Skibus im Emmental

16. Januar 2007 um 6:09 Uhr von ur

Fahre mit dem Velo (kann dies aber seit 10 Jahren nicht mehr) auf verschneiten Strassen ins Emmental, ein Seitental hinauf, von dem gerade zwei Mongolinnen mit breiten Gesichtern und mit sehr breiten Skis auf den Buckeln sich herunterbemühen. Schwierig auf der Strasse zu fahren, zu glatt, schon zuviel Schnee. An einer Stelle ist ein Auto bis über die Hälfte der sehr schmalen Strasse festparkiert, ich merke mir, dies dem Chauffeur zu melden: der Skibus könne bestimmt nicht hier runterfahren (wieso muss ich eigentlich so weit hinauffahren, wenn ich doch auch unten einsteigen könnte – dummes Unbewusstes!). Endlich oben, ich parkiere das Velo, sehr umständlich (ein Zwischentraum über eine Wohnung schiebt sich hinein). nun suche ich den Bus auf dem Dorfplatz. Irgendein Fest ist im Gang, ich sage jemandem, dass ich auf den Skibus warte. Niemand versteht das. Sie fragen herum und kommen zum Schluss: ich bin im falschen Seitental. Also alles wieder auf dem Velo runterfahren, auf den nunmehr noch verschneiteren Strasse? – N. muss bald aufs Wiriehorn.

Moskau – es brennt

16. Januar 2007 um 3:48 Uhr von ur

In Moskau auf einem grossen Haus, es werden etwa vier Platten des Dachs ausgewechselt, 50cm x 50cm. Irgendetwas daran ist speziell, was wird mir nicht klar, auch nicht, was ich selbst zu tun habe, vielleicht sind es radioaktive Platten, jedenfalls keine Ziegel. Vier wechseln die Platten aus, von den vier anderen wirft einer ganz am Schluss, noch vor dem letzten Zuschliessen, einen Haufen schön geschnittenes Anfeuerungsholz auf die Arbeittsstelle, ich und andere protestieren, schon brennt es aber, wenn auch nicht sogleich lichterloh, man hätte eingreifen können. Ich stürze durch die Dachluke eine enge Wendeltreppe hinunter, alle Türen öffnend und abwechslend aus vollem Hals schreiend: Füüriooo! Es brennt! Füüriooo! Es brennt! – Die anderen vom Dach können mich nicht überholen, Aufwachen bevor der Hausboden erreicht ist.

