{"id":79,"date":"2006-08-31T19:38:20","date_gmt":"2006-08-31T17:38:20","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=79"},"modified":"2006-09-01T10:41:11","modified_gmt":"2006-09-01T08:41:11","slug":"updikes-roth-roths-updike-terror-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=79","title":{"rendered":"Updike&#8217;s Roth &amp; Roth&#8217;s Updike &#8211; Terror 4"},"content":{"rendered":"<p>In den diesj\u00e4hrigen, ungeschminkt als Sp\u00e4twerke daherkommenden Ver\u00f6ffentlichungen der zwei alten Amerikaner der grossen Literatur kreuzen sich die \u00e4sthetischen Haltungen von John Updike und Philip Roth. Dessen <i>Jedermann<\/i> liest sich im Umfeld eines medizinischen Eingriffs wie einst in fr\u00fcher Jugend D\u00fcrrenmatts <i>Verdacht<\/i> ein Tag vor einer entscheidenden Operation: Steigerung der Angst vor der bedrohlichen Realit\u00e4t ins Unermessliche aber Blosse der literarischen Mimikry. Nur vom Leben vor und nach chirurgischen Eingriffen wird berichtet, die ein Durchschnittsamerikaner zum einen schon als Kind, haupts\u00e4chlich aber in seinen letzten sieben Jahren durchsteht &#8211; bis auf die allerletzte. Schn\u00f6rkellos und ohne Abschweifungen wird das erz\u00e4hlt, was leicht eine Novelle h\u00e4tte werden k\u00f6nnen aber eine Bilderfolge an einer novellenartigen Kette geblieben war, eine Diashow mit durchgehendem Stildesign &#8211; ohne Br\u00fcchigkeit, wie man sie in den fr\u00fcheren Werken immer erwarten konnte, auch positiv. Roths Jedermann hat denselben interessanten Blick auf die Welt wie der B\u00fcrochef, der seinen &#8222;Kommunikationen&#8220; mit Powerpoint W\u00fcrze gibt. Jedermann hat nichts Radikales an sich ausser dem Egoismus und f\u00fchlt nichts Radikales ausser sein Leben als in summa gescheitert. Entziffert wird das aber nicht an den Gedanken des Handelnden, der nicht handelt sondern abstrakt nachdenkt, also ohne weiteren Zusammenhang; vielmehr erf\u00e4hrt die Lekt\u00fcre den Effekt darin, dass der skeletthaft abgemagerte Roman g\u00e4nzlich verzichtet, auf soziale und geistige Gehalte Bezug zu nehmen. Die Dinge laufen ab wie die Betriebsamkeit von Insekten in einem morschen und hohlen Geb\u00e4lk. Es ist beileibe nicht recht zu erkennen, ob die Unvermitteltheit gegen\u00fcber jedem allgemeinen Sinn, sozial, existentiell oder philosophisch, einer kritischen Intention entspricht, die im ganzen explizieren soll, wie geistig \u00f6d Amerika geworden ist, oder einer literarischen M\u00fcde. &#8211; Umgekehrt wird der junge <i>Terrorist<\/i> von John Updike, der gew\u00f6hnlicherweise seine Helden ihren Trieben in einem mikrosozialen Umfeld \u00fcberl\u00e4sst, das einen Blick dar\u00fcber hinweg auf ein politisch-soziales Ganzes unterl\u00e4uft, einer Dialektik ausgesetzt, die einen glauben macht, auch die Haltung der aktuellen Weltterroristen sei aus einem Widerspiel sozialer Gedanken entstanden, das in einem festen Gef\u00fcge von wahr und unwahr, gut und b\u00f6se, beherrschend und beherrscht geschieht und das der alte Autor mit der F\u00fclle seiner realen und intellektuellen Lebenserfahrungen nur auszukleiden und diskursiv anzukurbeln brauchte. Alles ist voller Leben, alles ist politisch und alles sucht geradezu die Momente der Kritik. Der zu oft zu lange im Politischen z\u00f6gerte, ger\u00e4t nun dadurch ins Zwielicht, dass er das politisch anleuchten will, was sich jenseits davon niedergelassen hat. Der aktuelle Terrorismus hat nichts Ideologisches an sich, das sich kritisieren liesse, und agiert ausserhalb aller theoretischen Kategorien und empirischen Felder des Kampfes, die sich auf schon Dagewesenes beziehen liessen. Schon vor dem Beginn belastet sich der Roman mit dem Spruch des zu Unrecht gepriesenen Gabriel Garcia Marquez, dass der Unglaube