Birtwistle: Punch and Judy

23. Mai 2011 um 4:47 Uhr von ur

Gestern auf Espace 2 Harrison Birtwistle, Punch and Judy, une comédie tragique ou une tragédie comique (UA 1968). Opéra en 1 acte, dir. Wen-Pin Chien, Genève Ensemble Contrechamps, Gillian Keith , Lucy Schaufer , Bruno Taddia , Stephen Bronk , Mark Milhofer , Jonathan May.

Eine grosse, zweistündige und ebenso grossartige Unterhaltung, die es schafft, sich frei von den Merkmalen der Debilität der Kulturindustrie zu behaupten, auch wenn sie nur in ihr zu realisieren ist. Jeder Klangmoment des pausenlosen Stücks von Anfang bis Ende ist ein Genuss. Musik der Zeit, die es nur als Rarität schafft, ohne Gewissensbisse zu unterhalten. Würde sie auf einer erreichbaren Radiostation heute Abend noch einmal gesendet, würde ich diese Oper mit grösstem Vergnügen nochmals hören wollen.

Billy Geiss & The Goats Head Soup

20. Mai 2011 um 6:45 Uhr von ur

Am Sonntag gab es nur einen vorübergehenden, das Gedächtnis kaum streifenden Eindruck, dass beim Speichern eines von mehreren Bildern der Vorgang hätte schneller gehen können. Am Montag registrierte ich ebenso flüchtig mehrere Computerereignisse, bei denen einer hätte murmeln können, dass sie mit einem schnelleren Tempo nicht schlechter dagestanden wären, mehrmals den Computerstart, den Start der Programme, auch die Prozesse in ihnen, wenn auch gerade sie die ganze Misere verniedlichten, weil ein nicht allzu rechenintensives Programm durchaus normal lief, wenn der Computer erst einmal richtig gestartet war. Am Dienstag wurde die Lage ernst, und ich dachte zum ersten Mal, ich könnte einen Freundschaftsdienst nicht in der angekündigten Kürze durchführen, weil der Computer unzuverlässig geworden ist und umständlich, ja in langwierigen Umständen getestet werden müsste. Die Konzertbilder von 2003, die wegen der Dunkelheit der Lokalität und der technischen Bescheidenheit des Apparats stark rauschten, konnten zwar noch neu und mit den neuen technischen Fähigkeiten bearbeitet und auf CD für den Print fertiggestellt werden; ebenso gelang es noch, neue Bilder der Staren in der grellen Sonne mit unvorstellbar grossem Kontrastumfang zu verarbeiten und upzuloaden – doch nun musste eingegriffen werden, da der Computerstart schon über sechs Minuten dauerte und alle Vorgänge zu erlahmen schienen.

Normalerweise defragmentiere ich die Systempartition alle zwei bis sechs Wochen, und je nach der Grösse des zeitlichen Abstands dauert die Defragmentierung (Explorer/Laufwerk/Eigenschaften/Extras/Jetzt defragmentieren) 30 Sekunden bis 10 Minuten. Jetzt benötigte nur schon das einleitende, automatische Überprüfen drei Minuten, das eigentliche Defragmentieren mehr als fünfzehn. Die Ohren klingelten und wurden heiss. Nach etwa drei Stunden machte ich dasselbe nochmals, eine normale Defragmentierung, und siehe da, sie dauerte wieder so lange, weil die Systempartition nach so kurzem Einsatz des Computers wieder ungewöhnlich stark fragmentiert war. Bis heute erscheint mir als eindeutig, dass die Langsamkeit des Computers durch die Fragmentierung der Systempartition bewirkt wurde. Doch was löste eine so ungewöhnliche Fragmentierung aus? Virus, Harddiskdefekt oder ein sonstiger Fehler irgendwo in den Unweiten der Mikro- und Nanoverkabelung der Hardware?

Noch am Dienstag machte ich den ersten, viel Zeit fressenden Festplattentest: Explorer/Laufwerk/Eigenschaften/Extras/Jetzt prüfen/Fehlerhafte Sektoren suchen&widerherstellen). Gleichenabends intensivierte ich diesen Test mit SeaToolsforwindowsSetup-1205.exe, allerdings ohne den ganz langen, der über zehn Stunden gedauert hätte. Ebenso wenig prüfte ich den Computer vollständig auf Viren, da auch dieser Test die Toleranzgrenze von drei Stunden weit überschritten hätte. Denn inzwischen hatte sich die Langsamkeit wie ein Nebel auf alle Computerprozesse gelegt, und die Zeit wurde zu einem selbständigen Widersacher.

