{"id":756,"date":"2011-03-03T16:07:10","date_gmt":"2011-03-03T15:07:10","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=756"},"modified":"2011-03-03T16:58:12","modified_gmt":"2011-03-03T15:58:12","slug":"intentio-obliqua-ad-islamismum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=756","title":{"rendered":"Intentio obliqua ad Islamismum"},"content":{"rendered":"<p>Philosophische Begriffe sind \u00dcbertreibungen, und hat man einmal ein Wortmonster f\u00fcr sich gekl\u00e4rt, stellt sich nicht selten eine Verwunderung dar\u00fcber ein, wie Leute ein Leben lang \u00fcber solche Einfachheiten sich haben die K\u00f6pfe einschlagen k\u00f6nnen. Meistens ist der Begriff bedeutsam nur als Erinnerung, als Mahnung an etwas, das dem Ungezogenen doch eigentlich selbstverst\u00e4ndlich und klar sein sollte. Derjenige der Intentio ist \u00e4usserst kompliziert, und man tut gut daran, ihn nicht klarstellen zu wollen, wenn man nicht ein halbes Leben daf\u00fcr zu investieren Lust hat. Der Begriff der Intentio obliqua ist dagegen trivial. Er ist dem der Intentio recta entgegengesetzt, der das meint, was geschieht, wenn wir etwas w\u00f6rtlich oder im \u00fcbertragenen Sinn ins Auge fassen. W\u00fcrde man auf direkte Weise den Gegenstand weiter erforschen wollen, k\u00e4me man nicht weit &#8211; er g\u00e4be nichts von sich preis, jedenfalls nichts Wesentliches. Erkenntnis verlangt, dass man Umwege macht, Hilfsmittel herbeizieht oder im mindesten den Gegenstand etwas schr\u00e4g, etwas vermittelt weiter untersucht, in einer intentio obliqua. (M\u00f6glicherweise ist die Titelkonstruktion falsch, und es m\u00fcsste ein Dativ oder ein Ablativ folgen, mit &#8222;in&#8220; oder ohne, beziehungsweise und momentan am wahrscheinlichsten ein &#8222;in&#8220; mit Akkusativ &#8211; das d\u00fcrre Latein war mir immer schon wurst.)<\/p>\n<p>Vor kurzem \u00fcberliess ich mich einem l\u00e4ngeren Gedankenspiel, in dem die Intentio obliqua eine entscheidende Rolle spielte, einer Phantasie dar\u00fcber, wie es w\u00e4re, wenn in einem geistesgeschichtlichen oder sozialwissenschaftlichen Proseminar, in einer ziemlich offenen Veranstaltung also, in der im Prinzip jeder jede Frage zur Diskussion stellen darf, einer mit dem Hintergrund eines rigiden \u00dcberzeugungssystems Fragen zu stellen beginnt, in denen der Leiter der Sitzung gefordert wird, weil die MitstudentInnen l\u00e4ngst schon aufgeh\u00f6rt haben, solche offtopic Fragen ernst zu nehmen und nunmehr darauf verzichten, eine eigene Meinung zu formulieren. Fragen auf einem bigotten Hintergrund und in einer konkretistischen Form zielen immer darauf ab, ein Urteil \u00fcber eine gesellschaftliche Praxis herauszufordern, das strikt entweder nur gut oder nur schlecht sein kann, das ein vern\u00fcnftiger Mensch aber niemals freiwillig zu sprechen gewillt ist, weil es die tiefverankerte Haltung der Liberalit\u00e4t auszuhebeln beginnt. Weil sie eine schamlose Herausforderung der Liberalit\u00e4t direkt darstellt, wird die seri\u00f6se Antwort darin enden, ihr Grund offenzulegen. Es macht keine Probleme, das, was ist, so zu beschreiben, dass die eigene Meinung die Beschreibung unber\u00fchrt l\u00e4sst, und von dem, was ist, zu dem, was es hat entstehen lassen, ist es ein Katzensprung, jedenfalls nichts, das ausserhalb des Gesellschaftszusammenhangs aufgesucht werden m\u00fcsste. Das, was der herausfordernde Mensch der Diskussion in Frage stellen will, zeigt sich als blosses Moment eines Ganzen, das aus unendlich vielen Vielheiten besteht, g\u00e4nzlich un\u00fcberschaubar und nicht auf den Begriff zu bringen, ausser dem der Gesellschaft tel quel. Nimmt man die