{"id":246,"date":"2009-04-05T16:24:33","date_gmt":"2009-04-05T15:24:33","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=246"},"modified":"2009-04-05T16:24:33","modified_gmt":"2009-04-05T15:24:33","slug":"lumpenmusik-der-geplunderten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=246","title":{"rendered":"Lumpenmusik der Gepl\u00fcnderten"},"content":{"rendered":"<p>Seit 17 Jahren habe ich keine CD mehr gekauft (auch kein Buch, keinen Konzerteintritt, kein Filmbillet etc.), und seit vier Jahren h\u00f6re ich eher selten ab Scheibe, obwohl ich mich in den kurzen Jahren vor der langen, unfreiwilligen Anschaffungspause gut mit ihnen eingedeckt hatte, sp\u00e4ter ab und zu kopierte und jetzt die geschlossenen Funkkopfh\u00f6rer zwischen f\u00fcnf und sieben Stunden am Tag \u00fcbergest\u00fclpt habe. Diese maximalen, aber keineswegs seltenen sieben Stunden enthalten auf Radio DRS 2  (deutsche und r\u00e4toromanische Schweiz) h\u00f6chstens vier Stunden Wortsendungen, ohne die kleinen, beleidigenden Stundennachrichten: Kontext, Reflexe, Aktuell, Rendezvous, Echo der Zeit, H\u00f6rspiel oder Diskothek im Zwei, Wissenschaft Aktuell, Musik f\u00fcr einen Gast, International etc. Alle Sendungen k\u00f6nnen durch solche von Swiss Classic ersetzt werden, wo keine Wortbeitr\u00e4ge bel\u00e4stigen. Nicht zum Zuge kommen die Sender SWR 2, OE 1, Bayern 4 und France Musique, die von Cablecom zwar angepriesen, aber in einer technischen Qualit\u00e4t gesendet werden, dass ein H\u00f6ren zur Zumutung wird. Espace 2 w\u00e4re sowohl technisch wie inhaltlich empfehlenswert, meide ich aber auf irrationale Weise, wohl weil ich mich per pedes schon zuviel in dessen \u00e4usseren, landschaftlichen R\u00e4umen aufhalte. Zwischen 22.00 Uhr und 8.30 Uhr h\u00f6re ich kein Radio, weil ich bis um 3.00 Uhr oder knapp dar\u00fcber hinaus schlafe und dann eher konzentriert t\u00e4tig bin. Ein paar Male im Monat geschieht es, dass ausschliesslich Musik geh\u00f6rt wird, ohne Wortsendungen; in diesen F\u00e4llen ist der Anteil an Swiss Classic zwischen 50 % und 90 %. Da dieser Sender kaum mehr als f\u00fcnf verschiedene CDs im Angebot zu haben scheint, halten es mit Bestimmtheit nur wenige Melomane aus, ihn in dieser fast reinen Form mehr als zwei Tage hintereinander zu verfolgen. Nebent\u00e4tigkeiten zum Radioh\u00f6ren sind Kochen und Essen, in Ausschnitten Fotos Bearbeiten (eine Arbeit, die sich in der Saison bis zu zw\u00f6lf Stunden am Tag hinzieht), automatisches Durchst\u00f6bern von Blogs &#8211; nie aber Lesen oder Schreiben. Sobald Musik zu h\u00f6ren ist, muss ich sie verfolgen, und selbst blosses Betrachten von Bildern ist dann v\u00f6llig undurchf\u00fchrbar.<\/p>\n<p>Der gew\u00f6hnliche Musiktrieb zielt, ist er in einem Menschen erst einmal entwickelt, bei jedem musikalischen Ereignis auf die Beantwortung der Fragen, ob er dem Gebilde folgen kann, ob es unerwartete Wendungen oder Klangkomplexe enth\u00e4lt oder ob es gar in der ganzen Substanz als neu erscheint. Keineswegs findet er sein Gl\u00fcck allein im radikal Neuen. Aber die Dialektik von Entdecken und Wiedererkennen, in deren Gestalt er lebt, wird mit Gewalt erstickt, wenn es in einer Musik \u00fcberhaupt nichts zu entdecken g\u00e4be, auch dann, wenn die Entdeckungen in ihrer blossen Wiedergabe zu machen w\u00e4ren; eine l\u00e4ngst bekannte Musik kann immer Neues freisetzen, wenn sie lebendig zur Interpretation gelangt. Die Frage ist, wie in einem Gef\u00e4ss der Kulturindustrie dieser Trieb befriedigt wird, wenn es doch zu diesen Programmen geh\u00f6rt, nichts vor H\u00e4ndel und nichts nach Dvor\u00e1k zu senden, also in einer unangetasteten Repetition nur diejenige Musik dem H\u00f6ren anzubieten, deren sogenannt klassische Struktur nichts Unbekanntes verschlossen h\u00e4lt? Was geschieht mit dem Musiktrieb in der Kulturindustrie, mit demjenigen grossen Anteil des Lustprinzips, der wie dasselbe mit immer mehr Taten immer Neueres erleben, aber im Grunde nur eines ernsthaft will, nichts weniger als neue Welten entdecken? Wird er dank den Techniken und Technologien der Kulturindustrie verfeinert und dadurch rationeller, so dass das Musikleben insgesamt immer interessanter wird? Klar, wer so fragt, meint es gar nicht gut. Er fragt danach, ob derjenige die Ware Musik liebt, mit der er unverfroren dealt und die dort, wo sie wahr ist, immer nur eines sagt, keine Ware zu sein.