Am Mittwoch öffnete ich den Computer, saugte mit dem Staubsauger, wirbelte mit dem Blasbalg den Reststaub auf und saugte ihn ab, in mehrmaligen Wiederholungen. Dann fotografierte ich die Staren nochmals am Morgen und am Mittag, defragmentierte mehrmals, so dass die Bilder immer noch verarbeitet werden konnten. Trotzdem bereitete ich mich auf die Konsequenzen einer Neuinstallation vor, zu denen auch gehörte, dass der Computer überhaupt ersetzt werden müsste, nämlich dann, wenn ein Hardwareschaden vorliegt, der nicht in einem Teil steckt, das sich auswechseln liesse. Nicht nur die Preise pressen einen ekelhaften Talg aus dem Innern auf die Aussenseite der Haut, auch die Vorstellung, wie ich ein angeliefertes Gerät durch mehrseitige Schnürung die Stockwerke herauf für mich transportierbar machen und wie der alte Computer in eine nicht vorhandene freie Ecke in der Wohnung abgeschleppt werden müsste. Viel Zeit verbrachte ich mit der Planung der Datensicherung, da in den benutzten Programmen komplizierte Arbeit für Automatisierungen steckt, die ich nicht nochmals machen möchte.

Gestern Donnerstag begann ich um 2.30 Uhr in der Früh, eine Stunde vor der geplanten Zeit. Zunächst, also bis 6.50 Uhr, die Datensicherung auf eine der drei externen Platten. Nur schon die Website benötigte eine Stunde zwanzig Minuten – die Offline-Version verteilt auf zwei DVDs, für deren Kopierabkürzung ich einen eigenen Plan hatte, vergass ich, weil dieses Zettelchen auch auf der Rückseite beschrieben wurde und seine wichtige Seite nicht mehr zeigen wollte. Nach sieben Uhr legte ich mir Donna Quijotas Ritterrüstung für den Kampf gegen die Tücken der Micromafia an und deponierte, nachdem der Versuch mit Start/Ausführen/sfc scannow scheiterte und Explorer/Laufwerk/Eigenschaften/Extras/Jetzt prüfen/Dateisystemfehler-automatisch-korrigieren kein Resultat brachte, die XP-SP3-DVD im Laufwerk.