Wiederholung und Verfall

12. Januar 2007 um 15:19 Uhr von ur

Die psychologische Erkenntnis, dass dem alten Menschen das Jahr schneller vergeht als dem jungen, weil nur die wenigsten Erlebnisse noch zu neuen Erfahrungen führen, relativiert nicht nur Nietzsches Idee der Ewigen Wiederkunft des Gleichen als die eines im Alter Gefangenen, sondern auch die Hoffnung, die physische Reproduktion der Gesellschaft fördere im selben Zug auch ihre geistige in der Tendenz zum Besseren als dem Neueren. Wichtiger als die Kritik am allgemeinen ontologischen Status der Wiederholung, die nur das in die Tat umsetzt, was Nietzsche sein Leben lang selbst praktizierte, die Rückführung scheinbar grosser Gedanken auf die unmittelbaren Lebensumstände, ist die Wahrnehmung der Unmöglichkeit der Verwirklichung des Neuen, ein Untersuchungsthema, das selbst wieder gefährlich nah an Nietzsches Hypothese zu treten scheint.
Das Kind erfährt in den vielen neuen Erlebnissen, denen es pausenlos ausgesetzt ist, nicht wirklich Neues, sondern nur einfache Schemata auf unendlich vielen Feldern in allen denkbaren Variationen. Erst diejenigen Erlebnisse verdichten sich zu Erfahrungen, die in einem gewissen Bewusstsein oder in einem bewussten Abwägen die neuen Dinge mit erinnerten (oder überhaupt mit Erinnertem als Material) in Beziehung setzen können. Und durchläuft es dann die Klassen seiner Schulen, zeigt sein individueller praktischer Umgang mit dem Wissen, wie es der Welt im Ganzen und wie den Herausforderungen alles Neuen gegenübersteht. Sind die Impulse der Neugierde trotz der falschen Schule intakt geblieben, häufen sich die Erfahrungen des Neuen, wie auch die Gier nach ihm sich weiter steigert. Die Zeit wird in der Weise mit Neuem geradezu zugestopft, dass ihre Einheiten wie gedehnt erscheinen; ständig ist das wache Leben fordernden Aktivitäten ausgesetzt, die von ihm immer schon gesucht worden waren. Das frühkindliche Erleben inhaltsleerer Schemata geht zwar nie vollständig verloren, mutiert jedoch fast gänzlich zur bewussteren Erwartungshaltung, die vor jeder Erfahrung eingrenzt, was von ihr an Neuem überhaupt wahrgenommen werden kann und was nicht; ohne sie, die nicht selten als explizites Vorurteil oder diffuse, aber gefühlsgeladene Ahnung in Szene tritt, bliebe alles Neue unterschiedsloses Chaos. Im Falle des gestörten Erinnerns von Schemata hat man es mit einer organischen Wahrnehmungs- oder gleichwie einer psychischen Krankheit zu tun. Ist dagegen der Umgang mit den eigenen Vorurteilen blockiert, hat man es mit einem ideologischen Phänomen zu tun, dem durch geduldige Kritik wieder auf die Sprünge geholfen wird. Diese praktische Kritik als intellektuelle Alltagsverrichtung ist der gewöhnliche Ausdruck der Gier nach Neuem, nichts Aufgesetztes, das die Gehalte approbierter Erfahrungen einander kindisch gegenüberstellen würde, um von oben herab urteilen zu können, was oder wer gut sei, was oder wer schlecht.
Da die Erfahrung der Welt im Ganzen scheitert und sich nur auf einzelne Gebilde auszurichten vermag, so komplex sie auch sein mögen, muss in den Dingen eine Spur des Neuen objektiv schon gelegt sein, wenn gelingende neue Erfahrungen in der Wirklichkeit gemacht werden sollen. Solche Spuren des Neuen zeigen sich im hohen Alter nurmehr verwischt – dem jungen Menschen springen sie desto mehr förmlich ins Auge. Ist der Alte ein geübter Spurenleser, sieht er neben dem, was ihm als Wiederholung begegnet, feinste Indizien, die Neues auch in scheinbar ganz Altem zuerst vermuten, schliesslich auch aufstöbern lassen. Obwohl sich auch dem Geübten alles wiederholt, muss das Ganze, das sich immer geschwinder dreht und ohne Chance, in ihm aktiv mitzumachen, nicht zwangsläufig langweilig erscheinen. Im Gegenteil: das Wissen, dass in den Wiederholungen viel Neues als immer noch Unerkanntes verborgen liegt, macht das alte Leben sowohl zum schwierigen Ernst als auch spannend problematisch – auch Triviales kann nun Anlass zu Fragen sein nach dem Grund und der Ursache der überall vorherrschenden Gewaltakte. Anders bei den Heranwachsenden, wo immer offensichtlicher die Intensität der subjektiven Neugierde in objektiv wahrnehmbare Langeweile zu kippen droht, weil die Spuren des Neuen in den Dingen, die fast ausnahmslos von der Kulturindustrie herangeliefert werden, eine Form angenommen haben, die zu verfolgen zwar lockt, selbst nie aber in eine andere Sache führt, weil sie in allen Waren dieselbe ist. Die Menschen werden sogar in katastrophischen Gesellschaftszusammenhängen langweilig, ohne es selbst zu merken, weil die Kritik, die sie selbstredend nach wie vor praktizieren, die fette Schicht auf ihren Erlebnisgegenständen, zu denen nach wie vor auch die schlechten der Herrschaftspraktiken weltweit gehören, nicht durchstösst. Das historische Wissen über die Dinge wäre heute zu gross, als dass es noch vorausgesetzt werden dürfte. Der Alte kann den Jungen noch so vielfältig demonstrieren, dass ihr vermeintlich Neues schon in seinen jungen Jahren alt sich zeigte: sie werden immer in der Formel sich schönreden, er lehne ihr eigenes Neues von heute allein deswegen ab, weil es eben neu sei. Was tun, wenn nicht mehr gehofft werden darf, weil das Neue so verfallen und abgeschliffen daherkommt, ja so daherkommen muss? – Die Pfropfen noch tiefer und schmerzhafter in die Gehörgänge hinabstossen, um der Mediengewalt aus der Nachbarschaft nervlich weiterhin widerstehen zu können.

