{"id":740,"date":"2011-02-25T13:24:19","date_gmt":"2011-02-25T12:24:19","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=740"},"modified":"2011-02-25T16:46:13","modified_gmt":"2011-02-25T15:46:13","slug":"spharen-felder-und-gesellschaftliche-bereiche-donna-quijota-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=740","title":{"rendered":"Sph\u00e4ren, Felder und gesellschaftliche Bereiche &#8211; Donna Quijota II"},"content":{"rendered":"<p>Nach Hegels Tod reagierte auf die Theorie der einen Vernunft mit dialektisch nur aus sich selbst entwickelten unterschiedlichen Forminstanzen neben Marx, der den Grad der Vern\u00fcnftigkeit, an dem sie sich zu messen hat, in die gesellschaftliche Organisierung der \u00d6konomie legte und Nietzsche, der dem Schein der allgemeinen Vern\u00fcnftigkeit die herrschende Destruktivit\u00e4t der Natur entgegenstellte, der inneren als Neurose, der \u00e4usseren als blindw\u00fctiger Machtwille, auch Kierkegaard, in Texten, die wegen ihrer biederen, indes vom Autoren strategisch intendierten Langweiligkeit f\u00fcr uns nicht mehr zutr\u00e4glich sind. (Wie das ausschaut, wenn man sich heute philosophisch mit Kierkegaard auseinandersetzt, sieht man hier:<\/br><a href=\"https:\/\/picasaweb.google.com\/kierkegaardlibrary\/KierkegaardAndDeathConference#\">https:\/\/picasaweb.google.com\/kierkegaardlibrary\/<\/br>KierkegaardAndDeathConference#)<\/a><\/br>Er unterteilt die eine, von der traditionellen Philosophie behauptete objektive Vernunft in drei Sph\u00e4ren, die der Einzelmensch gleichermassen, wo immer er gesellschaftlich auch stehen mag, in seinem Bewusstsein vorzustellen hat. Wie der Idiot der Computerspiele macht er die Erfahrung, dass er nicht von Anfang an auf alle Zugriff hat, sondern dass sie sich ihm als Levels und im zus\u00e4tzlichen Begriff Kierkegaards als Stadien darstellen, die er nacheinander erreichen muss &#8211; der Sprung von der einen zur anderen, von der \u00e4sthetischen zur ethischen und schliesslich zur religi\u00f6sen Sph\u00e4re gelingt ihm nur, wenn er gewisse moralische Qualit\u00e4ten zu pr\u00e4stieren imstande ist. Die Anforderungen des Lebens nagen an der moralischen Integrit\u00e4t des Einzelnen, so dass der Sprung zur st\u00e4ndigen Herausforderung wird und lebenslang in Wiederholungen get\u00e4tigt werden muss.<\/p>\n<p>In der modernen Soziologie wird die philosophisch behauptete Vern\u00fcnftigkeit in der Gesellschaft (und der Gesellschaft selbst) radikal verr\u00e4umlicht, so dass zuweilen der Eindruck erw\u00e4chst, sich auf den winzigen Besitzt\u00fcmern der Welt der alten Walliser G\u00fcterteilung zu bewegen. Wie die neobiedere Systemtheorie f\u00fcr jede neue Gesellschaftsfrage ein neues System mit beliebig vielen Subsystemen in den Theoriezusammenhang einf\u00fchrt, schafft die auf Selbstkritik ausgerichtete Soziologie Bourdieus beliebige Felder, die objektiv die Gesellschaft beschreiben wie auch subjektiv den Ort festlegen, aus dem der Akteur nicht auszubrechen vermag. Da das Begriffskorsett immer enger und unflexibler wird, in Tat und Wahrheit aber nie jemals imstande war, die objektiven Gebilde der Gesellschaft in ihrer Eigent\u00fcmlichkeit und die subjektiven Impulse der Einzelakteure in ihrer singul\u00e4ren Kraft zu begreifen, muss vom Begriff des Feldes zu einem allgemeineren traversiert werden.<\/p>\n<p>Man kann nicht sagen, dass der Begriff der gesellschaftlichen Bereiche z\u00fcndend w\u00e4re, erscheint er doch als \u00fcberlebt und allzu einfach, wenn auch neutral und von einer Theoriezugeh\u00f6rigkeit unbelastet. Seine Erscheinungsweise \u00e4ndert sich aber sofort, wenn sein Zusammenhang nicht mehr auf einen unerkennbaren Gott ausgerichtet ist, auf die wilde Bestie, auf die Fabrik, die Anwaltskanzlei oder das Parlament, sondern da, wo er auftritt, programmatisch den Ausfl\u00fcssen der Kulturindustrie zu widerstehen hat. An den Apparaten der Kulturindustrie wird die Welt der Wahrnehmung zum Einerlei. Im gleichen Zug, wie sie die Kommunikationsverh\u00e4ltnisse verfl\u00fcssigen und im Wortsinne