{"id":2511,"date":"2017-05-04T16:00:57","date_gmt":"2017-05-04T15:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2511"},"modified":"2017-05-09T09:47:17","modified_gmt":"2017-05-09T08:47:17","slug":"der-allgemeine-zerfall-nach-der-individuellen-selbstaufgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2511","title":{"rendered":"Der allgemeine Zerfall nach der individuellen Selbstaufgabe"},"content":{"rendered":"<p>(Druckfassung: <a href=\"http:\/\/www.ueliraz.ch\/blogarchiv-ueli-raz-2016-17.pdf\">http:\/\/www.ueliraz.ch\/blogarchiv-ueli-raz-2016-17.pdf<\/a>)<\/p>\n<p>Es gibt eine unendlich fein abgestufte Skala von Arten und Weisen, in denen der Einzelne &#8222;scheitert&#8220;, in denen er sich zu einem anderen Fortgang des Geschehens &#8222;entscheidet&#8220; als anf\u00e4nglich geplant: man zieht eine andere Jacke und andere Schuhe an als gewohnt, man geht nicht wie die letzten Wochen auf der rechten sondern auf der linken Strassenseite, man g\u00f6nnt sich zur Erledigung einer Sache mehr Zeit als gew\u00f6hnlich oder hat umgekehrt zu wenig davon, man spricht mit erhobener Stimme statt wie \u00fcblicherweise ruhig, man entnimmt dem Bankkonto weniger Bargeld als gew\u00f6hnlich etc. In diesem allt\u00e4glichen, un\u00fcberblickbaren Haufen von Momenten des Nichtgeplanten oder Unvorhergesehenen nehmen nur die wenigsten den Charakter eines sp\u00fcrbaren Misslingens oder Scheiterns an. Man hat es normalerweise mit gew\u00f6hnlichen Besonderheiten zu tun, die sich als kleine Einbr\u00fcche ins Gewohnte einzeln oder in Gruppen ereignen, und sie k\u00f6nnen des weiteren gleichwie unbemerkt quasi auch als System erscheinen. Die Ereignisse k\u00f6nnen dem Einzelnen in seiner Isoliertheit zustossen oder in einem kleineren oder gr\u00f6sseren gesellschaftlichen Kontext passieren, als Momente des Nichtgen\u00fcgens gegen\u00fcber den Anforderungen des Ich-Ideals, als nicht erreichte Zeugnisse p\u00e4dagogischer Art oder einer sonstigen Art der Bef\u00e4higung oder als nicht erf\u00fcllte Erwartungen sei es in sexuellen oder anderen pers\u00f6nlichen Beziehungen, in denen einen als Zusatz zum Missgeschick die Frage beunruhigt &#8211; eine Schicht tiefer &#8211; was denn zuerst gewesen sei, das Scheitern des Beziehungsverh\u00e4ltnisses oder der Verlust des Vertrauens und ob man nicht doch von einem immer schon drohenden urspr\u00fcnglichen Vertrauensverlust in die Existenz zu sprechen h\u00e4tte &#8211; denn w\u00e4re dem so, w\u00e4re ein Scheitern in allen Beziehungsverh\u00e4ltnissen vorherzusehen. Und auf lapidare Weise kann es geschehen, dass einem bloss etwas Unbestimmtes in die Quere kommt, m\u00f6glicherweise sogar nur die selbstverschuldete schlechte Laune. Die manifesten Verh\u00e4ltnisse, in denen die Ereignisse geschehen, k\u00f6nnen demokratisch und frei sein oder autorit\u00e4r, aber auch prek\u00e4r, in einem Zustand also, wo das Leben als nacktes \u00dcberleben bew\u00e4ltigt werden muss. Man hat das Ganze, das in Frage steht, als ein weltweites Big Data-Ph\u00e4nomen zu sehen, das allerorts erscheint, in jeder H\u00e4ufung und zu jeder m\u00f6glichen Zeit &#8211; ein Ph\u00e4nomen, das sich zwar vorhersagen und also erkennen l\u00e4sst, aber nur, wenn ungeheuer viele, bis ins Kleinste ausgebreitete Fakten zusammengezogen werden.