Archiv für den 'Musik'-Themenbereich

Penderecki

Freitag, 21. Januar 2011

Radio France Musique, Krzysztof Penderecki, Polnisches Requiem (1980, 1984), Izabella Klosinska Soprano, Agnieszka Rehlis Alto, Rafal Bartminski Ténor, Piotr Nowacki Basse, Choeur et Orchestre de la Radio le Leipzig, Krzysztof Penderecki Direction. Concert donné le 15 janvier 2011 au Gewandhaus de Leipzig dans le cadre des Echanges franco-allemands.

Sprach man in den 1970er Jahren in einer Gruppe über Neue Musik, gab es immer einen, der Ja-Ja hineinrief, Penderecki! Dieser Name hatte noch jedesmal den Communication Breakdown zu verantworten, weil er jedem geläufig war und genau das verkörperte, worüber man nicht sprechen wollte: nicht über Musik, die auf Effekte schielte, ohne sie musikalisch zu begründen, die Sounds herstellte, die jedes Kinderherz bei einem Kasperlitheater erfreut hätten und alle Gehalte auf Texte bezog, die den Weihen der Kirche genügten, zumindest sprachlich, und wo sie moderne herbeizog, diese durch Übersetzung ins Lateinische absicherte. Glücklicherweise begegnete ich Pendereckis Musik im wirklichen Musikleben und in ernsthaften Diskussionen dann kaum mehr, bei Adorno erscheint ihr Name nirgends und die wenigen Zeitungsberichte und Radiosendungen dünken mich im Gedächtnis kaum je ohne Anmeldung von Vorbehalten. Die Aussage, seine Musik und er als ihr Schöpfer hätten andauernden Erfolg zu geniessen, konnte ich nie recht nachvollziehen – gequält hat mich Pendereckis Musik und Kirchenwahn seit 35 Jahren kaum je wieder.

Eine quasi aleatorische Bezeichnung, die das Verständnis über diesen Komponisten um nichts weniger gut erfasst, findet sich auf dem sprachenspezialisierten Server von worldlingo.com, wo Penderecki als Poliermittel erscheint:

Sage keiner, das sei hahnebüchenerweise und böswillig an den Haaren herbeigezogen: einer, dessen Fanclubmitglieder gegen einen solchen Fauxpas nichts unternehmen, scheint mir objektiv nicht viel Wertschätzung weder zu geniessen noch zu verdienen.

Das Schreiben übers Stück selbst würde nur zu Hochmut führen: quietschfidele RequietistInnen produzieren serien- und haufenweise Vorder- und Nachsätze, wie sie Adorno nicht mehr hätten erschrecken müssen. – Aber der Stimme der Moderatorin von France Musique könnte ich tage- und nächtelang zuhören.

Zusatz am anderen frühen Morgen: Ich konnte wegen schlechten Gewissens nur mit Mühe einschlafen, der Bauch rumorte, als müsste ich DRS 2 hören. Üble Musik lässt sich wie die anderen üblen Sachen nur schwer los werden.

Messiaen & Schostakowitsch mit Metzbacher

Sonntag, 16. Januar 2011

Ö 1, direkt live: ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Ingo Metzmacher; Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien; Sergei Leiferkus, Bass; Jean-Efflam Bavouzet, Klavier; Valerie Hartmann-Claverie, Ondes Martenot; Johann Krasser, Vibrafon.

Olivier Messiaen: Trois petites liturgies de la présence divine

Dmitrij Schostakowitsch: Symphonie Nr. 13, op. 113, „Babij Jar“

Ingo Metzmacher hatte einmal verdienstvoll den Prometeo von Nono aufgeführt, und ich selbst höre Messiaen seit über dreissig Jahren oft und nicht selten äusserst gerne, aber so unwohl habe ich mich bei einem Messiaenstück noch nie gefühlt. Das Stück erscheint mir blöd und die Aufführung fahrig, ein Laienstück nicht der Katholen, sondern kunstfreudiger Pfingstler. Das Publikum applaudiert tosend.

