Archiv für den 'Musik'-Themenbereich

Arnulf Herrmann: Wasser

Mittwoch, 29. August 2012

Gestern auf Bayern 4: Arnulf Herrmann, Wasser, Musiktheater in 13 Szenen, Libretto von Nico Bleutge, mit Sarah Maria Sun, Boris Grappe, Sebastian Hübner, Jörg Deutschewitz, Georg Gädker, Tobias Schierf, Schola Heidelberg, Ensemble Modern, Leitung Hartmut Keil, Aufnahme vom Juni 2012 an der Münchner Biennale.

Die Designeroper Wasser zeigt schnell schon ihre problematischen Seiten im thematischen Gehalt und in der musikalischen Sprache. Eine eigentümliche Schönheit verzaubert, indem gruppierte Signaltöne nicht nur als gehörte Zeichen auf eine Deutung pochen, sondern durch mikrotonale Minimalabweichungen als aufgespaltene, nichtsdestotrotz einheitliche Formgebilde wirken, die ihre Plätze sowohl im hohen wie im mittleren und sehr tiefen Tonbereich einnehmen. Neben ihnen existiert nur noch ein einziges weiteres Formgebilde, simple Tonreihen, die wie Luftblasen im Wasser nur aufwärts zum Zuge kommen. Der kompositorische Reduktionismus ist deswegen fragwürdig, weil durch ihn das Hören einfach zu schnell auf eine Metaebene abgleitet, wo es sich in zunehmendem Masse missmutig fragt, was solche exceptionelle Schönheit soll, reine aufsteigende Tonleitern, die zwischen reine Kleingruppen von Tönen gestellt sind. An die Diversität von Rückgriffen auf die Tonalität hat man sich längst gewöhnt und befürwortet tapfer die Meinung, nicht alle gerieten ins Fahrwasser des Neoklassizismus. Das Problem ist anders. Es ist nicht die Schönheit in den einzelnen Klängen, die nervt, weil sie nur durch den Bezug zur Tonalität ermöglicht wird, sondern die Weigerung, in dieser aus dem Archiv reaktivierten Tonsprache Bewegungen und Alterationen zuzulassen. Wie der restringierte Code eines Ungeistes nur immer sagen kann und vom Anderen gesagt hören will, dass etwas gut sei oder schlecht, vermeidet Herrmanns Kompositionstechnik jedes Modulieren oder Abdriften in unvorhergesehene Gebiete, um ja nicht den Anschein zu erwecken, es könnte ein Teil des Werkes oder gar mehrere Momente anders sein als schön. Erst nach dem Verklingen dieses neuesten Stückes aus der Sparte Musiktheater hat man das Gefühl, eine Stunde lang frommen MusikantInnen zugehört zu haben, die erst gerade gelernt haben, diejenigen Noten auf ihren wunderschönen Instrumenten zu spielen, die ausser einem kleinen, mikrotonalen Pfeil nach oben oder unten noch keine Vorzeichen nötig haben. Gleich wie in der Musik fühlt man sich auch beim Erzählgeschehen wie an der Nase herumgeführt, und auch hier missfällt ein eigentümlicher Ästhetizismus. Wegen der genannten zwei Formgebilde sah ich mich ständig verführt, an Selbstmordphantasien zu denken, gegen die ich insbesondere in den Träumen zu kämpfen habe – gerade wie dann auch wieder in der Nacht nach dem Konzert. Doch nichts im Vokabular, dem man lauscht, gibt einem Hinweise, in welche Richtung zu denken wäre, denn es ist von Anfang bis zum Schluss, der nicht musikalisch, sondern mit dem auf der Bühne gesprochenen Wort „ausgezeichnet“ beschlossene Sache ist, eines aus der Welt der Dekoration und der willkürlichen Werbung. Statt das kritische Bewusstsein in Schwung zu setzen und das Nachdenken über existentielle Fragen anzuheizen, schläfert diese Oper ein. Das Leben immer schon nur als vergangenes, seine Geschichten Sedimente in einem Tümpel.

Zimmermann: Die Soldaten

Samstag, 25. August 2012

Soeben live auf Ö1 Bernd Alois Zimmermann, Die Soldaten, Oper in 4 Akten, Ensemble Scala Mailand (?), Wiener Philharmoniker, Dirigent Ingo Metzmacher, aufgenommen am 20. August 2012 in der Felsenreitschule im Rahmen der Salzburger Festspiele.