<\/p>\n<p>Da die beiden Sender DRS 2 und Swiss Classic in der Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG institutionell miteinander verbandelt sind, profitieren sie von der Verwertungsregel, dass Musikst\u00fccke innerhalb eines gewissen Zeitrahmens mehrmals ohne weiteren Preisaufschlag gesendet werden d\u00fcrfen, wenn ihre Autorenrechte schon abgegolten worden sind. Obwohl zu erwarten w\u00e4re, dass dieselben St\u00fccke in derselben Interpretation und Aufnahme mehr oder weniger gleichzeitig auf beiden Sendern geh\u00f6rt werden m\u00fcssten, habe ich das nur selten erlebt. Klammert man die Nachtsendungen und bei DRS 2 zus\u00e4tzlich die Wortsendungen aus, pflegen die beiden Sender jeweils ein Musikprofil, dem eine gewisse Eigenst\u00e4ndigkeit nicht abgesprochen werden kann. Es kommt zwar vor, dass ein Hit auf Swiss Classic in zeitlicher Nachbarschaft auch auf DRS 2 gesendet wird und dies, f\u00fcr den H\u00f6rer in \u00e4rgerlicher Weise, in derselben Interpretation, aber eine solche H\u00e4ufung geschieht erstaunlich selten. Noch st\u00e4rker unterscheiden sich die beiden in der Ber\u00fccksichtigung des historischen musikalischen Zusammenhangs und der geschichtlichen oder stilistischen Nachbarschaft der einzelnen Werke. K\u00f6nnen Werkpassagen der historischen Eckpfeiler H\u00e4ndel und Dvor\u00e1k auf Swiss Classic R\u00fccken an R\u00fccken vom Stapel laufen gelassen werden, erf\u00e4hrt man auf DRS 2 stilistische Bl\u00f6cke, die eine ganze beziehungsweise eine halbe Stunde w\u00e4hren k\u00f6nnen, oder diese halbe wird leicht kontrastierend noch einmal geh\u00e4lftet. Dank der Moderation werden die Auswahleinheiten kommentiert, wodurch sowohl die Aufmerksamkeit wie der H\u00f6rgenuss, mit Ausnahme der Schlagersendung eine halbe Stunde vor Mittag, gesteigert werden. Und doch erscheint diese Differenz weniger entscheidend als die Gemeinsamkeit, die Werke nur in Teilen zu senden, von der Bachsuite den Hut, von der H\u00e4ndelsonate die Unterhose, vom Sammartini die Glac\u00e9handschuhe, sogenannt sch\u00f6ne Stellen, die einen nach ihrem Ende nach Luft japsen lassen, weil nicht kommt, was nach musikalischer Logik zwingend kommen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Just in dem Moment hatte ich das Gef\u00fchl, im Zentrum der Kulturindustrie angekommen zu sein, als ich mich nicht in einem Museum, sondern in einem Altkleiderladen mit Billigstprodukten eingeschlossen w\u00e4hnte, wo alle St\u00fccke nur zu leicht als Lumpen begriffen werden m\u00fcssen, nicht als St\u00fccke von Kleidern, die einen Menschen in einem besonderen Licht erscheinen lassen. Ich will nicht behaupten, beim Musikh\u00f6ren auf diesen Sendern immer in eine solche Stimmung zu geraten, als h\u00e4tte man mich, im Traum eine Strafe aus\u00fcbend, in einen Verkaufsladen mit abgetragenen Lumpenkleidern gesteckt &#8211; aber ist einem dieser Geruch, der auf dem Ganzen lastet, erst einmal in die Nase gestiegen, f\u00fchlt man sich in eine tiefe Unstimmigkeit hineinversetzt, als ob man in einem Troupeau mitmarschierte, von dem man weiss, dass er nur L\u00fcgen verbreitet. Das bedeutet, dass die musikalische Notlage der Kulturindustrie, der wir nota bene den Zugang zur Musik \u00fcberhaupt verdanken, ernster ist, als man f\u00fcglich meint, eine Krise, die sich durch ein paar entschiedene Eingriffe und Korrekturen meistern liesse. Dass das Raubgut der gepl\u00fcnderten Komponisten, der musikalischen Werke und der historischen kulturellen Materialien wahllos aufget\u00fcrmt wird, ist nur die eine Seite, die man nicht im geringsten missen m\u00f6chte; dass beim akustischen Konsum aber die Sinne St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck eine Abstumpfung erleiden und darin in gleicher Weise als Gepl\u00fcnderte dastehen wie die Gehalte, die doch mit der Absicht vermittelt werden, dass sie sich entfalten k\u00f6nnen &#8211; das ist das wesentlich Falsche der Kulturindustrie. Das Lebendigste, der Trieb, betrachtet die Dinge in der Vermittlung durch die Kulturindustrie nicht mehr so, als ob er mit ihnen, indem er sie untereinander vergleicht, \u00fcber