Chefredaktor

11. Januar 2007 um 16:15 Uhr von ur

Wenn einer dem Bund vorsteht, der einen ganzen
Lexikonartikel für sich allein verbuchen kann –
http://de.wikipedia.org/wiki/Artur_K._Vogel
darf dieser neuen Berner Zeitung guten Mutes alles Beste zum Wiedererwachen gewünscht werden!

Disco-night

10. Januar 2007 um 20:52 Uhr von ur

50

6. Januar 2007 um 15:08 Uhr von ur


Doro pixit.

Frische Rosen aus Fulda

5. Januar 2007 um 19:04 Uhr von ur

So früh schon schöne frische Rosen –
darfst zwei grosse Gläschen schlürfen, morgen,
gute brave Kathia!

S’güäts Nöis gewünscht!

31. Dezember 2006 um 7:38 Uhr von ur

Auf Grenzland der Kulturindustrie

28. Dezember 2006 um 17:51 Uhr von ur

Der ausgebildete Werkfotograf Peter Ammon (1924), der seit dem Krieg für Grossbetriebe, Architekten und Theater arbeitete, zog in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts des längeren in Ferien- und freien Wochenendzeiten durch die ländlichen und bereits bergigen Landschaften der Schweiz, keineswegs um deren Natur abzubilden, sondern um gezielt Momente des Gesellschaftslebens, die damals schon am Verschwinden waren, in bester fotografischer Qualität mit modernsten Techniken massenhaft reproduzierbar darzustellen, die serbelnde Unmoderne in der Moderne in derem avanciertesten Medium. Als einer der ersten schuf er farbige Mittelformatdias, mit dem Apparat einer Schweizer Firma, die auch heute noch für die Fachfotografie massgeblich zu sein scheint: Sinar (die Website ist so schlecht, dass es unmöglich ist, über Zweck, Funktionsweise und Qualität der einzelnen Apparate Einblicke zu gewinnen: erst kaufen, dann schauen). Dabei setzte er zuweilen auch im Freien ein Ensemble von Scheinwerfern ein, das selbst eine kleinere Theaterbühne gut ausgeleuchtet hätte. Nicht dass ihm kein Erfolg beschieden gewesen wäre; aber nach dem Erscheinen der Bilder in hiesigen Wochen- oder Monatsschriften und als Kalenderblätter haben sie sich nicht weiter überliefert, sondern fristeten ihr weiteres Dasein in Schachteln des Sohnes, der sie in den letzten Jahren dank digitaler Technik zu neuem Leben erweckte und in Zusammenarbeit mit dem Enkel des Sinarfotografen als geschlossenes Buch publizierte, wenigstens 125 von über tausend: Peter Ammon, Schweizer Bergleben um 1950, Aura Fotobuchverlag Luzern 2006 (so wundersam unverständig der Name der Fotoagentur, so schlecht montiert ist ihre Website, auf der die aktuelle Publikation sich nur mit Mühe aufstöbern lässt).
Hatte die zeitgenössische Kritik bemäkelt, Ammon sei mit seinen Bildern „vor Anker gegangen“ und wäre also hinter die Ansprüche der visuellen Künste zurückgefallen, geniesst man in ihnen heute ein Bewusstsein von Aura und deren Verschwinden in den Einzelgebilden, das die Dumpfheit Ankers blossstellt und zugleich gesellschaftliche Gehalte anhäuft, die in alten Zeiten nur die Literatur anzusprechen vermochte, einen aber so fremd und blind in ihnen stehen liess, dass man mit den Bildern jetzt den ganzen literarisch-diskursiven Zusammenhang zum ersten Mal zu erleben vermeint. Kein Bild der 125 ist überflüssig, keines verleitet zur anmassenden Phrase, weniger wäre mehr. Alle bringen sie ein gesellschaftliches Moment auf den Punkt, das für sich den Bildern der Idylle nahe stünde, aber durch die konstruktiven Elemente die Reflexion so in Schwung versetzt, dass alles Fragwürdige wie von alleine im Betrachten – Texte hat der Fotograf keine geschaffen – zur Sprache drängt.
Weil im umständlichen Prozess der damaligen Fotografie die Protagonisten nicht umhin kamen, sich selbst in Szene zu setzen, ist das vermeintlich Idyllische schnell durch Ironie und Witz gebrochen – das Arme, Armselige und Ärmliche zeigt sich nicht als Schein, sondern in der Form unterschiedlich gelebter Momente von Lebenswelten, deren gesamtgesellschaftliche Bedingungen nunmehr weniger durch Auratisierung ausgeblendet werden als in der Vordergründigkeit der Inszenierung zwangsläufig mit aufscheinen. Man muss das Kritische hinzudenken – aber die Oberflächenreize dieser einzigartigen kulturindustriellen Warengebilde unterstützen solches nicht wenig aus sich selbst heraus. Keine Melancholie vernebelt, wie es sonst bei alten Fotodokumenten geschehen will. Hier freut man sich mit allen Sinnen, bei einer Hausmetzgete dabei zu sein (Seite 50) oder mit einer appenzellischen Punklady, umhängt mit einer urtümlichen Gitarre, auf der Bühne zu stehen (Seite 81). Das ferne Alte wirkt um so näher, als man es den gesellschaftlichen Ansprüchen der Zeit nach verneinen möchte; umgekehrt bekommt man im langen Schauen, das nur ein Buch oder eine Website ermöglicht, nicht wenig Lust, die Protagonisten auch als Akteure gegen das Negative zu sehen, nicht nur als Opfer. Das macht die Bilder im innersten aktuell.

