{"id":61,"date":"2006-07-20T16:01:29","date_gmt":"2006-07-20T14:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=61"},"modified":"2006-07-21T12:11:27","modified_gmt":"2006-07-21T10:11:27","slug":"die-zweite-sonate-in-analyse-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=61","title":{"rendered":"Die Zweite Klaviersonate in Analyse (2)"},"content":{"rendered":"<p>Je mehr einer die Analysen der musikalischen Werke zwischen 1945 und 1970 nachvollziehen kann, weil das Schreiben \u00fcber diese dichte Musik immer klarer wird, desto gr\u00f6sser wird die Bewunderung f\u00fcr die einzelnen Komponisten dieser Zeit, weil der &#8222;Anteil&#8220; des k\u00fcnstlerischen Gestaltungswillens gegen\u00fcber dem angeblich rein kalkulierten Organisatorischen immer st\u00e4rker hervortritt. Eine dieser grossartigen neueren analytisch-diskursiven Arbeiten ist die Dissertation von Inge Kov\u00e1cs, Wege zum musikalischen Strukturalismus &#8211; Ren\u00e9 Leibowitz, Pierre Boulez, John Cage und die Webern-Rezeption in Paris um 1950, Schliengen 2004. Sie folgt einer ganz \u00e4hnlichen und gut vergleichbaren Fragestellung wie Barbara Dobretsberger in <a href=\"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=59\">Premi\u00e8re und Deuxi\u00e8me Sonate von Pierre Boulez &#8211; Ph\u00e4nomene strukturalistischen Denkens, Frankfurt am Main 2005.<\/a> Die Vorz\u00fcge der beiden B\u00fccher erg\u00e4nzen sich wie abgesprochen: Liegen die St\u00e4rken von Dobretsberger in den detaillierten Analysen und der Vermittlung derselben, so diejenigen von Kov\u00e1cs in der Aufarbeitung des historisch-sozialen Prozesses, in dem der Begriff der Struktur in die Musik Einzug zu halten beginnt. Allerdings fehlt Kov\u00e1cs gerade das, was einem nicht zuletzt durch die Lekt\u00fcre auch ihres Buches aufgeht, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das K\u00fcnstlerische im Kompositionsvorgang: mit den treuen Augen der Musikologie klebt sie an den ver\u00e4usserbaren Vorg\u00e4ngen und an den ver\u00e4usserten Materialien. Dass da einer mit ihnen sein musikalisches Ohr unterst\u00fctzt, und dass dieses kompositorische H\u00f6ren, sei es mit Regeln, sei es spontan ohne, allem Komponieren vorrangig ist, tritt in ihrem Text sosehr in den Hintergrund, dass man fast meinen m\u00fcsste, sie h\u00e4tte das Interesse an dieser Kunst zunehmend verloren.<br \/>Das Buch hat vier Teile. Der erste und der vierte diskutieren die Entstehung des Strukturbegriffs in der Musik und die sp\u00e4ten Debatten um ihn sowohl im ideologischen Feld wie in dem der Musik selbst. Die zwei mittleren Teile analysieren die Werke von Leibowitz, Boulez und Cage, die in diesem engen Zeitraum entstanden waren, als in ihren Texten und Briefen von Struktur anf\u00e4nglich die Rede war &#8211; fast ausnahmslos, aber st\u00e4ndig aus anderer Perspektive, das Verh\u00e4ltnis Webern-Sch\u00f6nberg problematisierend. Ohne Abstriche \u00fcberzeugt der erste Teil, weil er unmissverst\u00e4ndlich klar zu machen vermag, dass in der Entstehungszeit der musikalische Strukturbegriff nicht im mindesten mit demjenigen in Verbindung gebracht werden darf, der sich in der Linguistik und in der franz\u00f6sischen Ethnologie (qua Strukturaler Anthropologie sp\u00e4testens ab 1945) hat etablieren k\u00f6nnen.<br \/>Die Autorin erw\u00e4hnt alle Texte, die f\u00fcr die Diskussion Strukturalismus und serielle Musik n\u00f6tig sind, alle aus dem Strukturalismus und alle strukturalismuskritischen &#8211; aber sie stehen nur herum wie isolierte Ornamente, als ob eine Vermittlung gar nicht beabsichtigt gewesen w\u00e4re. Gegen\u00fcber dem Titel des Buches, in dem die Existenz eines musikalischen Strukturalismus behauptet wird, erscheint es als Fahrl\u00e4ssigkeit, dass nicht dar\u00fcber gesprochen wird, wie der Strukturalismus mit der Pensionierung von Claude L\u00e9vi-Strauss in Vergessenheit geraten ist und der Begriff des Neostrukturalismus, der die analytischen Prozesse des Strukturalismus als Wissenschaft abgekoppelt sehen wollte von einer totalisierenden Reintegrierung der allgemeinen Struktur in die Natur, sich nicht hat durchsetzen k\u00f6nnen wie umgekehrt in der Musik der Begriff Idee der