Wenn andere Leute neuerdings der Meinung sind, dieses Werk sei das beste musiktheatralische Stück, die beste Oper des 20. Jahrhunderts, schliesse ich mich ihr nach dieser unüberbietbaren Interpretation in einer perfekten, unter Kopfhörern und ohne Bild bis ins letzte Detail duchhörbaren Aufnahmetechnik bedingungslos an. Kein Moment, wo man nicht mit höchster Aufmerksamkeit der Musik und den erzählerischen Ereignissen nachspüren wollte.

Das Problem dieses Meisterwerks ist allein der Titel, der eine falsche Fährte legt und einem mit der Welt der bösen Militärsoziologie und des regressiven Kriegsfilms droht. Mit dem Titel Marie, den der Internationale Musikrat IMC rechtskräftig zu beschliessen hätte, wäre die alte und innere Nähe zum Wozzeck wiederhergestellt und sowohl das Missverständnis wie der Missmut in der Erwartungshaltung des allgemeinen, noch nicht informierten Publikums endlich aus dem Weg geräumt.

George Benjamin: Written on Skin

Sonntag, 22. Juli 2012

Soeben auf France Musique concert donné le 5 juillet au Grand Théâtre de Provence: George Benjamin, Written on Skin (Création mondiale). Orchestre Mahler Chamber Orchestra, George Benjamin, Direction.

Aufgewärmter Strauss-Mist, nie über eine Musik hinausgehend, die sich zu einer überlebten nachäffend verhält. Die schlecht komponierten Gefühle und Empfindungen stehen wie abgesägt da, wie als Gegenteil der Musik von Marco Stroppa, in der stellenweise die Expressivität dank der Elektronik grandios über das Menschenmögliche hinausgezogen wird – das wäre es, was man in der Kunst erwarten möchte, kein Verfahren, das auch im Kinderzimmer Erfolg haben dürfte.

Glanert : Huelgas Ensemble

Donnerstag, 19. Juli 2012

Gestern direkt live auf Ö1 Detlev Glanert, „Solaris“, Prager Philharmonischer Chor, Wiener Symphoniker, Dirigent Markus Stenz, Uraufführung an den Bregenzer Festspielen. – Zum Windeln Wechseln.

Nach einer halben Stunde, ohne einen Ton des Kommenden verpasst zu haben, Wechsel auf Bayern 4, live vom 30. Juni 2012 am Festival de Granada: Huelgas Ensemble, Leitung: Paul van Nevel, Spanische und franko-flämische Werke des 16. Jahrhunderts. – Grandios die Auswahl der Stücke, grandios die Interpretation. Hier spürt man den Druck der Zeit, wie er in guter Musik wütet, als das Versprechen auf eine Zukunft immer schon, wenn denn musikalisch in der Kompostion überhaupt etwas gedacht worden ist.

Zusatz 26. Juli, 21.30 Uhr: Soeben auf Südwest 2 dasselbe Konzert, im Gegensatz zu der Sendung auf Bayern 4, wo das Konzert ohne Unterbruch gebracht wurde, hier vor fast jedem Stück eine endlos ausführliche Ansage, so dass der Reiz der kompositorischen Rekonstruktion und also das hörende Aufeinanderprallen der unterschiedlchen Ästhetiken und Techniken in dem einen Konzertguss nicht mehr geschehen konnte.in der Kompostion überhaupt etwas gedacht worden ist.

Heinz Holliger

Sonntag, 15. Juli 2012

Soeben live auf Espace 2 concert de l’ensemble Contrechamps dédié au compositeur suisse Heinz Holliger donné le 17 janvier 2012 de la saison 2011/2012 au studio Ansermet de Genève.

Heinz Holliger, Ma’mounia pour percussion et quintette instrumental (2002).

Heinz Holliger, Partita (1999).

Elliott Carter, Figment VI [Invention VI] pour hautbois solo (to Heinz 1.12.2011).

Heinz Holliger, Puneigä, dix lieder d’Anna Maria Bacher avec intermèdes, pour soprano et ensemble (2000-2002). (Vgl Blognotiz 31. 12. 2011)

Grossartiges Konzert mit Stücken, die einen dazu aufforden, ernsthaft mehr & ausführlicher über sie zu diskutieren als durch eine blosse Meinungsabgabe zu erledigen wäre.

