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Beethovens Achte & Neunte aus Paris

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Théâtre des Champs-Elysées vom 28. November 2010, Wiener Symphoniker mit Christian Thielemann, Choeur de Radio France, die achte und die neunte Symphonie von Beethoven auf France Musique. Schon eine Stunde vor Sendebeginn schaue ich, ob „alles in Ordnung“ ist. Keine Ahnung, wann es das letzte Mal war, dass ich so gespannt ein Konzert älterer Musik erwartete. Die vorangegangenen Aufführungen der sieben Symphonien im Pariser November 2010 waren grösstenteils einfach zu gut, als dass die Nummern 8 und 9 verpasst werden dürften.

8.1: Unruhige Tempi, fast bis zum Auseinanderfallen, als würde eine temporale Dekonstruktion erprobt.

8.2: Auseinanderliegendes wird kammermusikalisch gruppiert und sukzessive als neuer Beethoven zusammengesetzt. Beeindruckend.

8.3: Schwere, fast hinkende Metren. Kein Echo auf Haydn, sondern auf Beethoven selbst, die Pastorale. Ländlerhaft, wie eine Vorlage für Mahler.

8.4: Die Flöten schlafen noch, ansonsten superb! Noch nie so wenig laut gehört: das Bestimmte wird in den gedämpften Passagen herausgehoben.

9.1: Die Bläser sind wach, die Streicher homogen wie in den früheren Aufführungen. So kennt man diese Band in Paris 2010. Keine Lecks in der Partitur, dichte gute Musik. Die Erwatungshaltung fürs Kommende ist angereizt, die Spannung da, ganz ohne Pathosfurcht.

9.2: Nicht auf die Spitzen und auf den Drive gezielt, und wieder mit Schwankungen, allerdings ziemlich interessanter, als ob ein Fohlen zum ersten Mal dressiert würde – alle Spannung ist in die leisen Passagen abgelegt. Das ist keine alte bekannte Musik mehr, sondern eine, die zu entstehen versucht. Kein Pathos ist zu befürchten, gerade umgekehrt entfaltet sich Intelligenz.

9.3: Beethoven übte sich in Filmmusik mit einer Landschaftstotale. Hätte man keine angewöhnten Ohren, würde man nicht spontan eifrig zuhören wollen. Das Orchester wird aber nicht kitschig, und der Angefixte bleibt gerne dran. Der Komponist verbrachte eine Zeit mit Varèse in der Gobi Desert. Klar, einmal kippt das Ganze. Doch wer kommt und scheint auf im Bild, die Revolution, das Pathos? Eine Kleinfamilie aus Mexico, durstig – uff, und meine Flasche ist vor lauter Zuhören noch halbvoll. Hat Beethoven den dritten Satz der neunten Symphonie selbst geschrieben?

9.4: Endlich eine Klapperschlange, quasi ohne Pause dem letzten Satz hinzugefügt. Die Ohren sind spitz! Doch wie halten sich die Wiener wieder zurück! Die Melodie, zunächst im Bass, entwickelt sich wie am Anfang des Konzerts kammermusikalisch. Man ist gespannt, weiss aber nicht, worauf die Spannung gerichtet werden soll – sie umgibt einen. Das ist neu. Mit der Stimme wird es … zum erstenmal tänzerisch, leicht, und dann noch leichter. Dies erscheint in der Tat als eine Interpretation, die Stück für Stück Neueres offenbart, der man immer mehr vertraut und in der man sich diesem Neuen immer lieber anvertraut. Jetzt erst wird das Verhältnis von den leisen zu den lauten Stellen klar und wie es aus der Partitur herauszulesen ist, befreit von den staubigen Klischees. Das Folgende bis zum Ende wird so leicht wie Bizet, wunschgesehen von Nietzsche: auf der Oberfläche leicht, innen aufgeschlüsselt um so ernster.

Eroica, Walküre

Dienstag, 14. Dezember 2010

Es läuft gerade der zweite Satz der dritten Symphonie von Beethoven, Eroica, aus dem Théâtre des Champs-Elysées vom 27. November 2010, Wiener Symphoniker mit Christian Thielemann: erstaunlich, wie schamlos Wagner diese Musik für die Walküre hat ausbeuten können, reinstes Copy’n’Paste.