Die erste Begegnung mit Schostakowitsch hatte erst spät begonnen, mit den Sendungen aller Symphonien auf DRS 2 Mitte der 1980er Jahre. Ein musikalisches Interesse hat sich daraufhin nie breitgemacht, obwohl ich alle Gelegenheiten nutzte, diesen Komponisten ernsthaft kennenzulernen. Insbesondere dann, wenn die Moderation von einem witzigen Stück gesprochen hat, das sogar Jazz mit einbezieht, rümpfte sich die Nase, meine. In dieser diffusen Abwehrhaltung braucht es nicht zu wundern, dass das jetzige Stück, das ich in Wirklichkeit schon mehrmals gehört hatte, sehr gut ankommt. Im übrigen erscheint es mir als Fortsetzung von Prokofievs Ivan der Schreckliche, das ich neben dem Sacre als das beste Stück russischer neuer Musik empfinde, seinerseits die innere Nachfolge von Mussorgskys Boris Godunov. Anders als beim Messiaenstück finde ich hier die Aufführung und die Interpretation stimmig.

Die progressive Kunstmusik des zwanzigsten Jahrhunderts zeichnet sich dadurch aus, dass sie versucht, sich gegen die Ideologien und die Metaphysik abzusetzen. Kann ein Konzert faszinieren, das zwei Werke aus dieser Zeit einander gegenüberstellt, die je für sich einen Glauben kundtun, der dem anderen widerspricht? Als Idee würde ich sagen wollen: Nein. Hier aber hat die Idee gezündet, wie in Tagen, wo man zu viel Süsses isst, am Abend aber gerne eine Kleinigkeit Salziges zu sich nimmt. Das Salz Schostakowitsch’s hat mir gut gemundet. Nach dem Messiaen hat mir seine dreizehnte Symphonie gefallen wie kaum je ein Werk von ihm. Ob dieses Stück besser musiziert wurde als das erste, kann ich allerdings nicht sagen – mich dünkt es einfach objektiv besser, zusätzlich hier an richtiger Stelle aufgeführt.

Saint-Saëns und Strauss an der Hörperipherie

Sonntag, 16. Januar 2011

Gestern direkt live Samson et Dalila von Camille Saint-Saëns aus Nürnberg auf Bayern 4. Schwierig nur schon, die Sprache zu erkennen, Französisch, geschweige denn, im Gesungenen Bedeutungen auszumachen, denen man hätte folgen können. Das wurde zunehmend gleichgültig, weil die Tonsprache und Gattungsästhetik von der Beschaffenheit sind, die ich seit je als den Tod der Musik empfinde. Es liegt an der Musik selbst, nicht an der Darstellung und der Atmosphäre des Opernhauses, dass sie in die Mottenkiste der Geschichte verstaut gehört. Nach knapp einer Stunde in Abwehrhaltung Umschalten auf Espace 2 zu Elektra von Richard Strauss, live aus Genf vom November 2010, dir. Stefan Soltesz Genève Orchestre de la Suisse Romande, nicht weil es mich interessiert hätte – mit Strauss bin ich im Reinen und habe aufgehört, ihn zu verfolgen – sondern weil ich nach sechs Stunden durchgehendem Fernsehsound nachmittags aus der unteren Nachbarwohnung keine solchen weiteren Töne mehr ertragen hätte (in Wirklichkeit war exakt zu diesem Zeitpunkt nichts zu hören, aber diese Narretei der Gewaltabwehr über den Rand hinaus ist fester Bestandteil des Wohnscheisses in Leibesnähe von Fernsehdebilen mit blosser rostiger Restverdrahtungen zwischen den Ohren). Obwohl mich das Hören nur entspannen und ablenken sollte und mir Strauss als feste Null gilt, der ich keine weitere Beachtung mehr schenken will, hat mich dieses Operngeschehen ziemlich in Beschlag genommen. Dank Wikipedia war ich schnell im Bild, und das Deutsch aus Genf war gut verständlich. Erst noch auf dem Nachmittagspaziergang, völlig abgelöst von diesem Zusammenhang, überlegte ich mir, was zu den Gründen gehört, die mich Strauss unerträglich erscheinen lassen, dass er sein überbordendes Talent missbraucht und in Wendungen verschleudert, die soviel Gehalt haben, wie eine Werbesprache erwarten lässt. Insbesondere bin ich allergisch auf musikalische Phrasen, die aus dem Heldenleben und dem Eulenspiegel stammen und die ich überall in seinem Werk wittere – und zur guten Überraschung hier nicht bestätigt finde. Dass aus dieser kontrolliert-explosiven Ästhetik, die mich weit progressiver dünkt als die dann des frühen Hindemith und mit Schönberg gut vergleichbar, erscheint mir als Rätsel, das vielleicht doch nicht als unlösbar zu den Akten abgelegt werden darf. Aber vielleicht hat man in Genf einfach besonders gut gesungen & gespielt, und in Tat & Wahrheit steht auch weiterhin nichts Besonderes dahinter. Man muss seinen Vorurteilen auch Glauben schenken können, wenn man sich von ihnen nicht unterkriegen lassen will.

