Makros von wilden Vögeln im Kunstlicht

30. Januar 2010 um 17:06 Uhr von ur

Im Januar 2010 wurden viele Male Aufnahmen von Vögeln am Fenstersims gemacht, immer mit der Olympus E-620 samt Makroobjektiv 50 mm aus einer Distanz kleiner als 70 cm, jedesmal aber mit anderen Einstellungen beziehungsweise unterschiedlichen Hilfslichtern: http://www.ueliraz.ch/2010/index.htm Es war beabsichtigt, irgendeinmal festlegen zu können, welche Anordnungen und Einstellungen zu optimalen Bildern führen und welche man vergessen müsse. Das Resultat entspricht der Absicht ganz und gar nicht: Jedes Licht und jede Einstellung ergeben in Einzelfällen gute Bilder wie sie gleichfalls auch eine Menge schlechter zur Folge haben. Nimmt man nur die spontan besten einer Aufnahmesession, braucht es, solange jedenfalls die Bilder am Bildschirm verglichen werden, viel Gefühlsarbeit, um das eine gute vom anderen, das an einem anderen Tag gemacht wurde, nachvollziehbar zu differenzieren. Möglicherweise würden Ausdrucke auf Papier mit viel zusätzlichem Aufwand doch noch entscheidbar machen, dass eine der gewählten Einstellungen besser ist als die anderen. Aber sowohl der eingebaute Blitz der Kamera wie der externe im TTL und im FPP-Modus, der auch kleinste Verschlusszeiten wie 1/4000s zulässt, sind auf so kurze Distanzen einsetzbar; nur die Theaterleuchte mit 400 W scheint mir suboptimal, weil sie zwar, anders als die Blitze, Serienbilder ermöglicht, wider Erwarten aber viel zu wenig Licht abgibt, um mit kurzen Verschlusszeiten und grossen Blendenwerten zu fotografieren. – Im übrigen ist das Objektiv bis in die äusseren Winkel so gut, dass man irgendwo in den Bildern Ausschnitte machen kann, ohne dass uninformierte Betrachter an der Idee hängenblieben, es würde sich bei ihnen um Ausschnitte handeln: alle Makros vom Januar 2010 sind Ausschnitte.

Bald ist Februar und Tag für Tag die Sonne morgens besser dafür positioniert, dass aufs Sims ein paar Strahlen fallen, und sei es anfangs nur für wenige Minuten. Ohne Blitz und Theaterlicht, aber mit dem der Natur, werden die Versuche realistischer, von Erlenzeisigen Makros zu machen wie auch von den andern Arten, die sporadisch vorbeischauten, entweder den Kunstlichtern, den aggressiven Zeisigen oder dem fetten Klicken der Kamera aber auch nicht in Ansätzen Vertrauen entgegenbringen wollten: Distelfinken, Kernbeissern, Blau- und Kohlmeisen, Bergfinken.

Bartgeier auf der Gemmi

27. Januar 2010 um 20:18 Uhr von ur

Ich betreue die Website des Fotografen Emil Rechsteiner im Leukerbad. Heute sind ihm Aufnahmen von einem Vögelchen gelungen, das gewöhnlich Sterbliche schon zu einem Jauchzer bewegt, wenn sie es 1000 Meter hoch in den Lüften zu sehen bekommen. Es ist der von Adorno lebenslang in Ehren gehaltene Lämmergeier, der unerbittlich über seine Texte zu wachen verstand. (Die äusserst konzentrierte Arbeit der Schlusskorrektur der Texte nannten Adorno und seine Frau „Lämmergeiern“.)

http://www.rhone.ch/heimatkunst/rechsteiner/fotos-11.htm

(Die Wasseramsel zu Beginn der Seite ist im übrigen auch nicht ohne Leichtigkeit zu fotografieren.)

Existentielle Schuld

23. Januar 2010 um 16:22 Uhr von ur

Nicht selten erwachsen ungute Gefühle in Momenten, wo nach der Zeit gefragt wird, was denn einer Schlechtes getan oder geredet hätte, dass er heute wie schuldig dastünde. Vielem von solchem Unmut brauchte nicht begegnet zu werden, wenn man frühzeitig sich mit der Einsicht auseinandersetzte, dass wohl nur in seltenen Fällen die Schuld darin besteht, überhaupt etwas Falsches geredet zu haben, indes die grösste Schuld eines Lebens oft darin nachzuzeichnen wäre, nicht geredet zu haben – nicht geredet, weil nicht und auf nichts gehört. Im Ausweichen gegenüber dem Reden verleugnet ein Lebender nicht nur die eigene Existenz, sondern auch die der anderen. Das empfinden diese, später, als seine Schuld. Man muss hören und reden, noch ganz ausserhalb und vor aller Moral, wenn man ihr nicht widersprechen will.