Dusapin: Reverso

Freitag, 10. Dezember 2010

Grosse Faszination wie bei Passion am 11. November, Pascal Dusapin mit Reverso (2006) jetzt live aus dem Salle Pleyel, ein sogenanntes Solo für Orchester. Während des grösseren Teils eine Musik, die sich entschieden von den Prinzipien der Klangschichtung verabschiedet und so etwas produziert wie Klangsäulen oder Klangstelzen, die sich in kleinen, unbedeutenden Schritten fortbewegen. Im langsamen, unvirtuosen Fortschreiten verändert sich die Zusammensetzung der teils komplexen, teils durchsichtigen Säulen, indem die immer klar zu unterscheidenden Etagen in unterschiedlichen Momenten mutieren. Kleinere Teile des Werks sind nicht besonders unkonventionell, alte geschichtete Klänge mit quasi jazzigen Eruptionen.

Walküre in der Scala, 3. Akt

Dienstag, 7. Dezember 2010

Nach so viel Wein den Rhein runter kann man wenigstens zur Aussage gelangen, dass die grossen Werke Wagners nur gewinnen, wenn sie mehrmals in einem Leben gehört werden. Sie sind etwas vom Wichtigsten, ohne dass einer mit einer solchen Wertschätzung zum Wagnerianer werden müsste. Sie sind gewöhnliche feste Teile der Welt, mit der jeder Mensch sich auseinandersetzt.

Hoffen wir mit diesem Wust genialen Wagners in den Geweiden, dass der Scheiss, in den Julian Assange mit der Verhaftung heute Morgen im Grossen Britannien geraten ist – wie das an die Schweiz und ihre Erfahrung mit Regisseuren erinnert… – eine gute Kurve findet. Die Welt und die Frauen haben besseres verdient als die zwei schwedischen Narzisstinnen. Mögen sie trotz ihres Unsinns vom CIA mit Befragungen verschont werden wie Fricka umgekehrt Wotan im Spiel eben erst zur Rede stellte. Sollen sie ihrer Wege ziehen – aber der Fliegende Australier den seinigen entlang nicht weniger und, wichtiger, unaufhörlicher. Für sie wird keiner bei Bewusstsein den Speer nicht fürchten.

Im übrigen ist der Applaus in Paris viel ergreifender als in Mailand. Schwache Säcke im Publikum dort.

Walküre in der Scala, 2. Akt

Dienstag, 7. Dezember 2010

Zum ersten Mal so erlebt, dass Spannung auch durch eine lange, quasi langweilige Dehnung der Zeit entstehen kann: der zweite Akt erfährt durch Frickas Giftrede eine ziemlich irritierende Abdrift, aber gerade diese Ablenkung macht die erste und letzte, sehr stille Begegnung zwischen Siegmund und Brünnhilde zum knitternden Spannungsereignis, auch ohne Bühne, nur unter Kopfhörern via France Musique. Weiter gut so! Und keine zu lange Pause jetzt in Mailand, wenn’s geht!

Wagner und Hegel

Dienstag, 7. Dezember 2010

Man kann manchmal Wagners Ring inhaltlich deswegen nicht folgen, weil man meint, ein verlorenes Erinnerungsstück müsse in der Struktur des Ganzen gesucht werden. Das lange Stück ist aber insofern hegelisch komponiert, als die Teile auch in der Zeit situiert sind, nicht nur in einer allgemeinen Struktur. Brünnhilde macht nicht einfach so einen Fehler, aus eigenen Motiven, aus einer individuellen „Menschlichkeit“ oder ähnlichem. Wotan wünscht zunächst, sie hülfe Siegmund – doch dann kommt unverhofft Fricka zugegen und lehrt ihren Mann Göttermores: Siegmund soll nicht durch Tricks und Ränke geholfen werden. Erst jetzt bekommt Brünnhilde, für sie in einem Doublebind, vom Vater die Anweisung, Bruder Siegmund nicht zu helfen.

Walküre in der Scala, 1. Akt

Dienstag, 7. Dezember 2010

Zum ersten Mal, dass ich den ersten Akt der Walküre als spannende Musik höre, soeben in der Scala Milano, unter Barenboim – und nicht als Vorspiel der interessanteren Stücke in den folgenden Teilen. In zehn oder zwanzig Minuten geht es weiter. Gut gut!

Gurrelieder

Freitag, 26. November 2010

Gestern auf Radio DRS 2 die Gurre-Lieder (1900-1911) von Arnold Schönberg aus dem KKL Luzern vom 14. September 2010, mit Christine Brewer, Petra Lang,Stephen Gould, Andreas Conrad, Stephen Powell, Wolfgang Schöne, Tonhalle-Orchester Zürich, Orchestre de la Suisse Romande, NRD Chor, Damen des Choeur du Théâtre de Genève, Staatlicher Akademischer Chor „Latvija, Leitung: David Zinman.