Frank und Maurice

21. Dezember 2006 um 12:40 Uhr von ur

Einer wäre 66, einer ist 90, aber feiern darf man beide heute, Zappa wie Chappaz.

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Zappa als Grandmaman aller Valaisans? – Bien sûr, schliesslich ist der Z eine Vorform des CH, wie aus der Tsa eine Cha wird, (dann Chaux, obere Alpweide), aus Zinal Cheneau (Kännle), aus Vatze Vache (Kühlein), aus Raz (Hérens) und Rotse (Anniviers) Roc und Rocher.

Wohlige Wirteworte

21. Dezember 2006 um 8:32 Uhr von ur

Dass die Besuchszahlen hier auch dann hoch sind, wenn man sie wegen der Botsschwemme halbiert – die nota bene durch eine aktuelle htaccess-Datei eingedämmt sein sollte – ist googleseidank nicht besonders verwunderlich. Grosse Augen wie dem Fünfjährigen vor dem Weihnachtsbaum löst aber der Blick auf den Teil der Statistik aus, der behauptet, die meisten Besuche würden ohne Googleabfrage vermittelt geschehen, also direkt verlinkt vom Browserfenster. Da die Robots kaum so auf die Piste geschickt werden sondern auf Links als Referrers angewiesen sind, muss dies wohl als Zeichen einer wachsenden Zahl von Stammgästen verstanden werden. Hoffentlich bedeutet das nicht zwangsläufig auch eine Anpassung an gängiges Stammtischniveau. Wohl bekomm’s!

Bluewin Homepage Hacking

14. Dezember 2006 um 6:58 Uhr von ur

Neben der ueliraz.ch-site gibt es immer noch ein paar Seiten auf einer Bluewin Private Homepage, unter anderem ein Gästebuch. Da es im Verlauf des letzten Jahres fast jeden Tag mit Spam beehrt wurde, musste es geschlossen werden. Zuerst wurde nur ein Teil des Gästebuch-Codes als Kommentar markiert, um es bei späterem Bedarf wieder herstellen zu können. Nichts da! Man konnte zwar keine neuen Einträge mehr erstellen – doch die Spamtexte erschienen weiter! Also wurde der ganze Code gelöscht, und nur der Name der Seite blieb, http://www.mypage.bluewin.ch/ueli.raz/guestbook.html. Nach Monaten gestern wieder diese Seite abgerufen: Zum Teufel, kilometerweise Spam, alles unterhalb des Schluss-html-Tags angefügt!!!!!!! Also weiter diesen Mist untersucht: Sämtliche Seiten auf der privaten Bluewin-Homepage sind auf 777 eingestellt, so dass die ganze Welt auf ihnen schreiben und sie in Zusatzprogrammen ausführen kann. Nochmals eine neue Veränderung gemacht: Passwort verändert und getestet. Mit den alten Einstelleungen gibt es keinen FTP-Zugang mehr. Sofort die spamgereinigte Gästebuchseite wieder hochgeladen und alle Ordner und Seiten auf 444 eingestellt, nur Leseeigenschaft ohne Schreib- und Ausführungsmöglichkeiten. Man glaubt es nicht, aber fünf Minuten später ist die Seite wieder mit Spam beschrieben, zuunterst … und alle Seiten und Ordner auf dem Bluewin-Server sind wieder auf 777 eingestellt. Ah, ist das eine Welt von guten Freunden!

