{"id":244,"date":"2009-04-02T18:33:52","date_gmt":"2009-04-02T17:33:52","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=244"},"modified":"2009-04-02T18:33:52","modified_gmt":"2009-04-02T17:33:52","slug":"unwissen-in-der-kulturindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=244","title":{"rendered":"Unwissen in der Kulturindustrie"},"content":{"rendered":"<p>Den Begriffen des wahren Wissens und der gegl\u00fcckten Erkenntnis steht derjenige des blossen unverbindlichen und subjektiven Meinens gegen\u00fcber; in regulierten Zusammenh\u00e4ngen, in denen es darum geht, verl\u00e4ssliches Wissen zu schaffen, heisst er Hypothese, in denen des unregulierten und unbegrenzten Alltags ist er der unaufh\u00f6rliche Begleiter aller \u00e4usseren und inneren Empfindungen, wenn \u00fcber sie, wie nachl\u00e4ssig auch immer, nachgedacht wird und aus ihnen Schl\u00fcsse gezogen werden, auch so primitive wie &#8222;ich sitze hier und schreibe&#8220; oder &#8222;Teufel, die Worte kommen nicht wie gew\u00fcnscht!&#8220; etc. Der \u00dcbergang von der Meinung zum Wissen ist fliessend, und wo jene gen\u00fcgend deutlich gebildet ist und sich dadurch der Kritik exponiert, verwandelt sie sich ohne Zus\u00e4tzlichkeit in mehr oder weniger allgemein anerkanntes Wissen. Dank gewisser Apparaturen und Technologien der Kulturindustrie \u00f6ffnet sich auf der anderen Seite des Verh\u00e4ltnisses von Meinen und Wissen ein Graben, der zwar immer schon da war, dessen Ungeheuerlichkeit aber erst heute zum Vorschein kommt und um einiges deutlicher dasteht als eine romantische Ahnung. Die Wendung &#8222;sich eine eigene Meinung bilden&#8220; dr\u00fcckt aus, dass es auch ein zumindest zeitliches Vorfeld der Meinung gibt und dass dieselbe in diesem Zusammenhang, auf diesem Terrain, eine Ausnahme, eine Besonderheit oder ein Sonderfall darstellt. Der Normalfall des gew\u00f6hnlichen Bewusstseins besteht in diesem neuen Licht nicht aus dem bewussten Meinen und dem triebhaften Verzehren von Launen, sondern aus einem Gemisch, dessen Erscheinungsformen und gesellschaftlich praktische Wirkungen heute erst wenig deutlich und distinkt zur Sprache gekommen sind. Von der Meinung unterscheiden sie sich dadurch, dass sie nicht spontan sind, sondern blosse Impulse oder Reflexe darstellen und, nicht weniger wichtig, dass sie nur lose mit dem einzelnen Subjekt verbunden sind und schnell wieder von sich gestossen und in Abrede gestellt werden. Aber sie sind objektiv da, und l\u00f6st man sie aus ihrer zeitlichen Gebundenheit, erscheinen sie wie eine normale Meinung, in der immer auch ein St\u00fcck Weltsicht und eine politische Disposition zum Ausdruck kommt. Man findet sie in den Internetforen und als Kommentare von Artikeln der Onlinepresse oder von Blogs, in Chatrooms (ich war aber noch nie in einem) und auf Plattformen wie MySpace oder Facebook. Sie bilden sich nicht ausschliesslich im Schutz der anonymen Meute, sondern gleichfalls im freundschaftlichen Gespr\u00e4ch auf Augenh\u00f6he, online oder offline. Und es findet sie jeder in Redlichkeit Ge\u00fcbte als ganze Misthaufen in sich selbst &#8211; wo sie ihre biologischen Funktionen aus\u00fcben, ohne mit Notwendigkeit ans Licht des gesellschaftlichen Zusammenlebens gezerrt werden zu m\u00fcssen. Wo ihr Erscheinen in der Gesellschaft geschieht, passiert auch eine Regression und damit die Drohung, als Gewalt eine materielle Gestalt anzunehmen. Wie es umgekehrt einen kontinuierlichen Weg von der Meinung zum Wissen gibt, gibt es nicht die geringste Verbindung zwischen den Pseudomeinungen und wahrer Erkenntnis.<\/p>\n<p>Ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie \u00fcber die Bewusstseinsph\u00e4nome des regressiven Vormeinens zu diskutieren ist, bieten Lukas Gschwend und Christoph Good im Artikel &#8222;Rache und S\u00fchne &#8211; Wenn Volkes Zorn w\u00e4chst&#8220; in der heutigen WochenZeitung WoZ: <a href=\"http:\/\/www.woz.ch\/artikel\/2009\/nr14\/schweiz\/17719.html\">http:\/\/www.woz.ch\/artikel\/2009\/nr14\/schweiz\/17719.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Begriffen des wahren Wissens und der gegl\u00fcckten Erkenntnis steht derjenige des blossen unverbindlichen und subjektiven Meinens gegen\u00fcber; in regulierten Zusammenh\u00e4ngen, in denen es darum geht, verl\u00e4ssliches Wissen zu schaffen, heisst er Hypothese, in denen des unregulierten und unbegrenzten Alltags ist er der unaufh\u00f6rliche Begleiter aller \u00e4usseren und inneren Empfindungen, wenn \u00fcber sie, wie nachl\u00e4ssig [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/244"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=244"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/244\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}