Scharfes Publikum

Dienstag, 11. Januar 2011

Ich probte nach dem Duschen den üblichen Tigersprung durch die Wohnung längsseits, eine halbe Stunde auf den Zehenspitzen, mal hochgestreckt, dann in der Hocke, und immer auf beide Seiten abdrehend, als ich auf dem Sims das Amselweibchen entdeckte, mit dem ich morgens lange durch die Scheibe hindurch Spässchen machte (das Spiel in der Nelkenstrasse, wo eine an der Wand steht, zu ihr gedreht und die Hände vor den Augen, dieweil die Meute in ihrem Rücken von einer bestimmten Linie aus versuchen muss, mit Schritten sich ihr zu nähern, ohne in der Bewegung entdeckt zu werden, wenn die andere sich plötzlich offenen Auges umdreht und die Erwischten zurückschickt). Jetzt schaute sie mich entgeistert an und wackelte mit dem Kopf: „Die spinnen in der Oper…“


Nach Tötung eines Tigers den Berg hinauf.


Des Tigers Höhle zu erstürmen – das wag‘ ich!

((c) Mit taktischem Geschick den Tigerberg erobert, Shanghaier Peking-Oper-Truppe, Juli 1970)

… Meinte der Tanzkapellenführer Hofer, Polo, einstens: „Du chasch ned tanze!“ …

Rihm, Dufourt, Kourliandski, Mantovani

Montag, 10. Januar 2011

Heute auf France Musiqe: Concert donné le 27 novembre 2010, Cité de la Musique à Paris. Wolfgang Rihm: Gejagte Form / première version, Hugues Dufourt : Les Chasseurs dans la neige d’après Bruegel, Dmitri Kourliandski: Objets impossibles II, Bruno Mantovani: Concerto de chambre 1. – Ensemble Intercontemporain, Direction : Bruno Mantovani

Rihm: Eine inspirierte Musik, die mit den semantischen Feldern des Titels spielt. Tonrepetitionen, echte und Pseudounisonis werden schockartig unterbrochen und in eine neue Richtung abgeleitet. Im Charakter nicht wenig an Répons erinnernd, ein klares und besonders gelungenes Stück von Rihm. Hier das ganze Stück, und man beachte auch das grosse, zahlreiche Publikum: http://www.citedelamusiquelive.tv/Concert/0951661.html Endlich verlassen die wilden Stücke dieser Musik die Käfige des Abseitigen – ausser in der Schweiz: würde dasselbe Konzert in Bern gegeben, kämen 50 Leute bis zur Kasse, die Hälfte davon abgewiesen und wieder verscheucht, verarmt & mittellos.

Dufourt: Nochmals ein Jagdstück, nicht eine Illustration, und doch hört man Schnee, Leute darin nah und weit entfernt. Rhythmisch prägnante Stellen sind rar und erscheinen abgedämpft, abgetönt. Mit dieser Musik möchte man plötzlich für die Gattung der Programmmusik einstehen. Ich könnte dieser Musik einen Abend lang zuhören, wie einer Märchentante oder in einer Wagneroper. (Man hat es telepathisch registriert in Paris und spielt nach dem Konzert weitere Musik von Dufourt: The Watery Star .)

Kourliandski: Nach so viel Musik mit konkreter Phantasie fällt es schwer, in einer Musik, die im Titel die Unmöglichkeit von Objekten anspricht beziehungsweise unmögliche Objekte, sich nicht gerade solche nun vorzustellen. Als Erstes sehe ich eine Gletscherlandschaft und in ihr Stallruinen wie Walgerippe. Sonnenklar, wo das ist, die Spur eines Alten kreuzend, Goethes: http://www.ueliraz.ch/2010/col-balme.htm Das Konzertprogramm erscheint äusserst raffiniert zusammengestellt, aus Werken, die das Gegenteil von Einzelgängerstücken darstellen – als ob sie zusammen gehört werden möchten. Ein Teil des Publikums buht, aus rätselhaften Gründen.