<\/p>\n<p>Eine Ansammlung von unendlich vielen Entt\u00e4uschungsmomenten, die f\u00fcr sich allein neutral und ohne weitere Wirkung sind, kann in einen Erlebniszustand hineinf\u00fchren, in dem das Subjekt unmerklich abgleitet und ein nunmehr verwandeltes Scheitern erf\u00e4hrt; dieses Scheitern dr\u00e4ngt es in eine d\u00fcstere Passivit\u00e4t ab, wo sich keine Ruhe breitmacht, sondern in unverhoffter, wilder Verzweiflung ein zerst\u00f6rerischen Verhalten &#8211; als st\u00fcnde man allein auf einer Plattform, und die Leiter mit den fein justierten Stufen hinab zum Realen, das man gleichwie immer noch im Auge hat, w\u00e4re weggestossen, man selbst in der \u00dcberzeugung, dass ein wirklicher, benenn- und adressierbarer Anderer dies get\u00e4tigt habe. Das Misslingen oder Ausbleiben der Anerkennung in den Instanzen sowohl der P\u00e4dagogik wie der Arbeit f\u00fchrt nicht mit Notwendigkeit zum Gef\u00fchl oder Eindruck des Scheiterns, auch dann nicht, wenn dieses Selbstgef\u00fchl den Charakter einer ganzen Serie von Momenten der schlechten Erwartung einheitlich und systematisch pr\u00e4gt (das schlechte Selbstgef\u00fchl und die schlechte Erwartung sind nur beinahe identisch). Dennoch kennt man das Ph\u00e4nomen am ehesten aus der Grundschule, dann aus den sp\u00e4teren, auch aus den sogenannt h\u00f6heren Schulen: die stetig kassierten schlechten Noten f\u00fchren die Einzelnen in eine Bedr\u00e4ngnis, in der sie aufh\u00f6ren, weiterhin die Alltagsanforderungen bew\u00e4ltigen zu wollen, selbst dann, wenn sie klein sind und der Einzelne von seinen F\u00e4higkeiten her keine Probleme h\u00e4tte, ihnen nachzukommen. Nach einer gewissen Zeit spricht er in einer Sprache, die seine Umgebung befremdet, weil er auch diejenigen Geschehnisse schlechtredet, in denen nichts Negatives auszumachen w\u00e4re und die ihm fr\u00fcher ohne weitere \u00dcberlegung gleichg\u00fcltig oder positiv erschienen w\u00e4ren. Nach einer weiteren Anh\u00e4ufung von Scheiterungsmomenten erodiert das Vertrauen, und noch sp\u00e4ter, nach einer ebenso unbestimmten, nicht vorhersehbaren Umwandlung reduziert sich das Selbstvertrauen auf das Minimum, wie es der Alltag zu seiner physischen Bew\u00e4ltigung noch voraussetzt, um letzten Endes auf einer r\u00e4umlichen Winzigkeit und einem Verhaltenstypus, der die Selbstaufgabe mit Notwendigkeit Wirklichkeit werden l\u00e4sst, wie ein Karren im Schlamm festzufahren. Man tut gut daran, diesem Umwandlungsprozess in zwei Stadien gegen\u00fcber die Erkenntnisanspr\u00fcche gering zu halten, zum einen im Sprachverfall, zum anderen im Zerfall des Selbstvertrauens; schon der Begriff des Prozesses ist zu rationalistisch, in der Intention, den Ablauf als allgemeines Modell rekonstruierbar zu machen &#8211; grossm\u00e4ulig. Man muss diese Zone der Vorh\u00f6lle, in der alle Kontakte zur guten Wirklichkeit noch vorhanden sind, im Ungef\u00e4hren und Nebul\u00f6sen ruhen lassen. Sowohl im Alltag der Ereignisse wie in der Anstrengung der Erkenntnis schaut die Vernunft hin, aber regt sich im dumpfen Staunen schon nicht mehr wirklich. Nicht nur auf der umgangssprachlichen, sondern auch auf der abstrakt begrifflichen Ebene w\u00e4re es falsch, dem gesellschaftlichen Erscheinungstypus einen Namen geben zu wollen.<\/p>\n<p>Obwohl das Scheitern auf Schritt und Tritt dem Leben folgt und zum guten Leben notwendigerweise geh\u00f6rt, f\u00fchrt es zuweilen zur Selbstaufgabe und in diesem engen Rahmen dann zur Katastrophe des Einzelnen: zu einem regelrechten Zerfall nach der Ersch\u00f6pfung. Wo die Selbstaufgabe einmal zum Programm geworden ist, ver\u00e4ndert sie den Einzelnen radikal &#8211; kaum je schnell, auf einen Schlag und unumkehrbar, aber stetig und desto definitiver, als ob alles, was von nun an um den Einzelnen herum geschieht, von diesem Programm bestimmt ist und von ihm immer wieder neu gefordert wird. Man