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Alfred Schnittke: Sinfonie Nr. 5

Samstag, 8. Oktober 2011

Gestern Abend auf SWR2 Konzert vom 10. Juni in Stuttgart, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Leitung: Vassily Sinaisky.

Alfred Schnittke: Sinfonie Nr. 5

Mit Schnittkes Musik konnte ich mich nie recht anfreunden, weil mir der Bezug zur Vergangenheit als Feigenblatt erschienen war, das den Komponisten davor bewahren sollte, zur Gegenwart Stellung zu nehmen – sie dünkte mich unredlich. In dieser negativen Haltung hörte ich gestern die fünfte Sinfonie, und sehr auffällig schien mir, wie sie ganz altertümelnd Melodien folgte, deren ruppige Aneinanderreihung das Fehlen konstruktiver Innovationen offenbar zu übertünchen hatte. Es dauerte indes nicht lange, bis mein grimmiger Blick wie eine falsche Maske zu Boden fiel und ich merkte, dass ich dieser Musik völlig gespannt folge. Denn offenbar tut diese Musik nur an ihrer lauten Oberfläche so, als ob sie wie in einem Geneleralbass der Melodie oder Melodiefetzen nachgeordnet wäre. In einem stetigen Prozess, nicht unähnlich einer permanenten Variation, geschieht ein Verschmelzungsprozess, in dem das Ganze zu einer Konstruktion erwächst, die erst am Schluss auf es zurückblicken lässt. Der Vorgang im ästhetischen Werk dünkte mich zunehmend unergründlich und deswegen immens spannend. Die Musik erzeugt keine positive Erwartungshaltung, in der sich eine Spannung aufbaut, die sich an einem Kulminationspunkt zu entladen hätte, aber am Schluss ist man darüber verblüfft, was für ein wunderbares Ganzes sich ergeben hat, das einer eigenen, keineswegs veralteten Sprache folgte – und in der Tat wäre ich ihr ganz gerne noch weiter gefolgt. Vielleicht sollte man diesen Komponisten wieder vermehrt zu hören bekomme

Pli selon pli

Freitag, 30. September 2011

Soeben auf Bayern 4 direkt live aus München das Ensemble Intercontemporain und das Lucerne Festival Academy Ensemble, Leitung Pierre Boulez, Solistin Barbara Hannigan, Sopran.

Pierre Boulez: Pli selon pli – Portrait de Mallarmé (1957-1989)

Mit jedem neuen Hören sieht man wie als unverhofft Wiedergeborener in die Schluchten und Wände dieser wundersamen Musik hinein. Sie erscheint kaum mehr als einheitliches Gebilde, dem man gegenüber sässe, denn als ein lebensbegleitendes Wesen – oder wie eine Landschaft, in der man unbekannterweise immer schon zuhause war.

Jean-Luc Darbellay à Lausanne

Dienstag, 20. September 2011

Soeben auf Espace 2 direkt live un concert-conférence donné au Conservatoire de Musique de Lausanne dans le cadre de la résidence de Jean-Luc Darbellay auprès de l’Orchestre de Chambre de Lausanne 2011/2012.

Accents, pour saxophone alto et cor. – Ziemlich schlafmützig gespielt, als sozusagen akzentfreies Dämmerschlummern.

Incident Romm (sur un texte de Ken Edwards), pour violon et voix. – Gut geübt, das brave Stück, nach dem Untergehen der roten Sonne im Genfersee steht dem Aufwachen nichts mehr im Wege.

Odes brèves, pour saxophone alto, violon et violoncelle. – Angenehme Hausmusik, für eine Analyse zu eindimensional, wie man sie hier hat über sich ergehen lassen müssen.

Spectrum, pour cor naturel. – Musik aus Jagdbannbezirken wäre nicht nur saisonbedingt angebrachter.

S, pour violoncelle. – Endlich die erwartete Spannung!

Nocturne, pour cor de basset, saxophone alto, cor et quatuor à cordes. – Eine Melodie von Sibelius oder Pettersson, leicht zurechtgebogen und dann von einer Gratissoftware für DJs harmonized.

