{"id":227,"date":"2009-01-21T04:19:17","date_gmt":"2009-01-21T03:19:17","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=227"},"modified":"2009-01-21T13:40:09","modified_gmt":"2009-01-21T12:40:09","slug":"grosses-konzert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=227","title":{"rendered":"Grosses Konzert"},"content":{"rendered":"<p>Riesenlanger, durch Unverschulden missratener Musiktraum. In Braungelb-Ocker gehaltener Konzertraum in der Westschweiz, im nahen Frankreich, in Z\u00fcrich oder in Luzern, so weit weg, dass nach dem Konzert noch eine f\u00fcnfst\u00fcndige Heimreise anzutreten war &#8211; Lichtfarben also wie gew\u00f6hnlich vor einem Konzertbeginn, allerdings mit Sicherheit openair ohne zus\u00e4tzliche elektrische Beleuchtung zur nat\u00fcrlichen Abendstimmung. Ich nehme irgendwo in der Publikumsmeute Platz, die teils schon sitzt, teils noch steht, herumsteht und herumgeht. Ein paar Meter vor mir die Soziologin Streckeisen, wir gr\u00fcssen winkend oder sprechen vielleicht auch miteinander. Alle happy wie gestern an Obamas Inauguration, ein einziges Werk wird gespielt, von Boulez, neu, man erwartet etwas in der Art von R\u00e9pons. Im Moment, wo das Konzert beginnen sollte, kommen zwei Techniker vom B\u00fchnenraum her zu mir, dr\u00fccken mir etwas wie eine Stabantenne oder wie ein kleiner Dirigierstock in die Hand, mit dem ich wie mit einem elektronischen Handschuh oder einem Theremin den elektronischen Teil zu spielen h\u00e4tte, \u00fcber eine Art Schiefertafel fahrend. Ich bin erschrocken, weniger dar\u00fcber, dass ich das tun sollte, weil dieses Ansinnen schliesslich schmeichelt, sondern weil die Zeit zu kurz war, um auch nur motorisch mich ein bisschen einzu\u00fcben, hatte ich doch fast 10 Jahre lang kein Instrument mehr spielen k\u00f6nnen. Ich war so blockiert, dass es mir kaum gelingen wollte, den Stab an oder \u00fcber der schwarzen, mit weissen Kreidestrichen und Unebenheiten, gar Rissen gestalteten Tafel spontan hin- und herfedern zu lassen. Da beginnt die Musik schon, tats\u00e4chlich eine grosse Sache wie R\u00e9pons, wenn die ganze Atmosph\u00e4re, wenigstens am Ende dann, auch ein wenig der an einem Rockkonzert \u00e4hnelte. Eine gewisse Zeitlang geht alles gut, ich bin angenehm \u00fcberrascht und gar nicht unzufrieden mit mir, erst allm\u00e4hlich h\u00e4ngt das Konzert durch, und ich sp\u00fcre, dass kaum jemand im Publikum daran zweifelt, dass ich eben nicht mithalten k\u00f6nne. Umgekehrt als am Anfang, da ich meinte, rein physisch das Instrument nicht spielen zu k\u00f6nnen, bet\u00e4tige ich aus meiner Sicht es ganz ordentlich, und mir selbst ist v\u00f6llig klar, dass die beiden Techniker den Fehler sei es aus Absicht, sei es aus Gleichg\u00fcltigkeit produzieren, indem sie die Spannungen der Parameter und also auch die zwischen denselben &#8211; mit Ausnahme der Lautst\u00e4rke &#8211; nicht ganz aber doch fast ganz bis auf Null heruntergenommen haben. Nach \u00fcber einer Stunde ist das St\u00fcck gespielt, die Leute empfinden nicht gerade einen Skandal, sind aber doch sauer, als ob sie sich betrogen f\u00fchlten (zu recht!), und die Techniker nehmen das Ger\u00e4t entgegen, indem sie miteinander plaudern, ohne mich wahrzunehmen; aus dem Publikum, zu dem ich ja auch geh\u00f6re, wird mir quasi mitf\u00fchlend entgegengegrinst. Ich nehme das Ganze nicht allzu tragisch. Es ist immer noch Abendstimmung wie bei einer Mitternachtssonne (wie immer in Musiktr\u00e4umen), ich \u00fcberlege oder diskutiere mit Ursula oder sonstwem, wie man nach Hause fahren k\u00f6nnte, da noch zwei Stunden lang kein Zug fahre, und ob man da vielleicht eins saufen gehen k\u00f6nne. &#8211; Beim Aufwachen um 2.30 Uhr bin ich nicht \u00fcber die missratene Musik ver\u00e4rgert, sondern dar\u00fcber, dass ich mich nicht entscheiden kann, \u00fcberhaupt ausnahmsweise schon vor drei Uhr aufzustehen und diese uneindeutigen, komplizierten Verh\u00e4ltnisse aufzuschreiben. W\u00e4hrend des L\u00fcftens und Teetrinkens war der Text um 3.13 vorgeschrieben, um 4.10 fliessend, noch ohne Korrektur eingetippt, mit der Einsicht, dass der Traum nur eine Erinnerung war an zwei Konzerte in den siebziger Jahren mit Wiesenkraut, wo beide Male der Verst\u00e4rker oder das Mikrophon der Fl\u00f6te keinen verst\u00e4rkten Ton von mir produzierten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Riesenlanger, durch Unverschulden missratener Musiktraum. In Braungelb-Ocker gehaltener Konzertraum in der Westschweiz, im nahen Frankreich, in Z\u00fcrich oder in Luzern, so weit weg, dass nach dem Konzert noch eine f\u00fcnfst\u00fcndige Heimreise anzutreten war &#8211; Lichtfarben also wie gew\u00f6hnlich vor einem Konzertbeginn, allerdings mit Sicherheit openair ohne zus\u00e4tzliche elektrische Beleuchtung zur nat\u00fcrlichen Abendstimmung. 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