ist geneigt, den alten Leibniz gegen den Strich zu b\u00fcrsten und vom ontologischen Ereignis einer negativen Monade zu sprechen, die die Vorstellungen des Subjekts k\u00fcnftig pr\u00e4gt und sie mit einer Wirklichkeit in Korrespondenz setzt, die in bedrohlicher Weise am Horizont heraufd\u00e4mmert. Das Bild der Ersch\u00f6pfung, in dem sich der Einzelne aufgegeben zeigt, ist alles andere als eindeutig konturiert, ja eigentlich verschwommen und vernebelt, weil die Selbstaufgabe als eine Verwandlung gesehen werden muss, der kein Ende eingeschrieben ist. Wer auf die Spur der Selbstaufgabe geraten ist, ist immer auch schon wieder potentiell unterwegs zur\u00fcck zu sich nach Hause, und niemals darf dieser Einzelmensch, von dem die Rede ist, mit dem Typus des ideologisch Fixierten oder mit dem des autorit\u00e4ren Charakters verwechselt werden (wenn er auch nicht in einem entscheidenden Masse harmloser ist als sie). Im Moment des Nachlassens ist der Wille nicht mehr von Bedeutung, auch nicht der, sich aufgeben zu wollen, sondern blosser Zusatz: was der Einzelne von da an will, geh\u00f6rt nicht wirklich zu seinem urspr\u00fcnglichen Horizont und kann ihm nicht vorgehalten werden.<\/p>\n<p>Der Zerfall nach der Ersch\u00f6pfung ist erster und stets erneuerter Impuls zur Mimikry an die Umwelt, zur Lust in der Zusammenrottung in Horden, die der positiven, kritischen Konstruktion abgeschworen haben. In diesem Soziotop wird die Idee geopfert, dass die Welt besser sein k\u00f6nnte &#8211; nur die eigene Existenz, nicht einmal das eigene Leben ist es, was besser sein soll, unter Eliminierung des Horizonts der Anderen im engen und weiten Lebenszusammenhang. Die Reflexe zur guten Kritik, die einen auf die Unbill des Lebens positiv reagieren lassen, sind gleichwie ausgel\u00f6scht wie die Impulse zum guten Willen, die einen st\u00e4ndigen Antrieb garantieren. Ein allgemeiner Communication Breakdown wird zum N\u00e4hrboden, auf dem die Leerformeln der Hordenf\u00fchrer Wirkung zeugen. In der Winzigkeit und Unscheinbarkeit der Selbstaufgabe im Alltag geschieht nichts anderes als der \u00dcbergang immer schon von einer progressiven, vorw\u00e4rtsschauenden Weltanschauung hin zu einer rechten mit dem tr\u00fcben Blick in eine einheitliche Vergangenheit, weg von der Welt, in der die Stimme jedes Einzelnen gleich ernst genommen wird in die h\u00f6llische, wo nur einzelne Erhabene zu wissen meinen, was die Anderen denken sollen. Weit davon entfernt, etwas mit \u00fcberlieferten Werten zu tun zu haben, gen\u00fcgt sich der Konservativismus der politischen Rechten in der egoistischen Weigerung, etwas von dem G\u00fcterreichtum, den man keinesfalls jemals erarbeitet, sondern &#8222;sonstwie&#8220; sich angeeignet hat, an Andere abzugeben. In einem melancholischen Witz liesse sich sagen, dass man es umgekehrt im Scheitern auch bis zur Meisterschaft bringen kann, ohne dem Hang zur Abdrift zu den Autorit\u00e4ren, Zerst\u00f6rerischen nachgeben zu m\u00fcssen. So wie der F\u00fchrer eher in Kauf nimmt, auch sich selbst zu zerst\u00f6ren und also seine Gefolgschaft zu ignorieren als von seiner Macht abzugeben, gibt es die K\u00fcnstlerInnen im Scheitern, die frei bleiben von der Neigung, ihre Seele einem Teufel zu verkaufen.