Un jardin pour Orphée, pour cor de basset, cor et quatuor à cordes. – Das Gartenstück am Anfang des Konzerts in dieser wachen Interpretation und der ganze weitere Verlauf ohne dazwischengezwitscherte Schwätzerei: der Abend wäre gut vonstatten gegangen.

Ensemble Orion: Stephan Siegenthaler, cor de basset; Marc Sieffert, saxophone alto; Olivier Darbellay, cor et cor naturel; Noëlle-Anne Darbellay, violon et voix; Francisco Sierra, alto; Astrig Siranossian, violoncelle. Direction : Jean-Luc Darbellay

Stockhausen/Eimermacher/Xenakis

Montag, 19. September 2011

Soeben auf France Musique, Concert enregistré le 10 septembre 2011 à l’Abbaye de Royaumont, Jean-Philippe Wurtz, direction.

Karlheinz Stockhausen (1928-2007): Kontra-Punkte. Ensemble Linea. Die Kinder- und Jugendzeiten von Stockhausen und Pettersson sind sehr ähnlich, und die musikalischen Lehrer sind nicht durchwegs verschieden – trotzdem will einem die Musik Petterssons ständig informieren und etwas sagen, wo in den Kontrapunkten man sofort von der Gier gepackt wird, in sie einzutauchen und soviel wie möglich von diesem Werk zu erfahren. Was für ein Unterschied!

Hanna Eimermacher (née en 1981): Hommage an den Klimperkasten (création mondiale). Ensemble Linea. Keith Emersons America mit The Nice tönt mir auch nach über dreissig Jahren frischer in den Ohren des Gedächtnis. (Die Kulturindustrie ist Scheisse, klar, aber viele einzelne Gegebenheiten in ihr – veritable Gebilde zuweilen – sollten nicht mit Ignoranz übergangen werden, wenn man mehr zustande bringen will als sie.)

Iannis Xenakis (1922-2001), Eonta. Ensemble Linea. Eine ziemlich abenteuerliche Musik, die wie eine Tangente Pettersson berührt, Marx hätte gesagt: sans phrase, also auf eine Weise unvermittelt, dass sie das Denken eines jeden in Schwung zu versetzen vermag – sie ist ebenso nah zu Stockhasen wie zu Keith Emerson.

Allan Pettersson

Montag, 19. September 2011

Wer ein guter Fotograf ist, feiert heute den hundertsten Geburtstag des braven schwedischen Bratschisten Allan Pettersson, auf Bayern 4.

ça pas arrivé?

Sonntag, 4. September 2011

Soeben fast zwei Stunden Zappa auf Französisch, in der besten Sendung von Espace 2, Musique d’avenir, wo er in der Programmnotiz auch einmal als Franck dasteht.

Lustig sicher, die sowohl deutsch wie englisch oft gelesenen Geschichten nun französisch gehört zu haben (ich könnte in dieser wunderlichen Sprache, die mich als perfekten Fremden auf Distanz hält, vielleicht auch mal anderes lernen als nur das „doucement!“ von Sylvain Saudan). Die gespielte Musik hätte ihm gefallen, im Radio, und erst noch von erst zu nehmenden Menschen kommentiert.

On parle de ça pas: The Yellow Skark, suite pour orchestre (extraits), dir. Wilson Hermanto, Orchestre des Hautes Ecoles de Musique de Suisse romande – mais on jouait ça, auch mit einem Alphorn, das ich in Franckfort 1992 nicht wahrgenommen hatte.

http://www.jardinsmusicaux.ch/programme-2011/yellow-shark/ Es lohnt sich, dieses Programm etwas genauer zu studieren. Was man auf dem Land und in den Krächen heute nicht alles zu hören bekäme….! Wer Musik liebt, kennt eine Devise gut: fort vo Bärn!

Nunes, Webern, Maderna

Montag, 29. August 2011

Endlich sind die Ferien von Arnaud Merlin vorbei – und endlich ist die Radiosendung mit den besten Konzerten wieder en ligne.

Soeben auf France Musique live vom 16 juin à la Grande Salle du Centre Georges Pompidou, dans le cadre du festival Agora: Ensemble Remix, Emilio Pomarico, direction.

