Archiv für den 'Musik'-Themenbereich

„Brockes-Passion“ von Stölzel

Freitag, 21. März 2008

Gestern Abend auf Radio DRS2 die „Brockes-Passion“ von Gottfried Heinrich Stölzel für den Karfreitag 1725 gehört, und noch morgens um Vier ist das Werk frisch im Kopf. Erstaunlich, dass Musik aus der Bachzeit so tiefe Spuren zu hinterlassen vermag, üblicherweise geschieht es eher mit solcher weit vor oder weit nach Bach – oder dann aus geographisch und kulturell entlegenen Räumen. Dass diese Musik so aktuell und modern klingt, zuweilen, jedenfalls gegen den Schluss hin, wie in einem Konzert der Mothers, deren Dirigent bekanntlich auch einen Namensvetter aus Stölzels Nachfolgezeiten hatte, Francesco Zappa, ist auch der Interpretation durch die Schola Cantorum Basiliensis mit Jörg-Andreas Bötticher geschuldet, deren Virtuosität und quasi experimentelle Stilsicherheit dem Zuhören ein Biotop gewähren, in dem es sich unabgelenkt auf die Fülle neuer Einzelereignisse und unvorhergesehener Wendungen einlassen durfte, ohne dass das Ganze, wie bei ähnlicher Musik noch vor dreissig Jahren, wie ein verstaubtes Möbelstück hätte dastehen müssen. Man kann jede Singstimme und jedes Instrument eigens hervorheben, und man könnte an vielen Stellen zeigen, durch was in der Komposition und durch welche subjektive Leistung in der Interpretation dieses musikalische Werk zu zünden vermag. Mischt sich auch, wie im alten Akt des Komponierens intendiert, Ergriffenheit durch die textliche Vorlage des Dichters Barthold Heinrich Brockes hinzu? Wenn das Ziel der Menschheit darin bestehen soll, das Opfer abzuschaffen, ist das grösste Opfer in dieser einen Religionskultur wohl immer noch verstandes- und gefühlsmässig bewegend, im grösseren Zusammenhang aber nur eine Erzählung, die ein Weitergehen blockiert. Was unmittelbar bewegt, ist der Ernst, mit welchem diese Geschichte in ein Werk gefasst werden und wie es eine Gesellschaft geben konnte, die sich davon ernsthaft bewegen liess. Gelingt die Transformation des Opfers in die Kunst, kann darauf gehofft werden, dass die Opferungen im Alltag, die nur die Kehrseite und das innere Band der menschlichen Niedertracht darstellen, als gewöhnliche gesellschaftliche Arbeit erscheinen dürfen und die Hilfsprogramme gegen die Niederlagen in der Weltgeschichte als normale Arbeit hin zu vernünftigen Gesellschaftsverhältnissen, wo keiner den Niederträchtigen abgeben kann, weil mit keinem mehr als Opfer gerechnet werden muss. Trotz der Anhäufung allerhöchster bewundernswürdiger Kunstwerke nach der Zeit von Stölzel kann in einer Epoche der kulturindustriellen Produktion, die auf diejenige der religiösen Erzählungen folgte, von einer Verwandlung des Opfers in die Kunst nur mit äusserster Mühe die Rede sein.

Blasmusik mit Teesolo

Mittwoch, 12. März 2008

Um vier Uhr zeigte sich durch die Augenlider ein grosser Wechsel Richtung Frühling, als die Nachtschwärze einen Ruck ins Grau vollführte. Ich klammerte mich noch eine kurze Bedenkzeit an die Decke und stand dann auf. Ah, was für eine Luft von Draussen, tobend und endlich wieder spürbar uneisig, fast gefährlich warm. Die Türen der zwei Zimmer konnten zwar nicht offen gelassen werden, aber auch durch die Schlüssellöcher pfiff der Wind von den geöffneten Fenstern her durch die ganze Wohnung. Und am einzelnen Fenster gegen Westen gestanden war es eine Wonne, dem Sturmbrausen zuzuhören, auch ohne in der Nachtschwärze, die keine wirkliche Dämmerung versprach wie die Halbschlafwahrnehmung unter der Decke, Astbewegungen in den Bäumen sehen zu können. In der Küche dann langes Pfeifen in allen Lagen, Orkanstösse durch die Fenster, Huschen über und unter den Vorhängen, flaches Zischen durch die Bücherregale, bedenkliches Dröhnen in den Schlüssellöchern und Klopfen in den Türspälten – und Klappern hinter dem Rücken durch den Dampfabzug. Dann aber, ohne dass ich einen wirklichen Windzug um die Nase hätte verspüren können: Pfeifen direkt vor mir aus dem Teekrug, als ob der Wind persönlich mit den Lippen am Ausguss wie mit einem Flaschenhals Frühlingsmusik machen wollte. Ich klatschte mit den Fensterflügeln, auf dass nicht das ganze Haus schon aufwachen müsste.