Neuinstallation mit Updates von der Microsoft Website, empfohlen (so steht es in der Auswahl). „Die Datei an964xhd.sys konnte nicht kopiert werden“ – Vorgang für Laien abzubrechen. Ich bin kein Laie und mache weiter, nach dem Neustart war dann aber wirklich Ende, wegen der genannten Datei. Google sagt, sie sei im Internet noch nie schriftlich vorgekommen. Das heisst: Die Firma Microsoft benutzt Dateien, die nicht existieren, um ihren Käufern die Mitteilung zuzumuten, dass ebendiese Dateien nicht existieren, für eine Vorwärtskommen im Geschehen aber vorausgesetzt werden müssten. Dann der Trotzentscheid (Scheissdrauf, habe ich ein paar Tage vorher in der Zeitung als Lebensmotto angeboten gelesen, von Bud Spencer), eine echte Neuinstallation zu machen, wenn vorerst auch noch ohne Neuformatierung. Das funktioniert Schritt für Schritt, und sehr spät kommt nochmals die Möglichkeit, eine nicht ganz so intensive Reparatur-Neuinstallation zu machen. Da ich mittwochs viel darüber gelesen hatte und sie hier doch als valable Variante einer Neuinstallation erschien, machte ich diese. Alles klappt, und es geht mehr oder weniger gemütlich aufs Ende der Neuinstallation zu, nach etwa vierzig Minuten. Da! Ein Flackern! Grosse Kotze, das kenne ich doch! Sieh an, diese Teufel!!! Der Bildschirm ist digital – der Computer ist es aber nur mit Zusätzen, die während der Installation vorübergehend ausser Kraft stehen. Dass ich das habe vergessen müssen: Vier Fäuste für die Programmierer, die einen in diesen Sumpf gezogen haben!!!! Da es ein Plage & Blei Bildschirm ist, will ich das digitale Kabel mit dem analogen vertauschen, aber die Anschlussbuchsen am Bildschirm sind schweinehaft tief in einen Schacht versenkt, so dass ich brüllen muss und ein Stunde habe, bis sie wirklich ausgewechselt sind. Ich schliesse das Fenster, um mit meinen Spaghetti-Spencerschen Flüchen nicht gehört zu werden, ein paar Male erscheint Ringo auf dem Sims und drückt seine spitze Nase an der Scheibe platt. „Was’n da los, Pinier?“ Endlich sitzen die Kabel, doch auf dem Bildschirm fährt gemächlich eine Fiche über die Fläche: „Test des digitalen Kabels“ – stundenlang ruckelnd & zuckelnd. Hausmeister, turn the light on: radikaler Unterbruch der Stromzufuhr, denn der Bildschirm ist nicht plug&play-fähig, sondern benötigt einen Neustart (Samsung SyncMonster 910). Nach neuem Anschalten funktioniert der Bildschirm, und, siehe da, die Installation muss nicht neu begonnen werden: sie fährt bei der unterbrochenen Stelle weiter. Doch ganz abschliessen lässt sie sich nicht, denn nach dem automatischen Neustart zeigt sich der XP-Bildschirm mit der Anzeige: Bitte warten… Ok.10 Minuten. 30 Minuten. 45 Minuten. Ich gehe Einkaufen, komme nach 20 Minuten zurück. Ich beende den Prozess eigenwillig, starte den Computer. Alles funktioniert, Outlook Express, ebenso FileZilla für FTP – doch der Internet Explorer nicht, kein Wunder, es ist der alte von der Installationsscheibe, Version 6. Machen wir Start/Windows Update. Eine kleine Verzögerung, dann die Meldung: „Der angeforderte Nachschlageschlüssel konnte in keinem aktiven Aktivierungskontext gefunden werden.“ Scheiss drauf! Ich kann nicht googeln, da kein Zugang zum Internet gegeben ist, jedenfalls nicht mit dem Browser. Figgi-Mühle hat das mal geheissen, ein Rauskommen gibt es nicht – aber es gibt noch den kleinen Linux Computer… Er zeigt, wie es auch andere User gibt, die dasselbe Problem hatten. Aber eine Lösung finde ich nicht. Da es um Updates geht, erinnere ich mich an die Empfehlung der DVD bei der Neuinstallation, eine mit Einschluss von Updates von der Microsoft-Site durchzuführen. Also das Ganze von vorne, mit Ausnahme des Bildschirmproblems. Alles geht prima, und eine Zeitlang kommt durchs wieder geöffnete Fenster der Star Ringo zu Besuch, hüpft in der Ventilatorenluft über den Kabelsalat, setzt sich auf die Oberkante der Lesetafel links zwischen Bildschirm und meinem Kopf, kaum zehn Zentimeter von diesem entfernt: „Gez jätzu gäu nitt?“ Nach dem letzten Neustart erscheint wieder der XP-Bildschirm mit der Aufforderung: Bitte warten… Nach einer halben Stunde erzwinge ich einen Neustart. Wieder dasselbe wie nach der vorherigen Neuinstallation, Mails und FTP funktionieren, IE startet nicht, ebenso wenig Windows update. Mit Linux google ich „nach XP Reparatur kein Internet“. Das Problem ist bekannt und hat zu tun mit der IP-Adresse. Einer erklärt es und bietet einen Link zu Microsoft, wo zwei Lösungen parat gestellt werden. Ich wähle eine: Start/Ausführen/cmd dann OK, dann netsh int ip reset c:\resetlog.txt (genauen Text zur Sicherheit nachgoogeln!). Ich mache einen Neustart, nach dem ich diesen Ratschlag durchzuführen gedenke. Alles läuft wie gewünscht, und in dem Moment, wo ich bei Ausführen cmd eintippen will, sehe ich rechts unten den gelben Kampfschild der Micromafia mit dem Ausrufezeichen: „Es werden Updates heruntergeladen … xy%“. Scheissdrauf, ab jetzt funktioniert der Computer wieder normal, mit den Updates kommt auch der Internet Explorer 8 auf die Platte, und der Zugang ins Internet ist wieder offen. Klar, einige Zusätze wie IE7Pro müssen wieder installiert, einige Dienste ausgeschaltet und das Bildschirmkabel ausgewechselt werden etc. Die Fabrik läuft wieder, ohne dass ich herausgefunden hätte, was die ursprüngliche Fehlercausa war, und ohne dass ich sagen könnte, ich hätte das Nachfolgeproblem der Reparatur Neuinstallation lösen können. Scheiss drauf, und dem Bill werfe ich in die Geiszkopfsuppe eine Extradosis Pfeffer nach. Dann schmore er in des Teufels Küche, vom 19. 5. 2011 19.45 Uhr Berner Sommerzeit bis ans Ende aller Welten.

