Archiv für den 'Musik'-Themenbereich

Boulez: Schönberg und Bartók

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Soeben direkt live de la Salle Pleyel: Bertrand Chamayou, Piano, Orchestre de Paris, Pierre Boulez, Direction.

Arnold Schönberg, La Nuit transfigurée Op.4 (1899).

Béla Bartók, Concerto N°2 Sz.112 BB.117 (1937,1938).

Béla Bartók, Concerto pour orchestre (1943).

So lebendig interpretiert wie heute hier, wird man versucht, Bartók wieder ernster zu nehmen als auch schon. Das ganze Konzert sollte auf CD erscheinen, trotz der rauchgesättigten Huster.

Geklaut auf Arte Live Web während der Verklärten Nacht.

Pascal Dusapin, La Melancholia

Montag, 19. Dezember 2011

Soeben auf France Musique Concert enregistré le 12 novembre à la Cité de la Musique, dans le cadre du Festival d’Automne à Paris.

Igor Stravinsky (1882-1971), Requiem Canticles (1965-1966), Ensemble Vocal de la Radio de Stuttgart, Nicholas Kok, chef de chœur, Orchestre symphonique de la Radio de Baden-Baden et Freiburg, Jonathan Stockhammer, direction.

John Cage (1912-1992), Seventy-Four (1992), Orchestre symphonique de la Radio de Baden-Baden et Freiburg.

Pascal Dusapin (né en 1955), La Melancholia (1991), opératorio, I. Unius de quatuor, II. Il quarto loco, III. Saturnus, (livret en latin, allemand, italien et anglais de Pascal Dusapin sur des textes en langues originales de Galien, Trithème, Hildegarde Von Bingen, Leonardi Dati, Plotin, Everhard Von Wampen, Shakespeare, Homère, Saint Ambroise, Michele Scot, Chaucer, Hésiode ainsi que des auteurs anonymes), Ensemble Vocal de la Radio de Stuttgart, Nicholas Kok, chef de chœur, Orchestre symphonique de la Radio de Baden-Baden et Freiburg, Jonathan Stockhammer, direction, Ramona Nadaff, Gilles Grand et Louis Dusapin, voix parlées et enregistrées.

Stravinskys und Cages Stücke sind zwar o.k., interessieren hier aber nicht über die Bemerkung hinaus, dass die Tuba in 74 vielleicht etwas zu simpel in Betrieb gehalten wurde. Bei Dusapins Melancholia sollte man sich nicht durch die Zitate irritieren lassen, die im Operatorium auffällig vielschichtig nebeneinandergestellt erscheinen, denn sie sind alle aus einem einzigen Buch herausgelesen worden und sollen kaum eine Vielbelesenheit vorspiegeln. Um so mehr kann man sich auf die Musik konzentrieren, die einen auch im Frühwerk des Komponisten zuweilen überrascht, durch Dichte, Vielgestaltigkeit und einen leichten Zug, der schon Späteres vorwegnimmt. Von einer sicheren Meisterhand ist La Melancholia indes entschieden noch nicht geschrieben worden, weil die kleinen Formen zu einfach formuliert worden waren und ein Nachsinnen ins Gesamte des Stückes nur selten auslösen. Eine eigene musikalische Sprache ist eben erst daran, sich anzukünden.

Pierre Boulez: Das Klavierwerk

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Soeben live auf Bayern 4 Aufnahme vom 14. Dezember 2011 im Münchner Prinzregententheater: Tamara Stefanovich und Pierre-Laurent Aimard, Klavier.

