{"id":230,"date":"2009-02-10T16:47:04","date_gmt":"2009-02-10T15:47:04","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=230"},"modified":"2009-02-10T16:47:04","modified_gmt":"2009-02-10T15:47:04","slug":"begriff-instrument-medium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=230","title":{"rendered":"Begriff, Instrument, Medium"},"content":{"rendered":"<p>Begriffsverh\u00e4ltnisse, die die Erkenntnis konstituieren und sich nicht aus empirischen menschlichen Gespr\u00e4chssituationen ableiten lassen, sind nicht rein logisch und \u00fcberhistorisch, sondern aus den Strukturverh\u00e4ltnissen der Gesellschaft herauszulesen, deren Entzifferung sie St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ihrerseits erst m\u00f6glich machen, nicht ohne Einflussnahme auch auf die anderen, von anderen, nicht theoretischen Interessen geleiteten Erkenntnisformen. Sowohl die Werke Adornos wie Derridas sind umfangreich; beide thematisieren sie umfassend das Verh\u00e4ltnis von Begriff und Instrument in der Form der Instrumentalit\u00e4t des Begriffs und seiner sprachlichen Teile.<\/p>\n<p>Wenn auch die methodische Haltung der negativen Dialektik eher aus der spontanen Auseinandersetzung des fr\u00fchen Adorno mit der Musik denn als enge Variante der Hegelischen oder Marx&#8217;schen begriffen werden muss, ist das sp\u00e4te Hauptwerk &#8222;Negative Dialektik&#8220; aus der Notwendigkeit einer philosophischen Begr\u00fcndung der &#8222;Dialektik der Aufkl\u00e4rung&#8220; entstanden, der geschichtsphilosophisch gepr\u00e4gten Gesellschaftstheorie des zweiten Viertels des 20. Jahrhunderts und folglich auch noch auf die Zust\u00e4nde, die den Faschismus erm\u00f6glichten, fixiert. Das gibt dem Werk, das lange Zeit als Projekt einer materialistischen Dialektik mit dem fr\u00fcher publizierten eng zusammen gedacht war, eine Rigidit\u00e4t, die ein Weitergehen und Weiterentwickeln schwierig macht. Aber es gibt ihren Formulierungen, die eine Logik beschreiben sollen, umgekehrt einen Impuls, der nicht davon abl\u00e4sst, die Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomene der Gesellschaft im Zusammenhang eines Ganzen zu sehen, der sich stetig benennen l\u00e4sst; dieses permanente Referieren bewahrt die Theorie davor, selbst paranoische Z\u00fcge anzunehmen. Und eine Philosophie zu schreiben, die sich weigert, zur verf\u00fchrerischen Lehre zu geraten, ist eine der ersten Devisen, deren logischer Mechanismus des \u00f6fteren in der Formulierung nerven mag, dass man erst dann wird Verfahren vorschlagen k\u00f6nnen, wie die Verh\u00e4ltnisse zu \u00e4ndern sind, wenn sie sich ge\u00e4ndert haben (2009 klingt solches indes wie ein Realismus zum Greifen nah, und man m\u00f6chte fast sagen, dass mit der sogenannten Finanzkrise der Bann, von dem in der &#8222;Negativen Dialektik&#8220; nicht weniger oft die Rede ist, jetzt gebrochen w\u00e4re). An einem Ort dieses Zusammenhangs steht immer noch die Warenproduktion und der profitorientierte Tausch, darin eingelassen und dar\u00fcber aufgesetzt die Disziplinen der instrumentellen Vernunft und des praktischen Regelwissens. In diesen massiven Realit\u00e4ten, die das Sichtbarmachen der philosophischen Theorie so stark erschweren, die Darstellung des Begriffs, in der seine sprachlichen Momente nicht blosse neutrale Instrumente sind, sondern sowohl Teile des Begriffs wie der Ablagerungen der realen Geschichte und der empirischen Realit\u00e4t, tritt als Vermittlungsinstanz die Kulturindustrie hinzu, die die \u00e4usserlichen Verh\u00e4ltnisse malizi\u00f6s und trotzdem ohne