<\/p>\n<p>Gleich einem Ring um den Planeten Saturn gibt es eine Kette der Unvernunft rund um die Erde, angefangen in n\u00e4chster N\u00e4he bei den Schweizern Blocher im Osten und Freysinger im Walliser Westen \u00fcber Erdogan und Orban bis zu Le Pen- und Trumputin. Das statistische globale Ereignis des Faschismus der heutigen Tage wird kaum zur\u00fcckgehen, auch wenn die Namen der Schamlosen wechseln. Sich selbst aufgeben heisst noch nicht, der Schamlosigkeit zu verfallen, aber, und das ist nicht viel weniger, mit ihr zu spielen. Es dreht sich st\u00e4ndig ums Spiel der Verf\u00fchrung, zu verf\u00fchren und mit Lust verf\u00fchrt zu werden. Im Alltag benehmen sich einzelne Exponenten von rechts immer noch wie vern\u00fcnftige Menschen und lassen sich kaum je gehen &#8211; aber ihre Statements sagen allesamt, sie w\u00e4ren gerne ein Hirt und eine Hirtin derjenigen, die die Scham verloren haben. Mit ihren Zielen wollen sie das Gegenteil der Befreiung, namentlich eine Enthemmung, die der Zerst\u00f6rung dient. Die rechten F\u00fchrer halten ihre Reden vor den ideologisch Verb\u00fcndeten und vor dem Haufen der autorit\u00e4ren Charakter. Sie verm\u00f6gen nicht wirklich viel, um die Erfolglosen zu verf\u00fchren. Aber wenn man die Leute nur gen\u00fcgend stark kr\u00e4nkt, am besten indirekt, indem man die Behauptung in die Luft setzt, sie m\u00fcssten doch gekr\u00e4nkt sein, ist es leicht, aus ihnen Mitl\u00e4ufer von autorit\u00e4ren Gruppierungen zu machen, ohne dass ihnen ein autorit\u00e4rer Charakter zugeschrieben oder ihrem Verhalten eine pathologische Regression unterstellt werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, dass sich dagegen nichts machen liesse, dass man es hinnehmen muss, wenn weltweit in den Gesellschaften 25% akut und weitere 25% im Modus der Latenz, und nur davon ist hier die Rede, destruktiven F\u00fchrern huldigen &#8211; entweder weil die Massenph\u00e4nomene mit einer stochastischen Folgerichtigkeit ihren Lauf nehmen oder weil das Ganze sich sowieso am Ende der Epoche der Aufkl\u00e4rung befindet, am Ende der diskursiven Vernunft, wo man darauf zu warten h\u00e4tte, dass ein \u00e4usseres Ereignis die objektiven Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndere. Im Gegenteil! Es dr\u00e4ngt sich die Einsicht auf, dass man niemals aufh\u00f6ren darf zu reden, auch dann nicht, wenn kein historisches Subjekt mehr dasteht, an das eine Rede sich wenden k\u00f6nnte. Die zwanglose N\u00f6tigung zum solidarischen Handeln im Gegen\u00fcber der Kumpels an den Arbeitsst\u00e4tten ist seit langem schon verschwunden, und wer zum Broterwerb vor dem Bildschirm sitzt, kennt nur noch Systemfragen, die immer letztlich durch ihn oder sie selbst, also im Alleingang, eine L\u00f6sung finden. In einer solchen Welt z\u00e4hlt die grosse Rede nichts &#8211; um nichts weniger hat das unaufh\u00f6rliche Reden einen wichtigen Platz. Das Ansprechen und Reden, auch in den entgrenzten Formen der Bilder, bilden einen Weg, die Einzelnen vor der Regression in die Zerst\u00f6rungsphantasie zu bewahren. Allerdings muss die anget\u00f6nte Norm und Idee im Auge behalten werden, dass der Text- oder Redefluss nicht von einer isolierten, allgemeing\u00fcltigen Norm getragen werden darf, von keiner Lehre: wie das herk\u00f6mmliche aufkl\u00e4rerische Reden, das im Kern zum T\u00e4tigwerden der grossen Gruppen anspornt, sich davor h\u00fcten muss, eine Lehre \u00fcbertragen zu wollen, muss auch das Sprechen zu den Einzelnen frei sein von jeder Lehre, namentlich jeder moralisch-politischen. Anders gesagt: Sowenig sich die Theorie noch an ein allgemeines Subjekt richten kann und &#8211; wegen den historischen Erfahrungen &#8211; in keiner Lehre gipfeln darf, sowenig darf das Reden zum destruktiven Einzelnen unvermittelte Forderungen enthalten. Trotzdem kann man in einer naiven Volte den Einzelnen immer wieder zur Frage bringen, ob er wirklich all den Unsinn, den