Pierre Boulez:

Douze Notations für Klavier [1945] (Pierre-Laurent Aimard)

Première Sonate für Klavier [1946] (Pierre-Laurent Aimard)

Deuxième Sonate für Klavier [1946/48] (Tamara Stefanovich)

Troisième Sonate für Klavier [1955-57], Formant 3: Constellation/Miroir, Formant 2: Trope (Pierre-Laurent Aimard)

Incises für Klavier [1993/94] (Tamara Stefanovich)

Une page d’Éphéméride für Klavier [2005] (Pierre-Laurent Aimard)

Structures pour deux pianos, Deuxième livre [1956/61] (Tamara Stefanovich und Pierre-Laurent Aimard)

Nicht nur die Kompositionen sind Wunderwerke, auch diese Aufführung ist ein ebensolches, von dessen Realisierung man nie hätte zu träumen gewagt. Structures II erscheint wie neu zum Leben erweckt. Bravisissimo!

John Cage im Pariser Hôpital de Toux

Montag, 12. Dezember 2011

Soeben direkt live auf France Musique aus dem Théâtre de la Ville in Paris das John Cage-Konzert „Vocal pieces / Freeman Etudes / One9“ mit Mayumi Miyata sho (solo), Carolin Widmann violin (solo), Exaudi Vocal Ensemble (12 singers), James Weeks direction.

Ear for EAR (Antiphonies, 1983), Ensemble vocal Exaudi, James Weeks, direction. – Grosse Spannung zwischen zwei mönchischen Männerstimmern und einer ebensolchen mit Riesenhustern im Publikum.

Freeman Etudes 2 et 3, pour violon solo (1977-1990), Carolin Widmann, violon. – Irvine Arditti hörte ich das ganze Stück (1-32) spielen in Frankfurt am 18. 9. 1992. Auch hier heute wieder die ebenso starke Faszination von damals.

Four Solos (1988), Ensemble vocal Exaudi, James Weeks, direction. – Vier freigelassene Cathy Barbarians auf der Bühne; endlich stoppen die PariserInnen das Husten und lachen, zaghaft.

Freeman Etudes 16 et 27, pour violon solo (1977-1990), Carolin Widmann, violon. – Das Pariser Publikum scheint zu wenig diszipliniert, als dass es mit den kompletten Freeman Etudes beglückt werden dürfte. Schade, für mich, jetzt & hier. Die Musik dünkt mich wie vor zehn Jahren ausserordentlich locker & luftig, völlig unangestrengt. Ich klatsch unter Kopfhörern … nur die unzivilisierten Eingeborenen von Paris husten, HUSTEN alles raus, was ihre Raucherlungen hergeben!

Four2 (1990), Ensemble vocal Exaudi, James Weeks, direction. – Cages Musik im Kampf gegen einen Stall belegt mit einem Troupeau von Hustern.

One9, nf 8, pour shô solo (1991), Mayumi Miyata, shô. – Auch im grauslichen Frankfurt war diese Musik schön, 1992, aber viel länger, in einem der letzten von vielen Cagekonzerten. Einige HusterInnen in Paris ertönen mittlerweile wie schon halbwegs in die Hölle abgesunken; der Engelsmusik können sie indes nichts mehr anhaben.

Hymns and Variations pour douze voix amplifiées (1979), Ensemble vocal Exaudi, James Weeks, direction, Christophe Mazzella, réalisation sonore. – Zum Einschlafen geht’s. Ich träum von den Four Solos und den kompletten Freeman Etudes, in denen niemandem etwas weggenommen worden ist wie hier den Tönen ihre Harmonie. Sollen Töne blutt sein?

Ein Tip an die Kulturingenieure des Meliorisationsamtes von Paris wäre es vielleicht, bei den Theatern eine Leibesvisitationsapparatur aufzustellen und alle, die ein Päckchen Françaises, Gitanes oder Gaulloises auf sich tragen, vor den Stadtmauern von Paris auszusetzen. Incipit cultura.

Wolfgang Mitterer: out of time

Freitag, 9. Dezember 2011

Soeben live auf Ö1 das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Cornelius Meister mit Wolfgang Mitterer, Orgel, Konzert vom 5. Dezember im Großen Musikvereinssaal in Wien.