mittelalterliche Unterscheidung zwischen der Intentio obliqua und der Intentio recta ernst, ernster als sie in der Disziplin der Philosophie wegen ihrer Trivialit\u00e4t und mangelhaften methodologischen Stringenz gewirkt hat, und vertraut man der eigenen intellektuellen Redlichkeit auch in einem unangenehmen tendenzi\u00f6sen Gespr\u00e4ch, so kann man gewiss sein, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter aus dem zwanghaften Rahmen des religi\u00f6sen oder kulturell konfliktuellen Diskurses mit einer durch Bigotterie aufgeladenen Begrifflichkeit heraustreten und in der \u00fcberraschend spannenden der Rechtssoziologie fussfassen zu k\u00f6nnen, in der wegen der historischen Gebundenheit der beschreibbaren Vorg\u00e4nge jeder Meinungszwang obsolet erscheint. Ist das erreicht, kann die Veranstaltung ihre vorgenommenen Bahnen ungest\u00f6rt weiter folgen.<\/p>\n<p>Der aufdringliche Fromme: &#8222;Die Lehre der Wahrheit sagt, dass es schlecht sei, die Handlung xy zu vollbringen.&#8220;<\/br>Der r\u00fcckhaltlose Theoretiker: &#8222;Einige tun es an einigen Orten, andere tun es nicht. Der einzelne steht nicht unter Zwang, diese Handlung zu tun oder nicht zu tun, ebenso wenig, dazu eine positive oder eine negative Meinung zu haben.&#8220;<\/br>Der aufdringliche Fromme: &#8222;Weil kein Recht herrscht, muss man es einf\u00fchren.&#8220;<\/br>Der r\u00fcckhaltlose Theoretiker: &#8222;Die Teile des Rechts wurden immer schon von denjenigen geschaffen, die von solchen Teilbereichen auch betroffen waren.&#8220;<\/br>Der aufdringliche Fromme: &#8222;Es braucht eine besondere Instanz, ausserhalb des Lebenszusammenhangs, die sagt, was Recht ist.&#8220;<\/br>Der r\u00fcckhaltlose Theoretiker: &#8222;Die ersten Rechtsdokumente aus dem Innern der Walliser Gesellschaft betrafen die Grenzverl\u00e4ufe von Alpen, zu denen die kleinen D\u00f6rfer Zugang hatten. Die Dorfleute hatten selbst\u00e4ndig bestimmt, wie die Rechtslage k\u00fcnftig aussehen m\u00fcsse; der Notar, in der Tat von Ausserhalb der Gesellschaft, hat das von den beteiligten Verlangte nur in eine Form gebracht, die die Zeiten \u00fcberdauern soll.&#8220;<\/p>\n<p>Heute mag das noch als neuartig und ungewohnt erscheinen, weil vom spontanen Anliegen, eine Frage mit religi\u00f6sem Hintergrund ad\u00e4quat beantwortet zu sehen, nicht mehr viel \u00fcbrigbleibt; man ist im Vokabular der Rechtssoziologie aber auf einem Boden, der wie kein anderer f\u00fcr alle an allen Orten derselbe ist. Er bietet Gew\u00e4hr daf\u00fcr, aufdringliche Fragen gleichzeitig ohne Gef\u00e4hrdung der intellektuellen Redlichkeit beantworten zu k\u00f6nnen wie auch ohne im Diskurs der Religionen gefangen bleiben zu m\u00fcssen, in dem ein Hin und Her von verst\u00e4ndigen Begriffen noch nie m\u00f6glich war. Der Rechtssoziologie begegnete ich zuerst vor \u00fcber dreissig Jahren in einem gelehrten Buch von Gurvitch, wo mich nur die Form der hyperempiristischen Dialektik interessierte, mit derselben schwachen, aber gefolgsamen Intensit\u00e4t wie die kuriose von Mao, und dann sp\u00e4ter im dicken Buch von Habermas, wo die lustige Viper der Kritischen Theorie mit gezogenen Giftz\u00e4hnen darniederlag &#8211; kein Wunder, suchte Habermas danach das Gespr\u00e4ch mit dem Papst auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philosophische Begriffe sind \u00dcbertreibungen, und hat man einmal ein Wortmonster f\u00fcr sich gekl\u00e4rt, stellt sich nicht selten eine Verwunderung dar\u00fcber ein, wie Leute ein Leben lang \u00fcber solche Einfachheiten sich haben die K\u00f6pfe einschlagen k\u00f6nnen. 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