Mantovani: Wieder ein unvermitteltes Angesprochensein wie bei der letzten Begegnung mit Mantovani vor zwei Wochen, eine familiäre Musik, in der die Frage der Programmästhetik nicht aufscheint. Und dennoch ist dieses Stück mit den anderen nicht unverbunden, weil es wie Rihms Gejagte Form die Boulezschen Tonrepetitionen einsetzt und sie durch Schocks in ähnlicher Weise unterbricht und abändert. Die Instrumentengruppen erscheinen etwas beliebiger, bunter und weniger deutlich charakterisiert als bei Rihm, auch ungehobelter – eben noch mehr an Varèse angelehnt.

Puccini live von New York

Sonntag, 9. Januar 2011

Gestern auf Bayern 4 (und auf sehr vielen anderen Radiostationen…): Giacomo Puccini, „La fanciulla del West“, Minnie – Deborah Voigt, Dick Johnson – Marcello Giordani, Jack Rance – Lucio Gallo, Chor und Orchester der Metropolitan Opera, Leitung: Nicola Luisotti

Ich hätte nicht gedacht, dass mich Puccini dazu verleiten könnte, eine Notiz zu deponieren, ein musikalisch farbloser Unterhaltungskomponist zwischen Mahler und Strauss. Aber der zweite Akt hat es unverhofft in sich, die Musik ist spannend und sehr abwechslungsreich, und das Gebaren auf der Bühne erinnert nicht schlecht an die Spaghettiwestern der 1970er Jahre. Trotz ernsthaft gewachsenem Interesse verzichtete ich auf den dritten Akt, denn auch wenn die Newyorker verdienstvoll das Werk als Matinee-Oper ins Werk setzen und es so wegen der Zeitverschiebung hier zu den gewohnten abendlichen Konzertzeiten live genossen werden kann, müssen die alten Werktätigen EurOpa’s früher ins Ruhebett als die Jungspunds der Neuen Welt.

Holliger, Nono, Dallapiccola, Mochizuki, Billone

Montag, 3. Januar 2011

France Musique, 17 novembre 2010 à l’Amphithéâtre de l’Opéra Bastille.

Heinz Holliger, Rosa Loui (2009), quatre chants pour chœur a capella en dix versions, sur des poèmes en dialecte bernois de Kurt Marti, SWR Vokalensemble Stuttgart. – Berner Dialekt, von Deutschen in Paris gesungen, dem Namen nach im Hinblick auf die Schlucht am Ostfuss des Eigers gedichtet, der Rosa Loui und also ohne Bezug auf einen rosaroten Louis, und in Bümpliz près Berne von einem Nichtberner gerne gehört.

Luigi Nono, Donde estas hermano? (1982) pour quatre voix de femme avec Johanna Zimmer et Eva-Maria Schappé sopranos, Sabine Czinczel et Ulrike Becker altos, Marcus Creed direction musicale. – So kurz und mit so eingeschränkten Mitteln gemacht, und doch gleichzeitig so nah bei der (politischen) Sache der Wirklichkeit und im Aufscheinen der besseren Möglichkeit.

Luigi Dallapiccola, Tempus destruendi, tempus aedificandi (1971) pour chœur a cappella, I. Ploratus, II. Exhortatio (sur des vers de Paulin d’Aquilée et de Dermatus), Barbara van den Boom soprano, Ulrike Becker alto, SWR Vokalensemble Stuttgart. – Leicht hübsch und gewöhnlich erscheinend, nach Nono aufgeführt, eher zu Berio passend.

Misato Mochizuki, I. Halai (2009/10), pour trois voix de femmes, II. Musubi (2009/10), pour chœur a cappella (création, commande du SWR Vokalensemble et du Festival d’Automne), Wakako Nakaso et Kirsten Drope sopranos, Maria van Eldik mezzo-soprano, Ute Wille alto, Alexander Yudenkov ténor, SWR Vokalensemble Stuttgart. – Frivole Repetitionen, Wiederholungen und Anspielungen im Kontext eines Religiösen & Weltmusikhaften. Näher bei Parsifal als bei Nono, eher fern des Witzes & Esprits von Holliger und Marti. Das Spiel mit der Wiederholung ist immer gefährlich, katastrophisch. Stockhausen redivivus?