Wolfgang Mitterer: „out of time“ für Orchester, Orgel und Electronics (2011; Uraufführung). Nach Little Smile die zweite Uraufführung dieses Komponisten im Jahr 2011, und die Begeisterung ist auch hier wieder gross. Man stelle sich ein Symphonieorchester vor, dessen MusikerInnen möglichst viel zu tun haben sollen, ein gleiches zweites, dessen Spiel zuvor aufgenommen, dann sporadisch elektronisch verändert wurde und nun dem ersten von hinten zugespielt wird, und als Drittes eine Konzertorgel, die als selbständiges ganzes Orchester zu den anderen beiden hinzutritt. Wer seiner Phantasie freien Lauf gewährt, kommt bei Mitterers out of time auf die Rechnung: die Klang- und Ereigniserwartungen werden nicht enttäuscht.

Chaya Czernowin in Bern

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Soeben auf DRS 2 Konzert vom 20./21. Oktober im Kultur-Casino Bern mit dem Berner Symphonieorchester, Leitung: Mario Venzago. Mit Alexander Kaganovsky, Violoncello, dem Ensemble Nikel, dem Herrenchor der Stadt Bern und Robin Adams, Sprecher.

Chaya Czernowin: Stück mit einem Namen, den nachzufragen DRS2 zu faul war (wie die Radiostation auf Felgen auch nicht imstande ist, ein gewöhnliches, in der Reihenfolge der Stücke verlässlich informierendes Konzertprogramm zu notieren).

Luigi Nono: Incontri. Nono in Bern? Sind bessere Zeiten im Anzug? Mich freut’s mit Incontri doppelt, da Nonos Musik sowohl in jede Programmzusammensetzung passt wie dieses frühe Stück zeigt, dass auch eine historisch überwundene Ästhetik noch Momente aufzuweisen vermag, die unmittelbar berühren und das Denken in Schwung versetzen.

Chaya Czernowin: «Zohar Iver» (Blind radiance) für Ensemble und Orchester. Wie das Anfangsstück des Konzerts, von dem ich nicht wissen kann, ob es als Publikumsüberraschung konzipiert worden ist (was mir unangebracht schiene) mit grossem Orchester und einer elektrischen Gitarre, die ich gerne noch mehr in Orchesterstücken hören würde, da sie äusserst diszipliniert gespielt wird (wie verwunderlich gut ihr die komponierte Selbstdisziplin nur steht…), nicht selten in spannendem, auf verschiedene Weise verschmelzendem Duo mit dem Solosaxophon, weit ab von Jazz & Rock. – Wie zu lesen ist, hat Czernowin ihre frühen Werke zurückgezogen: hoffentlich macht sie diesen Schritt rückgängig, da es für Aussenstehende nicht selten interessant ist, Spuren von Denkprozessen da zu verfolgen, wo die Schöpfer meinen, sie radikal überwunden zu haben. Die neuesten Stücke gefallen mir zwar entschieden besser als die frühen, aber ich hatte auch in diesen Erstversuchen immer den Eindruck, einem interessanten Gebilde auf der Spur zu sein.

Joseph Tal: Symphonie Nr. 1. Das Werk wurde nur als Fragment gesendet – es wäre gefälligst zu wiederholen, in Wiedergutmachung der unverzeihlichen Panne öftere Male. Ich lese gerade die Autobiographie Tonspur (Tal hatte immerhin Varèse zuhause besucht und war mit ihm gut ausgekommen, kein schlechtes Zeugnis), und das Stück hätte ich als erstes seiner Werke zu hören bekommen, wenn bei DRS2 eine technische Kontrolle noch zur Grundausstattung des Senders gehören würde.

Ernest Bloch: Schelomo. Hebräische Rhapsodie für Violoncello und Orchester. Es überrascht immer wieder, wie unter der antiquarischen Ästhetik sich in vereinzelten Formvorgängen interessante Impulse breitmachen können.

Arnold Schönberg: A Survivor from Warsaw (Ein Überlebender aus Warschau) op. 46. Mit diesem Stück zusammen, das wie alle anderen des Konzerts sehr fesselnd und klärend aufgeführt wurde, ist dem Berner Symphonieorchester möglicherweise einer der besten Konzertabende seit langem gelungen.