Emmanuel Nunes (né en 1941), Einspielung I pour violon et électronique (création de la version électronique), Diégo Tosi, violon, José Miguel Fernandez, réalisateur en informatique musicale.

Anton Webern (1883-1945), Symphonie op. 21, I. Ruhig schreitend, II. Variationen : sehr ruhig.

Bruno Maderna (1920-1973), Juilliard Serenade (Tempo Libero II) pour orchestre de chambre et bande magnétique.

Emmanuel Nunes (né en 1941), Wandlungen.

Trotz grosser Müdigkeit von der Tour gestern im Turtmanntal, mit zwei Nächten ohne längeren Schlaf als je drei Stunden, öffnen sich die Ohren schon bei den ersten Tönen des ersten Stückes und bleiben gespannt & gespitzt bis ans Ende des Konzerts. An solche Musik dachte ich in den stillen Steinhaufen von Üdri und Pletschu, wenn ich die Schritte für einen Moment anhielt.

Zehnder Dusapin Pesson Gervasoni Birtwistle Herrmann

Mittwoch, 10. August 2011

Die Disco hatte heute eine geschlossene Vorstellung und wird morgen hier einen paradiesischen Link präsentieren:

http://www.ueliraz.ch/2011/zinal.htm

Der Text, der in der Disco zu erwarten wäre, steht dort zuunterst.

Boulez: Ravel, Schönberg, Strawinsky

Mittwoch, 3. August 2011

Soeben auf Espace 2 direkt live aus Köln: Pierre Boulez und das Mahler Chamber Orchestra:

Maurice Ravel, Ma Mère l’Oye.

Arnold Schoenberg, Concerto pour violon et orchestre (Michael Barenboim).

Igor Stravinsky, Petrouchka. Version originale de 1911.

Eine musikalische Aufführung ist unter anderem auch dann geglückt, wenn man beim Zuhören denkt, am besten würde diese Musik gar nie mehr aufhören müssen. Sowohl bei Schönbergs Violinkonzert wie bei Strawinskys Petruschka katte ich ständig dieses gute Gefühl.

Schostakowitschs Achte (2)

Samstag, 23. Juli 2011

Soeben auf France Musique En direct du Festival d’Aix en Provence, London Symphony Orchestra, Valery Gergiev, Direction.

Claude Debussy
La Mer (1903, 1905)

Dmitri Chostakovitch
Symphonie N°8 en Ut mineur Op.65 (1943)

Ich weiss nicht, wie oft ich dieses Werk schon gehört hatte, zum ersten Mal sicher Ende der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre auf DRS 2 (morgens, als der Sender noch gut war, auf Opas geerbtem Rörenradio – als nota bene alle Symphonien gespielt wurden) – aber diese Aufführung ist sicher die von mir am intensivsten erlebte, mindestens so stark wie die letzte. Schostakowitsch wird zunehmend von meinen Ohren rehabilitiert.

Debussys Mer war hingegen normale Vollkost, kaum des Schwimmens wert.

Dusapin, Morning in Long Island, Concert N°1 (2. Aufführung)

Montag, 18. Juli 2011

Soeben auf France Musique direkt live aus der Royal Albert Hall, London:

Pascal Dusapin, Morning in Long Island, Concert N°1, Commande de Radio France, UK-Première. Orchestre Philharmonique de Radio France, Myung-Whun Chung, Direction.

Ein schönes Erlebnis, dieses neue Werk innerhalb von weniger als einem Monat zweimal direkt live zu hören. Ich kann heute dasselbe schreiben wie bei der Uraufführung am 24. Juni 2011, mit dem Zusatz, dass die an Bernstein gemahnende Simplizität nach der 26. Minute (von 31) eine vermittelt imitierende ist, keine originär kopierende. Dadurch wird auch der negative Ausdruck des Naturalismus mitsamt der Invektive einer Filmmusik hinfällig: Das Konzert Nr.1 von Pascal Dusapin ist Musik von Dusapin, geschrieben in Erinnerung an einen frühen Morgen auf Long Island. Für uns, das zuhörende Publikum, hat die Lokalität keine Bedeutung ausser der trivialen, das Werk im Ganzen nochmals Revue passieren zu lassen. Die Bestimmungen erhalten dadurch etwas Zusätzliches, das sie nicht in einer spontanen Eindeutigkeit mehr ruhen lassen. Und die letzten Sechstel oder Siebtel in vielen Werken von Dusapin sind eine Besonderheit, die sich bis auf weiteres nicht allgemein fassen lässt.