„The Mediterranean“: Wiedergutmachung

Montag, 18. Februar 2008

Discothek im Zwei auf Radio DRS 2 mit Joaquin Rodrigos Concierto de Aranjuez (1939) nach einer Stunde abgebrochen und John McLaughlins Concerto for Guitar & Orchestra „The Mediterrannean“ (1984) unter denselben guten Kopfhörerbedingungen gehört. Bis jetzt hatte ich dieses Stück immer abgelehnt, aber wenn es unvermittelt auf Rodrigos Ästhetik bezogen wird, glänzt es plötzlich in guten Farben. Man muss bei diesem Werk eine Epoché erzwingen und weder an die Geschichte der Musik noch an die des Gitarristen denken, und schon lebt es aus allen Fugen. Ein verlorenes Werk ist es mir nun nicht mehr. (Mit dem Stück selbst ist der Neoklassizismus im ganzen allerdings mitnichten rehabilitiert. Seinen Gewinn zieht es einzig im Vergleich mit Rodrigo, den es offenbar beabsichtigt hatte.)

Nichts passiert

Freitag, 18. Januar 2008

Es scheint kein schlechter Weg zu sein, um über sich selbst und seine Entwicklung Klarheit zu bekommen, die bevorzugten Gebilde gleich welcher Art und Gattung in der verflossenen Biographie miteinander zu vergleichen. Ein altes aus der Pubertät, das ohne wirklichen Unterbruch ständig im Kopf vorhanden war, auch wenn es sich seit langem nicht mehr als dasselbe zu erkennen gab, ist seit zwei Wochen wieder materiell greifbar. Wie vor 35 Jahren kann ich auch jetzt wieder nicht genug davon bekommen und höre es entweder oder denke hörend daran, manifester und klarer als in der vergesslichen Lebenszeit dazwischen: Devotion (1970) mit John McLaughlin, Larry Young, Buddy Miles und Billy Rich. Die leicht verschmierte Kassettenaufnahme dieser Platte bildete den präparierten Boden, in den ein Jahr später Amériques und Arcana, dirigiert von Marius Constant, einschlagen konnten (im Plattenladen, klar, wo auch andere von Zappa bis Rihm Varèse zum ersten Mal begegneten). Man muss nur die Patina des Titels ein wenig wegputzen, um das Entscheidende in dieser Musik freizulegen: Devotion ist hier noch nicht zu verstehen wie beim nachfolgenden McLaughlin als religiöser Kniefall, sondern als künstlerische Hingabe an das Objekt, das doch erst durchs Subjekt geschaffen werden soll. Das Objektive ist die sorgfältige Konstruktion in den Stücken, die sowohl der Symmetrie und der Dialektik wie einer Hierarchisierung von Melodie und Begleitung ausweicht. Wegen der Konstruktion durch Themenpartikel, die wie beim späteren McLaughlin erstaunlich einfach, wenn auch eher modal als tonal fixiert dastehen, sind diese Werke vom improvisierenden Jazz beziehungsweise jammenden Rock gleich weit entfernt wie von einer ausbalancierten Polyphonie, die durch Buddy Miles‘ eigentümliche Trommelschläge am Verwehen gehindert wird. In alle Richtungen des dreidimensionalen Raums explodieren die Partikel, ohne je in ihrer konstruktiven Schärfe abzustumpfen oder in ihrer Eindeutigkeit abzunehmen. Denn unausgesetzt ihnen gehört die Devotion in der künstlerischen Produktion, die einen ein Leben lang in Schwung versetzen, weil sie einem nichts aufschwatzen, sondern Impulse für eigenes Phantasieren freisetzen. Dass nichts passiert sei zwischen einst und jetzt ist mitnichten Zeichen von Leere, sondern dass das richtige Gebilde zur rechten Zeit sich eingefunden hatte, um die Sinne auf Neues und Künftiges einzustimmen. Devotion war das erste Gebilde einer unabgeschlossenen Serie von Werken der Musik, die neue Erfahrungen zugänglich machen.

