{"id":56,"date":"2006-07-07T15:11:15","date_gmt":"2006-07-07T13:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=56"},"modified":"2006-07-07T17:28:13","modified_gmt":"2006-07-07T15:28:13","slug":"derrida-und-der-schurkenphilosoph-heidegger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=56","title":{"rendered":"Derrida und der Schurkenphilosoph Heidegger"},"content":{"rendered":"<p>Die Lekt\u00fcren der ersten ins Deutsche \u00fcbersetzten Schriften Derridas befassten sich ohne Zweifel und ohne Zagen mit einem Werk, das der Philosophie Heideggers gegen\u00fcberstand wie Adorno es vormachte. Doch das philosophische Insistieren auf Heidegger nahm pathologische Z\u00fcge an, die in der Auseinandersetzung mit Farias den Gehalt der Lekt\u00fcre zuweilen nur noch schwer begreifen liessen. Der Schurkenverfolger erschien allein nur noch als einer selber. Die letzten zehn Jahre, produktiv wie alle Phasen, stimmten Derrida, der als Schurke die guten Worte \u00fcber die negative Dialektik mit ins Grab genommen haben wird (aus Rache, klar, dass ich vor seiner B\u00fcrot\u00fcr Reissaus genommen hatte), milder, so dass das, was als Intention mit H\u00e4nden und F\u00fcssen verteidigt werden musste, als kl\u00e4rendes Statement erscheinen darf. Eine solche Stelle steht im Schurkenbuch, im zweiten Teil, nicht im ersten, dessen Schluss mit dem Titel Sendung (150 bis 158) die voranspriessenden wunderbaren 150 Seiten wie in der zweiten, wie gesagt nicht selten \u00fcblen Phase, mit dr\u00f6ger Heideggerei fast zunichte pfl\u00fcgen (nur noch ein Gott soll uns retten k\u00f6nnen &#8211; m\u00fcssen? &#8230; zur H\u00f6lle mit diesem neoheidnischen Mist!). Wegen ihrer Deutlichkeit und weil ich das Buch nat\u00fcrlich nicht behalten kann, sei die kl\u00e4rende Stelle, eine als Zusatz markierte Anmerkung, ganz zitiert:<\/p>\n<p><font face=\"times new roman\", color=\"#330000\", size=\"normal\";>Jacques Derrida, Die \u201eWelt\u201c der kommenden Aufkl\u00e4rung (Ausnahme, Kalk\u00fcl und Souver\u00e4nit\u00e4t), Anmerkung 39, in: Schurken, Frankfurt am Main 2003, Seiten 202 bis 204:<br \/>Vielleicht ist hier der Ort, nachtr\u00e4glich und dennoch sehr knapp einige Pr\u00e4zisierungen zu der Frage beizubringen, welche Beziehungen zwischen der \u00bbDekonstruktion\u00ab &#8211; zumindest so, wie sie mir in meiner Arbeit seit langem erforderlich scheint &#8211; und der Vernunft als logos bestehen m\u00f6gen.<br \/>\nAnla\u00df zu diesen Pr\u00e4zisierungen war eine Diskussion, die am Ende des Kongresses \u00fcber \u00bbmetaphysische und nachmetaphysische Vernunft\u00ab gef\u00fchrt wurde. Dabei ging es weithin um logos und Dekonstruktion. Aus einer Reihe von Gr\u00fcnden konnte ich mich an der Debatte nicht beteiligen. Ich erlaube mir deshalb, einige Evidenzen ins Ged\u00e4chtnis zu rufen, die mir damals der unheimliche Gegenstand einer Art von Verwerfung [forclusion] zu sein schienen.<br \/>1. Die Heideggersche Dekonstruktion (Destruktion*) richtete sich niemals gegen einen Logozentrismus oder gar gegen den logos. Wenn sie zur Dekonstruktion der klassischen Ontologie oder Ontotheologie schritt, so tat sie es vielmehr h\u00e4ufig im Namen einer \u00bburspr\u00fcnglicheren\u00ab Neuinterpretation des logos.<br \/>2. Die \u00bbDekonstruktion\u00ab, die ich versuche oder die mich versucht, ist von derjenigen Heideggers nicht nur verschieden (in zahlreichen Merkmalen, die an anderer Stelle zu oft dargelegt worden sind, als da\u00df ich sie hier erinnern m\u00fc\u00dfte). Vor allem hat sie niemals die objektivierende Gestalt eines Wissens als \u00bbDiagnose\u00ab angenommen und schon gar nicht einer \u00bbDiagnose der Diagnose\u00ab. Sie ist stets eingeschrieben in das Element ebender Sprache, die sie in Frage stellt; sie ist stets in diesem Element gefangen, wird in ihr verstanden und stets als solche verstanden, wenn sie sich im Herzen metaphysischer Debatten abm\u00fcht, die ihrerseits mit selbstdekonstruktiven Tendenzen zu k\u00e4mpfen haben. Deshalb habe ich das Motiv der