Strategie so hoffnungslos abdichtet, dass es immer schwieriger wird, k\u00fcnstlerische oder theoretische Gebilde gesellschaftlich in Erscheinung treten zu lassen &#8211; nicht weil dieselben unterdr\u00fcckt w\u00fcrden, sondern weil der kulturindustrielle Output sie in seiner schieren Masse mit sich sp\u00fclt. Als solches prek\u00e4res Gebilde stehen Darstellung und Methode der negativen Dialektik in einem \u00e4usserst gespannten Verh\u00e4ltnis zur Gesellschaft, sofern diese als strukturierter Lebenszusammenhang verstanden wird, in dem Kommunikation und Diskurs als das Andere der Disziplinierung und Autorit\u00e4t von Bedeutung w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Eine Theorie mit einem vergleichbaren Status gibt es von Derrida nicht; dass seine Philosophie der Medien\u00f6ffentlichkeit unter dem Namen der Dekonstruktion bekannt geworden ist, hat periphere Gr\u00fcnde. Auch wenn seine unendlichen Analysen des Verh\u00e4ltnisses von Begriff und Instrument sich ganz eng am Zeichen orientieren und die \u00f6konomische Realit\u00e4t nur in abgeleiteten, sekund\u00e4ren Textkomplexen ber\u00fccksichtigt, produzieren sie eine F\u00fclle von Strategien, innerhalb derer das Falsche zum Thema gemacht werden kann: im Umfeld der Grammatologie die falsche Eigentlichkeit der Stimme, die den Text zum blossen Instrument macht, im Umfeld der Differenz die angemasste Hierarchie, wenn die Zeit in der scheinbar rein logischen Unterscheidung nicht ber\u00fccksichtigt wird etc. Es sind nicht beliebig viele Themenbereiche, in denen sich die Arbeiten Derridas bewegen, aber doch zu viele, als dass der eine bekannte, die Dekonstruktion, alleine diese Philosophie bezeichnen d\u00fcrfte. Immer zeigen sie darauf, wie der Anspruch in einer begrifflichen Erkenntnis etwas Falsches auf sich nimmt, wenn ein Moment in ihm, das in unbestimmbar vielen Gestalten erscheinen kann, auch in gespenstischer, als neutrales Instrument sowohl vorgeschoben wie auch im Versteckten gehalten wird. Weit mehr als bei Adorno, wo die Logik des Zerfalls als Kern der negativen Dialektik ausgegeben wird, versanden die Analysen Derridas nicht selten oder zerbr\u00f6seln unter dem Blick der Lekt\u00fcre, als ob dem Recht auf Einsicht zugleich auch ein Schutz davor dazugegeben worden w\u00e4re, dass aus ihr eine grosse, verf\u00fchrerische Lehre werden k\u00f6nnte. In einer solch schitteren Gestalt kann eine Philosophie kaum weiter entwickelt werden &#8211; viel an Energie setzt sie nichtsdestotrotz frei, wenn ihre Momente in der aktuellen Analyse neu entstandener Gebilde, sofern sie \u00fcberhaupt aufgest\u00f6bert oder als solche rekonstruiert werden k\u00f6nnen, zum Zuge kommen und, praktisch, ihren Einsatz leisten.<\/p>\n<p>Wie der Begriff steht auch das Medium, das heute in jedem Fall eine elektronische Form annehmen kann, in einem engen Verh\u00e4ltnis zur Instrumentalit\u00e4t, wenn auch nachgerade in einem umgekehrten. Es t\u00e4uscht vor, mehr zu sein, und dr\u00e4ngt sich als Plattform, ja als ganzen Markt auf, in dessen auf Perfektibilit\u00e4t getrimmten Verh\u00e4ltnissen die Kommunikation leichter als fr\u00fcher vonstatten gehen soll und jeder seinen F\u00e4higkeiten entsprechend sich darstellen darf, auch \u00fcber jede narzisstische Motivierung hinaus. Doch so wie in den universit\u00e4ren Instituten der Betriebswirtschaft ohne Unterlass die Ideologie der letzten 60 Jahre mit Nahrung versorgt worden ist, bilden jetzt diejenigen der Wirtschaftsinformatik die Troupeaux f\u00fcr die unersch\u00f6pflichen Tricks aus, dank denen nicht der Markt