Radio Rottu

12. Dezember 2006 um 13:40 Uhr von ur

Keine Ahnung, wieso die Walliser einander das moralische Bewusstsein auszutreiben belieben bis alle dastehen wie ihre fünfjährigen Böcke. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein Bild ohne leisestes Wimpernzucken geklaut von der ueliraz.ch-Site auf der verrotteten von Radio Rottu Oberwallis erscheint – wenn nicht da, dann auf einer der unzähligen Werbe- und Tourismuskrämerseelen. Beichtet dieses kindische Getue eurem Pfaffen und lernt endlich wohlgefällig Anstand und Sitte. Die brave Bergbauernbevölkerung hat das harte Los mit euch nicht verdient.

Palmenstrand

11. Dezember 2006 um 20:24 Uhr von ur

Erstaunlich, was für Technologien im Postwesen heute noch im Umlauf sind. Die polaroide Antiquität gibt einen verzaubert rätselhaften Einblick in die Hitzigkeit von Ferien im Tessin.

Pein

8. Dezember 2006 um 19:31 Uhr von ur

Frei aller Geschichtspessimismen gehört es zur Logik des Zerfalls, das alte Theologumenon von der Schöpfung des einen Sinnes, aus dem die Begriffe entspringen, so ernst zu nehmen, dass sie sie aus den neuesten gruppiert, die der Wissenschaftsprozess freigibt, wie sie dieselben auf die historisch ältesten zurückbezieht, um dem Gehalt, der vor aller Reflexion in ihnen steckt, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die Erfahrung vor genau zwei Wochen an jenem Platz, der sich schön aber in der ersten unvorbereiteten Begegnung wie Lambarene gezeigt hatte, mit einer steilen und abschüssigen Treppe durchs Buschwerk, die einen mit Blick auf die Verfallserscheinung einzelner Stufen die Liane zu suchen drängte, mit Backdoorsounds aus einem Bushrecorder ohne Forellenmaske und mit Einstein hinter dem Schweizer Kreuz wie einem soldatischen Abwehrschild, zwingt, den fachmedizinischen Begriff des Schmerzes um den Zusatz zu erweitern, der gemeinhin als historisch überlebt von ihm ferngehalten wird, dem der Pein. Der einstmals die Weihen des Perfekten Patienten genoss und sie stillschweigend verwandelte ins gesundheitsförderliche Hören von Zappas Perfect Stranger, erfuhr sich selbst in der doppelten Unbeweglichkeit der mittleren Leibespartie gleichzeitig mit den oberen Extremitäten als hilflos in allen Belangen, zurzeit möglicherweise in einer nur schwachen Form, die aber angesichts des Falles, das neu entdeckte Alien müsste herausgenommen werden, immense phantasieren liess. Die Erfahrung der Pein hier, in einem Umfeld nota bene mit optimaler medizinischer und pflegerischer Betreuung, war weniger die gegebene selbst als die der exakt phantasierten, die um nichts weniger Realität schufen. Anders als der Schmerz, der in seiner radikalen Ausgestaltung das Bewusstsein löscht, treibt einen die Pein in einen Zustand des Fragens an einem Ort, wo nur eines zählt, nicht das Vergehen ins Nichts sondern das Hinübergehen an einen anderen. Man fragt sich wie in der ersten Frage der Philosophie, die sich im Spruch des Anaximander gleich lebensverachtend und die einzelnen Akte der sozialen Ungerechtigkeiten überspielend zeigt wie in allen Kulturen, wieso Strafe sein muss nach dem Verfliessen der Zeit überhaupt, wieso sie immer schon Schuld anhäufte aus sich selbst heraus. Wie in einer Pforte zeigt sich das Andere der Zeit, und man spürt das Falsche im Satz, Furcht und Schrecken würden den Tod als absoluten Meister erscheinen lassen: es ist die Pein mit ihrer Peinlichkeit des gestraft Werdens, die einen Blick auf ihn freigibt, und in der Tat auch ohne das Schreckmoment, dass er nächstens zugreifen würde. Es bedarf wohl einer gewissen Dämpfung der Vertrauensseligkeit gegenüber der Aufklärung und einer gewissen Durchbrechung der Departementalisierung des Wissens, um die Tabuisierung des Irrationalen im Schmerz auszusetzen und die uralte böse Strafe in ihm als Phänomen der Pein zu erkennen. Man fällt indes damit solange nicht hinter die Aufklärung zurück, als es getrennt vom Schmerz begriffen wird. Ist die Pein als eigener Begriff rekonstruiert, lassen sich die Anschauungen füglich und endlos phantasieren, die ihm zugrunde liegen und die durch die Tabuisierung des Todes vergessen gingen.
Die reinste und massivste Erfahrung der Pein geschieht in der Folter, wo sich das Verhältnis des Wesens zum Supplement umkehrt und sich alle Vorgänge auf die Pein ausrichten. Aber auch die Gefolterten können nichts über den Tod sagen, weil selbst diese absolut substantielle Erfahrung eine bloss ästhetische bleibt. Im Verstummen gegenüber uns schweigen sie, von allen und allem abgeschnitten, über ihn. Eine verwunderliche Hoffnung wächst hieraus, die sich an den Glauben klammert, das Monstruöse wachse aus uns selbst, nicht uns entgegen aus dem Tod.