Soziologie der Vogelfotografie

12. Januar 2010 um 17:08 Uhr von ur

Bergfink (Kundschafter) mit Systemblitz durchs ungereinigte Fensterglas

Da mir im Winter der Aufenthalt im Feld nicht möglich ist (mit Ausnahmen), knapp dreissig Meter vor dem Fenster aber ein grosser Ahorn steht, der sich bei einigen Vogelarten als Rückzugsplatz für die nervöse Fresserei grosser Beliebtheit erfreut, gebe ich mir alle erdenkliche Mühe, das Fotografieren der Vögel am Fenster stetig zu verbessern. Dieses Jahr sollen die Tiere auf den Bildern nicht mitten im Futter sitzen, sondern auf einem Zweig oder Stecken aufgenommen werden, und zwar aus nächster Nähe mit dem Makroobjektiv. Durchs Fensterglas konnten erste Testaufnahmen realisiert werden; der Systemblitz produziert auch in der momentanen nebligen Düsternis gute Resultate. Wenn es wärmer wird und morgens für eine Stunde die Sonne den Platz beleuchtet, soll wie letztes Jahr bei offenem Fenster fotografiert werden. Da der Apparat und ich selbst nun nicht mehr über einen Meter weit von den Tieren entfernt platziert sind, sondern höchstens noch dreissig bis vierzig Zentimeter weit weg, ist eine Tarnung unerlässlich (bei geschlossenem Fenster kann man die Nase an die Scheibe drücken, und auf der anderen Seite tut dasselbe mit dem Schnabel ein Erlenzeisig). Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Tarnung zu realisieren, und die Zeit drängt nicht. Beim Phantasieren leistete ich mir den Luxus, auch an ein Tarnzelt zu denken, das im Zimmer direkt am Fenster aufgestellt würde. Teufel, in was für schauderhafte Gefilde einer gelangt, der nach Tarnzelt oder Tarnnetz googelt! Man möchte die ganze existierende Soziologie als Kinderkram beiseiteschieben, die einem ein Leben lang die ungeschönte gesellschaftliche Realität so erfolgreich vorenthalten hat. Man will es nicht glauben, auf was für Seiten man landet, die schamlos in der Öffentlichkeit eine Sache propagieren, von der der Bürger denkt, nur Kriminelle würden ihr frönen, an abseitigen Orten, zu denen man nie gelangen würde, wenn man der teuflischen Sache durch Regression nicht schon verfallen wäre. Das europäische Volk ist nicht einfach durch die Medienmasse verblödet und geilt sich nicht einfach an seinen Maurerblochers, Haiders, Berlusconis, Le Pens und Konsorten auf – es will ganz sec und ohne alle Zutat Krieg. „Panzer und Uniformen“ ist nicht weiter ein sprachlicher Ausdruck, der eine ideologische Malaise bezeichnet, die alle moderne Gesellschaften wider Erwarten vergiftet, sondern zentraler Bestandteil der Wirklichkeit, nach der sich das Volk als Meute ausrichtet. Meine Vogeltarnung wird wie die Szenerie eines Kasperlitheaters ausschauen – in was ich mittels Google getreten war, habe ich traumatisch alles wieder vergessen.

Flötenmusik mit Titanstäben

4. Januar 2010 um 4:05 Uhr von ur

Riesenlanger Traum mit vielen aneinandergereihten Episoden, wo einiges trotz spontaner Notierung nicht mehr korrekt erinnert werden kann. Vor 25 Jahren an der Uni oder an einer sonstigen Veranstaltung werden feminismusnahe Fragen diskutiert, fast eine Massenveranstaltung mit Reihumbeiträgen. Sie sind alle ziemlich interessant und werden wohlwollend aufgenommen. Ich merke, dass dann, wenn ich an der Reihe bin und zu reden beginnen muss, alles gesagt sein wird, und in der Tat, ich sage, dass ich in Wirklichkeit nichts weiteres hinzufügend mehr sagen kann. Aber meine Befürchtung, ausgebuht zu werden, bestätigt sich nicht; es erwächst ein allgemeines Gemurmel, weil es in der Tat klar ist, dass das Entscheidende gesagt wurde, und man sucht nach weiteren Aktivitäten. Irgendetwas wechselt in der ganzen Szenerie, und alle arbeiten handwerklich, auf einem grossen Bauernhof, auch ich selbst. Etwas Unausgesprochenes hindert mich, die Arbeit auszuführen wie die anderen. Man hat etwas zu tun mit sehr langen Stäben wie auf Baustellen, die mir zuerst wie Hölzer, im späteren Verlauf wie aus Titan vorkommen, immer länger, immer dünner, immer mehr federnd, bis fünf Meter lang. Zuerst müssen sie einfach von einem Platz zu einem anderen umgeschichtet werden, dann, wo es klar ist, dass ich keine Kraft habe, trage ich die Stücke, einzeln und dann ein paar zusammen, über einen weiten Parcours schlussendlich auch über hohe Ruinenmauern an ihren Bestimmungsort. Mit jeder Runde komme ich mehr in Schwung, und man bemerkt das auch, so dass die anderen immer mehr zuzuschauen beginnen, statt wie vorher an der alten Stelle die Arbeit auszuführen. Es ist ein bisschen, als ob ich in einer riesigen Sporthalle wäre und angefeuert würde (am Mittag langweilige Sendung über eine Romanbiografie Zatopeks aus Frankreich gehört). In der letzten Runde bin ich bei titanischen Kräften, habe sehr viele und sehr lange, federnde Titanstäbe auf der rechten Schulter und spurte in der Tat wie Zatopek meine Runde, die am Ende auf dem sehr grossen Gehöft nach einer Rechtskurve einen Hang hinauf führt, dann durch ausgebrannte Mauern, wie ich sie in Niederbottigen auf dem Winterspaziergang auch wieder tags zuvor gesehen hatte. Dabei pfeife ich durch den Mund eine Art Flötenmusik, die immer lauter wird, völlig hemmungslos und extrovertiert, sehr virtuos – und vielstimmig, wie Jeremy Steig, dachte ich beim Aufwachen, den ich seit fast dreissig Jahren leider nicht mehr zu hören bekommen hatte. Mitten im schwierigen Besteigen der verkohlten Balken mit den langen Stäben auf den Schultern von meinem eigenen übermütigen Höllenlärm aufgewacht.

