Wintersonntagsmorgenstille

7. Dezember 2014 um 7:52 Uhr von ur

Rohrfrei und: Feuer!

Vor einer Viertelstunde in der Lenk.

Philippe Schoeller, J’accuse (Abel Gance 1919)

1. Dezember 2014 um 21:25 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique Ciné-concert enregistré le samedi 8 novembre à la Salle Pleyel (Paris).

Philippe Schoeller (né en 1957), J’accuse (trois extraits) – création mondiale. Orchestre Philharmonique de Radio France, Gilbert Nouno, réalisation informatique musicale Ircam, Frank Strobel, direction, Composition sur le film d’Abel Gance (France, 1919).

Neuer Soundtrack zum Stummfilm J’accuse von Abel Gance aus dem Jahre 1919. Beeindruckende Opferarbeit, indes wirkungslos gegenüber der Waffenproduktion der US-Familienverbänden von Bush & Co.

Dialektik der Entdeckermusik

1. Dezember 2014 um 16:16 Uhr von ur

Die erste Begegnung mit Edgard Varèse passierte in einem Luzerner Plattenladen, als beim Durchstöbern der Regale auf einer Hülle plötzlich der Name desjenigen Autors vor mir stand, von dem der Spruch auf allen damaligen Zappaplatten stammte, „The present-day composer refuses to die“: der Komponist von heute muss notwendigerweise auf die Gesellschaft reflektieren und kann nicht bruchlos die künstlerische Arbeit da fortsetzen, von wo er sie als Schüler gelernt hat. Die Platte enthielt, von Marius Constant dirigiert, die zwei grossen Orchesterstücke Amériques und Arcana. Das früher entstandene Amériques existierte nur in der zweiten Fassung, die Varèse schnell nach der Uraufführung herstellte, weil er die Peinlichkeiten in ihr endlich erkannte. Ich eignete mir sämtliche Schriftstücke an, die irgendetwas mit Varèse zu tun hatten – eine Sehnsucht nach der ersten Fassung von Amériques hat sich darauf hin nie eingestellt. Als in den neunziger Jahren die Rekonstruktion und Publikation der Urfassung angekündigt wurde, wurde mir, in Kenntnis der Umstände, mulmig zumute, und die Doppel-CD von Chailly bestätigte dann die Befürchtungen, obwohl die CD als Ganzes natürlich ein grosser Wurf ist, nota bene inklusive der Realisation von Ur-Amériques.

2007 dirigierte Ingo Metzmacher im strategischen Couple von Richard Strauss Ein Heldenleben (eine Urfassung vor 1898) und von Varèse Ur-Amériques (1922), eine Studioeinspielung mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, die ohne Angaben verzögert erst 2014 veröffentlicht worden ist. Ein Heldenleben ist im Doppelsinn eine Art Best-of von Strauss, weil der Komponist aus enorm vielen eigenen Werken zitiert und weil das Werk für mich auch als eines seiner besten dasteht. Ein nerviges Moment der Straussschen Ästhetik zeigt sich darin, dass er sich regelrecht vor dem Klang fürchtet und alle Konflikte, auf die er harmonisch wagemutig zusteuert, mit Melodien oder Signalen in Luft auflöst – mit musikalischen Phrasen, die wahrlich zwanghaft einem Konkretismus unterstehen. Im Heldenleben erscheinen sie wie vom Bann befreit, und selbst die Zitate aus dem Eulenspiegel, der in den holzschnittartigen Signalen übel erstarrt, goutiert man, mit einer gewissen Genugtuung darüber, dass Strauss das progressivere Komponieren sehr wohl beherrschte, wenn er nur wollte.

Als in den 1990er Jahren die Urfassung von Amériques durch Klaus Angermann zugänglich gemacht wurde, war es bereits damals Metzmacher, der sie zum ersten Mal nach 1927 wiederaufführte. 2007 musste ihm Varèse in allen seinen Facetten vertraut sein wie kaum einem anderen Dirigenten. Die Interpretation auf der CD darf dann wohl als Nonplusultra gelten, und nichts beim Hören könnte diese Qualifizierung in Frage stellen. Man muss sich der Herausforderung also stellen: was dachte sich der Straussianer Varèse, als er Amériques konzipierte, und was geschah im unmittelbaren Prozess nach der Uraufführung, der zur genialen und antistraussischen zweiten Fassung führte?