José M. Sánchez-Verdú

Donnerstag, 12. Juli 2012

Gestern auf DRS 2 eine Sendung von Thomas Meyer über den Komponisten José M. Sánchez-Verdú: ein Name, den man sich merken sollte.

Warum nur schafft es der selbstgerühmte Kultursender der Schweiz nicht, Kunstmusik über die Grösse des Müsterlis hinaus zu senden? Dieser Geiz hier und diese Abwehr, um sich nicht um das Bisschen Geld zu kümmern, das man braucht, damit Konzerte oder wenigstens einzelne ganze Stücke gesendet werden können. Aber wir warten und lesen täglich die Programme der Radiosender der umliegenden Länder, um parat zu sein, wenn Musik dieses Komponisten zu hören sein wird.

Peter Eötvös, Konzert und Levitation

Freitag, 22. Juni 2012

Soeben direkt live auf SWR2 Direktübertragung aus der Stuttgarter Liederhalle Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Dirk Altmann und Sebastian Manz (Klarinette), GrauSchumacher Piano Duo, Leitung: Peter Eötvös.

Peter Eötvös: Konzert für 2 Klaviere und Orchester. – Das altertümliche Stück verbreitet schlechte Laune. Da ist nichts drin, was einen aufwecken würde, als ob ein billiges Computerprogramm den Mist zusammengeschrieben hätte. Ein Abschiffer.

Peter Eötvös: „Levitation“ für 2 Klarinetten, Streicher und Akkordeon. – Quiquelebendig und farbig, zu erwarten von Eötvös immerzu. Eine wunderschöne frische Musik wie ein Bergsee zum Hineintauchen frühmorgens.

Giorgio Battistelli: Richard III

Sonntag, 17. Juni 2012

Soeben live auf Espace 2 Giorgio Battistelli, Richard III, Dramma per musica en 2 actes, enregistré le 30 janvier 2012 au Grand Théâtre de Genève.

Zu ertragen war eine einfältige Polizeicorpsmusik mit Schauerromantikzusätzen, in ewig gleichbleibender Instrumentierung und in kaum je akzentuierten Lautstärkegraden. Es möge das Denken tunlichst ausschalten, wer dem musikalischen Verlauf mit Verstand folgen will, denn es gibt in diesem Breisound nichts musikalisch Komponiertes zu entdecken, auch nie je etwas Kontrapunktisches im Kleinen: man hat nur mehr als zwei Stunden lang das Ende abzuwarten.

James Joyce: Ulysses

Sonntag, 17. Juni 2012

Soeben auf SWR2 Ulysses in Hörspielfassung, Regie Klaus Buhlert, gestern Bloomsday von 8 Uhr durchgehend bis heute 6 Uhr, unterbrochen meinerseits nur von 21.30 bis 1.30 Uhr, zwecks Neuladung der eigenen Akkus und derjenigen des Funkkopfhörers, und für einige Passagen gestern Nachmittag.

Merci für die Gedächtnisauffrischung der ersten Lektüre vor 35 Jahren und des Sauflebens damals.

Ensemble Graindelavoix

Donnerstag, 14. Juni 2012

Soeben auf Bayern 4 Aufnahme vom 27. Mai 2012 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg im Rahmen der Reihe Musica Antiqua: Konzert mit dem Ensemble Graindelavoix, Leitung: Björn Schmelzer.

Wer mit Musik um 1500 etwas anfangen kann, sollte sich unbedingt mit dieser Band vertraut machen, in der Stimmen tätig sind, die nicht auf vokale Homogenität ausgerichtet wurden, sondern ihrer eigensinnigen Qualität folgen. Das musikalische Resultat ist umwerfend, die alte Musik lebendig wie selten.

Philippe Manoury, Yann Robin

Mittwoch, 13. Juni 2012

Soeben direkt live auf France Musique de la Cité de la musique, Paris: Hae-Sun Kang, Violon, Orchestre Philharmonique de Radio France, Jean Deroyer, Direction.