Brutalo Videos einstens

27. Dezember 2009 um 5:13 Uhr von ur

„Die Mutter ging in die Messe, und während der Messe ließ sie die Kinder daheim; es waren drei Kinder, drei oder vier, das weiß ich nun nicht mehr genau. Und der Mutter, der wurde so schlecht, daß sie es einfach nicht mehr in der Kirche aushalten konnte. Sie stand auf und ging nach Hause. Da findet sie eines ihrer Kinder findet sie vor mit einem Kessel in der Hand, einem Messer in der Hand und … eines hatten sie auf der Bank, zwei hielten dieses Kind fest, und das dritte Kind, das wollte es schlachten … Und sagte zu den andern, ja, sie sollten es dann festhalten, sie pflegten nämlich zu zappeln. Und richtig, es selber, es hat, es wollte … und die Mutter kommt gerade herein und sagt – der Kessel war untergestellt, und das Messer hatte es schon erhoben -, und die Mutter kommt gerade herein und ruft: Ja, was machst du, was machst du?! Und es sagte zu den andern: Wenn ich dann steche, dann schreist du wie die Ziege, plärrst dann: Mä-ä-ä-ä-ä! Und ihr beide, haltet dann fest, ja? daß es nicht zappeln kann! Daraufhin sagten sie, man sollte die Kinder nicht zusehen lassen, wenn man schlachtet.“

T Müatar escht z Masch ggang-ga, un undar dar Masch hèt-sch kChenn tahemna gglaa, un sen trij Chenn ggsin, drij odar viari, ech weiss nüw nemma rechtig. Un tar Müatar, dèru escht asoo schlacht chu, schia hèd einfach nemma cheni en kChelchu sin. Dia hèt-schi üffggead und escht hein-ggäng-ga. Trefft eina, eru as Chenn, trefft-sch a medama Chèssalti en ‚Hann, a Schnetzar en ‚Hann un hèt … eis heind-sch ufum Baach drüff ggha, zwei hein tas Chenn ggha, un ts drett Chenn, tas hèt wèlla teata, a ? Un hèt-na ggseit, ja, schi seli ’s dè fescht ha, schi tia de öuw zablu. Un rechtig, aas, äs hèt düa, äs het düa wèlla … Un t Müatar chunn ggrad e un seit – ts Chèssalti escht undar ggsin, un tar Schnetzar hèt ’s scho gglufta ggha –, un t Müatar chunnd e un seit: Ja was tüascht, was tüascht?! Un het-na ggseit: Wènn-d-i de schtacha, su tüascht de wi gGeiss, tüascht dè blearu: Mè-è-è-è-è! Und iar bèdi, heit dè fèscht, a? dass ’s net cheni zablu! Un tarnaa, üissar dèmu, heint-sch düa ggseit, mu sellti kChenn net la züalüaga, wènn-mu teatat.

Emily Gerstner-Hirzel, Aus der Volksüberlieferung von Bosco Gurin, Basel 1979, Seite 88

Ein paar Beneidenswerte

26. Dezember 2009 um 9:23 Uhr von ur

Da sollte man gerade sein:

http://www.camscollection.ch/index1.php…

Winterblitz

8. Dezember 2009 um 4:56 Uhr von ur

Nach einem Tag schwachen und einer Nacht ziemlich starken und durchgehenden Regens von Westen her blitzt und donnert es in Bümpliz um 4.35 Uhr. Was für besondere Luftmassen sich in der gleichmässig kompakten Wolkendecke gebildet haben mögen? Die Temperaturen eine halbe Stunde davor waren um 7 Grad.