Zwitschermaschine mit Zwischentönen

20. Mai 2011 um 4:28 Uhr von ur

Selten ein so schönes Vogelstimmenkonzert gehört wie heute Morgen mit Beginn um 4.30 Uhr, noch nächtens. Besonders reizvoll dünkt mich die Vorstellung, dass in den hohen Bäumen im Park des Schlosses von Bümpliz auch die Stimmen von Ringo Star, Rita & Pipco, oder wie die ganze Sippschaft auf meinen Simsen heisst, mitzwitschern.

David Philip Hefti

19. Mai 2011 um 19:59 Uhr von ur

Soeben auf DRS2 Konzert vom 26./27.3. in der Tonhalle Zürich mit dem Tonhalleorchester Zürich und Thomas Grossenbacher, Violoncello, Leitung David Zinman.

David Philip Hefti: Konzert für Cello und Orchester (Uraufführung). Nach 17 Stunden von 2.30 Uhr bis 20 Uhr fast ununterbrochen an der Reparatur-Neuinstallation von Windows XP eine neu belebende Musik. Der unverhofft lahm gewordene Computer läuft und mein verschweisster Körper atmet wieder. Das Hören in die mikrotonalen Verästelungen hinaus gefällt mir ausserordentlich.

Organum

12. Mai 2011 um 21:01 Uhr von ur

Soeben auf Bayern 4 ein Konzert im scheinbar spröden Stil des frühmittelalterlichen Organum (7. bis 13. Jahrhundert), in dem ein einstimmiger Gesang über lange Partien mit einem liegenden einzelnen Ton, in kleineren Partien mit einem im gleichen, parallelen Abstand begleitet wird.

In Die Resurrectionis – Ostern im frühmittelalterlichen Rom, Altrömische Choräle, Ensemble Organum, Marcel Pérès.

Erstaunlich, wie eine Musik, die man sich geschrieben äusserst karg vorstellt, so üppig präsentiert werden kann, dass man unweigerlich an eine verflossene Gesellschaft denkt, die musikalisch genauso in Wagnerschen Dimensionen und Ansprüchen gedacht haben muss wie die vormoderne und moderne.

Zwei Italiener in Paris

9. Mai 2011 um 20:17 Uhr von ur

Soeben auf France Musique gehört: Concert enregistré le 9 avril à la Cité de la Musique, Paris.

Luigi Nono, No hay caminos, hay que caminar… Andrej Tarkovskij, pour sept groupes instrumentaux. Ensemble Intercontemporain, Orchestre du Conservatoire de Paris, Jonathan Nott, direction. Eine geglückte Aufführung dieser wundersam schönen Musik, die einem das Denken für & über heute so einfach macht. Erstaunlich, wie sie auch an einem heissen Abend funktioniert, da die Abendstimmen der Menschen in den Gärten durchs offene Fenster und den Kopfhörer in die Sinne dringen. Wie in einer freien und friedlichen Welt.

Luciano Berio, Sinfonia, pour huit voix et instruments, I., II. O King, III. In ruhig fließender Bewegung, IV., V., Swingle Singers, Ensemble Intercontemporain, Orchestre du Conservatoire de Paris, Jonathan Nott, direction. Dieselbe Bewunderung für die Aufführung auch dieses Stückes, das ich seit über dreissig Jahren auf Schallplatte hatte und dutzende Male hörte, ohne jemals die Meinung zu vertreten, es würde die musikalischen Errungenschaften jener Zeit verniedlichen wollen. Nur ein bisschen enttäuscht war ich beim Ende: alles schon vorbei? Wie kurz war doch die musikalische Aufnahmefähigkeit früher… Die Swingle Singers merkten es und gaben noch einen Bisse, eine unendliche Suone, you know, Lady Madonna, dann noch Beethoven & several Kindsköpfe hineingesungen (.)

Da die beiden Italiener gleichzeitig präsentiert wurden, will ich nicht verschweigen, dass ich bei Nono lieber weiterdenke als bei Berio (… aber ich habe die neu eingesetzte Stelle mit Lachen gehört, die aufs Nonostück vor der Konzertpause anspielte… & thank You, dreissig Jahre älter gewordene Swingle Singers, die die Sinfonia immer noch in bester Form zu präsentieren vermögen!!!).