Philippe Manoury, Passacaille pour Tokyo. – Eine Musik wie alte Telefonkritzeleien in Serie gesetzt, insgesamt ein bisschen schläfrig und mit Répons händchenhaltend. Nach knapp 15 Minuten geschieht ein akustischer Wechsel, der einen glauben macht, vorher hätte es einen Aufnahme- oder Übertragungsfehler gegeben. Schade für das zwanzigminütige Stück.

Philippe Manoury, Synapses, concerto pour violon et orchestre, Création Française. – Auch in diesem Stück will die Musik nicht recht wach werden, sie geht nur gehemmt vorwärts, als ob sie in Kinderstiefelchen stecken würde und ständig nach Pfützen Ausschau hielte, Partien aus Répons auch hier, die das Stück wiederzubeleben vermöchten. Obzwar wenig anstrengend, ist das Zuhören dennoch genüsslich. Sehr gut hat mir die Coda gefallen, wie ein Troupeau junger Staren, der vom Fenstersims auffliegt, wo alle zusammen sich eine Woche lang vollfüttern liessen, mit kostbaren Pinienkernen und teuren Tiroler Kirschen, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

Yann Robin, Inferno, pour grand orchestre et électronique basé sur la Divine Comédie de Dante, Création mondiale. – Der Komponist behauptet noch wenige Minuten vor der Uraufführung, der Titel sei nur metaphorisch gemeint, man steigt aber mit der Musik nicht ungefährliche steile Schritte in Echtzeit hinab in eine Hölle, wo einem zum ersten Mal im Leben, und wohl auch zum letzten Mal, musikalisch das Fürchten gelehrt wird. Ein fast sechzigminütiger Hochgenuss wie einstens das Sonntagsschuleschwänzen im Regenmäntelchen.

Nordine Mimaroglu Gudnadottir Carson Bosetti

Montag, 11. Juni 2012

Soeben auf France Musique ein Konzert mit unpräzisen Angaben, kürzlich in Paris präsentierte elektronische Stücke.

Arne Nordine, Warszawa (1970). – Musik wie von Staren gemacht, gut passend zu meinen jetzigen Bildern.

Ilhan Mimaroglu, Préludes N°12,9,1,10 (1966-1996). – Elektronische Musik tonal gedacht und für Filme. Pfui Deibel. Das, was der Spiesser zu recht befürchtet, wenn von elektronischer Musik gesprochen wird (wurde wäre heute wohl besser…). Reiner Antistockhausen. To delete those sounds.

Hildur Gudnadottir, Haloes, Création. – Man träumt vom Val d’Anniviers und von Laurence Revey. Das Stück entfaltet im Verlauf eine enorme Schönheit, und so ich hab’s im Herzen gespeichert.

Philippe Carson, Turmac (1961). – Als Teen war ich intensiv auf der Suche nach solchen Stücken – es wäre eines der besseren gewesen, trotzdem heute nur schwerlich als interessant zu bezeichnen – es ist historisch frühreif.

Alessendro Bosetti, MaskMirror 2.0, Création. – Ich war noch in der weiten Welt herumgereist, um Schallplatten von Demetrio Stratos aufzutreiben. Ah, das waren noch Zeiten einer geliebten Musik!

Pigor und Eichhorn

Freitag, 8. Juni 2012

Soeben auf DRS 2 das Dreiminutenstück „Sportliche Grossereignisse“ von Pigor und Eichhorn gehört: seit langem wieder einmal etwas aus der Unterhaltungsmusik, das sowohl textlich wie musikalisch überzeugt.

http://www.pigor.de/

Ligeti, Manoury, Mahler

Montag, 4. Juni 2012

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le 1er juin Salle Pleyel à Paris, pour l’ouverture du festival ManiFeste, Orchestre de Paris, Ingo Metzmacher, direction.

György Ligeti (1923-2006), Atmosphères (1961). – Trotz eigenwilliger Knebelung von Metzmacher, die durch Auftrennung des Stoffes einen Romantizismus durchscheinen lassen will, enthält das Stück immer noch alle Impulse der sechziger Jahre, die einen ins Träumen über das Vorwärtsstreben der Musik hin zu neuen Welten bringen.