Da mir aus anatomischen Gründen Archivalien in den untersten und in den obersten Ablagen der Büchergestelle ab Kinnhöhe nur mit Mühe zugänglich sind, höre ich mir diese Interpretation ohne Partitur an (ich habe nur diejenige der zweiten Fassung), ab und zu den Zähler des CD-Players im Auge. Auffällig ist, wie die erste Fassung grösser ist bezüglich des instrumentalen Raumes, geringer aber in der Zeitdauer. Sie wirkt subjektivistischer und gar egomanischer, insbesondere ist ihr Schluss nur laut und nichts darüber hinaus. Entscheidend ist aber, dass in der zweiten Fassung die Straussschen Seitentriebe des Melodischen weggeschnitten sind und in einer Passage, die Strauss selbst fast hätte alleine schreiben können, das Ganze überhaupt: in den Minuten 14.5 bis 18.5 leistete sich Varèse eine veritable En-bloc-Resektion. Hätte man die Augen auf dem Text der zweiten Fassung, müsste es auch einem geübten Partiturenleser schwierig sein, den Anschluss zu packen. Es brauchte Courage, in einem 25minütigen Stück für Riesenorchester tel quel vier Minuten auf den Misthaufen zu werfen (nebst vielem Beigemüse). Ein guter Komponist hätte sich den signalhaften Aussenästen und melodiösen Zweiglein gewidmet, und er hätte mit ihnen schönere Übergänge gestaltet. Doch Varèse war und blieb ein schlechter Komponist. Das ist es, was wir in der Gegenüberstellung zu Strauss, dem Radikalbegabten, lernen müssen und was uns mit dieser CD, sofern wir nur die zweite Fassung von Amériques in allen ihren Winkeln gedächtnismässig in den Ohren haben, gelingt (für Anfänger ist sie ungeeignet). Erst wenn dem Gestrüpp schöngeistiger Melodien der Garaus gemacht wird, machen sich der Musiker und die Musikerin auf den Weg, neue Welten zu entdecken und werden sie dieselben dem Publikum auch zugänglich machen können. Diese Arbeit in der Kunst hat dann mit Richard Strauss, und sei er ein noch so guter Komponist gewesen mit noch so viel Ansehen bei den Jüngeren, nicht das geringste mehr zu tun.

Sophia Gubaidulina: In tempus praesens (2)

20. November 2014 um 21:16 Uhr von ur

Soeben live auf SRF 2 Konzert vom 25. Oktober 2014, Opernhaus Zürich, Philharmonia Zürich, Fabio Luisi, Leitung, Bartek Niziol, Violine.

Sophia Gubaidulina, Violinkonzert Nr. 2 In tempus praesens (1987).

Helle Begeisterung auch heute vom ersten bis zum letzten Ton. Ein Stück, das einen herausfordert, über alle seine Partien detailliert zu sprechen. Die Mittel sind alt, was sich in ihnen aber zeigt neues Unerhörtes.

Iannotta, Grisey, Lanza, Bailie

17. November 2014 um 21:15 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 24 octobre 2014 en l’église Saint-Merri (Paris 4ème) par l’ensemble soundinitiative, sous la direction de Leonhard Garms.

Clara Iannotta (née en 1983), D’après pour flûte, clarinette, piano, percussion, violon, alto et violoncelle. – Ein neuer Wind in der Musik, ziemlich kompakt und aufgeweckt.

Gérard Grisey (1946-1998), Berceuse des Quatre chants pour franchir le seuil (transcription de Brice Pauset), pour mezzo-soprano et ensemble (création française), Fabienne Séveillac, mezzo-soprano. – Zu leicht und zu luftig für unsere dumpfe Zeit. Vielleicht könnte man das Stück etwas präziser spielen?

Mauro Lanza (né en 1975) / Andrea Valle (ordinateur), Regnum Animale, pour trio à cordes et objets électromécaniques (création française). – Ich kann gut auf Humor in der Musik verzichten, hier ist er aber gelungen. Eine musikalische Tierwelt, die auch die Jüngsten interessieren dürfte. Das Stück aber ein zweites Mal hören? Eher nicht, da die ausgedehnten Zeitverhältnisse es aufdringlich machen.