(DRS2 würde die Idee einer solchen Sendung auf einen einzigen Komponisten eindampfen und ihm den Namen Gershwin geben.)

Orlando furioso d’Antonio Vivaldi

7. Mai 2011 um 21:46 Uhr von ur

Soeben auf France Musique aus dem Théâtre des Champs-Elysées en coproduction avec l’Opéra de Nancy & l’Opéra de Nice vom 12. März 2011 Orlando furioso Rv.728 (1727) d’Antonio Vivaldi, Chœur de l’Opéra de Nice, Ensemble Matheus, Jean-Christophe Spinosi, Direction. – Marie-Nicole Lemieux, Jennifer Larmore, Verónica Cangemi, Philippe Jaroussky, Christian Senn, Kristina Hammarström, Daniela Pini.

Gerade das Richtige nach einem Tag in der Wüste Wallis auf der vergeblichen Suche nach übriggebliebenem Lebendigem: nur was auch in der Sahra zu finden wäre, lässt sich heute noch fotografisch dokumentieren, nichts Höheres über den Insekten. Was Frühling sein sollte, zeigt sich als alter Herbst – Düsternis auf allen dürren Böden und hinter allen dürren Büschen.

In diesen Vivaldiabend bin ich unvorbereitet hineingestolpert, fünf Minuten nach Beginn und ohne Vorwissen über den Gehalt der Oper. Ich hörte sie also quasi abstrakt – ohne dass sie in der Weise aber hätte Schaden leiden müssen und langweilig geworden wäre. Ganz im Gegenteil war ich ständig gepackt von der Intensität, die passierte: als ob ein Rudel Hunde, und ich meine das alles andere als negativ, durch eine schwer gängige Landschaft sputete, um ein letztes Wild, das Letzte der Lebendigkeit, aufzuspüren. Vom Italienischen habe ich im Konkreten nicht viel verstanden, nur spät einmal in einer Keilerei unter Frauen, als eine erbost ausschrie: „Quoi, vous don’t crier?“

Auf der Oberfläche störten keine Feldtrompeten und keine Bürotschinellen, als ob Vivaldi mit dem reinen Saitensound schon schwer gitarrenlastigen Heavy Metal halluziniert hätte. Ein Genuss, den man nimmt wie einen Regenzauber. Dass die abstossenden Händeltrompeten dann doch erschienen, nach über einer Stunde, indes für kaum länger als ein paar Sekunden, ist Eingeständnis der Wirkungslosigkeit des verstaubten Opernzaubers, und dass sie in einer halbminütigen Coda nochmals pfiffen, ist nichts anderes als eine Konzession und gehört nicht zum grossartigen Werk selbst, dass ganz gegen sie geschrieben worden war.

Unheimlich

1. Mai 2011 um 5:37 Uhr von ur

Endlich habe ich Bilder über die Ortschaft gefunden, aus der der Grossvater vor ungefähr hundert Jahren ausgewandert war, um in Basel fusszufassen – geplant gewesen wäre Paris, klar. Das Dorf Kocelovice hat nicht nur einen dynamischen Auftritt im Facebook, sondern auch einen Eintrag auf Wikipedia und ein Album mit Bildern aus dem Umland auf Picasa (Google Fotos). Die Facebook Alben geben sowohl einen Einblick ins Dorf wie auch ins Leben in ihm: 177 EinwohnerInnen bevölkern es. Leicht unheimlich dünkt mich die Vorstellung, was mit den Genen des Grossvaters geschehen wäre, wenn er in seinem Geburtsort geblieben wäre – etwas von ihnen muss auch in den Menschen, die in den Bildern von Kocelovice zu sehen sind, enthalten sein. Im Album Hasicský bál 2009 spielt einer eine hellbraune Gitarre, wie ich selbst einmal eine hatte.

http://www.facebook.com/photos.php?id=123117317704770

Bruno Mantovani: Akhmatova

27. April 2011 um 21:14 Uhr von ur

Soeben auf France Musique Livemitschnitt der Uraufführung der Oper Achmatova von Buno Mantovani aus der Opéra Bastille vom 28. März 2011 (Text Christophe Ghristie).