Fata Morgana nocturnal

1. Dezember 2006 um 4:04 Uhr von ur

Angenehme Traumserie mittlerer Länge, hauptsächlich mit Wohn- und Hausmotiven, die seit der Kindheit häufig wiederkehren, mal gut mal schlecht, einige Frauen, nur ihr Lippenrot ist wirklich farbig. Zwei sehr schöne dreissig- bis vierzigjährige sind auf einem langen Balkon, eine Blonde und eine Dunkle wie die ausserschweizerische Nachtschwester letzte Woche; trotz der Balkonlänge muss die Schwarzhaarige der Blonden fast auf die Zehen treten, um einen kleinen Blumentopf wie in der Oper giessen zu können. Ich frage mich, ob sie einander als Haus- aber nicht Wohngenossinnen nicht auf die Nerven gehen. Eintritt ins Haus, wo Szenen geschehen, die vergessen gingen. Ich gehe wieder aus dem Haus in die Nacht hinaus und trete 100 Meter entfernt in die Mitte seiner Längsseite – ein farbloses einfaches Reihenhaus, dreistöckig mit 100 Meter breitem Vorrasen. Von hinten donnern drei Mirages herauf, direkt über meinem Kopf schiessen sie aufs Haus zu, wo der linke nach links abdreht und verschwindet, der rechte nach rechts. Der mittlere dreht erst ganz kurz vor dem Aufprall nach oben, was zu einem Stall führt – er bleibt etwa auf der Höhe des dritten Stockwerks stecken, längst ist alles still und ohne Motorengeheul, ganz ohne Schrecken zu bewirken. Er bleibt kurz in der Schwebe, um dann nach unten zu plumpsen, in ein Bassin nicht als Swimming Pool für Menschen sondern wie für Bären und Seehunde im Zoo. Er plumpst hinein und taucht in der grossen Spritzwelle als ein Auto wieder auf. Alles ist nur noch Täuschung und halbwegs durchschaute Inszenierung. Die Hauswand beim Becken verwandelt sich in einem Morphing-Prozess zu einem Aquariumsfenster mit der Breite des Beckens; darin geschehen nun einige wenige abstrakte Darstellungen mit den Miragematerialien, die im gesamten immer noch vorhanden bleiben. Die Kontraste sind hoch, und alles in dem Aquarium geschieht in eindeutigem Schwarzweiss, das sich beeindruckend von der dunklen, aber nicht gänzlich ungesättigten Hausumgebung absetzt.

