{"id":662,"date":"2011-02-02T10:34:48","date_gmt":"2011-02-02T09:34:48","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=662"},"modified":"2011-02-02T10:34:48","modified_gmt":"2011-02-02T09:34:48","slug":"august-1928","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=662","title":{"rendered":"August 1928"},"content":{"rendered":"<p>Gestern auf Bayern 4 wie schon am 20. November 2010 auf Espace 2: Paul Hindemith, Cardillac (1926), unter Welser-M\u00f6st vom 23. Oktober 2010 in Wien. An diesem St\u00fcck l\u00e4sst sich nachvollziehen, wie Adorno 1928 zu einer eigenst\u00e4ndigen Art und Weise gekommen ist, die Dinge zu sehen, zu begreifen und darzustellen, nicht durch Einfl\u00fcsse anderer Theoretiker oder durch \u00dcbernahme einer Theorie, sondern im Nachvollzug der aktuellen Musik. Hindemith wurde von Adorno lange bewundert, und der Komponist sah die Oper Cardillac als eine Art &#8222;konsolidiertes standard work&#8220;, an dem er als K\u00fcnstler tel quel nun scheint gemessen werden zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Cardillac ist eine kurze Krimioper, deren Kompositionsweise ein \u00e4usserst hohes technisches Niveau mit grosser K\u00f6nnerschaft darstellt und noch heute zu faszinieren vermag, weil der Komponist nicht z\u00f6gert, rockige Rhythmen und knallige Effekte einzusetzen. Langeweile kommt musikalisch nicht auf, und w\u00fcrden die Partien von Stars der Unterhaltungsbranche gesungen, also ohne Opernhabitus, w\u00fcrde Cardillac von der breiten KonsumentInnemasse freudig beklatscht werden k\u00f6nnen. Etwas macht sie verd\u00e4chtig, und dieses Falsche ist objektiv vorfindbar, gleichzeitig unabh\u00e4ngig vom kompositorischen Verm\u00f6gen in den Details. Sich vorzustellen, dass sich aus dieser Musik weitere und neuere h\u00e4tte entwickeln k\u00f6nnen, ist unm\u00f6glich. Der Grund liegt darin, dass ihre Teile in sich keinen Zusammenhang bilden, sondern disparat austauschbar sind und einem \u00e4usseren Zusammenhang angeh\u00f6ren, der allein sie zusammenh\u00e4lt wie die Nummerngirls die Zirkustiere. Die Themen, die eine Befindlichkeit ausdr\u00fccken sollen, erscheinen, und dies keineswegs selten, wie in der Barockmusik in unver\u00e4nderten Wiederholungen, auch dort, wo die repr\u00e4sentierte Empfindung eine Erfahrung durchmacht, eine Ver\u00e4nderung. Das Falsche, das Adorno im August 1928 anl\u00e4sslich einer Besprechung dieser Oper zum ersten Mal als objektive Unwahrheit, als Verfehlen des objektiven Wahrheitsgehalts verstehen m\u00f6chte (Gesammelte Schriften 19, 138ff), besteht darin, das Einzelne nicht im Ganzen, im Zusammenhang, wie das bei Sch\u00f6nberg durch die Variation geschieht, vermitteln zu wollen, sondern in diesem Ganzen und durch es nur buchhalterisch aufzulisten. Nur die Musik Sch\u00f6nbergs vermag es, dem einzelnen musikalischen Moment so zu vertrauen, dass er sich nicht nur zu wiederholen sondern auch zu entwickeln und zu entfalten getraut. Was einem l\u00e4cherlich an Cardillac erscheint, ist keineswegs ein Mangel an musikalischer Kraft &#8211; die Musik ist farbig und gleichzeitig frei von Kitsch &#8211; aber eine Unbek\u00fcmmertheit der Wiederholung von Melodien gegen\u00fcber, wie sie nur der Unterhaltungsmusik heute noch ansteht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern auf Bayern 4 wie schon am 20. November 2010 auf Espace 2: Paul Hindemith, Cardillac (1926), unter Welser-M\u00f6st vom 23. Oktober 2010 in Wien. 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