Janina Baechle, Mezzo-soprano, Anna Akhmatova – Atilla B-Kiss, Ténor, Lev Goumilev – Lionel Peintre, Baryton, Pounine – Varduhi Abrahamyan, Mezzo-soprano, Lydia Tchoukovskaïa – Valérie Condoluci, Soprano, Faina Ranevskaïa – Christophe Dumaux, haute-contre, Le Représentant de L’Union des écrivains – Fabrice Dalis, Un Sculpteur, Un Universitaire anglais – Orchestre et Chœur de l’Opéra national de Paris – Patrick Marie Aubert, Chef du Choeur – Pascal Rophé, Direction.

Grosses Staunen und Bewunderung über die kompositorischen Kräfte und ihre Virtuosität. Ich finde keine Anhaltsstelle, über die sich etwas Kritisches anfügen liesse. Der Komponist müsste nun die Oper verlassen und eine neue Gattung kreieren mit einer Musik so klar, trocken und fettlos, dass sie selbst erst das Bedürfnis erweckt, aus ihr etwas zusätzliches Visuelles zu schaffen.

http://youtu.be/wG4Egj000rk

http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Andrejewna_Achmatowa

Nonoostern

24. April 2011 um 5:34 Uhr von ur

Wieder einmal wie neu geboren. Von 4 bis 6.20 Uhr in die Morgendämmerung hinein ab CD-Kopien gehört: Luigi Nono, Prometeo – Tragedia dell’ascolto, Aufnahme 1993 mit Ingo Metzmacher. Obwohl ihm Gott als Schwiegervater Tag und Nacht auf die Finger schaute, tot indes immer schon seit 1951, war Nono, Varèse, nach einer Pubertät als Straussfreak beiseite, einer der ersten, der der Idee des Systems mit der Praxis der Impulse begegnete, die nicht auf isolierbare Schichten zu reduzieren wären. Nonos Musik liebt man – dieweil man in Stockhausens Licht nur kurz die Melodiefähigkeit des Komponisten bewundert, um sofort den ganzen Hokuspokus dem Vergessen anheim zu geben. Mit Nono im Rucksack macht man sich auf zu neuen Wegen.

Strauss, Capriccio Op.85

24. April 2011 um 2:56 Uhr von ur

Gestern auf France Musique live direkt aus der MET in New York Richard Strauss, Capriccio Op.85, Metropolitan Opera Orchestra , Andrew Davis, Direction.

Ich hatte mir vorgenommen, das 1942 fertiggestellte und in München zur selben Zeit uraufgeführte zweieinhalb- bis dreistündige Werk auf die Frage hin abzuhören, wie einer der höchstbegabten Künstler des 20. Jahrhunderts im Faschismus in einem grösseren konkreten Zusammenhang gedacht hat. Nach eineinhalb Stunden vorauseilenden Rapports über den Biedersinn der Berner Musikwissenschaft in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre – ich hörte ihn die ganze Zeit, den dümmsten der Professoren der Universität, wie der Philosophielehrer zu sagen pflegte – liess ich den inneren Hausmeister die grossen Lichter im Saal wieder angehen und machte dem Experiment ein Ende: Strauss kommt mir nicht mehr ins Haus, auch wenn ich auf die gestellte Frage keine Antwort geben kann ausser der, dass dem Künstler der Äusserlichkeit die Verfasstheit der Wirklichkeit von Anfang bis Ende des Lebens wohl einfach Wurst gewesen war.

Wespenmusik 2

23. April 2011 um 16:58 Uhr von ur

Das Tier in der türkischen Flöte ist keine Wespe, sondern eine Mauerbiene. Hier sieht man ins erste Loch der Flöte, gegen oben mit einer festen Mauer zugemacht – besser gesagt gegen unten, da die Biene oberhalb des ersten Loches einsteigt, im Labium.

Mauerbiene beim Einstieg.

Mauerbiene beim Ausstieg aus dem Labium.

Ich habe die Flöte dann aufs Sims montiert, damit die Bienen, die solitär leben, also ohne ganzes Volk, immer Zugang haben. Zuerst aber hatte sich die Biene lange nicht mehr orientieren können.

Die neu auf dem Sims montierte Flöte.