robuster sei als der Glaube, weil er sich auf das sinnlich Wahrnehmbare st\u00fctze. Man muss nur den Ausdruck des Glaubens mit dem des Meinens ersetzen, um zu sehen, wie wenig er der Realit\u00e4t entspricht, weil es doch kaum evident erscheinen will, dass die kritischen Bewusstseine das blosse Meinen dominieren w\u00fcrden; schlimmer aber am Motto ist die Unterstellung (nicht durch Marquez aber Updike), wir h\u00e4tten es mit einer Frage des Glaubens \u00fcberhaupt und dem des Islams im besonderen zu tun. Der Terror, der da ist, w\u00e4re es mit denselben sozialen Charaktertypen auch ausserhalb eines religi\u00f6sen Rahmens. Solch fahrl\u00e4ssiges Denken \u00fcber den Gegenstand des Buches zeigt sich auch in einzelnen S\u00e4tzen, wie hier auf Seite 232, wo die alte Verteidigungsbereitschaft der Amerikaner in die N\u00e4he der Haltung der Terroristen gebracht wird: &#8222;(George Washington) lernte zu nehmen, was gerade kam, und die Guerillataktik anzuwenden: zuschlagen und untertauchen, zuschlagen und untertauchen. Er zog sich zwar zur\u00fcck, gab aber niemals auf. Er war der Ho Chi Minh seiner Zeit. Wir (Amerikaner im Befreiungskrieg gegen die Briten) waren wie die Hamas; wir waren Al-Qaida.&#8220; Die Schluddrigkeit, Ho Chi Minh, Hamas und Al-Qaida in einen Topf zu werfen, kann man vielleicht einem amerikanischen Undercover Polizisten, der da spricht, in die Schuhe schieben; gelesen wird sie aber als Argument des Autors, das er offenbar f\u00fcr bedenkenswert einsch\u00e4tzt, gerade weil er keine Anstalten macht, einer Auseinandersetzung mit dem falschen Gehalt Raum zu geben. Auch wenn ein Roman kein Feld des Diskursiven ausbreiten soll, m\u00fcssen seine Figuren gewissen Konsistenzforderungen gen\u00fcge tun, wenn er nicht als Kinderst\u00fcck erscheinen will. Der Held, von dem nie eine innere Spannung auf die Lekt\u00fcre \u00fcberspringt, weil dem alten Autor das Interesse, das er fr\u00fcher so umwerfend pflegte, abhanden gekommen ist, psychische Spannungsb\u00f6gen ohne Ironie noch darzustellen, wird nicht nur als einer vorgef\u00fchrt, der manipuliert wird, sondern wird so auch gelesen, vom Autor nur h\u00f6lzern vorgestellt, von Situation zu Situation als ein anderer austauschbar. Es vergeht nur eine Woche zwischen dem Tag, an welchem dem unbescholtenen \u00e4gypto-amerikanischen Achtzehnj\u00e4hrigen gesagt wird, er w\u00fcrde ein Selbstmordattent\u00e4ter sein und demjenigen, an dem er den Terroranschlag auszu\u00fcben h\u00e4tte &#8211; zu einer Zeit, als bei ihm das Interesse an den (M\u00e4dchen-) Menschen und der Welt \u00fcberhaupt gr\u00f6sser nicht h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Solches ungef\u00e4hres und unvermitteltes Nebeneinanderstehen von Aktionsimpulsen und Reflexionen macht die grosse Novelle Updike&#8217;s, wie das Werk wegen seiner Dynamik gattungsm\u00e4ssig im Original eingeordnet ist, dem kleinen Roman Roth&#8217;s vergleichbar: Die Prozesse laufen \u00fcber den K\u00f6pfen der Akteure ab. Dazu geh\u00f6rt nicht zuletzt, dass beide Autoren seit langem schon aufgeh\u00f6rt haben, kulturelle Gebilde in ihren eigenen Werken anzusprechen, geschweige denn zur Sprache zu bringen. Vom Fernsehschleim Amerikas \u00fcberdeckt, wird es zunehmend sinnloser, an solche zu erinnern. Dann m\u00fcsste Amerika es aber auch aussprechen, dass jedermann der Terrorist ist und der Terror nur eine Krankheit, die sich durch geschickte kritische Eingriffe behandeln liesse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den diesj\u00e4hrigen, ungeschminkt als Sp\u00e4twerke daherkommenden Ver\u00f6ffentlichungen der zwei alten Amerikaner der grossen Literatur kreuzen sich die \u00e4sthetischen Haltungen von John Updike und Philip Roth. 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