{"id":260,"date":"2009-07-07T18:48:05","date_gmt":"2009-07-07T17:48:05","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=260"},"modified":"2009-07-07T18:48:05","modified_gmt":"2009-07-07T17:48:05","slug":"recht-auf-einsicht-in-die-natur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=260","title":{"rendered":"Recht auf Einsicht &#8211; in die Natur"},"content":{"rendered":"<p>Derrida hat die Natur nie zum Thema gemacht, weil sie f\u00fcr ihn immer schon nur Sexualit\u00e4t war, die bekanntermassen auf dem Land gleichwie in der Stadt ihr Wesen treibt. Das Auslassen der \u00e4usseren Natur macht es einer Theorie aber unm\u00f6glich, zur Gesellschaft f\u00fcglich Stellung zu nehmen und in ihr anzukommen.<\/p>\n<p>Trotzdem hat mich der Buchtitel Recht auf Einsicht immer gefesselt, nicht zuletzt deswegen, weil er das M\u00fchselige in der Dom\u00e4ne der Disziplinen ins Angenehme wendet, und er kommt mir auch in Situationen in den Sinn, wo nicht von Philosophie die Rede ist. Obwohl ich niemals vorhatte, V\u00f6geln auch nach dem Winter Futter anzubieten, zwingt mich eine Meisenfamilie, f\u00fcr sie wenigstens abends ein paar Pinienkerne aufs Fenstersims zu legen. Ich m\u00f6chte den Zwang, mit dem die V\u00f6gel das erreichen, nicht in aller Breite schildern &#8211; aber es sind mitunter einige Schisse, die von Oberfl\u00e4chen in der K\u00fcche, die sommers offene Fensterfl\u00fcgel darbietet, weggewischt werden m\u00fcssen; es braucht nicht mehr viel, und sie w\u00fcrden aus der Hand fressen. Beim Nachsinnen dar\u00fcber ist mir aufgefallen, dass es doch viele Menschen auf dem Land geben muss, HirtInnen zuvorderst wie auch Gew\u00f6hnliche, die an Stellen &amp; Pl\u00e4tzen wiederkehren, wo es die grossen wilden Tiere tun. Was muss es f\u00fcr ein tief wirkendes Erlebnis sein, wenn ein Tier nach langen z\u00f6gerlichen Wiederholungen des nur beinahe Beieinanderseins sich endlich dazu &#8222;entschliesst&#8220;, bei dieser Person in ungeahnter N\u00e4he eine gewisse Zeitlang still zu sitzen? Keine Vermittlung geschieht, kein Austausch und kein Sprechen. Und dennoch ist es f\u00fcr den Menschen, dem das geschieht, die h\u00f6chste Einsichtnahme in die Natur, die uns m\u00f6glich scheint, das Weiteste, das wir existentiell zu denken verm\u00f6gen. Nicht im geringsten entsteht daraus Erkenntnis oder Wissen, und dennoch wird ein Erlebnis erfahren, das uns ein Recht auf Einsicht kenntlich macht.<\/p>\n<p>Die lange Zeit der Fr\u00fchpubert\u00e4t ritt ich auf einem Tiger durch die wilden W\u00e4lder, zusammen mit der sch\u00f6nsten Kindfrau Indiens. Die einzige Variation bestand in der Frage, ob sie auf einem eigenen Tiger reitet, ob die Tiere wechselweise als M\u00e4nnchen und Weibchen uns tragen und was passiert, wenn sie Junge haben. Der Antrieb jener unendlichen Geschichten bestand einzig in der Unm\u00f6glichkeit, mich entschliessen zu k\u00f6nnen, was als erstes geregelt sein m\u00fcsse, die Beziehung zur Natur &#8211; zum Tier &#8211; oder zum Menschen, zum M\u00e4dchen. Obwohl die Phantasie nur spielt und keine Rechte erteilt, t\u00f6nt sie an, wo sie zu suchen w\u00e4ren. Von den aufscheinenden Pl\u00e4tzen w\u00e4re die Sexualit\u00e4t nur ein Teil.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derrida hat die Natur nie zum Thema gemacht, weil sie f\u00fcr ihn immer schon nur Sexualit\u00e4t war, die bekanntermassen auf dem Land gleichwie in der Stadt ihr Wesen treibt. Das Auslassen der \u00e4usseren Natur macht es einer Theorie aber unm\u00f6glich, zur Gesellschaft f\u00fcglich Stellung zu nehmen und in ihr anzukommen. Trotzdem hat mich der Buchtitel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=260"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}