{"id":77,"date":"2006-08-29T15:03:24","date_gmt":"2006-08-29T13:03:24","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=77"},"modified":"2006-09-19T09:41:07","modified_gmt":"2006-09-19T07:41:07","slug":"grenzen-der-kleinen-medizin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=77","title":{"rendered":"Grenzen der kleinen Medizin"},"content":{"rendered":"<p>Eine kleine Medizin ger\u00e4t dann zum Ruhme der grossen, wenn sie ihre engen Grenzen deutlich macht. Geschieht es nicht aus vern\u00fcftiger Einsicht, wird sie selbst durch die Umst\u00e4nde m\u00fcrbe gemacht und dazu getrieben. H\u00e4morrhoiden zeigten sich in Spuren schon vor 30 Jahren, und fast so lange waren sie kein Problem, wenn auch phasenweise \u00e4rgerlich. Gezeigt werden sollte hier der Absicht nach, noch bis vor drei Monaten, wie mit Gymnastik die allm\u00e4hlich st\u00e4rker werdenden Beschwerden gemeistert werden k\u00f6nnten. Doch nichts da! Aufgezeigt wird hier nun das Gegenteil, dass es medizinische Ereignisse gibt, die nicht fr\u00fch genug einer ordentlichen \u00e4rztlichen Behandlung anvertraut werden k\u00f6nnen &#8211; bis vor drei Stunden auf die H\u00e4morrhoiden bezogen, ern\u00fcchtert inzwischen vor einem grossen Suff auf unberechenbarere Aliens.<\/p>\n<p>Schon vor Mitte der achtziger Jahre wird klar, dass das, was seit zehn Jahren st\u00f6rt und aus Gr\u00fcnden vermeintlich guter Sitte verschwiegen wird, H\u00e4morrhoiden sind und mit ein wenig Salbe gut zu behandeln ist, mit Procto-Glyphenol. Ab jetzt erscheinen diese Schwierigkeiten phasenweise, manchmal einmal im Jahr, manchmal dreimal, in einigen Jahren auch \u00fcberhaupt nicht; mit Salbe ist das Problem innerhalb weniger Tage vom Tisch. Weitere zehn Jahre sp\u00e4ter muss die austretende Vene nach jedem Putzen leicht eingedr\u00fcckt und eingeschoben werden, eigentliche H\u00e4morrhoidenprobleme erscheinen immer noch in den Abst\u00e4nden wie vorher, also mit Fug unproblematisch. Im September 2005 melden sich beim Aufstieg zum Harder erste ernsthafte Schmerzen; sie verziehen sich am Mittag, erscheinen von jetzt an aber fast jeden Tag mehrmals, meistens innerhalb mehrerer Minuten vor\u00fcbergehend. Was hilft sind das Leeren der Blase und l\u00e4ngeres Kauern am Boden, m\u00f6glich zu Hause und in \u00f6der Wildnis, schwierig unter Menschen und Vipern. Ein gew\u00f6hnlicher Tag 2005 besteht aus einer drei- bis vierst\u00fcndigen Fahrt ins Wallis, f\u00fcnf bis neun Stunden Laufen, wieder vier Stunden R\u00fcckfahrt, schnelles Nachtessen (meistens sehr dicke Fidelisuppe) und f\u00fcnf Stunden Bilderbearbeitung &#8211; insgesamt also mindestens elf Stunden Sitzen. Es gibt schmerzfreie Tage und solche mit ordentlichen Qualen, sei es beim Sitzen, sei es beim Wandern, hier meistens nur morgens w\u00e4hrend des steilen Aufsteigens, als \u00fcbten unerm\u00fcdlich ihre Giftz\u00e4hne drei Jolivipern. \u00d6fters wird aus dem WC ein Schlachthaus, so viel Blut entfliesst. Aber es gibt auch gute Tage, gute Wochen, und der Januar 2006 ist v\u00f6llig schmerz- und problemfrei, weswegen ein Arztbesuch immer noch auf die lange Bank geschoben wird. Ab M\u00e4rz hilft keine Salbe mehr, die sich rezeptfrei in der Apotheke