Ich höre Musik mit offenen Augen und träume dabei nichts Gegenständliches. Bei den Gurre-Liedern gerate ich seit jeher in Schwierigkeiten, der Struktur zu folgen, insbesondere im ersten Teil. Gestern dissoziierte ich mich die ganze Zeit in die Gegend des Pic Tenneverge, zuerst sehr lange auf der französischen Seite in die wilden Pâturages de Prazon, in die Passage de la Rigole, durch die Gures und ins Vallon de Tenneverge (einer der vielen Bäche, leicht südlich, heisst Cascade des Gurrets), im kurzen zweiten Teil auf den Col de Tenneverge und in die Nähe der Pointe de Finive, im dritten Teil wie ein Echo der ganzen Gegend zu den Sauriern und zu den Seen von Emosson. Vor allem die französische Seite mit einer abstrus deponierten Hütte ist eine Zone, die ich jahrelang auf der Karte begaffte, wo ich mich aber schon früher nicht hätte herumtreiben können.

http://www.hikr.org/tour/post3813.html

http://www.flickr.com/photos/8237558@N07/
sets/72157600205110656/detail/

Boulez benutzte den Spruch von Klee, An der Grenze des Fruchtlandes, unter Streichung des ersten Wortes „Monument“; Schönberg komponierte den ganzen vor ihrer eigenen Zeit, der Schönbergs und Klees, in dieses Werk.

Schade, dass der Applaus zugunsten der aufdringlichen Radionachrichten abgewürgt wurde – die Spannung war auch unter Kopfhörern so immens, dass man ihn als Teil der grossartigen Aufführung hätte miterleben wollen. Die Sprecher trampen in den Medien herum so elegant wie Saurierprotze.

(Zusatz 28. 11. 2010: Drei Tage später die Gurre-Lieder nochmals gehört, die alte Aufnahme mit Boulez von 1974, die ich einmal kaufte, weil ich die von Ozawa nicht ausstehen konnte. Sie ist immer noch sehr frisch und zeigt die Soundscapes der überladenen Orchestrierung in klaren Schichten. Die Struktur des ersten Teils ist nicht wirklich kompliziert, aber die Motivmomente schieben sich zuweilen arg in- und übereinander. Mit ein wenig Distanz und trainierten Ohren nach mehrmaligem Hören in kurzer Folge wird es eine leichtfüssige Musik.)

Dusapin, nicht Mozart

Donnerstag, 11. November 2010

Gerade im Théâtre des Champs-Elysées (Aufnahme vom 8. Oktober), auf France Musique, mit Pascal Dusapins Passion (2008), einer Oper mit reflektierendem Bezug zu Monteverdi, leicht und sehr feingliedrig, ohne alles Fett der Massenoper. So hätte sich die Musik nach Monteverdis Tod entwickeln sollen, nicht hin zu Mozart. Hoffentlich gibt es das Stück bald noch einmal zu hören, wegen des Orchesters und einigen SängerInnen, Ensemble Modern und Vocalconsort Berlin, vielleicht auf einem deutschen Sender. Und hoffentlich gibt es auch die anderen Werke dieses erst heute entdeckten Komponisten zu verfolgen. Weil diese Musik so leicht erscheint, dünkt es mich, ich verfolge sie in ihren Vielheiten eher als dass ich Komplexe zu entziffern hätte.

Mahler, Strauss & Straw

Sonntag, 31. Oktober 2010

In der Philosophie gehören die widerständigen Autoren und Autorinnen deswegen zu ihrer Geschichte, weil sie das Diskursive des Begriffs erst ermöglichen; dadurch sind sie notwendig und wecken das Interesse für eine subversive Lektüre der Philosophie überhaupt. Eigenständige, durchgestaltete, wenn auch unabgeschlossene Philosophien bilden sie erst nach dem Ende der Philosophie als System. Nach Hegels Tod wird jede Philosophie verdächtig, die ein System intendiert, einen Standpunkt fixiert oder eine Lehre beabsichtigt. Keine Philosophie repräsentiert diese noch einmal insgesamt; jede ernst zu nehmende widerspricht ihr – oder macht ihre eigene Begrenztheit zum Thema.