sich entfaltet, sondern seine ihm unterstehende Werbung f\u00fcr die einzelnen das Internet lahmzulegen droht, wenn sie sich nicht mit den neuesten Technologien dagegen zu wehren verstehen (mit IE7Pro bin ich seit einer Woche befreit von aller visuell zwitschernder Aufdringlichkeit). An die Werbung angeschlossen sind die zwei Vektoren der reinen Information und der selbst verfertigten Pr\u00e4sentation von Materialien, die nur selten ganz ohne Selbststilisierung dastehen; beide gegenl\u00e4ufigen Tendenzen werden nicht nur durch die Werbung, sondern mit denselben infantilen Mitteln durch die Unterhaltung bis aufs Verstummen festgeknebelt. Dabei korrespondiert die Primitivit\u00e4t der Werbung und der narzisstischen Selbstdarstellung in den Medien vorz\u00fcglich mit der Banditenmentalit\u00e4t der Chefbanker und der einzelnen Politiker, die ihnen mit billigen Spr\u00fcchen ans Volk den R\u00fccken freiklopfen, mit dem Unterschied, dass einmal erstellte Websites oder Blogs im Lauf der Zeit und der unwillk\u00fcrlich ausgel\u00f6sten Selbstkritik verbessert werden k\u00f6nnen, die falsche Macht hingegen, die die legitime g\u00e4ngelt, sich nicht so schnell in die W\u00fcste schicken l\u00e4sst. In den Medien scheint die private, mit dem Leben verkn\u00fcpfte Seite dank dem Potenzial der Selbstkritik alles andere als verloren. Auch die entgegengesetzte Seite hat zwar ihre T\u00fccken, die aber gleichwie in den Griff zu bekommen sind. In der Tat wundere ich mich fast jeden Tag \u00fcber den Fluss von Informationen, der einem die m\u00fchsamen und zeitraubenden G\u00e4nge auf die Bibliothek erspart. Doch die F\u00fclle an Informationswissen als St\u00fctze intensiverer Kommunikation auszugeben, w\u00e4re ein falsches Versprechen. Denn der Informationsgehalt einer Aussage macht diese in ihrem eigenen Kontext noch nicht zu einem gedachten Gedanken, dessen Aufnahme weitere zur Folge haben w\u00fcrde: f\u00fcr sich ist er tot. Als Biotope, in denen dieses Wissen lebendig gehalten werden soll, erscheinen die Diskussions-, Beratungs- und Informationsforen. Die l\u00f6bliche Idee der Foren und der kommentierbaren Blogs realisiert sich indes allenthalben in der regressiven Form aller Stupidokratie, in der wie unter Naturzwang ein interessanter Beitrag mit Unverst\u00e4ndigkeit und Niedertr\u00e4chtigkeit beantwortet wird (ich habe noch nie einen Satz irgendwo deponiert). Das Erfahrungswissen, dass die Medien bis zur Vollst\u00e4ndigkeit mit Unsinnigem besetzt sind, braucht einen allerdings nicht zu beunruhigen und w\u00e4re mitnichten als Argument gegen ihre Nutzung ernsthaft einzusetzen. Die Gewissheit, dass das konventionelle Schreiben keine gesellschaftlichen AdressatInnen anzusprechen vermag, weil keine vorhanden w\u00e4ren, die durch den Typus der Arbeit die Erfahrung machten, nur dank ernsthafter Solidarit\u00e4t geschehe \u00fcberhaupt Sinnvolles und Gutes, wird in den Medien dadurch unterlaufen, dass jene als Einzelne per Zufall es werden k\u00f6nnen, gerade weil die Medien unrein sind und in dem Brei der Unterhaltung dem Zug freien Lauf lassen, alles, was sich irgend in Information fassen l\u00e4sst, auch der globalen \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen, nicht zuletzt auch durch die vielf\u00e4ltigen und sich stetig verbessernden \u00dcbersetzungsm\u00f6glichkeiten. Das Subjekt der zwar befreiten, indes unbedarften Suche nach Information sieht sich mitunter solchen Formen des Wissens gegen\u00fcber, auf die es in keiner Weise vorbereitet scheint. Es gibt aber keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die F\u00e4higkeiten zur Auseinandersetzung mit solchen dieselben sind wie die mit dem Fremden im Realen: durch die ideologische Deformierung h\u00e4ufig zum Scheitern verurteilt, umgekehrt durch aktive Kritik derselben, durch Selbstkritik und folglich lustvolles Aufst\u00f6bern der eigenen Interessen nie bis ins Letzte verbarrikadiert.