Joanna Bailie (née en 1973), StreetSouvenir, pour flûte, clarinette, piano, violon, alto, violoncelle et contrebasse (nouvelle version, création française). – Aufgewärmter Satie, mit Ferrari gewürzt. Hübsche Effekte ohne kompositorische Anstrengung.

Mauro Lanza (né en 1975), Vesperbild, pour grand ensemble, instruments jouets et électronique. – Der Wille ist da, aber in der Ökonomie hapert es. Am besten gegen den Schluss hin, wo wieder die Nachttiere aufscheinen.

Heimatklänge

12. November 2014 um 10:13 Uhr von ur

Vorgestern Abend live auf WDR 3 Konzert vom 25. Schaffhauser Jazzfestival 2014 mit New Bag: Christy Doran, Sarah Buechi, Vincent Membrez, Lionel Friedli.

Christy und später Brigeen und Dave Doran bewachten seit dem Om-Konzert in der Aula Tribschen mehrere Luzerner Hintereingänge zur Musik. Ihre Konzerte besuchte man der Gier folgend auch auswärts wie ihre Platten im 20. Jahrhundert allesamt in der Familie als feiertägliche Kulturgüter hin- und hergeschenkt wurden (Google Bilder zeigen kein unbekanntes Cover aus der genannten Zeit). Das Tribschenkonzert in den frühen siebziger Jahren geschah noch vor der Konfrontation mit Hendrix und McLaughlin, weshalb es wie ein einzigartiger & scheinbar einmaliger Initiationsritus in die Musik als unantastbares Fundstück der Erinnerung gänzlich ausserhalb der kritischen Reflexion erhalten bleibt, als Ort von Heimat. Gerade weil diese Musik neben derjenigen Schönbergs & Co. ein so grosses Gewicht bekam, hätte ich mir die Läufe auf Dorans Gitarre länger und entschieden mehr in die Länge gezogen gewünscht, befreit von der Last aller Bescheidenheit. Beim Geniessen des Schaffhauser Konzerts dünkte es mich nun klar, dass es sich keineswegs um eine Frage der materiellen Disposition, sondern um eine des ästhetischen Willens handelt. Die ganze, mit Freude genossene Zeit fragte ich mich, warum die Band nichts Neues entstehen lassen will, warum die Einsätze gleich wie die Abgänge meistens leicht auseinander plaziert sind und sich kein erweiterter Raum bildet, in dem sich eine intellektuelle Spannung doch endlich aufbauen müsste. New Bag zeigt sich wie die Ästhetik in den neuen Medien heute, die gemeinhin als etwas Ärgerliches beschrieben wird, als ein Geflecht von Impulsen, die das Publikum, also die Gesellschaft des Alltags dazu verführt, nur Muster mehr wahrzunehmen, die Welt der Kunst, der Musik und des Lebens zerstückelt in Müsterli, wie sie früher neben der Kasse in den Läden als Reizwerbung beiläufig mitzunehmen waren. Aber Dorans Musik ist nicht ein Effekt der aktuellen Medientechnologien. Man muss den Willen ernsthaft ins Auge fassen und die Sachlage gänzlich umstülpen: die musikalische Ästhetik ist älter als die Technologien, mit denen sie bruchlos korrespondiert. Doran gehört zu den Pionieren der Zerstreuung, indem er von Anfang an einen regelrechten, zuweilen irisch, zuweilen innerschweizerisch geprägten mürrischen Unwillen darüber demonstrierte, dass sich die Teile seiner Stücke fortspinnen und verknüpfen liessen, auf dass ein erweiterter, spannungsgeladener musikalischer Zusammenhang entstehen würde. Eine solche Ästhetik, die im deutlichen Willen, der den Abhub will, von jedem Zufall frei ist, hat man in gleicher Weise hinzunehmen wie den Ort, an dem man geboren wurde, weil er für einen selbst als reiner Zufall dasteht.