sie hinausgehen k\u00f6nnte, sondern richtet es sich so ein, dass er sie einfach ertr\u00e4gt, ganz so, wie sie sind. Aber will einer solches, solange er sich als Mensch f\u00fchlt und nicht nur als gut versorgter Warenkonsument? Will ich denn das, beim Musikh\u00f6ren verkl\u00e4rten Sinnes einer L\u00fcge gedenken, derjenigen von der Existenz einer gelungenen Kultur, unserer gelungenen Kultur? Will ich im Geniessen von Musik, dem H\u00f6chsten, mich ineins f\u00fchlen m\u00fcssen mit dem Gespenst der Abscheulichkeit h\u00f6herer und insgeheim an nationale V\u00f6lker gebundenen Kultur, dem dumpfen Wir, von dem mich alles trennt?<\/p>\n<p>Die Bem\u00e4kelung der Form der Kulturindustrie ist das letzte Hemd, das einem gelassen wird. Was w\u00fcrde aber von der Kulturindustrie bestehen bleiben und weiter negativ wirken, wenn an jedem Ort ein oder mehrere Sender empfangen werden k\u00f6nnten, die die musikalischen Werke wie gew\u00fcnscht als ganze senden, ihre historische Einbettung in benachbarte Werke vom selben wie von anderen Komponisten ber\u00fccksichtigen und, als wichtigstes, im gleichen Masse wie die barocke, klassische und romantische die Musik der fr\u00fcheren Zeiten wie auch diejenige nach Dvor\u00e1k spielen w\u00fcrden? W\u00fcrde ein Anst\u00f6ssiges der Kulturindustrie bestehen bleiben, wenn die manifesten W\u00fcnsche erf\u00fcllt w\u00fcrden und also die Musikvermittlung nicht mehr in so gravierender Weise dem Diktat der kommerziellen Verwertung unterworfen schiene? Oder gibt es nicht in der Tat eine so tief liegende Struktur in der modernen Gesellschaft, dass man sagen muss, die Kulturindustrie herrsche mit Notwendigkeit starr und fest, weil ein anderer Austausch der musikalischen G\u00fcter den Vorgang der Vermittlung selbst behindern w\u00fcrde und keinen l\u00e4ngeren Bestand haben k\u00f6nnte? Nat\u00fcrlich haben die Fragen eine polemische Seite, die daran mahnt, noch l\u00e4ngst nicht alles ausprobiert zu haben, was man im Bereich der Kunstmusik tun k\u00f6nnte. Man muss m\u00f6glicherweise die Ebene wechseln, wenn man dem Ernst ins Auge sehen will. Angesichts der Seltenheit, in der eine wirklich neue Musik als Kunstwerk noch zur Auff\u00fchrung gelangt und im Radio gesendet wird, ist der Frage mit mehr Reserve nachzugehen, also ohne eine Antwort jetzt schon bereitstellen zu wollen, ob die Kulturindustrie, derem Wirken auch die KomponistInnen ausgesetzt sind, die Verh\u00e4ltnisse nicht so zurechtzimmert und zurechtbiegt, dass sie ihr schon dann entgegenkommen, wenn noch gar nichts zu ihrer Verwertung geschaffen wurde und also das, was ausserhalb ihrer Instanzen geschehen will, nur als Eigenbr\u00f6telei, als Privatkunst ohne Recht auf gesellschaftliche und zeitgen\u00f6ssische Anerkennung passiert, als unbeabsichtigtes Nebenger\u00e4usch, das man geschehen lassen kann, weil sowieso keine Einzelnen die F\u00e4higkeit und Lust mehr h\u00e4tten, das Besondere seiner Beschaffenheit wahrzunehmen. Man weiss nicht, ob \u00fcberhaupt noch etwas geschieht; vermittelt wird es jedenfalls nicht. Wo man von Kulturindustrie redet, ist es langweilig und muffig; aber da w\u00e4ren keine Fenster und keine T\u00fcren im Betrieb, so dass man sowohl aussen wie innen stehen k\u00f6nnte. Dass es so still ist in Gegenden, wo St\u00fccke Neuer Musik einst bl\u00fchten, zeigt, dass die Kulturindustrie mit ihren Kr\u00e4ften st\u00e4rker am Spielen ist als einem recht sein sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 17 Jahren habe ich keine CD mehr gekauft (auch kein Buch, keinen Konzerteintritt, kein Filmbillet etc.), und seit vier Jahren h\u00f6re ich eher selten ab Scheibe, obwohl ich mich in den kurzen Jahren vor der langen, unfreiwilligen Anschaffungspause gut mit ihnen eingedeckt hatte, sp\u00e4ter ab und zu kopierte und jetzt die geschlossenen Funkkopfh\u00f6rer zwischen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/246"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=246"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/246\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=246"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=246"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=246"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}