Philippe Manoury (né en 1952), Echo-Daimonon, Concerto pour piano, orchestre et électronique en temps réel, création mondiale, Jean-Frédéric Neuburger, piano, Thomas Goepfer, réalisation informatique musicale Ircam, Julien Aléonard, ingénieur du son Ircam. – Man muss das luxuriöse Stück zu hören suchen gehen. Als eine unterhaltende Festmusik erscheint es mir wie Händel sie schrieb zu Ehren des englischen Königshauses. Ihr Fliessen ist ein Genuss – aber es treibt gleichwenig irgendwohin in ein Neues wie Händels Dümpeln von London West nach London Ost. Ich liebe diese Musik, weil sie gut ist, aber ich misstraue ihr, weil sie es nicht wagt, etwas zu versprechen zu haben. Sie ist positivistisch und zwingt einen, bei ihr zu sein, und sie gibt einem nichts, das man auf seinen weiteren Weg mitnehmen könnte. Im Innersten denkt der Komponist, den man vielleicht gar genial nennen darf, verstaubt tonal.

— Comblement de programme (entracte)

Philippe Manoury (né en 1952), En écho pour soprano et système électronique en temps réel, I. La rivière, Donatienne Michel-Dansac, soprano, Enr. 1998. – Vordersatz und Nachsatz, wie es den für einen winzigen Moment unaufmerksamen Adorno in dunklen Tagen nicht mehr und weiter hätte freuen können: eine Musik, die schwierig in unsere Zeit hereinzudenken ist. Aber schön und gar sehr schön allemal.

Philippe Manoury (né en 1952), Inharmonies, Accentus, Laurence Equilbey, direction, Enr. 2009, Naïve V 5217. – Inharmonies war vor langer Zeit der Titel eines Buchgeschenkes, das mir ein Fribourger Freund übergab und das ich nie recht verdanken konnte, weil ich die Texte wegen des komplizierten Französisch und ihrer eigenwilligen theoretischen Richtung nicht verstand. Das Stück von Manoury verstehe und schätze ich aber auf Anhieb. Es gibt Bücher, vor denen man sich schämt, Inhamonies dünkt mich ein solches. —

György Ligeti (1923-2006), Lontano. – Metzmacher zieht dem guten Stück einen wollenen Pullover über. Wie kann ein Dirigent, der Nono so grossartig zu inszenieren wusste, andere Trouvaillen des zwanzigsten Jahrhunderts nur so in die Knie zwingen wollen? (Beim Notieren bekomme ich Zweifel: die Interpretation hat bessere Seiten als ich sie allgemein benennen kann, der Mittelteil erscheint mir tadellos. Er hat kein Vertrauen darauf, dass im Schmelzklang Energien auf unterschiedliche Richtungen abzielen können. Er sollte diese Dirigentenangst therapieren lassen und endlich an die revolutionäre Idee glauben wollen.)

Gustav Mahler (1860-1911), Adagio de la Symphonie n° 10. – Metzmacher dirigiert Mahler wie Strauss: das ist Verrat. Aber einen so leichten Mahler habe ich selten so gerne genossen. Metzmacher versteht es, sich durchzusetzen. Man nimmt ihm ab, was er tut – und ist in der gleichen atmosphärischen Idylle gerne dagegen.

Kyburz: A travers, Touché

Freitag, 1. Juni 2012

Gestern Abend live auf France Musique Concert donné le 5 mai 2012 avec Cornelia Horak, Soprano, Daniel Kirch, Ténor, Alain Damiens, Clarinette, Jean-Guihen Queyras, Violoncelle, Orchestre Philharmonique de Radio France, Lothar Zagrosek, Direction.

Robert Schumann, Manfred Op.115, Ouverture (1848,1849).

Hanspeter Kyburz, A travers (1999).

Robert Schumann, Concerto en la mineur Op.129 (1850).

Hans-Peter Kyburz, Touché (2006).

Die zwei Stücke von Hanspeter Kyburz wirkten selbstgenügsam und ganz ohne Drang, in neue musikalische Welten vorzudringen. Die Musik erscheint wie für ein nobles Publikum der herkömmlichen Oper herausgeputzt und geglättet, ohne je ein Stadium durchlaufen zu haben, in dem es etwas zu glätten gegeben hätte.

Haddad, Leroux, Adamek

Montag, 28. Mai 2012

Soeben auf France Musique Concert donné le 15 Mai 2012 au Conservatoire à rayonnement régional (CRR) de Paris – Auditorium Marcel Landowski. Production de l’Ensemble 2e2m.