dynamisieren, jedenfalls im Namen Jasminas heute, vernebeln sie die grundlegenden Unterschiede, die die Objekte der Welt bestimmen: dem Akteur gesellschaftlicher Prozesse als Rezipienten von Sendungen erscheinen die Gehalte der \u00dcbermittlungen immer in der gleichen Form, nicht selten in einer umwerfenden Perfektibilit\u00e4t. Das Wichtige wird in demselben Kanal durchgeschleust, wo das viele Unwichtige es ununterbrochen tut. Der aus dem eigenen Lebenszusammenhang herausgenommene und verallgemeinerte Rezipient &#8211; Leser, H\u00f6rer, Betrachter &#8211; hat nichts in der Hand und keine F\u00e4higkeiten, die ihm die M\u00f6glichkeit zur notwendigen Unterscheidung von Wichtigem und Unwichtigem verschaffen w\u00fcrden. Wie einem Schizophrenen st\u00fcrzen die Ph\u00e4nomene auf ihn ein &#8211; und wie Don Quijote erscheint, wer im Angebot der Kulturindustrie nach Wertvollem sucht, ohne von der Geschichte der Auswahlprodukte eine Ahnung zu haben.<\/p>\n<p>Der erste Bereich, den der Einzelmensch fr\u00fcher oder sp\u00e4ter f\u00fcr sich erobern muss, ist derjenige der eigenen Existenz, indem er von allen Angeboten abstrahiert, am einfachsten in einem Initiationsritus, in dem er einen der Apparate, das Fernsehger\u00e4t, zum Fenster hinauswirft. Zuweilen ist es ein langer Weg bis zur Einsicht, dass auch dann, wenn das Bewusstsein sich mit gar nichts Speziellem besch\u00e4ftigt, es sich auf etwas Wesentliches ausrichtet, das eigene Leben, und dass diese Betrachtungsweise alle m\u00f6glichen anderen zu jedem beliebigen Zeitpunkt, auch im Stress hitziger oder qu\u00e4lender Auseinandersetzungen und Belastungen, zu unterbrechen vermag. Erst wenn eine Spur der Erkenntnis in diesen Bereich gelegt worden ist, erscheint die Behauptung einfach, dass sich alle anderen Bereiche von diesem ersten unterscheiden und dass sie Unterscheidungen auch unter sich vollziehen. Welche Bereiche im Anschluss daran als einzelne zur Sprache kommen, ist unwesentlich, weil jeder f\u00fcr ein einzelnes Bewusstsein dominant werden darf, sei es f\u00fcr eine l\u00e4ngere oder k\u00fcrzere Zeit. Sind solche gesellschaftliche Bereiche f\u00fcr einen Einzelnen erst einmal benannt, die wirtschaftliche Selbsterhaltung, die objektive globalisierte \u00d6konomie, die Tages-, Verwaltungs- und Machtpolitik, die Disziplinen der Wissenschaften, die Disziplinen der K\u00fcnste und die unz\u00e4hligen Vermischungen und Ableitungen, erscheinen die Objekte der Kulturindustrie nicht mehr in einem Einerlei, wie sie in ihr vermittelt werden, und nicht mehr ahistorisch gleichf\u00f6rmig: indem der Einzelmensch sie situiert, werden sie subjektiv f\u00fcr ihn und sie je einzeln unterschiedlich bedeutsam, nach langer entbehrungsreicher Zeit objektiv erkennbar und schliesslich trotz des unaufhaltsamen Stroms von Nichtigkeiten, in dem sie unterzugehen drohen, gesellschaftlich vern\u00fcnftig diskutierbar. Incipit moderna: dann w\u00e4re der Platz geschaffen f\u00fcr eine so leichte Gesellschaftstheorie wie die Theorie des kommunikativen Handelns, und die Moderne k\u00f6nnte beginnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Hegels Tod reagierte auf die Theorie der einen Vernunft mit dialektisch nur aus sich selbst entwickelten unterschiedlichen Forminstanzen neben Marx, der den Grad der Vern\u00fcnftigkeit, an dem sie sich zu messen hat, in die gesellschaftliche Organisierung der \u00d6konomie legte und Nietzsche, der dem Schein der allgemeinen Vern\u00fcnftigkeit die herrschende Destruktivit\u00e4t der Natur entgegenstellte, der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/740"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=740"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/740\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":750,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/740\/revisions\/750"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=740"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=740"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=740"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}