kaufen liesse. Am 26. April wird ein Sitzring nach Hause geschleppt, der aber nur wenig n\u00fctzt &#8211; das Sitzen ist nun schon nach kurzer Zeit eines wie auf dem Nagelbrett. Weil der Winter 05\/06 so eisig ausgefallen ist, jedenfalls vor dem Haus Inderm\u00fchleweg 9, wird die Hoffnung aufgebaut, dass in den kommenden Zeiten mit guten Wander- und also Bewegungsm\u00f6glichkeiten die Schwierigkeiten sich wieder normalisieren w\u00fcrden. Da sie nach ausgiebigem nerv\u00f6sem Internetstudium nicht zuletzt mit Verstopfung in Beziehung stehend gesehen werden m\u00fcssen, erh\u00e4lt das Essen nun gr\u00f6sseres Augenmerk. Am schlimmsten den Darm beeinflusst hatten nebst den Schweinskoteletten die Mandelgipfel; auf sie wird jetzt wohl fast definitiv verzichtet werden m\u00fcssen. Also B\u00e4cker, die ihr am Wege des \u00f6fteren gelauert hattet, nehmt es als Zeichen der Qualit\u00e4tsanerkennung, wenn euer Umsatz am Sinken ist. Ab Mai wird die Di\u00e4t ausgedehnt: Kein Fleisch mehr oder nur extrem selten und fettfreies, ab und zu Fisch, keine Teigwaren mehr, kein heller Reis, keine Milchprodukte, keine Schokolade, keine Gutzli und \u00e4hnliches, kein Weissbrot sondern M\u00fcsli ohne Zucker, Vollkornbrot, Wein nur eine Flasche in zwei Wochen statt in einer, Zigaretten 10 St\u00fcck desgleichen. Keine Frage, dass der Bauchumfang sp\u00fcrbar unter das Mass von Montana 2002 rutscht. Am 27. Juni 2006 endlich beim Hausarzt, der eine Anmeldung beim Spezialisten macht sowie Procto-Synalar (st\u00e4rker als Procto-Glyphenol, aber nicht rezeptfrei) und Daflon 500 gegen die Thrombosenbildung mitgibt (Thrombosen entstehen in dieser Sp\u00e4tphase der H\u00e4morrhoiden unweigerlich, ziehen aber keineswegs die Gefahren mit sich wie solche in anderen K\u00f6rperteilen). Am 30. Juni Arztbesuch beim Gastroenterologen; schnelle Unterbrechung der Untersuchung wegen der Diagnose einer Fissur. Mit Nifedipin Salbe und Xylocain gegen die Schmerzen verheilt die Fissur nach drei Wochen, \u00e4hnlich starke Schmerzen aber bleiben. Am 28. Juli dieselbe Untersuchung noch einmal. Ich meine zu verstehen, beim neuen Schmerz handele es sich um einen weiteren Riss im Inneren, h\u00f6re aber erst Wochen sp\u00e4ter korrekt, dass so alte H\u00e4morrhoiden eben starke Schmerzen verursachen k\u00f6nnen, durch st\u00e4ndiges sich neu Entz\u00fcnden. Zwischen diese zwei gastroenterologischen Untersuchungen f\u00e4llt der vorl\u00e4ufig letzte Wanderarbeitstag, an dem die Bietschhornh\u00fctte nur mit vielen Pausen in der Hocke erreicht wird, und beim Absteigen intensivieren sich gar die Qualen. Da nach dem 50. Lebensjahr ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung Darmpolypen bewirtet, welche zu b\u00f6sartigen Tumoren mutieren k\u00f6nnen, wird eine Darmspiegelung, also eine Koloskopie angeordnet, die am 8. August im Salem-Spital in k\u00fcnstlichem Tiefschlaf durchgef\u00fchrt wird (keine echte Narkose, die Wirkung ist aber ebenso gut). Das Resultat k\u00f6nnte nicht besser sein: Zwar muss wie prognostiziert eine H\u00e4morrhoidenoperation auf den Plan gesetzt werden, aber ganz ohne weitere Zus\u00e4tze. Es zeigten sich keine Polypen, kein Tumor nirgends, keine anderen