Elektronenromantik

Dienstag, 15. Januar 2008

Gerade Rainbow Bridge von Jimi Hendrix erhalten, nicht den peinlichen Film, sondern die Musik von der Platte mit der bläulichen Hülle und gelbem Schriftzug, die offenbar nie auf CD erscheinen durfte. Hier angekommen ist sie natürlich auf CD, und man hört genau, wie das Ganze einstens gemeint gewesen war. Denn diese Aufnahme scheint jede störende technologische Vermittlung umgangen zu haben. Da hat einer sein Handy in die unmittelbare Nähe eines Lenco-Plattenspielers hingehalten und so den Ton, der bekanntlich an dieser Stelle so erklingt, dass nur Engel ihn entziffern können, direkt an ein anderes Handy gesendet, das schnurstraks das gute Werk auf die Tracks der Diskette, doublesided, eines ATARI-Computers schrieb. Ah, wie ist man da plötzlich im Universum der reinen Elektronen auf Reise! Unfassbar! Und unglaublich. Ein Zusätzliches aber darf noch hervorgehoben werden: die Plattenkratzer erklingen als wären sie von den schwarz lauschenden Engeln im Chor dazugesungen worden. – Keine Frage, ich habe sie gleich zweimal hintereinander durchgehört.

Musikfilme

Freitag, 28. Dezember 2007

YouTube ist erwachsen geworden, und viele Filme zur guten Musik sind jetzt zu sehen und zu hören, auch technisch in guter Qualität: Schoenberg, Cathy Berberian, Luigi Nono, Varèse, John Cage, Boulez, Wagner, Glenn Gould etc. Während dem Schreiben schaue ich gerade einen 45minütigen Film von und über Luciano Berio und Cathy Berberian, 1972.

Alle Jahre Jimi wieder

Dienstag, 25. Dezember 2007

Letztes Jahr begleitete mich die Stucky ständig, heuer ist In From The Storm (1995) eingetroffen und hat eingeschlagen. Auf Sting könnte ich verzichten, und Santana spielt immer noch wie auf einem Jekami-Talentschuppen. Aber es sind die Stücke selbst, die Stuckystücke, die wie Mozarts nicht totzuspielen sind (er hätte den Vergleich mit Haendel vorgezogen, klar, in London knapp daneben). Und einige Freunde hat’s, die man wieder trifft: Tony Williams, McLaughlin, Buddy Miles, Steve Vai etc. Zappa fehlt. Zeigt er dem Onkel seine neue musikalische Infrastruktur auf Sirius? – Gesungen hatte der Sempacher Troupeau übrigens eine halbe Stunde lang, von Lennon, Morgenstern usw., aber mit Hendrix getrauen sie sich immer noch nicht live.

Wieder ein Mittel wider Pink Floyd

Montag, 12. November 2007

Den Ganzen Tag Bilder von 2003 neu bearbeitet, am Morgen die fetten Steinböcke vom Gemmenalphorn, dann die leuchtenden Lärchen von Zeneggen bis Raron. Nicht nur heillose Müdigkeit, sondern auch Erstaugustfeuer in der rechten Schulter, dann um 21 Uhr endlich Abbruch, die Kopfhörer aufgesetzt mit den ersten beiden Platten von Pink Floyd. Gute Erholung immerhin, aber nach vierzig Minuten nur Schwachstrom in den Ohren. Wechsel zur CD Jimi Hendrix von Doran-Stucky-Studer-Clarke, die lange schon auf dem Regal zuoberst gelegen war: ahhhh, was für eine Wonne! Den Bauch nun voller Schmetterlinge. Musik – und sonst nichts. Darfst die ganze weite Nacht lang dauern, gute feine ernste Musik! (Kein Bild heute von Betten leider, aber nur als Ausnahme. Immerhin von weitem erahnbar, einmal, auch ein zweites Mal.)

Sur incises

Donnerstag, 20. September 2007

Gestern Nacht trotz der üblichen Abwehrstrategie von Schweizer Radio DRS2, alles daran zu setzen, dass ernste Musik nur im zeitlichen Abseits und ohne jede Ankündigung in einem Programm als üble Pflicht gesendet wird – am liebsten würden sie’s tonlos machen – endlich Sur Incises von Pierre Boulez gehört, aufgenommen in den letzten Wochen in Luzern. Dass es solche Musik noch gibt, spannend von der ersten bis zur letzten Sekunde, gut über eine halbe Stunde lang! Man könnte neu geboren werden wollen.

Hanspeter Gschwend

Mittwoch, 11. Juli 2007

Soeben auf DRS2 grossartiges Hörspiel gehört von Hanspeter Gschwend aus dem Jahr 1994: «Code-Execute»

Am Cembalo spielte Helene Ringgenberg,


Enkelin eines grossen Brückenbauers.