seriellen Musik &#8211; von der sich die j\u00fcngere Generation allerdings partout in ihren ersten Momenten hat lossagen wollen. (Statt Neostrukturalismus qu\u00e4len uns seither Poststrukturalismus und Postmodernismus, Begriffe, die kein pr\u00e4zises Verst\u00e4ndnis der Zeit und der Umst\u00e4nde voraussetzen, von denen sie sich abheben wollen.) So wundert es nicht, dass Umberto Eco nicht aus seinen l\u00e4ngeren, nicht wenig sachkundigen Werken zitiert wird, sondern nur aus einem kurzen franz\u00f6sischen, quasi journalistischen und von der Autorin jedenfalls bloss polemisch verstandenen. Das erscheint dann als zu schmale Basis, um seine klare Unterscheidung zwischen ontologisch struktural und offen strukturell zugunsten einer nebul\u00f6sen Identifizierung der Komponisten mit &#8222;dem&#8220; Strukturalismus zur\u00fcckzuweisen. So gut das Buch dasteht, die Seiten 164f und 255 sind missgl\u00fcckt, weil sich nichts daran \u00e4ndern l\u00e4sst, dass alles das, was sich musikalisch als struktural begreifen l\u00e4sst, auch auf die tonale Musik zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. (Nota bene besteht in der strukturalen Anthropologie kein Platz f\u00fcr musikethnologische Fragestellungen &#8211; jeder Winkel ist f\u00fcr Richard Wagner reserviert.)<br \/>Inge Kav\u00e1cs&#8216; Unentschiedenheit im Urteilen \u00fcber die Frage nach dem Zusammenhang von Strukturalismus und serieller Musik steht Barbara Dobretbergers fast paranoische Identifizierung der beiden historischen Gebilde gegen\u00fcber. Dass Boulez kunstvoll mit den Zw\u00f6lftonreihen umzugehen weiss und nicht &#8222;ehrf\u00fcrchtig&#8220;, wie Kav\u00e1cs in Anmerkung 37 Seite 262 meint, zeigt allerdings umgekehrt gerade eben Dobretsberger in ihren didaktisch durchdachten, nichtsdestotrotz sehr komplexen Analysen, die ungleich Kov\u00e1cs dem, was bereits analytisch diskursiv vorliegt, \u00e4usserst kritisch gegen\u00fcbersteht. Nichtsdestoweniger will sie wie unter Zwang und gegen alle theoriegeschichtliche Informiertheit die serielle Musik als Variante des Strukturalismus verstanden wissen. Kov\u00e1cs ihrerseits arbeitet die eigenst\u00e4ndige, quasi interne Konsolidierung des Strukturbegriffs in der Musik heraus, positioniert dann aber zumindest Pierre Boulez wieder trotzdem in der N\u00e4he des orthodoxen Strukturalismus, weil sie ihren eigenen Analysen zuwenig vertraut und das Komponieren w\u00e4hrend der Mitte des 20. Jahrhunderts eben doch mehr des abstrakten Kalkulierens verd\u00e4chtigt als dass sie bereit w\u00e4re, die wunderbare Wirkung, die einzelne Werke daraus uns verschaffen, zuvorderst die Zweite Klaviersonate (die beide Autorinnen reihenalytisch \u00fcbrigens verschieden deuten), im Reden \u00fcber sie mit zu ber\u00fccksichtigen.<br \/>Lokaler Zusatz: Leider ist mir ein sozial Zwielichtiger in der Lekt\u00fcre zuvorgekommen. Das Buch steht knapp ein Jahr in der Bibliothek und ist schon jetzt vollgekratzt, vollgestrichen und \u00fcberpalimpsiert. Brrrr! Es geh\u00f6rte auch zum Prop\u00e4deutikum des Wissens, zur Kenntnis zu nehmen, dass man im Umgang mit ihm nicht alleine dasteht. Weil aber den Attacken eine nicht wenig sachkundige Lekt\u00fcre zugrunde liegt, die auch einige Fl\u00fcchtigkeitsfehler hat dingfest machen k\u00f6nnen, darf das Urteil, f\u00fcr den Rest des Lebens im untersten Bibliotheksverliess alle alten, selbstredend ihrerseits anonymen Ankreuzungen auszuradieren, nur bedingt ausgesprochen werden.<br \/>PPS (21.7.06, 11.30 Uhr): B\u00e4\u00e4\u00e4h, da ist er schon wieder, The Greasy Finch, heute in Ulrich Mosch, Musikalisches H\u00f6ren serieller Musik, Saarbr\u00fccken 2004. Und morgen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je mehr einer die Analysen der musikalischen Werke zwischen 1945 und 1970 nachvollziehen kann, weil das Schreiben \u00fcber diese dichte Musik immer klarer wird, desto gr\u00f6sser wird die Bewunderung f\u00fcr die einzelnen Komponisten dieser Zeit, weil der &#8222;Anteil&#8220; des k\u00fcnstlerischen Gestaltungswillens gegen\u00fcber dem angeblich rein kalkulierten Organisatorischen immer st\u00e4rker hervortritt. 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