Pierluigi Billone, Muri IIIb pour Federico de Leonardis (2010), pour quatuor à cordes (création française), Quatuor Arditti. – Dynamische Quartettklänge, auf Wiederholungen so aufsetzend, dass sie aus dem Gleichgewicht geraten. Obwohl keine Gerichtetheit auszumachen ist und kein grösserer Verlauf als Intention kenntlich wird, lässt man sich von der Spannung im Detail ins grosse Voran treiben. Musik wie hingekritzelt, passt gut in die Disco, jedenfalls in diese hier.

Am besten hat mir das Stück von Nono gefallen, weil es trotz seiner Bescheidenheit an das grosse Werk Prometeo-Tragedia dell’ascolto erinnerte und die ganze intensive Stimmung wieder zu erzeugen vermochte, dem Publikum eindeutig die zwei Stücke der Japanerin Misato Mochizuki. Holligers Stück hatte einen unnötig schweren Stand, weil es am Anfang plaziert seine Eigenheiten noch nicht gegen die der anderen Stücke deutlich machen konnte: zwischen Halai-Musubi und Muri IIIb, wo dem Namen nach der neunzigjährige Dichter wohnt, hätte auch Rosa Loui noch mehr gefunkelt.

Cage, Varèse, Xenakis, Zappa, Saariaho, Holliger

Sonntag, 2. Januar 2011

Wie fast immer am Sonntag Abend ein gutes Mehrfachkonzert auf Espace 2, Cage leider mit einer Sirene, die eklige Schulzeiten wachrief und schlechte Träume auslösen wird, Varèse superbe, Xenakis als wie man gerne den ganzen Abend lang darin gebadet hätte und Zappa … genauso gut!

John Cage, Credo in Us mit Julien Annoni, Olivier Membrez, Vincent Membrez. Edgard Varèse, Ionisation mit Julien Annoni, Olivier Membrez, Serge Vuille, Christoph Brunner, Ivan Manzanilla, Michel Zbinden, Vincent Boillat, Lucas Gonseth, Louis-Alexandre Overney, Luc Hemmer, Johannes Knopp, Baptiste Grand, Manuel Linder. Iannis Xenakis, Les Pléïades, (extrait), Peaux mit Julien Annoni, Olivier Membrez, Alexandre Overney, Pascal Pons, Luc Hemmer, Johannes Knopp. Frank Zappa, The black page mit Julien Annoni, Olivier Membrez, Manuel Linder. (16. März 2008, Bevilard)

Kaija Saariaho, Nymphea (Jardin secret III), pour quatuor à cordes et live-electronic (1987/2001), Quatuor Asasello mit Rostislav Kojevnikov, Barbara Kuster, Justyna Sliwa, Andreas Müller, Elektronik Alessandro Ratoci. (27. Oktober 2008, Lausanne) Kaum eine halbe Stunde, die ersten zwei Drittel im Zuhören mit dem Kiefer auf den Knien, das letzte in fahrigen Passagen erlebt, als ob eine akute Unlust zu komponieren direkt komponiert worden wäre.

Holliger Heinz, Beiseit, pour contre-ténor, accordéon, contrebasse, clarinette et clarinette basse mit dem Nouvel Ensemble Contemporain und Daniel Gloger. (1. April 2009, Neuchâtel) Ich gewöhne mich wohl kaum je an Walser und die Countertenöre, nur die Musik dazwischen überwuchert wenigstens die Clownerien, ernsthaft.

Pelléas & Mélisande in New York

Samstag, 1. Januar 2011

Pause zwischen dem dritten und vierten Akt der Oper Pelléas et Mélisande von Claude Debussy, live aus New York (Matinée), Chor und Orchester der Metropolitan Opera, Leitung: Simon Rattle. Das ist die vierte oder fünfte Version dieser Oper, die ich höre. Es hat lange gedauert, aber jetzt kapiere ich langsam, wie sie gebaut ist, wie antiwagnerisch, und wie man sie in vollen Zügen geniessen kann. Bei den ersten zwei Anhörungen hätte ich mir nicht einreden lassen, dass sie spannend ist. Sie ist es in jedem Moment, spannend, und alles andere als geschwätzig.