Le Bistro c’est moi

28. November 2006 um 10:08 Uhr von ur

Nach dem erfolgreichen Eingriff letzten Freitag viele Alpträume, auch bekannte chtonische, die wegen des gegebenen Anlasses und ihrer Zügellosigkeit nicht in sinnvoller Weise reproduzierbar sind. Heute Morgen Ungesittetes gesitteter: Ich gehe in ein Restaurant und bestelle einen Zweier Roten (im realen Leben gehe ich seit 15 Jahren nicht mehr in eine Kneippe und trinke zuhause exakt oder eingeladen ungefähr eine Flasche pro Woche); am nächsten Tag wird in derselben Kneippe morgens ein Zweier Dôle bestellt. Der Wirt persönlich serviert, ein Umstand, der sich später klärt. Ich trinke ruhig, keineswegs als Alkoholiker oder als einer, der vorhat, sich zu betrinken. Ich möchte Zigaretten aus dem Automaten kaufen und gehe durch das Restaurant, dreimal so gross wie das Berner Pyrie. Erst jetzt sehe ich das Besondere, die komplette Zerstörung des Mobiliars, allenthalben kleine Haufen, in denen es glimmt. Eine starke Party wird ihr Ende im destruktiven Überborden gefunden haben – oder eben doch kein Ende, da man die Kneippe ja einfach hätte schliessen können. Das scheint der alte Barkeeper, der nur selten an den Tischen servierte, in meinen Augen gelesen zu haben, und er zuckt mit den Schultern, über einen der Glimmhaufen gebeugt. Jetzt wird klar, dass der Wirt (im Realen aus der Zwillingsstammkneipe) eben noch eine Flasche vor dem Chaos hat in Sicherheit bringen können und daraus wie wenn nichts gewesen wäre hat einschenken wollen. Noch offensichtlicher ist, dass die Schenke und ihr vorübergehendes Chaos ich selbst bin.

Geographiespiel in der Presse

22. November 2006 um 20:11 Uhr von ur

In der gestrigen Meldung des Abschusses eines Wolfes im Walliser Chablais hat mich einmal mehr irritiert, mit welcher Nonchalance Ortsbezeichnungen als Momente der Information eingesetzt werden, auch wenn kaum eine Handvoll LeserInnen diese Namen kennen dürften und ihrer Gegend richtig zuordnen könnten. Arcojeux im Chablais? Nie gehört, nie gelesen, nie gesehen. Also los, auf die Suche nach Arcojeux! Erst nach einer schwitzigen Stunde wurde es aufgestöbert, weil ein einziger in diesen oder in den älteren Wolfsmeldungen noch die Zusatzinformation mit der Alp Conche geliefert hatte. www.swissgeo.ch zeigte dann auf der 25’000er Karte die Mulde Arcojeux hinter dem Corbeau, zwischen den Grenzdörfern Morgins (CH) und Châtel (F). Die Presse aber schreibt von einem Ort, zuweilen gar von einer Region wie das Chablais eine wäre. Und der Blick geht einmal mehr seinen Konkurrenten einen Hakenschlag voraus: seine Meldung scheint ein Sonderkorrespondent direkt aus Arcojeux zu kabeln, als käme sie aus Beirut, Bagdad oder Bern.


Blickmeldung aus Arcojeux

(Erst später wird klar, dass auch andere Blätter die Meldung auf diese Weise einleiten.)

Da mir der Corbeau nicht fremd ist und ich selbst schon einmal fast dort oben gepicknickt hätte (auf der geerbten Römerkarte des Grossvaters steht übrigens nichts von Arcojeux), ob angstlos oder nicht neben einem gigotschmatzenden Wolf bleibt unbeantwortet, wurde brav noch das Archiv durchforstet. Zwei Funde gibt es, ein Panorama von der Pointe de Bellevue und ein Bild übers ganze Chablais von La Truche über Morgins – tatsächlich mit Arcojeux in der Mitte! Es zeigt, was offenbar im Namen steckt, nichts als Gestrüpp… Ich habe die zwei Bilder da versammelt, wo ich gerade an der Wanderarbeit war, mitten hinein in ein ganz anderes Thema, ganz ohne Wolferschiesser, in das des Anfangs des Wallis als grosser gemeisselter musikalischer Komposition.

