus unendlich vielen Vielheiten besteht, gänzlich unüberschaubar und nicht auf den Begriff zu bringen, ausser dem der Gesellschaft tel quel. Nimmt man die mittelalterliche Unterscheidung zwischen der Intentio obliqua und der Intentio recta ernst, ernster als sie in der Disziplin der Philosophie wegen ihrer Trivialität und mangelhaften methodologischen Stringenz gewirkt hat, und vertraut man der eigenen intellektuellen Redlichkeit auch in einem unangenehmen tendenziösen Gespräch, so kann man gewiss sein, früher oder später aus dem zwanghaften Rahmen des religiösen oder kulturell konfliktuellen Diskurses mit einer durch Bigotterie aufgeladenen Begrifflichkeit heraustreten und in der überraschend spannenden der Rechtssoziologie fussfassen zu können, in der wegen der historischen Gebundenheit der beschreibbaren Vorgänge jeder Meinungszwang obsolet erscheint. Ist das erreicht, kann die Veranstaltung ihre vorgenommenen Bahnen ungestört weiter folgen.

Der aufdringliche Fromme: „Die Lehre der Wahrheit sagt, dass es schlecht sei, die Handlung xy zu vollbringen.“
Der rückhaltlose Theoretiker: „Einige tun es an einigen Orten, andere tun es nicht. Der einzelne steht nicht unter Zwang, diese Handlung zu tun oder nicht zu tun, ebenso wenig, dazu eine positive oder eine negative Meinung zu haben.“
Der aufdringliche Fromme: „Weil kein Recht herrscht, muss man es einführen.“
Der rückhaltlose Theoretiker: „Die Teile des Rechts wurden immer schon von denjenigen geschaffen, die von solchen Teilbereichen auch betroffen waren.“
Der aufdringliche Fromme: „Es braucht eine besondere Instanz, ausserhalb des Lebenszusammenhangs, die sagt, was Recht ist.“
Der rückhaltlose Theoretiker: „Die ersten Rechtsdokumente aus dem Innern der Walliser Gesellschaft betrafen die Grenzverläufe von Alpen, zu denen die kleinen Dörfer Zugang hatten. Die Dorfleute hatten selbständig bestimmt, wie die Rechtslage künftig aussehen müsse; der Notar, in der Tat von Ausserhalb der Gesellschaft, hat das von den beteiligten Verlangte nur in eine Form gebracht, die die Zeiten überdauern soll.“

Heute mag das noch als neuartig und ungewohnt erscheinen, weil vom spontanen Anliegen, eine Frage mit religiösem Hintergrund adäquat beantwortet zu sehen, nicht mehr viel übrigbleibt; man ist im Vokabular der Rechtssoziologie aber auf einem Boden, der wie kein anderer für alle an allen Orten derselbe ist. Er bietet Gewähr dafür, aufdringliche Fragen gleichzeitig ohne Gefährdung der intellektuellen Redlichkeit beantworten zu können wie auch ohne im Diskurs der Religionen gefangen bleiben zu müssen, in dem ein Hin und Her von verständigen Begriffen noch nie möglich war. Der Rechtssoziologie begegnete ich zuerst vor über dreissig Jahren in einem gelehrten Buch von Gurvitch, wo mich nur die Form der hyperempiristischen Dialektik interessierte, mit derselben schwachen, aber gefolgsamen Intensität wie die kuriose von Mao, und dann später im dicken Buch von Habermas, wo die lustige Viper der Kritischen Theorie mit gezogenen Giftzähnen darniederlag – kein Wunder, suchte Habermas danach das Gespräch mit dem Papst auf Augenhöhe.

Rechtsauskünfte

28. Februar 2011 um 20:07 Uhr von ur

Heute hat jemand in der Disco um Einlass gebeten, der bei Google die Frage stellte: „Wieso hat Aline das Kind umgebracht, Ramuz?“

Ich hoffe, meine Kanzlei konnte mit einer Auskunft dienlich sein und ein schwieriges Problem lösen helfen.

