{"id":486,"date":"2010-12-15T22:11:01","date_gmt":"2010-12-15T21:11:01","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=486"},"modified":"2010-12-16T08:06:46","modified_gmt":"2010-12-16T07:06:46","slug":"beethovens-achte-neunte-aus-paris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=486","title":{"rendered":"Beethovens Achte &amp; Neunte aus Paris"},"content":{"rendered":"<p>Th\u00e9\u00e2tre des Champs-Elys\u00e9es vom 28. November 2010, Wiener Symphoniker mit Christian Thielemann, Choeur de Radio France, die achte und die neunte Symphonie von Beethoven auf France Musique. Schon eine Stunde vor Sendebeginn schaue ich, ob &#8222;alles in Ordnung&#8220; ist. Keine Ahnung, wann es das letzte Mal war, dass ich so gespannt ein Konzert \u00e4lterer Musik erwartete. Die vorangegangenen Auff\u00fchrungen der sieben Symphonien im Pariser November 2010 waren gr\u00f6sstenteils einfach zu gut, als dass die Nummern 8 und 9 verpasst werden d\u00fcrften.<\/p>\n<p>8.1: Unruhige Tempi, fast bis zum Auseinanderfallen, als w\u00fcrde eine temporale Dekonstruktion erprobt.<\/p>\n<p>8.2: Auseinanderliegendes wird kammermusikalisch gruppiert und sukzessive als neuer Beethoven zusammengesetzt. Beeindruckend.<\/p>\n<p>8.3: Schwere, fast hinkende Metren. Kein Echo auf Haydn, sondern auf Beethoven selbst, die Pastorale. L\u00e4ndlerhaft, wie eine Vorlage f\u00fcr Mahler.<\/p>\n<p>8.4: Die Fl\u00f6ten schlafen noch, ansonsten superb! Noch nie so wenig laut geh\u00f6rt: das Bestimmte wird in den ged\u00e4mpften Passagen herausgehoben.<\/p>\n<p>9.1: Die Bl\u00e4ser sind wach, die Streicher homogen wie in den fr\u00fcheren Auff\u00fchrungen. So kennt man diese Band in Paris 2010. Keine Lecks in der Partitur, dichte gute Musik. Die Erwatungshaltung f\u00fcrs Kommende ist angereizt, die Spannung da, ganz ohne Pathosfurcht.<\/p>\n<p>9.2: Nicht auf die Spitzen und auf den Drive gezielt, und wieder mit Schwankungen, allerdings ziemlich interessanter, als ob ein Fohlen zum ersten Mal dressiert w\u00fcrde &#8211; alle Spannung ist in die leisen Passagen abgelegt. Das ist keine alte bekannte Musik mehr, sondern eine, die zu entstehen versucht. Kein Pathos ist zu bef\u00fcrchten, gerade umgekehrt entfaltet sich Intelligenz.<\/p>\n<p>9.3: Beethoven \u00fcbte sich in Filmmusik mit einer Landschaftstotale. H\u00e4tte man keine angew\u00f6hnten Ohren, w\u00fcrde man nicht spontan eifrig zuh\u00f6ren wollen. Das Orchester wird aber nicht kitschig, und der Angefixte bleibt gerne dran. Der Komponist verbrachte eine Zeit mit Var\u00e8se in der Gobi Desert. Klar, einmal kippt das Ganze. Doch wer kommt und scheint auf im Bild, die Revolution, das Pathos? Eine Kleinfamilie aus Mexico, durstig &#8211; uff, und meine Flasche ist vor lauter Zuh\u00f6ren noch halbvoll. Hat Beethoven den dritten Satz der neunten Symphonie selbst geschrieben?<\/p>\n<p>9.4: Endlich eine Klapperschlange, quasi ohne Pause dem letzten Satz hinzugef\u00fcgt. Die Ohren sind spitz! Doch wie halten sich die Wiener wieder zur\u00fcck! Die Melodie, zun\u00e4chst im Bass, entwickelt sich wie am Anfang des Konzerts kammermusikalisch. Man ist gespannt, weiss aber nicht, worauf die Spannung gerichtet werden soll &#8211; sie umgibt einen. Das ist neu. Mit der Stimme wird es &#8230; zum erstenmal t\u00e4nzerisch, leicht, und dann noch leichter. Dies erscheint in der Tat als eine Interpretation, die St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck Neueres offenbart, der man immer mehr vertraut und in der man sich diesem Neuen immer lieber anvertraut. Jetzt erst wird das Verh\u00e4ltnis von den leisen zu den lauten Stellen klar und wie es aus der Partitur herauszulesen ist, befreit von den staubigen Klischees. Das Folgende bis zum Ende wird so leicht wie Bizet, wunschgesehen von Nietzsche: auf der Oberfl\u00e4che leicht, innen aufgeschl\u00fcsselt um so ernster.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Th\u00e9\u00e2tre des Champs-Elys\u00e9es vom 28. November 2010, Wiener Symphoniker mit Christian Thielemann, Choeur de Radio France, die achte und die neunte Symphonie von Beethoven auf France Musique. Schon eine Stunde vor Sendebeginn schaue ich, ob &#8222;alles in Ordnung&#8220; ist. 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