{"id":248,"date":"2009-04-20T03:29:01","date_gmt":"2009-04-20T02:29:01","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=248"},"modified":"2009-04-20T03:29:01","modified_gmt":"2009-04-20T02:29:01","slug":"metaphysik-gewalt-und-kulturindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=248","title":{"rendered":"Metaphysik, Gewalt und Kulturindustrie"},"content":{"rendered":"<p>Keimzelle und Urtrieb der Metaphysik ist die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft; sie treibt das Ganze der Geschichte an, steuert es und gibt ihm Gestalt. In der \u00e4usseren Form erscheinen ihre Kr\u00e4fte als Religion, im einzelnen Menschen als famili\u00e4re Bindungen, die ein Ich sich ausbilden und ein verbindliches Verh\u00e4ltnis zur Realit\u00e4t sich schaffen oder scheitern lassen.<\/p>\n<p>Da es in dieser Epoche Gesellschaften gab, die andere materiell vernichteten, ohne dass es zu einem vermittelnden Austausch von G\u00fctern welcher Art auch immer gekommen w\u00e4re, kann man \u00fcber sie keine allgemeine Aussagen machen, die ihren Vergesellschaftungsprozess beschreiben w\u00fcrden. Doch auch wenn von den Einzelnen, sowohl mit R\u00fccksicht auf dieses Problem wie auf die Einsicht in die existenzielle Irreduzibilit\u00e4t, gesagt werden muss, sie realisierten sich in unendlichen, nicht reduzierbaren Vielheiten, sticht ein Typus markant hervor, so wenig die Typen, wie anget\u00f6nt, im Gesamt begriffen werden sollen: derjenige des autorit\u00e4ren Charakters. Bemerkenswert ist, wie ein Negatives im Realen eine Struktur zu repr\u00e4sentieren scheint, die im Innersten von der Idee der Idee als der eines Guten zusammengehalten wird. Der autorit\u00e4re Charakter ist immer zur Stelle gewesen und hat sich schnell in Meuten gebildet, wenn in der Epoche der Metaphysik die Katastrophen, Reversbilder der Vergesellschaftung, stattgefunden haben, \u00fcberaus deutlich im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit und an einem Ort, wo die grosse Kultur am weitesten entwickelt, entfaltet und in alle Bev\u00f6lkerungsschichten hinein verbreitet schien. Deshalb gibt es nichts Dringenderes, solange diese Epoche w\u00e4hrt, als von der Dialektik der Anerkennung wegzukommen, diesem Kr\u00e4ftespiel, das immer einen Sog der Regression freisetzt, in dem die Katastrophe sich als blinde Gewalt vollzieht.<\/p>\n<p>So wenig von einem abgeschlossenen Ende der Metaphysik gesprochen werden kann, so schwierig ist die Behauptung, es gebe als neue so etwas wie eine Epoche der Kulturindustrie, und sie w\u00e4re schon daran, sich in der Weise als Metakultur breit zu machen, indem sie die Metaphysik ersetzte. Allerdings ist es un\u00fcbersehbar, wie ihre technologischen Elemente sich vervielf\u00e4ltigen und wie sich die Gehalte, die ihren Stempel tragen, global ausbreiten. In ihr ver\u00e4ndern sich die materiellen Verh\u00e4ltnisse gleichzeitig mit den kommunikativen, so dass die Beschleunigung der spekulativen Finanzstr\u00f6me in den letzten dreissig Jahren nur m\u00f6glich erscheint dank der Verfeinerung der Aufzeichnungsverfahren, die den Wert auch dann aufbl\u00e4hen, wenn er noch gar nicht begonnen hat, wirklich zu sein. Die so gewonnene Macht der Banken liess die demokratischen M\u00e4chte der Gesellschaften l\u00e4cherlich erscheinen, ihre Vertreter als Trugbilder der Kulturindustrie. In diesen neuen Verh\u00e4ltnissen, die nicht eindeutig durch Ver\u00e4nderungen in der \u00d6konomie als der materiellen Basis der Gesellschaften herausgewachsen waren, erscheint der autorit\u00e4re Charakter in einer neuen Gestalt oder, um diese Festlegung vorneweg zu machen: in neuen, multiplen Gestalten. Die Bildung von Meuten, die sich einem Aggressor unterwerfen, um Hatz auf die Tr\u00e4ger eines Feindbildes zu machen, ist zugleich leichter geworden wie sie sich auch leichter kontrollieren liesse, wenigstens solange, als es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, den eine Gesellschaft nicht aufgeben will. Nicht die Herren der Fabrik und die M\u00e4nner des Staates produzieren die gef\u00e4hrlichen Situationen, die der Destruktion freien Lauf lassen, sondern die Vielen, denen es gelingt, in den Medien pr\u00e4sent zu sein. Die neuen Gestalten erscheinen in einer