Traumzensur

26. Februar 2011 um 6:26 Uhr von ur

Ich bin an einer Bar am Rande eines Anlasses, stehe in einer kleinen Schlange, vor mir jemand, der bedient wird und weg geht mit seinem Kaffee in einer Wegwerftasse. Dann bin ich an der Reihe, und links von mir steht unverhofft im weissen Hemd einer der grössten Schweinehunde der Schweiz – da es momentan so viele gibt, besteht keine Gefahr, dass seine Identität geleakt wird und ich gehenkt. Der Volksraser ist freundlich und nimmt seine ihm eigene joviale Aufdringlichkeit geringfügig aber spürbar zurück. Kein Problem, dass ich selbst und nicht er den nächsten Kaffee bekomme – auch wenn die Kaffeemaschine inzwischen kaputt gegangen ist. Die interne Traumzensur arbeitet so stark, dass ich den weiteren Verlauf vergessen habe. So spektakulär zu notieren, für mich, wie der Auftritt des Immernurschweizers in meiner Leibesnähe, wäre er nicht.

Zusatz: Ich benötigte fast 24 Stunden, um die Motivierung zu erkennen. In der Tat ist das Unbewusste zuweilen ein Witzbold, der mit derben Sprüchen das philosophische Bewusstsein vom hohen Ross zu werfen weiss. In Donna Quijota wurde eben erst versucht, dem Denken der Existenz Raum zu verschaffen, um es auf Gehalte zu lenken, die von der Kulturindustrie nicht in Beschlag genommen werden können (und hat Heidegger in lichten Momenten nicht behauptet, die Fundamentalontologie sei nicht metaphysisch und sei also das Einzige, das sich der Metaphysik zu entziehen vermöchte?) Solches Denken wird schnell hochtrabend, wenn es vom Leben tel quel und, natürlich, vom Tod spricht. Entscheidender ist aber, dass es auch eine alltagspraktische Seite hat, und zwar in der Form der Alltagspraxis überhaupt: das existentielle Denken ist nicht nur ein Denken, das jeder Mensch kann und von sich aus immer schon tut, sondern zeigt sich im Alltag unaufhörlich, denn es ist der Alltag des Einkaufens selbst, des Kochens, Essens, Spazierengehens, Sexträumens, Mädchen und Vögelchen Nachschauens, Wetterschwatzens etc. In diesem Bereich, der, und zur Sprache steht der Alltag, zur Gesellschaft gehört und sich von all ihren anderen wie der Politik, der Wissenschaft und der Kunst abhebt, sind alle gleich, gleichwie es ein Leichtes ist, unterwegs, in der Ferienferne oder rund ums Haus herum, sich mit Unbekannten bestens zu unterhalten und gar zu verstehen, die einem, wenn man über sie ins Bild gesetzt wird, ein Gräuel sind. Das sophistische und kleinliche Unbewusste holte im Traum einen alten Spruch aus der Trickkiste des Argumentierens hervor, nachdem es ein Monster instruierte, für einen Moment Federn zu lassen und, was mich am meistens ärgerte, ein klein wenig weniger den Widerling zu spielen: „Da hast du deinen existentiell neutralisierten Mitmenschteufel, gegen den man nicht mit Schwert und Lanze kämpfen soll!“

Sphären, Felder und gesellschaftliche Bereiche – Donna Quijota II

25. Februar 2011 um 13:24 Uhr von ur

Nach Hegels Tod reagierte auf die Theorie der einen Vernunft mit dialektisch nur aus sich selbst entwickelten unterschiedlichen Forminstanzen neben Marx, der den Grad der Vernünftigkeit, an dem sie sich zu messen hat, in die gesellschaftliche Organisierung der Ökonomie legte und Nietzsche, der dem Schein der allgemeinen Vernünftigkeit die herrschende Destruktivität der Natur entgegenstellte, der inneren als Neurose, der äusseren als blindwütiger Machtwille, auch Kierkegaard, in Texten, die wegen ihrer biederen, indes vom Autoren strategisch intendierten Langweiligkeit für uns nicht mehr zuträglich sind. (Wie das ausschaut, wenn man sich heute philosophisch mit Kierkegaard auseinandersetzt, sieht man hier:
https://picasaweb.google.com/kierkegaardlibrary/
KierkegaardAndDeathConference#)