Geglücktes Sein

18. November 2009 um 4:38 Uhr von ur

Langer Traum in einem neu bezogenen alten Häuschen oberhalb eines Dorfkerns als Mischung zwischen Leysin und Salvan. Einer der lebenslang sehr häufigen Wohnungsträume, mit der Besonderheit, dass sich die Zimmer nicht ins Unendliche aneinanderreihen und nicht plötzlich ins Katastrophische kippen und dass der Traum keine Angst- oder Unsicherheitsmomente enthält, sondern ungetrübt ein grosses Glücksgefühl. Das Haus besteht aus zwei Stockwerken; ich bin im oberen, das zwei oder drei Zimmer umfasst. Die Aussenwände sind einfache Blockbalken, stellenweise mit Zwischenräumen, durch die man sehen kann und die auch die gedämpften Geräusche von aussen, aus dem Dorf unterhalb und aus den benachbarten Gassen in der Nähe hereintreten lassen. Solches wird nicht als Mangel oder Schaden empfunden, umgekehrt auch nicht irrational als gutes Extra bewundert. Ich bin daran, die unendlich vielen Bücher, die teilweise aus meinen eigenen, aber auch aus übernommenen, noch unbekannten und quasi geerbten bestehen, zu sichten und ansatzweise in den Gestellen und Schränken einzuordnen. Die meisten sind auf dem Boden oder auf Tischchen, häufig geöffnet, so dass die Räume wie ein durchgehender, bloss mit Bildern, Zeichnungen und realen Objekten unterbrochener Text erscheinen. Die Möbel sind gut erkennbar, wenn auch partienweise mit Tüchern zugedeckt; darunter finde ich auch ein Klavier, das mich besonders freut. Diese Freude zeigt an, dass ich mich nicht wie aktuell gegeben behindert fühle, sondern daran denke, es ernsthaft zu spielen. Das Kennenlernen der Zimmer ist ein Genuss gleichwie die Aussicht aufs Dorf und die Landschaft im warmen Abendlicht. Was die begutachteten Texte in mir auslösen, weiss ich nicht mehr, auch nicht, ob ich vorhatte, ein Nachtessen zu kochen. Zur vorgerückten Stunde schreibe ich ganz modern ein SMS an die Mitbewohnerin im unteren Stock, uneindeutig im Status der Verheirateten oder nicht, ob ich die Nacht bei ihr verbringen dürfe. Ich kann nicht sagen, wie die Antwort erfolgte, ob per SMS, durch Handyanruf oder durch Rufen direkt nach oben, was ja nicht laut & schallend hätte geschehen sein müssen – beim Aufwachen war ich im glücklichen Zustand desjenigen, der eine positive Antwort bekommen hat, und ich fühlte die Frau mehr als dass ich sie vor dem inneren Auge gesehen hätte, nicht irgendeine, sondern eine bestimmte Bekannte, auf die ich mich freute. Beim Aufwachen fragte ich mich verwundert, wer es denn gewesen wäre, und da mir keine Bekannte in den Sinn kam, liess ich die Frauen des Tages der Reihe nach passieren. Dank der falschen Wetterprognose auf allen Kanälen war ich unterwegs ins Wallis, wo ich aber am geplanten Ort den Zug nicht verliess sondern weiterbrauste und via Lausanne ohne Pause nach Bern zurückkehrte. Morgens in Bern trieb es mich in eine Gruppe von vier Japanerinnen, so unerlebt schön als wären sie alle je Miss Asia, die Jüngste knapp 16, die Älteste knapp 22. Zwei schliefen bis Visp, die anderen beiden sangen lauthals die neuesten Hits aus dem Osten, ohne dass man aus den verkabelten Geräten das schlechte Urgeräusch hätte erleiden müssen. Beim Aussteigen war ich so abgelenkt, dass ich den Kopf an der Gepäckablage anstiess, was die beiden, die mit der ganzen Gruppe nach Brig und dann wohl ins Land der Zitronenblüten weiterfuhren, zu Lachgeschichten über die unbeholfenen und gebrechlichen Eingeborenen aufstachelte. In der Schwärze des Unterwalliser Himmels und im fetten undurchsichtigen Dunst blieben die Vier strahlende Sonnen der Phantasie während der ganzen Fahrt, ohne dass ich sie mit dem Traum in Verbindung zu bringen vermöchte. Auch die beeindruckende Schwarze von Montreux bis Lausanne erweckt nachträglich nicht dieselben Empfindungen. Nah an dieselben kommt die Braunhaarige an der kleinen offenen Bar im Bahnhof Lausanne, wo ich unbedingt ein Stück Schokolade kaufen wollte. Obwohl die Tauschbegegnung schnell geschehen musste, weil der Zug schon parat stand, brachte sie eine Saite in Schwung, die die anderen Begegnungen anhaltend zu grundieren begann. Dennoch blieb ich beim Aufwachen am längsten bei einer der zwei Blondinen bis Romont hängen, die nicht älter als die Mädchen aus Japan schien und mit dem hellen Blond dem Braun der Mitbewohnerin gar nicht gleichen wollte, nichtsdestotrotz die ähnlichsten Gefühle zum Leben erweckte, die im Traum das Glück beschrieben.

Fotografenstandpunkt

9. November 2009 um 4:25 Uhr von ur

Gestern eine e-Mailanfrage, wie es denn komme, dass bei mir einige Objekte in den Walliser Bergen die Frage nach dem Standort dubios erscheinen liessen, so beantwortet, dass es sich hierbei um eine blosse optische Täuschung oder Verunsicherung durch den kleinen Ausschnitt handle, den das starke Zoomen erreicht und wo die äusseren, mehr oder weniger benachbarten Fixpunkte, die einem vielleicht bekannt sind, weggeschnitten sind.

Beim Einschlafen lange mit Wachträumen fantasiert und über die uralte Frage nachgedacht, ob die Inhalte des Unbewussten, losgelöst von Zusammenhängen, überhaupt existentielle und biologische Funktionen haben können.