Der Fehler früher war, den Text nicht im voraus ernsthaft zur Kenntnis genommen zu haben. Man muss ein Verhältnis zu ihm einnehmen, ihn verstehen, um der Musik Debussys vertrauen zu können: sie folgt dem Text, der aus Aussparungen in gesellschaftlich und extistentiell stark gestörten Kommunikationsverhältnissen besteht, und führt eben diese unterdrückten Reden aus. – Eine Sehnsucht nach dem Bühnendekor besteht im übrigen nicht, da die bekannten Inszenierungen auf DVD in schlechter Erinnerung sind, die New Yorker Bilder auf Bayern 4 denselben entsprechen und die Musik in Tat & Wahrheit so stark ist, dass jeder Bilderschwulst nur stört und falsche Fährten legt.

Mantovani, Joneleit, Staud

Montag, 27. Dezember 2010

Le 6 novembre à la Salle Pleyel, Ensemble Modern Orchestra, direction Peter Eötvös, auf Radio France.

Bruno Mantovanis Postludium haut mich glatt aus den Socken! Wie zehnfaches Amériques fünfmal beschleunigt. Das Stück ist Pierre Boulez gewidmet, der diese Uraufführung nicht dirigieren konnte, weil er sich in Chicago von etwas auskurieren musste.

Jens Joneleit, Dithyrambes. Den Orchesterausbrüchen steht ein Strukturgeflecht gegenüber, das von feinen, schneeigen Klängen aus Glocken-, Klavier-, hohen Saiten- und Mettalstäbespielereien getragen wird. Vulkanasche bricht aus und trifft auf eine Gletscherlandschaft, wie zu Sommerszeiten des Eyjafjalla in Island. Keine Ahnung, ob die Musik der Intention nach darauf abzielt.

Arnold Schönberg, Cinq Pièces pour orchestre, op. 16, I. Vorgefühle, II. Vergangenes, III. Farben, IV. Peripetie, V. Das obligate Rezitativ. Die Spannungsladung dünkt mich grösser als in den Dithyrambes von Joneleit. Schönbergs Musik hat unter den Jungen nicht gealtert.

Johannes Maria Staud, Contrebande (On Comparative Meteorology II). Stetige Auf- und Abwärtsbewegungen, öfters in Glissandi, immer tonaler als Björk. Wieder Island im Kopf. Das Stück verändert sich nach einer gewissen Zeit, wird kraftvoll und überrumpelt einen angenehm durch eine zunehmende Spannung. Es wird nun stetig untrivialer, ohne wirklich so grossartig zu werden wie das letzte Stück des Konzerts: Arnold Schönberg, Variations pour orchestre, op. 31.

Angekommen

Sonntag, 26. Dezember 2010

Die Musik scheint langsam in der Zeit anzukommen, die Konzerte werden immer besser. Ganz phantastisch heute zwei solche Konzerte auf Espace 2:

Concert du 14 décembre 2009 de la SMC Lausanne: Carolin Widmann, violon. Anthèmes de Pierre Boulez pour violon solo. Partita no 2 en ré mineur BWV 1004 de Jean Sebastian Bach. Anthème II pour violon seul et électronique

Concert du 27 octobre 2008 de la SMC Lausanne: Quatuor Asasello. Gran Torso de Helmut Lachenmann