Er unterteilt die eine, von der traditionellen Philosophie behauptete objektive Vernunft in drei Sphären, die der Einzelmensch gleichermassen, wo immer er gesellschaftlich auch stehen mag, in seinem Bewusstsein vorzustellen hat. Wie der Idiot der Computerspiele macht er die Erfahrung, dass er nicht von Anfang an auf alle Zugriff hat, sondern dass sie sich ihm als Levels und im zusätzlichen Begriff Kierkegaards als Stadien darstellen, die er nacheinander erreichen muss – der Sprung von der einen zur anderen, von der ästhetischen zur ethischen und schliesslich zur religiösen Sphäre gelingt ihm nur, wenn er gewisse moralische Qualitäten zu prästieren imstande ist. Die Anforderungen des Lebens nagen an der moralischen Integrität des Einzelnen, so dass der Sprung zur ständigen Herausforderung wird und lebenslang in Wiederholungen getätigt werden muss.

In der modernen Soziologie wird die philosophisch behauptete Vernünftigkeit in der Gesellschaft (und der Gesellschaft selbst) radikal verräumlicht, so dass zuweilen der Eindruck erwächst, sich auf den winzigen Besitztümern der Welt der alten Walliser Güterteilung zu bewegen. Wie die neobiedere Systemtheorie für jede neue Gesellschaftsfrage ein neues System mit beliebig vielen Subsystemen in den Theoriezusammenhang einführt, schafft die auf Selbstkritik ausgerichtete Soziologie Bourdieus beliebige Felder, die objektiv die Gesellschaft beschreiben wie auch subjektiv den Ort festlegen, aus dem der Akteur nicht auszubrechen vermag. Da das Begriffskorsett immer enger und unflexibler wird, in Tat und Wahrheit aber nie jemals imstande war, die objektiven Gebilde der Gesellschaft in ihrer Eigentümlichkeit und die subjektiven Impulse der Einzelakteure in ihrer singulären Kraft zu begreifen, muss vom Begriff des Feldes zu einem allgemeineren traversiert werden.

Man kann nicht sagen, dass der Begriff der gesellschaftlichen Bereiche zündend wäre, erscheint er doch als überlebt und allzu einfach, wenn auch neutral und von einer Theoriezugehörigkeit unbelastet. Seine Erscheinungsweise ändert sich aber sofort, wenn sein Zusammenhang nicht mehr auf einen unerkennbaren Gott ausgerichtet ist, auf die wilde Bestie, auf die Fabrik, die Anwaltskanzlei oder das Parlament, sondern da, wo er auftritt, programmatisch den Ausflüssen der Kulturindustrie zu widerstehen hat. An den Apparaten der Kulturindustrie wird die Welt der Wahrnehmung zum Einerlei. Im gleichen Zug, wie sie die Kommunikationsverhältnisse verflüssigen und im Wortsinne dynamisieren, jedenfalls im Namen Jasminas heute, vernebeln sie die grundlegenden Unterschiede, die die Objekte der Welt bestimmen: dem Akteur gesellschaftlicher Prozesse als Rezipienten von Sendungen erscheinen die Gehalte der Übermittlungen immer in der gleichen Form, nicht selten in einer umwerfenden Perfektibilität. Das Wichtige wird in demselben Kanal durchgeschleust, wo das viele Unwichtige es ununterbrochen tut. Der aus dem eigenen Lebenszusammenhang herausgenommene und verallgemeinerte Rezipient – Leser, Hörer, Betrachter – hat nichts in der Hand und keine Fähigkeiten, die ihm die Möglichkeit zur notwendigen Unterscheidung von Wichtigem und Unwichtigem verschaffen würden. Wie einem Schizophrenen stürzen die Phänomene auf ihn ein – und wie Don Quijote erscheint, wer im Angebot der Kulturindustrie nach Wertvollem sucht, ohne von der Geschichte der Auswahlprodukte eine Ahnung zu haben.