Soeben mit Konfusion aus einem langen Traum erwacht, in dem ich alle Fotoseiten meiner Website nach unechten Fotos durchstöberte, die nicht ich selbst gemachte hatte, sondern ein Computerprogramm durch gezieltes Verschieben des Auslösestandorts an einen beliebigen Punkt sowohl bezüglich der geografischen Koordinaten wie der Höhe. Da die technische Fotoqualität in diesem Vorgang dieselbe blieb, war diese Arbeit nicht nur eine moralische, sondern auch eine intellektuelle Herausforderung – durch blosses Betrachten und Erinnern musste entschieden werden, ob das zu beurteilende Bild ein realistisches Abbild wäre oder eine virtuelle Darstellung. Viele meiner überlangen Seiten schrumpften nun auf beängstigend kurze mit zuweilen bloss drei bis fünf echten, unverfälschten Bildern. Ich wachte in dem Moment auf, wo ich die Bilder der Illseestaumauer vom letzten 1. November beurteilte und mich darüber ärgerte, dass ich fürs Internet nicht das echte Bild vom Illhorngipfel aus gewählt hatte, sondern eines aus dem Programm mit einem Standort, der nur wenige Meter neben jenem, aber natürlich in der freien Luft errechnet worden war: die nebeneinander postierten Bilder zeigten nun keine Unterschiede! Erst als ich im langen Prozedere des Aufwachens sagen konnte, dass es ein solches Programm gar nicht gibt, war ich mir sicher, endlich wach zu sein.

Wenn ich einmal König bin

7. November 2009 um 15:26 Uhr von ur

Wenn ich einmal König bin, muss jede Fernseh- und Radiosendung vor ihrem Start die Meldung ausgeben: Stellen Sie Ihr Gerät so ein, dass kein Ton ausserhalb Ihrer eigenen Wände gehört werden muss! Dann werde ich glücklich sein, gleichzeitig von den Untertanen, den heutigen „Menschen“, aber so verhasst, dass ich bald wieder zum Bettler werde.

Erstes Winteropfer

22. Oktober 2009 um 9:08 Uhr von ur

Der Winter hat sein erstes Opfer gefordert. Wo das Bietschhorn war, atmet nur noch leere Luft.

So sieht man es normalerweise:
http://steinbock77.ch/webcam_8/bilder/livebild_vga.jpg

Zusatz 15.00 Uhr: Am Nachmittag sieht es fürs Bietschhorn nicht viel besser aus:

Fehler der gegenwärtigen KomponistInnen

20. Oktober 2009 um 10:26 Uhr von ur

Wenn sich die Medienlandschaft ändert, springt einem das Schlechte in die Augen – das Gute muss man länger suchen. Die Radiostationen in ganz Europa (und also auf der ganzen Welt) haben bezüglich der neuen Kunstmusik einen verbrecherischen Charakter angenommen, die wenigen Konzerte geschehen zu weit entfernt oder sind, wie in Luzern, viel zu teuer oder durch Gebrechlichkeiten des morschen Publikums sonstwie unzugänglich. Die CDs waren immer schon zu teuer, und ob von offiziellen Firmen überhaupt noch neue produziert werden, weiss ich längst nicht mehr (der zuständige Ententeich im Schweizer Radio gibt darüber keine verbindliche Auskunft). In den Richtungen Radio, Konzertveranstaltungen und CD-Vertrieb zu hoffen, treibt uns Maniacs nur weiter die Tränen in die Augen.

Seit dem installierten Zugang zum Internet Februar 2000 wundere ich mich darüber, in welchen primitiven technischen und technologischen Standards die Komponisten und Komponistinnen hier wahrgenommen werden müssen, diejenige Gruppe der Gattung Mensch, die mich am meisten interessiert und die als erste die elektronischen Mittel halluzinierte (Varèse) und die Prototypen dann als erste in künstlerischen Zusammenhängen einsetzte (Varèse, Cage, Stockhausen). Mit dem Computer kam die 4X in Paris, die das Träumen nochmals aufkochte – aber nach 1984 zerfiel die musikalische Entwicklung in Wüstungen, und ausser Répons von Boulez machte sich nur Düsternis & Nichts in den Weiten des musikalischen Raumes breit. Weder hat man von Werken gehört, die die neuen Mittel nachhaltig einsetzen, noch von Ästhetiken, die aus dem Umgang mit ihnen entstanden wären. Am schlimmsten dünkt mich, wie die Schöpfer sich präsentieren: als hätte ihnen nämlich die Entwicklung der ersehnten neuen Mittel die Sprache verschlagen und sie in einen Neoalphabetismus zurückkatapultiert. Sucht man den Namen eines Komponisten oder einer Komponistin, findet man entweder gar keine Website, eine dürftige oder eine kommerziell vorfabrizierte in php oder flash, deren Werbedesign man einmal goutiert und dann kein zweites Mal mehr besuchen will. Es ist, als ob die Technologie des Internets den zeitgenössischen MusikerInnen ein Gräuel wäre, über den sie weiter keine Gedanken verlieren möchten.

