{"id":289,"date":"2010-02-18T08:28:43","date_gmt":"2010-02-18T07:28:43","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=289"},"modified":"2010-02-18T08:28:43","modified_gmt":"2010-02-18T07:28:43","slug":"musikgeschichtlich-abschliessende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=289","title":{"rendered":"Musikgeschichtlich Abschliessende"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem mehrmaligen H\u00f6ren der zwei Streichquartette Bergs mit dem LaSalle Quartett gestern verfolgte ich diejenigen Weberns, nicht mit den Partituren, die in den B\u00fcchergestellen vergraben sind, aber immerhin mit den Tempobezeichnungen aus dem grossen Booklet. Wieder einmal kam es zur Erfahrung, von der schon einige meiner Generation zu erz\u00e4hlen wissen, dass derjenige, den man in der Jugend am meisten favorisierte, Webern, peu \u00e0 peu verblasst und die Musik von Berg einen immer st\u00e4rker und gehaltvoller d\u00fcnkt. (Das Verh\u00e4ltnis zu Sch\u00f6nberg ist von dieser Spannung nicht betroffen &#8211; phasenweise setzt man sich mit ihm auseinander, mit unangetasteter Begeisterung, darauf folgen Zeiten, wo seine Musik im Hintergrund bleibt und, weil die Radiostationen verantwortungslos programmieren, auch &#8222;zuf\u00e4lligerweise&#8220; gar nicht mehr geh\u00f6rt wird.)<\/p>\n<p>Diese Erfahrung ist \u00fcber die ganze Geschichte der Musik verstreut zu machen, dass Komponisten, deren Werke objektiv in keiner Weise von negativen Qualit\u00e4ten betroffen w\u00e4ren, trotz unbestrittener Meisterschaft einem erscheinen, als ob in ihnen die Musikgeschichte zum Erlahmen komme und nicht mehr weitergehen wolle &#8211; als ob sie nicht vom k\u00fcnstlerischen Willen besessen gewesen w\u00e4ren, dass Musik immer darin bestehen m\u00fcsse, zu neuen Horizonten aufzubrechen. Mit etwas Peinlichkeit und ohne Verm\u00f6gen, die Urteile in den Kompositionen als Texten selbst nachvollziehbar machen zu k\u00f6nnen &#8211; als w\u00e4re im Detail falsch komponiert worden &#8211; d\u00fcnkt es mich nichtsdestotrotz erhellend, die historischen Komponisten in zwei Typen einzuteilen, in diejenigen, die die Musik vorw\u00e4rtstreiben und diejenigen, die eine Phase abschliessen. Die Vorw\u00e4rtstreibenden treten hinaus an die frische Luft, die anderen schliessen die T\u00fcr hinter ihnen zu oder, um Poe noch nicht ganz zu verlassen, die einen schliessen die Musik ein, als ob sie sich nicht mehr weiter entwickeln d\u00fcrfe, andere treten die verschlossene T\u00fcre wieder auf, wie General LaSalle. Entscheidend ist nicht, was im Material herauszulesen ist und was eine nachfolgende Generation daraus f\u00fcr Schl\u00fcsse zieht, sondern was der K\u00fcnstler in den einzelnen Werken daraus gemacht hat; entscheidender als das Material ist die \u00e4sthetische und philosophische Haltung, in der die T\u00f6ne gesetzt worden waren.<\/p>\n<p>So kommt es, dass heute, nachdem der Materialstand in Weberns Musik keine Unbekannte mehr enth\u00e4lt, anders als in der Mitte des 20. Jahrhunderts Webern st\u00e4rker in den Sog der unprogressiven Komponisten und Komponistinnen zu geraten droht und denjenigen zugeordnet wird, bei denen die Vorstellung w\u00e4hrend des H\u00f6rens ihrer Musik schwierig ist, wie denn aus derselben etwas Neues entstehen sollte. Webern empfinde ich heute eher auf der Seite stehend von H\u00e4ndel, Mozart, Schumann (diese Musik erscheint mir seit je wie geschichtlich vakuumisiert), Mendelssohn, Tschaikowsky, Mahler, Sibelius, Strawinsky, Boulanger, Rihm. Umgekehrt macht es keine M\u00fche, Berg den Vorw\u00e4rtstreibenden beizugesellen wie Monteverdi, Bach, Beethoven, Schubert, Wagner, Mussorgsky, Debussy, Ravel, Sch\u00f6nberg, Var\u00e8se, Cage, Boulez, Stockhausen, Nono, Saariaho.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem mehrmaligen H\u00f6ren der zwei Streichquartette Bergs mit dem LaSalle Quartett gestern verfolgte ich diejenigen Weberns, nicht mit den Partituren, die in den B\u00fcchergestellen vergraben sind, aber immerhin mit den Tempobezeichnungen aus dem grossen Booklet. 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