{"id":2967,"date":"2020-06-26T04:23:38","date_gmt":"2020-06-26T03:23:38","guid":{"rendered":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2967"},"modified":"2020-06-26T04:24:21","modified_gmt":"2020-06-26T03:24:21","slug":"ur-iii-die-dreizehnte-incipit-musica-piano-floete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2967","title":{"rendered":"ur III: Die Dreizehnte: Incipit musica"},"content":{"rendered":"<p>CD: <a href=\"https:\/\/www.mycloud.ch\/s\/S007E4033E88B6859A127408BD5D8F5CC80C3EE8B23\">Messiaen, Boulez, Dusapin<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ueliraz.ch\/incipit-musica.pdf\">Gesamtpartitur<\/a><\/p>\n<p>2. Olivier Messiaen (1908-1992), Catalogue d&#8216; Oiseaux, I. Le chocard des alpes (coracia graculus: Alpendohle), ca. 1950<br \/>\n3. Olivier Messiaen(1908-1992), Catalogue d&#8216; Oiseaux, V. La chouette hulotte (strix aluco: Waldkauz), ca. 1950       4. Pierre Boulez (1925-2016), Sonatine, 1946<br \/>\n5. Pascal Dusapin (*1955), Etude 2, 1998<br \/>\n6. Pascal Dusapin (*1955), Etude 5, 2000<\/p>\n<p>Incipit musica<\/p>\n<p>2. und 3. Olivier Messiaen war f\u00fcnf Jahre j\u00fcnger als Adorno, ein singul\u00e4rer Komponist ausserhalb jeder Gruppe und bedeutender Lehrer f\u00fcr viele derjenigen, die in den 1950er Jahren mit ihren Werken die serielle Musik schufen. Sein Lehrideal bestand darin, keine Lehre zu vermitteln, sondern den Sch\u00fclerInnen zu zeigen, wo ihre St\u00e4rken liegen. (Adorno hatte nach der Machtergreifung der Nazis 1933 die Professur f\u00fcr Philosophie verloren und machte dann in Berlin einen regul\u00e4ren Abschluss als Musiklehrer, nota bene mit einer obligaten Empfehlung Sch\u00f6nbergs &#8211; diesen Beruf hatte er aber nie ausge\u00fcbt, sondern wurde der gew\u00f6hnliche Philosoph derjenigen, die bei Messiaen in die Schule gingen.) Messiaen hatte die Tonalit\u00e4t weit \u00fcberschritten, ohne indes alte Techniken auszuklammern. Seine Reihen haben nicht den Charakter der Allgemeinheit wie diejenigen Sch\u00f6nbergs, sondern leisten sich den Geruch der Kirchenmodi wie nach der Jahrhundertmitte von neuem die Reihen im Jazz. Der Naturalismus im Verwenden von Vogelrufen w\u00e4re in der seriellen Musik undenkbar gewesen.<\/p>\n<p>4. Obwohl die Sonatine von Boulez mindestens vier Jahre vor dem umfangreichen Catalogue d\u2019Oiseaux geschrieben wurde, zeigen ihre Noten, wie brav Boulez von Messiaen gelernt hatte. \u00dcbernommen sind die Taktierung mit Dreiecken und offenen Quadraten und die punktierten B\u00f6gen, die die Motivzusammenh\u00e4nge klar machen. Aber man h\u00f6rt auch vereinzelt Vogelrufe, die Messiaen schon in der fr\u00fchen Jugend zu sammeln begann, und faule Relikte aus der Musikgeschichte: einmal eine Sequenzierung, ein paarmal Ann\u00e4herungen an Harmoniekl\u00e4nge. Insgesamt staunt man aber \u00fcber die Innovationsgewalt, vollends in den dreissig Takten vor 470 (von total 510), wo sich das heikle Zusammenspiel von zwei MusikerInnen in einer Steinlawine unter unaufhaltsamer Beschleunigung vorw\u00e4rts schiebt. &#8211; Die Sonatine ist die zweite Komposition von Boulez, nach den Exerzitien der Douze Notations \u00fcber die \u201eKompositionsweise mit 12 nur aufeinander bezogenen T\u00f6nen\u201c von Sch\u00f6nberg, die er in der ersten Schulzeit bei Messiaen schrieb. (Sch\u00f6nberg selbst war als Exilant in Los Angeles und beschimpfte Var\u00e8se, der in New York seine Werke auff\u00fchren wollte &#8211; bene, i compositori e la brava persona&#8230;)<\/p>\n<p>Und doch ist die Sonatine nicht nur ein k\u00fchner Vorgriff auf die serielle Musik, sondern enth\u00e4lt schon 1946 die Zelle, die deren \u00dcberwindung in den 1980er Jahren im St\u00fcck R\u00e9pons so spektakul\u00e4r erscheinen liess. (In der Version auf YouTube ist die Stelle markiert.)<\/p>\n<p>5. und 6. Die KomponistInnen der Nachfolgegeneration von Boulez, Stockhausen, Berio und Nono gingen nur teilweise durch die strenge Schule der seriellen Musik. Dusapin folgte den Spuren von Var\u00e8se &#8211; und lieb\u00e4ugelt immer noch mit dem Jazz (in der Schweiz in einer vergleichbaren \u00e4sthetischen Position w\u00e4re Dieter Amman). Die Etuden beweisen eine immense, fast boulezhafte Phantasie im Fortspinnen komplexer rhythmischer Gebilde ohne Rekurse auf harmonische Instanzen, dasselbe k\u00fcnstlerische Verm\u00f6gen also, das man in der 50 Jahre \u00e4lteren Sonatine bewundert. &#8211; Das letzte St\u00fcck auf der CD ist ein Nachsinnen \u00fcber Zeitdauern und Lautst\u00e4rkegrade; das sind Kategorien, die in der seriellen Musik als Parameter quasi algorithmisch abspulten. Dass dieses St\u00fcck und die Sonatine sich in der reinen Softwareumgebung mit dem behinderten MIDI im Zentrum realisieren lassen, macht vielleicht verst\u00e4ndlich, dass man dem Ganzen den Titel verpasst \u201eIncipit musica\u201c, als ob die Musik von neuem anzufangen verm\u00f6chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CD: Messiaen, Boulez, Dusapin Gesamtpartitur 2. Olivier Messiaen (1908-1992), Catalogue d&#8216; Oiseaux, I. Le chocard des alpes (coracia graculus: Alpendohle), ca. 1950 3. Olivier Messiaen(1908-1992), Catalogue d&#8216; Oiseaux, V. La chouette hulotte (strix aluco: Waldkauz), ca. 1950 4. Pierre Boulez (1925-2016), Sonatine, 1946 5. Pascal Dusapin (*1955), Etude 2, 1998 6. 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