Der erste Bereich, den der Einzelmensch früher oder später für sich erobern muss, ist derjenige der eigenen Existenz, indem er von allen Angeboten abstrahiert, am einfachsten in einem Initiationsritus, in dem er einen der Apparate, das Fernsehgerät, zum Fenster hinauswirft. Zuweilen ist es ein langer Weg bis zur Einsicht, dass auch dann, wenn das Bewusstsein sich mit gar nichts Speziellem beschäftigt, es sich auf etwas Wesentliches ausrichtet, das eigene Leben, und dass diese Betrachtungsweise alle möglichen anderen zu jedem beliebigen Zeitpunkt, auch im Stress hitziger oder quälender Auseinandersetzungen und Belastungen, zu unterbrechen vermag. Erst wenn eine Spur der Erkenntnis in diesen Bereich gelegt worden ist, erscheint die Behauptung einfach, dass sich alle anderen Bereiche von diesem ersten unterscheiden und dass sie Unterscheidungen auch unter sich vollziehen. Welche Bereiche im Anschluss daran als einzelne zur Sprache kommen, ist unwesentlich, weil jeder für ein einzelnes Bewusstsein dominant werden darf, sei es für eine längere oder kürzere Zeit. Sind solche gesellschaftliche Bereiche für einen Einzelnen erst einmal benannt, die wirtschaftliche Selbsterhaltung, die objektive globalisierte Ökonomie, die Tages-, Verwaltungs- und Machtpolitik, die Disziplinen der Wissenschaften, die Disziplinen der Künste und die unzähligen Vermischungen und Ableitungen, erscheinen die Objekte der Kulturindustrie nicht mehr in einem Einerlei, wie sie in ihr vermittelt werden, und nicht mehr ahistorisch gleichförmig: indem der Einzelmensch sie situiert, werden sie subjektiv für ihn und sie je einzeln unterschiedlich bedeutsam, nach langer entbehrungsreicher Zeit objektiv erkennbar und schliesslich trotz des unaufhaltsamen Stroms von Nichtigkeiten, in dem sie unterzugehen drohen, gesellschaftlich vernünftig diskutierbar. Incipit moderna: dann wäre der Platz geschaffen für eine so leichte Gesellschaftstheorie wie die Theorie des kommunikativen Handelns, und die Moderne könnte beginnen.

Opernkonzentrat ohne Werk

23. Februar 2011 um 5:57 Uhr von ur

Die ganze Nacht wundersam schöne Musik in den Ohren, das sogenannte Blumenduett aus der ansonsten unhörbaren Kitschoper Lakmé von Léo Delibes, gesungen von Natalie Dessay und Delphine Haidan 1997 in Toulouse. Ich hörte diesen Schlager, dessen Gehalt mindestens Downtown von Petula Clark (für Arno Schmidt) und 48 Crash von Suzi Quatro (für mich, weil Suzi den Blick von Rita aus der Nelki draufhatte) gleichkommt, schon oftmals, zuletzt gestern Morgen auf DRS2, dann abends, als ich ihm beim Anhören der ganzen Oper auf Bayern 4 zgrechtem abpassen wollte. Unsäglich die Szenerie: ein Idyll im englisch kolonialisierten Indien, französisch wie Gift parliert von einem Komponisten, der nie einen Ton indischer Musik zu hören bekam. Natürlich schlief ich nach den ersten vier Takten ein, süss geweckt in der ersten Hälfte des ersten Verses, so dass ich den Hit in der ersten Wiederholung einmal ganz, dann in der verzögerten dritten Präsentation gerade noch einmal zu hören bekam. Von nun an zehrt die ganze Oper von dieser Musik, gewebt in jeden ihrer Takte, von denen doch der einzelne in seiner Selbständigkeit gleich miserabel wäre als Teil eines Kunstwerkes. Noch vor Ende des ersten Aktes schaltete ich via France Musique nach Londres, zu zwei überflüssigen Symphonien Sibelii, die eine noch überflüssigere verstaubte Antiquität eines Deutschen einpackten, ein Geigenkonzert op 33, angeblich 1996 komponiert – miserere mihihi… Sollen mit jedem neuen Lebenstakt tausend Jasmin-Blumen blühen in den arabischen Wüsten und den dazugehörigen Dörfern und Städten – das Blumenduett möge als Ausnahme des weggespülten Kolonialismusschrottes erhalten bleiben.