Mauricio Kagel: In der Matratzengruft

Montag, 5. Dezember 2011

Soeben auf France Musique Concert enregistré le 9 novembre à Paris, à la Cité de la Musique, dans le cadre du cycle „La Mélancolie“, Ensemble Intercontemporain, Emilio Pomarico, direction.

Hector Parra (né en 1976), Caressant l’horizon (2011), création mondiale. Remerciements au Mécénat Musical Société Générale. Sehr schöne Musik. (Ich konnte gerade noch registrieren, dass diese Musik unverhofft schön ansetzt, verfiehl dann aber trotz Gegenbemühungen in einen Schlaf, der erst während des Kagelstückes unterbrochen wurde, vielleicht auch schon während seiner Ansage. Es existiert ein Problem in der Programmierung, wenn ein unbekannter Komponist neben einem sehr bekannten aufgeführt wird, insbesondere dann, wenn einen diesen berühmteren nicht mehr stark interessiert: das Desinteresse oder erlahmte Interesse färbt auch als Vorurteil auf den noch unbekannten ab, in diesem Fall als winterliche Schlafenergie, gegen die die muskalischen Lebensgeister nicht mehr anzukämpfen vermochten. Ich tät Caressant l’horizon gerne noch einmal im Wachzustand zu mir nehmen. Really, trust me.)

Mauricio Kagel (1931-2008), In der Matratzengruft, pour ténor et ensemble (2007-2008, création française), Markus Brutscher, ténor. Musik für die letzten Stunden; zum ersten Mal ist er ernst und wäre er ernstzunehmen (der Komponist).

Philippe Manoury, Noon

Montag, 21. November 2011

Soeben auf France Musique le concert enregistré le 8 octobre à Strasbourg, Palais de la Musique et des Congrès, dans le cadre du festival Musica, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR / SWR Vokalensemble, Anton Zapf, direction:

Philippe Manoury (né en 1952), Noon, poèmes d’Emily Dickinson (2003). Claudia Barainsky, soprano, Philippe Manoury, projection sonore, Serge Lemouton, réalisation informatique musicale Ircam, Olivier Pasquet, régie informatique, Matthias Reusch, ingénieur du son, Anton Zapf, direction.

Eine einfache Musik fürs Zuhören, vielleicht sogar an der Grenze zum Kitsch, wenn auch niemals darüber hinaus – nichtsdestoweniger äusserst faszinierend in ihrem Aufbau und in ihrer inneren Struktur. Obwohl eine erzählende, gar melodramatische Musik, sind es die unverhofft wechselnden Klänge, zu der auch die Stimme gehört, die einen staunen machen. Mich dünkt das ein Werk, das sowohl in der Kunstmusik seinen Platz haben wird wie im Publikum der Rockmusik Begeisterung auszulösen imstande wäre. Jedenfalls hat es mich so aus dem Dämmerschlaf hochfahren lassen, in den mich die zwei vorangegangenen nennensunwerten Konzertstücke versetzt hatten, wie wenn man einer schlafenden Katze einen Fisch fünfzig Zentimeter über den Kopf halten würde.

Jean-Luc Darbellay, Cosmos

Dienstag, 1. November 2011

Soeben auf Espace 2 direkt live le 2e concert d’abonnement de l’Orchestre de chambre de Lausanne donné à la Salle Métropole à Lausanne dans le cadre de la saison 2011-2012.

Jean-Luc Darbellay, Cosmos, pour multi percussion et orchestre (création mondiale), dir. Pascal Rophé, Lausanne, Orchestre de Chambre Evelyn Glennie.