Schon lange ist es her, dass mich ein Hörspiel so heftig aus den Socken gehauen hat! Es streift die Idee, dass sich die prästabilisierte Harmonie der Welt heute von aussen zwar als prästabilisierte Disharmonie beschreiben und kennzeichnen lässt (die Cembalsitin spielt Hauer, nicht Telemann), dass sie sich aber wie bei Leibniz wegen der Fensterlosigkeit der Monaden und der Abgeschlossen- und Abgeschiedenheit der einzelnen politischen Katastrophenwelten aus ihnen selbst her nicht wirklich aufbrechen lässt, weil der Schuldzusammenhang der Einzelereignisse zu grosse Komplexe umfasst, dessen Dichte wiederum das Mass der Trennung abzugeben scheint.

Wagners Walliser Wanderungen

Freitag, 4. Mai 2007

Da im Internet mehrerenorts behauptet wird, Richard Wagner hätte am 18. Juli 1852 „auf seiner Italienreise“ den Griespass überquert und daselbst übernachtet, habe ich versucht, in der Autobiographie diejenigen Stellen zusammenzutragen, die Wagners Erfahrungen auf Walliser Boden bezeugen, den er zwischen 1850 und 1858 sechsmal betreten hat. Auffällig scheint, wenn auch die nichtwalliser Bergwanderungen hinzugezogen werden, ein wie wackerer Wanderer der Bergmensch Wagner gewesen war, dass der Brand Wallhalls, also die Götterdämmerung, als Flashback auf Grimsel zu sehen wäre, dass die anderen Bergphantasien in seinen Opern aber eher mit der Bündner Berglandschaft korrespondieren und dass die Waldszene im Siegfried – oh Graus! – sich einem Spaziergang an der Limmat nahe bei Zürich verdankt. Über den Griespass war er ungefähr am genannten Tag tatsächlich gewandert, nicht ohne abenteuerliche Schwierigkeiten, geschlafen hatte er aber nicht oben, sondern zuvor in Obergesteln, nachher in Formazza (Pomat). Das Herausstreichen konkretistischer Bezüge lädt im übrigen weder die Opern noch die Landschaftspartien mit supplementärem schwülstigen Sinn auf, den man erfahren haben müsste, sondern zeigt umgekehrt, wie Trivialitäten des Alltagslebens, die solche bleiben, in grossen Werken, die es gleichwie bleiben, ihren inneren Kurs zu bestimmen vermögen.

1. Besuch: Mai 1850
In Villeneuve am Genfersee. „… Wir suchten uns durch Ausflüge in das schöne Walliser Tal zu zerstreuen…“ (Richard Wagner, Mein Leben, hrsg. v. Gregor-Dellin, München 1976, Seite 457f)

2. Besuch, an den letzten anschliessend: Juni 1850
„Immer darauf bedacht, wie ich es nur anfinge, aus der Welt zu verschwinden, wählte ich mir eine möglichst wilde Gebirgswildnis. … Wir suchten zu diesem Zwecke das einsame Visper-Tal im Kanton Wallis auf; mit ziemlicher Beschwerde drangen wir durch die noch sehr unwegsamen Pfade bis nach Zermatt vor. Dort, am Fuße des ungeheueren und wunderbar schönen Matterhorns, konnten wir uns allerdings als von der ganzen Welt abgeschlossen ansehen. Ich suchte uns in der naiven Wildnis so gut wie möglich einzurichten; aber nur zu bald bemerkte ich, daß Karl [Sohn der Mäzenin Wagners, Julie Ritter, den er zwecks Förderung der Talente zeitweise hüten musste, hier zum ersten Mal] in diese Lage sich nicht zu finden vermochte. Er gestand mir bereits am zweiten Tage, daß er es hier doch gräßlich finde, und meinte, daß es sich doch jedenfalls an einem der offenen Seen besser aushalten lassen würde. Wir studierten die Karte der Schweiz und wählten Thun zum Versuch einer neuen Niederlassung. Auch ich befand mich wieder in dem beängstigenden Zustande der Abspannung meiner Nerven, in welchem jede körperliche Anstrengung mich sofort zu heftiger und schwächender Transpiration brachte. Nur mit äußerster Überwindung vermochte ich den Rückweg aus dem Tale zu nehmen…“ (a.a.O., Seite 458)