Dann noch in derselben Radioaufnahme von Schaffhausen das Lucien Dubuis Trio & Spacetet mit dem Stück Albumblatt für Herrn Schprögel. Keine Sache, die sich hinter dem Bag verstecken müsste: Grandioses aus dem Jura! Klar, ohne den Disziplinierungsschub des Streichquartetts erschiene einem ein alter musikalischer Sack und die Ohren täten langsam gähnen.

Dean, Herrmann, Carter, Birtwistle

4. November 2014 um 22:06 Uhr von ur

Soeben live auf Bayern 4 Konzert der musica viva, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung Stefan Asbury, Aufnahme vom 24. Oktober 2014 im Herkulessaal der Münchner Residenz.

Brett Dean: „Three pieces for eight horns“. – Umwerfend, luxuriös, sinnlich.

Arnulf Herrmann: „Drei Gesänge am offenen Fenster“ (Uraufführung). – Die gleichen Attribute wie beim ersten Stück: faszinierend, farbig und mit räumlicher Tiefe, bestaunenswert – und Erwartungen freisetzend.

Elliott Carter: „Epigrams“ für Klaviertrio. – Die Spontaneität des über Hundertjährigen erinnert an die ungestüme Subjektivität eines Jugendlichen. Auch ein letztes Stück kann frech klingen und als Herausforderung daherkommen.

Harrison Birtwistle: „Responses. Sweet disorder and the carefully careless“ (Uraufführung). – Mindestens so stark die Wirkung hier wie bei den anderen Stücken des Abends, so dass man dasitzt und einem die Kinnlade aufs Knie zu fallen droht. Sinnlichkeit ohne die geringste Anbiederung an eine vermeintliche Blödheit des Publikums wie bei den zwei Österreichern vor zwei Tagen.

Iannotta, Nono, Lachenmann

3. November 2014 um 21:14 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 17 octobre à la Cité de la Musique (Paris) dans le cadre du festival d’Automne. L’ensemble Intercontemporain est dirigé par Matthias Pintscher.

Clara Iannotta (née en 1983), Intent on Resurrection – Spring or Some Such Thing pour dix-sept musiciens (2014, création, commande de l’Ensemble Intercontemporain et du Festival d’Automne à Paris).

Luigi Nono (1924-1990), Omaggio a György Kurtag, pour contralto, flûte, clarinette, tuba et électronique, Lucile Richardot, contralto, André Richard, projection du son.

Helmut Lachenmann (né en 1935), Concertini.

Nach dem ärgerlichen Kitsch gestern der zwei Österreicher auf Ö1 nun wieder sehr gute und wahrhaftige Musik.

Hosokawa, Staud

24. Oktober 2014 um 20:48 Uhr von ur

Soeben auf WDR 3 direkt live Übertragung aus der Kölner Philharmonie, Arditti-Quartett und WDR Sinfonieorchester Köln, Leitung Peter Rundel.

Toshio Hosokawa, Konzert für Streichquartett und Orchester, Uraufführung, Kompositionsauftrag des WDR, Casa da Musica Porto und Eurasia Festival Jekaterinburg. – Ein grossartiges Verschmelzen uralter Impulse aus der japanischen Hofmusik mit einer vorwärtstreibenden modernen Ästhetik. Zu wiederholen.

Johannes Maria Staud, Über trügerische Stadtpläne und die Versuchungen der Winternächte, Dichotomie II für Streichquartett und Orchester, Deutsche Erstaufführung. – Leicht bieder und konventionell, in den kleinen Formen uninspiriert, mit allzu bekannten Materialien hantierend. In den Orchesterpartien interessanter.

Quatuor Tana: 4

20. Oktober 2014 um 20:33 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 28 septembre à Strasbourg dans le cadre du festival Musica. Quatuor Tana : Antoine Maisonhaute, Pieter Jansen, violons, Maxime Desert, alto, Jeanne Maisonhaute, violoncelle.

Jacques Lenot (né en 1945), Quatuor n° 6 (2008) – création mondiale. – Einfach und harmlos – und tonal gedacht. In der konstruierten Einfachheit schlummert keine Schönheit.

Ondrej Adamek (né en 1979), Lo que no’contamo (Quatuor n° 2) (2010). – So regressiv wie das aufgeblasene Stück gestern in Donaueschingen. Adamek: der Letzte, dem man es sagen muss, dass Schwejk ein Konformist war.