Die musikalische Geschichte enthält zwar auch widersprüchliche Tendenzen, immer aber innerhalb eines begrenzten Zeitraums. Einem Zeitstil widersprechende Musik ging jeweils rasch wieder verloren, weil es in der Kunst Lust machte, Neues zu schaffen, sobald technische oder ästhetisch-legitimatorische Schranken fielen. Erst seit wenigen Jahrzehnten werden KomponistInnen, die nicht gemäss den herrschenden Standards Werke schufen, als historische Trouvaillen verdienstvoll zu Bewusstsein gebracht. Nach Wagner (mit Debussy und Ravel) aber vermochte sich neu eine Musik gegen die neue, wahre und zeitgemässe, gegen Schönberg zu etablieren, die sich nicht nur bruchlos halten konnte, sondern nach wie vor die ernste Kunstmusik künstlerisch wesentlich konkurrenziert. Obwohl der geschichtsphilosophische Wahrheitsbegriff auf dem Feld der Musik nicht mit dem der gesellschaftlichen Theorie zu vergleichen wäre, ist das Verhältnis der musikalischen Kunst von Mahler, Strauss und Strawinsky zu derjenigen von Schönberg, Nono und Boulez, zur Geschichte der Musik als Kunst überhaupt, doch erstaunlich – als ob eben etwas unverleugbar Unwahres über eine scheinbar unabschliessbare Zeit hin mit dem Wahren einen Konkurrenzkampf zu bestreiten vermöchte. Gustav Mahler hatte keinen leichten Start, wurde aber nach dem Zweiten Weltkrieg immer offensichtlicher zu einer künstlerischen Grösse, die mit dem Älterwerden unablässig künstlerische Schätze freisetzt, auch solchen, die ihm anfänglich nicht recht trauen wollten. Strauss hatte einen fulminanten Start, beeindruckte alle von Anfang an (unverzeihlich, wie Varèse ihm huldigte) und genoss den Ruhm durch alle Reiche hindurch. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine kurze Schweigezeit – heute wird seine Musik nicht nur den ganzen Tag lang auf deutschen Sendern gespielt, sondern im musikalischen Diskurs peu à peu auch gegen die von Mahler aufgewertet. Das stärkt den Unangenehmen auf unangenehme Weise, denn auch geschätzte Künstler wie Rihm und Lachenmann sitzen diesem Trend auf. Strawinsky steht anders da, weil er in einer offenen Auseinandersetzung mit der Kunst seines Gegenparts spielte. Leider unterstützte seine künstlerische und menschliche Souveränität die frühe Tendenz in ihm, die neu zu schaffende Musik nicht mit der aktuellen Gesellschaft verschwistert sehen zu wollen und das Neue generell nicht als wesentliche Kategorie zu anerkennen. Diese forcierte Apathie drückte mir gestern Abend wieder auf den Magen, als France Music ein Konzert brachte, auf das ich mich tagsüber freute, mit frühen Stücken, vor 1920, am Schluss noch den Rossignol, eine Kurzoper, die ich musikalisch eigentlich ganz gut mag, wenn auch den Kitsch in ihrer Geschichte entschieden nicht. Obwohl L’Histoire du Soldat gar nicht gespielt wurde, war mir dieses missratene Stück ständig in den Ohren, und ich bezog alles Geschehen und alle Wendungen in diesem Konzert, die mir ansonsten eher gut gefallen, mit Widerwillen auf es. Es gibt kein glückliches Zuhören im Unwahren, zuweilen nicht einmal ein interessiertes.

Zwei tschechische Opern

Montag, 25. Oktober 2010

Vorgestern auf Bayern 4 direkt aus München Dvoráks Rusalka (1901) unter Tomás Hanus. Das Werk erscheint mir in den guten Partien wie ein Rinnsal des Rheingolds, nur selten zeigen sich Materialien aus Dvoráks starken Partituren wie beispielsweise der 9. Symphonie „Aus der neuen Welt“. Als Opernkomponist dünkt mich Dvorák nun fade und weit hinter seine Zeit und sein eigenes Vermögen zurückgefallen. Von der skandalträchtigen Inszenierung, in der dem Märchenhaften der verführerischen Mädchenfrauen oder Mädchenseejungfrauen die grauslige Realität der in den letzten Jahren berühmt gewordenen Fälle von Pädophilie entgegengestellt wird, ist im Radio ausser den ihr zuzuordnenden, indes spärlichen Buhrufen nichts zu vernehmen. Da ich beim Hören spontan eine Mädchenidylle halluzinierte und an der musikalischen Interpretation nichts auszusetzen hatte, verstand ich dieselben nicht und überhörte sie.

