{"id":634,"date":"2011-01-26T06:08:51","date_gmt":"2011-01-26T05:08:51","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=634"},"modified":"2011-01-26T06:08:51","modified_gmt":"2011-01-26T05:08:51","slug":"nicht-folklore-sondern-existenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=634","title":{"rendered":"Nicht Folklore, sondern Existenz"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Abend auf France Musique aus der Kongresshalle von Saarbr\u00fccken vom 19. November 2010 Peter Jablonski, Piano, Orchestre Philharmonique allemand de la Radio de Saarbr\u00fcck, Christian Arming, Direction.<\/p>\n<p>Sandor Veress: Threnos &#8211; In memoriam B\u00e9la Bart\u00f3k (1945). Ich habe noch nie ein grosses Orchesterst\u00fcck vom &#8222;Wahlberner&#8220; Veress aus dieser fr\u00fchen Zeit geh\u00f6rt, und so gut gespielt! Obwohl das Werk auf den Tod des Lehrers Bart\u00f3k hin komponiert wurde, f\u00e4llt mir seine subjektive Sicherheit auf, das kompositorische Selbstvertrauen, in dem es geschaffen wurde. Die Isoliertheit der sp\u00e4teren Lebens-, Lehr- und Schaffenszeit f\u00fchrte Veress&#8217;s Musik nicht zu einer weniger vorw\u00e4rtstreibender, weniger avancierten \u00c4sthetik, aber in eine Haltung hinein, in der sich das Bed\u00fcrfnis nach Absicherung teilweise stark und ungesch\u00fctzt nach aussen hin zeigte, als ob nicht nur das Vertrauen in die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, sondern auch das in die Menschen, denen einer begegnet und schliesslich das in sich selbst verloren ging.<\/p>\n<p>B\u00e9la Bart\u00f3k: Concerto N\u00b03 (1945). Ich weiss nicht, ob ich dieses St\u00fcck schon einmal geh\u00f6rt hatte, jedenfalls nicht bewusst. Es erstaunt mich, wie schlecht es mir erscheint. Der Sch\u00f6pfer zeigt nicht, was er alles an Musik auf dem Lande gesammelt hat und zu was f\u00fcr neuer er sie verarbeitet: es zeigt sich das Individuum in einer irrationalen Gesellschaft, das deren brutalen Direktiven nicht mehr zu folgen vermag und nun mit einem Ensemble von Plastiks\u00e4cken durch die Strassen schlurft. Da ist nichts mehr vom Komponisten, der auf der Bahn der komplizierten ungarischen und rum\u00e4nischen Musik der Landbev\u00f6lkerung vorw\u00e4rts dr\u00e4ngt, aber alles von einem, der vor dem Tod schon das Vertrauen ins Leben verloren hat. Der Kontrast zwischen diesem St\u00fcck und dem zuvor geh\u00f6rten des Sch\u00fclers, das im selben Jahr entstand, besteht nicht in der Qualit\u00e4t, sondern in der Art, wie sich das Selbstvertrauen zeigt, im Trauernden frisch, im starken Lehrer schon ausgel\u00f6scht, durch die Gesellschaft vernichtet.<\/p>\n<p>Zoltan Kod\u00e1ly: H\u00e1ry J\u00e1nos, Suite Op.15 (1927). Ich hatte w\u00e4hrend des ganzen St\u00fcckes an des vorangegangene von Bart\u00f3k gedacht &#8211; das Eigene hier hat sich nicht breitmachen k\u00f6nnen gegen das schittere Pers\u00f6nliche vorher, das einen betr\u00fcbt. Veress hatte 1925-1930 auch bei Kod\u00e1ly studiert und wurde 1943 (bis 1948\/49) sein Nachfolger als Kompositionslehrer in Budapest.<\/p>\n<p>B\u00e9la Bart\u00f3k: Le Mandarin merveilleux Op.19 (1918-1925\/26). Dieses Werk gilt gemeinhin als Bindeglied zwischen Bart\u00f3k und Strawinsky, weil es sich &#8222;mit der Expressivit\u00e4t&#8220; von dessen Sacre du Printemps vergleichen liesse. Ich glaube nicht mehr daran, weil die einheitliche Folklore in Russland mit der \u00e4usserst vielf\u00e4ltigen in Ungarn und Rum\u00e4nien stark kontrastiert. Strawinsky entnimmt die Volksmusik seinem Lehrer Rimsky-Korsakow, dampft sie ein und richtet sie direkt gegen das Wohlgef\u00e4llige der Tradition, in einem genialen, indes nur individuell-rebellischen Akt der Auflehnung, den er unter dem nicht weniger eigensinnigen und individuellen Konformit\u00e4tszwang zeitlebens verraten wird. Das Geniale finde ich in Bart\u00f3ks Mandarin entschieden abgebremst, die Vermittlung zwischen den komplexen Momenten aus der Volksmusik mit einer progressiven \u00c4sthetik um so stabiler. Als Einzelwerk gef\u00e4llt mir der Sacre viel besser &#8211; als St\u00fcck eines schaffenden Komponisten auf seinem H\u00f6hepunkt ist der Mandarin redlicher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend auf France Musique aus der Kongresshalle von Saarbr\u00fccken vom 19. November 2010 Peter Jablonski, Piano, Orchestre Philharmonique allemand de la Radio de Saarbr\u00fcck, Christian Arming, Direction. 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