Das Werk ist entschieden in die Hosen gegangen. Der Komponist sollte die Schlazeugsolos der Rockmusik, die ständig aufscheinen, endlich zur Kenntnis nehmen: sie waren allemal einstens besser als die Anspielungen hier, die einem doch nur klarmachen, dass sie keine sind. Das Stück hat weder eine Konzeption noch eine Ästhetik, die im Jahr 2011 ernst zu nehmen wären. Am schrecklichsten dünkt mich das Publikum, das im Applaus schlussendlich aufzugehen schien. Bezahlte Claqueures?

Tribune internationale des compositeurs 2

Sonntag, 30. Oktober 2011

Soeben auf Espace 2 Teil 2 der Senderauswahl der Tribune internationale des compositeurs aus Wien vom 7. bis 10. Juni 2011. Wenn ein unbedarfter Bürger und eine brave Bürgerin mit dieser Sendung zum ersten Mal mit Neuer Musik in Kontakt kommen, werden sie eine solche ihr Leben lang meiden und ihre herkömmlichen Pippisounds mit Fug als das nehmen, was sie werbetechnisch von sich behaupten, Musik für sie zu sein, die besser nicht erträumt werden könnte. Was die Radiosender hier tun, ist radikales Abwürgen aller anstehender Musikvermittlung im Keime.

Francesco Filidei, Macchina per scoppiare Pagliacci, dir. Orchestre national de la Rai, Pascal Rophé. – Expressionistische Artikulation einer gesellschaftlichen Erstickung, wie ein eingeschwärztes Bild. Trotz des Hangs zu einer konkretistischen Erzählweise faszinierend.

Tatjana Kozlova, Disintegration chain, dir. Curious chamber player, Rei Munakata. – Eine Atmosphäre beschreibend, in der alles hell gestimmt ist: Ländlerkitsch.

Julieta Szewach, Como el rayo que estalla en los aires, se quebraran las estrellas, dir. Chorus of the Orchestra of Indigenous Instruments and New Technologies, Alejandro Iglesias Rossi. – Chormusik für Indianerinnen. Ländlerkitsch von der Konzeption her, in der Realisation aber schön & ergreifend wie Herbstbilder aus dem Wallis.

Raminta Serksnyte, Midsummer song, dir. Kremerata Baltica Orchestra, Gidon Kremer. – Ländlerkitsch schon wieder? Tut jedenfalls nicht weh. So schön wie die Komponistin ist die Musik niemals, und das rettet sie.

Jasna Velickovic, Last song, dir. José García, Diego Espinosa, Lester Rodriguez, Juan Martinez. – Hübscher Kuhglockensound auf der Alp, vom üblen Strauss ab Platte unterbrochen.

Niels Rosing-Show, Chimere, dir. Danish National Symphony Orchestra, Thomas Sondergard, Andreas Brantelid. – Schläfrige Gartenlaubenmusik.

Daniel Bjarnason, Bow to String, dir. Saeunn Porsteinsdöttir. – Nur wenig unterhaltsame Kinderzimmermusik. Let’s go to Björk!

Hafdis Bjarnadottir, A day in February. – Schlechter Geschmack in den Ohren.

Danny mc Carthy, Mick O’Shea, magnetic field rotation, dir. Danny mc Carthy, Mick O’Shea / The quiet club. – Noch schlechterer Geschmack, wie in einem Frankfurter Jazzclub.

Friedrich Cerha: Spiegel I-VII

Freitag, 28. Oktober 2011

Soeben auf OE1 Wien Modern 2011 live – Eröffnungskonzert.

Friedrich Cerha: Spiegel I-VII für großes Orchester und Tonband (1961). Übertragung aus dem Großen Konzerthaussaal in Wien. ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Cornelius Meister.

Eine spannende und körperlich packende Musik gänzlich ausserhalb der Strukturmomente von tänzerischen Bewegungsimpulsen und Liedmotiven. Die Glissandotechnik erinnert weniger an Ligeti und Xenakis als an eine immer noch unerkannte der Leitmotivik ohne Motivteile. So weit von Wagner entfernt ist er es doch immer wieder, der einem beim Begreifen des ganzen eineinhalbstündigen Meisterwerks in den Sinn kommt.