Dabei entgeht ihnen das Ganze einer möglichen guten Existenz in der Kunstmusik. Der Webspace einer eigenen Website mit 14 GB kostet heute bei hostorama.ch 4 Franken im Monat, die Registrierung des Namens bei Switch zusätzlich 27 Franken im Jahr. Editors zur Erstellung der Seiten gibt es diverse, die keine Probleme machen, solange man den Standard-Code Html nicht überschreitet. Kostenlos ist auch ein FTP-Programm wie FileZilla. Speichert man die eigene aufgenommene Musik im mp3-Format, benötigt man knapp 170 MB für eine CD von 60 Minuten. Für weniger als hundert Franken im Jahr kann ein Mensch, der kein fauler Sack in der neuen Musik sein will, weit über 70 CDs im Internet deponieren, Texte dazu schreiben, Bilder von Partituren und anderem beifügen.

Ich weiss nicht, wo das Problem liegt, ob die jungen KünstlerInnen über die Verhältnisse nicht orientiert sind oder ob sie einer Vornehmheit frönen, die es ihnen verunmöglicht, ausserhalb der offiziellen Kanäle ihre Werke öffentlich zugänglich zu machen, aus Angst, im voraus als Dilettant abgestempelt zu werden. Ich bin überzeugt, dass der ganzen gesellschaftlichen Lage der neuen Musik ein Tritt versetzt wird, wenn die einzelnen Stücke überhaupt wieder zugänglich werden und von einzelnen, so verschroben sie sein mögen, mit grimmigen Ohren diskutiert werden. Natürlich wird auch so das meiste in der allgegenwärtigen Ignoranz verpuffen – wenn aber erst einmal einzelne Werke an verstreuten Orten in noch so unbedarften Stilformaten ein Echo erleben, dünkt es mich nicht im geringsten ausgeschlossen, dass die ernste Kunstmusik wieder in neuerschaffenen Subkulturen an Terrain zurückgewinnen wird.

Die sieben Zehnden

15. Oktober 2009 um 9:06 Uhr von ur

Da der Provider hostorama.ch in verdankenswerter Weise den nutzbaren Webspace von 4 GB auf 14 GB erweiterte (ohne Preiserhöhung), kann ich nun auch grössere Dateien in meine Website einbinden. Ab jetzt kann man auf der Homepage ueliraz.ch Die sieben Zehnden des Wallis (1999) als PDF in optimaler Druckqualität mit 165 MB herunterladen.

Oder direkt hier http://ueliraz.ch/Wallis/sieben-zehnden-prepress.pdf.

Staubcity

29. September 2009 um 5:18 Uhr von ur

Nachdem gestern der erst halbjährige, aber gegen seine BenutzerInnen um so bösartigere Staubsauger von Fust, Primotecq CST 500, der keinem Stäubchen auf dem Boden den Garaus zu machen imstande ist, etwas aktiver als gewöhnlich aus der Hand zu Boden stürzte und von da an keinen Murks mehr von sich geben wollte – und in welcher Lautstärke konnte er doch brüllen! – kam es um 1 Uhr zu einem Traum, wo ich in Begleitung auf einer steilen, geraden Strasse einen Berg hinunter in ein Dorf hinein wanderte, dessen Bauten eher an eine kleine Stadt in der Ebene als an ein Bergdorf denken liessen. Kein Lebewesen zeigte sich, und es war mäuschenstill. Allerdings erschienen in der Abendsonne die Objekte als wie kurz vor dem totalen Verfall, als ob es nur eines Windhauches bedürfte, damit die Gebäude, im Innersten wie von Termiten zerfressen als blosse, mit Sand gefüllte Fassaden dastehend, zu einem homogenen Staubhaufen zusammenfallen würden. Als ich das Ganze als einheitlich grau wahrzunehmen begann, machten sich Leute bemerkbar, nicht Städter, sondern eindeutig BergbewohnerInnen in ihrer typischen Zurückhaltung, wenige Erwachsene mit wenigen Kindern. Es entstand auch ein Kontakt, der weder durch radikales Misstrauen noch durch Angst verhindert worden wäre. Allmählich fanden sich viele Menschen ein, die aber nicht aus den Gebäuden zu kommen schienen, und wir gingen zu einer Art Dorfplatz. F strebte dorthin, wo die Vielen waren; sie wirkte weder entschieden noch gleichgültig, so wie man auf einer Wanderung den eingeschlagenen Weg eben immer weiter geht. Es gab eine obere Hälfte und eine untere, zu der wir gehörten – die obere stand bunt im abendlichen Sonnenlicht, die untere war schwarzweiss oder grau, definiter unbunt als nur durchs Schattenlicht abgetönt. Wir waren dem Grenzbereich ganz nahe, und als F die Grenze des Lichts überschreitet, ertönt eine Stimme aus dem Off, dass solches für mich nicht geschehen dürfe.

Ich gehe in drei Stunden ins Westside, kaufe im M-electronics den billigsten von K-Tipp empfohlenen Staubsauger, doppelt so teuer wie das verbrecherische Gerät von Fust, und lasse ihn von der Post den einen Kilometer Luftlinie herübertransportieren.