3. Besuch: Juli 1852
„… Ich beschloß, den Eintritt einer eigentlichen Sommerwitterung abzuwarten, um dann eine größere Fußreise über die Alpen, von der ich mir eine vorteilhafte Wirkung auf meine Gesundheit erwartete, anzutreten. Herwegh hatte mir versprochen, mich zu begleiten; da er aber, wie es schien, in widerlicher Weise noch abgehalten war, machte ich mich Mitte Juli allein auf den Weg, um unserer Abmachung gemäß von meinem Reisegenossen im Wallis erst eingeholt zu werden. Von Alpnach am Vierwaldstätter See aus trat ich die streng zu Fuß eingehaltene Wanderung an, und zwar nach einem Plane, welcher außer den Hauptpunkten des Berner Oberlandes mir besondere, weniger betretene Pfade durch die Alpenwelt anwies. Ich verfuhr hierbei ziemlich gründlich, indem ich z. B. im Berner Oberland auch das damals noch beschwerliche »Faulhorn« besuchte. Durch das Hasli-Tal im Grimsel-Hospital angelangt, befrug ich den Wirt desselben, einen stattlichen Mann, wegen der Besteigung des »Siedelhornes«. Er empfahl mir als Führer hierzu einen seiner Knechte, einen übel aussehenden rohen Menschen, welcher, indem er die Schneefelder nicht in den üblichen Zackenpfaden, sondern in gerader Linie mich führte, den Verdacht in mir erweckte, daß er es auf meine Ermüdung abgesehen habe. Auf der Höhe des Siedelhornes erfreute mich einerseits der Einblick in die innere Welt der sonst nur in ihren äußeren Formen uns zugekehrten Riesen des Oberlandes, sowie andrerseits der plötzlich sich darbietende Überblick der italienischen Alpen mit dem Montblanc [recte: Grand Combin] und dem Monte Rosa [nur knapp die Dufourspitze ist sichtbar – gut zu sehen wären dagegen Monteleone, Mischabel, Matterhorn, Weisshorn]. Ich hatte nicht verfehlt, mir ein kleines Fläschchen Champagner mitzunehmen, um es dem Fürsten Pückler bei seiner Besteigung des Snowdon nachzumachen; nur fiel mir niemand ein, auf dessen Wohl ich zu trinken hätte. Nun ging es wieder über Schneefelder hinab, über welche mein Führer mit rasender Schnelligkeit auf seinem Alpstock dahinglitt. Ich begnügte mich damit, in mäßigerer Eile auf den Fußhacken vorsichtiger mich hinabzulassen. In der höchsten Ermüdung gelangte ich abends nach Obergestelen, wo ich mich zwei Tage ausruhte und der Übereinkunft nach auf Herwegh wartete. Statt seiner traf aber nur ein Brief von ihm ein, der mich gewaltsam aus meinen Alpeneindrücken in die unangenehme bürgerliche Lage hinabzog, in welcher der Unglückliche infolge der angedeuteten Störungen sich damals befand. Er befürchtete nämlich, ich hätte mich durch seinen Gegner einnehmen und dadurch zu einem unfreundschaftlichen Urteil über ihn verleiten lassen. Ich meldete ihm, er möge sich hierüber keine grauen Haare wachsen lassen und in der Italienischen Schweiz möglichst noch mit mir zusammentreffen. So machte ich mich denn mit meinem unheimlichen Führer allein zur Besteigung des Gries-Gletschers und der Wanderung über dessen Paß nach der Südseite der Alpen auf. Bei dem Aufsteigen bot sich mir ein lange währender höchst trauriger Anblick dar: unter den Kuhherden der Hochalpen war die Klauenseuche ausgebrochen, und zahlreiche Scharen davon zogen in langen Reihen an mir zur notwendigen Pflege nach den Tälern herab. Die Kühe waren auf das äußerste abgemagert, so daß sie Skeletten glichen, und schlichen jammervoll mühselig dahin; wie mit einer unbegreiflichen Schadenfreude schien die prachtvolle Umgebung mit der üppigen Weide auf diese traurige Flucht aus ihr hinzublicken. Am Fuße des steil aufsteigenden Gletscher-Abfalls kam ich in so gänzlich niedergeschlagener Stimmung an und fühlte meine Nerven so übermäßig abgespannt, daß ich erklärte, umkehren zu wollen. Ich erfuhr hierüber die rohe Verhöhnung meines Führers, der mich über meine Weichlichkeit zu verspotten schien. Der Ärger darob spannte meine Nerven an, und sofort machte ich mich auf, die steilen Eiswände in größter Schnelligkeit hinanzuklimmen, so daß er es diesmal war, welcher mir schwer nachkam. Die fast zwei Stunden andauernde Wanderung über den Rücken des Gletschers hin vollbrachten wir unter Schwierigkeiten, welche selbst den Grimsel-Knecht wenigstens um sich besorgt machten. Es war frischer Schnee gefallen, welcher die Eis-Schründe oberflächlich verdeckte und demnach gefährliche Stellen nicht genau erkennen ließ. Hier mußte der Führer gehörig vorangehen, um die Pfade genau zu rekognoszieren. Endlich gelangten wir an die Öffnung des Hochtales nach dem Formazza-Tale zu, nach welchem zunächst wiederum ein jäher Abfall von Schnee und Eis führte. Hier begann mein Führer wieder sein verwogenes Spiel, indem er mich, statt im sicheren Zickzack, abermals in gerader Linie über die jähesten Abhänge geleitete; da wir auf diese Weise an ein so steiles Geröllfeld gelangten, daß ich einer unausweichlichen Gefahr entgegensah, bedeutete ich meinen Geleiter auf das ernstlichste und zwang ihn eine große Strecke mit mir zurückzugehen, um auf einen von mir erspähten minder jähen Pfad zu gelangen. Unwirsch mußte er einwilligen. Sehr ergreifend war für mich nun bei meinem Heraustreten aus der starren Wildnis die erste Berührung mit der Kultur. Die erste dem Vieh wieder zugängliche dürftige Weidestelle hieß die Bettel-Matt, und der erste Mensch, der uns begegnete, war ein Murmeltier-Jäger. Bald belebte sich die Wildnis aber durch die ungeheuere Wirkung des herabstürzenden Bergflusses, der Tosa, welcher an einer Stelle einen in drei weiten Absätzen sich brechenden Wasserfall von überwältigender Schönheit bietet. Nachdem beim unablässigen Hinabsteigen das Moos und die Flechten sich zu Gras und Wiese, das Knieholz zu immer aufrechteren Kiefern und Fichten umgewandelt hatten, gelangten wir endlich in immer traulicherer Talgegend nach dem heutigen Ziel unsrer Wanderung, dem Dorfe Pommath, von der italienischen Bevölkerung Formazza genannt. Hier galt es denn wirklich zum erstenmal in meinem Leben Murmeltier-Braten zu essen. Von größter Ermüdung durch wenigen Schlaf nur ungenügend gestärkt, machte ich mich am andren Morgen allein auf die weitere Wanderung das Tal abwärts, nachdem ich meinen Führer ausgelohnt und auf den Heimweg geschickt hatte. Daß ich unter der Obhut dieses Menschen in wirklicher Lebensgefahr gewesen war, erfuhr ich erst im November dieses Jahres, als die ganze Schweiz von der Nachricht alarmiert wurde, daß das Grimsel-Spital abgebrannt und von niemand anders als dem Wirt desselben, welcher dadurch von den Gemeinden die Erneuerung des Pachtvertrages für die Grimsel-Wirtschaft sich zu ertrotzen hoffte, in Brand gesteckt worden war. Er selbst hatte sofort bei der Entdeckung seines Verbrechens in dem kleinen See, an dessen Ufern das Spital liegt, sich ertränkt; der Knecht aber, welchen er zu der Brandlegung erkauft hatte, war festgenommen und zur Strafe abgeführt worden. Ich erfuhr aus dessen Namen, daß es derselbe war, welchen der vorsorgliche Grimsel-Wirt mir zu meiner einsamen Wanderung über denselben Gletscherpaß mitgegeben hatte, auf welchem, wie ich nun ebenfalls erfuhr, zwei Frankfurter Reisende nicht lange vor mir verunglückt und umgekommen waren: so daß ich denn abermals Gelegenheit hatte, mich als auf besondere Weise einer drohenden Todesgefahr entgangen zu betrachten. Unvergeßlich sind mir nun die Eindrücke der Wanderung durch das immer tiefer sich senkende Tal geblieben. Namentlich überraschte mich die plötzlich sich erschließende südliche Vegetation, nachdem ich durch einen engen Felsenpaß, in welchen die Tosa sich zusammendrängte, steil herabgestiegen war. Bei heißer Sonnenglut gelangte ich am Nachmittage nach Domo d’Ossola. …“ (a.a.O., Seiten 495ff)

