{"id":70,"date":"2006-08-10T17:34:13","date_gmt":"2006-08-10T15:34:13","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=70"},"modified":"2006-08-11T21:08:03","modified_gmt":"2006-08-11T19:08:03","slug":"logik-des-fadenscheins-als-moralische-richtschnur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=70","title":{"rendered":"Die Logik des Fadenscheins als moralische Richtschnur"},"content":{"rendered":"<p>Der Einzelne in den versunkenen einfachen vorkapitalistischen Gesellschaften erfuhr sich selbst, das Leben und die Gesellschaft als einen einzigen, durchg\u00e4ngigen Zusammenhang. Seiner Position im Gef\u00fcge von Herrschaft und Macht entsprach ein Mass an Verantwortung, das mit dem System der Legitimation korrespondierte. Desgleichen vermochte den M\u00fchen der Anerkennung ein individueller Genuss des Selbstbewusstseins zu gen\u00fcgen. In der modernen Gesellschaft sind solche Zusammenh\u00e4nge unterbrochen. Verantwortung und Macht gehen so weit auseinander wie Anerkennung und Selbstbewusstsein, die nur partiell und zuf\u00e4llig geschehen. Neu ist das vielleicht nicht, aber die Auswirkungen dieses Ph\u00e4nomens zeigen sich heute nicht mehr in denselben romantischen Formen der Entfremdung und der Verdinglichung wie vor 100 oder 200 Jahren; sie sind unvermittelter und brutal. Wo das Ich unreflektiert solche Erfahrungen macht, scheitert es unweigerlich, ohne Chance, das Phantasieren in einer Ideologie mit der Aktivit\u00e4t in solidarischen Gruppen als einen Ausweg aus solcher Negativit\u00e4t auszuprobieren. Aus dem Einzelerlebnis wie dem eines Beifalls halluziniert das scheiternde Ich einen unendlichen Zusammenhang, an dessen Spitze es allseits anerkannt als souver\u00e4nes Selbstbewusstsein das Leben geniesst. Nicht aufs Mal, aber St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck und desto unwiderruflicher, weicht diese sch\u00f6ne Logik des Zusammenhangs, die Vernunft und gesellschaftlichen Sinn garantierte, einer Logik des Fadenscheins, die blossstellt, was die fr\u00fchere durchstr\u00f6mte: die Dinge sind vielleicht nicht absolut isoliert und radikal voneinander abgetrennt, aber was sie zusammenh\u00e4lt, ist alles andere als einheitlich und w\u00e4re in keiner Weise mit einem Namen zu benennen, der eben noch f\u00fcr Zusammenhang st\u00fcnde. Die aufscheinende Bl\u00f6sse geh\u00f6rt nicht den Gesellschaften als Systemen, nicht der \u00d6konomie, dem Recht oder der Politik, wenn auch die Befolgung der Logik f\u00fcr solche Br\u00fcche sensibel macht, durch die beispielsweise ein halbfaschistisches Teilsystem wie das, in dem die Arbeitslosen zu vegetieren haben, parallel neben einer Gesellschaft mit durchdemokratisierten Institutionen zu existieren vermag. Sie geh\u00f6rt auch nicht den Systemen der Natur oder der Natur des Menschen, wenn sie auch sensibel f\u00fcr solche ontologische Undurchg\u00e4ngigkeit macht, durch die beispielsweise die Tiere parallel neben den unendlichen Weiten der Gestirne erscheinen. Die Probleme, die aus der Logik des Fadenscheins hervorgehen, sind am Rande oder schon jenseits des Systematischen. Obwohl sie in der Folge des Kapitalismus entstehen, sind sie ihm nicht wesentlich inne und pr\u00e4gen weder ihn noch die Gehalte der Wissenschaften: ihre Probleme entfalten sich im gew\u00f6hnlichen Alltag. Ihnen eignet, dass sie nicht systematisch zu begreifen sind sondern wenn nicht gar ausserhalb dann wenigstens am Rand von Systemen aufgest\u00f6bert werden