Gestern auf SWR 2 Janáceks Katja Kabanova (1919-1921) als Live-Aufnahme vom Mai aus Stuttgart unter Michael Schønwandt. Ah, welche Kraft und permanente Inspiration! Kaum ein Moment, wo nicht Materialien aus den besten Instrumentalstücken des Komponisten dem Geschehen Zunder gaben, so dass auch einem Opernhasser der Kiefer nicht selten offen stehen musste. Nicht nur hat das Werk einen Drive, der unaufhaltsam vorwärts in die Katastrophe treibt, sondern die ästhetische Idee des Komponisten ist so durchdacht und einzigartig, dass man sie als ihrer Zeit vorauseilend empfindet, als eine, die heute gerade rechtzeitig angekommen ist.

Harrison Birtwistle

Freitag, 22. Oktober 2010

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg mit Jonathan Nott spielt auf Radio SWR 2 Harrison Birtwistle, The Shadow of Night vom 4. Juli 2010: Umwerfend & tiefsitzend poetisch. So müsste man denken, und man würde über den Tod sprechen können

Jazzleichen, jugendliche

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Wer sich heute nicht nur neugierig aus der Distanz, sondern wohlgebettet auf einer lebenslangen und umfassenden Erfahrung und in einer affirmativer Haltung mit der improvisierten Musik auseinandersetzen will, aus einem Impuls heraus, den ein besonders gelungenes Konzert improvisierter Musik freisetzte und der die Frage heraufdämmern liess, wie heute über sie verbindlich zu sprechen sei, sticht in ein Wespennest, deren Individuen sich zu geben scheinen teils wie Nachtigallen, teils wie kaum flügge gewordene Adler oder wolfshungrige Walliser Lämmergeier. Die Vergesslichkeit zerrüttet nicht nur ihre ontologische Identität, mit einer solchen sich auch in einem geglückten Leben spielen liesse, sondern zersetzt in alzheimerschen Masse ihre Kunstproduktion von Grund auf: sie scheint nur möglich, weil die MusikerInnen sofort vergessen, was sie soeben gespielt haben, dasselbe nämlich, was sie jetzt spielen und alsbald wieder spielen werden. Wann immer man etwas von ihnen hört, heute, erscheinen zu viele von ihnen wie Schnapsleichen, ausserstande, in der Aufführung einem aufmerksamen Ohr klar zu machen, was Neues sie dem interessierten Publikum schmackhaft machen wollen. Auch in der geschriebenen Musik gibt es viele schlechte Schöpfer und Schöpferinnen. Einige von ihnen schaffen aber über alle Massen fesselnde Werke – weil diese einem neu erscheinen, als Gegenteil von immergleich. Das berührt die gesellschaftliche Anerkennung der schlechteren KomponistInnen nicht. Mit Recht wurde noch nie infrage gestellt, dass auch die weniger innovativen schreibenden MusikerInnen von allen möglichen Instanzen Gelder zugesprochen erhalten müssen, weil die Entwicklungsbahn der Einzelnen nicht vorausgesagt werden darf.

Der Artikel von Thomas Meyer und die Wurfgeschosse der bösen Jugend sind hier ausgestellt: http://reactionsmeyer.blogspot.com/

Urbanner, Sora, Stroppa, Baltakas

Samstag, 25. September 2010

Ich habe zwar seit fast zwanzig Jahren einen Kabelantennenanschluss für den Radioempfang, aber die Firma Cablecom schafft es erst seit einem halben Jahr, die immer schon versprochenen Sender Bayern 4, SWR 2, Espace 2 und France Music auch in der Hauptstadt der Schweiz in technisch akzeptabler Weise auszustrahlen. Was für eine Befreiung endlich aus der Verantwortungslosigkeit von DRS 2! Auch ich habe nun Einblick in das, was im Bereich der ernsthaften Kunstmusik aktuell komponiert und aufgeführt wird. Gestern ein umwerfendes Konzert auf Bayern 4 direkt aus München, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Lucas Vis mit vier grandiosen Stücken: Erich Urbanner „Begegnungen“, Tom Sora „Triaden“, Marco Stroppa „Ritratti senza volto“, Vykintas Baltakas „Scoria“. Drei Werke waren Uraufführungen, Stroppas „Ritratti senza volto“ eine deutsche Erstaufführung. Ich kenne jeden versteinerten Kuhfladen in den Walliser Krächen – aber die Namen der offenbar längst arrivierten Komponisten von so grossartiger Musik sind mir gestern alle zum ersten Mal begegnet. Ich lebe in einem vornehmen Land, wo der gesellschaftliche Status der KomponistInnen dem ontologischen der Alpentörtchen gleichkommt.

