{"id":332,"date":"2010-05-13T09:42:24","date_gmt":"2010-05-13T08:42:24","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=332"},"modified":"2010-05-13T09:42:24","modified_gmt":"2010-05-13T08:42:24","slug":"es-zundet-zundet-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=332","title":{"rendered":"Es z\u00fcndet, z\u00fcndet nicht"},"content":{"rendered":"<p>In letzter Zeit dr\u00e4ngt sich mir eine Bewertungsweise von Arbeiten, Werken und Gesamtwerken in den Vordergrund, die mich auch dann n\u00f6tig und stimmig d\u00fcnkt, wenn ihre m\u00f6gliche Negativit\u00e4t nicht im geringsten mit einer Negativit\u00e4t ihres Gegenstandes zu korrespondieren braucht. Prominente Vertreter von Werken, die mir nicht zu z\u00fcnden scheinen, obwohl sie nicht mit negativer Kritik zu konfrontieren w\u00e4ren, sind Schumann, Kafka, Benjamin, Beckett, Kurtag, Holliger. Obwohl sie alle Passagen, Werkteile, Einzelwerke und wom\u00f6glich ganze Werkgruppen verfasst haben, die mich nach wie vor packen und die geschichtlich unverzichtbar sind, haben diese etwas in sich aufgenommen, nicht selten einen Typus von Subjektivit\u00e4t, von dem ich nicht mehr zwingend versp\u00fcre, dass ich unter dem Druck bestimmter Fragen oder existenzieller Stimmungen bei ihnen nachlesen oder nachh\u00f6ren sollte. Ihre historische und theoretische Absicherung im ganzen erscheint prek\u00e4r &#8211; als m\u00fcsste man sich bei ihnen unn\u00f6tigerweise zus\u00e4tzlich anstrengen, weil sie sich nur dem Schein nach den Fragen der Zeit stellen, um ungeschollten den eigenen, zu intimen, nachzugeben.<\/p>\n<p>Dass etwas nicht recht z\u00fcnden will, ist nicht nur Effekt einer schn\u00f6den Attit\u00fcde gegen aussen, sondern legt sich einem auch in der Selbstkritik nahe. Der Vollzug der begriffslosen musikalischen Analyse der Walliser Alpen reist mir fast den Kopf ab, weil f\u00fcr jedes Bild, das in einem abgesteckten Zusammenhang stehen soll, erinnerungsm\u00e4ssig das ganze riesengrosse Archiv abgefragt werden muss, jeder Bergteil von jedem m\u00f6glichen Standort aus. Wegen eines einzigen Bildes, La Dent du Catogne, musste die Arbeit f\u00fcr drei Monate ausgesetzt werden (wo dann die V\u00f6gel am Fenster wie jeden Winter in den Mittelpunkt traten), weil ich zwar wusste, dass es da w\u00e4re, aber erst nach dieser langen Zeit bemerkte, dass ich es zwar immer vor Augen hatte und tats\u00e4chlich auch mehrmals anschaute, die gesuchte Felsplatte, die einen Viertel des Bildes abdeckt, aber einfach nicht wahrzunehmen vermochte. Die Realisation verlangt \u00e4usserste Anstrengung in \u00e4usserster Anspannung, nicht selten auch ein peinliches Unterdr\u00fccken von Gebr\u00fcll, wenn sich ein bestimmtes Bild nicht finden l\u00e4sst. Und trotz der Qualen, die im Einzelfall die L\u00f6sung immer finden lassen, stehen die Seiten, die nun neu am Wachsen sind, weil La Dent du Catogne vorgestern Nacht endlich wieder erschienen war, f\u00fcr mich da ganz ohne zu z\u00fcnden. Sie gefallen mir und d\u00fcnken mich gef\u00e4llig f\u00fcr ein gr\u00f6sseres Publikum, weil sie in der Tat das ganze Wallis in neuen Zusammenh\u00e4ngen verfolgen lassen und auch die Kr\u00e4fte des Zusammenhangs sp\u00fcrbar machen, genau so, wie ich es mir \u00fcber Jahre hin zu phantasieren wagte. Aber niemals sind sie wirklich unbel\u00e4stigt von der Frage, worin die Erkenntnis im einzelnen oder ganzen zu bestimmen w\u00e4re. Als ob zu hoch gepokert worden w\u00e4re mit der Behauptung, man m\u00fcsste das Wallis begreifen wie die Partitur eines musikalischen Werkes des vorw\u00e4rts treibenden 20. Jahrhunderts, sagen sie zu allem immer auch: und jetzt? Wenn die Antwort in der Analyse in keinem Moment zwingend nachvollziehbar wird und die unanst\u00e4ndige Frage aus Not wiederkehrt, fallen die Bildfassaden wie ein Kartenhaus zusammen, hinter dem nichts steht als die \u00f6de Fl\u00e4che, auf der die Dramen der Gesellschaft ihre gew\u00f6hnlichen Kapriolen schlagen. Man darf aber nicht davon abr\u00fccken, ernste Dinge zu tun, die an den Zusammenhang von Existenz und Politik mahnen, um ein Ende der Despotien gegen die Natur und die Lebenden m\u00f6glich &#8211; und zwingend &#8211; erscheinen zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit dr\u00e4ngt sich mir eine Bewertungsweise von Arbeiten, Werken und Gesamtwerken in den Vordergrund, die mich auch dann n\u00f6tig und stimmig d\u00fcnkt, wenn ihre m\u00f6gliche Negativit\u00e4t nicht im geringsten mit einer Negativit\u00e4t ihres Gegenstandes zu korrespondieren braucht. Prominente Vertreter von Werken, die mir nicht zu z\u00fcnden scheinen, obwohl sie nicht mit negativer Kritik [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/332"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=332"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/332\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":333,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/332\/revisions\/333"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=332"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=332"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=332"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}