Tribune internationale des compositeurs 1

Montag, 24. Oktober 2011

Gestern Abend auf Espace 2 Teil 1 der Senderauswahl der Tribune internationale des compositeurs aus Wien vom 7. bis 10. Juni 2011. Selten habe ich soviel schlechte neue Musik auf einem Haufen gehört, als ob man eine Jekami-Veranstaltung einer Grundschule dokumentiert hätte. Die Denkhaltungen und Ästhetiken dieser Leute bewegen sich gänzlich ausserhalb des historischen Horizontes, aus dem sie kommen. Am meisten geärgert hat mich das Werk Dislokationen der Komponistin Iris ter Schiphorst, weil sie vor einer Woche in Donaueschingen positiv herausragte, hier aber um so mehr das Übel des Mainstreams repräsentierte, so zu agieren, als ob es gelte, in einer Disco obenauf zu schwimmen. Nehmt endlich zur Kenntnis, dass man in der Kunst und in der Musik nicht wie in der Finanz- und Industriewelt alles darf. Ein Minimum an geistiger und kompositionstechnischer Selbstkontrolle ist gefordert.

Sven Sosnitski, Solara ( dir. Kristi Mühling , Helena Tuuling , Indrek Pjus , Sven Sosnitski ).

Benjamin Attahir, N’Zah ( dir. Orchestre Ntional de France , Florian Gassagne , Giani Caserotto ).

Alberta Navickas, Blanche t’a vu ( dir. Egle Sirvydyte ).

Juan Pablo Nicoletti, Abismo al abismo.

Iris ter Schiphorst, Dislokationen ( dir. Christop Grund ).

Miroslav Srnka, Les adieux ( dir. Ensemble Modern , Matthias Pintscher ).

Sebastian Fagerlund, Ignite ( dir. Finnish Radio Symphony Orchestra , Sakaro Oramo ).

Anthony Pateras, Flesh and ghost ( dir. Speak percussion , Eugene Ughetti ).

Judith Ring, …within an egg of space ( dir. Concorde Ensemble ).

Pli selon pli (2)

Montag, 17. Oktober 2011

Soeben auf France Musique live vom 27 septembre à Paris, Salle Pleyel:

Pierre Boulez (né en 1925): Pli selon pli (Portrait de Mallarmé pour soprano et orchestre).

Barbara Hannigan, soprano, Académie du Festival de Lucerne, Ensemble Intercontemporain, Pierre Boulez, direction.

Die letzte übetragene Aufführung erfolgte am 30. September aus München, direkt live, also später als die heute gehörte. Eine Wonne auch jetzt, ebenso wie immer unter Kopfhörern.

Luca Mosca, L’Italia

Sonntag, 16. Oktober 2011

Soeben auf Espace 2 live vom 15 mai 2011 au Teatro Goldoni de Firenze:

Luca Mosca, L’Italia del destino.

L’orchestre du Maggio Musicale Fiorentino est placé sous la direction de Marco Angius

Diese Pfadfinder-Oper ist so unspannend, unlustig und unsinnig wie eine Schlagerparodie, die niemals etwas anderes ist als die Zehrung des Parodierten.

Haddad, Hagen, Dohmen

Sonntag, 16. Oktober 2011

Soeben auf SWR 2 live direkt von den Donaueschinger Musiktagen aus dem Mozart Saal der Donauhallen: Abschlusskonzert.

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Nina Janßen (Klarinette)
Gjermund Larsen (Hardanger Fiddle)
Leitung: François-Xavier Roth

Saed Haddad: „Kontra-Gewalt“ für Klarinette und Orchester (UA). Sehr früh schon verwirrende Sequenzierungen, dann beim Hören zunehmend Sehnsucht nach den Stücken für die Stuttgarter VokalsolistInnen, die ernster waren und auch in scheinbar schwachen Passagen mehr Drive zeigten.

Lars Petter Hagen: „To Zeitblom“ für Hardanger Fiddle und Orchester (UA). Nichts auszusetzen, ausser an den nachäffenden Textstellen zum Gedenken Adornos.