unendlichen Vielfalt, angefangen vom schwierigen Fall, dass der unterbrochene Finanzstrom die LohnarbeiterInnen freisetzt, die Parteien entscheidungslahm dastehen und die Verzweifelten Volksverf\u00fchrern folgen, die ihre Macht Finanzspekulationen verdanken und sie innehalten, indem sie mit ihr in den Medien protzen und die Meute, der man den Boden unter den F\u00fcssen weggezogen hat, daran sich aufgeilt, bis zum einfachen Fall des modischen Nach\u00e4ffens geisttoter Medienstars. Mit dem Aufkommen einer verallgemeinerten Industrie, die das Gl\u00fcck da verspricht, wo Unterhaltung genossen wird, realisieren sich unendlich viele Gestalten der Regression und ersetzen die eine alte aus einer Kultur, die doch vom Guten sprach und deren Typus der Regression als der der Faschisten bekannt wurde. Der gef\u00fcrchtete Typus des autorit\u00e4ren Charakters scheint sich in Richtung vieler Typen der Regression zu ver\u00e4ndern, teils ebenso gef\u00fcrchtet, teils bloss kindisch und l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Das Problem ist deswegen schwierig, weil es keine historischen Ereignisse gibt, die das Ende der einen Epoche und den Anfang der anderen festlegen w\u00fcrden. Im Gegenteil scheint der rabiate Diskurs der Religionen demonstrieren zu wollen, dass keineswegs vom Ende der Metaphysik zu sprechen w\u00e4re, und die ungeheure Brutalit\u00e4t in den Konflikten der letzten 40 Jahre deutet ebenso wenig darauf hin, dass die paranoische Gewalt sich in einer Welt der Kommunikation abschw\u00e4chen liesse. Trotzdem: wenn der Epoche der Metaphysik als paradoxer Idealtypus der autorit\u00e4re und paranoische Charakter innewohnt, der nur das Eine w\u00fcnscht, sich selbst und den Anderen einem Ersten zu unterwerfen &#8211; ist die Epoche der Metakultur daran, einen vergleichbaren und in gleicher Weise eindeutigen Sozialcharakter auszubilden? Ist er genauso problematisch und gef\u00e4hrlich, selbstzerst\u00f6rerisch und katastrophisch f\u00fcrs Allgemeine? Geh\u00f6rt er derselben Ordnung an oder unterl\u00e4uft er sie gerade umgekehrt in einer quasi anarchistischen Lebenssicht, die in einem scheinbaren Hedonismus das Gew\u00fcnschte in seinen vielen Abstufungen bloss imitiert und aus diesem Grund der spielerischen Scheinhaftigkeit keineswegs davon gesprochen werden m\u00fcsste, Kulturindustrie und allgemeine Globalisierung h\u00e4tten eine Art Gleichmacherei zur Folge, die die Vielheiten der menschlichen Individualcharaktere auf ein bescheidenes Durchschnittsniveau reduzieren w\u00fcrde? Man sieht die Verh\u00e4ltnisse schnell einmal zu pessimistisch, dann ebenso schnell zu optimistisch. Da es keine Anzeichen daf\u00fcr gibt, dass sich die Idee des Milit\u00e4rischen \u00e4chten liesse, sondern die Kulturindustrie geradezu als fester Teil ihres Antriebs begriffen werden muss und da im Hinblick auf Lohnarbeit und Einkommen der Verwirklichung eines Modells, das die Zwanghaftigkeit des gegenw\u00e4rtigen prek\u00e4ren \u00fcberwinden w\u00fcrde, alles entgegenzustehen scheint, solange Macht und illegitimer Reichtum zusammengehen, k\u00f6nnen keine Thesen zur Kulturindustrie gemacht werden, die ihr Verh\u00e4ltnis zur Lebenswelt im Allgemeinen betrifft, ausserhalb der speziellen Einfl\u00fcsse von Bankengeld und milit\u00e4rischer Staatsgewalt. Neben den diffusen Typen der Regression, die bloss kindisch erscheinen, sind aber zwei Gestalten herausragend geworden, die ohne die Techniken und Technologien der Kulturindustrie undenkbar w\u00e4ren: Zu f\u00fcrchten heute sind die sogenannten Amokl\u00e4ufer und die globalen Terroristen, Erscheinungsweisen der Gewalt, die mitnichten ged\u00e4mpfter, sondern in der Tat explosiver dastehen, wenn sie f\u00fcr die Epoche der Metaphysik nicht gar undenkbar sind und sowieso unvorstellbar gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die unaufh\u00f6rliche Produktion von G\u00fctern in der Kulturindustrie wie die globale Gier nach denselben macht es aus, dass Meuten zwar schneller gebildet werden, aber genau so, dass sie schneller auch wieder unter Kontrolle geraten und gr\u00f6ssere Katastrophen eher als fr\u00fcher vermieden werden k\u00f6nnen, sofern ein Wille dazu vorhanden ist. Die Masse braucht indes keine Meute