{"id":2999,"date":"2020-10-17T15:26:25","date_gmt":"2020-10-17T14:26:25","guid":{"rendered":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2999"},"modified":"2020-10-18T03:30:47","modified_gmt":"2020-10-18T02:30:47","slug":"boulez-prelude-toccata-scherzo-1944","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2999","title":{"rendered":"Boulez: Pr\u00e9lude, Toccata, Scherzo (1944)"},"content":{"rendered":"<p>Hat man die fr\u00fchen St\u00fccke von Pierre Boulez gut im Ohr (12 Notations 1945, Fl\u00f6tensonatine 1946, Erste Klaviersonate 1946, Zweite Klaviersonate 1949\/1950), fragt man sich, wie denn noch fr\u00fchere Schreibversuche dastehen w\u00fcrden. \u00d6ffentlich aufgef\u00fchrt wurde davon kaum etwas und publiziert gar nichts. Aber im Archiv der Paul Sacher Stiftung wird ein 27min\u00fctiges Werk in drei Teilen aufbewahrt, das Boulez nicht selbst verschwinden lassen wollte und das solche Phantasien konkretisiert.<\/p>\n<p>Ralph van Raat studierte die Noten der drei zusammenh\u00e4ngenden St\u00fccke Pr\u00e9lude, Toccata und Scherzo von 1944 und fragte um Erlaubnis, sie aufzuf\u00fchren. Offenbar z\u00f6gerten die Verantwortlichen zuerst, gaben die Erlaubnis zu einer einzigen, einmaligen Auff\u00fchrung, dann zu weiteren, schliesslich zur Ver\u00f6ffentlichung auf CD: Ralph van Raat, French Piano Rarities &#8211; Boulez, Debussy, Messiaen, Ravel. Naxos 2020. (In der Schweiz m\u00f6glicherweise nicht aufzufinden, importierbar jedoch bei jpc.de f\u00fcr 9.99 Euro, ohne zus\u00e4tzliche Kosten).<\/p>\n<p>1944 geht Boulez nach Paris (die Ereignisse der Befreiung geschehen Ende August) und wird Sch\u00fcler von Messiaen und Andr\u00e9e Vaurabourg-Honegger, bald offizieller Sch\u00fcler des Konservatoriums. Zu Ren\u00e9 Leibowitz findet er erst 1945: bei ihm, der in der Pariser Resistance aktiv war, schreibt er St\u00fccke von Webern ab und lernt die Musik von Sch\u00f6nberg kennen. Zur Zeit der Komposition von Pr\u00e9lude, Toccata und Scherzo kannte er partienweise die Musik von Olivier Messiaen und Arthur Honegger, nichts aber von Arnold Sch\u00f6nberg.<\/p>\n<p>Da in allen St\u00fccken Messiaens Vogelstimmen en passant aufblitzen, d\u00fcrften die St\u00fccke nicht schon in Montbrison oder Lyon geschrieben worden sein. Wurden sie noch im Jahr 1944 fertig, muss der Komponist wahnsinnig schnell geschrieben haben. Allein diese Zeitdimension ist Zeugnis einer ausserordentlichen Begabung.<\/p>\n<p>Je \u00f6fter man die St\u00fccke heute h\u00f6rt, desto mehr entsteht der Eindruck, es mit zwei Arten von Musik zu tun zu haben, denn peu \u00e0 peu verblassen die Merkmale des Fremden, Fr\u00fchreifen oder Vorl\u00e4ufigen, und diejenigen treten in den Vordergrund, die den professionellen und anerkannten Werken \u00e4hneln.<\/p>\n<p>Im ersten H\u00f6rdurchgang fehlt den St\u00fccken eindeutig die Stringenz, durch die die nachfolgenden Werke des Komponisten ber\u00fchmt werden, ihr interner Schub, der durchs Ganze zieht &#8211; durchs Band polyphon. Es ist also noch viel Luft zwischen den Stimmen und den einzelnen Parts beziehungsweise kleinen Formen. Trotz solcher untypischer Leichtigkeit n\u00f6tigen sie einen zum mehrmaligen H\u00f6ren. In ihnen dominiert schon eine \u00e4sthetische N\u00f6tigung, die man zwar nicht benennen, der man sich aber kaum entziehen kann.<\/p>\n<p>Denn da will einer ausbrechen, auch wenn er weder weiss, wohin zu gehen sei, noch woher er \u00fcberhaupt kommt. Er ist nicht wirklich in der Tonalit\u00e4t gefangen, aber er hat die Dissonanz noch nicht begriffen: allenthalben verfolgt man das Schema von einem horizontalen Prozess, der sich harmonisch abst\u00fctzen zu m\u00fcssen glaubt. Es gibt passagenweise Stufenharmonik, plumpe Sequenzen, R\u00fcckungen, und statt progressive Repetitionen machen sich zu viele nicht variierte Wiederholungen breit.<\/p>\n<p>Debussy blitzt noch nirgends auf, keine Zerst\u00e4ubung thematischer Materialien, aber von Rachmaninov kommt immerhin gewiss kein einziger Ton her. Man denkt oft an Bart\u00f3k, an einen eigenwillig blank polierten, wo die Folklore wegretuschiert ist. Denn dass der Komponist aufs Aufbrechen toter Rhythmen kapriziert ist, beeindruckt am st\u00e4rksten. Aber es ist eben hier die Leitfigur noch ganz Bart\u00f3k, und Messiaens Rhythmen, die an den besten, kompliziertesten Stellen die Zeit stillstellen wie der Augenblick in der grossen Lanschaft, wirken hier nur partiell, quasi probeweise.<\/p>\n<p>H\u00f6rt man sich des l\u00e4ngeren in diese Musik des Neunzehnj\u00e4hrigen hinein, erscheinen diese kritischen Merkmale als blosse Ornamente an der Oberfl\u00e4che, und die Wahrnehmung richtet sich immer mehr auf eine tiefere Schicht aus, die man mit Fug als Tiefenstruktur der Boulezschen Kunst \u00fcberhaupt bezeichnen kann. Man verfolgt weder Linien, Motive, und funktionale Kl\u00e4nge, noch Rhythmen und geschichtete Metren. Erfasst man endlich die Gesten, kurzen Impulse und langen Gestaltungsb\u00f6gen, kommt man nicht aus dem Staunen heraus, wie hier schon dieselben Kompostionstechniken am Werk sind wie in den kommenden Zeiten.<\/p>\n<p>Zusatz: Die CD enth\u00e4lt noch ein Sp\u00e4twerk von Boulez, ebenfalls ein Klavierst\u00fcck: Une page d&#8217;\u00e9ph\u00e9m\u00e9ride 2005. Das Besondere sind lang andauernde Kl\u00e4nge, in die kurze Phrasen oder Formen gespielt werden. Wie das pianistisch zu realisieren ist, d\u00fcnkt mich ein R\u00e4tsel. Auch der alte Boulez vermochte noch kompositorisch zu erstaunen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat man die fr\u00fchen St\u00fccke von Pierre Boulez gut im Ohr (12 Notations 1945, Fl\u00f6tensonatine 1946, Erste Klaviersonate 1946, Zweite Klaviersonate 1949\/1950), fragt man sich, wie denn noch fr\u00fchere Schreibversuche dastehen w\u00fcrden. \u00d6ffentlich aufgef\u00fchrt wurde davon kaum etwas und publiziert gar nichts. 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