Ivan Fedele, Magnus Lindberg

Mittwoch, 29. Juni 2011

Soeben auf Radio France Concert donné le 10 juin 2011 au CentQuatre en coproduction avec l’Ircam / Festival Agora & Radio France.

Ivan Fedele, La pierre et l’étang (…les temps…), Commande de Radio France et de l’Ircam, Création Mondiale. Die zwei äusseren schnellen Sätze dünken mich gute Unterhaltung mit schönen Effekten, der mittlere einfache Barmusik, die vielleicht etwas verdichteter gestaltet sein dürfte.

Magnus Lindberg, Kraft. Ein frühes Stück, deutlich hilfloser als die mir bekannten frühen, fast schon wie eines der aktuellen. Immerhin enthält es angenehme Hintergrundsounds fürs Schreiben über Musik, andere. Die Kraft verspüre ich nur, insoweit sie nachlässt.

Magnus Lindberg, Piano, Nicolas Baldeyrou, Clarinette, Nadine Pierre, Violoncelle, Daniel Ciampolini, Percussions, Francis Petit, Percussions. Quatuor Renoir. Thomas Goepfer, Réalisation informatique musicale Ircam, Orchestre Philharmonique de Radio France, Ernest Martínez Izquierdo, Direction.

Dusapin, Morning in Long Island, Concert N°1

Freitag, 24. Juni 2011

Soeben auf France Musique direkt live aus der Salle Pleyel:

Pascal Dusapin, Morning in Long Island, Concert N°1, Commande de Radio France, Création mondiale. Orchestre Philharmonique de Radio France, Myung-Whun Chung, Direction.

Die Schönheit der Musik von Dusapin ist auch hier wie immer schon ein Genuss. Allerdings siedelt das Werk nah am Naturalismus, zu dem auch die swingenden Anleihen bei der Minimal Music gegen den Schluss hin zu zählen sind. Mich dünkt es im Ganzen gefährlich simpel, als ob der Weg nun hin zur kommerziellen Filmmusik freigeschrieben worden wäre.

Georges Aperghis, Luna Park

Mittwoch, 8. Juni 2011

Soeben auf France Musique live direkt aus dem IRCAM: En direct du Festival Agora/Ircam : Georges Aperghis, Luna Park (nouveau spectacle)

Eva Furrer, Flûte octobasse, Johanne Saunier, Percussion, Richard Dubeslki, Percussion, Michael Schmid, Flûte basse, Greg Beller, Réalisation de l’informatique musicale IRCAM, Daniel Lévy, Lumière, dispositif scénique, video.

Ziemlich hübsch, ein Anstoss, Aperghis näher ins Ohr zu fassen, wenn mich die Anlage auch zusehr am Film orientiert vorkommt (esse est percipi dünkt mich nur noch auf Friedhöfen wirklich aktuell). Ich musste mich zeitweilig dagegen wehren, nicht von Cordonna, Tsalevey, Tsousse, La Pierre, Fournoutse und L’Emenna zu träumen. Nächstens, sobald die Natur ihren Frühlingsdurst gestillt hat, in Bourg St-Pierre – volle Bagage dann!

In einer Passage ein schöner Berner Missverhörer: „Two people speak (agités): ‚Es geit!'“

Jumppanen: Stockhausen, Cage, Boulez

Dienstag, 31. Mai 2011

Gestern live auf France Musique, Concert enregistré le 30 avril à la Cité de la Musique à Paris, Parvi Jumppanen, piano.

Karlheinz Stockhausen (1928-2007), Klavierstück XI [957] (première version).

John Cage (1912-1992), Music of Changes [1951] (extraits), cycle en quatre parties pour piano: Music of Changes I, Music of Changes III.

Karlheinz Stockhausen (1928-2007), Klavierstück XI [1957] (deuxième version).

