{"id":423,"date":"2010-11-16T20:27:38","date_gmt":"2010-11-16T19:27:38","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=423"},"modified":"2010-11-16T20:27:38","modified_gmt":"2010-11-16T19:27:38","slug":"theorie-und-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=423","title":{"rendered":"Theorie und Praxis"},"content":{"rendered":"<p>Mit den Symptomen eines unlustigen K\u00f6rpers naht die Zeit, da man sich Klarheit verschaffen und sogar st\u00fcckweise Rechenschaft dar\u00fcber geben muss, wie sich gewisse Entscheidungen und F\u00e4hrtenwahlen ausgewirkt haben, in welchem Verh\u00e4ltnis zu anderen sie stehen und ob sie m\u00f6glicherweise nach so langer Zeit heute noch einmal zu \u00e4ndern w\u00e4ren. Das berufliche Scheitern wird mit dem k\u00f6rperlichen Horror zusammen nur angesprochen, um beide desto eindeutiger auszuklammern, nicht weil sie einer drohenden Selbststilisierung im Wege st\u00fcnden, sondern zu jeder objektiven Aussage wie auch zu subjektiven \u00fcber Objektives Zus\u00e4tze erzwingen w\u00fcrden, die sie zur Unkenntlichkeit verzerrten. Da der St\u00e4rke der Interessen f\u00fcr Theorie und Musik fr\u00fcher wie sp\u00e4ter die F\u00e4higkeiten nicht gleichermassen entsprachen, wurden einstens nur Ziele anvisiert, die etwas vermitteln, ein Gegebenes immer schon voraussetzen und das Schaffen von eigenen Gebilden niemals erfordern w\u00fcrden. Wer sich mit Theorie und den K\u00fcnsten auseinandersetzt, muss nicht notwendigerweise ein ernstzunehmender Theoretiker oder K\u00fcnstler sein, auch dann nicht, wenn die Bahn kaum den Bereich der P\u00e4dagogik streift. Ein Verh\u00e4ltnis zur Theorie ist aber gegeben, und es muss geh\u00fctet werden, wenn das Leben im ganzen nicht als zum Organisieren von Hobbies verkommen gedeutet werden soll.<\/p>\n<p>Sowohl in biederer und seri\u00f6ser wie auch in tendenziell ausgeflippter und revolution\u00e4rer Ausgestaltung leistet der engagierte Intellektuelle einen Verzicht aufs ersch\u00f6pfende diskursive Darstellen der Theorie, um seinen Einsatz auf die Praxis zu konzentrieren. Auch wenn einem die Welt in einem desolaten Zustand erscheint, sind die Arbeiten dieser Philosophen, Soziologinnen, Schriftstellerinnen und Journalisten in den Medien doch pr\u00e4sent und erscheinen wenigstens aus diesem Grund erfolgreich. Sie stehen mit beiden Beinen in der Welt, und was sie tun, lohnt sich &#8211; nur die Lekt\u00fcre ihrer Werke nicht. Ihre begrifflichen Argumentationen enden in Behauptungen, und ihr Aktivismus missachtet Sartre&#8217;s Einsicht in die Schwierigkeit aktivistischer Gruppen, in autorit\u00e4re, irrationale umzukippen. Weniger fasslich erscheinen die pragmatischen Intellektuellen, die mehr als die engagierten fast nur an den Universit\u00e4ten und in den konservativen B\u00fcros der Machtinstitutionen wirken. In ihren Arbeiten w\u00e4re das eigentlich Falsche und Verschlafene der letzten zwanzig Jahre aufzusp\u00fcren, zum Kotzen diejenigen nahe der Fach\u00f6konomie mit der Betriebswirtschaft f\u00fcr die Schn\u00f6sel aus den Villenvierteln und der Volkswirtschaft in ihren t\u00e4glich wechselnden Theoriekursen, wo jeder Satz f\u00fcr eine L\u00fcge steht: sie verzichten auf die Perspektive der Kritik und darauf, die Theorie als Platz der Auseinandersetzung noch ernsthaft in Erw\u00e4gung zu ziehen; weder wollen sie die Theorie im ganzen weiterhin darstellen noch implizit auf eine phantasierte Bezug nehmen. Der Status solcher Theorie ist nicht einfach vorl\u00e4ufig, sondern unverbindlich. Um so drastischer wird in diesen Texten das andere der eigenen Position ausgeblendet &#8211; es f\u00e4llt weg, und zwar, kurioserweise, als falsche Theorie, auf die man nicht mehr zur\u00fcckzukommen h\u00e4tte. Nicht der d\u00fcmmste der Alten, Leibniz, behauptete, in nicht klar und eindeutig zu bestimmender Weise h\u00e4tte jede Position in der Philosophie ihr Recht und st\u00fcnde nicht ausserhalb der Wahrheit. Das findet kein Geh\u00f6r, als ob auch hier die heutige Welt, die globalisierte Destruktivit\u00e4t, der Vernunft ins Gesicht schlagen wollte, die eine gewisse Zeit braucht, sich zu entfalten, und nicht beliebig beschleunigt werden kann.<\/p>\n<p>Das Vertrauen in ein begriffliches, an der Gesellschaftstheorie orientiertes Darstellen von Einzelgebilden hat keine Bahn beschrieben, die sich nachzeichnen liesse und zeigt sich als bedauerlichen Fall ins Nichts. Man denkt an ein treibendes Floss im windstillen Ozean als Negativ eines Treutse Bo, eines Bocks in der einsamen Steinw\u00fcste &#8211; dessen Segelfetzen nur dann vom flauen Wind noch Nutzen ziehen k\u00f6nnen, wenn dort, wo nichts mehr ist, noch mehr Ballast abgeworfen und der Blick auf noch Kargeres gerichtet wird, immer noch weiter abstrahierend von dem, was das gesellschaftliche Leben und der gesellschaftliche Zusammenhang einem als schlechte Notwendigkeit aufdr\u00e4ngen. Ein solches Terrain wurde im Wallis weit ausserhalb der Dorfr\u00e4nder gefunden, fast schon in der Zone dessen, was peu \u00e0 peu daran ist, nicht mehr Gletscher genannt werden zu k\u00f6nnen. Auch diese obersten Flecken sind noch Bestandteil der Gesellschaft, weil ohne sie das \u00dcberwintern der Familienkuh, singul\u00e4res Kapital der Gesellschaftsteile, unm\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Als materieller Teil der Gesellschaft sind sie Moment der Theorie und zeigen sich in dem, was f\u00fcr die wanderlose Winterzeit zum Thema der Gletschersoziologie wird; sie stehen herum als nichts weniger denn ihr Schl\u00fcssel: St\u00e4lle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit den Symptomen eines unlustigen K\u00f6rpers naht die Zeit, da man sich Klarheit verschaffen und sogar st\u00fcckweise Rechenschaft dar\u00fcber geben muss, wie sich gewisse Entscheidungen und F\u00e4hrtenwahlen ausgewirkt haben, in welchem Verh\u00e4ltnis zu anderen sie stehen und ob sie m\u00f6glicherweise nach so langer Zeit heute noch einmal zu \u00e4ndern w\u00e4ren. 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