{"id":353,"date":"2010-07-30T12:57:59","date_gmt":"2010-07-30T11:57:59","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=353"},"modified":"2010-07-30T12:57:59","modified_gmt":"2010-07-30T11:57:59","slug":"das-falsche-in-der-klassik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=353","title":{"rendered":"Das Falsche in der Klassik"},"content":{"rendered":"<p>Obwohl von einem Vorw\u00e4rtsgehen in der Musik heute, soweit sie in den Medien \u00fcberhaupt verfolgt werden kann &#8211; und das deutschschweizer Radio DRS2 verzichtet seit zwanzig Jahren hundertprozentig darauf &#8211; nicht die Rede sein kann, ist die Musik gesellschaftlich lebendig wie nie zuvor. Das ist den Interpretationsleistungen zu verdanken, die Werke aus Zeiten wieder aktuell werden lassen, die von unserer ferner nicht sein k\u00f6nnten, ihre Leistung aber in einer Weise vollbringen, die die Momente der unseren uns undringlich erscheinen lassen und die Werke selbst so, als ob sie in unserer Gegenwart erschaffen worden w\u00e4ren. Das Zweite Klavierkonzert von Beethoven Opus 19 mit Paul Lewis und dem Symphonieorchester der Stadt Birmingham unter Andris Nelsons gestern live via BBC auf Radio France Music war genau eine solche Auff\u00fchrung, in der man jede Sekunde h\u00e4tte sagen wollen, so etwas Bestes hat es noch nie gegeben wie dieses perfekte Musikst\u00fcck, und dies in einer perfekten und zu keinen Zeiten mehr zu \u00fcbertreffenden Interpretation. Im Zusammenhang eines solch absonderlich tief wirkenden Erlebnisses f\u00e4llt es nicht schwer, die Momente aufzulisten, die objektiv fehlen, wenn die Musik als Zeugnis unserer Gesellschaft &#8211; derjenigen meines Lebens &#8211; gelten soll, ohne dass in der kritischen Aufz\u00e4hlung Spuren der Ablehnung eines Veralteten wirksam sein m\u00fcssen. Was Beethoven gesellschaftlich erlebte und als Momente der Gesellschaft zur Erfahrung bringen konnte, musste D\u00e4mme \u00fcberwinden, die wir nicht mehr kennen. Die vermittelten Ereignisse geschahen nie ausserhalb eines geografischen Radius, den wir als eng bezeichnen w\u00fcrden, und trafen zu einem Zeitpunkt ein, da es uns nur noch langweilen w\u00fcrde; die Nachricht war verzerrt und unverl\u00e4sslich, als ob ein Kind naturwissenschaftliche Sachverhalte erkl\u00e4ren w\u00fcrde. Desgleichen im Ungef\u00e4hren mussten Entscheidungsprozesse reflektiert und diskutiert werden, die im nahen Raum geschahen, durch die gesellschaftliche Hierarchisierung aber dem Einzelnen g\u00e4nzlich intransparent erschienen. Auch wer mit Widerspruchsgeist gesegnet war, war in den Konventionen, die von der Macht verlangt wurden, gefangen. Nicht zuletzt war jede T\u00e4tigkeit, jede wissenschaftliche, wirtschaftliche und k\u00fcnstlerische Praktik mit dem Mangel konfrontiert, der in allen Bereichen eine Reduzierung der Mittel aufs N\u00f6tigste voraussetzte. Das kennen wir nur in abgeleiteten Varianten und im ganzen eigentlich nicht. Auch mittellos gibt es Zug\u00e4nge zu Aktivit\u00e4ten, in denen von Mangel nicht die Rede sein kann, und sind Arbeiten nur gut genug geplant und geschickt vorbereitet, sind von vielen Seiten Zusatzmittel ins Spiel zu bringen, die auch schwierige Projekte am Laufen halten; desgleichen m\u00f6gen Konventionen und Regeln sporadisch zwar st\u00f6ren, doch