Yves Chauris (né en 1980), Shakkei (2012). – Verschlafen.

Pascal Dusapin (né en 1955), Quatuor n° 4 (1997). – Gegen Ende hin erst aufgewacht.

Die Wahrheit des Wallis

7. Oktober 2014 um 15:59 Uhr von ur

So schaute es im Wallis heute Morgen aus – ziemlich himmlisch links bei den Obenappjern, höllisch bei den Bas Valäsang:

Klick auf Bild ergibt neue Seite mit Bild in Originalgrösse.

http://panodata1.panomax.at/cams/361/recent_default.jpg

oder http://anzere.roundshot.ch/pistes

Das tiefe Metaphysische des Platzes wird dadurch unterstrichen, dass der Walliser Stallbauer vor mehr als 50 Jahren mich (und Grossmutter) an einem Sonntag als erstes dorthin mitnahm, zum Pas de Maimbré, um mir die Schönheit des Wallis telle quelle zu offenbaren. An nicht wenige Plätze ging ich mit Grossvater als erste, ohne dass von ihnen gesagt werden könnte, welcher wirklich der erste gewesen war: Dixence, Montana, Embd, Staldenried, Riederalp etc. – alle diese Plätze standen aber in einem erweiterten Zusammenhang, sei es der Arbeit, des Sportspektakels oder des Familienausflugs. Nur der Pas de Maimbré ist durch die Einzigartigkeit ausgezeichnet, dass wir zu dritt dort sassen, im linken Teil auf der vorderen Crête, und nur schauten.

Hugues Dufourt: Burning Bright

6. Oktober 2014 um 20:10 Uhr von ur

Nach dem grausligen Wetter- und nicht minder verschifften Musiksommer endlich wieder gute Musik in der Stube:

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 25 septembre 2014 au Théâtre National de Strasbourg dans le cadre du festival Musica.

Hugues Dufourt (né en 1943), Burning Bright (UA), Les Percussions de Strasbourg (Claude Ferrier, Bernard Lesage, Keiko Nakamura, Minh-Tâm Nguyen, François Papirer et Olaf Tzschoppe).

Das beste Stück, das die Strassburger Trommler jetzt im Repertoire haben: u m w er f e n d! Genau so fantasierte ich mich vor fünfzig Jahren durch den indischen Dschungel, mit den zwei Tigern, ihren Jungen und der Prinzessin. Sogar die Stimmung am Rand der Berghöhlen hört man, wenn wir über den Wäldern waren.

Ich habe zur Vorbereitung des Konzerts in der NZZ von 2001 einen hervorragenden Artikel über Dufourt gelesen, leider ohne Angabe über den Autoren oder die Autorin (immerhin verweist Google bei mir mit Hugues Dufourt weit oben auf den Artikel):
http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article7QYBD-1.505068

Wie gut das tut, Musik zu hören, mit der man einverstanden ist wie früher nur mit Varèse!

Jean-Louis Florentz, Olivier Messiaen

8. September 2014 um 20:23 Uhr von ur

Soeben live auf France Musique concert enregistré le 26 juillet 2014 à la Collégiale de Briançon, dans le cadre de la 17ème édition du festival Messiaen au Pays de la Meije. Ensemble Musicatreize, Orchestre Régional de Cannes Provence Alpes Côte d’Azur, Roland Hayrabédian, direction.

– Jean-Louis Florentz (1947-2004), Magnificat-Antiphone pour la Visitation op. 3 pour ténor, chœur mixte et orchestre.

– Olivier Messiaen (1908-1992), Trois Petites Liturgies de la Présence Divine pour piano, ondes Martenot, célesta, vibraphone, trois percussionnistes, chœurs de femmes à l’unisson et orchestre à cordes. I. Antienne de la Conversation intérieure II. Séquence du Verbe. Cantique Divin III. Psalmodie de l’Ubiquité par amour. Roger Muraro, piano, Valérie Hartmann-Claverie, ondes Martenot, Thibault Lepri, célesta.