Dekonstruktion niemals mit denen verkn\u00fcpft, die in der Diskussion so oft beschworen wurden: dem Motiv der \u00bbDiagnose\u00ab, des \u00bbNach-\u00ab oder \u00bbPost-\u00ab, des \u00bbTodes\u00ab (der Philosophie, der Metaphysik usw.), der \u00bbVollendung\u00ab oder \u00bb\u00dcberwindung\u00ab* (beziehungsweise des \u00bbSchritts zur\u00fcck\u00ab* d\u00e9passement), schlie\u00dflich des \u00bbEndes\u00ab. Man wird in keinem meiner Texte irgendeine Spur dieser Lexik finden. Das ist kein Zufall, man darf es mir glauben, und es hatte Folgen vielerlei Art. Nicht zuf\u00e4llig habe ich &#8211; seit der Grammatologie (1965) &#8211; ausdr\u00fccklich erkl\u00e4rt, da\u00df es nicht um ein Ende der Metaphysik geht und vor allem da\u00df Geschlossenheit [cl\u00f4ture] nicht Ende hei\u00dft. Ich habe mich beeilt zu erl\u00e4utern, da\u00df Geschlossenheit nicht gleichsam wie eine kontinuierliche Linie die Metaphysik im allgemeinen und im besonderen umschlie\u00dft, sondern deren heterogenen Raum gem\u00e4\u00df einem Raster komplexer und nicht kreisf\u00f6rmiger Begrenzungen durchl\u00e4uft.<br \/>3. Man darf nicht blo\u00df sagen &#8211; wie es, nicht ohne K\u00fchnheit, behauptet wurde: \u00bbLuther qui genuit Pascal\u00ab, \u00bbLuther zeugte Pascal\u00ab, sondern vielleicht auch \u00bbLuther qui genuit Heidegger\u00ab, \u00bbLuther zeugte Heidegger\u00ab. Was zu ganz anderen Konsequenzen f\u00fchrt. Ich habe an anderer Stelle oft daran erinnert, da\u00df das Motiv und das Wort \u00bbDestruktion\u00ab bei Luther ein Aufmischen der Ablagerungen [d\u00e9s\u00e9dimentation] der institutionellen Theologie (man k\u00f6nnte sagen: der Ontotheologie) meinte, um zu einer urspr\u00fcnglicheren Wahrheit der Schrift zur\u00fcckzukehren. Heidegger war unzweifelhaft ein gr\u00fcndlicher Leser Luthers. Doch trotz meines Respekts vor dieser ungeheuren Tradition geh\u00f6rt die Dekonstruktion, die mich besch\u00e4ftigt, ganz und gar nicht in diese Abstammungslinie. Es ist genau dieser Unterschied, den ich gewi\u00df nicht ohne Schwierigkeit zu artikulieren versuche.<br \/>Ungef\u00e4hr das gleiche werde ich zu dem Privileg sagen, das ich best\u00e4ndig dem aporetischen Denken gebe. Ich wei\u00df und ich wei\u00df sehr wohl, was dieses Denken zweifellos den Aristotelischen Aporien schuldet beziehungsweise, ich erinnere gerade hier daran, den Kantischen Antinomien. Doch wie mir scheint, habe ich ihnen eine ganz andere Wendung gegeben. Genau hier st\u00f6\u00dft die Analogie auf ihre Grenze, und diese Grenze ist allesentscheidend und m\u00fc\u00dfte h\u00f6chste Aufmerksamkeit verlangen. Und abermals das gleiche werde ich zu dem Hyper- oder Ultratranszendentalismus sagen (der doch auch ein Hyperrationalismus ist), auf den ich mich, um den empiristischen Positivismus zu vermeiden, seit der Grammatologie ausdr\u00fccklich berufen habe.<br \/>4. Schlie\u00dflich wage ich kaum ein weiteres Mal auf dem Unterschied zwischen Dekonstruktion und Destruktion zu beharren sowie auf dem zwischen Dekonstruktion und Kritik. Die Dekonstruktion sucht nicht die Kritik zu diskreditieren, sie rechtfertigt vielmehr deren Notwendigkeit und Erbe unaufh\u00f6rlich aufs neue; doch verzichtet sie niemals auf die Genealogie der kritischen Idee noch auf die Geschichte der Frage und des Privilegs, das dem fragenden Denken einger\u00e4umt wird.<br \/>All diese Motive, wage ich zu sagen, waren Gegenstand ausf\u00fchrlicher Darlegungen und zahlreicher Ver\u00f6ffentlichungen im Laufe der letzten vier Jahrzehnte.<\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Lekt\u00fcren der ersten ins Deutsche \u00fcbersetzten Schriften Derridas befassten sich ohne Zweifel und ohne Zagen mit einem Werk, das der Philosophie Heideggers gegen\u00fcberstand wie Adorno es vormachte. Doch das philosophische Insistieren auf Heidegger nahm pathologische Z\u00fcge an, die in der Auseinandersetzung mit Farias den Gehalt der Lekt\u00fcre zuweilen nur noch schwer begreifen liessen. 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