die Verf\u00fchrer und Verf\u00fchrerinnen auf der Weltb\u00fchne der Bildschirmmedien verbreiten, glaubt, oder ob er sich nur in dieser Br\u00fche suhlt, weil er zu faul geworden ist, \u00fcber den Rand hinaus zur Wirklichkeit hin\u00fcberzuschauen: steht dein F\u00fchrer auf deiner Seite und vertritt er dich, wenn er behauptet, es h\u00e4tte zu wenig Geld in der Staatskasse f\u00fcr das, was jetzt gerade gesellschaftlich gefordert wird, er aber zu den reichsten 2% des Landes geh\u00f6rt und es in seiner Sache, neben den folkloristischen Hobbythemen, doch immer nur um sein angerafftes Geld geht? &#8211; Man sieht, dass zwei gesellschaftliche Charaktertypen gleichgestellt und miteinander identifiziert werden, die empirisch verschieden sind, derjenige, der durch existentielle Erfahrungen verleitet sich selbst aufgibt und derjenige, der peu \u00e0 peu sich nur noch an der Warenform der G\u00fcter der Kulturindustrie orientiert, so dass ihm sein Selbst wie beim ersten Typus so erscheint, als h\u00e4tte er es in einem eigenst\u00e4ndigen Akt aufgegeben (solange beim Konsumieren jemand etwas empfindet und zwischen den angebotenen Waren mit Lust unterscheidet, ist das nicht der Fall).<\/p>\n<p>Das alles sind zweifellos leerlaufende S\u00e4tze eines Delirierenden, der sich verstandesm\u00e4ssig selbst im Wege steht. Auf einer bestimmten, bedrohlichen Ebene verstand man das Ungeheuerliche des Balkankriegs und versteht man den sogenannten Islamischen Staat, nicht weil es eine Ideologie gebe, die man in Zweifel ziehen und also diskutieren k\u00f6nnte, sondern weil die allgemeine Geschichte so lange noch nicht die der Menschen ist, als die Waffenproduktion zur systematischen \u00d6konomie gez\u00e4hlt und geduldet wird und in dieser fahrl\u00e4ssigen Duldsamkeit der Zivilgesellschaft die rohe Gewalt quasi mit Not immer wieder ausbrechen muss; nicht mehr zu verstehen ist aber, dass so viele Menschen an den Lippen ruin\u00f6ser Charaktertypen h\u00e4ngen, die, wie sie in ihrer eigenen Erscheinung zeigen, nie jemals in ihrem Leben eine gute Sache in die Welt gesetzt haben. Man versteht es nicht &#8211; vermag aber im gleichen Zug nachzuvollziehen, dass es materielle Zusammenh\u00e4nge gibt, die in kleinen, unscheinbaren Partikeln dastehen und alle Menschen weltweit betreffen. Und aus diesen Winzigkeiten im gew\u00f6hnlichen Alltag erw\u00e4chst das Ersch\u00fctterliche, immer weiter, die Wahlen von Gr\u00fcseln, wenn man den kleinen Gebilden l\u00e4ssig gegen\u00fcbersteht, nur weil man in einem Ersch\u00f6pfungsmoment einmal meinte, man h\u00e4tte sich selbst aufzugeben.<\/p>\n<p>Gut m\u00f6glich, dass man einem unausgesprochenen Moratorium ein Ende setzen und es also wieder sagen muss, dass der gr\u00f6ssere Teil des Riesenhaufens an Produkten der Kulturindustrie nichts w\u00e4re ausser schlecht, dass man verzichten k\u00f6nnte auf die meisten Verlage, Konzertlokale, Fernseh- und Radiostationen. Bei der weltweiten Fehleinsch\u00e4tzung des Internets scheint es indes nur wenig realistisch, dass der andere, kleinere Teil \u00f6ffentlich zu respektieren und zu diskutieren w\u00e4re &#8211; zu wenige zeigen sich bereit, ausserhalb des kommerziellen Verwertungszusammenhangs der angesprochenen Produkte diskursiv t\u00e4tig sein zu wollen. Wenn man nur die Bande, die Verb\u00fcndeten im Neuen Bund der S\u00f6ldner gegen die Verw\u00fcstungen der Kulturindustrie aktivieren k\u00f6nnte und ihnen die Angst vor dem Internet abzunehmen verm\u00f6chte! Klarerweise m\u00fcsste man sich auf die Kulturindustrie ausrichten, aber man darf es nicht, weil nach wie