In einer Zeit, da der Zugriff des Faschismus im schwarzen Mantel der Religionen geschieht, hüben wie drüben, bei Al-Baghdadi gleichwie bei Rus-Putin, ist religiöse Musik nur schlecht zu goutieren: sie kommt wie ein Hohn daher und unverhofft komplizenhaft. So schlecht hatte ich auf die parfümierte Hysterie Messiaens kaum jemals reagiert – und die Musik seines Getreuen Florentz wirkt in diesem globalen Umfeld der Katastrophe trotz ihrer Eigenständigkeit nicht anders. In der Tat ist es die Musik, die das Desaster bereinigt, aber keine religiöse.

Zusatz: Daraufhin in einem der sofortigen Schlafträume eine institutionelle Kritik an dem, was ich schreibe, die radikaler und vernichtender nicht sein könnte (in einem Szenario immerhin noch vor der Internetzeit…) – mit den übelsten Empfindungen beim Aufwachen. Soll ich ihn relativieren und auf die Anmassung beziehen, für einmal etwas gegen Messiaen gesagt zu haben, oder soll ich den Traum beim Wort nehmen? Eine schwere Sache! Der Kampf ist die verwerflichste Kategorie der (praktischen) Philosophie, und es muss ihr, in welcher das Feindliche immerhin sich noch ideologisch vorstellen liesse, begrifflich bis ins Äusserste widerstanden werden. Aber der Faschismus kämpft nicht. Er entfesselt den blinden Terror, wo ihm auch das individuelle Selbstvertrauen, in dem das Denken zu verankern wäre, zum Opfer wird.

Unerkanntes Bümpliz

7. September 2014 um 10:28 Uhr von ur

Soeben die Umgebung, die ich mit den X10D-Schuhen fast täglich ablaufe, etwas aufmerksamer beäugt als vorher. Dabei konnte endlich das mysteriöse Bild entziffert werden, das in den letzten Tagen im Berner Bund einen Artikel illustrierte:

Diese Aufnahme von Valérie Chételat hat es in sich. Obwohl ich der Überzeugung war, sämtliche Abschnitte von Bümpliz, die an die beiden Zugstrecken Bern-Fribourg und Bern-Neuenburg angrenzen, bestens zu kennen, konnte ich das Bild nirgendwo zuordnen. Beim heutigen Morgenspaziergang fiel dann doch noch der Groschen: das Bild ist eine Luftaufnahme Richtung Südost mit dem Heilsarmee Brockenhaus und der GIBB Hotelfach an der Bümplizstrasse und mit der Abzweigung Waldmannstrasse nach unten; rechts aussen nach der Unterführung beginnt der Bahnhof Bümpliz Nord, im oberen Bildteil sind die Hochhäuser des Schwabguts. Hier noch der Bildausschnitt der Google-Maps, links mit der Kreuzung Bümplizstrasse-Bethlehemstrasse, in der oberen Ecke rechts Indermühleweg 9:

Sofia Gubaidulina, In tempus praesens

5. September 2014 um 19:43 Uhr von ur

Soeben live auf Bayern 4 vom 1. September 2014 aus Dresden Sächsische Staatskapelle Dresden, Leitung: Christian Thielemann, Solist: Gidon Kremer, Violine.

Sofia Gubaidulina: Violinkonzert Nr. 2 – „In tempus praesens“.

Schon lange nicht hat mich ein Werk von Gubaidulina so beeindruckt wie dieses. Eine grossartige Dramatik.

Sommer 2014

29. August 2014 um 15:58 Uhr von ur

Verzieh dich aus dem Wallis, dummer feuchter Sommer, und mach einem langen trockenen Herbst Platz!

Webcam-Bild von soeben: http://cma.roundshot.ch/grandsignal

Zusatz anderntags:

Webcam-Bild vom Pas de Maimbré: http://anzere.roundshot.ch/pistes

Unsuk Chin, Luciano Berio

28. August 2014 um 7:04 Uhr von ur

Gestern Abend live direkt auf France Musique via BBC 3 von den Proms London Wu Wei, Sheng (orgue à bouche), Orchestre Philharmonique de Séoul, Myung-Whun Chung, direction.

– Unsuk Chin, Šu, concerto pour Sheng et orchestre (2009).