4. Besuch, an den letzten anschliessend: Juli-August 1852
„(Wir wollten uns) über den Simplon und durch das Wallis noch nach Chamonix wenden. Die Ermüdung, welche mich bisher mein Ausflug gekostet hatte, sagte mir …, daß ich so bald zu einem ähnlichen Unternehmen mich nicht wieder aufmachen würde, und es drängte mich daher, das Sehenswürdigste der Schweiz bei dieser Gelegenheit vollends in Augenschein zu nehmen. Überhaupt war ich aber wohl, wie seit längerer Zeit es mit mir stand, in der Stimmung, mir durch einen neuen äußeren Eindruck eine bedeutende Wirkung auf mich zu erwarten. Deshalb wollte ich den Montblanc nicht vorbeigehen lassen. Sein Anblick ward mit großen Beschwerden erkauft, unter welchen eine nächtliche Ankunft in Martigny zu nennen ist, wo infolge großer Überfüllung der Gasthöfe allseitig die Unterkunft verweigert wurde und wir nur, mit Benutzung des Liebesverhältnisses eines Postillons zu einem Dienstmädchen, widerrechtlich in einer für diese Nacht von der Herrschaft verlassenen Privatwohnung ein Obdach fanden. Im Chamonix-Tal besuchten wir pflichtgemäß das sogenannte »Eismeer« und die »Flégère«, von welcher aus auch mich der Anblick des Montblanc allerdings bedeutend anregte. Meine Phantasie beschäftigte sich jedoch weniger mit der Besteigung dieses Gipfels als vielmehr mit einer Überschreitung des Col des géants, indem mich weniger die zu erreichende große Höhe als die andauernde erhabene Öde auf dieser letzteren Wanderung anzog. Ich nährte längere Zeit den Vorsatz, ein solches einziges Abenteuer noch einmal zu bestehen. Beim Herabsteigen von der »Flégère« verrenkte Minna [seine Frau] bei einem Falle sich den Fuß, davon die schmerzlichsten Folgen uns von jetzt an von jeder weiteren Unternehmung zurückhielten; wogegen wir nun die Heimreise über Genf zu beschleunigen uns genötigt sahen.“ (a.a.O., Seite 499)