Eine Aufnahme von 2006

Wo weite Wüste herrschte einst, nieselt nasser Nebel heute – Donna Quijota I

22. Februar 2011 um 9:56 Uhr von ur

In Zeiten des Mangels sucht sich der jugendliche Mensch eine einzige oder einige wenige Fährten, die er diszipliniert für sich verfolgen und gegen aussen verteidigen muss. In Zeiten des kulturindustriellen Überflusses schlägt er sich als frühgreiser Don Quijote im Sturm der Nebeltropfen einen Weg frei, in dem es nichts zu finden gibt, weil alles immer schon auf ihn einströmt und das Ganze von niemandem betrachtet wird, der ihn in seinem Tun zur Rede stellen könnte. Weiter geht es erst dann wieder, wenn die Einsicht sich breitmacht, dass der ganze Zauber sich immer noch, wie immer schon, auf kargem Boden und in Dürre abspielt.

Kiste der Moralgefühle

21. Februar 2011 um 17:01 Uhr von ur

An einer äusserst dicht und sehr schnell befahrenen Strecke, in beide Richtungen nur kurz überschaubar, wie das im übrigen bei fast allen Zugstationen der Fall ist, verkneift es sich ein Hinkender mit Stock, kaum eine Spur älter als ich, die Unterführung zu benutzen, humpelt so weit ans Ende der Station, bis die Geleiseabschrankung in der Mitte kein Hindernis mehr darstellt. Er wird den Windzug im Nacken wohl noch verspüren, als der Intercity mit hundert Sachen und Vollhupe die Stelle passiert. Er kommt auf mich zu, ohne den Hauch eines Grinsens desjenigen, der einen Fehler abtut und ihn so trotzdem eingesteht, identisch in der Mine, wie ich ihn anstarre, Herausgespülter aus dem Malstrom, und geht zum Billetautomaten. Meine Empfindungen sind ein Gemisch aus Abscheu und Mitleid. War das soeben ein gescheiterter Versuch zum Selbstmord? Oder schien das Ganze nötig, weil mein und unser Zug schnell kommen wird und es zu stark geschmerzt hätte, sich die paar Meter abwärts und dann wieder aufwärts zu bewegen? Ist der Mensch mehr im Kopf behindert als körperlich und weiss gar nicht, was er eben tat? Würde eine Beschimpfung helfen – oder umgekehrt ein ernstes Zuhören? Die Pointe und mein Ärger nehmen erst Gestalt an, als der Regionalzug kommt – und der Typ keine Anstalten macht, einzusteigen. Wozu aber Stress machen, wenn der nächste Zug bequem in einer halben Stunde führe? – Jeder Selbstmord ist ein Rätsel der Existenz, und dumm ist, wer den verachtet, der in solcher Weise unverständlich handelt; wer aber damit spielt, sich aufspielt und im dunklen Handeln andere den Garaus lehrt, gehört zur Rede gestellt. Die Station ist ohne Personal in Betrieb, der Zeuge bleibt nicht weniger dumm als der Täter.

Die animierte Schnellskizze gibt nicht exakt wieder, was ich gesehen hatte, denn zuerst bemerkte ich auf dem Perron gegenüber den Hinkenden mit einer Krücke links und einem kleinen Plastiksack mit Inhalt rechts, dann schaute ich Richtung Basel, von wo allsbald der Intercity mit Vollhupe heranbrauste, was mich veranlasste, nach rechts Richtung Luzern zu schauen, wo der Hinkende sehr weit entfernt gerade daran war, bereits auf meiner Seite nun wieder hochzusteigen, als der Zug an ihm vorbeischoss, ohne weiterhin die Sirene zu betätigen.

Die SBB werden gut

21. Februar 2011 um 15:33 Uhr von ur

Nach unzähligen Fahrten auf derselben Strecke heute vor dem Umsteigen in Bern zum allerersten Male in der Lautsprecherdurchsage gehört, dass es nebst denjenigen nach Interlaken, Thun, Brig oder Münchenbuchsee auch einen Anschlusszug nach Bümpliz gibt, 15.08 Gleis 12 A. Wie warm es einem doch ums Herz wird, nicht mehr so offensiv abgeschrieben dazustehen – man kümmert sich um unser Wohl … und um das der Gäste, die seit Jahren Schwierigkeiten haben, den Zug nach Bümpliz oder weiter nach Kerzers oder Neuenburg zu finden.