Komplikationen. Das Material entspricht ab jetzt wie durch ein Wunder den humanmedizinischen Normen und h\u00f6rt endlich auf, zugleich als Durchfall und Verstopfung in Erscheinung zu treten. Allerdings weiterhin Schmerzen allenthalben, sobald das Quartier verlassen wird: halbst\u00fcndige und l\u00e4ngere Spazierg\u00e4nge liegen kaum mehr drin, wenn es auch immer noch einzelne Tage gibt, die komplett oder zur H\u00e4lfte schmerzfrei vergehen, die fr\u00fchmorgens als solche aber nicht erkannt und dementsprechend auch nicht ausgenutzt werden k\u00f6nnen. Der Hausarzt vereinbart am 14. August mit dem Chirurgen im Beau-Site Spital einen Termin f\u00fcr den 22. August. (Wieso nicht der untersuchende Gastroenterologe die Operation durchf\u00fchrt, ist unklar, vor der Koloskopie wurde nur der Wunsch ge\u00e4ussert, im Falle der Entdeckung eines Tumors in der Insel behandelt zu werden, weil dann vielleicht von einem Zusammenhang mit der Enchondromatose, die offenbar auch spontane Unterleibs- und Gehirntumore beg\u00fcnstigt, ausgegangen werden m\u00fcsste.)<\/p>\n<p style=\"margin-left:50px\"><i>Man sieht, worauf es ankommt: Wer sich fr\u00fch zum ersten Arztbesuch meldet, bevor die Schmerzen und die paranoischen \u00c4ngste blindw\u00fctig werden, kann sich die Jahreszeit aussuchen und braucht nicht dem Sommer aus der medizinischen Kerkerhaft Ade zu winken. Einen Klagegrund gibt es an dieser Stelle indes nicht, war das Wetter doch das Letzte, das dieses Jahr dem Wanderverhinderten die Treue gebrochen h\u00e4tte; aber nicht alle k\u00fcnftigen Sommer werden h\u00e4morrhoidenfreundliche sein. Wer klug ist und sich fr\u00fch genug beim Hausarzt meldet, hat das H\u00e4morrhoidenproblem ganz ohne Operation und langen Untersuchungsverlauf in einem nur wenige Minuten dauernden Eingriff in der gastroenterologischen Praxis mittels Laser- oder Infrarotbehandlung schmerzfrei hinter sich. &#8211; Zurzeit &#8222;l\u00e4uft&#8220; die zweite und hoffentlich letzte radikale Darmentleerung. Morgen ist die Operation, f\u00fcr kommende Zeiten.<\/i><\/p>\n<p>Doch nein, so g\u00fcnstig geht die Geschichte hier nicht aus, wie sie im einger\u00fcckten Absatz optimistisch vorausgeschrieben war. Der Viszeralchirurg fragte genau nach den Schmerzen und liess den Zusammenhang zwischen den geschilderten beim Bergwandern und gew\u00f6hnlichen H\u00e4morrhoiden nicht gelten. Wer die Wanderarbeit an den Nagel h\u00e4ngt wegen Schmerzen zuhinterst muss auf andere Weise untersucht werden. Letzten Freitag die MR-Untersuchung, heute die Diagnose, die alle Phantasien \u00fcber den Haufen wirft. Nicht die H\u00e4morrhoiden verursachen die Schmerzen, sondern ein Enchondrom, wie sie Morbus Ollier eigen sind, im Darmbein links, Os ilium.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine Medizin ger\u00e4t dann zum Ruhme der grossen, wenn sie ihre engen Grenzen deutlich macht. Geschieht es nicht aus vern\u00fcftiger Einsicht, wird sie selbst durch die Umst\u00e4nde m\u00fcrbe gemacht und dazu getrieben. H\u00e4morrhoiden zeigten sich in Spuren schon vor 30 Jahren, und fast so lange waren sie kein Problem, wenn auch phasenweise \u00e4rgerlich. 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