Tafelmusik zum Tischrücken

Freitag, 24. September 2010

Gestern auf DRS 2 das Konzert unter Boulez mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra in Luzern vom 1. September 2010: Strawinskys unproblematische Bläsersymphonie, sein leicht verkitschter Chant du Rossignol (die Oper, immer schon kitschanfällig, auf DVD gesehen, dünkte mich interessanter), am Schluss Schönbergs Pierrot lunaire, enorm energiegeladen sowohl durch die Präzision der Gesamtaufführung wie durch die Vitalität, Geschmeidigkeit und, nicht zuletzt, die Schönheit der Stimme von Olivia Stahn. Dazwischen vom hundertzweijährigen Carter die Lieder What Are Years (2010 an drei Festivals von verschiedenen Bands ur- und zweitaufgeführt, in Aldeburgh, Tanglewood und eben Luzern). Ich folgte dem zwölfminütigen Werk äusserst berührt, wie halbwegs aus einer anderen Welt, als ob einige Parameter im Leerlauf mitliefen, weil gewisse Schaltzentralen der musikalischen Produktion ihre Aktivität nun doch schon eingestellt hätten – geringfügige, aber vom Alter desto entschiedener nicht pardonnisierbare. Man müsste in einem Verein für Tischrücken Einsitz nehmen, um die Signale aus der anderen Welt empfangen und deuten zu können.

Figures, Doubles, Prismes

Freitag, 10. September 2010

Gestern am Radio live vom 5. September 2010 aus Luzern Pierre Boulez mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra: Figures, Doubles, Prismes (1957/1963/1968). Helle Begeisterung bei mir gegenüber dieser Aufführung (wie auch gegenüber der nachfolgend gespielten Sechsten Symphonie Gustav Mahlers). Heute Morgen schaute ich bei meinen eigenen Einschätzungen von musikalischen Werken des 20. Jahrhunderts nach http://www.ueliraz.ch/neuemusik/werkkritik-1.htm und stellte fest, dass ich dieses Werk vor vier bis fünf Jahren offenbar nicht besonders hoch einschätzte, insbesondere fällt auf, dass verschiedene Passagen nicht einfach als unterschiedliche begriffen wurden, sondern in ihrer Qualität voneinander abgesetzt. Ich habe also die alte Aufnahme nochmals durchgehört, auch diese von Boulez dirigiert, im März 1985 mit dem BBC Symphony Orchestra. Mit Ausnahme der Streicherpassage im letzten Teil dünkt sie mich in der Tat „schlechter“ (kein Wort, das man bei Boulez gerne gebraucht…), weil die leisen Momente weniger artikuliert, also matter erscheinen und die quasi schreitenden Staccatoteile abgedämpft, ja abgebremst. Mich dünkt eindeutig, dass ich in der alten Aufnahme in diesem Stück eine Zusammenfassung des frühen Boulez hörte, wohingegen die neue Aufnahme von Luzern dieses bis ins Unwirkliche ziselierte Stück als Vorwegnahme von Répons zeigt.

Wagner heute, exakt heute

Samstag, 14. August 2010

France Music 18.00 Uhr: Parsifal vom 29. Juli

SWR2 20.05 Uhr: Siegfried vom 30. Juli (bei der Übertragung auf BR-Klassik hatte ich die ersten 20 Minuten, die besten, verpasst)