Spätnachts dann, wenn rechtschaffene Menschen schlafen, live auf SRF 2 vom 23. August 2014 in Luzern Lucerne Festival Academy Orchestra, Simon Rattle, Leitung, Barbara Hannigan, Sopran.

– Unsuk Chin, Le Silence des Sirènes für Sopran und Orchester (Uraufführung).

– Luciano Berio, Coro für vierzig Stimmen und Instrumente (1975-76).

Drei grandiose Stücke, die auf wunderbare Weise miteinander in Verbindung stehen und noch ein viertes für die Sehnsüchtigen im Schlepptau haben. Wu Wei war mir noch mit dem Dragon Dance in den Ohren und die ganze Komposition schnell familiär, wenn auch in einer beeindruckenden eigenständigen, neu anmutenden Klarheit (dass Unsuk Chin durch das serielle musikalische Denken hindurchgegangen ist, merkt man an der Stringenz der Komposition). Dieselbe Klarheit und dieselbe Sorgsamkeit gegenüber dem Solopart zeigten sich wieder in der Uraufführung von Le Silènce des Sirène, also dem Schweigen der Sirenen, wie es Kafka einmal in einem Fragment beschrieb (das erst später diesen Titel zugesprochen bekam). Man steht inmitten einer Welt der Verführung, also ob man immer schon nur solches für sich selbst am Suchen gewesen wäre. Und schnell denkt man an Berio, weil Unsuk Chin dieselbe Passage aus dem Ulysses verwendet wie Berio in Thema – Omaggio a Joyce von 1958. Und Hannigan wird Berberian. Man freut sich auf Coro, das Ende der siebziger Jahre zu einem jener grossdimensionierten Stücke gehörte, das einem die Neue Musik füglich als einen unerschöpflichen & unerschöpfbaren Jagdbezirk erscheinen liess (mit La fabbrica illuminata, Pli selon Pli, Momente, Gruppen etc.). Coro wird so gut interpretiert, dass es wieder an die Leichtigkeit von Šu zurückerrinnert – aber schnell auch an When the mountain changed its clothing von Heiner Goebbels mit dem Mädchenchor Carmina Slovenica, das am selben Tag leider nur in winzigen Ausschnitten am Radio erschien und sofort mit Prio 1 auf CD zugänglich gemacht werden muss: Uli isses, der Carmina Slovenica hören muss.

Zusatz 11. September 2014, 21.30 Uhr: soeben das Konzert vom 23. August 2014 aus Luzern nochmals auf Bayern 4 – einfach fantastisch!

Zusatz 18. September 2014, 21.00 Uhr: soeben das Konzert vom 28. August 2014 aus London nochmals auf Espace 2 – gleichfalls fantastisch!

An der Tubentränki tubetänzig

13. August 2014 um 15:41 Uhr von ur

Da der Nasssommer 2014 die Alpwege pflotschig und, vermittelt durchs Wanderverbot, mich ranzig wie fettrig macht, darf der erste Herbststurmwind – noch vor Miaoût! – keine Ausrede für den täglichen Gang durch den Könizbergwald sein.