5. Besuch: Juli 1854
„Von der Eidgenössischen Musikgesellschaft war ich zu der Direktion ihres diesjährigen Musikfestes in Sion eingeladen. Diese hatte ich abgelehnt, jedoch versprochen mich einzufinden, um, sobald die Mittel dazu mir genügend erscheinen würden, an einem der Festtage die A-Dur-Symphonie von Beethoven zu dirigieren. … Leider traf ich am Sitze des diesjährigen Festes so gegen alles Erwarten unzureichende und kleinliche Vorbereitungen für eine künstlerische Unternehmung an, dass ich, nachdem ich von dem Klange des ungemein dürftigen Orchesters in einer kleinen Kirche, welche zugleich den Konzertsaal abgab, einen gänzlich abschreckenden Eindruck erhalten hatte, empört über den Leichtsinn, mich bei einer solchen Gelegenheit herbeigezogen zu haben, einfach durch ein paar Zeilen an den eigentlichen Festdirigenten … ohne weitere Zeremonien mich verabschiedete…“(a.a.O., Seite 519f)

6. Besuch: August 1858
„(Die Reise [von Lausanne her]) führte uns über den Simplon nach dem Lago Maggiore… “ (a.a.O., Seite 586)

Sefi Lehmann

Freitag, 13. April 2007

Wowi zowie, fast die schönsten Momente des Lebens einst tauchen wieder auf, und immer noch schmilzt der Bauch unter der umwerfend süssen Stimme:

Josefina Lehmann in Musik für einen Gast

Nur einmal hatte ich Kuttelsuppe gegessen bis jetzt, an einem grossen Tisch voller Schweiger, nach lustigem Fussballmatch auf Lehmanns Wurzelboden in einer Schüpberger Waldlichtung. Erst als der letzte Teller ausgelöffelt war, sagte einer, das waren Kutteln da drin, nicht wahr … aber sie waren gut!

Da gibt es sogar Bilder von Sefi, und lange Zeitungsberichte:
http://www.alpeandino.com/josegaleria/index.php?list=1

Und nach weiterem Suchen hier noch eine ganze Website:
http://www.josefinalehmann.cl

Ha! Meine Favoriten in nächster Zukunft sind gesichert – – – obwohl es angezeigter schiene, das Wandern daneben aufzugeben und mit auszuwandern, das Strahlen Sefis wieder zu geniessen und die Strahlen der chilenischen Sonne wirken zu lassen statt die von Röntgen, die von Aliens berichten in nur wenigen Tagen.