BR-Klassik 18.00 Uhr: Die Meistersinger von Nürnberg vom 2. August

Das Falsche in der Klassik

Freitag, 30. Juli 2010

Obwohl von einem Vorwärtsgehen in der Musik heute, soweit sie in den Medien überhaupt verfolgt werden kann – und das deutschschweizer Radio DRS2 verzichtet seit zwanzig Jahren hundertprozentig darauf – nicht die Rede sein kann, ist die Musik gesellschaftlich lebendig wie nie zuvor. Das ist den Interpretationsleistungen zu verdanken, die Werke aus Zeiten wieder aktuell werden lassen, die von unserer ferner nicht sein könnten, ihre Leistung aber in einer Weise vollbringen, die die Momente der unseren uns undringlich erscheinen lassen und die Werke selbst so, als ob sie in unserer Gegenwart erschaffen worden wären. Das Zweite Klavierkonzert von Beethoven Opus 19 mit Paul Lewis und dem Symphonieorchester der Stadt Birmingham unter Andris Nelsons gestern live via BBC auf Radio France Music war genau eine solche Aufführung, in der man jede Sekunde hätte sagen wollen, so etwas Bestes hat es noch nie gegeben wie dieses perfekte Musikstück, und dies in einer perfekten und zu keinen Zeiten mehr zu übertreffenden Interpretation. Im Zusammenhang eines solch absonderlich tief wirkenden Erlebnisses fällt es nicht schwer, die Momente aufzulisten, die objektiv fehlen, wenn die Musik als Zeugnis unserer Gesellschaft – derjenigen meines Lebens – gelten soll, ohne dass in der kritischen Aufzählung Spuren der Ablehnung eines Veralteten wirksam sein müssen. Was Beethoven gesellschaftlich erlebte und als Momente der Gesellschaft zur Erfahrung bringen konnte, musste Dämme überwinden, die wir nicht mehr kennen. Die vermittelten Ereignisse geschahen nie ausserhalb eines geografischen Radius, den wir als eng bezeichnen würden, und trafen zu einem Zeitpunkt ein, da es uns nur noch langweilen würde; die Nachricht war verzerrt und unverlässlich, als ob ein Kind naturwissenschaftliche Sachverhalte erklären würde. Desgleichen im Ungefähren mussten Entscheidungsprozesse reflektiert und diskutiert werden, die im nahen Raum geschahen, durch die gesellschaftliche Hierarchisierung aber dem Einzelnen gänzlich intransparent erschienen. Auch wer mit Widerspruchsgeist gesegnet war, war in den Konventionen, die von der Macht verlangt wurden, gefangen. Nicht zuletzt war jede Tätigkeit, jede wissenschaftliche, wirtschaftliche und künstlerische Praktik mit dem Mangel konfrontiert, der in allen Bereichen eine Reduzierung der Mittel aufs Nötigste voraussetzte. Das kennen wir nur in abgeleiteten Varianten und im ganzen eigentlich nicht. Auch mittellos gibt es Zugänge zu Aktivitäten, in denen von Mangel nicht die Rede sein kann, und sind Arbeiten nur gut genug geplant und geschickt vorbereitet, sind von vielen Seiten Zusatzmittel ins Spiel zu bringen, die auch schwierige Projekte am Laufen halten; desgleichen mögen Konventionen und Regeln sporadisch zwar stören, doch ihre Infragestellung wird von der Gesamtgesellschaft eher gefördert als im Keim schon abgewürgt. Die schlimmsten Mauern, die seit Beethovens Zeiten gefallen sind, waren in die Landschaften gezogen der ganzen Welt, sowohl räumlich wie zeitlich. Wir sind sie ledig, zumindest in der gegenwärtigen Mentalität des wachen Gesellschaftsmenschen unwiderruflich: wir wissen genau, was geschieht, in welcher Weise wo und wann, und wir wissen es jederzeit, sofort, und vermittelter – verlässlicher – nur kurze Zeit später. Und wir kennen sowohl die grossen wie die kleinen Zusammenhänge, weil die Wissenschaften das Wissen in vielen öffentlichen Wiederholungen zugänglich machen. Die Stellung des Einzelnen zur Gesellschaft – das einzelne Leben – ist um vieles anders geworden. Das Falsche, das es nur selten mehr an sich selbst erlebt, erfährt es in einem Zusammenhang, in dem der Einzelne als bewusster, vernünftiger Akteur tätig ist; es ist nichts, das zur Ferne gehörte, sondern bezieht sich direkt auf das Wesentliche der Gesellschaft, die als ganze wie eine einzige Lüge erscheint, die alles daran tut, das Falsche – die Ungerechtigkeit – im Überfluss der Waren jeden Tag neu vergessen zu machen, in einem Überfluss, in dem jede einzelne Stimme verstummt, auch die in der Kunst und in der Musik. Was in dieser aber geschieht, wenn sie sich ernsthaft auf die Gegenwart bezieht, ist, intentionslos, ein unablässiges Aufzeigen und Klarmachen, wie die Dämme, innerhalb derer früher die Dinge passierten und sie kleinwerden liessen, heute keine Hindernisse mehr bieten. Seit fünfzig bis hundert Jahren gibt die Musik ständig Zeugnis davon, dass wir existentiell aus der Enge heraustreten können, dass wir schnell reagieren können, dass wir den Zusammenhang, in dem die Dinge stehen sollen, uns nicht durch Konventionen diktieren lassen müssen, und dass aus dem, was als Ding da zu sein scheint, schnell neue Vielheiten entstehen können, in denen die vermeintlichen Tatsachen verwandelt dastehen. Die bewusste Musik der Gegenwart enthält einen Impuls, der äusserst stark mit den inneren Verhältnissen der neuen Realitäten korrespondiert, auch wenn die Ereignisse, die in ihnen statthaben, nicht zu ihren Gehalten gehören müssen. Das ist fast deprimierend deutlich wahrnehmbar in der Musik von Beethoven, wenn man vom vereinzelten Stück zurücktritt: dass die Bahnen in ihr zu eng gezogen sind, als dass sie mit der Sicht der Einzelmenschen auf die gesellschaftliche Realität noch zu korrespondieren vermöchte. Auch wenn sie als die beste erscheint und als das Beste, erweckt sie keine Sehnsucht danach, in jener Gesellschaft leben zu wollen, auf die sie sich notgedrungen bezieht.