Andreas Dohmen: „zirckel / richtscheyt / felscher“ für großes Orchester (UA). Die verdiente saftige Antwort aufs Adornospiel Hagens: Eine zeitgenössische Hausmusik der Investmentbankers. Für Bettler langweilig, buhwürdig: undichter Neoskrjabinismus.

Nemtsov, Walshe, Maïda, Schiphorst

Sonntag, 16. Oktober 2011

Soeben auf SWR 2 live von den Donaueschinger Musiktagen, Vokalkonzert vom Vormittag aus dem Bartók Saal der Donauhallen.

Neue Vocalsolisten Stuttgart.

Sarah Nemtsov: „Hoqueti“ für 6 Solo-Stimmen mit Zusatzinstrumenten zu Traum-Texten von Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Bert Brecht (UA).

Jennifer Walshe: „WATCHED OVER LOVINGLY BY SILENT MACHINES“ (UA).

Clara Maïda: „X/Y“ für 7 Stimmen (UA).

Iris ter Schiphorst: „Studien zu Figuren, Seria A“ (UA).

Gar nicht so unhübsche & unmusikalische Döskunst, mit Ausnahme der Studien von Schiphorst, die einen nicht nur munter, sondern auch ernsthaft aufmerksam werden lassen.

Rebecca Saunders: Stasis

Samstag, 15. Oktober 2011

Soeben direkt live von den Donaueschinger Musiktagen aus dem Strawinsky Saal der Donauhallen: Ensemblekonzert 2.

musikFabrik, Einstudierung: Rebecca Saunders.

Rebecca Saunders: Stasis für Ensemble und Raum (UA). Eine abgründig schöne Musik.

Sergej Newski, Wolfgang Mitterer, Hans Thomalla

Samstag, 15. Oktober 2011

Soeben auf SWR 2 live direkt von den Donaueschinger Musiktagen aus dem Bartók Saal der Donauhallen: Ensemblekonzert 1.

Experimentalstudio des SWR, musikFabrik, Sarah Maria Sun (Koloratursopran), Leitung: Enno Poppe.

Sergej Newski: „Arbeitsfläche“ (UA). Musik ohne Drive und ohne Dichte, eine nur für sich.

Wolfgang Mitterer: „Little Smile“ für Ensemble und Live-Elektronik (UA). Die Post geht ab, das Leben ist kurz – und die Musik das Beste. Nur enden hätte das Stück oder der Auftritt nicht sollen.

Hans Thomalla/William Lamson: „The Brightest Form of Absence“, Multimedia Komposition für Stimme, Ensemble, Live-Elektronik und Videoprojektion (UA). Man muss gerne herumdösen, wenn man mit dieser Art eines Naturthemas in der Kunst viel anfangen will. Schön ist das Stück allemal, zumindest in der virtuosen Handhabung der Technologien. Die Erinnerung ans Fernsehen dünkt mich zu aufdringlich.

Pierluigi Billone, Wolfgang Rihm

Freitag, 14. Oktober 2011

Soeben auf SWR2 direkt live aus der Baar-Sporthalle von den Donaueschinger Musiktagen: Eröffnungskonzert.

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Leitung Emilio Pomàrico mit musikFabrik, Alda Caiello (Stimme), Lorelei Dowling (Fagott).

Pierluigi Billone: „Phonogliphi“ für Stimme, Fagott und Orchester (UA). Ziemlich interessanter Weg neuester Musik durch die Naturlandschaft, auf dem das, was man als Struktur und Form erwartet, als Schichten, Lagen und Fallniveaus erscheint.