Wespenmusik 1

23. April 2011 um 15:33 Uhr von ur

In den letzten Tagen habe ich ein paar Male gesehen, wie eine Wespe sich am Büchergestell zu schaffen macht, in der Nähe der aufgestellten, erhaltenen Postkarten. Heute sah ich, wie eine einzelne oder mehrere abwechslungsweise in eine alte Flöte aus der Türkei einsteigen, die knapp neben den Karten liegt, teilweise vor ihnen. Was die da nur machen? Und wieviele wohl in einer einzigen Flöte hausen mögen? Auf der Animation sieht man, wie eine einsteigt, knapp drei Minuten geräuschlos innen bleibt und dann wieder wegfliegt, um nach über zehn Minuten zurückzukehren – oder diesen Weg für eine andere freizugeben.

Nach dem Einstieg vergehen 2 Minuten 40 Sekunden – bis zum nächsten zehn Minuten.

Wahrheit durch die Hintertür

23. April 2011 um 3:27 Uhr von ur

Man soll einen Menschen nicht nach seinen eigenen oder irgendwelchen anderen Äusserlichkeiten beurteilen, auch nicht nach seinem überlieferten Namen. Beim Weltmonster British Petroleum, jenem nordamerikanischen BP mit den vollen Autotanks und dem vollen Golf von Mexico, ist eine Ausnahme angezeigt: sein Redner heisst Beaudo, für die Welt der Hörenden und Sprechenden Schönredner oder Zurechtbieger, dem die global Gefesselten aus der Hand zu fressen hätten.

Schostakowitschs Achte

22. April 2011 um 20:53 Uhr von ur

Soeben gehört auf Bayern 4: Aufnahme vom 14. Oktober 2010 in der Berliner Philharmonie, Leitung: Andris Nelsons, Solistin: Baiba Skride, Violine.

Alban Berg: Violinkonzert – „Dem Andenken eines Engels“. Dass das eines der besten Stücke Bergs ist, hat man heute wieder hören können.

Dmitrij Schostakowitsch: Symphonie Nr. 8 c-moll. Dass das eines der besten Werke von Schostakowitsch sein könnte, hat mich die ganze Zeit des Anhörens gedünkt. Kaum je war ich bei einer Musik dieses Komponisten von Anfang bis zum langen Schluss so positiv gespannt.

(Am Morgen auf demselben Sender bereits die Achte von Bruckner, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Herbert Blomstedt – war das ein Gemurkse, nicht die Interpretation, sondern das Werk selbst, völlig ohne künstlerische Impulse: schlechte Notenmusik ohne Leben.)

Édith Canat de Chizy

21. April 2011 um 19:17 Uhr von ur

Soeben auf France Musique: Édith Canat de Chizy, Pierre d’éclair (Création mondiale, Commande de l’ONL ), Orchestre National de Lyon, Ilan Volkov, Direction. Concert donné le 31 mars 2011.

Wieder einmal eine Komponistin, deren Name ich zum ersten Mal höre, geboren 1950. Ein warmes Konzertstück, das nach mehr verlangt. Einige Varèse-Anspielungen, ja auch echte Zitate. Leider ist ihre Website gerade nicht zugänglich.

 txt windows unix

17. April 2011 um 5:33 Uhr von ur

 und falsche Umlaute sowie sonstige unbrauchbare Zeichen tauchten gestern auf, nachdem Advanced File Joiner die txt-Dateien von 2011 zusammengefasst hatte und diese neue Datei in WORD hätte weiter verarbeitet werden sollen. Es dauerte zwei Stunden, bis Ursache und Zusammenhang herausgefunden werden konnten. Es betraf alle Dateien, die sowohl in einem Windows-Editor wie TextPad und in einem von Linpus auf dem kleinen Acer AspireOne bearbeitet worden waren. Die Textprogramme auf den verschiedenen Computern lesen die ausgetauschten Dateien problemlos, weshalb einem das Geschehen im Hintergrund solange verborgen bleibt, bis ein Windowsprogramm wie der Advanced File Joiner mit solchen Dateien automatisch, also ohne Eingriffsmöglichkeit, umgehen muss.

Ich kenne ein paar Leute, deren Tätigkeit teilweise mit Soft zu beschreiben wäre, denen ich sehr gerne, ja äusserst gerne ein B’haltis in der Schnore deponieren würde, nicht nur von Microsoft. Der Editor auf Windows speichert die austauschbare txt-Datei im Dateiformat PC mit dem Zeichensatz ANSI, derjenige im UNIX-System in UNIX und UTF-8.