Waka / Jawaka

Montag, 19. April 2010

Auf DRS 2 Diskothek im Zwei gehört, eine Sendung, die sich seit gewisser Zeit auf dem absteigenden Ast bewegt. Nach einer halben Stunde lauschte ich auf CD begierig Zappas Waka /Jawaka, einer Platte, die ich sehr oft und immer sehr gerne zu mir genommen hatte. Dabei überlegte ich mir, wieso Zappa eine besondere Stellung einnimmt, obwohl seine Musik doch auf der ganzen Ebene zur Kulturindustrie gehört und ihr von sich aus nicht aussen vor steht – seine Stücke sind als Werke nicht so gebaut, dass man sie anders hören müsste als die von Björk oder von sonstwem aus dem Radio. Wenn auch Waka / Jawaka in den Bläserstimmen dagegen sprechen mag, ist es doch so, dass gewöhnlicherweise in Zappas Aufnahmen die Instrumentalisten so tönen, als ob sie um einiges mehr geübt hätten als die MusikerInnen auf Studioaufnahmen oder Livemitschnitten anderer KünstlerInnen der effektiven Kulturindustrie. Es dünkt mich im Moment, dass es äusserst weniges ist, und etwas gar Wackeliges, was die grosse Kunst von der der Kulturindustrie zu trennen imstande ist.

Oliver Nassen

Donnerstag, 15. April 2010

Gestern hatte ich auf DRS 2 ein gutes Interview von Thomas Meyer mit dem Dirigenten und Komponisten Oliver Nassen gehört, der mir noch unbekannt war. Dummerweise notierte ich den Namen nicht, so dass ich nach der Sendung am Internet nicht weitersuchen konnte. Typisch DRS 2 gibt es zu dieser Sendung, die offenbar von der Redaktion als eine Zumutung a priori fürs Publikum eingeschätzt wird, keine Notiz im Online-Programm, wo sich der Name herauslesen liesse. Ich wusste noch, dass er in Zürich vor kurzer Zeit Strawinsky dirigiert hatte, also los heute Nachmittag mit Googeln nach „Strawinsky Zürich“, aber nichts erscheint, das einen britischen Dirigenten mit „N“, wie mir im Gedächtnis zu haften bleiben schien, enthielte. Aber oha, es gibt einen Link im Programm, dank dem man die Sendung nochmals hören kann. Okay, wird gemacht, Hörer auf- und unter Strom gesetzt. Okay, noch ein Bisschen vom Hörspiel zuvor, macht ja nichts. Eine Minute vom schon gehörten Hörspiel, zwei Minuten vom schon gehörten Hörspiel, drei Minuten vom schon gehörten Scheiss, vier Minuten vom verdammt wie lange geht das noch!!!??? Endlich die Ansage: „Hören Sie eine Sendung über Oliver Nassen.“ Danke!!! Nun also wieder googeln: Oliver Nassen… Nix die Laus! Alle britischen Komponistenlisten habe ich zuvor schon durchgeschaut, geboren 1950, Beginn des Namens mit N und jetzt eben der vollständige Name gar: Nassen, Oliver Nassen. Leider speichert der Browserverlauf nicht die exakten Googleanfragen, so dass ich jetzt nicht sagen kann, mit welchen Suchwörtern ich schliesslich fündig wurde. Immerhin kann ich andeuten, auf welche dunkle Weise. Bei all den Variationen, die ich aufgrund der erinnerten Stichwörter des Interviews durchführte, blieb ein Name stetig präsent, und heisst dieser mit Vornamen nicht auch Oliver?! Ja klar, er ist gefunden, und es gibt sogar ein paar Videos mit den Kinderopern, die zwar nicht mehr ganz so interessant ausschauen wie sie gestern getönt hatten, aber immerhin, ich werde ihn und seine Musik ernsthaft weiter verfolgen: Oliver Knussen.