Wolfgang Rihm: Séraphin-Symphonie (2011) für Ensemble und Orchester (UA). Das Schichtähnliche in diesem Stück, auf das der Komponist in gesendeten Gesprächsausschnitten selbst hingewiesen hat, ist eine Verfahrensweise mit der Möglichkeit, die Strukturformen, die nicht auseinander abgeleitet werden können, übereinander darzustellen, öfters durch verschiedene Tempi und Beschleunigungen. Anders als im Stück von Billone verbinden die Schichten, indem sie durchscheinen lassen und kenntlich machen, was alles im Stück zur Musik wird und keineswegs als zerfallene, möglicherweise gar ausgesonderte Natur zu denken wäre. Es bleibt hier alles Musik, der man so aufmerksam folgen will wie immer schon jeder guten & spannenden (klar, der letzte Takt ist missraten – kann passieren).

Zusatz am andern Morgen: Rihms Séraphin-Symphonie erweckt beim ersten Hören mehr Aufmerksamkeit und Spannung als Billones Stück Phonogliphi, dem in geringem Masse auch Momente der spannungslosen Ambientemusik zugehören. Aus der Distanz verbirgt Phonogliphi aber mehr an Rätselhaftigkeit, der man durch nochmaliges Zuhören auf die Spur kommen möchte. Bei Rihm ist die Vermutung manchmal gerechtfertigt, dass er Spannungsbögen willkürlich unterbricht und aufgestauter Energie da einen Weg freimacht, wo es ihm im Moment des Komponierens gerade zupass kommt. Dieses einzigartige virtuose Komponieren verbaut den Stücken das, was die angestrengteren der anderen zuweilen in ein Schlechtes kippen lässt, zuweilen indes in einen verführerischen Zauber, von dem man zu wissen glaubt, er mache die grosse Kunst aus.

Für John Cage: Wilhem Latchoumia, piano

Montag, 10. Oktober 2011

Soeben live auf Radio France Musique Konzert vom 26. September in Paris im Théâtre Bouffes du Nord mit dem präparierten Klavier von Wilhem Latchoumia.

John Cage (1912-1992)
Daughters of the Lonesome Isle

Oscar Bianchi (né en 1975)
Schegge

John Cage
Radio Music

Karl Naegelen (né en 1979)
Piano guiro

Thierry Blondeau (né en 1961)
Redshift

John Cage
Radio Music

Francesco Filidei (né en 1973)
Filastrocca girardina

Pierre Jodlowski (né en 1971)
Série „C“

John Cage
Suite for toy piano

Alex Mincek (né en 1975)
Pendulum VIII : „TKS I“

Gérard Pesson (né en 1958)
Cage in my car

John Cage
Radio Music

Ich habe nach den Daughters of the Lonesome Isle nicht viel von diesem Konzert gehört, mehr aber von einem ganz anderen. Ich stehe mitten in einem Orchester, ziemlich direkt vor dem Dirigenten, Pierre Boulez. Mein Instrument ist die riesige Sitar, umgehenkt wie eine Gitarre – und vollkommen ungestimmt. Mir ist es äusserst peinlich, dass erstens das Instrument nur falsche Töne von sich gibt, ständig und dank den Resonanzsaiten selbständig, zweitens ich es nicht spielen kann und drittens ich demnächst unter seiner Last zusammen brechen werde. Ich komme auf die Idee, normal auf den Boden zu sitzen, weil ich so wenigstens das Instrument halten und ihm gleichzeitig sozusagen den Mund stopfen kann, ohne dass man dies, mit Ausnahme des Dirigenten, zu sehen bekäme. Man macht sich keine Vorstellung davon, wie ich mit dem riesen Instrument unter allen MusikerInnenbeinen durchkrieche, das böse Ding im Schlepptau, ständig durch Antippen darum bittend, den Stuhl ein wenig zur Seite zu schieben. Endlich plaziere ich mich wieder vor dem Dirigenten – keine Ahnung, wieso ich nicht auf der nämlichen Stelle mich niedergelassen hatte. Ich gebe mir Mühe, so zu tun, als wäre ich nicht nur ein dummer August, sondern in Wirklichkeit auch ein Musiker wie die anderen, und wache auf. Arnaud Merlin sagt gerade das erste Stück von CD nach dem Konzert an.