Ostermesse

Sonntag, 8. April 2007

Lumpy Gravy mit dem Hoforganisten Keith Emerson

Opfer – Glauben – Aufklärung

Samstag, 17. März 2007

Vor aller sprachlichen ist die Handlung des Selbstopfers und des Opfers eines besonders geliebten Gegenstandes oder Wesens dem Menschen wesentlich, und sie, die auch vielen Tieren nicht fremd ist, bildet die Bedingung des Glaubens, der die blinde Naturgewalt besänftigen soll. Da in ihm die Lüge sich nicht erkennen lässt, hat er Gültigkeit nur an seinen äussersten Rändern, an dem der diskursiven Vernunft und an dem der zweckfreien Gebilde und zweckfreien Handlungen, an dem der Kunst und der Sexualität. Der späte Strawinsky war mürrisch über die Art des Erfolgs des Sacre du Printemps, weil der Spektakel des Mädchenopfers die Freude am Mädchen, das eben gar nie wirklich getötet werden sollte, überstrahlte. Dieses Mürrische ist vielleicht das einzig Wahre an ihm. Die Musik nach dem Sacre wurde so schlecht wie sein Glaube. Er hätte die Empfindungen im Opfer und angesichts des Opfers musikalisch weiter bedenken sollen, dann wäre sein falscher Ruhm nicht nötig gewesen. Denn man kann den Sacre rühmen und gerade das Spektakuläre in ihm, das wie der Name des Mädchens nicht alt wird.

Disco-night

Mittwoch, 10. Januar 2007

Völkerverständigung

Samstag, 21. Oktober 2006

Nicht wenig interessant, dass sich jetzt auch aus China Leute für Zeitgenössische Kunstmusik aus anderen Gegenden als den eigenen zu erkundigen beginnen:

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Hossein Alizâdeh und Madjid Khaladj

Freitag, 25. August 2006

Gerade bis vorhin auf DRS 2 Konzert mit den persischen Musikern Hossein Alizadeh und Madjid Khaladj vom 18. Februar 2006 in Basel.
Was für eine kompositorische Dichte und Eindringlichkeit, klangliche Vielfalt und umwerfende poetische Intensität, wie früher auf … Electric Ladyland.
Nicht vergessen: Zweiter Teil des Konzerts nächste Woche, Freitag 1. September 2006, DRS 2, 21.00 Uhr
Cheili cheili chub!

Arse Salad Surgery

Freitag, 25. August 2006

Soeben dem Magnet-Resonanz-Tomographen entronnen, dem MRI (…-Imaging) im Beau-Site. Die Unterschiede zur selben Untersuchung 2002 in der Insel sind musikalisch interessant. Das Konzert in der gänzlich geschlossenen Röhre 2002 dauerte mehr als eine Stunde und erschreckte einen mit einem Höllengebilde, das zusammenhangsloser John Cage nie hätte MusikerInnen zu spielen verschreiben gewagt. Keine noch so kleine Sequenz vermochte ein metrisches Tempogefüge darzustellen, keine antwortete auf eine, die sich irgend hätte identifizieren lassen. So ein schwerfälliges Chaos an schlagenden und hämmernden Nibelungenstaccati, die wie Sternklumpen zueinander standen, hatte ich sonst nie vernommen. Ganz anders heute. Die Nase litt zwar immer noch fast unter einem Sargdeckelkontakt, aber hinten war der Backofen offen, wie vielleicht auch nur, um von des Himmels Trostlosigkeit einen ersten Eindruck zu verraten. Immerhin wirkte das Licht dadurch weniger bedrohlich als früher, wo es eindeutig nur den dezent illuminierten Gang in die Hölle einem aufdringlich in Dunkelgelb und Schwarz vor Augen hielt. Das Ganze heute, diagnostisch eingeschränkt auf den Beckenbereich, dauerte knapp eine halbe Stunde, mit einem Sound, der schon vor dem Einschub in die Röhre einem klar machte, dass es hier um einen anderen Stil ging, um einen ganz eindeutigen. Der Raum auch ausserhalb des Tomographen stampfte ein Gemisch von Dampfschiffmaschinenraum, Bitches Brew und Zappas Bebop-Tango aus dem Boden, der von Anfang bis zum Schluss durchhielt – wohl den ganzen Tag ohne Unterbruch. Auch innerhalb bildete er den primitiven musikalischen Boden. Auf dem nun spielte sich nichts weniger ab als Brain Salad Surgery von Emerson Lake & Palmer. Ah, so lässt es sich gut, auch in depressivster Stimmung, untersuchen, wo die Vipern beissen.

Gesundheitsmusik

Montag, 14. August 2006

Frank Martin’s Sechs Monologe aus „Jedermann“ (Hofmannsthal), fast direkt vom Lucerne Festival, kommt gerade zur rechten Zeit. Es soll mir eine Lehre sein: „Hier wird kein zweites Mal gelebt.“ Nein, keine Völlerei nicht mehr, die zur Verstopfung nur immer wieder führt. Die Musik droht plastisch durch Durchfall und Undurchlässigkeit.

America is wonderful

Montag, 24. Juli 2006

Scribble’s riddle-doodle (4):


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