ihre Infragestellung wird von der Gesamtgesellschaft eher gef\u00f6rdert als im Keim schon abgew\u00fcrgt. Die schlimmsten Mauern, die seit Beethovens Zeiten gefallen sind, waren in die Landschaften gezogen der ganzen Welt, sowohl r\u00e4umlich wie zeitlich. Wir sind sie ledig, zumindest in der gegenw\u00e4rtigen Mentalit\u00e4t des wachen Gesellschaftsmenschen unwiderruflich: wir wissen genau, was geschieht, in welcher Weise wo und wann, und wir wissen es jederzeit, sofort, und vermittelter &#8211; verl\u00e4sslicher &#8211; nur kurze Zeit sp\u00e4ter. Und wir kennen sowohl die grossen wie die kleinen Zusammenh\u00e4nge, weil die Wissenschaften das Wissen in vielen \u00f6ffentlichen Wiederholungen zug\u00e4nglich machen. Die Stellung des Einzelnen zur Gesellschaft &#8211; das einzelne Leben &#8211; ist um vieles anders geworden. Das Falsche, das es nur selten mehr an sich selbst erlebt, erf\u00e4hrt es in einem Zusammenhang, in dem der Einzelne als bewusster, vern\u00fcnftiger Akteur t\u00e4tig ist; es ist nichts, das zur Ferne geh\u00f6rte, sondern bezieht sich direkt auf das Wesentliche der Gesellschaft, die als ganze wie eine einzige L\u00fcge erscheint, die alles daran tut, das Falsche &#8211; die Ungerechtigkeit &#8211; im \u00dcberfluss der Waren jeden Tag neu vergessen zu machen, in einem \u00dcberfluss, in dem jede einzelne Stimme verstummt, auch die in der Kunst und in der Musik. Was in dieser aber geschieht, wenn sie sich ernsthaft auf die Gegenwart bezieht, ist, intentionslos, ein unabl\u00e4ssiges Aufzeigen und Klarmachen, wie die D\u00e4mme, innerhalb derer fr\u00fcher die Dinge passierten und sie kleinwerden liessen, heute keine Hindernisse mehr bieten. Seit f\u00fcnfzig bis hundert Jahren gibt die Musik st\u00e4ndig Zeugnis davon, dass wir existentiell aus der Enge heraustreten k\u00f6nnen, dass wir schnell reagieren k\u00f6nnen, dass wir den Zusammenhang, in dem die Dinge stehen sollen, uns nicht durch Konventionen diktieren lassen m\u00fcssen, und dass aus dem, was als Ding da zu sein scheint, schnell neue Vielheiten entstehen k\u00f6nnen, in denen die vermeintlichen Tatsachen verwandelt dastehen. Die bewusste Musik der Gegenwart enth\u00e4lt einen Impuls, der \u00e4usserst stark mit den inneren Verh\u00e4ltnissen der neuen Realit\u00e4ten korrespondiert, auch wenn die Ereignisse, die in ihnen statthaben, nicht zu ihren Gehalten geh\u00f6ren m\u00fcssen. Das ist fast deprimierend deutlich wahrnehmbar in der Musik von Beethoven, wenn man vom vereinzelten St\u00fcck zur\u00fccktritt: dass die Bahnen in ihr zu eng gezogen sind, als dass sie mit der Sicht der Einzelmenschen auf die gesellschaftliche Realit\u00e4t noch zu korrespondieren verm\u00f6chte. Auch wenn sie als die beste erscheint und als das Beste, erweckt sie keine Sehnsucht danach, in jener Gesellschaft leben zu wollen, auf die sie sich notgedrungen bezieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl von einem Vorw\u00e4rtsgehen in der Musik heute, soweit sie in den Medien \u00fcberhaupt verfolgt werden kann &#8211; und das deutschschweizer Radio DRS2 verzichtet seit zwanzig Jahren hundertprozentig darauf &#8211; nicht die Rede sein kann, ist die Musik gesellschaftlich lebendig wie nie zuvor. 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