Saed Haddad, The sublime, Pour piccolo, 2 clarinettes, cor, trompette, trombone, piano, clavecin, célesta, 2 percussions, violon, alto, violoncelle, contrebasse. – Ein spannendes kleines Stück, enthaltend zwei überzeugende Passagen mit Kuhglocken. Nicht auf Neues vorwärtsdrängend, das Gefundene um so besser in abwechslungsreiches Licht rückend. Die Musik erscheint dramatisch, aber die Kompositionsweise ist es in diesem Stück noch nicht: ein Kammerorchester spielt gute Musik für grosses Orchester.

Philippe Leroux, Ailes, Pour baryton, flûte, hautbois, 2 clarinettes, basson, cor, trompette, trombone, piano, percussion, 2 violons, alto, violoncelle, contrebasse. – Viel Können ist im Hintergrund spürbar, aber der Bariton wirkt aufdringlich und penetrant, wenn nicht gar ekelhaft geschwätzig. Da mir die Musik selbst nicht schlecht gefällt, träume ich von einer Konzeption mit einem Glarner Hirtenmädchen. Ich war einmal mit einer solchen eine schwangere Kurdin herüberführen, das war schön.

Ondrej Adámek, Dîner, Pour peintre, flûte, clarinette, cor, trompette, harpe, percussion, sampler/piano, 2 violons, alto, violoncelle, contrebasse. – Gesendet wurde das dreissigminütige Stück auf 17 Minuten gekürzt, weil es zu viele rein akustisch nicht zu verstehende szenische Elemente enthält. Die solcherart entschlackte Musik wirkt wie ein Reportagesound über ein Ergotherapieseminar. Ich musste mal in Montana auf einem Kinderstühlchen sitzend die nackten Zehen nach links drehen, zwanzig Zentimeter über dem Boden, dann nach rechts. Ich nahm sofort Reissaus bis ins Weite zu den Eichhörnchen, vollbepackt im Körbchengips.

Marco Stroppa: Re Orso

Dienstag, 22. Mai 2012

Gestern Abend direkt live auf France Musique aus der Opéra Comique, Paris, Re Orso von Marco Stroppa.

Grandios komponiertes Singspiel, von dessen Inhalt ich keine Ahnung habe, ausser dass das Libretto aus dem 19. Jahrhundert stammt und aus einer Phantasie übers Altertum bestehen soll. Beeindruckend, wie an einzelnen Stellen die Expressivität der theatralen, traditionell opernhaften Singstimmen von der Elektronik aufgenommen und über die Spitze des Möglichen hinausgetrieben wird.

Nach einer halben Stunde zitathafte Anspielungen, auch in biederer Tonalität mit vorüberziehender Langeweile: an Brecht/Weill konnte man denken, inklusive gestopfter Trompete (wie ich diesen Sound hasse…), aber mehrmals in kleinen Passagen oder blossen Wendungen auch an Zappa.

Nach 40 bis 45 Minuten im Anfang des zweiten Aktes fast zehn Minuten lang zappalachische Musik, dann ein Bruch mit anschliessender elektronischer Tonleiter, die einen zur Besinnung bringen soll, glockenschlagerisch. Incipit Papa von Rom et al.: „Ego te absolvo.“ Irgendetwas Tragisches musste vorgefallen sein, das jetzt seine Verklärung erfährt. Warum ich als Zuhörer davon in Kenntnis gesetzt werden soll, weiss ich nicht – und brauche es auch nicht zu wissen. Die Stimmen singen quasi metaopernhaft, und endlich geschieht der Übergang in eine elektronische Stimmung, in der die Idee der alten Oper nur noch wie Meeressedimente aufscheint. Das Stück endet in einem Gang durch ein paläontologisches Museum, im Einerlei irgendwelcher Fundstücke, in einer Luft, als ob mein Vorfahre Rütimeyer zu Basel immer noch Darwin anzumahnen vermöchte, dem Antichrist nicht voreilig zu viel Platz freizuschaffen.

Darauf folgte eine Coda mit Solostimme, Akkordeon und dezenter Hintergrundelektronik, die die Oper sinnvoll und schön abrundete, auch ohne dass ich von ihrer inhaltlichen Notwendigkeit etwas mitbekommen hätte. Im Studiogespräch eine Viertelstunde später sagte der Komponist, das Akkordeon stünde für die Stimme oder die Stimmung des Volkes; man spielte zwei Stücke ab Platte, ein interessantes mit Orchester und ein Klavierstück, das einem Hang zur Tonalität offenbar nicht zu widerstehen vermag.