Wasserträger

19. November 2006 um 19:01 Uhr von ur

Der libertäre Charakter des Internets bricht erstaunlich schnell auseinander, wo unreife Gesellen sich breit machen und ihre regressiven Wünsche der Allgemeinheit aufzudrängen versuchen. Solange sie sich nur der Kanäle und infrastrukturellen Momente allein bedienen, kann ihnen wie im Realen ausserhalb des Netzes begegnet werden, durch Gebilde, die sich von ihnen absetzen. Verwenden sie ungefragt oder erschlichen substantielle Materialien, liefe ein Zuwarten schnell in braunes Gewässer aus, in das man sich geworfen sähe und das herbeizuschaffen man selbst mitgeholfen hätte. So geschah es, dass ein direkter jpg-Link auf die ueliraz.ch-Site im Blog eines reaktionären Fribourger Journalisten (einige sehen ihn als Walliser), dessen Name Berühmtheit hat nicht seinetwegen sondern als Zwillingspass des Pas des Chèvres, beanstandet werden musste, drei Tage zuvor einer im Blog eines ichfixierten Ignoranten, der auf intimem Fuss mit der Welt des Vatikans zu leben scheint. In solchen Fällen geht es nicht mehr um Netiquette, Anstand oder gute Sitte, sondern unverhofft um Rechtsverhältnisse, die einen in der Öffentlichkeit ausgerechnet da zu Hause erscheinen lassen, wogegen jeder Satz und jedes Bild Einspruch erheben wollen.

Zwei zähe Zitadellen (3)

10. November 2006 um 18:45 Uhr von ur

Noch ein Nest entdeckt, oder vielmehr eine Kluft geöffnet zum Schluss, denn in der Tat verlocht erscheint es, und Grossvater hat immer von da einen Goldklumpen aufbewahrt: Ruden zuunterst in der Gondoschlucht, also Gondo, auch Zwischbergen hinter allen sieben Bergen. – Aber vererbt hatte jener nur, mir, das Sehen der Dinge („Schau, ein Berg!“), nicht ihre Wertschätzung („Da könnte man einen Lift montieren, in Aproz das vom Vieh verschmähte Wasser fassen und dann dick verkaufen…“).
Nervig gestern Abend war nicht die Tatsache, dass doch nicht alles im Wallis gesehen worden wäre, sondern die Frage, ob dem Ereignis als Herausforderung begegnet werden solle oder mit Schulterzucken, das dem Unperfekten Beifall zollt. Man darf immer auch so interpretieren, dass nicht die Strafe des Nachsitzens heute vollzogen worden wäre, sondern der puren Gelegenheit gefolgt wurde, Gondo kurzfristig zu besuchen als wäre nichts Weiteres und kein weiterer Zwang dabei. – Die Schwitznässe in den Kleidern nach einer Stunde Rennen bergauf, wo das Zwischberger Zentrum nur knapp nicht erreicht wurde, bergab, wo der Bus glücklicherweise knapp nicht verfehlt wurde, deutet auf anderes; das ganze Jahr war sie nie so triefend.
Wenn der Vergleich erlaubt wäre, erschiene Trient am anderen Ende der Walliser Welt gegenüber Gondo wie ein sonnenwarmes Hochplateau. In Trient sah ich neben dem Busschauffeur und einer Bewohnerin, die nach Hause ging, niemanden, gleich wie in Bourg St-Pierre am selben Tag, in Gondo selbst wie auch im steilen Hang nach Zwischbergen war ein Kommen und Gehen wie auf Zürichs Bahnhofstrasse. Wer die Leute fragt, „Wohin des Weg’s?“ bekommt ohne Ausnahme dieselbe Antwort: „Von Gondo nach Ruden.“ „Von Zwischbergen nach Gondo.“ „Von Ruden nach Zwischbergen.“ Für Gwundrige: sie reden reines flottfliessendes Walliserdeutsch.