<\/p>\n<p>Derridas Analysen bewegen sich auf dem exponierten Grat des Abschlusses oder des Abschliessens der Metaphysik, der Epoche der Metaphysik, dieweil Adorno mit dem Konzept der Kulturindustrie einen Stollen weit in die Epoche der Kulturindustrie hinein vorangetrieben hat, der es allm\u00e4hlich erlaubt, detailliertere Analysen von ihr anzugehen. In der Tat ergibt sich ein Wechsel in der Einsch\u00e4tzung ihrer Momente, der nicht mehr von einer Abwehr gebannt ist, sondern der Forderung nachgibt und ihr folgt, die Medien weitaus mehr und in vielf\u00e4ltigeren, auch kleinen Formen zu nutzen als bislang. Es ist nur weniges, das man anders sehen muss, um wieder aktiv werden zu k\u00f6nnen. Zielt Erkenntnis auf den Begriff und leistet als Prozess in dessen Konstellationen Vermittlungsarbeit, so darf man im gleichen Zug die Medien, die uns in Beschlag nehmen und vorgeben, dem Recht auf Einsicht zu dienen, nur als Kr\u00fccken verstehen, denen man mit Bedacht nicht zuviel Vertrauen entgegenbringt &#8211; sie sind um so n\u00fctzlicher und wertvoller, wenn sie als Instrumente und nicht als Ziel gesehen werden. So sehr es wahrhaftige Erkenntnis f\u00e4lscht, wenn ihre Verfahren, Mittel und Methoden als reine Instrumente verstanden werden, so sehr wirkt es befruchtend auf den Entstehungsprozess neuer Gebilde, wenn die Medien als blosse Instrumente genutzt werden, vor denen Argwohn und Abwehr Zeichen eines aus den Fugen geratenen Realit\u00e4tssinns w\u00e4ren. Man steckt nun zwar mitten in der Meute und alles andere als im Elfenbeinturm &#8211; aber eher hat man Einfluss auf sie als dass sie einen zu erwischen verm\u00f6chte.<\/p>\n<p>Zusatz: Die leicht euphorische Stellungnahme gegen\u00fcber den Medien entstand im Verfolgen des Auswahlverfahrens bei der Bildung eines Orchesters: auf unz\u00e4hligen einzelnen Videos sieht man die einzelnen, zumeist jugendlichen InstrumentalistInnen, wie sie sich, fast auf der ganzen Welt verstreut, von zuhause aus mit dem obligaten Vorspiel, auf das sie Jahre hin alleingelassen \u00fcbten, bewerben: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/sinfonieorchester?gl=DE&amp;hl=de\">http:\/\/www.youtube.com\/sinfonieorchester?gl=DE&amp;hl=de<\/a>. Die Komponisten, die als erste die Computer sinnvoll nutzten, verschlafen die ganze Epoche von heute, die Soziologinnen und die Philosophen sind vom Aussterben bedroht und produzieren nur noch wie in gesch\u00fctzten Werkst\u00e4tten, aber die B\u00fchnenmusikerInnen, zu oft als tumbe Musikanten geringesch\u00e4tzt, zeigen ohne falsche Scham, wie die Medienverh\u00e4ltnisse zu nutzen w\u00e4ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Begriffsverh\u00e4ltnisse, die die Erkenntnis konstituieren und sich nicht aus empirischen menschlichen Gespr\u00e4chssituationen ableiten lassen, sind nicht rein logisch und \u00fcberhistorisch, sondern aus den Strukturverh\u00e4ltnissen der Gesellschaft herauszulesen, deren Entzifferung sie St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ihrerseits erst m\u00f6glich machen, nicht ohne Einflussnahme auch auf die anderen, von anderen, nicht theoretischen Interessen geleiteten Erkenntnisformen. 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