Vincent Carinola

Montag, 14. Mai 2012

Soeben live auf France Musique Concert enregistré le jeudi 10 mai à l’Auditorium Antonin-Artaud d’Ivry-sur-Seine, dans le cadre du festival Extension, OEuvres de Vincent Carinola (né en 1965).

Appel (bande seule, 2011)

Klothein, pour harpe (2006), Nathalie Cornevin, harpe

Un artiste du trapèze, pour violon et clarinette (2011), Anne Mercier, violon, Eric Porche, clarinette

Toucher, pour thereminvox, ordinateur et dispositif de diffusion 6 canaux (2009), Claudio Bettinelli, thereminvox

Le Contorsionniste, pour violon, clarinette, harpe, percussion et électronique (2011), Anne Mercier, violon, Eric Porche, clarinette, Nathalie Cornevin, harpe, Claudio Bettinelli, percussion

Devant la loi, pour violon et dispositif électroacoustique (2005), Anne Mercier, violon

Un équilibriste, pour harpe et vibraphone (2011), Nathalie Cornevin, harpe, Claudio Bettinelli, vibraphone

Tourmaline, pour clarinette (2009), Eric Porche, clarinette

Parade, pour violon, clarinette, harpe et percussion (2011), Anne Mercier, violon, Eric Porche, clarinette, Nathalie Cornevin, harpe, Claudio Bettinelli, percussion

Enno Poppe gestern hatte pas mal von Erinnerungsstücken aus der Fernsehkinderwelt gezehrt – hier aber bei Vincent Carinola erlebte man das Kindische hautnah und beinahe unaufhörlich, immerhin dann unterbrochen, wenn keine Elektronik im Spiel war. „Mein armer Kopf!“ Soll man Bud Spencer zitieren oder geradewegs DRS2 erwähnen?

Zusatz: Devant la loi hat mir nicht schlecht gefallen, als hätte ein anderes Wesen eine schützende Hand übers Schreiben gehalten.

Enno Poppes IQ

Montag, 14. Mai 2012

Gestern auf SWR2 Schwetzinger Festspiele 2012:

Enno Poppe: „IQ“, Testbattarie in 8 Akten, Libretto von Marcel Beyer.

Klangforum Wien, Musikalische Leitung: Enno Poppe, (Uraufführung vom 27. April).

Ein kindgerechtes Fernsehcabaret der 1970er Jahre. So nervig, dass ich nicht einmal eingeschlafen war.

Tan Dun, Claude Debussy

Freitag, 11. Mai 2012

Gestern Abend auf France Musique live direct du Théâtre du Châtelet: Fabrice Moretti, Saxophone alto*, Anssi Karttunen, Violoncelle**, Patrick Messina, Clarinette***, Orchestre National de France, Tan Dun, Direction.

Claude Debussy, Rhapsodie N°2 en mi bémol majeur L 104 (1901, 1908)*. – Das schlechteste Werk von Debussy.

Tan Dun, Intercourse of Fire and Water (1994)**

Claude Debussy, Rapsodie N°1 en si bémol majeur L 116 (1909,1910)***.

Tan Dun, Death and Fire, Dialogue de Paul Klee (1992), 1- Portrait, Insert 1- Animals at full moon, Insert 2- Senecio, Insert 3- ad Parnassum, 2- Self portrait, Insert 4- Twittering Machine, Insert 5- Earth Witches, Insert 6- Intoxication, Insert 7- J.S Bach, 3- Death and Fire.

Tan Dun schreibt eine Musik, die als eine Herausforderung wirkt, der man sich ohne weiteres Murren stellen sollte. Beide Stücke irritierten mich stellenweise, weil es mich dünkte, die Musik würde fast hundert Jahre zu spät geschrieben worden sein, und Ignoranz gegenüber dem, was musikalisch an der Zeit ist, scheint mir der gesellschaftlichen Ignoranz überhaupt gleichzukommen. Die kompositorische Kraft zeigt sich indes in allen Partien, so dass der Kick in eine noch ungehörte musikalische Welt ungetrübt genossen werden kann.a