{"id":2551,"date":"2017-07-07T09:52:35","date_gmt":"2017-07-07T08:52:35","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2551"},"modified":"2017-07-07T09:52:35","modified_gmt":"2017-07-07T08:52:35","slug":"nichtprofanbauten-und-ihre-zusaetze-in-der-landschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2551","title":{"rendered":"Nichtprofanbauten und ihre Zus\u00e4tze in der Landschaft"},"content":{"rendered":"<p>Die Aufzeichnung rechtfertigt den Gegenstand. Auch bei einem rein bildgebenden Aufzeichnungsverfahren sind sowohl der Anstoss wie das Deutungsziel begrifflich motiviert: man fotografiert einen Gegenstand oder einen Ausschnitt in der Landschaft, weil etwas Bestimmtes zu sehen ist und weil es auf eine bestimmte Weise gesehen werden soll. Der einzelne, im konkreten Bild bestimmende Begriff ist aber kein eindeutiges Einzelnes, sondern bildet einen Zusammenhang, dessen Teile in dem Masse wahr oder falsch sind, wie sie vom individuellen Meinen und Glauben und der gesellschaftlichen Ideologie abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/bilder\/2017\/bildstock-wallis.jpg\" width=\"500\" height=\"\">Eisten-Stellinu (Saastal)<\/p>\n<p>Wenn es der Menschheit gelingt, das globale Strohfeuer der religi\u00f6sen Unvernunft zu bew\u00e4ltigen, werden die materiellen und immateriellen Gebilde der Religionen ausserhalb des Glaubens und des theologischen Gez\u00e4nks deutbar sein. Sobald die n\u00f6tigen Bedingungen explizit gemacht werden, sind sie es auch heute schon (wie sie es im \u00fcbrigen vor der unverhofften Explosion des Religi\u00f6sen schon einmal waren). Sie h\u00f6ren auf, Zeugnis abzulegen und werden zu gew\u00f6hnlichen Zeichen, die wie alles andere im Wirklichen wahrzunehmen sind, zuweilen mit grossem Interesse, zuweilen mit nur kleinem.<\/p>\n<p>Die d\u00f6rflichen Kirchenbauten beherbergen eine St\u00e4tte des Opferns, also einen Platz des Opfers als Gegenstand, und sie sind selbst eines, genaugleich wie die Kapellen und die Bild- und Opferst\u00f6cke. Die Wege, die diese Bauten miteinander verbinden, ruhen f\u00fcr denjenigen, der sie als Einzelner t\u00e4glich geht, auf dem Urbild, dass die Gemeinschaft als Ganzes, in der Form der Prozession, auf ihnen steht und st\u00e4ndig wacht. Die Wege sind wie die Bauten Zeugnis einer gelebten Einheitlichkeit und zugleich Drohung einer Autorit\u00e4t, die sich dar\u00fcber hinaus weder zu zeigen noch zu rechtfertigen braucht.<\/p>\n<p>Das bewusste, strategische Opfer weiss, dass es nichts erreicht und aus anderer Einsicht getan wird als der, etwas im Anspruch der Verbindlichkeit erreichen zu wollen. Es ist kein Symbol im Opfer, und es selbst ist an keines gebunden, auf das es sich beziehen und das sich benennen liesse. Weil sie eine Beil\u00e4ufigkeit und einen Zusatz der Verstandest\u00e4tigkeit darstellt, bezeugt die allgemeine Opfertat nichts \u2013 im Gegensatz zum Glauben ist sie keine Konkurrenz zur Verstandest\u00e4tigkeit. Sie ist dieselbe, die weiss, dass sie ihrem eigenen Argwohn untersteht.<\/p>\n<p>Die Opfertat folgt zwei Tendenzen. Ihr Tun begn\u00fcgt sich nicht mit dem Gef\u00fchl desjenigen, der die Tat ausf\u00fchrt und der Welt im Ganzen, in der sie geschieht. Sie umgarnt anderes, das in dem empirischen Verh\u00e4ltnis nicht aufgeht, weder in ihm wirklich ist noch einen einzigen, unwidersprochenen Namen h\u00e4tte. Kein Tun gibt ihm so viel Realit\u00e4t wie das Opfer, obwohl es auch ausserhalb desselben ist. Zugleich ist diese Realit\u00e4t im Opfer indes wertlos. Das allgemeine Opfer bringt einen Gegenstand zum Scheinen, der keinen weiteren Wert haben darf als den, zu erscheinen und f\u00fcr die anderen im Ganzen dazustehen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/bilder\/2017\/opfer.jpg\" width=\"500\" height=\"\"><\/p>\n<p>Weil er das Allgemeine \u00fcbersieht und das Opfer konkretistisch und speziell deutet, sieht der religi\u00f6se Verstand die Bauten in der Landschaft nicht als Zeichen, sondern als Zeugnis \u2013 als gebe es nur diese Art des Opferns. Aber das allgemeine Andere im Opfer ist nicht das ganz Andere der Religionen; das G\u00f6ttliche ist blosser Zusatz und dem Opfer nicht wesentlich. Zudem kann die religi\u00f6se Deutung der Fotoobjekte als Zeugnisse des Glaubens nicht sagen, ob dieser Glaube aus freien St\u00fccken praktiziert wurde oder im Rahmen von Einsch\u00fcchterungen und der Androhung von diesseitigen und jenseitigen Strafen durch diejenigen Instanzen, die den Glauben repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Das Opfer ist kein Opfer, sondern alter Teil der Verstandest\u00e4tigkeit. Als sein allgemeines Resultat gibt es das Besondere, dass das Opferzeichen ein Verm\u00f6gen darstellt, den Positivismus, den der Verstand inszeniert, zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Das selbstgepfl\u00fcckte Bl\u00fcmchen in der Vase korrespondiert mehr mit dem Opfer als der Pomp in der Kathedrale, denn das Opfer ist nichts anderes als die geschenkte Zeit zur Wahrnehmung und W\u00fcrdigung des Unscheinbaren, dessen, was ohne Glanz erscheint und da ist, um das, was als das Ganze erscheint und doch im Tod sein Ziel hat, ertr\u00e4glich zu stimmen.<\/p>\n<p>Dem Positivismus kann dann nichts mehr entgegengestellt werden, wenn die Bereitschaft zur Opfertat nur noch darin besteht, sich zu schminken, bevor man sich in die Disco aufmacht, den Hort der Regression und des kalkulierten Gl\u00fccks, um die vorzivilisatorische Befriedigung der Prim\u00e4rbed\u00fcrfnisse so schnell wie m\u00f6glich hinter sich zu bringen. Doch der allgemeine Positivismus ist kein Spielzeug. In ihm m\u00fcssen sich die Waffen messen, weil sich in ihm alles darin realisiert, wof\u00fcr es geschaffen wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Aufzeichnung rechtfertigt den Gegenstand. Auch bei einem rein bildgebenden Aufzeichnungsverfahren sind sowohl der Anstoss wie das Deutungsziel begrifflich motiviert: man fotografiert einen Gegenstand oder einen Ausschnitt in der Landschaft, weil etwas Bestimmtes zu sehen ist und weil es auf eine bestimmte Weise gesehen werden soll. Der einzelne, im konkreten Bild bestimmende Begriff ist aber [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2551"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2551"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2551\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2552,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2551\/revisions\/2552"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2551"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2551"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2551"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}