Pierre Boulez (né en 1925), Sonate n° 3 pour piano [1955, 1957, 1963, unfertig]: Formant 2 : Trope (Parenthèse, Glose, Commentaire, Texte), Formant 3 : Constellation-Miroir.

Ein Programm ganz nach meinen Wünschen, mit unverwüstlichen Werken, die doch solche waren, die alles das aufbrechen wollten, was in den 1950er Jahren unverwüstlich dreinzuschauen drohte. Es erstaunt nicht, dass ich mich beim Werk von Boulez am wöhlsten fühle, weil das Radikale vermittelt erscheint und die Musik einem zum Träumen Anlass gibt, zum Weiterträumen aus den musikalischen Ereignissen und Konstellationen heraus in noch unerkannte Universen hinein. Diese Musik hat noch nicht im geringsten zu altern begonnen.

Nakatani, Franke, Gelmini, Hartmann

Freitag, 27. Mai 2011

Soeben auf Bayern 4 gehört direkt live: Musica Viva, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung: Lucas Vis.

Toru Nakatani: „For 54 players“ (Uraufführung). Ein Stück in äusserst interessanter mikrotonaler Stimmung, von dem man während des Hörens meint, es fehle ihm der Formwille, bis man ihn in den Bewegungen der Stimmung selbst herauszuhören beginnt. Ich würde es gerne noch mehrere Male auf CD hören, in einer Studioaufnahme ohne Huster und ohne Cablecom-Fehlgeräusche der Übermittlung.

Bernd Franke: „Praya Dubia“ (Uraufführung). Hübsch gemachte Unterhaltung, in der Ästhetik so fragwürdig wie John McLaughlin oder Zappa mit Orchester, wenn auch besser, immerhin. Ich protestiere dagegen, dass man eine interessante Stelle von Varèse kopiert (ein bis zwei Minuten nach dem Anfang) und dann so etwas Leichtes dahinbastelt.

Caspar de Gelmini: „Nightline“ (Uraufführung). In den erst später einsetzenden Orchesterparts höre ich gerne zu, in den dünn gesetzten Stellen nimmt mich das kompositorische Denken zu wenig gefangen. Ich wage die Behauptung, dass der Komponist zu wenig lange die serielle Musik studiert hat, um souverän sich davon distanzieren zu können. Er müsste zur Selbstdisziplinierung ein Stück für Blockflöte schreiben müssen, von dem er die Behauptung zu verteidigen hätte, dass aus ihm seine ganze Ästhetik herauszulesen wäre.

Karl Amadeus Hartmann: Symphonie Nr. 2 – Adagio. Ich kenne dieses Stück schon seit dreissig Jahren und habe es fast immer gerne gehört, auf Schallplatte, das letzte Mal vor über zehn Jahren. Heute dünkt mich, ich hätte etwas Neues gehört, in dem nur die akzentuierten Streicher die Erinnerung wachrufen. Ich folge der Aufführung fasziniert und freudig angespannt – Hartmann wäre ein wahrer Widersache von Schostakowitsch, und man müsste ihn ebenso oft im Radio spielen wie diesen, beide vorzugsweise zeitlich nahe beieinander.

Zusatz: Offenbar verspüren auch andere eine Nähe Hartmanns zu Schostakowitsch, denn als Füller nach dem Konzert bis zur Programmfortsetzung spielte man just Musik des Letzteren.

Birtwistle: Punch and Judy

Montag, 23. Mai 2011

Gestern auf Espace 2 Harrison Birtwistle, Punch and Judy, une comédie tragique ou une tragédie comique (UA 1968). Opéra en 1 acte, dir. Wen-Pin Chien, Genève Ensemble Contrechamps, Gillian Keith , Lucy Schaufer , Bruno Taddia , Stephen Bronk , Mark Milhofer , Jonathan May.

