{"id":640,"date":"2011-01-28T08:44:05","date_gmt":"2011-01-28T07:44:05","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=640"},"modified":"2011-01-28T15:02:05","modified_gmt":"2011-01-28T14:02:05","slug":"schreiben-oder-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=640","title":{"rendered":"Schreiben oder nicht"},"content":{"rendered":"<p>Wer selten \u00fcber Musik schreibt, macht es dann, wenn sie selbst oder ein Moment in ihr besonders gut und eben erw\u00e4hnenswert erscheint. Schreibt man eine Zeitlang m\u00f6glichst regelm\u00e4ssig, entstehen auch bei guter Musik Schreibdilemmata, deren allgemeinste Form darin besteht, das Schreiben zu unterlassen und die Musik zu ignorieren oder mindestens \u00fcber einen Moment des Erlebten auch dann negativ zu schreiben, wenn man es gar nicht will, die Redlichkeit es aber verlangt und sodann die ganze Musik in ein schiefes Licht ger\u00e4t, v\u00f6llig unbeabsichtigt, aber durch keine Versicherungen mehr korrigierbar. Die Korrektur m\u00fcsste gesellschaftlich geschehen, indem andere \u00fcber dasselbe Ereignis schreiben und in ihrer eigenen Redlichkeit &#8211; das w\u00fcrde das erste Schreiben vom Dilemma befreien, und es w\u00fcrde die objektiv realisierte Musik aus dem unverdienten Ghettoleben herausf\u00fchren. Trotz Computer und Internet in jedem Haus und trotz Gratism\u00f6glichkeiten f\u00fcr Blogs geschieht das immer noch nicht.<\/p>\n<p>1) Gestern Abend auf France Musique, Concert donn\u00e9 le 6 novembre 2010 \u00e0 Besan\u00e7on: Micha\u00ebl Jarrell, a) Eco III pour voix et harpe, b) Aus Bebung pour clarinette et violoncelle, c) Assonance VII pour percussions mit dem Ensemble Accroche-Note: Fran\u00e7oise Kubler, Soprano &#8211; Armand Angster, Clarinette &#8211; Christophe Beau, Violoncelle &#8211; Philippe Cornus, Percussions &#8211; musicienne invit\u00e9e : H\u00e9l\u00e8ne Breschand, Harpe.<\/p>\n<p>Die \u00c4sthetik dieser Musik zielt darauf, dem Molaren und Identischen einen Dreh zu versetzen und die R\u00e4nder ausfransen zu lassen, nicht ohne im Innern die Linien feingliedrig zu entfalten, in vielartig gefalteten Netzen, ganz nah der Idee der Rhizome. In der Auff\u00fchrung wird sie unterst\u00fctzt durch die Praxis der Improvisation, in der quasi ein Pr\u00e4- und diverse Interludien die komponierten St\u00fccke umgarnen. In der Feinheit solcherart aufgedr\u00f6selter Struktur ist es mitunter schwierig zu entscheiden, ob man einer improvisierten oder komponierten Passage folgt. Das Verst\u00e4ndnis moderner Musik, dass man in ihr hofft, auf das Neue hofft, wird dadurch unterlaufen, dass sie jede Richtungsangabe verweigert ausser derjenigen aufs Individuum in der Improvisation, das dann auch, und das erscheint mir immer mehr als das Negative der Improvisation \u00fcberhaupt, aufdringlich wirken kann.<\/p>\n<p>Nach diesem Konzert erfolgte auf France Musique ein \u00fcberlanger Ausschnitt aus einer CD mit drei Klarinetten, der in einer Jazzabteilung gut aufgehoben w\u00e4re, mich hier aber wegen musikalischer D\u00fcrftigkeit zur Verzweiflung und hinein in eine immer gr\u00f6ssere M\u00fcdigkeit trieb, so dass f\u00fcrs zweite Konzert die Aufnahmef\u00e4higkeit Schaden genommen hat und ich es in der Mitte abbrechen musste, unverzeihlicherweise:<\/p>\n<p>2) Fritz Hauser, percussions, Concert donn\u00e9 le 2 octobre 2010 \u00e0 Radio France<\/p>\n<p>Vor f\u00fcnfunddreissig Jahren \u00f6ffnete Pierre Favre in Solokonzerten auch in Luzern nicht wenigen die Ohren &#8211; sein Schlagzeug war nicht die K\u00fcche eines Trommlers, sondern das vielf\u00e4ltige und farbige Orchester eines modernen Komponisten. Die Vorstellung, dass Musikinstrumente neutrale Werkzeuge mit eingeschr\u00e4nkten, bestimmten Funktionen seien, hat er einem t\u00fcchtig ausgetrieben. Das ist auch bei Fritz Hauser so. Allerdings geht er \u00fcber die Erfahrungen Favres hinaus, indem er durch Anheftung an andere Bereiche wie H\u00f6rspiel, Architektur und Video, die eine thematische Gebundenheit aufweisen, der Musik Schranken auferlegt: die Erweiterung der Idee des musikalischen Instruments muss sich auch dann bew\u00e4hren, wenn eine konkrete Auswahl, die sich an etwas Aussermusikalischem ausrichtet, nicht \u00fcberschritten werden darf. Trotzdem bleibt die Improvisation dominant. Und wiederum ist sie es, die Schwierigkeiten macht: trotz \u00e4usserster Musikalit\u00e4t und Intensit\u00e4t erscheint die Musik wie eine Tapete, ein Ambiente, in dem man auch anderes machen kann als nur zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Darauf ein peinlich langer Traum, mit sehr vielen Personen, die alle sprechen und mir Tipps geben wollen, auch wenn ich die Leute nicht kenne. Ich bin zuhause (1), in einem unbestimmten Alter, mit einem Kinderwagen, so alt und h\u00e4sslich, wie ich vor \u00fcber f\u00fcnfzig Jahren in einem kutschiert worden war. Ich muss unbedingt in die Stadt (2) und dort etwas holen gehen f\u00fcr das, was im Kinderwagen ist. Ich wohne nicht zuhause, sondern \u00f6stlich davon in der N\u00e4he (3) oder weiter weg (4), wohin ich nachher mit dem Bus fahren will (dorthin gibt es keine Busse). Das Problem besteht darin, dass Samstag ist, da die Busse seltener fahren, die Gesch\u00e4fte aber fr\u00fcher schliessen. Nun geht ein grosses Keifen in der Meute los, wie das zu bewerkstelligen w\u00e4re, weil zus\u00e4tzlich nicht klar ist, wo ich das Produkt kaufen muss. Sehr lange Zeit dreht sich alles um dieses Produkt &#8211; bis meinem leerlaufenden Traumhirn doch noch klar wird, dass es sich um etwas Einfaches handelt, das in jedem Gesch\u00e4ft gekauft werden kann, und keineswegs ausschliesslich in der Stadt. &#8211; Rot ist in den Bildern der Bereich des letzten Traumes vom 21. Januar.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/bilder\/2011\/halten-emmen.jpg\"><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.swiss-host.ch\/cms15\/index.php\/swiss-host-webcam\">http:\/\/www.swiss-host.ch\/cms15\/index.php\/swiss-host-webcam<\/a><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/bilder\/2011\/busfahrt-emmen.jpg\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer selten \u00fcber Musik schreibt, macht es dann, wenn sie selbst oder ein Moment in ihr besonders gut und eben erw\u00e4hnenswert erscheint. 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