Musik trotz Musik: Zappas Herkünfte

Sonntag, 26. Dezember 2010

Frank Zappa’s Jukebox – The Songs That Inspired The Man, chromedreams.co.uk 2008. Die CD enthält das, was man bei einem Schriftsteller die Hausbibliothek nennen würde und bei Zappa eben aus einer Sammlung von R&B-Platten und solchen aus den Bereichen Jazz, deren Miserabilität den Titel auslöste, und Neue Musik besteht. Namentlich die Aufnahme von Varèses Ionisation dünkt mich eine Trouvaille, und hätte ich dieselbe als Dreizehn- oder Fünfzehnjähriger in den Händen gehabt, wäre sie bei mir auch mindestens zweimal pro Tag gelaufen – Zappa sagt, schon beim Kauf hätte er, beinahe oder wirklich, in die Hosen gemacht: I nearly (this is true, ladies and gentlemen) peed in my pants… Es gibt auch unerträgliche Stücke wie No No Cherry, Stranded In The Jungle und Night Owl. Am schlimmsten scheint mir Leavin‘ It All Up To You, weil es mich an ein Scheissskilager in Sörenberg erinnert, 1968 (?), wo förmlich Tag & Nacht von der Eisbahn her Schlager die Luft verpesteten, als übelster Megahit Monia, und wo ich nächtens überhörte, wie sich ein Lehrer in den sehr grossen Schlafsaal hereingeschlichen hatte und ich immer noch an einem Witz weitererzählte (ich beherrschte dieses Metier nie und phantasierte um so wilder im Unsinn herum, ohne ein Pointe zu finden … es dauerte ein halbes Leben, bis ich merkte, die anderen täten Witze nicht erfinden, sondern weitererzählen, aus dem Immerschon), bis ich aufgerufen wurde und in den Vorraum hinaustreten musste, wo mir der Vogel die erste – und letzte – Ohrfeige des Lebens knallte und ich, ein völlig Uneingeübter & Unvorbereiteter, fast in die grusigen blauen Strumpfhosen pisste, die dann während des ganzen Skilagers noch mehr jukten als vorher schon.

Rodion Chtchedrine, Le Vagabond Ensorcelé

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Gestern Abend aus dem Théâtre du Châtelet vom 2. November 2010: Rodion Schtschedrin/Chtchedrine/Shchedrin/Scedrin (geboren 1932), Le Vagabond Ensorcelé (2002), mit Kristina Kapustynska Mezzo-soprano, Andrei Popov Ténor, Sergei Alexashkin Basse, Orchestre et Choeur du Théâtre Mariinski unter Valery Gergiev. Musik aus den Nachwehen einer Gesellschaft, die den Historischen Materialismus ihren KünstlerInnen bösartig ins produktive Empfinden brannte, findet auch heute noch keinen Weg, in der Musik das Material als historisch geprägt zu begreifen. Trotzdem habe ich dieser Oper sehr gerne zugehört, weil sie zwar einfach, aber keineswegs bieder daherkommt und mit Stellen funkelt, in denen einzelnen Tönen eine wundersame Besonderheit zukommt, die von den Sängern und weit mehr noch von den Sängerinnen in einer bewundernswerten Prägnanz zur Darstellung gebracht wurden. Von einem verstaubten Realismus kann nicht mehr die Rede sein, um so mehr von einer Poetik, die man gerne noch mehrer Male zu hören bekäme. – Nach der Oper sendete Radio France mit demselben Dirigenten noch Rimski-Korsakovs Sheherezade: welch ungetüme Breite!

Das beste Stück heute:

Montag, 20. Dezember 2010

Bat Chain Puller? Nein. Owed t’Alex, weil es mich daran erinnert, wie vor über dreissig Jahren, da es in einem Text und also in einem Studentenreferat über Hegel erschien, ein Berner Althegelianer so in Rage geriet, dass er vom Falken weg in Schonungshaft versetzt wurde. Das war zwar peinlich & beschämend, zeigt aber, wie Don Van Vliet nie wirkungslos war. – Nicht die These in einem Kontext, die ihnen widerspräche, bringt die Leute aus der Fassung, sondern das Zusätzliche, das ihm hinzugefügt worden ist und von dem sie der festen Überzeugung sind, mit ihm, mit Beefheart zu Hegel, sich nie & nimmer werden auseinandergesetzt haben müssen.

Tod & Befreiung

Montag, 20. Dezember 2010

Wenn Grosse abkratzen, klären sich die Verhältnisse. Man wird enthemmter – im Loben.

Wahrheit existentiell

Montag, 20. Dezember 2010

Die Frauen sind das Schönste, und die Berge sind das Schönste, aber auch die Musik ist das Schönste – und einen Tag lang Captain Beefheart Hören ist auch ein schönster.

Zig Zag Wanderer

Sonntag, 19. Dezember 2010

Ein alter Wanderer ist gegangen, schon vor zwei Tagen, habe es aber eben erst jetzt gelesen. Muss vielleicht die Zeitungsblätter wechseln endlich. Nicht mal am Radio gab es eine bezügliche Kulturmeldung. Klar, was morgen vom linken zum rechten Ohr zuckt und zurück: Beefheart. Ella Guru for ever more!