Eine grosse, zweistündige und ebenso grossartige Unterhaltung, die es schafft, sich frei von den Merkmalen der Debilität der Kulturindustrie zu behaupten, auch wenn sie nur in ihr zu realisieren ist. Jeder Klangmoment des pausenlosen Stücks von Anfang bis Ende ist ein Genuss. Musik der Zeit, die es nur als Rarität schafft, ohne Gewissensbisse zu unterhalten. Würde sie auf einer erreichbaren Radiostation heute Abend noch einmal gesendet, würde ich diese Oper mit grösstem Vergnügen nochmals hören wollen.

David Philip Hefti

Donnerstag, 19. Mai 2011

Soeben auf DRS2 Konzert vom 26./27.3. in der Tonhalle Zürich mit dem Tonhalleorchester Zürich und Thomas Grossenbacher, Violoncello, Leitung David Zinman.

David Philip Hefti: Konzert für Cello und Orchester (Uraufführung). Nach 17 Stunden von 2.30 Uhr bis 20 Uhr fast ununterbrochen an der Reparatur-Neuinstallation von Windows XP eine neu belebende Musik. Der unverhofft lahm gewordene Computer läuft und mein verschweisster Körper atmet wieder. Das Hören in die mikrotonalen Verästelungen hinaus gefällt mir ausserordentlich.

Organum

Donnerstag, 12. Mai 2011

Soeben auf Bayern 4 ein Konzert im scheinbar spröden Stil des frühmittelalterlichen Organum (7. bis 13. Jahrhundert), in dem ein einstimmiger Gesang über lange Partien mit einem liegenden einzelnen Ton, in kleineren Partien mit einem im gleichen, parallelen Abstand begleitet wird.

In Die Resurrectionis – Ostern im frühmittelalterlichen Rom, Altrömische Choräle, Ensemble Organum, Marcel Pérès.

Erstaunlich, wie eine Musik, die man sich geschrieben äusserst karg vorstellt, so üppig präsentiert werden kann, dass man unweigerlich an eine verflossene Gesellschaft denkt, die musikalisch genauso in Wagnerschen Dimensionen und Ansprüchen gedacht haben muss wie die vormoderne und moderne.

Zwei Italiener in Paris

Montag, 9. Mai 2011

Soeben auf France Musique gehört: Concert enregistré le 9 avril à la Cité de la Musique, Paris.

Luigi Nono, No hay caminos, hay que caminar… Andrej Tarkovskij, pour sept groupes instrumentaux. Ensemble Intercontemporain, Orchestre du Conservatoire de Paris, Jonathan Nott, direction. Eine geglückte Aufführung dieser wundersam schönen Musik, die einem das Denken für & über heute so einfach macht. Erstaunlich, wie sie auch an einem heissen Abend funktioniert, da die Abendstimmen der Menschen in den Gärten durchs offene Fenster und den Kopfhörer in die Sinne dringen. Wie in einer freien und friedlichen Welt.

Luciano Berio, Sinfonia, pour huit voix et instruments, I., II. O King, III. In ruhig fließender Bewegung, IV., V., Swingle Singers, Ensemble Intercontemporain, Orchestre du Conservatoire de Paris, Jonathan Nott, direction. Dieselbe Bewunderung für die Aufführung auch dieses Stückes, das ich seit über dreissig Jahren auf Schallplatte hatte und dutzende Male hörte, ohne jemals die Meinung zu vertreten, es würde die musikalischen Errungenschaften jener Zeit verniedlichen wollen. Nur ein bisschen enttäuscht war ich beim Ende: alles schon vorbei? Wie kurz war doch die musikalische Aufnahmefähigkeit früher… Die Swingle Singers merkten es und gaben noch einen Bisse, eine unendliche Suone, you know, Lady Madonna, dann noch Beethoven & several Kindsköpfe hineingesungen (.)

Da die beiden Italiener gleichzeitig präsentiert wurden, will ich nicht verschweigen, dass ich bei Nono lieber weiterdenke als bei Berio (… aber ich habe die neu eingesetzte Stelle mit Lachen gehört, die aufs Nonostück vor der Konzertpause anspielte… & thank You, dreissig Jahre älter gewordene Swingle Singers, die die Sinfonia immer noch in bester Form zu präsentieren vermögen!!!).

(DRS2 würde die Idee einer solchen Sendung auf einen einzigen Komponisten eindampfen und ihm den Namen Gershwin geben.)