vor zu gelten scheint, dass sie nicht wissen, was sie tun, sowohl die Akteure und Produzentinnen wie die KonsumentInnen im umfassenden, allt\u00e4glichen Zusammenhang der Kulturindustrie. Aber nur so lange handelt es sich um einen Kampf gegen Windm\u00fchlen, als die St\u00f6sse sich gegen die Kulturindustrie als ein Ganzes richten; im Ernst der Einzelgebilde verankert sich die gew\u00f6hnliche diskursive Auseinandersetzung, beschr\u00e4nkt einzig durch die D\u00fcrftigkeit der Gehalte, die darauf aus ist, statt den Gedanken das Falsche abzusaugen, den deutenden Worten die Kraft zu nehmen (die ad\u00e4quate Form eines Gebildes kanalisiert das Falsche und f\u00fchrt es ab). Wegen der Einf\u00f6rmigkeit der Produkte der Kulturindustrie, ihrer Warenform, m\u00fcssen ihre &#8222;Analyseverfahren&#8220; der statistischen Analyse der Big Data-Ph\u00e4nome \u00e4hneln: man biedert sich der Journalistik an und macht Ranglisten der Einzelst\u00fccke &#8211; und spricht aufmunternde Worte: in den siebziger Jahren sass ein j\u00fcngerer Nachbar n\u00e4chtens vor Beizenschluss an meinem S\u00e4ufertisch und fragte allen Ernstes, ob es okay sei, dass er die Tanzkapelle Nazareth gut finde, das ginge doch, oder &#8211; nat\u00fcrlich geht das, hier und jetzt gefragt, auch wenn in einem anderen, ernsteren Zusammenhang das Werturteil anders h\u00e4tte ausfallen m\u00fcssen. Man darf immer damit rechnen, dass mehr Verstand den Alltagsmenschen antreibt als er sich selbst zugesteht und als er gegen aussen zeigen will. Wenn die KonsumentInnen sich auch nur geringf\u00fcgig bewegen liessen, h\u00e4tten die Nationalisten mehr M\u00fche, ihre Unseligkeiten im Namen einer Klientel durchzusetzen, deren Willen sie nicht ausf\u00fchren, umso lautstarker auszuf\u00fchren vorgeben. Und dennoch. Das ungl\u00fcckliche Bewusstsein, das seine eigenen Vorstellungen nicht mit den Gegebenheiten der Realit\u00e4t zur Deckung bringt, kann mit Bildern, die das Reale mehr verkl\u00e4ren als repr\u00e4sentieren, gek\u00f6dert werden. Nicht vor ein Tribunal sollen die Ungl\u00fccklichen geschleppt werden und nicht in ein Verliess verschleppt dem Gest\u00e4ndniszwang ausgesetzt, sondern selbstt\u00e4tig sollen sie dank der Verf\u00fchrung erste Schritte ins Reich des Rechts auf Einsicht wagen. Die ersten z\u00f6gerlichen Schritte zum Willen der Selbstverst\u00e4ndigung werden schon Garantie daf\u00fcr sein, dass der Blick auf die Welt, sei es der auf verbindliche Gebilde oder solche der Kulturindustrie, auch ohne allen wilden Drang zum Zerst\u00f6rerischen gelingen und Bestand haben kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Druckfassung: http:\/\/www.ueliraz.ch\/blogarchiv-ueli-raz-2016-17.pdf) Es gibt eine unendlich fein abgestufte Skala von Arten und Weisen, in denen der Einzelne &#8222;scheitert&#8220;, in denen er sich zu einem anderen Fortgang des Geschehens &#8222;entscheidet&#8220; als anf\u00e4nglich geplant: man zieht eine andere Jacke und andere Schuhe an als gewohnt, man geht nicht wie die letzten Wochen auf der rechten sondern auf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2511"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2511"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2511\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2521,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2511\/revisions\/2521"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2511"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2511"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2511"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}