Die Achte & Zappas Erste von Shut up

Sonntag, 19. Dezember 2010

Beethovens achte Symphonie ab CD live mit Abbado von 1987, um die Tempi zgrechtem ins Ohr zu bekommen, und gleich anschliessend während des Kochens und Essens der Suppe (endlich wieder Sternilsuppe in der Migros erhältlich, italienisch gegessen mit Aussicht übers Saaser Büro und Saas Almagell aufs Stellihorn) Zappas erste CD von Shut up ’n‘ play yer guitar, eine empfehlenswerte Kombination, da Beethoven experimentell sich in die Zukunft träumte, ohne langsamen Satz, Zappa auf des Alten Spitzen ansetzt, trotz virtuosen Passagen ohne eigentlich schnelles Stück. Gute Nase gehabt für heute!

Der nicht lustige Pöstler

Samstag, 18. Dezember 2010

Vor dreissig Jahren begann ich mich für die Lebenshaltung des Postmans zu interessieren, weil sie es mir erlaubte, aktiv im Finnegans Wake mitzuphantasieren, ohne der verantwortlichen Figur des Penmans und ihren Ansprüchen in die Quere zu kommen. Die Idee des Postmans hat sich dann so weit intensiviert und entwickelt, dass er den Blick auf jede Theorie und jedes Theoretisieren wesentlich zu bestimmen begann, indem keine mehr sich denken liess, die nicht ein von anderen Geschaffenes mit anderen in Verbindung zu bringen hätte. Solche Theorie muss nicht selbst schaffen, sondern geschaffenes einzelnes mit anderem einzelnen und mit vielen anderen einzelnen in Verbindung bringen.

Es ist klar, dass ich einer Oper mit dem Titel Il Postino nicht einfach so aus dem Weg gehen kann. Also Kopfhörer auf, Ö1 eingestellt, Ohren auf: Il Postino (2010) vom Komponisten Daniel Catán, mit Plácido Domingo, Cristina Gallardo-Domas, … Arnold Schoenberg Chor, Wiener Symphoniker, Dirigent: Jesús López-Cobos, vom 9. Dezember 2010 aus dem Theater an der Wien. Uff! Uff! Wenn ich mich nicht irre, habe ich die Wiener Symphoniker erst gerade aus Paris erlebt und nicht wenig bewundert. Was ich hier an diesem schrecklichen Opernsamstagabend erlebe, ist nicht nur schlechte Musik, sondern ein dummer Schwank, der jedem Musiker und jeder Musikerin die Ohren rot werden lassen soll, die dagegen keine zotigen Einwände zu erheben wagten. Am schlimmsten dünkt mich die Vorstellung, dass der Unsinn über den politischen chilenischen Dichter Pablo Neruda Joyce selbst gefallen hätte. Ich würde nicht so bös & offen abgestossen schreiben, wenn der mexikanische Opernkünstler, Absolvent eines Philosophiestudiums in England zuerst, dann mit einem musikwissenschaftlichen Ph. D. der U$-amerikanischen Princeton University dekoriert, mit diesen deponierten biografischen Angaben zeigt, dass das, was er tut, nicht auf dem Misthaufen von anderen Komponisten sondern auf einem eigenständigen langen Reflexionsprozess gewachsen ist. Noch eine halbe Stunde würde der Plunder nerven wollen, ich werde gleich beim Hinausgehen die Tore des Opernhauses zuknallen lassen!

Die Neunte & The Survivor

Freitag, 17. Dezember 2010

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Sylvain Cambreling direkt aus Friedrichshafen mit Beethovens Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125 und ohne Pause oder Applausmöglichkeit daran angeschlossen Schönbergs Ein Überlebender aus Warschau op. 46 mit unvermittelter Hinzufügung der wiederholten Reprise der Neunten. Wie eindrücklich und wahr das Ganze! Beethoven wurde traditioneller und also leicht pathetischer gespielt als in Paris, wodurch umgekehrt das Schönbergstück, das äusserst präzise gesungen und gespielt wurde, musikalisch um so stärker wachrüttelte – und beide Stücke objektiv, auch aussermusikalisch, wahr wurden. So muss man Beethoven spielen, und so muss man Schönberg verstehen.