m\u00fcssen. Ihr logischer Zusammenhang geh\u00f6rt weder zu den Systemen noch zum Wesentlichen der Vernunft wie etwa die Logik des Zerfalls. Um so mehr ist er das, worin dem Einzelnen der Alltag geschieht und also das, worauf er als einzelner zu reagieren hat. In solcher Anerkennung der Logik des Fadenscheins entspringt die M\u00f6glichkeit, das Risiko zu minimieren, paranoisch alles einem systematischen Zusammenhang einzuordnen, der einem dann negativ entgegensteht; was einem geschieht, im Guten wie im Schlechten, kann dies auch durch Zufall, selbst reihenweise. Dann setzt sie, die so viel zersetzt, die moralische Kraft frei, gegen\u00fcber der eigenen Person das zuf\u00e4llige Geschehen zuzulassen.<br \/>Ist das alte bekannte fadenscheinige Argument, von dem der Ausdruck herkommt, leicht zu durchschauen und ein falsches, das das wahre nur schlecht verh\u00fcllt, hat die Logik des Fadenscheins als das schlechte Sediment schlechter gesellschaftlicher Kommunikation die ung\u00fcnstigen Eigenschaften, schnell zu reissen, kaum je ein ganzes Gebilde in vollendeter Gestalt durchzubilden, umgekehrt das immer durchscheinen zu lassen, was es, um dieses selbst in Erscheinung treten lassen zu k\u00f6nnen, verh\u00fcllen und auskleiden soll, das factum brutum. Zerbrechlich w\u00e4re auch die Logik der Musik, aus der Gebilde dennoch entstehen. Der Logik des Fadenscheins geh\u00f6rt die Eigent\u00fcmlichkeit, dass sie keine fertigen und abschlusshaften Gebilde ins Auge fassen kann, Ziele, die die Menschen umtreiben wie das Gl\u00fcck, das Paradies, die Utopie oder das Ende der Vorgeschichte, zudem, dass bei allem Geschehen etwas Zus\u00e4tzliches durchschimmert. Nur zu leicht k\u00f6nnte man es als das Nichts, als den Machtwillen oder als das neuheidnische infantile Sein bezeichnen. Einen Grund, es \u00fcberhaupt zu bezeichnen, gibt es nicht. Die \u00fcberkommenen Geschichten sind genauso schlecht wie ihre Verleugnungen &#8211; wahr ist nur, dass sie nicht notwendig sind und folglich nicht als Lehrgebilde gesellschaftlich weiter herumgeistern sollen.<br \/>Das Licht aufs Ganze, das von der Logik des Fadenscheins geworfen wird, ist unbunt vernebelt. Es gibt keine Herren mehr, gegen deren Verbl\u00f6dung im Luxus sich die Knechte zu bilden verm\u00f6chten; die Welt der Knechte und M\u00e4gde l\u00e4sst sich mit der Neugier des Ethnologen erschliessen und verstehen, nicht mehr aber in den gr\u00f6sseren Prozess integrieren, in dem ihre heutigen Aktivit\u00e4ten Momente w\u00e4ren, negative <i>oder<\/i> positive. Eine Notwendigkeit, das Ganze nach ihren d\u00fcrftigen Regeln zu betrachten, gibt es nicht. Fruchtbar ist sie nur dem Einzelmenschen als moralische Kraft, der im Irren dazu neigt, seinen unmittelbaren Zusammenhang f\u00fcr den ganzen zu halten. Sobald er mit anderen Gedanken austauscht, muss sie abfallen zugunsten der Logik des Zusammenhangs, die allein dem Argumentieren Raum zu geben imstande ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Einzelne in den versunkenen einfachen vorkapitalistischen Gesellschaften erfuhr sich selbst, das Leben und die Gesellschaft als einen einzigen, durchg\u00e4ngigen Zusammenhang. Seiner Position im Gef\u00fcge von Herrschaft und Macht entsprach ein Mass an Verantwortung, das mit dem System der Legitimation korrespondierte. Desgleichen vermochte den M\u00fchen der Anerkennung ein individueller Genuss des Selbstbewusstseins zu gen\u00fcgen. 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