Transformerverkehr

9. September 2009 um 13:09 Uhr von ur

Es gibt in der lebendigen Existenz verschiedene unverhoffte Transformationen, von denen die meisten sich seit 50 Jahren in der menschlichen Gesellschaft artikulieren, um aus der Erfahrung der schlechten Notwendigkeit einen Lebensentwurf aus Freiheit und mit anrufbaren Rechten realisieren zu können. Wenn sich die Art und Weise, wie seit Juli 2009 abends vom Wallis nach Bern zurückgereist wird, nicht zum Guten ändert, muss eine immer grösser werdende Gruppe von Fahrgästen der SBB ihren Empfindungen Ausdruck geben und gesellschaftlich darum kämpfen, dass ihre erlebte Existenz als ein Stück Vieh endlich zur nominellen Anerkennung gelangt. Ich fühle mich nicht mehr einer Gesellschaft von Menschen angehörig, wenn ich als Reisender keinen Platz mehr finde zum Sitzen und um nichts besser einen zum Stehen, wo ich mich an etwas Griffigem, das dafür vorgesehen wäre, festhalten könnte. In den nachmittäglichen und abendlichen Zügen von Visp nach Bern wird der Einzelne, ob Junger oder Alter, ob Behinderter oder Kräftiger, beim Einsteigen in irgendeine Richtung abgetrieben, die ihn ohne sein Zutun in einen Winkel schiebt, wo er sich fallen zu lassen hat. Solche Ausgestossene, die sich häufig auf einer steilen, abgedrehten Treppe wiederfinden, mögen sich tunlichst hüten, für irgendwelche körperliche Versehrtheiten Hoffnungen zu hegen – für die zuzeiten noch grössere Masse der Sitzenden sind sie leblose Gegenstände, auf die getreten oder mit Gepäck gezielt werden kann, gerade wie es kommt, wenn man sich in den Zug hinein-, durch ihn hindurch- oder aus ihm wieder hinausbewegt. Es dünkt mich an der Zeit, dass auf uns neuerlich Transformierte gesellschaftlich abgesichert die Tierrechte zur Anwendung kommen, wo von der Geschundenheit gesprochen wird, vor welcher das Tier zu schützen wäre. Solange ich nicht in die Leblosigkeit abgesunken sein werde, will ich es wagen, an die Gesellschaft den Anspruch zu erheben, wenigstens als Tier betrachtet zu werden. – Man könnte meinen, für spezielle Fälle seien doch Behindertensitze vorgesehen. Klar habe ich solche schon ins Auge gefasst, doch beim Einlass der Masse bin ich noch nie an einen solchen gespült worden, und man ist in der aufgehetzten Gesellschaft gut beraten, Ansprüche durch Vorweisung eines IV-Ausweises zu unterlassen (vor wenigen Jahren gab es auf Seilbahnen noch Vergünstigungen gleich denen für AHV-Rentner, heute frage ich nicht einmal mehr danach). Da die Medien der Kulturindustrie den Trieben der Ökonomie mehr gehorchen als denen der Vernunft, lassen sie die kryptofaschistischen Brüller so umfassend zu Wort kommen, dass man gut daran tut, in einer Meute nicht der naiven Meinung nachzugeben, der Nebenmensch im knalligen roten T-Shirt mit weissem Schweizerkreuz sei kein SVP-Sympathisant und den IV-Ausweis im Portemonnaie verborgen zu halten. Will man schädigenden Hieben ausweichen, sei es denen, die man einsteckt, weil man als Rentner enttarnt wird oder denen, die einen kaputt machen, weil auch ein geringster Stoss an den neugebauten Körperstellen Schaden anrichtet, erfährt man sich als Verlassenen auf sich allein gestellt und angewiesen wie auf den obersten Alpflecken – im tobenden Eissturm. Die Schweizerischen Bundesbahnen werden nächstens ein paar Sitze mit der Anschrift auszeichnen müssen: Reserviert für SBB-Versehrte.

Zusatz: Gestern hatte ich in Visp beim Einfahren des Zuges, der ohne Anmeldung im hinteren Teil Zusatzwagen hatte, die Meute zunächst umeilt und dann durch alle Strömungen querend eine Stelle angepeilt, wo man nur einen halben Meter von der mächtigen Lokomotive entfernt und beinahe schon unter ihr fährt, mit idealem Ausblick auf den Bildschirm über einem, der dem Lokführer alles übers Aussen des Zuges berichtet und ihn gleichzeitig von allem im Innern verschont – und wo es einen echten Sitz gibt! Vom Sound allerdings im Tunnel muss man schweigen; ich versuchte vergeblich, ein Konzert von Glenn Branca zu phantasieren, weil alles Erinnerte nur MRI-Aufzeichnungen entstammte.