Ein besserer Indianer hätte die Zeichen zu deuten gewusst: schon der Pfaffensteig war trotz seiner Steilheit mit herabgestürzten Ästen belegt, die sich an ihm festkrallten. Montaigne verspottete als früher Bergmensch die Zuhausegebliebenen, und also überstieg ich sie wie ein Pfaffe gedankenlos. Doch bald nach der Rechtskurve Richtung Südwest zuoberst und nach dem Zusatzanstieg mal in kleinerem Gehölz, mal schon im grossen Wald, begann mir klar zu werden, was ein richtiger Wind im Wald zu bewirken imstande ist. Die Tannen sind dort oben riesig, gleich hoch wie die Kiefern, und von ihrer obersten Höhe prasselten die vollen, von den Baumtieren noch nicht geernteten Tannzapfen auf den Boden. Man wird auch Tage später ihre Haufenansammlungen sehen können. Alle zehn bis zwanzig Meter riss ich die Nerven zusammen, die rechte Hand auf der linken Schulter oder auf dem Kopf, um den Tannzapfenhagel durchqueren zu können. Den ganzen Sommer lang schwitzte ich in diesem Wald, doch war es vorher immer wegen feuchter Hitze oder einem kleinen Regen, war es heute aus purer Angst. Einmal drinnen, war an ein Umkehren nicht mehr zu denken. Und auch nicht mehr erwünscht, denn ich wusste, dass in der Gegend der Taubentränke und des Sterns, sozusagen auf dem Gipfel des Könizberges, der Buchenwald über die Tannen dominiert. Naturkenntnisse können wie meine jämmerlich sein. Zwar wurden die Abstände zwischen den Plätzen mit Tannzapfengewittern grösser. Doch heimtückischer, weil viel weniger hörbar, trafen nun Äste wie Speere und Lanzen auf den Grund, metrig bis überzweimetrig, im steinigen Weg auftanzend, im weichen Waldboden nebenan schnurstracks feststeckend. Ich lehnte mich wo möglich dicht an eine dicke Buche und beäugte das brüchige Dach des Waldes, um dann möglichst lange Strecken ohne Astfall abzupassen. Trotzdem prasselte es links und rechts sowie knapp hinter und vor mir runtunter. Wie hatten die Rehe und Hasen im Gehölz über den Tubentänzigen zu wiehern! Endlich kam die oberste scharfe Linkskurve über der Taubentränki, und nach letzten zittrigen 200 Metern war ich an der ersten von mehreren lichten Passagen. Da wurde es nun zu einem Genuss, den sehr hohen Bäumen, die nur noch in kleinen Gruppen bestehen, bei ihrem tapferen Widerstand gegen den Sturm zuzuschauen, im Schutz der verbreiteten Brombeeren und sonstigen Stauden, in denen man des Morgens mit vergnügten Waldtieren Kontakte pflegen darf.

Eigernordwand

12. August 2014 um 16:25 Uhr von ur

Soeben live am Nachmittag die Eiger Nordwand durchstiegen, von Mitte April 2014:

http://www.project360.mammut.ch/de/

S e h r empfehlenswert!

Wittener Tage 2014

8. August 2014 um 6:28 Uhr von ur

Gestern Abend live auf WDR 3 Wittener Tage für Neue Kammermusik vom 9. bis 11. Mai 2014.

Stefan Prins, I’m your body für Ensemble und Elektronik, Klangforum Wien, Leitung: Emilio Pomàrico. – Lästige Musik, im Detail schlecht (der Saxophonspieler hat sein Instrument kaum länger als ein halbes Jahr zum Üben gehabt), in der grossen Form unschlüssig und kindisch. Eine Art Zahnarztmusik.

Franck Bedrossian, Epigram II für 11 Instrumente und Sopran, Klangforum Wien, Leitung: Emilio Pomàrico, Donatienne Michel-Dansac, Sopran. – Schöne und spannende Theatermusik, in den instrumentalen Details etwas einfach, vielleicht zu nahe am Text. Die Gesangspartie erscheint gut komponiert und ist ebenso gut gesungen.

Wolfgang Mitterer, scan 1 für Ensemble und Elektronik, Klangforum Wien, Leitung: Emilio Pomàrico. – Ich bin nicht beeindruckt, denn die grosse Form ist tonal gedacht, als ob das Stück für eine amerikanische Feldmusik geplant gewesen wäre, ständig auf dem Sprung zu einer Kadenz.

Philippe Manoury, Trauermärsche für Kammerorchester, WDR Sinfonieorchester Köln, Leitung: Peter Rundel. – Eine leichte, etwas unterkomplexe Trauer, mit schönen Effekten ohne Übergänge zu einem Ganzen.

Rebecca Saunders, Void für 2 Schlagzeuger und Kammerorchester, Christian Dierstein und Dirk Rothbrust, Schlagzeug; WDR Sinfonieorchester Köln, Leitung: Peter Rundel. – Was die Schlagzeuger spielen, ist stets aufs neue spannend, das Orchester mit der e-Gitarre wirkt dagegen wie eine protestantische Kirchenband, die dafür sorgt, dass nichts aus den Fugen gerät. Das künstlerische Ohr wünscht sich, dass das Ganze aus den Fugen gerät … und wird peu à peu erhört! Das Stück wird immer besser, und endlich bin ich wieder einmal bei den Bravorufern.