zu sein, sondern geniesst die G\u00fcter in einem Alltag, dessen praktische Seite den demokratischen Rechten und Pflichten und dessen kulturelle Seite den Medien folgt, so wie sie die Wissenschaften und die K\u00fcnste vermitteln, stetig mehr von Lokalit\u00e4ten unabh\u00e4ngig, stetig mehr allen Einzelmenschen zug\u00e4nglich. Ein St\u00fcck weit aber erinnert, neben der Tendenz, alles wieder kommerziell einzufrieren, die positive Vielfalt der Kulturindustrie an die Geschlossenheit der Vielfalt in der indischen Musik; es fliesst etwas Formales in sie ein, das uralt ist und, man glaubt es kaum, nicht als europ\u00e4isches Erbe zum Zuge kommt. Keine Musik in den sogenannten Hochkulturen konnte sich vor 2000 Jahren so frei von Direktiven der Macht entwickeln wie die indische. Die gleichzeitige Anwendung von pythagoreischen und nat\u00fcrlichen, den Obert\u00f6nen gefolgten Stimmungen f\u00fchrte zu einer Verfeinerung des Tonsystems, die unendlich viele Abstufungen erlaubte, \u00fcber sechzig statt nur zw\u00f6lf wie im temperierten. Da dieselben theoretisch begr\u00fcndet und, wie konsequenzlos da ohne durchgef\u00fchrte Kritik auch immer, diskutiert wurden, erwuchs eine k\u00fcnstlerische Tradition, in der die Vielheiten nicht nur abstrakte Gr\u00f6ssen blieben, sondern in den einzelnen St\u00fccken als unendliche Vielfalt genutzt und ins Spiel gebracht werden konnten. Keine andere Musikkultur entfaltete sich in solch freien Verh\u00e4ltnissen &#8211; und trotzdem erwuchs mangels praktischer Kritik keine Geschichte, von der man sagen k\u00f6nnte, dass in ihr die indische Musik sich entwickelt h\u00e4tte. Die \u00e4ussere, sogenannt \u00e4sthetische Freiheit, die prinzipiell alles zul\u00e4sst, realisiert sich nur gegen innen. Je weiter der Prozess der Realisierung der Freiheit vorangetrieben wird, desto st\u00e4rker erw\u00e4chst der Eindruck, das Ganze gesch\u00e4he in einer Abgeschlossenheit oder Abgedichtetheit, die wie ein Alpdruck lastet. Die Realisierungen sind alle gleichwertig und vermeiden es tunlichst, auf besondere Richtungen hinzuweisen. Man steht immobil und als Gefangener in einem Raum, den man nicht mehr weiter erfahren darf, weil es keine Richtungen gibt, denen folgend man ihn durchschreiten k\u00f6nnte, um \u00fcber ihn hinaus Entwicklungen voranzutreiben. In \u00e4hnlicher Weise immobilisieren sich die Vielheiten der kulturindustriellen Medien, wenn sie zu jeder Zeit und an jedem Ort prinzipiell jede \u00c4usserung und jede Diskussionen erlauben, die Objekte und Gegenst\u00e4nde der Auseinandersetzungen aber immer schon zur Hauptsache von der Kulturindustrie vorgegeben sind. Wie in der indischen Musik gibt es im Mythos der Kulturindustrie eine Freiheit nur gegen innen, weil die Anspr\u00fcche ans Ganze der Existenz und der Realit\u00e4t, wie die grossen Werke sie enthalten, nicht weiter in Ausgestaltungen erhoben werden. Alles Geschehen erscheint als ein St\u00fcck Regression, und es wird zum Sinn der Metakultur, nicht das Leben, die Einzelnen oder die Meinungen, sondern eben die Prozesse der Regression unter Kontrolle zu halten, indem sie sie sowohl f\u00f6rdert und unterst\u00fctzt wie umgekehrt auch aufhebt, insbesondere dort, wo der autorit\u00e4re Charakter sich manifest \u00fcber weite Bev\u00f6lkerungsschichten auszubreiten droht.<\/p>\n<p>Wenn es in der Tat einen \u00dcbergang von der Epoche der Metaphysik zur Metakultur gibt, dann gibt es auch einen Fortschritt, der weder pessimistisch noch optimistisch einzusch\u00e4tzen w\u00e4re und der im \u00dcbergang von den Abstufungen der manifesten Regression, die im autorit\u00e4ren Charakter gipfelten, hin zu einer verallgemeinerten kontrollierten Regression best\u00fcnde, die von der Kulturindustrie sowohl gen\u00e4hrt und gef\u00f6rdert wird, f\u00fcr dieselbe diese sich gleichzeitig aber so einsetzt, dass sie einen gewissen Rahmen, der geschichtlich immer zur Gewalt f\u00fchrte, nicht mehr zu \u00fcberschreiten vermag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keimzelle und Urtrieb der Metaphysik ist die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft; sie treibt das Ganze der Geschichte an, steuert es und gibt ihm Gestalt. 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