Umgefallenes Japan-Cliché

7. September 2009 um 18:09 Uhr von ur

Gestern auf dem Oberrothorn bei Zermatt war ich von unten bis oben von einer japanischen Wandergruppe begleitet. Oben erklärte ihr Guide sämtliche Gipfel, Zwischengrate und Untergipfel ohne Fehl und Tadel – ausser dass er in allen Namen, die ein L enthalten, dieses als R aussprach. Ich traute meinen Ohren nicht, aber im kultivierten Japan scheint man die Dent Blanche „Dent Branche“ zu nennen, das Balmhorn „Barmhorn“ (die Barrhörner sieht man nicht), die Schultern „Epaurs“, das Schalihorn „Scharihorn“, das Obergabelhorn „Obergaborhorn“ und das Zinalrothorn „Cinarrothorn“ (er liebte es, die Ortsnamen im Val d’Anniviers aufzuzählen, und „Cinar“ scheint ihm besonders gut zu gefallen – wahrscheinlich sprach er vom uralten Weg von Zermatt übers Triftjoch nach Zinal, dessen östliche Seite man vom Oberrothorn sehr leicht einsehen kann).

Ich stelle mir vor, dass der Guide ein überaus gutes Gedächtnis besitzt und nur noch selten die Karten zur Absicherung heranzieht. Unweigerlich gerät er so in eine Art vorauseilenden Gehorsam in aesteticis: was er im japanischen Gedächtnis vorfindet, die Namen mit L, interpretiert er selbstkritisch als kulturelle Verfälschung und deutet sie nachträglich als R.

ur I gratuliert ur II

17. Juli 2009 um 9:14 Uhr von ur

Viel Glück zum siebten Geburtstag, und immer wieder die grössten Dankeswünsche an Ralph Hertel und sein Team mit Uli Seidl am Inselspital Bern 2002.

Schwieriges Einschlafen

16. Juli 2009 um 20:21 Uhr von ur

Vor sieben Jahren mulmigste Gefühlszustände beim Zubettegehen.

Handschlag mit den ganz Anderen

15. Juli 2009 um 3:46 Uhr von ur

(Traum vorgestern abends um 22 Uhr kurz nach dem Einschlafen, den ich bis gestern Abend nicht aufschreiben und bis heute um 4 Uhr der Scribble’s Disco nicht hinzufügen wollte, weil mich dünkt, er zeige ein erstes Anzeichen von Schizophrenie. Da sich gestern aber eine medizinische Besonderheit zum Guten wendete, soll er als weiteres gewöhnliches Beispiel für die Konfusion der Traumtätigkeit dastehen, ohne jede Bedeutung: als ich gestern um 15 Uhr in Les Haudères das Sonnenkäppi vom Kopf nahm und die Frisur zurechtmachen wollte, den zweiwöchigen Zehnmilimeterschnitt, erspürte ich Mitte links auf der Schädeldecke eine daumenspitzgrosse Beule, an einem Ort, den ich seit 2003 ab und zu als Zentrum einer gewissen Oberflächenspannung empfinde. Beim Einschlafen war sie noch da, ebenso beim ersten Erwachen um 1 Uhr. Da sie um 4 Uhr indes zu 90% abgeflaut erscheint, deute ich sie als unbedeutende Störung, entstanden durch den Druck des Käppis, das wegen des Windes straffer gebunden war als gewöhnlich.)

In einem Raum etwa zehn Meter von mir entfernt sehe ich durch die offene Tür, wie ein Mensch einem anderen droht und eigentlich schon daran ist, ihn zu schlagen oder gar zu erschlagen. Ich nehme etwas wie einen Stein in die rechte Hand und ziehe sie rückwärts über die Schulter, um gleichfalls dem Drohenden zu drohen, im Bewusstsein, dass ich den Stein mangels Kraft gar nicht werfen werden kann. Die zwei Personen, etwa gleich alte wie ich oder geringfügig älter, verziehen sich noch weiter in den Hintergrund. Vor der offenen Türe sind nun mehrere andere Personen, eindeutig keine Europäer, eher Asiaten, wenn auch selbst dieses nicht eindeutig. Sie haben den Vorfall und insbesondere meinen Eingriff beobachtet, und es entsteht nun so etwas wie ein Verhör, wenn zunächst auch völlig ohne offiziellen Charakter. Man spricht eher freundlich mit mir, macht mir aber doch klar, dass mein Eingriff völlig inakzeptabel sei. Es könne doch einer aus Distanz gar nicht beurteilen, ob da jemand einen anderen bedroht hat oder umgekehrt ihm gerade Gutes hat tun wollen – das nota bene ich nun eben verhindert hätte. Wenn ich meinen Fehler einsehen würde, lasse das Ganze sich aber verzeihen und quasi ungeschehen machen. Es würde niemand mir grollen oder weiterhin Konsequenzen fordern. Der Sprechende erschien mir immer weniger als Mensch denn regelrecht als Ausserirdischer, wie wenn er zwar in einer Menschengestalt stecken würde, das Äussere aber doch mit Kandinskys oder Marcs Ölfarbe hätte übermalt werden müssen, um halbwegs menschlich zu erscheinen. Mit einem Handschlag wird der Friedensschluss besiegelt. Ich merke, wie mit einer Nadel etwas aus seiner Hand in meine einfliesst, merke wie ich zu sterben beginne und immer mehr wie in einer Waschmaschine gedreht und gewendet werde. Ich akzeptiere die Tötung, fühle mich aber erschlagen beim Gedanken, dass ich durch diesen speziellen Tod unwiderruflich in ein neues Leben hinein geboren werde, aufwachend als willenlose Maschine unter dem Diktat jener Ausserirdischen.