Grossschnorern sei gesagt, dass es in einem solchen Fall keine Lösung wäre, störende Dateien durch Speichern Unter im gewünschten Zeichensatz neu zu speichern, weil dann das Entstehungsdatum verändert würde, das unter Umständen, wie jetzt gerade in meinen, wichtig ist. Es muss nun jede einzelne Datei in WORD neu eingefügt werden, so dass bei diesem Vorgang die richtige Codierung gewählt werden kann. Ob der Linux-Computer noch weiter gebraucht werden kann, dünkt mich frühmorgens ziemlich unklar.

Zusatz abends: Nachdem die falsch codierten Dateien (UTF-8 statt ANSI) einzeln in WORD eingefügt worden sind, konvertiert, und das Projekt der Sammlung aller Blogeinträge in einer einzigen PDF-Datei vorwärts kommt, habe ich den Editor des Linpus-Computers genauer studiert. Für die kommende Praxis kann Entwarnung gegeben werden. Der Editor lädt die ANSI-Dateien korrekt und speichert die veränderten weiterhin mit demselben gewünschten Zeichensatz. Wurde die Datei ursprünglich auf einem Windows-Computer erstellt, hat sie die normale Codierung auch nach diversen Wechseln der Systeme beibehalten. Nur wenn die ersten Zeilen eines Textes auf dem Acer-Computer geschrieben wurden, war der Text mit UTF-8 codiert, auch wenn er mit dem Windows-Editor nachher weiterbearbeitet worden war. Nur wenn ein Text anfänglich auf dem kleinen Computer geschrieben wird, muss beim ersten Abspeichern als Speichern Unter darauf geachtet werden, dass die Codierung auf ISO-8859-1 oder ISO-8859-15 (mit dem Eurozeichen) gewechselt wird. Was nicht geht, ist den Editor so einzustellen, dass er immer beim Speichern Unter diesen Zeichensatz wählt. Aufgepasst also in Drunkenheit beim Schreiben und ersten Speichern!

Kommentar: Für den Einzelnen scheint das Problem einigermassen gering, jedenfalls bewältigbar. Wenn man an grosse Betriebe im deutschsprachigen Raum und an ihre MitarbeiterInnen denkt, die verschiedene Systeme benutzen – besteht da wirklich keine Gefahr, dass eine Textpassage, die mehr als nur semantische Gehalte transportiert, auch einmal falsche Signale auslöst?

Blogarchiv als PDF

16. April 2011 um 16:44 Uhr von ur

Gestern habe ich endlich begriffen, wie die verschiedenen Blogformate überlistet und die archivierten Texte in einem einzigen PDF-Dokument versammelt werden können. Entscheidend war die Information über den Advanced File Joiner, der die ursprünglichen ASCII- oder ANSI-Texte eines Jahrgangs zu einem einzigen zusammenfasst, der Tabelleneinstellung entsprechend gemäss der Entstehungszeit der einzelnen Textdokumente. Das funktioniert nicht perfekt, aber doch schon so gut, dass in WORD korrigiert, formatiert und die Bilder zusätzlich eingefügt werden können. Nächstens wird die erste Fassung zum Download bereitstehen, in dieser Notiz als Zusatz, auf der Homepage als normaler Verzeichniseintrag.

Zusatz: http://www.ueliraz.ch/blogarchiv-2005-2011.pdf (280 Seiten, 10 MB)

Micrologus

15. April 2011 um 20:32 Uhr von ur

Gerade so gebannt zugehört wie vorhin dem Schostakowitsch, auf Espace 2, einem Konzert vom 13. Juli 2010 aus Fribourg mit der Gruppe Micrologus: Cantigas de Santa Maria de Nostra Donna (13. Jahrhundert). http://www.micrologus.it/

http://de.wikipedia.org/wiki/Cantigas_de_Santa_Maria

Schostakowitsch, Zweites Violinkonzert

15. April 2011 um 18:40 Uhr von ur

Soeben auf Bayern 4 Dmitrij Schostakowitsch, Violinkonzert Nr. 2 cis-moll, London Symphony Orchestra, Leitung: Valery Gergiev, Solist Sergey Khachatryan, Violine. Aufnahme vom 23. Januar 2011 in der Barbican Hall, London.

Wäre Schostakowitsch nur dieser Fährte auch späterhin gefolgt – es hätte aus ihm ein veritabler Komponist werden können. Selten, dass ich Schostakowitsch so gespannt zuhöre wie in diesem Stück, wenigstens die ersten zwei und das letzte Viertel lang.